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sunday strangers

von snowghost
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Jimin
31.01.2021
25.04.2021
7
35.153
14
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
28.02.2021 5.681
 
Hallöchen!
Zwei Wochen sind doch immer viel schneller vorbei, als man denkt - ich hoffe, euch ging es gut und ihr seid ausgeruht für die nächste :)
Das Moodbard für dieses Kapitel findet ihr wieder auf Instagram. Gebt mir gerne mal Feedback dazu, wenn ihr Lust habt. Vielleicht findet ihr sie ja kacke und habt Tipps für mich, wie ich sie besser gestalten könnte?
Außerdem würde ich mich sehr über ein bisschen Feedback zu den Kapiteln freuen. Ich sehe euch! Es würde mich sehr freuen und motivieren, mal etwas von euch zu lesen :) Mein Autorenherz schlägt bei jedem Review höher, ihr müsst euch nicht verkünsteln!
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und sende euch gute Laune!
xo snowghost






03 | Bewunderung



Seoul blitzte und blinkte in der Nacht wie ein teures Juwel. Aus der Ferne versprach die atemberaubende Skyline die Erfüllung aller Träume. Aber auch unten, zwischen den hohen Gebäuden, fühlte sich die Nacht wie ein großes Versprechen an. In Seoul war es niemals wirklich dunkel. Überall leuchteten Reklametafeln, Geschäfte und die Scheinwerfer der Autos, der Busse und der Straßenbahnen. Die Lichter Seouls versprachen dir mehr zu geben, als du dir jemals erhoffen könntest. Für viele war Seoul das New York Südkoreas – vom Tellerwäscher zum Millionär. Aber genauso wie New York war auch Seoul nichts weiter als ein großes Drecksloch. Vielleicht nicht unbedingt an den Touristenspots, nicht in der Innenstadt. Aber in den Gegenden, in denen sich hauptsächlich Einheimische aufhielten, waren die Straßen schmutziger und weniger beeindruckend. Jedes Mal, wenn Jimin seine Wohnung verließ, geriet er in einen endlosen Strom aus Menschen. An den Rändern der hohen Gebäude flossen sie jeden Tag vorbei, wie schmutziges Regenwasser entlang der Bordsteine. Bis zum nächsten Abflussgitter. Jimin ging mit großen Schritten, um mitzuhalten und nicht aufzufallen. Er zog seine schwarze Maske so hoch, dass von seinem Gesicht zusammen mit der Chanel Sonnenbrille, kaum noch etwas zu sehen war. So sehr er Aufmerksamkeit und Bewunderung liebte, in Seoul wollte er anonym sein. Auf der Straße hier war er ein Niemand. Nur einer von vielen gut gekleideten, schönen Männern. Erst in einem Fotostudio wurde er zu mehr. Zu etwas Besonderem.

Jimins Lieblingsort in Seoul war kein Club und keine Bar, sondern eine ganz bestimmte U-Bahnstation – Seobinggo in Yongsan. Jimin kam nicht oft daran vorbei und noch seltener hatte er die Zeit, auszusteigen und sich ein wenig auszuruhen. Um die Station gab es einige Schulen und deswegen waren die Straßen und der große Park, der direkt neben der Bahnstation begann, voll mit jungen Schülern und Schülerinnen. Kinder hatten Jimin schon immer beruhigt. Er war in einer großen Familie aufgewachsen. Ständig waren Verwandte zu Besuch gewesen und obwohl er Einzelkind war und seine Eltern viel arbeiten mussten, hatte er sich nie einsam gefühlt. Die vielen hohen, aufgeregten Stimmen um ihn herum, wenn er auf einer der Parkbänke in der Nähe des Eingangs saß, gaben ihm das Gefühl nicht allein in dieser großen Stadt zu sein. Sie erinnerten ihn an Busan und seine Schulzeit. Manchmal vermisste er die Jahre, in denen alles noch einfacher war. In denen er noch keinen großen Traum gehabt hatte.

Einmal schaffte Jimin es in dieser Woche zur Bahnstation Seobinggo. Er kämpfte sich von einem Casting in einen überfüllten U-Bahn-Wagon, drängte sich an einen älteren Herren und eine korpulente Dame heran und verbrachte so die stickige Fahrt. Es war Mittwoch, zu weit entfernt von sowohl dem vergangenen Sonntag, als auch dem zukünftigen Samstag. Von allen Tagen mochte Jimin den Mittwoch am wenigsten. Diese Woche war besonders zäh. Er brauchte diese kurze Pause. Nur dafür war er einen kleinen Umweg gefahren. Allein zuhause würde er es jetzt nicht aushalten.

Über eine Fußgängerbrücke überquerte er die beschäftigte Straße, die die Station noch von dem Park trennte und spürte sofort eine warme Erleichterung, als er die grünen Rasenflächen und Bäume sah. Es war Nachmittag. Kinderstimmen drangen an sein Ohr, während er den breiten Weg tiefer in den Park hineinging. Es dauerte nicht lang, bis er die glatte, spiegelnde Oberfläche des kleinen Sees erblickte. Natürlich kam das nicht an den endlos blauen Anblick des Meeres heran, doch unter gegebenen Umständen war es genug. Der Stress des Castings und die Anspannung rückten weit nach hinten und versteckten sich irgendwo tief in Jimins Körper. Wenigstens für einen kurzen Moment wollte er sich entspannen und vergessen, dass er in Seoul war.

