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sunday strangers

von snowghost
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Jimin
31.01.2021
11.04.2021
6
31.691
9
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
31.01.2021 4.093
 
Halloooooo,
oh Gott, ich bin so aufgeregt, endlich kann ich euch das erste Kapitel meiner neuen Geschichte präsentieren. Ich arbeite da jetzt schon eine ganze Weile dran, weil ich wenig Zeit zum Schreiben habe. Jetzt habe ich aber soweit vorgeschrieben und vorgeplant, dass es losgehen kann!
Außerdem habe ich vor kurzem ein Instagram-Profil (@snowghost_fiction) für meine Fanfictions erstellt. Also, falls es euch interessiert, könnt ihr da gerne vorbeischauen :)  
Dort findet ihr auch ein Character Moodboard für Jimin und ein Moodboard für das erste Kapitel
Die Kapitel werden mit der Zeit etwas länger als dieses hier und ich habe vor ungefähr alle zwei Wochen ein neues zu posten :)
Aber jetzt lasse ich euch lesen! Lasst mir gerne Feedback da, ich bin so gespannt darauf, was ihr mir zu sagen habt!
xo snowghost <3






01 | Nähe



„Kinn hoch.“

Ein Piepen. Die große Soft Box leuchtete auf. Die Kamera klickte.

„Sehr schön. Bleib so.“

Jimin bewegte sich nicht. Seine Gesichtszüge waren entspannt und sein Blick nach unten gerichtet. Ein weiteres Mal blitzte der Schmuck an seinen Ohren im Licht der Soft Box auf. Es war eine winzige, silberne Schlange, die sich elegant um seine Ohrmuschel herumwand und darüber hervorkroch, sehr fein gearbeitet und ziemlich teuer. Für Jimin zu teuer. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie der Fotograf vor den Monitor trat und sich durch ein paar der letzten Fotos klickte.

„Perfekt“, sagte er. „Wir sind fertig.“

Jimins Augen waren das erste, das er wieder bewegte, bis er den zufriedenen Blick des Fotografen traf und sich endlich aufrichtete. Er nahm die Finger von seinem Kinn, lächelte und trat einen Schritt nach vorne.

„Darf ich mir die Fotos anschauen?“

„Natürlich.“

Jedes Mal, wenn Jimin auf die großen Monitore sah, erblickte er etwas anderes, als er erwartet hätte, oder viel mehr, jemand anderen. Da war sein Gesicht im Profil, die Haut makellos, sanft leuchtend, viel heller als in Wirklichkeit. Die Fotos waren gut. Trotzdem fehlte etwas. Jimin wusste nicht, was es war, aber irgendetwas in seiner Haltung war nicht richtig. Oder war es sein Gesichtsausdruck? Seine Mundwinkel? Die Stellung seiner Finger an seinem Kieferknochen? Der Anblick des feinen Gesichts wirkte fremd, als wäre es nicht sein eigenes.

Die Hand des Fotografen legte sich sanft auf sein Schulterblatt.

„Gute Arbeit, Jimin-ssi. Sie können gehen. Ich sende Ihnen dann eine Auswahl der fertigen Fotos wie vereinbart in geringerer Qualität zu, die Sie für Instagram benutzen können. Oh, und natürlich ein paar in höherer Auflösung für Ihr Portfolio.“

„Danke.“ Jimin neigte leicht den Kopf und trat zur Seite, um der Berührung des Fotografen auszuweichen. „Es war mir eine Freude mit Ihnen zu arbeiten.“

Der Fotograf grinste. „Ganz meinerseits.“

Es war ein anstrengender Tag gewesen, wie schon seit Wochen. Jimin blieb noch eine halbe Stunde in dem Gebäude mit den hohen, makellos weißen Wänden, zog sich um, sprach noch ein wenig mit dem Fotografen und seinen Kolleginnen in der Maske, bis er sich mit einem höflichen Lächeln und einer sanften Verbeugung verabschiedete und das Studio verließ.

