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Wintermomente

GeschichteHumor, Familie / P6 / Gen
OC (Own Character) Ran Mori Shinichi Kudo Yukiko Kudo Yusaku Kudo
31.01.2021
04.05.2021
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18.04.2021 2.402
 
Kapitel 7: Gespräche und weitere Unfälle

Shinichi öffnete die Augen und war im ersten Moment verwirrt. Wo war er?
Als er sich aufrichtete, rutschte die Wolldecke zu Boden.
Jetzt wusste der Detektiv wieder, wo er war.
Leise seufzend hob er die Wolldecke vom Boden auf, faltete sie grob zusammen und legte sie auf den Sessel, bevor er schliesslich ganz leise zu seiner Ehefrau ins Bett schlüpfte und nach kurzer Zeit wieder einschlief.
Er hatte nicht gesehen, dass draussen dichter Schnee fiel.

Als er am nächsten Morgen die Augen aufschlug und zehn Minuten später ins Wohnzimmer trat, schaute ihm seine ganze Familie entgegen. Alle liessen die Schultern hängen.
"Was ist denn hier los? Ist jemand gestorben? "
"Morgen Dad", seufzten Miyuki und Reika synchron und deuteten auf das Fenster. "Wir erhielten einen Anruf, der Kurs heute wurde abgesagt. Aber wir kämen sowieso nicht raus, denn wir wurden eingeschneit."
"Was?"
Shinichi trat zum Fenster und sah dann die weisse Katastrophe. Der Schnee reichte bis zum unteren Rand des Fensters, in der Mitte sogar ein bisschen höher. Sie könnten zwar durchs Fenster ins Freie gelangen, aber dann würden sie bis zur Brust im Tiefschnee stecken. Eine Flucht durch die Tür war somit ebenfalls kaum möglich.
Shinichi stöhnte leise.
Sie alle waren nun hier eingesperrt. Sein Grossvater, seine Eltern, Ran, die sechs Kinder und er. Elf Personen in einem Blockhaus, das nicht für elf Personen ausgelegt war.
Oje, oje.

Dummerweise konnten sie nichts dagegen tun, sie konnten nur warten, bis der Schnee schmolz oder weggeräumt wurde. Doch selbst das war keine Garantie, dass sie dann das Haus verlassen konnten, da noch immer dichtes Schneegestöber herrschte und in jeder Stunde noch mehr Schnee liegenblieb.
Gegen das Wetter konnten sie nichts ausrichten, also mussten sie das Beste aus ihrer Situation machen.
Shinichi strich sich durch die Haare und überlegte, womit sie die Zeit totschlagen konnten, ohne sich daraufhin selbst gegenseitig totzuschlagen, doch ihm fiel nichts ein.
Doch so oder so: er musst sowieso zuerst noch etwas anderes erledigen.