Jimin setzte sich auf eine leere Parkbank am Ufer des Sees, überschlug elegant die Beine und legte einen Arm lässig auf die Lehne. Er hatte es sich schon lange angewöhnt offene, selbstbewusste Posen einzunehmen. Fake it ‘till you make it. Aber ganz so einfach war es manchmal nicht.

Sein Blick schweifte über die klare Oberfläche des Wassers, über die Kinder, Eltern, Studenten. Hier zwischen den Pflanzen wirkte alles friedlicher. Die Sonne strahlte, wie schon die letzten Tage, und der Himmel war klar. Der perfekte Sommertag eben. Eine Weile sah Jimin den Kindern weit hinten auf einer großen Grünfläche beim Ballspielen zu. Dann fiel ihm eine alte Dame auf, die mit ihrem Mann Hand in Hand auf der gegenüberliegenden Seite des Sees spazieren ging. Jimin folgte den beiden mit seinen Augen und aus irgendeinem Grund wurde sein Herz bei dem Anblick schwer. Er stellte sich vor, die beiden wären am Meer und würden barfuß am Strand entlang gehen. Er selbst würde einige Meter entfernt sitzen, mit warmem Sand zwischen den Fingern und salziger Luft im Gesicht. Vielleicht hätte er seine Kamera dabei und würde warten, bis er das alte Paar unbemerkt fotografieren könnte. Er würde Bilder vom Sand und den kleinen Muscheln machen, von seinen Füßen, die nur mit den Zehen die schaumigen Wellen berührten. Tausende solcher Fotos hatte er schon in dem kleinen Fotoladen auf Gadeokdo entwickeln lassen und trotzdem bekam er nie genug davon. Die, die ihm besonders gefielen, scannte er ein und ließ sie noch einmal in Groß drucken. Einige Fotos hingen deswegen eingerahmt bei seinen Eltern zuhause im Flur und im Wohnzimmer. Die kleineren Abzüge hing er an die Wände seines alten Schlafzimmers. Inzwischen waren sie voll damit.

Die Wände seiner Wohnung hier in Seoul waren leer. Vielleicht war das der Grund dafür, dass es sich zwischen ihnen so kalt anfühlte. Noch kein einziges Mal war Jimin in den letzten sechs Monaten zu einem Fotoladen gegangen, um seinen Film entwickeln zu lassen. Er kam selten dazu zu fotografieren. Seine Kamera lebte bloß noch in dem billigen Regal, in dem er sie verstaut hatte. Jungkook hatte sie wahrscheinlich zum ersten Mal seit mindestens einem Monat wieder herausgenommen. Nur in seiner ersten Woche, als Jimin noch neugierig die Gegend erkundet hatte, hatte er die Kamera mit nach draußen genommen und ein paar Fotos geschossen. Er wünschte sich, er hätte sie heute dabei. Der Jongsan-Park war noch auf keinem einzigen Bild zu sehen.

Jimin hatte das alte Paar aus den Augen verloren. Er fand es auch nicht wieder. Stattdessen beobachtete er zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, die nah am Ufer des Sees entlang wanderten und etwas zu suchen schienen. Immer wieder gingen sie in die Hocke und sammelten etwas vom Boden auf. Aber selbst diese Szene fühlte sich traurig an. Plötzlich erinnerte Jimin alles an das Meer. Er vermisste es so sehr, dass er sich verdammt nochmal eine Träne unter der Chanel Sonnenbrille aus seinem Augenwinkel wischen musste. Er seufzte tief und wandte den Blick ab. Dann legte er den Kopf in den Nacken und starrte durch die dunklen Gläser in den blauen Himmel.

Jimin wünschte, heute wäre schon Samstag. Er hatte Lust zu tanzen, am liebsten in dem Club von letzter Woche. Aber er wollte Taehyung nicht wieder begegnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der an zwei Wochenenden hintereinander im selben Club zu finden war, war zwar nicht sehr groß, doch Jimin wollte nichts riskieren. Er würde einen anderen Club finden müssen. Und dann vielleicht eine Nacht lang nur tanzen und keinen Fremden mit zu sich nach Hause schleppen. Er könnte tanzen und trinken, bis er so müde wäre, dass er in seiner Wohnung bloß noch auf seine Matratze fallen müsste, um einzuschlafen. Vielleicht brauchte er gar keine starken Arme oder den warmen Geruch eines Fremden in der Nase, um endlich einmal tief und fest zu schlafen. Vielleicht waren müde Beine und Alkohol genug. Der Gedanke klang verlockend. Am liebsten würde Jimin direkt heute in einen Club gehen. Wenn morgen früh nicht dieses wichtige Casting für Nylon wäre.

Drei Tage noch. Ein neuer Samstag, ein neuer Club.


