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Wintermomente

GeschichteHumor, Familie / P6 / Gen
OC (Own Character) Ran Mori Shinichi Kudo Yukiko Kudo Yusaku Kudo
31.01.2021
04.05.2021
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04.04.2021 3.727
 
Kapitel 6: Der Unfall

Shunsaku schlug sich die Hand vor den Mund.
"Oh nein."

Shinichi hatte seine Söhne ebenfalls gesehen und rannte bereits auf sie zu.
Kaum war er bei ihnen, fiel Shinichi Jr. auf die Knie.
"Hallo Dad. Keine Panik, es geht mir gut, ich bin nur gestolpert", wiegelte der Sechzehnjährige alles ab, und sein kleiner Bruder rollte mit den Augen.
"Hört, hört."
Yukiko, Yusaku und die zwei Kleinen waren ebenfalls bereits bei ihnen, doch sie wussten, dass nun die Eltern gefragt waren, nicht die Grosseltern. Sie machten Ran und Shinichi Platz und kümmerten sich in der Zwischenzeit um Yuriko und Yusaku Jr.
Ran wollte bereits den Krankenwagen rufen, doch ihr Sohn hinderte sie daran.
"Es geht mir gut, Mum, wirklich. Ich muss mich nur ausruhen. Morgen bin ich wieder fit wie ein Skischuh."
Sein Vater seufzte.
"Bist du ganz sicher? Ich will dich nicht mitten in der Nacht ins Krankenhaus fahren müssen, weil du es vor Schmerzen nicht mehr aushältst."
"Das wird nicht passieren, glaub mir", versicherte der Oberschüler ihm, bevor er mit zusammengebissenen Zähnen wieder aufstand. "Ich muss mich nur ausruhen."
"Na dann", seufzte Shinichi und schaute in die Runde. "Ich bringe ihn zur Blockhütte und bleibe bei ihm, aber ihr könnt weiter spazieren gehen."

Der 74-jährige Shunsaku schaute zum Himmel hoch.
"Ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis es schneit. Ich werde dich begleiten, wenn ich darf."
"Ich auch", kam es vom jungen Shunsaku. "Ich bin kaputt."
Nach kurzem Zögern schlossen sich auch Yusaku und Yukiko der Gruppe an.
"Na schön, dann also zurück in die warme Stube", sagte Shinichi und nahm daraufhin seinen Sohn huckepack.
Den Weg zur Blockhütte legten sie schnell zurück, und kaum betraten sie sie, setzte Ran Wasser für einen Tee auf, während sich alle anderen aus ihrer Winterkleidung schälten.
Fünf Minuten später sassen sie im Wohnzimmer und wollten hören, was Shinichi Jr. zu berichten hatte. Doch bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, ging die Tür auf und Reika und Miyuki betraten die Blockhütte.
"Nanu?"

Ran blickte ihre Töchter fragend an. "Was macht ihr denn hier?"
Miyuki rollte mit den Augen und deutete zum Fenster.
"Es schneit jetzt, und der Kurs ist sowieso für heute beendet. Nach Shinichis Sturz war die Atmosphäre irgendwie nicht mehr dieselbe, und der Kursleiter meinte, dass wir für heute Schluss machen. Aber morgen geht’s weiter."
"Hey Brüderchen, wie geht’s?", fragte Reika und war sich nicht sicher, ob sie ihn bemitleiden sollte oder nicht. Shinichi Jr. sass in einem Sessel und liess sich von Ran bemuttern.
"Mir tut alles weh", jammerte er, was Reika jedoch nur mit einem müden Lächeln quittierte.
"Ja, der arme kleine Shinichi. Du hättest es eben nicht übertreiben sollen."
"Was ist denn eigentlich passiert?", wollte Yukiko wissen und platzierte die einjährige Yuriko anders auf ihrem Schoss.
"Ja, erzähl!"

Natürlich wollten alle wissen, was passiert war, doch als Shinichi Jr. leicht beleidigt schwieg, übernahm Shunsaku das für ihn.
Er begann, die Kurzfassung zu erzählen und konnte sich trotz der eher ernsten Lage ein Grinsen nicht verkneifen.
"Schon als Shinichi oben losfuhr, wussten wir: entweder wird das richtig cool, oder richtig schmerzhaft. Es wurde schliesslich beides. Anstatt einen sauberen 'Superman Frontflip' hinzulegen, wie wir es heute geübt haben, hat er einen halben Salto zu viel gemacht und blieb schliesslich im Tiefschnee stecken."
Ran schlug sich die Hände vor den Mund.
"Oh mein Gott."
"Wollt ihr es sehen?"
"Ja!"
"Nein!"
Die Antworten waren unterschiedlich, doch Miyuki ignorierte die Nein-Sager, holte ihr Handy hervor und zeigte das Video denjenigen, die es sehen wollten.
Am Anfang sah es ganz professionell aus, aber dann...