Shinichi seufzte, dann drehte er sich zum Schriftsteller um.
"Vater? Kann ich kurz unter vier Augen mit dir sprechen?"
Die Kinder grinsten sich an.
"Uh oh, jetzt knallt's gleich."
"Natürlich", sagte der 54-Jährige.
Yusaku warf einen kurzen Blick zu Yukiko, dann folgte er seinem Sohn in sein Schlafzimmer.
Shinichi schloss die Tür hinter seinem Vater, dann liess er sich auf das Bett fallen. Obwohl er in der Nacht hatte schlafen können, war er immer noch ziemlich müde.
"Junge, ist alles in Ordnung?"
Shinichi seufzte erneut.
"Wegen gestern... Es tut mir leid, dass ich euch vorgeworfen habe, ich sei nur ein Unfall. Ich weiss, dass deine Mutter..." Shinichi machte eine kurze Zwangspause, bevor er fortfuhr. "Erst euer Scherz und meine Angst um deinen kleinen Namensvetter, dann Mutters giftige Art, wie sie von eurer Hochzeit erzählt hat, meine schlaflose Nacht... Das war zu viel. Aber ich hätte nicht vergessen dürfen, dass Grossvater dich nicht ohne Grund alleine grossgezogen hat..."
"Schon gut, Shinichi-"
"Nein, ich meine es wirklich ernst-"
"Und ich auch, Junge", unterbrach Yusaku ihn und setzte sich neben ihn. "Mein Vater liebt mich über alles, er hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Wir Kudo-Männer waren alle sehr jung, als wir Väter wurden, aber du und ich hatten eine liebende Frau an unserer Seite, die uns tatkräftig unterstützt haben. Shunsaku hatte dieses Glück leider nicht, aber es war nicht seine Schuld. Gib ihm bloss nicht die Schuld, dass ich ohne Mutter aufgewachsen bin, ja?"
"Das würde mir im Traum nicht einfallen", murmelte Shinichi leise. "Trotzdem frage ich mich, warum du dich nie auf die Suche nach ihr gemacht hast. Sie ist ja nicht bei deiner Geburt gestorben, also-"
"Vater wollte das nicht."
Das konnte Shinichi nicht verstehen.
"Bitte?"
"Er wollte mich schützen."
"Hä?"
"Er wollte nicht, dass ich enttäuscht werde, und das verstehe ich heute besser als damals. Meine Mutter wollte mich nicht, also ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass sich nichts daran geändert hat. Ich meine, stell dir mal vor, wie es aussehen würde, wenn ich vor ihrer Haustür auftauche? 'Hallo, wie geht’s? Ich bin dein Sohn. Erinnerst du dich an mich?'"
"Ziemlich befremdlich", sagte Shinichi, der sich diesen Moment bildlich vorstellen konnte.
Yusaku unterdrückte ein Lächeln und fuhr fort.
"Ich bin mir sicher, dass sie ganz genau weiss, wer ich bin. Wie viele Yusaku Kudos, die an meinem Geburtstag geboren wurden und einen Vater namens Shunsaku haben, gibt es schon?"
"Sofern du keinen Zwillingsbruder hast, der auch noch denselben Namen trägt..."
Der Schriftsteller räusperte sich.
"Meine Mutter weiss ganz genau, wer ich bin, trotzdem hat sie sich nie bei mir gemeldet. Bei mir nicht und auch bei meinem Vater nicht."
Shinichi schüttelte fassungslos den Kopf.
"Selbst als Berühmtheit warst du ihr egal, und du bist es immer noch. Das tut mir leid."
Yusaku zuckte mit den Schultern. Was sollte er dazu auch sagen? Er konnte es ja sowieso nicht ändern.
"Ich habe meinen Vater, meine geliebte und wunderschöne Frau und meinen wunderbaren Sohn. Und ich habe eine bildhübsche Schwiegertochter und euren schlagfertigen und frechen, aber sehr liebenswürdigen Nachwuchs. Was will ich mehr?"

Shinichi lächelte erleichtert.
"Danke."
Yusaku legte seinen Arm um Shinichis Schulter und drückte ihn an sich.
"Alles wieder gut?"
"Wenn bei dir auch alles wieder gut ist..."
"Natürlich. Ich wollte mich nur noch einmal für den Scherz mit den Zwillingen entschuldigen, das war wirklich nicht in Ordnung gewesen."
Der Detektiv winkte ab.
"Schon gut. Macht es einfach nie wieder, okay?"
Yusaku nickte nur zur Antwort.
"Wollen wir zu den anderen zurück? Vielleicht machen sie sich bereits Sorgen."
Shinichi rollte mit den Augen.
"Die Kinder vielleicht, aber sicher nicht Ran oder Mutter."

Und so war es dann auch.
Als Yusaku unversehrt und alles andere als zerfleischt zur Familie zurückkehrte, waren Shinichi Jr. & Co. ein bisschen enttäuscht darüber, Ran jedoch hatte gar nichts anderes erwartet.
Während der Schriftsteller erfreut in der familiären Runde willkommen geheissen wurde, seufzte Ran und griff nach Shinichis Hand.
"Also ihr könnt machen, was ihr wollt, aber muss mit meinem Herrn Gemahl noch etwas besprechen", sagte sie und zog den Detektiv an ihre Seite. "Yukiko, könntest du dich in der Zwischenzeit um die zwei Kleinen kümmern?"
"Aber natürlich, nichts lieber als das."
Shinichi Jr. und seine Geschwister steckten erneut die Köpfe zusammen.
"Jetzt wird Dad zerfleischt, uuhh!"
Ran warf ihren Kindern einen ernsten Blick zu, doch sie liess die Worte unkommentiert.
Ohne ein Wort zog sie ihren Ehemann in ihr Schlafzimmer und... kam nicht mehr hinaus.
Als Yukiko eine Stunde später nachschauen wollte, ob alles in Ordnung war, bot sich ihr ein Anblick, den sie sofort fotografieren musste.
Es war ein sehr inniger Moment zwischen Shinichi und Ran; beide sassen auf Bett, lehnten mit dem Rücken an der Wand und genossen mit geschlossenen Augen die ungestörte Zweisamkeit, ohne zu bemerken, dass sie beobachtet und sogar noch fotografiert wurden.
Das Foto wollten alle sehen, und nachdem Yukiko es mit einer Erpressung versucht hatte, die jedoch erfolglos blieb, reichte sie ihr Handy schliesslich herum.