________________



Der Samstag kam gleichzeitig zu schnell und zu langsam. Als er da war, hatte Jimin schon keine Lust mehr auf ihn. Eigentlich wollte er nur schlafen, am liebsten das ganze Wochenende. Aber ohne mindestens ein bisschen Alkohol wurde das nichts. Und deswegen fand er sich in einer kleinen Bar in der Nähe seiner Wohnung wieder, ein Glas Whiskey vor sich auf dem Tresen und lautes Gelächter in seinem Rücken. Die meisten Gäste hier waren viel älter als er. Nur eine einzige Gruppe von Männern und Frauen in Jimins Alter wuselte in einer Ecke herum und bestellte ein Getränk nach dem anderen. Ein Kerl fragte nach Champagner, aber der dicke Barkeeper schüttelte bloß den Kopf. So richtig bekam Jimin nicht mit, was um ihn herum passierte. Sein Ziel war es, möglichst schnell ein paar Gläser Whiskey herunter zu kippen, bis er sich betrunken genug fühlte, um zurück zu seiner Wohnung zu gehen. Und dann würde er hoffentlich bis morgen Mittag schlafen, verkatert aufwachen und vielleicht in das Café gegenüber gehen.

Dieser Plan war die einzige Alternative zu dem, was Jimin sonst am liebsten tun würde. Er wollte nicht mehr in Seoul sein. Am liebsten würde er seinen Koffer packen und mit dem Zug nach Busan fahren. Seine Woche war so unglaublich beschissen gewesen. Keinen einzigen neuen Job hatte er bekommen, nicht einmal den kleinen, schlecht bezahlten eines Startup Onlineshops. Jimin wusste, dass Seoul nicht Busan war und er hatte nicht erwartet, dass ihm hier alles hinterhergeschmissen werden würde. Aber frustrierend war es trotzdem. Er gab alles. Und trotzdem kam kaum etwas zurück.

In einem großen Zug trank Jimin seinen ersten Whiskey aus, stellte das Glas etwas zu laut wieder auf das raue Holz und verlangte das nächste. Er wollte nicht mehr an Seoul denken und auch nicht an Busan. Er war hierhergekommen, um an gar nichts mehr denken zu müssen. Jeden Tag kreisten seine Gedanken um dieselben Dinge. Der Whiskey sollte das Karussell stoppen. Ihn höchstens beim Treppensteigen später schwindeln lassen. Also trank er auch sein zweites Glas aus und bestellte ein drittes. Gerade als der Kellner das Getränk hob, um es Jimin vor die Nase zu stellen, tauchte rechts von ihm ein Typ auf und lehnte sich aufdringlich über den Tresen. Mit dem Finger zeigte er auf den Whiskey.

„Hey, Hongbin-ssi, bringen Sie mir auch so einen?“

Das Glas schaffte es auf die Theke und in Jimins Hand. Dann runzelte der Barkeeper irritiert die Stirn und sah den Typ, der zu der Gruppe in der Ecke dazugehören musste, prüfend an.

„Whiskey?“

„Ja, Whiskey, wie auch immer.“ Der Typ grinste. Er setzte sich auf den Hocker neben Jimin, breitete sich mit seinen Ellbogen aus und schaute dem Barkeeper dabei zu, wie er das Getränk zubereitete. Sein Knie wippte aufgeregt. „Sag mal, habt ihr wirklich keinen Champagner? Donghyun nervt schon die ganze Zeit deswegen.“

„Ja, mich auch“, grummelte der Barkeeper. „Wir haben keinen. Wenn ihr Champagner wollt, müsst ihr woanders hin.“

„Aber wir sind doch gern hier.“ Das Grinsen wurde noch breiter. „Ich freue mich immer Ihr freundliches Gesicht zu sehen.“

Der Barkeeper rümpfte die Nase. „Mach dich nicht über mich lustig, Junge.“

Der Typ hatte begonnen mit seinen Fingern auf den Tresen zu trommeln. „Ist mein voller Ernst. Aber wir ziehen später weiter. Also, in einer halben Stunde ungefähr.“

„Gut.“

Das Knie des Typen wippte noch immer. Er rutschte unruhig auf dem Hocker herum. „Wie geht’s Ihrer Frau? Und Ihren Kindern?“

„So wie immer.“

„Also gut?“

„Ach ja, der Alltag eben.“

Jimin trank einen Schluck und sah auf die Eiswürfel in seinem Glas.

„Da“, hörte er den Barkeeper als nächstes sagen.

Dann raschelten ein paar Geldscheine.

„Behalten Sie den Rest.“

Der Barkeeper brummte bloß. Aus dem Augenwinkel sah Jimin ihn die Scheine zählen, bevor er sich umwandte und mit ihnen davon schlurfte. Und obwohl das Gespräch danach beendet war, war es schwer nicht weiter zu lauschen. Die Anwesenheit des Typen war verdammt laut. Jimin hörte, wie er den Whiskey auf der Holzplatte hin und her schob. Wie er die Nase hochzog und wie der Stoff seiner Kleidung raschelte. Es war die Art, mit der er den Platz neben Jimin so penetrant und selbstsicher beanspruchte, die es unmöglich machte, ihn zu ignorieren. Eine seltsame Energie schwebte um ihn herum, aufgeladen und hell. Einnehmend. Er führte den Whiskey an seine Lippen und trank einen Schluck. Jimin konnte nicht sehen, wie er das Gesicht verzog, aber er hörte es genau in dem Geräusch, das darauf folgte.

„Hm.“ Der Typ hüstelte und stellte den Whiskey zurück auf den Tresen.

Jimins Lippen verzogen sich amüsiert. Ruhig hob er sein eigenes Glas. Während er den Kopf leicht in den Nacken legte, konnte er den Blick des Typen nicht nur verschwommen am Rand seines Sichtfelds sehen, sondern deutlich auf sich spüren. Er gab sich auch keine große Mühe ihn zu verstecken. Also sah Jimin zurück.