Shinichi Jr. grinste.
"Es ist doch immer so, oder? Der Flug ist cool, aber die Landung... na ja."
Ran, die das Video nicht gesehen hatte, sich aber aufgrund der Reaktionen der anderen vorstellen konnte, wie es ausgesehen haben musste, seufzte.
"Heute bleibst du erst mal hier im Haus, und morgen schauen wir, wie es dir geht, und entscheiden dann."
"Okay."
Shinichi Jr. freute sich bereits darauf, in den nächsten Stunden bemuttert zu werden, doch Reika roch den Braten.
"Vergiss es, Brüderchen. Mum muss sich um die zwei Kleinen kümmern, du kannst dir dein Jammern sparen."
Ihr gleichaltriger Bruder funkelte sie an.
"Ich hasse es, wie deine Generation spricht."
Reika rollte mit den Augen.
"Du gehörst zur selben Generation, also pass auf, was du sagst, ja?"
"Siehst du, das meinte ich."
"Kinder, bitte seid nett zueinander", versuchte Yukiko einen Streit im Keim zu ersticken, doch nicht sie schaffte das, sondern ihr zehnjähriges Ebenbild.

"Mir tut das Pärchen von vorhin leid", seufzte Miyuki, und Reika nickte.
"Ja. Dass es ausgerechnet heute schneien muss..."
Shunsaku verstand seine Schwestern nicht.
"Welches Pärchen?"
"Das, was vorhin auf der Piste geheiratet hat."
Ran bekam grosse Augen.
"Ihr wart bei einer Hochzeit dabei?"
"Ja, wenn auch nur indirekt, so wie alle anderen Leute auf der Piste", antwortete Miyuki und zuckte mit den Schultern. "Offenbar ist es heutzutage nicht mehr cool, eine Feier zu veranstalten, bei der nur Familie und Freunde dabei sind."
"Schade, das hätte ich gerne gesehen", seufzte Shunsaku, und Ran, Yusaku und Yukiko nickten.
"Wir auch."
"Apropos, da wir gerade beim Thema sind...", begann Shinichi Jr. und schaute seinen Vater fragend an. "Wie genau war das nochmal bei euch?"

Der Detektiv seufzte.
"Das weisst du doch, Junge. Ran und ich wurden achtzehn, wir haben geheiratet, und zwei Monate später wurdest du und Reika geboren. Alles ganz normal."
"Normal, pah", prustete der Sechzehnjährige. "Normal ist doch langweilig. Warum habt ihr nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion geheiratet, so wie deine Eltern?"
Alle Anwesenden starrten erst den jungen Shinichi an, danach dessen Grosseltern.
Shinichi verengte seine Augen zu Schlitzen.
"Erstens einmal wollten wir eine richtige Feier mit unseren Freunden. Klein, aber fein, wie man so schön sagt. Und zum anderen..."
Nun schaute er seine Eltern an. "Ich habe euch schon tausendmal gefragt, warum ihr heimlich und über Nacht geheiratet habt, aber ihr habt mir nie geantwortet."

"Warum nicht?", wollte der 74-jährige Shunsaku wissen und schaute seinen Sohn an. "Dass du so etwas Privates nicht an die grosse Glocke hängen wolltest, kann ich verstehen, aber eine heimliche Hochzeit ist doch etwas... wie soll ich sagen? Merkwürdig."
"Und zu dir passt das auch nicht, Grossmutter", warf Miyuki ein, und Shinichi gab ihr Recht.
"Das stimmt. Du bist es gewohnt, im Rampenlicht zu stehen, bei dir muss es immer aufgedonnert und gross sein. Die Umstände eurer Hochzeit passt also absolut nicht zu dir."
Yukiko reagierte eingeschnappt.
"Muss ich denn immer alles so machen, wie es von mir erwartet wird?"
"Es passt einfach nicht zu dir", wiederholte der Detektiv und unterdrückte ein genervtes Stöhnen. "Eure Hochzeit ist nicht... Yukiko-like. Warum habt ihr so geheiratet? Ich existierte damals noch gar nicht."