Draußen auf der Straße strahlte ihm die Sonne entgegen, Autos fuhren laut brummend an ihm vorbei und die Baustelle nur wenige Gebäude weiter dröhnte ihm in die Ohren. Jimin seufzte, richtete den Kragen seines Hemds und setzte sich eine große Sonnenbrille auf. Chanel. Die hatte er sich gerade so von seinem ersten Honorar leisten können. Er stellte sich vor, wie er sich jetzt ein Taxi nehmen würde, wie die Geräusche Seouls endlich gedämpft werden und die großen Gebäude an ihm vorüberziehen würden. Stattdessen setzte er sich in Bewegung, um zur nächsten Straßenbahn zu laufen. Wie immer war es voll und unangenehm, viel zu heiß und stickig. Er war froh, als er nach zwanzig Minuten endlich zum letzten Mal aussteigen konnte und nur noch wenige Meter bis zu dem Wohngebäude gehen musste, in dem er seit einem halben Jahr lebte.

Inzwischen war es selbstverständlich die dreckigen Stufen nach oben zu gehen, die Nachbarn zu grüßen, die ihm auf dem Weg begegneten und schließlich in der dunklen Tür seiner Wohnung zu verschwinden. Wie immer empfing ihn eine seltsam kalte Stille, die er geflissentlich ignorierte. Heute hatte er noch etwas vor. Er würde nur noch den Abend allein in seinem Zimmer verbringen müssen und die Nacht zwischen schwitzenden Körpern und Gelächter an der Bar.

Es war zu einer Gewohnheit geworden, samstags nach den Shootings und Castings in einen Club oder in eine Bar zu gehen, ein bisschen oder ein bisschen zu viel Alkohol zu trinken und mit einem Fremden zu verschwinden. Und das war auch für heute Jimins Plan. Die letzten Wochenenden hatte er wegen einiger Beauty Shootings seine Ausflüge ausfallen lassen, weil er für seine Haut keinen Alkohol trinken wollte. Das letzte Mal war ungefähr einen Monat her. Die Abende und Nächte allein in seiner leeren, stillen Wohnung waren verdammt anstrengend gewesen. Er hasste es, allein zu sein. Heute wurde es wieder Zeit.

Jimin ließ seine Sonnenbrille auf der Kommode im Flur liegen und ging in die winzige Küche, um sich die Reste von gestern warm zu machen. Um halb zehn wollte er los.


_______________



Er sah gut aus, aber ein bisschen müde. Der große Wandspiegel im Club hing direkt neben der Garderobe, in dessen Warteschlange Jimin stand, um seine Lederjacke abzugeben. Das Make Up von heute Mittag saß immer noch perfekt, er hatte es nur mit ein bisschen Puder aufgefrischt. Seine Outfits waren immer schlicht, passend für jede Gelegenheit und besonders für ein spontanes Casting. Auch für den Club trug er nichts anderes, als eine schwarze Jeans und eine weiße, elegante, luftige Bluse. Am liebsten hätte er die silberne Schlange an seinem Ohr behalten, aber nun wurde sie ersetzt durch schlichte Ringe. Jimin wusste, dass er schön war, sonst hätte er sich nicht dazu entschieden, Model zu werden. Und im richtigen Licht, wie dem schummrig rötlichen dieses Clubs, wusste er genau, wie er sich zu verhalten hatte, um so mysteriös und anziehend wie möglich auszusehen. Durch den Spiegel hindurch starrte er sich selbst entgegen und versetzte sich in die Blicke der anderen hinein. Er war schließlich nicht zum Spaß hier. Noch nicht.

Wie immer setzte Jimin sich zuerst an die Bar und bestellte einen Drink – einen überteuerten Whiskey, den er für den Rest seiner Zeit allein trinken würde, bis eben ein netter Kerl ihm seinen nächsten spendieren wollte. Er nippte einmal und ließ seinen Blick dabei über die Tanzfläche schweifen. Noch konnte er niemanden sehen, der ihn interessieren könnte, also wandte er sich wieder ab.

Inzwischen wusste Jimin genau in welche Bars und Clubs er gehen konnte, um auf Männer zu treffen, die die gleichen Absichten wie er hatten. Natürlich gab es in Seoul auch spezielle Clubs, die es nur für schwule Männer oder nur für lesbische Frauen gab, aber es gab auch solche, die offen für alle waren und in denen man keine verurteilenden Blicke abbekam, wenn man sich zwischen Heteropaaren mit einem Tanzpartner des gleichen Geschlechts auf die Fläche traute. Die Clubs, zu denen Jimin ging, waren deswegen ein wenig kleiner und ein wenig versteckter, aber immerhin fühlte er sich sicher.

Als Jimin sein Glas ein weiteres Mal hob, trat der Barkeeper vor ihn und lächelte ihn freundlich an.

