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sunday strangers

von snowghost
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Jimin
31.01.2021
25.04.2021
7
35.153
14
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
14.02.2021 3.974
 
Hallöchen <3
Ich begrüße erstmal alle lieben Leser, die jetzt von Anfang an hier dabei sind, hallo! :3
Zwei Wochen sind vorbei und es ist wieder Sonntag, das bedeutet, dass ihr heute ein zweites Kapitel bekommt!
Moodboard dazu gibt es auf Instagram.
Ich bin sehr gespannt auf eure Gedanken - ob die Geschichte so verläuft, wie ihr erwartet habt, was ihr überhaupt erwartet oder ob ihr euch schon ein Bild von Jimin machen konntet. Lasst es mich doch gerne wissen :3
Ansonsten wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!
Wir sehen uns in zwei Wochen <3
xo snowghost






02 | Neid



Du magst also meine Lippen? Erzähl mir mehr.
Wofür würdest du sie gern benutzen?



Senden.

Ein paar Mal wischte Jimin noch über die glatte Oberfläche des Screens, aus Gewohnheit. Erst nach dem fünften Profil, das er nach links wischte, schloss er Tinder endlich und legte sein Handy auf die Ablage vor sich. Es vergingen gerade einmal zwei Sekunden, bis er es doch wieder nahm, um auf die Uhr zu sehen. Eins. Seit einer Stunde saß er also schon allein in der Maske und wartete darauf, dass der Fotograf endlich aufkreuzte. Das war ihm noch nie passiert. Wenn er es sich hätte erlauben können, wäre er längst gegangen. Er wurde schließlich nicht nach Stunden bezahlt. Draußen, außerhalb des kleinen Raumes, der für die Umkleide und Maske diente, wuselten die anderen Beteiligten des Teams herum. Ihre Stimmen waren durch das dünne Metall der Tür zu hören. Wahrscheinlich versuchten sie noch immer vergeblich den Fotografen zu erreichen. Jimin würde ihnen helfen, wenn er könnte, aber er hatte vorhin schon versucht die aufgeregte Projektleiterin zu beruhigen. Ohne Erfolg. Deswegen war er zu dem Schluss gekommen, dass es besser war, wenn er sich einfach verzog. Er war hier nur das hübsche Gesicht. In so einem Chaos konnte er wenig ausrichten.

Mit einem Seufzen entsperrte er sein Handy widerwillig ein weiteres Mal und tippte erst auf Instagram und danach auf Twitter, aber auch dort gab es nichts Neues mehr. Er hatte inzwischen jeden Post gesehen und auf jede Nachricht geantwortet. Von dem Typ auf Tinder kam keine Antwort mehr. Der war wahrscheinlich arbeiten, so wie er selbst eigentlich auch. Schade. Ein bisschen Sexting konnte ihn immer ablenken. Gelangweilt ließ Jimin das Handy in seinen Schoß sinken und hob stattdessen den Kopf, um sich im Spiegel anzusehen. Die grellen Lampen rundherum blendeten, wenn er zu lange hineinsah. Die Maskenbildnerin hatte einen guten Job geleistet, Jimins Augen für heute dunkel betont, seine Knochenstruktur noch stärker hervorgehoben und seinen vollen Lippen einen hauchzarten Schimmer gegeben. Trotzdem war er heute nicht zufrieden mit sich selbst. Ein paar seiner Hautunreinheiten waren uneben durch das Make Up zu sehen. In seinen Augen fehlte der Glanz. Irgendwie sah er nicht so richtig lebendig aus. Die letzten Nächte hatte er schlecht geschlafen, wahrscheinlich weil es so heiß geworden war. Aber er musste sich nur noch für heute zusammenreißen. Es war wieder Samstag und Zeit sich später unter die Leute zu mischen. Er freute sich darauf. Während er noch immer seinem Spiegelbild entgegensah, verzog er das Gesicht, riss den Mund und die Augen auf, streckte seine Zunge heraus und drehte den Kopf. Selbst dabei sah er leblos aus. Wie schlechtes CGI. Also hörte er auf mit den Grimassen und legte stattdessen den Kopf in den Nacken.

„Park Jimin?“

Hastig richtete er sich wieder auf und sah zur Tür. Es war die Projektleiterin.