"Ja, du warst zu dem Zeitpunkt noch nicht geboren."

Shinichi starrte seine Mutter an. Diese Tonlage, mit der sie diese Worte gesagt hatte... die gefiel ihm gar nicht. Es klang fast so, als wäre...
Ihm klappte die Kinnlade herunter, dann lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Na toll, ich bin also ein Unfall", knurrte er mit dunkler Stimme. "Das erklärt natürlich alles! Ihr musstet heiraten, weil du schwanger warst!"
"Was?"
Ran starrte ihre Schwiegereltern mit riesigen Augen an. "Shinichi ist ein Unfall?"
"Das stimmt nicht", sagte Yusaku sofort, doch er wurde von allen ignoriert.
Shinichi Jr. und Miyuki fanden es irgendwie lustig, Reika und Shunsaku waren genauso fassungslos wie ihre Mutter, Yusaku Jr. und Yuriko waren mucksmäuschenstill und Shunsaku Sr. verhielt sich ganz ruhig.
"Das erklärt wirklich alles", schnaubte Shinichi und nannte dann gleich ein paar Begebenheiten aus der Vergangenheit, die bei einem Aussenstehenden tatsächlich den Verdacht aufkommen liessen, dass Shinichi nicht erwünscht war.

Sein Vater liess das Ganze nicht auf sich sitzen und versuchte, seinen Sohn vom Gegenteil zu überzeugen.
"Shinichi, du verrennst dich da in etwas!"
"Ach ja?"
"Ja! Tatsache ist, wir haben damals nie über Kinder gesprochen, aber als Yukiko schwanger wurde, war für uns zweifellos klar, dass wir dich behalten."
Der Schriftsteller sprach sofort weiter, bevor er unterbrochen werden konnte. "Du warst niemals und wirst niemals ein Unfall sein. Du bist ein absolutes Wunschkind. Du warst es damals und du bist es auch heute noch. Um nichts auf der Welt würden wir dich hergeben."
"Warum hatte es dann vorher anders geklungen?"
"Yukiko hatte damals sowieso geplant, ihre Schauspielkarriere an den Nagel zu hängen, und als sie erfuhr, dass sie schwanger war, hat sie diese Chance gleich ergriffen. Es hatte alles gepasst. Heirat, Nachwuchs und Karriereende, alles innert kürzester Zeit."
"Obwohl sie nach meiner Geburt noch Ryomas Schwester gespielt hatte und mir bei der Vorbereitung dafür ziemlich auf die Nerven gegangen war?"
"Das war eine Rolle, die ich auf keinen Fall ablehnen konnte", knurrte Yukiko nur auf die zynisch gestellte Frage ihres Sohnes. "Wir sprechen hier schliesslich über Ryoma."

Shinichi konnte und wollte es nicht glauben, und Yusaku versuchte es weiter zu dementieren.
"Junge, was denkst du, warum du Shinichi heisst? Die neue Nummer Eins? Mit den Kanji für 'neu' und der Zahl 1? Du warst Yukikos neue Nummer Eins, und du bist auch meine Nummer Eins. Um nichts auf der Welt würden wir dich jemals wiederhergeben. Da kann kommen, was will, dich geben wir niemals her."
Es waren logische und auch verständliche Erklärungen, trotzdem konnte und wollte Shinichi es immer noch nicht akzeptieren.
"Und die Nacht-und-Nebel-Hochzeit?", fragte er weiter, woraufhin Yusaku mit einer Gegenfrage antwortete.
"Hättest du inmitten der Paparazzi heiraten wollen?"
"Niemals."
"Siehst du. Wir wollten unsere Ruhe. Wir wollten einfach einen schönen Tag haben, ohne befürchten zu müssen, dass uns jemand auflauert. Und das ging nun mal am besten, wenn wir still und heimlich und vor allem überraschend heiraten. Niemand hat es geahnt, niemand hat es vorausgesehen, niemand hat es gewusst. Als die Medien davon Wind bekamen, war es für sie bereits zu spät. Verstehst du?"
Yusaku machte eine ganz kurze Pause, in der er tief Luft holte. "Fakt ist: deine Mutter und ich lieben dich von ganzem Herzen, wir würden alles für dich tun. Wir würden sogar für dich sterben. Genauso wie du für deine Kinder sterben würdest. Oder irre ich mich in diesem Punkt?"
Shinichi verengte seine Augen zu Schlitzen, seine Stimme war so dunkel wie noch nie.
"Ich hoffe sehr für dich, dass das eine rhetorische Frage war."