„Hätte nicht gedacht, dass jemand wie du Whiskey trinkt.“

Jimin hob eine Augenbraue. „Jemand wie ich?“

Eigentlich wusste er genau, worauf er hinauswollte.

Der Mann zuckte mit den Schultern. Er war jung, ganz hübsch eigentlich, aber Jimin hatte schlechte Erfahrungen mit Barkeepern gemacht. Viele von ihnen waren ein wenig überheblich und, ehrlich gesagt, ziemliche Arschlöcher. Wahrscheinlich, weil sie hinter dem Tresen ihren kleinen Coolness-Bonus ausnutzen konnten. Noch einmal wollte Jimin darauf eigentlich nicht hereinfallen.

„Jemand wie du eben. Jemand, der so fein und zart ist und die ganze Zeit anzüglich die Augen aufschlägt.“ Der Barkeeper lachte kurz.

Jimin lächelte schmal. „Wenn du meinst. Ich trinke Whiskey, weil es schmeckt.“

Das hatte es nicht immer. Eigentlich hatte er sich sogar mehr oder weniger dazu gezwungen, Whiskey zu mögen, weil er anders hatte sein wollen. Weil er geheimnisvoll wirken und eben mehr sein wollte als nur fein und zart und anzüglich. Inzwischen trank er ihn wirklich gern. Der rauchige Geschmack gab ihm ein seltsames Gefühl von Sicherheit. Wie anderen vielleicht der giftige Geschmack von Zigaretten.

Jimin wandte den Blick ab, bevor der Barkeeper etwas entgegnen konnte und nickte zur Seite. „Ich glaube, da möchte jemand bestellen.“

„Oh, stimmt, danke.“ Er schenkte Jimin noch ein halbes Lächeln, aber anscheinend verstand er den Wink. Danach kam er nicht wieder zurück.

Jimin konnte sich ein wenig entspannen, tippte mit den Fingerspitzen auf das Glas, in dem sein Whiskey sich befand und konzentrierte sich auf die wummernde Vibration in seiner Brust. Düsterer Techno schallte aus den großen Boxen und kroch in jede Ecke des Raumes. Auch früher schon hatte Jimin Musik am liebsten so richtig laut gehört, bis er sie in jedem Teil seines Körpers fühlen konnte. Dann war es einfacher loszulassen und sich nur noch zu bewegen. Es ist wie beim Einparken – wenn die Musik zu laut ist, werden alle anderen Sinne lahmgelegt, also vergisst man einfach, dass es auch noch andere Menschen gibt. Wenn Jimin tanzte, dann machte er sich endlich keine Gedanken mehr.

Eine halbe Stunde verging, bis Jimin sich wieder nach hinten drehte und seinen Blick ein weiteres Mal über die Tanzfläche wandern ließ. Inzwischen war es voller geworden und die Menschen versunkener in ihre eigene Welt. Deswegen stach ein Gesicht ganz besonders heraus. Jemand sah ihm direkt entgegen, ein schiefes, ertapptes Lächeln auf den Lippen. Der Kerl versuchte erst Jimins Blick zu halten, ließ die Augen dann aber doch sinken und schaute zu einem Freund, der neben ihm stand. Eine Weile beobachtete Jimin ihn noch und wusste dabei ganz genau, dass der Fremde seinen Blick spüren konnte. Er gefiel ihm wirklich gut, war eigentlich genau sein Typ – groß, sehr athletisch, mit einem süßen Gesicht. Die Form seiner Lippen und seine runden Augen ließen ihn gleichzeitig unschuldig und ein wenig frech wirken. Jimin drehte sich wieder um. Sein Glas war fast leer. Wenn der hübsche Kerl sich also beeilen würde, dann wäre sein Timing perfekt. Und wenn nicht, würde Jimin aufstehen und sich von allein auf die Tanzfläche bewegen.