„Ja?“

„Kim Jongpil, der Fotograf-… Er ist jetzt da.“

„Gut, ich komme.“ In einer flüssigen Bewegung erhob er sich von seinem Stuhl.

Sie nickte hektisch. „Aber, bitte, ignorieren Sie seine schlechte Laune. Ich weiß nicht, was heute mit ihm los ist.“

Jimin lächelte freundlich. „Machen Sie sich keine Sorgen. Das halte ich schon aus.“


_______________



Es war schrecklich gewesen. Der Fotograf war ein widerlicher Bastard. Ständig hatte er seine Assistenten herumkommandiert und ihnen die Schuld in die Schuhe geschoben, wenn ihm irgendetwas nicht passte. Und obwohl Jimin sich alle Mühe gegeben hatte, war er nicht verschont geblieben. Auch er hatte einige abfällige Kommentare abbekommen. Wieso er nicht einfach tun könnte, was man ihm sagte. Ob sein hübsches Gesicht alles war, was er zu bieten hatte. Jimin hätte Kim Jongpil am liebsten die Kamera aus der Hand geschlagen und wäre gegangen. Stattdessen war er professionell geblieben und hatte alles über sich ergehen lassen, freundlich gelächelt und genickt. Die Projektleiterin war nach dem Shooting sofort auf ihn zugekommen und hatte sich bestimmt hundert Mal entschuldigt, aber es hatte nicht wirklich geholfen. Seitdem war Jimin schlecht gelaunt.

Selbst jetzt, auf dem Weg zu einem Club in Hannam, von dem Jimin schon vielversprechende Bilder auf Instagram gesehen hatte, konnte die Aussicht auf einen netten Abend ihn nicht wirklich aufheitern. Immer wieder dachte er an den genervten Blick Kim Jongpils und wie sich seine schmalen Lippen unzufrieden verzogen hatten.

„Komm schon, du bist keine Puppe. Gib mir mehr.“

Keine Pose und keine Mimik hatte ihn zufrieden stellen können. Es war anstrengend und verdammt frustrierend gewesen. Jimin hatte sich noch nie so gedemütigt gefühlt. Als er das Studio verlassen und sich im Spiegel des Fahrstuhls angesehen hatte, hätte er gerne aufgehört zu existieren. Er wollte Kim Jongpil nicht recht geben. Aber natürlich wusste er trotzdem, dass er heute tatsächlich nicht gut genug gewesen war.


_______________



Die Schlange vor dem Club war noch nicht sehr lang. Es war noch früh. Jimin stellte sich in die Reihe, die Hände in den Taschen seiner Lederjacke vergraben und lauschte den Gesprächen der Gäste um sich herum. Wenigstens das konnte ihn ein wenig ablenken, selbst wenn nichts allzu Interessantes dabei war. Die meisten Gäste waren in kleinen Gruppen unterwegs, alle auffällig gekleidet und alle mit Handys in personalisierten Hüllen gewappnet. Der Club war also tatsächlich ein Influenzer-Magnet. Jimin überlegte sich kurz, ob er sich nicht einen anderen suchen sollte. Doch als er drin ankam und den zweiten Floor, einen Stock tiefer, betrat, konnte er das erste Mal an diesem Tag durchatmen. Anders als am Eingang und an der Garderobe oben, war es unten dunkel und nebelig. Nur schemenhafte Umrisse wanderten durch die dichten, grauen Schwaden und verschwanden wieder darin. Über die Decke zuckten bunte, grelle Lichter, wie Blitze. Es war unglaublich. Die düstere, geheimnisvolle Atmosphäre gab Jimin genau die Geborgenheit, die er heute brauchte.

Dieses Mal holte er sich kein Getränk, sondern fing sofort an sich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Die Tanzfläche war noch ziemlich leer und sehen konnte er sowieso niemanden. Dunkel und durchdringend trommelte der Bass durch seinen Körper und zog an seinen Armen und Beinen, als wäre er eine Marionette. Darüber schwebte eine seichte Melodie, die seinen Kopf hin und her wiegen ließ. Wenn Jimin sich nur darauf konzentrierte jedes kleinste Detail der Musik herauszuhören, verschwand sein Körper und wurde unsichtbar. Er spürte ihn nicht mehr, obwohl er ihn steuerte. Eine Stunde lang tanzte Jimin und verlor sich im Nichts, genoss nur das Gefühl der warmen Körper um sich herum, der grellen Lichter, die hinter seinen geschlossenen Augen dumpf aufblitzten und der Musik, die ihn in eine andere Welt katapultierte. Es war so berauschend. Erst nach einem kleinen Zusammenstoß mit einer Frau, kam Jimin wieder zurück in die Realität.