Yusaku antwortete nicht darauf, stattdessen schaute er seinen Sohn nun bittend an.
"Wie kannst du auch nur denken, dass du ein Unfall wärst? Das ist nicht wahr, Shinichi. Das stimmt einfach nicht."
"Und die vielen Kopfnüsse von Mutter?"
"Die hast du dir selbst zuzuschreiben, Bursche", ging Yukiko wieder in Verteidigungsposition. "Frechheit zahlt sich nicht aus, im Gegenteil."
"Ich war nicht frech", widersprach Shinichi sofort, obwohl er ganz genau wusste, dass seine Worte nicht der Wahrheit entsprachen.
"Ach nein?", keifte Yukiko. "Du wolltest damals lieber zu Hause bleiben und Krimis lesen, als in den Kindergarten zu gehen. Und das sogar am allersten Tag!"
Die vier älteren Kinder steckten die Köpfe zusammen.
"Ja, das klingt ganz nach Dad!", kicherten sie ganz leise.
Shinichi blickte seine Mutter scharf an.
"Es war der Kindergarten, ich bitte dich."
"Ach, und wo hast du deine grosse Liebe und jetzige Ehefrau zum ersten Mal getroffen, hm?"

Der Detektiv antwortete nicht.

Yukiko gab noch ein Beispiel zum Besten.
"Und was war damals, als du in der Mittelschule warst? Wer hat denn da ein Chaos im Chemie-Unterricht veranstaltet, nur um verschwinden zu können, um einem Fall nachzujagen?"
"Was?"
Shinichi Jr. schaute seinen Vater mit grossen Augen an.
"Ganz recht, mein Junge", sprach Yusaku weiter und konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. "Das Chaos, das dein Vater damals veranstaltet hat, war filmreif. Er hat bewiesen, dass Chemie nicht langweilig ist. Das ganze Klassenzimmer war voller Rauch, es war ein Wunder, dass alle überhaupt die Tür gefunden haben. Es dauerte mehrere Stunden, bis der Rauch wieder komplett verschwunden war."
"Wow", keuchte Shinichi Jr. und schaute seinen Vater an. "Wie hast du das geschafft?"

Der Detektiv prustete.
"Als ob ich dir das verraten würde, Junge, nein, nein. Das war mein Meisterstreich des damaligen Tages, ganz allein meiner. Überleg dir selbst was."
"Shinichi, stachele ihn nicht auch noch an!", zischte Ran und schlug sich dann die Hand vor die Stirn. Hoffentlich war es noch nicht zu spät gewesen.

Yusaku unternahm einen letzten Versuch.
"Ich bitte dich, mein Junge, bitte glaub mir. Du warst nie ein Unfall."
Shinichi schlug die Beine übereinander und schloss die Augen.
"Na schön", grummelte er. "Aber die Kosten für diesen Urlaub übernehmt ihr trotzdem."
"Natürlich."

In der Blockhütte breitete sich Stille aus, die kurz daraufhin von Shunsaku unterbrochen wurde.
"Nun, falls es euch beruhigt...", begann der 74-Jährige und hüstelte kurz. "Als ich noch ein Teenager war, hat mein Vater mir eines Abends an den Kopf geknallt, dass ich ein Unfall gewesen sei und er mich nur behalten hätte, weil er sonst in ernste Erklärungsnot geraten wäre."
"Bitte WAS?", fragte Shinichi mit weit aufgerissenen Augen, und auch der Schriftsteller wollte nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Sein eigener Vater ein Unfall?
"Das ist nicht wahr, oder?", keuchte er.
Shunsaku zuckte mit den Schultern.
"Mein Vater war damals stinksauer auf mich, es könnte sein, dass er es in Wahrheit gar nicht ernst gemeint hatte."