Es dauerte zehn Minuten, bis Jimin den Kerl in seinem Augenwinkel an die Bar treten sah. Er lehnte sich mit dem ganzen Oberkörper über die Theke, um die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erlangen und schielte dabei verstohlen zu Jimin hinüber. Also trank er seinen letzten Schluck Whiskey und drehte den Kopf. Der Kerl stand ungefähr zwei Meter entfernt, trug eine blaue Jeans und ein weißes T-Shirt mit irgendeinem großen Print. Wieder trafen sich ihre Blicke und wieder gab sich der Kerl Mühe den Augenkontakt zu halten, lächelte schief und nickte Jimin zu, bis der Barkeeper vor ihn trat und seine Bestellung entgegen nahm. Einen Moment lang passierte nichts. Während er auf sein Getränk wartete, verlagerte der Kerl unruhig sein Gewicht von einem Bein auf das andere, sah immer wieder nach hinten zu seinen Freunden und spielte mit seinen Fingern an einer Getränkekarte herum. Es war unglaublich offensichtlich, dass er sich darüber Gedanken machte, ob er Jimin nun ansprechen sollte, oder nicht. Schließlich entschied er sich dafür, aber erst nachdem er sich mit seinem Getränk in der Hand beinahe aus dem Staub gemacht hätte. Er blieb hängen. Jimin fing ihn mit einem tadelnden Ausdruck in den Augen ein.

Das schiefe Lächeln kam näher, überbrückte mit zwei Schritten die Entfernung zwischen ihnen und dann stand der Kerl endlich neben ihm.

„Willst du noch einen Whiskey?“, fragte er und sah dabei direkt in Jimins Augen, obwohl er eigentlich lieber auf die Fläche des Bartresens schauen wollte. „Ich geb dir einen aus.“

Seine Stimme war angenehm, freundlich und ehrlich. Ein bisschen unsicher vielleicht.

Jimin lächelte zufrieden. „Gern.“


_______________



Sein Name war Jungkook und seine schüchternen Manöver nur Fassade. Am Anfang hielt er Jimins Blicke nie länger als ein paar Sekunden, aber schon nachdem sie ein paar Worte gewechselt und miteinander angestoßen hatten, wurde er lockerer und selbstbewusster. Sie führten ein bisschen Smalltalk, erzählten sich, womit sie ihr Geld verdienten, was sie in Zukunft erreichen wollten und was sie nach Seoul geführt hatte. Das Übliche eben. Jungkook lachte viel und schaffte es immer wieder ein kleines Kompliment in seine Geschichten einzubauen. Seine Art zu flirten war vorsichtig und trotzdem ziemlich direkt.

„Ein Shot und dann tanzen?“, fragte er, als sie beide ihre Gläser ausgetrunken hatten.

„Schaffst du es nicht ohne?“, lachte Jimin.

„Doch schon.“ Jungkook grinste. „Aber wenn wir betrunken sind, fällt dir vielleicht nicht auf, dass ich schlecht bin.“

So schlecht war er gar nicht. Mit heißen Wangen bewegte Jimin sich nur wenige Minuten später zu der Musik. Er ließ sich auf den tiefen, dreckigen Beat ein und tanzte, wie es ihm gefiel. Jungkook schien es auch zu gefallen. Er schloss nicht ein einziges Mal die Augen. Sie verfolgten die Bewegungen seiner Hüfte, seiner Arme und seines Gesichts, wie hypnotisiert. Er sah dabei verdammt hübsch aus, als würde er zum ersten Mal einen schönen Mann tanzen sehen, mit runden Augen und geöffneten Lippen. Doch dann veränderten sich die Lichter des Clubs, flackerten unruhig über seine Gesichtszüge und ließen sie plötzlich viel härter und älter wirken. Sie berührten sich nicht, während sie tanzten, beobachteten sich bloß und ließen den Alkohol und die Endorphine wirken.

Erst später, außer Atem und verschwitzt, kam Jungkook näher und sagte Jimin etwas ins Ohr: „Du tanzt ganz anders als die anderen.“

„Was meinst du?“

„Du tanzt irgendwie freier. Ich weiß nicht, einfach besser.“

„Und du tanzt ganz in Ordnung.“

Jungkook lachte. Seine Augen glitzerten frech. „Dafür kann ich andere Dinge besser.“

„Zum Beispiel?“

Die Frage war eine Einladung, weil Jimin ganz genau wusste, worauf Jungkook hinauswollte und er zögerte keine Sekunde. Seine Hand berührte Jimins Gesicht, glitt in seinen Nacken und zog es zu sich. Jungkooks Lippen waren warm und ruhig. Er ließ den Moment wirken – den lauten Bass, der wummernd in ihre Körper drang, die Hitze und die aufgeladene Energie der tanzenden Menschen um sie herum. Als sie sich voneinander lösten, ließ er seine Hand sinken und grinste breit.