„Entschuldigung“, nuschelten sie beide zeitgleich und verloren sich keine Sekunde später aus den Augen.

Jimin strich sich die Haare aus der Stirn und bemerkte erst jetzt, wir durstig er war. Seine Haut war feucht von Schweiß und sein Mund ausgetrocknet. Es war Zeit für einen Drink.


_______________



Die Bar befand sich auf dem ersten Floor, einen Stock weiter oben und war der Teil des Clubs, der die eigentliche Hauptattraktion für die vielen Influenzer war. Dort wo Jimin getanzt hatte, war es stockduster gewesen, doch auf dem Floor oben hingen hübsche, bunte Glühbirnen und sogar Pflanzen von der Decke. Das hauptsächlich warme, rot-orange Licht bewegte sich viel ruhiger und gemütlicher. Die Musik war weniger abstrakt und melodischer – nicht mehr so hart, nicht mehr so düster. Alles in allem war der erste Floor um einiges mainstreamtauglicher, als der zweite. Unglaublich, dass sie überhaupt in demselben Gebäude existierten. Jimin fühlte sich, als wäre er ins Wunderland gestiegen.

An der großen, langen Bar gab es keinen freien Hocker mehr, auf den Jimin sich hätte setzen können, also bestellte er sich seinen Whiskey und fand eine freie Stelle am Rand der Tanzfläche, auf der er kurz bleiben konnte. Er beobachtete die schönen, teuer gekleideten Menschen und wie sie verhalten auf der Stelle herumtraten, damit ihre Storys nicht verwackelten. Vor ein paar Jahren noch hatte er genauso ausgesehen. Inzwischen behielt er sein Leben für sich. Und besonders seinen Alkoholkonsum. Die braune Flüssigkeit in seinem Glas lief so warm und angenehm seine Kehle hinunter, dass er keine zehn Minuten später sein nächstes Getränk bestellte. Während er darauf wartete, betrachtete er die hübsche Dekoration hinter der Bar – viele Lichterketten, viele kleine Pflänzchen und hübsche, dunkle Flaschen. Jede Ecke in diesem Club hatte ihre Aufmerksamkeit bekommen. Vielleicht sollte Jimin ab sofort öfter herkommen. Eigentlich gefiel es ihm hier wirklich gut. Unten konnte er tanzen, wenn er eine schlechte Woche gehabt hatte und oben konnte er sich einen Fremden für die Nacht suchen. Darum würde er sich auch gleich kümmern. Der Kellner kam, brachte ihm seinen zweiten Whiskey, Jimin bezahlte und nahm direkt seinen ersten Schluck.

Er wollte sich gerade umdrehen, um noch einmal genauer die Gesichter der tanzenden Menschen anzusehen, da spürte er einen sanften Druck auf seiner Schulter. Neben ihm war ein junger Mann aufgetaucht, der ihn nun erwartungsvoll ansah. Das war dann wohl Schicksal. Einen Moment lang blickten sie sich beide in die Augen, ohne ein Wort zu sagen. Der Mann ließ seine Zunge flüchtig über seine Lippen gleiten, bevor er endlich den Mund öffnete-

„Kennen wir uns?“ Seine Stimme war tiefer als erwartet, dunkel und warm. Wie Schokolade.

Jimin wandte sich ihm nun ganz zu und hob lächelnd eine Augenbraue. „Tun wir?“

Die kurzen, dunklen Locken des Mannes fielen freundlich in sein Gesicht, als er zögerlich die Mundwinkel hob. „Ich glaube, wir haben uns bei einem Casting gesehen. GQ? Warst du dort?“

„Ja, war ich.“

„Dann habe ich dich richtig erkannt.“ Der Mann lachte. Er streckte seine Hand aus. „Ich bin Taehyung. Wie heißt du?“

Jimin strich sich die Haare aus dem Gesicht und lächelte. „Jimin.“

Taehyungs Haut war ungewöhnlich warm. Nachdem sie beide ihre Hände wieder sinken ließen, stützte er sich lässig mit einem Arm auf den Bartresen. Seine Augen wanderten einmal über Jimins Körper, bis sie wieder in seinem Gesicht ankamen.