Der Typ rümpfte die Nase. „Sowas trinkst du?“

Jimin zuckte mit den Schultern.

„Verrückt.“ Er hatte das Glas schon wieder in der Hand und schwenkte es prüfend herum. „Ich hätte irgendwie etwas anderes erwartet.“

„Von mir oder dem Whiskey?“

Der Typ grinste. „Von beidem.“

Jimin hob eine Augenbraue. „Und was?“

„Etwas Süßes vielleicht.“ Auf seinem Gesicht breitete sich ein schelmischer Ausdruck aus. „Du siehst eher so aus, als würdest du gerne Cocktails schlürfen. Aber ich hab mich wohl geirrt. Finde ich interessant.“

Schnaubend wandte Jimin den Blick ab. „Das bekomme ich oft zu hören.“

„Hm, schade.“ Das Grinsen des Typen wurde breiter. „Und was nicht?“

Jimin musterte ihn herablassend, doch in Wahrheit war er neugierig. Die Zeichen waren mehr oder weniger eindeutig, aber das hier war kein Club, in dem er sich über die Intentionen des Typen sicher sein konnte. Es war schwer ihn einzuschätzen. Seine aufdringliche Energie war irritierend.

„Hast du dich zu mir gesetzt, um mit mir zu flirten?“, fragte Jimin also mit gehobener Augenbraue.

Der Typ könnte einfach nur Langeweile oder Lust haben jemandem auf die Nerven zu gehen. Mit einem sinnlosen Gespräch, das nur Zeit vertreiben oder sich sogar über ihn lustig machen sollte, wollte Jimin seine Zeit nicht verschwenden. Und eigentlich hatte er seine Ruhe haben wollen. Aber irgendetwas an der Art, wie die Zungenspitze des Typen sich neckisch gegen seine Schneidezähne drückte, ließ ihn gerade seine Meinung ändern.

„Fühlst du dich denn angeflirtet?“ Seine Augen bekamen für einen kurzen Moment einen lauernden Ausdruck. Als würden sie Jimin verschlingen wollen.

Der Typ war hübsch, auf eine sehr eigene Art. Seine Nase war schön, fein und spitz. Und seine Hände lang und schmal. Sie sahen ungeduldig aus. Alles an ihm wirkte ungeduldig. Jimin gefiel die Neugier in seinen Augen, der freche Schwung seiner Oberlippe und seine Mundwinkel, die sich immer wieder beinahe sarkastisch zu einem Grinsen verzogen. Er wirkte wie jemand, der Jimin ablenken könnte. Auf diese unruhige, einnehmende Weise.

„Ja.“

„Dann liegst du richtig.“

Spitz – seine Mundwinkel wurden spitz. Mindestens genauso wie der Ausdruck auf seinem ganzen Gesicht. Oder wie die Art, mit der er seine Worte betonte. Vielleicht hatte Jimin doch Lust auf einen Fremden. Vielleicht auf genau diesen Fremden.

„Ich wollte eigentlich nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber wenn du eher der direkte Typ bist, dann ist das auch in Ordnung.“ Der Typ zuckte mit den Schultern. „Du bist mir sofort aufgefallen vorhin, weil ich finde, dass du verdammt gut aussiehst. Und weil ich noch keine Begleitung für den Abend habe, dachte ich, frage ich einfach dich.“

„Begleitung wofür?“ Jimin trank den letzten Schluck seines Whiskeys.

„Für eine Rooftop-Party in Gangnam. Alle Getränke sind gratis, du musst nur mit den Fingern schnippen. Und die Unterhaltung übernehme ich.“

Jimin hob das Kinn und schmunzelte. „Ich überlege es mir.“

Der Typ hob die Hände. „Lass dir Zeit, kein Druck.“

Irgendwie war er wirklich amüsant. Bei so einer Gelegenheit einfach nach Hause zu gehen und zu schlafen wäre eine Verschwendung. Und ein Dach über den Gebäuden Gangnams klang auch nicht schlecht.

„Was machst du überhaupt allein in so einer schäbigen Bar?“

Jimin verzog das Gesicht und ließ seinen Blick hinter die Theke gleiten. „Mich betrinken.“

„Schlechte Woche gehabt?“

„Kann man so sagen.“

„Klappt es mit dem Betrinken?“

„Bis jetzt ganz gut.“

Der Typ grinste schon wieder so breit und schelmisch, als hätte er einen Witz im Kopf, den er niemandem erzählen sollte. „Willst du meinen Whiskey haben?“

Jimin musste lachen. „Wenn du ihn nicht willst?“

Mit einem Kopfschütteln schob der Typ sein Getränk über den Tresen. „Nimm ihn.“

Jimin berührte mit den Fingerspitzen das kühle Glas. Dann schaute er nach oben und lächelte zum ersten Mal. „Ich komme mit.“

Für einen kurzen Moment hörte der Typ auf zu vibrieren. Seine Augen glühten. „Gut. Wenn du ausgetrunken hast, ziehen wir weiter.“