„Das war’s?“

Jungkook grinste. „Nur ein Sneak Peak.“

Jimin hob amüsiert eine Augenbraue. „Für was?“

„Für später.“ Jungkooks Augen leuchteten frech. „Wenn wir bei dir sind.“

Jimin lachte. Die Andeutung war plump, doch Jungkooks Rehaugen und sein schiefes Grinsen verliehen ihr einen Charme, den Jimin nicht ignorieren konnte. Und letztendlich war er für seine Zwecke perfekt – unkompliziert, attraktiv und clever. Sie tanzten noch eine Weile, enger und anzüglicher. Dann gab es noch einen kurzen Ausflug zur Bar, an der Jimin einen weiteren Whiskey trank und Jungkook irgendeinen Cocktail. Ihre Gespräche bestanden aus neckischen Worten, scharfen Blicken und zweideutigen Anspielungen. Es war zwei Uhr, als sie den Club verließen und sich auf den Weg zu Jimins Wohnung machten.


_______________



Die Fahrt in der U-Bahn war wie immer der zweitunangenehmste Teil eines One Night Stands. Das Licht war viel zu grell, die Stimmung im Abteil viel zu abgekühlt und berühren konnten sie sich in der Öffentlichkeit auch nicht. In Jimins Wohnung angekommen waren sie auf einmal wieder Fremde. Es passierte jedes Mal. Aber Jungkook war gut darin von vorne anzufangen. Er ließ die Stille in Jimins Zimmer gar nicht erst zu Wort kommen, sondern übertönte sie mit seinem frechen Grinsen und seinen niedlich geschwungenen Lippen. Inzwischen war er alles andere als schüchtern. Er wusste genau, was er wollte.

Seine Hände waren auf eine sanfte Weise grob, gruben sich in Jimins Haut und schoben ihn dorthin, wo er ihn haben wollte, aber er küsste so süß und ruhig, dass Jimin es fast romantisch nennen würde. Jungkook ließ ihnen beiden Zeit. Er hatte keine Eile. Immer wieder verirrte sich seine Stimme flüsternd in Jimins Ohr und wärmte damit seinen Körper von innen heraus.

„Ich will, dass du dich gut fühlst. Darf ich dich ausziehen?“

„Fuck, bist du schön.“

„Deine Haut ist so weich.“

„Sag mir, wenn ich dir wehtue.“

„Bitte, schau mich an.“


Jimin sprach nie viel beim Sex, aber er genoss es zuzuhören – genoss die Aufmerksamkeit, die Jungkook ihm schenkte und die Mühe, die er sich gab, um Jimin das zu geben, wofür er heute Abend seine Wohnung verlassen hatte. Er ließ Jimin vergessen, wer er war und wo sie waren, ließ ihn bloß keuchen und stöhnen, bis sein Bettlaken feucht und ihre Körper heiß waren. Bis die flüchtige Verbindung zwischen ihnen hell leuchtete und sie vergaßen, dass sie sich eigentlich nicht kannten.

Danach war es lange still, nur tiefes, aufgeregtes Atmen in der stickigen Luft, das sich langsam beruhigte. Dort, wo ihre Haut sich berührte, klebte sie aneinander, aber es störte Jimin nicht. Er genoss diesen Moment, den er nicht allein in seinem Bett liegen musste und lauschte Jungkooks Atem, bis sein Körper abkühlte und der Schweiß ihn frieren ließ. Irgendwann kroch Jungkooks Hand zu ihm nach oben und strich sanft über seine Wange, in den Ansatz seiner Haare hinein. Es war süß. Jungkook war trotz seiner frechen Art ganz eindeutig ein Romantiker, so wie er Jimin auf die Wange küsste, auf seine Nase und seine Stirn und schließlich auf seinen Hals. Erst dann stand er auf und holte ihnen beiden ein Glas Wasser.

Jimin blinzelte über den Rand hinweg zu Jungkook hinüber, als sie sich auf der Matratze gegenüber saßen.

„Willst du bleiben? Ich muss früh los, also bist du morgen wahrscheinlich allein. Aber du kannst trotzdem gern hier schlafen.“

Das war gelogen. Jimin wollte, dass Jungkook noch blieb, aber Termine hatte er für morgen keine.