Die beiden Kudo-Töchter begannen zu schwärmen, Yusaku war stolz auf seinen Sohn, und Shunsaku strich sich verstohlen eine Träne des Glücks aus dem Auge. Er war überglücklich über den liebestechnischen Werdegang seines Enkels. Er hatte Ran von Anfang an in der Familie akzeptiert, und er hatte nie einen Moment erlebt, in dem er das hätte bereuen müssen. Im Gegenteil.
Reika, Miyuki, Yukiko und auch Shunsaku schauten sich das Foto nochmal an, nur Shinichi Jr. hatte genug gesehen.
Er verschränkte leicht gelangweilt die Arme vor der Brust.
"Wenn es hier wenigstens einen Fernseher gäbe, könnten wir uns die Zeit so totschlagen, aber ohne Röhre wird das schwierig."
Yusaku lächelte ihn verlegen an.
"Ach was, wir brauchen keinen Fernseher, um uns zu amüsieren, benutze einfach deine Phantasie."

Shinichi Jr. grummelte, dann erinnerte er sich an die Diskussion vom Vortag und wandte sich seinen Geschwistern zu.
"Wer hätte gedacht, dass es so nervenaufreibend werden würde?"
Miyuki grinste.
"Und ich dachte schon, es wird langweilig, wenn wir früher zurückkommen."
"Stimmt", nickte Reika, die sich ebenfalls an den Vortag erinnerte, bevor sie und ihre drei Geschwister sich anschauten.
"Wenn wir mal Kinder haben werden... werden es auch Unfälle sein?"
"Hoffentlich nicht", murmelte Shunsaku, und Reika pflichtete ihm bei.
"Ich will gar keine Kinder", sagte Miyuki und verschränkte die Arme vor der Brust. "Nie und niemals."
"Sag niemals nie", ermahnte Reika sie, als auch schon Shinichi Jr. seine Meinung zum Besten gab.
"Ich will nur ein halbes Kind, wenn überhaupt."
Seine Geschwister schauten ihn an und blinzelten.
"Ein... halbes?"
"Was meinst du damit?"
"Wie soll denn das gehen?"
"Ich will einen Merlion", sagte Shinichi Jr., was seine jüngere Schwester nicht verstand.
"Ein Merlion ist eine Mischung zwischen Löwe und Fisch, aber du bist ein Mensch-"
"Na und? Ich bin Sternzeichen Löwe, und wenn ich eine Meerjungfrau heirate, kommt am Schluss ein Merlion dabei raus, so wie der in Singapur."
Reika griff sich an die Stirn.
"Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Warte, spar dir die Antwort, das war eine rhetorische Frage."

Miyuki grinste.
"Wir hätten wohl besser nach Singapur fliegen sollen, als hierhin zu fahren, wo wir eingeschneit werden."
Zwar war Shunsaku derselben Meinung, doch im Gegensatz zu seinen Geschwistern sah er auch etwas Positives an ihrer jetzigen Situation, und besonders an der von Shinichi Jr.
"Du kannst dich glücklich schätzen, dass wir heute eingeschneit wurden, Brüderchen. So kannst du den Tag nutzen und dich von deiner Verletzung erholen. Andererseits hättest du den heutigen Kurs-Tag verpasst und würdest uns auf ewig hinterherhinken."
Shinichi Jr. grummelte beleidigt, doch dann musste er Shunsaku Recht geben. Es stimmte tatsächlich. Er konnte von Glück reden, dass er heute nicht auf die Piste konnte, seine Schulter und sein Knie dankten es ihm.
Aber genervt war er trotzdem.