„Als ich dich beim Casting gesehen habe, war ich mir sicher, dass du den Job bekommst“, sagte er mit einem zurückhaltenden Grinsen im Gesicht. „Hatte ich recht? Hast du ihn gekriegt?“

Jimin schnaubte und schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht.“

Taehyung sah ehrlich verwundert aus. „Wirklich nicht?“

„Wieso sollte ich dich anlügen?“

„Die können unmöglich einen besseren gefunden haben.“

„So ist das Business.“ Jimin zuckte mit den Schultern. „Irgendjemand ist immer besser.“

„Aber-… du bist so ungefähr der hübscheste Mann, den ich je gesehen habe. Und es gibt viele hübsche Männer in Seoul. Da gehöre ich ja irgendwie auch dazu.“ Taehyung lachte und strich sich danach verlegen durch die Haare, als würde er bereuen seine Worte bereuen.

Jimin schnaubte wieder, aber er konnte nicht anders als zu lächeln. „Macht dich das zu einem Experten?“

Taehyung sah erleichtert aus. Seine Augen huschten unruhig über Jimins Gesicht, als würde er es lesen wollen. Seine Zunge erschien wieder zwischen seinen Lippen. Dann grinste er.

„Darf ich dir was ausgeben?“


_______________



Sich mit Taehyung zu unterhalten war angenehm, trotz des üblichen Smalltalks. Seine offene, lockere Art war auf eine entwaffnende Weise beruhigend. Er erzählte von seinen Plänen, warum er überhaupt nach Seoul gekommen war und von seiner neuen Wohngemeinschaft. Eigentlich hatte er genau denselben Weg wie Jimin hinter sich. Er hatte schon Erfahrung gesammelt, bevor er nach Seoul gekommen war und wollte jetzt in der Hauptstadt so richtig durchstarten. Es schien gut für ihn zu laufen. Die ganze Zeit, während er erzählte, hatte er ein breites Lächeln auf den Lippen. Am längsten und offensichtlich am liebsten erzählte er von seinen Mitbewohnern. Die Wohngemeinschaft, in die er gezogen war, war nur wenige Häuserblocks entfernt, deswegen kannte er sich in der Gegend gut aus. Seine Mitbewohner und er hatten anscheinend schon einiges in Hannam erlebt. Während Taehyung erzählte, wechselte seine Ausstrahlung dabei immer wieder zwischen unglaublichem Selbstbewusstsein und verlegener Hilflosigkeit. Jimin bemerkte schnell, dass er manche Dinge sagte, die er danach eigentlich lieber wieder zurücknehmen wollte. Es war angenehm. Mal etwas anderes, als die meisten Menschen in Seoul, die unbedingt zu jeder Zeit den Schein wahren wollten. Dass Taehyung kein Blatt vor den Mund nahm, machte ihn besonders. Jimin wollte ihm näher kommen. Er fragte, ob sie miteinander tanzen würden.

„Nicht heute“, grinste er. „Ich will lieber mehr über dich erfahren.“

Eigentlich wollte Jimin nicht viel über sich erzählen. Er war besser darin körperlich etwas von sich Preis zu geben. Aber das konnte er schlecht so deutlich sagen. Alkohol war leider keine Option. Taehyung trank nicht, bestellte nur Jimin einen Whiskey nach dem anderen und machte seine Sehnsüchte dadurch nicht gerade besser. Die Flüssigkeit wärmte Jimins Bauch und seine Brust und schließlich sein Gesicht. Mit jeder vergehenden Minute fand er Taehyung attraktiver. Seine Stimme war das, was ihm am besten gefiel. So tief, so weich und warm. Sie klang stark. Jedes Mal, wenn Taehyung ihm damit ein Kompliment machte, wurde sie ein bisschen leiser und ein bisschen rauer. Seine Stimme könnte Jimin sicherlich einige Schauer über den Rücken jagen, würde sie ihm später in schummrigem Licht ins Ohr flüstern. Taehyungs dunkle, goldene Haut passte perfekt dazu, genauso wie das breite Grinsen in seinem Gesicht und der verwegene Ausdruck in seinen Augen, der von seinen weichen Locken verstärkt wurde. Alles an Taehyung war ungewöhnlich perfekt aufeinander abgestimmt. Er war ein verdammt schöner Mann und es war kein Wunder, dass er genau deswegen hier war. Jimin wünschte sich, sie würden ein bisschen enger nebeneinander sitzen. Er wünschte sich Taehyungs große, schmale Finger auf seinem Oberschenkel. Oder vielleicht um seinen Hals.