Jungkook lächelte. „Ja, klar, danke.“


_______________



Während Jimin im Bad stand, sich kurz abduschte und die Zähne putzte, wusste er, dass Jungkook bestimmt nicht still auf seinem Bett saß. So schätzte er ihn nicht ein. Wahrscheinlich wanderte er in diesem Moment gerade durch das Zimmer und betrachtete jedes kleinste Detail, jeden Buchrücken und jeden billigen Dekoartikel. Schon bevor Jimin ins Badezimmer verschwunden war, hatte er angefangen neugierige Fragen zu stellen. Kaum trat Jimin aus der Tür hinaus und zurück in sein Zimmer, traf ihn die nächste-

„Funktioniert die?“

Jungkook stand mitten im Raum und hielt mit Begeisterung Jimins Analogkamera in den Händen.

Er nickte. „Ja. Ich benutze sie oft.“

Seit einem halben Jahr eigentlich nicht mehr. Aber wenn Jimin damit geantwortet hätte, hätte Jungkook bloß nachgefragt. Jimin trat an ihm vorbei und setzte sich auf sein Bett. Eigentlich wollte er sich hinlegen, vielleicht noch ein bisschen von Jungkook gehalten werden, nette Dinge ins Ohr geflüstert bekommen und schließlich einschlafen. Es war spät. Trotzdem fand er es irgendwie niedlich, wie sehr Jungkook sich für seine schäbige, absolut nicht besondere Kamera interessierte. Die war noch von seinem Vater. Immer wieder hob Jungkook sie an sein Gesicht und schaute durch den Sucher, um ein Motiv zu finden, das ihm gefiel. Er hatte vorhin erzählt, dass er Fotografie studierte. In einem alternativen Universum würde Jimin vielleicht mit ihm zusammen auf dieselbe Uni gehen.

„Du hast gar nicht erzählt, dass du auch fotografierst“, bemerkte er, das Gesicht noch immer halb hinter dem rechteckigen Kasten in seinen Händen versteckt.

Er schwenkte die Kamera herum und richtete sie schließlich auf Jimin. Ein flüchtiges Lächeln erschien auf seinen geschwungenen Lippen und mit vorsichtigen Schritten kam er langsam auf das Bett zu.

„Was würdest du bei einem Shooting jetzt tun?“, fragte er.

Jimin lächelte, stützte sich nach hinten und neigte den Kopf. „Was für ein Shooting?“

„Mhh, vielleicht…“ Jungkook hörte auf sein linkes Auge zusammenzukneifen und ließ für einen Moment die Kamera sinken. „Vielleicht ein einfaches Portrait, das neben einem Interview mit dir abgedruckt werden soll.“

„Was für ein Interview?“

„Ein ganz persönliches, über die wahre Geschichte deines Erfolgs.“ Jungkook grinste. „Und das Portrait soll dich so zeigen, wie du bist. Nichts anderes.“

Eigentlich war Jimin viel zu müde um sich jetzt ernsthaft in eine Pose zu werfen, aber er versuchte es trotzdem, strich sich die Haare aus dem Gesicht und lehnte sich erneut zurück. Bis auf seine Schultern, damit seine Schlüsselbeine hervortraten, entspannte er seine Muskeln, legte den Kopf ein wenig in den Nacken und ließ seine Augen zufallen. Nur er selbst und nichts anderes. Was für eine seltsame Anweisung.

Die Kamera klickte.

Das Geräusch brachte Jimin dazu die Augen wieder zu öffnen und müde zu lächeln, als er sah, dass Jungkook viel näher gekommen war. Er hob den Kopf und veränderte seine Position. Nun war sein schmaler, langer Hals besser zu sehen, genauso wie die scharfe Kante seines Kiefers und sein spitzes Kinn. Als Jimin nun in das runde Objektiv der Kamera hineinsah, stellte er sich vor, Jungkook und er wären wieder im Club und würden miteinander tanzen. Er erinnerte sich an die flackernden Lichter und die aufgeladene Energie. Mit dem Gedanken an ihren Kuss, ließ Jimin flüchtig seine Zunge über seine Lippen gleiten. Jungkooks Mundwinkel zuckten nach oben. Sein schiefes, freches Lächeln erschien.

„Bist du Erotik-Model?“

„Sag du’s mir. Du bist der Fotograf.“ Jimin lächelte verschmitzt und starrte weiter in das Objektiv hinein.

Die Kamera klickte, einmal, zweimal, dreimal. Jungkook kam immer näher, bis er nur wenige Zentimeter von Jimins Gesicht entfernt war. Er konnte es unmöglich noch fokussieren. Trotzdem klickte es wieder.