________________



Jimin erfuhr seinen Namen erst, als er auch die restlichen Mitglieder der Gruppe in der Ecke kennenlernte. Er hieß Hoseok, aber die meisten seiner Freunde nannten ihn Hobi. Die anderen sechs Namen konnte Jimin sich nicht merken. Er hatte sie schon vergessen, kurz nachdem er sich an ihren Tisch gesetzt hatte, obwohl sie wirklich nett zu ihm waren. Die ganze Gruppe nahm ihn sofort willkommen auf und behandelte ihn, als wäre er schon immer dabei gewesen. Er sprach mit einem großen, schlanken Kerl, der eine teure Rolex an seinem Handgelenk trug, während sie die hellen, vom Regen glänzenden Straßen entlangliefen. Wahrscheinlich war er derjenige, der ständig nach Champagner gefragt hatte. Später im Taxi wurde er abgelöst von zwei aufgedrehten Mädchen mit Gucci-Handtaschen, die sich links und rechts neben Jimin auf die Rückbank setzten. Sie waren schon ziemlich betrunken und redeten ununterbrochen auf ihn ein. Auch sie erzählten ihm, was Hoseok schon erwähnt hatte – dass er ihnen sofort aufgefallen wäre, weil er unglaublich gut aussehen würde. Das Mädchen links fand, dass es an seinen zarten Gesichtszügen lag, doch das Mädchen rechts widersprach und meinte, er wäre so auffällig, weil er sich so elegant bewegte.

„Musstest du als Kind Bücher auf deinem Kopf balancieren? Hattest du Benimm-Unterricht oder so?“, fragte sie.

Jimin schmunzelte und schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Was echt nicht? Aber du bewegst dich so ganz anders, als andere. Irgendwie mega geschmeidig. Wie machst du das?“ Ihre Lippen verzogen sich. Dadurch sah sie fast ein bisschen beleidigt aus. „Sogar hier auf dem Rücksitz von einem verdammten Taxi siehst du noch gut aus. Schau mal, wie ich hier sitze!“

Jimin lachte. Tatsächlich saß sie wenig elegant, breitbeinig und mit umständlich abgeknickten Füßen neben ihm.

Die andere schüttelte entschieden den Kopf. „Wenn er Bücher balanciert hätte, wäre er nicht geschmeidig. Er sieht doch nicht so aus, als hätte er einen Stock im Arsch! Er ist einfach nur vornehm… wie ein Prinz!“

Als hätte sie die Erleuchtung des Jahres gehabt, riss sie die Augen auf und lehnte sich begeistert nach vorne, um an Hoseoks Ärmel zu zupfen.

„Er sieht aus wie ein Prinz, oder? Hobi, schau ihn dir an, er sieht aus wie ein fucking Prinz!“

„Ich habe ihn eingeladen, ich weiß, wie er aussieht“, kam es amüsiert vom Beifahrersitz zurück.

Das Mädchen rollte mit den Augen und ließ sich in ihren Sitz zurückfallen. Jimin lachte. Als Kind wäre er gern ein Prinz gewesen. Irgendwie schmeichelte es ihm. Wenn seine schlechte Laune nicht schon vorher verflogen wäre, dann spätestens in diesem Moment.


________________



Irgendwo in Gangnam hielt das Taxi vor einem der vielen hohen Gebäude und ließ sie aussteigen. Jimin hatte keine Ahnung, wo sie waren. Aber so richtig auf seine Umgebung konzentrieren konnte er sich sowieso nicht. Die beiden Mädchen hakten sich albern links und rechts an seine Arme und warfen Hoseok kichernd Luftküsse zu. Jimin konnte nicht anders als zu lachen. Sie erinnerten ihn an seine Cousinen zuhause in Busan. Auch im Aufzug hörten sie nicht auf seine elegante Haltung zu bewundern. Jimin schob es auf die Absätze seiner spitzen Boots und die Tanzschule, die er früher besucht hatte, bevor er bei seinen Eltern ausgezogen war. Aber damit waren die beiden nicht wirklich zufrieden. Nur am Rand bekam Jimin mit, wie edel die Flure des Gebäudes eigentlich aussahen, als sie den Aufzug wechseln mussten. Wie auch schon in der Eingangshalle glänzte dunkles Holz auf dem Boden, die Wände waren vertäfelt und wurden von schick gebogenen Lampen sanft beleuchtet. Natürlich hatte Jimin bemerkt, dass die ganze Gruppe, zu der Hoseok gehörte, ziemlich wohlhabend sein musste. Alle von ihnen trugen schicke Markenklamotten, hatten teure Taschen, teure Uhren und teuren Schmuck. Aber das, was er sah, als sie durch die letzte, dunkle Doppeltür traten, ließ ihm trotzdem für einen kurzen Moment den Atem stocken.

Ein großer, hoher Raum öffnete sich vor ihnen, beleuchtet von vielen bunten Kugeln, die von der Decke hingen. Rechts an der Wand entlang erstreckte sich eine lange Bar, davor gab es mehrere Lounge-Bereiche und gegenüber eine riesige Fensterfront. Der Ausblick war es gewesen, der Jimin die Sprache verschlagen hatte. Hinter der weiten Glasscheibe glitzerte die Skyline Seouls so nobel, wie Jimin sie sonst noch nirgendwo gesehen hatte. Es war lange her, dass die hohen Gebäude dieser Stadt ihn so begeistert hatten, wie in diesem Moment. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, in dem Traum zu leben, den er sich vor sechs Monaten ausgemalt hatte.

Noch während Jimin mit geöffneten Lippen nach draußen sah, schob sich eine Hand auf sein Schulterblatt und führte ihn sanft durch den Raum, an den Gästen in den Gängen und zwischen den geschwungenen Lounge-Sesseln vorbei.