Die ungenierte Art, mit der Taehyung seine Augen immer wieder an Jimin hinabschweifen ließ, sprach eigentlich dafür, dass er nicht abgeneigt war, die ganze Sache zwischen ihnen noch privater werden zu lassen. In jeder kurzen Stille, die entstand, ließ er Jimin mit seinen Blicken genau wissen, an was er dachte. Und jedes Mal lächelte Jimin bloß und hob sein Glas an seine Lippen.

„Du hast mir noch gar nicht gesagt, seit wann du in Seoul bist“, sagte Taehyung dieses Mal, nachdem seine Augen für einen Moment auf Jimins Lippen gefallen waren.

Das Glas Whiskey klickte dumpf auf den Tresen. „Seit Januar.“

„Also seit einem halben Jahr.“

Jimin nickte und fuhr mit einer Hand durch seine Haare. „Und du? Wie viele Monate genau bist du hier?“

„Drei. Aber es kommt mir so vor, als wären es schon viel mehr.“ Das Grinsen auf Taehyungs Gesicht wurde breiter. „Seoul ist die schönste Stadt in Korea. Ich will nie wieder weg.“

Jimin lächelte schief. „Ja, wirklich?“

„Hundert Prozent. Ich komme aus einem kleinen Dorf an der Küste. Da war nie etwas los und die Leute dort sind auch zurückgeblieben.“ Taehyung schnaubte. „Hier in Seoul sind die Menschen viel offener. Ich habe in drei Monaten mehr erlebt, als in drei Jahren auf dem Dorf. So schnell wie hier findet man nirgendwo Freunde.“

Jimin nickte zustimmend. Er hatte in Seoul noch keine einzige Person getroffen, die er einen Freund nennen würde. Nur vereinzelte Bekanntschaften, die ihn vielleicht im Model Business weiterbringen konnten und mit denen er deswegen ab und zu schrieb. Aber das war nicht weiter schlimm. Eigentlich war es auch seine eigene Schuld. Er hatte gar keine Zeit für richtige Freunde.

„Ich glaube, es fühlt sich an, als wäre ich schon viel länger hier, weil ich schon so viel erlebt habe. Kein Tag ist langweilig und ich bin nie allein. Gesellschaft findet man in Seoul überall.“

Jimin schmunzelte und stützte sein Kinn auf den Tresen. „Das stimmt.“

„Und dann ist es sogar oft richtig gute.“ Taehyung grinste vielsagend. „Ich bin allein in diesen Club gekommen und sitze jetzt mit dem schönsten Mann ganz Koreas an der Bar.“

Jimin konnte nicht anders als zu lachen. „Hör auf.“

„Ist mein voller Ernst.“

„Der schönste Mann?“

„Ich kenne keinen schöneren. Bei keinem Casting sind mir so die Augen rausgefallen wie bei GQ.“

Jimin lächelte kokett und hob das Kinn. „Ist mir nicht aufgefallen.“

Taehyung grinste schief. „Weil ich eben nicht der schönste Mann Koreas bin.“

„Du bist in Ordnung.“

„Ach, ja?“

Jimin sah ihm schmunzelnd in die Augen. „Ich würde dich nicht von der Bettkante stoßen.“

Wieder erschien Taehyungs Zungenspitze zwischen seinen Lippen. Seine Augen wanderten. Dieses Mal erreichten sie Jimins Schlüsselbein. „Gut zu wissen.“

Ein Schluck Whiskey kaschierte das zufriedene Glänzen in Jimins Augen.

„Wo kommst du eigentlich her?“, fragte Taehyung, als sein Blick wieder nach oben zurückkehrte.

„Busan.“ Der Whiskey war stark. Jimins Stimme klang ein wenig rau. „Meine Eltern wohnen auf Gadeokdo. Da bin ich aufgewachsen.“

„Oh, eine Insel. Wie ist es dort so?“

Jimin zuckte mit den Schultern. „Ganz nett, aber auch nicht wirklich spannend. Ich bin vor zwei Jahren schon bei meinen Eltern ausgezogen, damit ich mich in Busan auf das Modeln konzentrieren konnte. Und weil es dort funktioniert hat, bin ich jetzt nach Seoul.“

„Und wie findest du es?“, grinste Taehyung.