Wenn sie wenigstens draussen eine Schneeballschlacht veranstalten könnten, aber sie konnten das Haus gar nicht verlassen, ohne zu unfreiwilligen Maulwürfen zu werden.
Seine Unzufriedenheit und seinen Frust liess er an seinem Vater aus, der eine halbe Stunde später zu ihnen zurückkehrte und der sich kaum dagegen wehren konnte.
Auf dessen Erwiderung, dass er froh sein sollte, sich mit seinen Verletzungen nicht in der Grossstadt aufhalten zu müssen, wurde Shinichi Jr. ziemlich unverschämt.
Jetzt, in Anwesenheit seines Urgrossvaters und seiner Grosseltern und als offiziell Verletzter sank seine Hemmschwelle rapide.
"Vielleicht bist du in letzter Zeit auch nur ein bisschen paranoid geworden, Dad?"
"Hey Bursche, pass auf, was du sagst, ja?"
Shinichi Jr. grinste fies.
"Keine Sorge, Dad, ich nerve nur die, die ich mag."
"Das hast du jetzt aber schön gesagt", sagte Yusaku und konnte sich einen leicht sarkastischen Unterton in der Stimme nicht verkneifen.
Shinichi, der keine Lust hatte, sich mit seinem eigenen jungen Klon zu streiten, und besonders nicht nach dessen letzten Worten, seufzte.
"Du solltest die Zeit wirklich zur Genesung nutzen, Junge. Wer weiss schon, wie es morgen aussieht?"

Reika seufzte ebenfalls.
"Und das ausgerechnet am drittletzten Tag unseres Aufenthalts hier", sagte sie. "Wenn es die nächsten zwei Tage auch noch so schneit, können wir gleich hier drin ein Iglu bauen. Und uns dann von einem Hubschrauber abholen lassen."
"Ein Flug über die verschneiten Berge, ja, da wäre ich sofort dabei", sagte Miyuki und begann zu schwärmen. "Überall nur weisse Berge, weisse Wälder, die so genannten Schneemonster..."
"Das wahre Schneemonster sitzt bei uns im Hubschrauber", hüstelte Shinichi Jr. und lieferte sich daraufhin ein Sprüche-Duell mit seiner jüngeren Schwester, bei dem ihre Familienmitglieder immer mal wieder lachen mussten.


Die Familie Kudo machte das Beste aus ihrer Situation und genoss den an sich ruhigen Wintertag, und in der Hoffnung, dass der nächste Morgen wieder strahlend blauen Himmel bringen würde, gingen sie abends ins Bett.
Sie hatten Glück, in der Nacht schneite es nicht mehr, und als sie am Morgen aus dem Fenster schauten, war die Strasse zu ihrer Blockhütte geräumt. Sie konnten wieder raus und den Winter an der frischen Luft geniessen.
Beide Zwillingspaare waren nicht zu bremsen, alle vier zogen sich um und verschwanden so schnell, dass ihre Eltern Shinichi Jr. gar nicht fragen konnten, wie es ihm ging.
Er und seine Geschwister würden den zweitletzten Tag auf der Piste verbringen, und nachdem Yusaku, Yukiko und Shunsaku sich bereit erklärt hatten, gemeinsam auf die knapp einjährigen Zwillinge aufzupassen, machten sich auch der Detektiv und seine Frau auf den Weg, damit sie ebenfalls die Pisten unsicher machen konnten. Wenn sie schon mal in einem Skigebiet waren, sollten sie es auch ausnutzen.

Die ersten drei Stunden blieben sie zu zweit, dann beschlossen sie, zu ihrem Nachwuchs zu fahren und ihnen ein bisschen bei ihrem Kurs zuzuschauen. Ausserdem wollten sie sowieso wissen, wie es ihrem Ältesten ging.
"Hallo!"
"Hey Mum!"
"Hallo Dad!"
Nachdem Reika, Miyuki und Shunsaku ihre Sprünge fehlerlos ausgeführt hatten, fuhren sie zu ihren Eltern und begannen einmal mehr von ihrem Tun zu schwärmen.
"Passt auf, gleich kommt Shinichi", sagte Reika und deutete auf eine kleine Gruppe Skifahrer. "Er versucht nochmal den Superman."
Alle fünf schauten gebannt auf den sechzehnjährigen Oberschüler, der weiter oben bereit stand und auf das Zeichen des Kursleiters wartete, das er zwei Sekunden später erhielt.

Shinichi Jr. nahm Anlauf, fuhr über die Schanze und führte den Sprung fehlerlos aus.
Doch dann geschah es.
Er übersah eine kleine Wölbung in der Piste und stürzte. Unkontrolliert rutschte er weiter und knallte schliesslich in seinen Vater, den er zu Boden warf und noch drei Meter weiter mit sich riss.
Shinichi Jr. rappelte sich sofort und wieder auf, entschuldigte sich bei seinem Vater und wollte ihm aufhelfen.

Der Detektiv jedoch blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen.

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Fortsetzung folgt...
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