„Die Party findet draußen statt“, raunte Hoseok ihm grinsend ins Ohr.

Jimin sagte kein Wort mehr. Starrte bloß aus den raumhohen Fenstern hinaus und wünschte sich, Seoul würde sich immer so anfühlen.

Hoseok brachte ihn zu dem großzügigen Außenbereich des Clubs, auf der weitere bunte Kugeln den Rand des Gebäudes erhellten. Dort gab es eine zweite Bar und es waren schicke Ledersessel¬- und Sofas zusammengestellt, bei denen sich die meisten Leute aufhielten und miteinander redeten. Andere standen an Stehtischen und wieder andere hatten es sich in einem Whirlpool gemütlich gemacht – ein verdammter Whirlpool auf einem Dach in Gangnam. Ständig rief von irgendwo jemand zu Hoseok und Jimin herüber, immer wieder wurden sie nacheinander umarmt, angelächelt und begrüßt. Einem der vielen hübschen  Mädchen drückte Hoseok eine kleine Dose in die Hand.

„Sag mal, ist das eine Privatveranstaltung?“, fragte Jimin und versuchte dabei nicht so perplex zu klingen, wie er sich fühlte.

Hoseok grinste und nickte. „Ja, Eunjung hat den Außenbereich hier für ihren Geburtstag gemietet.“

Heilige Scheiße. Jimin wollte sich nicht einmal vorstellen, wie viel das kosten musste. Und wie lange er davon leben könnte. Hatte Hoseok vorhin nicht auch noch erwähnt, dass sogar die Getränke umsonst waren? Plötzlich fühlte sich dieser Ort absurd an. Jimin gehörte nicht hierher und trotzdem fühlte er sich so wohl wie schon seit Monaten nicht mehr.

Hoseok brachte ihn an die Bar und bestellte ihm ohne nachzufragen einen Whiskey. Danach entschuldigte er sich kurz auf die Toilette und ließ Jimin allein stehen. Aber die kurze Hilflosigkeit, die aufkam, als er sich mit seinem Glas in der Hand an der Bar umsah, hielt nicht lange an. Nur Minuten, nachdem Hoseok verschwunden war, tauchte neben Jimin ein Mädchen auf und lächelte ihn neugierig an.

„Hey, haben wir uns schon mal gesehen?“, fragte sie. „Ich glaube, dich kenne ich nicht.“

Jimin lächelte zurück und schüttelte den Kopf. „Nein, tust du nicht. Ich, uh, kenne eigentlich niemanden hier.“

Ihr Mund wurde zu einem kleinen O. „Ach so, dann hat dich jemand mitgenommen. Dann ist ja gut, dass ich dich gefunden habe.“

Für einen kurzen Moment wurde ihr Lächeln eher zu einem Grinsen. Es verschwand erst nach einem leisen Räuspern und einem verlegenen Blick auf ihre Füße.

„Ich bin Dawon.“ Sie streckte Jimin ihre Hand entgegen. „Und du heißt…?“

„Jimin.“

„Ungewöhnlicher Name für einen Mann.“ Lächelnd neigte sie ihren Kopf. „Aber gefällt mir, er passt zu dir.“

Jimin deutete eine leichte Verbeugung an. „Danke.“

Es entstand eine kurze Stille. Doch anstatt verlegen in die Gegend zu starren, sah Dawon Jimin direkt in die Augen. Erwartungsvoll. Sie sah so aus, als läge ihr etwas auf der Zunge. Als müsste sie bloß noch abwägen, wie sie es sagen sollte. Jimin hob auffordernd lächelnd seine Augenbrauen.

„Ja?“

„Darf ich ganz direkt sein?“, fragte Dawon, hob aber sofort abwehrend ihre Hände. „Wenn ich unhöflich bin, musst du es mir aber sofort sagen.“

Jimin nickte schmunzelnd. „Natürlich.“

„Okay, gut, also-“ Ihre Nase kräuselte sich verschmitzt. „Du bist-… also, wow, du bist ein verdammt gutaussehender Mann. Ich weiß, dass du das bestimmt schon öfter gehört hast, aber holy Shit, du bist wirklich wunderschön. Du solltest Model werden.“

Der Fluch auf Englisch hatte etwas sehr Natürliches, als könnte sie fließend sprechen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, als sie verlegen lachte, doch ihre Augen funkelten selbstbewusst zu Jimin hinauf.

Auch er lachte kurz auf. „Na ja, ich bin dabei.“

„Ach echt?“ Dawon riss die Augen auf. Ihre Lippen verzogen sich zu einem leichten Schmollmund. „Hätte ich mir denken können, dass ich nicht die erste bin, die da drauf kommt.“

Jimin schmunzelte. „Nein, bist du wirklich nicht.“

Sie grinste verlegen. „War auch eher als Floskel so dahingesagt, um ehrlich zu sein. Damit ich einen Grund habe mit dir zu flirten.“

Das hatte Jimin sich schon gedacht. Er erwiderte ihr Grinsen. „Ach so.“

Dawons Mund öffnete sich mit einem leisen Atemzug, doch es kamen keine Worte heraus. Eine Sekunde lang huschte ihr Blick an Jimins Gesicht vorbei. Dieses Mal sah ihre Verlegenheit ehrlich aus. Sie presste die Lippen zusammen, bevor sie Jimin wieder in die Augen sah und ließ ein unsicheres Lächeln erscheinen.