Jimin lächelte schief. „Wie du gesagt hast, die schönste Stadt Koreas.“

Das war eine Lüge. Busan war viel schöner. Jimin vermisste das Meer, die salzige Luft und die Natur auf Gadeokdo. Seoul war ihm zu voll, zu laut und zu unpersönlich. Natürlich hatte Taehyung recht, Gesellschaft fand man hier immer, aber im Nachhinein fühlte sich jede Begegnung in dieser Stadt leer an. Das war in Busan anders gewesen. In der ersten Nacht, als Jimin angekommen war und Seoul ihm vielversprechend entgegen geleuchtet hatte, hätte er damit gerechnet eines Tages wie Taehyung zu klingen. Er hatte Seoul lieben wollen. Er hatte es sich bestimmt tausend Mal ausgemalt. Aber letztendlich war es doch irgendwie anders gekommen.

„In welcher Gegend wohnst du?“, fragte Taehyung interessiert.

Jimin nahm noch einen Schluck von seinem Whiskey. „Geumho.“

„Solltest du mir mal zeigen.“ Er grinste schon wieder. „Ich freue mich immer, wenn ich neue Cafés und Bars kennenlerne.“

Jimin kannte nur das Café gegenüber seines Wohngebäudes, aber davon würde er nicht erzählen. Stattdessen fragte er Taehyung, zu welchen er gerne ging. Die meisten waren hier in Hannam. Jimin war froh, nicht mehr von sich sprechen zu müssen, als Taehyung weit ausholte und im Detail erzählte wie er jedes einzelne seiner Lieblingscafés gefunden hatte. Auf sein allerliebstes war er gestoßen, als er sich in einem Park spontan mit jemandem unterhalten hatte. Taehyung ging wohl gern in den Park in der Nähe seiner Wohngemeinschaft und ließ sich von Fremden mitreißen. Dadurch hatte er viele Freunde, unabhängig von seinen Mitbewohnern. Es waren bestimmt über fünfzehn Namen, die er Jimin während seinen Erzählungen nannte. Teilweise hatte er sie bei seinen Spaziergängen kennengelernt, teilweise bei seinen Café-Besuchen. Die meisten von ihnen waren wohl Studenten und führten deswegen ein ganz anderes Leben, als sie beide.

„Aber das gefällt mir. So komme ich auch auf ein paar Studentenpartys.“

Alles, was Taehyung erzählte, klang aufregend. Jimin beneidete ihn. Er konnte nicht mitreden und deswegen stellte er viele Fragen, obwohl er eigentlich wollte, dass Taehyung aufhörte davon zu erzählen, wie sehr er Seoul liebte. Seine Geschichten machten Jimin müde. Es interessierte ihn nicht, was Taehyung mit zwei seiner Freunde in Gangnam erlebt hatte, als sie einmal nachts in den schlimmsten Regen seit Monaten geraten waren. Er wollte tanzen.

Als Jimin sein aktuelles Glas Whiskey ausgetrunken hatte, küsste er Taehyung. Danach tanzten sie zwar nicht, aber sie blieben auch nicht mehr lange. Es folgte die unangenehme Bahnfahrt. Selbst Taehyung konnte die Zeit in dem hellen Abteil nicht angenehmer gestalten. In Jimins Wohnung angekommen war die sexuelle Spannung zwischen ihnen wie immer verflogen und weil Taehyung, anders als Jungkook, nicht wirklich gut darin war, zur Sache zu kommen und einfach darüber hinwegzusehen, packte Jimin eine Flasche Soju aus. Taehyung bot er einen Tee an. Sie saßen noch eine Weile auf dem Bett. Eigentlich war es ja ganz nett, dass Taehyung so viel reden wollte und Jimins Gesellschaft genoss, auch ohne ihn zu berühren, aber es war nicht das, was Jimin sich von dieser Nacht erwartet hatte. Außerdem wollte er wirklich nicht weiter hören, wie toll Seoul war. Doch Taehyung fand immer wieder einen Weg darauf zurückzukommen. Irgendwann fühlte Jimin sich so beschissen, dass er nicht einmal die Kraft dazu hatte, weiter Begeisterung vorzuspielen.