Sie schliefen ein zweites Mal miteinander, ruhiger und sanfter dieses Mal, weil sie beide müde waren. Jungkook nahm Jimin danach tatsächlich fest in seine Arme und murmelte warme, weiche Halbsätze in sein schwarzes Haar. Es fühlte sich gut an. So einfach wie in dieser Nacht driftete Jimin selten in den Schlaf.


_______________



Der Morgen danach war der unangenehmste Teil eines One Night Stands. Es gab einfach nichts mehr zu sagen. Der Sinn der Zusammenkunft war erfüllt und es gab keine gemeinsame Zukunft. Trotzdem verbrachte man aus Höflichkeit noch mindestens eine halbe Stunde miteinander und wartete auf den richtigen Moment oder die richtige Ausrede, um sich vom Acker zu machen. Jimin umging diese Qual normalerweise, indem er früh genug aufstand, den Fremden in seinem Bett allein ließ und sich mit seiner großen Chanel Sonnenbrille in das Café gegenüber setzte. Als er viel zu spät allein in seinem Bett aufwachte, dachte er, das Problem hätte sich von selbst erledigt. Doch dann klimperten Schlüssel an seiner Wohnungstür. Keine Sekunde später stand Jungkook am Fußende des Bettes. Er hielt eine Papiertüte und zwei Kaffeebecher nach oben. Was zur Hölle.

„Hab uns Frühstück besorgt.“

Er sah verdammt niedlich aus. Jimin wollte, dass er ging.

Sie aßen die Bagel und tranken den Kaffee auf dem Bett, weil es weder einen Tisch, noch eine andere Sitzgelegenheit in der Wohnung gab. Normalerweise wäre Jimin inzwischen gar nicht mehr hier, sondern hätte sich in einen Park verzogen und einen billigen Kaffee gekauft, nicht wie Jungkook bei Starbucks, sondern an irgendeinem Automaten. Vielleicht hätte er angefangen auf Tinder nach rechts und links zu wischen, um mit irgendeinem Kerl den Tag über zu schreiben und das Match am Abend wieder aufzulösen. Er hatte in dieser Wohnung noch nie mit jemandem gefrühstückt. Meistens frühstückte er überhaupt nicht.

„Was ist eigentlich mit deinem Termin?“

Jimin hob langsam den Kopf und sah zu Jungkook herüber. „Hm?“

„Du hast doch gesagt, du musst früh raus.“ Er grinste. „Jetzt ist zwölf.“

Schnaubend senkte Jimin den Blick wieder. „Ja, war nicht so wichtig.“

„Was hattest du vor?“

„Ich wollte mit einem Freund ein paar Dinge besprechen. Nichts Dringendes. Er kommt in einer Stunde vorbei.“ Jimin nahm einen Schluck Kaffee, bevor er wieder nach oben sah. „Du kannst also nicht mehr so lange bleiben.“

„Oh, kein Problem. Ich wollte sowieso bald trainieren gehen.“ Jungkook lächelte schief.

Er lächelte auch dann schief, als er im Flur noch schnell seine Nummer auf einen Zettel kritzelte. Auf einmal war er wieder zu schüchtern um Jimin länger als ein paar Sekunden in die Augen zu schauen und trat auf der Stelle herum, als er versuchte ein paar nette Worte zum Abschied zu finden-

„Du hast ja meine Nummer, also kannst du dich gerne melden, wenn dir mal langweilig ist, oder so.“ Er grinste und fasste sich in den Nacken. „Oder wir sehen uns im Club an der Bar.“

Jimin lächelte schmal. „Ja, vielleicht.“

„Mach’s gut.“ Jungkook öffnete die Tür etwas zu schwungvoll.

„Bis dann.“

„Tschüss.“

Das Schloss klickte.

Jimin war allein. Mit einem tiefen Seufzen sank sein Körper ein kleines bisschen zusammen. Sein Blick fiel auf die Nummer auf der Kommode. Er nahm den Zettel und sah für einen Moment darauf, als wäre Jungkooks Gekritzel mehr, als nur eine bedeutungslose Zahlenfolge. Schon viele solche Zettel hatten es in Jimins Wohnung geschafft. Manche behielt er und steckte sie zwischen die Seiten seiner alten Tagebücher. Die meisten warf er in den Müll.

Ein bisschen traurig war es schon, dass Jimin sich nie bei Jungkook melden würde. Aber das war es immer.
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