„Sag mal,… mit wem bist du eigentlich hier?“

„Mit Hoseok.“

„Oh.“ Dawons Augenbrauen hoben sich und ein seltsamer Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. „Okay… also, bist du sein plus Eins? Also, uh, ich meine-…“

Bevor sie aussprechen konnte, stockte sie. Sie fixierte etwas, oder vielmehr jemanden, der hinter Jimin auf sie zukam und schloss schließlich den Mund. Ihre Lippen verzogen sich zu einem angestrengten Lächeln. Ein bisschen sah es so aus, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Nur wenige Sekunden später legte Hoseoks Hand sich ein weiteres Mal sanft auf Jimins Schulterblatt.

„Du hast dich nicht einen Zentimeter bewegt“, grinste er ihn an. Dann sah er zu Dawon. Sein Grinsen wurde noch breiter. „Hey, Schwesterchen.“

Dawons Gesichtsausdruck veränderte sich augenblicklich. Der letzte Rest ihres Lächelns fiel aus ihrem Gesicht und sie rollte mit den Augen. „Hey.“

„Wolltest du mir wieder mein Date ausspannen?“, fragte Hoseok. Er klang dabei nicht sehr verärgert. Eher belustigt.

Dawon verschränkte die Arme. „Ich wusste nicht, dass er zu dir gehört.“

Sie versuchte nicht einmal mehr zu verstecken, wie angepisst sie deswegen war. Nicht auf Jimin, sondern auf ihren Bruder. Die beiden lieferten sich ein hitziges Duell mit tödlichen Blicken und Jimin konnte gar nicht anders, als sein amüsiertes Schmunzeln dem Boden zuzuwenden, damit Dawon es nicht sehen würde. Mit ein bisschen Glück sah er so vielleicht beschämt aus.

„Jimin-ssi?“

Als er wieder nach oben blickte, war das freundliche Lächeln auf Dawons Gesicht zurück. Wenn auch mit einem provokanten Unterton. Ihr rechter Mundwinkel zuckte angespannt.

„Es war schön dich kennenzulernen. Vielleicht sehe ich dich irgendwann auf einem Magazin wieder. Ich würde mich freuen.“

Jimin neigte den Kopf. „Ich mich auch.“

Dawon sah nicht wirklich zufrieden aus. Trotzdem verneigte sie sich noch einmal höflich vor Jimin, bevor sie mit einem weiteren bösen Blick in Hoseoks Richtung verschwand. So süß wie ihr Lächeln am Anfang gewesen war, hätte Jimin ihr so viel Gift gar nicht zugetraut. Als er mit Hoseok allein war, musste er lachen.

„Deine Schwester hat denselben Männergeschmack wie du?“

Die Szene war ihm bekannt vorgekommen, auf eine seltsame Art vertraut. Mit seinen Cousinen hatte Jimin auch schon solche stummen Kämpfe geführt. Aber daran wollte er jetzt nicht denken. Jede Erinnerung an Busan wurde früher oder später schmerzhaft. Zum Glück war Hoseok gut darin ihn auf andere Gedanken zu bringen. Seine Hand, die die ganze Zeit auf Jimins Schulterblatt geruht hatte, rutschte ein Stückchen tiefer.

„Mit deinem Gesicht kriegst du jeden“, raunte er grinsend in Jimins Ohr. „Das hat nichts mit Geschmack zu tun.“


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Jimin hatte recht gehabt. Hoseoks Unruhe und seine einnehmende Art waren perfekt nach einer beschissenen Woche wie dieser. Besser hätte er es nicht treffen können. Ihm gefiel wie sehr Hoseok sich um ihn bemühte und sich gleichzeitig unglaublich sicher zu sein schien. Es waren kleine Dinge, die Jimin imponierten – Hoseoks Hand, die sich immer wieder auf sein Schulterblatt legte und ihn damit führte, das Grinsen in seiner Stimme, das seine Worte beinahe spöttisch klingen ließ und seine Augen, die leise hungrig an ihm klebten und immer lauter wurden, je weiter der Abend verstrich. Mit Hoseok an seiner Seite bekam Jimin genau das, was er sich erhofft hatte. Ständig passierte etwas Neues. Zusammen mit ein paar anderen spielten sie alberne Trinkspiele, deren Regeln Jimin auch danach nicht verstanden hatte, lachten und tranken, als würden sie sich schon ewig kennen. Aber es war nicht nur Hoseoks laute, unterhaltsame Art, die ihn sich wohl fühlen ließ, sondern auch die vielen Menschen auf dieser Party. Alle interessierten sich für ihn. Sie löcherten ihn mit Fragen, musterten ihn mit bewundernden Augen und bewarfen ihn mit großen Komplimenten. Jimin schwamm in ihrer Aufmerksamkeit und fühlte sich großartig. Genau so hatte er sich sein Leben in Seoul von Anfang an vorgestellt – nicht die einsamen Nächte in seiner Wohnung. Er wollte, dass jeder Abend so aussehen würde wie dieser. Er wollte mit Mädchen wie Dawon und den zwei Gucci Girls befreundet sein und mit ihnen um die Häuser ziehen, wollte die Skyline von Seoul so glitzern sehen, wie auf diesem bunt erleuchteten Dach und sich reicher fühlen, als er war. Deswegen störte es Jimin auch nicht, als er sich irgendwann zusammen mit Hoseok auf der Herrentoilette wiederfand und ihm dabei zusah, wie er vom Rand des Waschbeckens eine Nase Koks zog. Auch das gehörte zu Seoul. Er selbst wollte trotzdem nichts von dem weißen Pulver. Hoseok war das egal. Seine großen schwarzen Pupillen verschlangen Jimin noch in dieser Toilette. Seine Lippen schmeckten salzig und er küsste genauso ungeduldig, wie seine Hände es Jimin verraten hatten. Aber sie waren beide nicht auf schnellen Sex in einer engen Toilettenkabine aus. Deswegen riefen sie kurz darauf, zwei Stunden nach Mitternacht, ein Taxi.