Als er Taehyung das zweite Mal küsste, fühlte es sich verzweifelt an, aber er schien davon nichts zu bemerken. Er ließ sich von Jimins Dringlichkeit mitreißen, bis sie nicht mehr auf dem Bett saßen, sondern auf der Matratze lagen und sich gegenseitig auszogen. Taehyung roch gut, nach teurem Parfum. Jean Paul Gaultier vielleicht. Ein warmer, starker Geruch. Jimin vergrub das Gesicht an seiner Schulter und ließ seine Hände an seinem Körper hinabgleiten. Taehyungs tiefe Stimme in seinem Ohr verschaffte ihm tatsächlich eine Gänsehaut. Die meiste Zeit stöhnte er zufrieden und presste Jimin mit seiner warmen Hand näher an sich heran. Er war viel passiver, als erwartet. Also holte Jimin sich einfach, was er wollte. Taehyung war viel schöner, wenn er zwischen seinen Beinen lag und kein Wort mehr herausbrachte.

Dieses Mal blieb die Stille zwischen ihnen. Sie wechselten kein Wort mehr, als sie verschwitzt und schwer atmend nebeneinander auf Jimins Matratze lagen. Auch später nicht. In der Dunkelheit fühlte sich Taehyungs Körper viel weniger stark an, doch seine Arme hielten Jimin fest. Er küsste ihn auf die Wange und sein Ohr, um für einen kurzen Moment die Tatsache zu überspielen, dass sie immer noch Fremde waren. So wie jeder andere Fremde bisher. Doch es reichte nicht aus. Jimin schlief trotzdem unruhig.


_______________



Die Nacht war viel zu kurz. Jimin wachte nach nur wenigen Stunden auf, noch immer umschlungen von Taehyungs Armen und Beinen. Eigentlich wollte er weiter schlafen, aber er wusste auch, dass er es nicht ertragen könnte, sich noch weitere Geschichten aus Taehyungs Leben erzählen zu lassen. Also kämpfte er sich aus dem Bett und zog sich so leise an wie möglich. Mit einem schlichten, weißen Shirt und einer schwarzen Jeans bekleidet, verließ er die Wohnung, setzte draußen seine große Chanel Sonnenbrille auf und ging in das Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Kellnerin hinter dem Tresen erkannte ihn. Sie lächelte süß.

„Schwarzer Kaffee ohne Zucker, richtig?“

Die bittere, dunkle Flüssigkeit machte Jimin nicht wirklich glücklich, aber sie konnte seine Situation für einen kurzen Moment ein wenig erträglicher gestalten. Er brauchte keine anderen schicken Cafés. Dieses hier war gut genug.

Die Zeit zog träge an Jimin vorbei, während er von seinem Platz am Fenster durch die Scheibe auf den Eingang seines Wohngebäudes blickte, um nicht zu verpassen, wenn Taehyung es verlassen würde. Er konnte nicht einmal wirklich auf sein Handy sehen. Also beobachtete er die anderen Menschen, die auf der Straße an ihm vorüberzogen und stellte sich vor, wie es wäre sich selbst an der Scheibe vorbeigehen zu sehen. Ihm fiel ein, dass er in der Eile gar keinen Zettel hinterlassen hatte. Hoffentlich würde Taehyung trotzdem verstehen, dass er sich besser aus dem Staub machen sollte, bevor Jimin zurückkommen würde.

Es dauerte eine Stunde, bis sein dunkler Lockenschopf in der Tür des Gebäudes erschien. Er zückte sofort sein Handy, tippte darauf herum, fuhr sich abwesend durch die Haare und schlenderte schließlich in Richtung U-Bahn. Sein Gang war selbst jetzt, nach einem One Night Stand und in einem fremden Stadtteil, unglaublich lässig. Jimin wollte ihn nicht hassen, aber irgendwie tat er es.

Er blieb noch eine halbe Stunde, dann bezahlte er seinen Kaffee und verließ das kleine Geschäft.

Die Kellnerin rief ihm hinterher. „Danke, schönen Tag noch!“

Jimin wusste nicht, ob sich die kühle Stille in seiner Wohnung dieses Mal erleichternd oder genauso traurig anfühlte, wie sonst auch.
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