Mit Hoseok verschwand die sexuelle Spannung nicht für eine Sekunde. In der Dunkelheit der Rückbank bohrte er seine feinen Finger so fest in Jimins Oberschenkel, dass er fast gewinselt hätte. Normalerweise ging Jimin nicht zu seinen Fremden nach Hause, sondern brachte sie zu sich. Doch vor Hoseok hätte er sich für seine schäbigen vier Wände geschämt. Er wollte die Illusion aufrechterhalten, er hätte heute Abend auf dieses Dach über Gangnam gehört. Außerdem war der Weg kürzer. Die Fahrt dauerte nur fünf Minuten, keine unangenehm helle Stille in der Bahn. Vielleicht sollte sich Jimin öfter Typen mit viel Geld an den Hals werfen. In Hoseoks Wohnung dauerte es nicht einmal einen Wimpernschlag, bis seine Lippen sich wieder gegen Jimins drängten. Sein Atem und seine Berührungen waren hungrig. Jimin verlor seinen Orientierungssinn. Im Dunkeln stolperten sie ohne sich voneinander zu trennen in Hoseoks Schlafzimmer. Schnelle Finger öffneten Jimins Hose, griffen nach seinem Hemd und befreiten ihn von seiner Boxershorts. Jimin war nackt, noch bevor er die Matratze des hohen Bettes überhaupt berührt hatte.

Der Sex war schnell und dreckig. Nicht nur Hoseoks Hände und Lippen waren ungeduldig, sondern auch seine Worte, seine Bewegungen und seine Art Jimin zu berühren. Er fluchte viel, raunte seine schmutzigen Gedanken in Jimins Ohr und benebelte damit seine ohnehin betrunkenen Sinne. Hoseoks Ungeduld war so einnehmend, dass Jimin alles andere vergaß. Und vergessen war gut. Als Hoseok mit ihm fertig war, schlief Jimin so schnell wie noch nie. Die Matratze war weich, das Laken fühlte sich teuer an und die fremde Dunkelheit kehrte nach dem Orgasmus in sein Bewusstsein zurück. Ein bisschen fühlte sich das Einschlafen an, als würde er fallen. Nur endloser.


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Erst am nächsten Morgen kam Jimin auf dem Boden an. Er schlug darauf auf, öffnete die trockenen, verklebten Augen und bemerkte den brummenden Schmerz in seinem Kopf. Das Zimmer war nur noch halbdunkel, weil die schweren, dicken Vorhänge vor den hohen Fenstern an den Seiten weißes Licht hindurchließen. Die Wände waren cremefarben und der Boden aus kaffeebraunem Holz. Alles war aufgeräumt und sauber. Der Raum fühlte sich an wie ein teures Hotelzimmer, das Jimin sich nicht leisten konnte. Vielleicht wurde er deswegen so nervös.

Als er sich aufsetzte, drehte sich sein Kopf ein bisschen. Hoseok war nicht da. Jimin fiel der Zettel sofort ins Auge, nachdem der Schwindel und die leichte Übelkeit in seinem Magen nachgelassen hatten. Er lehnte an der schicken Lampe auf dem Nachttisch neben ihm. Es stand nicht viel darauf.

Musste los zu einem Friseurtermin. Die Putzfrau kommt um 12 Uhr, also solltest du bis dahin weg sein.

Jimin war sich ziemlich sicher, dass mindestens der Friseurtermin gelogen war. Er selbst hatte schon einmal einen ähnlichen Zettel geschrieben. Nur ohne die Putzfrau. Einerseits war es irgendwie erleichternd in seinem Zustand nicht mehr mit jemandem reden oder überhaupt interagieren zu müssen. Andererseits fühlte sich das offensichtliche Desinteresse beschissener an, als Jimin erwartet hätte. Er verließ die große, helle Wohnung so schnell wie möglich, ohne sich genauer umzusehen. Er fühlte sich eklig – klebrig, verkatert und ironischerweise benutzt. Beinahe freute er sich auf sein eigenes, winziges Zimmer. Schlimmer als der viel zu grelle Wolkenhimmel ohne Sonnenbrille und die laute, stickige Bahnfahrt konnte es eigentlich nicht mehr werden. Und trotzdem-

Die Stille hinter Jimins Wohnungstür war sogar schrecklicher als die Erkenntnis, dass sich schon wieder jede Konversation und jedes Gesicht gestern Abend im Nachhinein bedeutungslos anfühlte. Deswegen blieb er nicht lang. Nach einer Dusche, etwas Wasser und frischen Klamotten stand er wieder in seinem schmalen Flur, nahm seine Chanel Sonnenbrille von der Kommode und öffnete die Tür.
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