Jetzt war die Neugierde des sechzehnjährigen Shinichi geweckt.
"Warum war er denn sauer auf dich?", fragte er, und Shunsaku lächelte verlegen.
"Na ja, ich habe damals an zwei aufeinanderfolgenden Tagen die Schule geschwänzt, weil ich unbedingt einen Fall lösen wollte. Was übrigens geklappt hat und nicht aufgefallen wäre, wenn die Schulleitung nicht bei meinem Vater gepetzt hätte."
Shinichi Jr. und Miyuki grinsten sich an.
"Hm, ich frage mich, ob Dad tatsächlich sein Enkel ist", sagten beide synchron und voller Ironie.
"Überspringt das nicht eine Generation?", fragte Reika daraufhin und erhielt eine eindeutige Antwort von ihrem Urgrossvater.
"Keineswegs."

Shinichi Jr. dachte nicht daran, genauer nachzufragen, weil er nicht ahnte, welche Geschichten da zutage kommen würden, und lächelte den älteren Namensvetter seines kleinen Bruders stattessen an.
"Na ja, Grossvater Shunsaku, du kannst dich trösten. Wir sechs sind auch alles Unfälle, also willkommen im Club."
"Das ist nicht wahr", widersprach Shinichi sofort und tauschte nun den Platz mit seinem Vater in derselben Diskussion, nur dass jetzt zwei andere Generationen involviert waren.
"Du und Reika seid Wunschkinder, ihr seid nur zu früh gekommen."
"Also Unfälle", stellte Shinichi Jr. fest. "Genau wie Shunsaku und Miyuki, weil ihr damals nicht über weitere Kinder gesprochen habt, als Mum schwanger wurde. Mitbringsel aus einem Urlaub sind immer Unfälle, und Yusaku und Yuriko wolltest du zuerst sowieso nicht."

Shinichi verteidigte sich sofort.
"Ich fand damals, dass vier Kinder genug waren, aber die Argumente eurer Mutter können ganz schön schlagkräftig sein, wie ihr wisst."
Ran schaute ihn böse an.
"Soll das heissen, ich hätte dich damals gezwungen, mit mir die zwei Kleinen zu-"
Shinichi stützte seine Ellbogen auf den Knien ab und vergrub sein Gesicht in den Händen.
"Ich kann nicht mehr", seufzte er müde. "Wollt ihr mich fertigmachen? Sind wir nur deswegen hierher gefahren?"
Yusaku hatte einen Verdacht.
"Wie viele Stunden hast du letzte Nacht geschlafen?"
"Nicht viel", antwortete Shinichi leise. "Ich habe geträumt, wie der kleine Yusaku aus dem Krankenhaus entführt wurde. Mit dem Unterschied, dass wir ihn am Schluss nicht wieder gefunden haben. Ich lag fast die ganze Nacht wach."
Ran schluckte trocken.
Es stimmte zwar, Shinichi war vor knapp zwei Jahren nicht begeistert gewesen, als sie mit ihrem Kinderwunsch zu ihm gekommen war, aber inzwischen waren die Zwillinge schon fast ein Jahr alt. Shinichi brachte Kinder und Beruf problemlos unter einen Hut und er bewies einmal mehr, dass er ein guter Vater war. Er liebte die zwei Nachzügler, so wie er auch die älteren vier liebte.

"Schlafmangel kann einem ganz schön zusetzen und verzweifeln lassen", sagte Yusaku und klopfte seinem Sohn sanft auf die Schulter. "Nimm es nicht persönlich, Frauen haben manchmal ihre Launen, worunter wir Männer leiden, das weisst du doch."
Yukiko stemmte ihre Fäuste in die Hüfte.
"Ich tue jetzt mal so, als hätte ich das nicht gehört."
Auch Ran reagierte im ersten Moment eingeschnappt, doch jetzt mit dem Wissen, dass Shinichi in der Nacht kaum geschlafen hatte, war sie ihm gegenüber gnädiger gestimmt. Trotzdem musste sie ihrer Schwiegermutter Recht geben, und wiederholte ihre Worte von vorhin.
"Es stimmt schon, Frechheit zahlt sich nicht aus."
Shinichi hatte sich wieder unter Kontrolle, er lehnte sich wieder zurück und schlug erneut die Beine übereinander.
"Frechheit zahlt sich nicht aus?", fragte er und schaute dann seinen Erstgeborenen an. "Hast du das gehört, Junge?"
"Ich tue jetzt mal so, als hätte ich das nicht gehört", wiederholte er die Worte seiner Grossmutter und grinste dabei. "Unwissenheit schützt vor Strafe."
"Eben nicht", hüstelte Reika, doch bevor sie dieses Thema noch weiter vertiefen konnten, stellte Shinichi seiner Mutter eine komplett andere Frage.

"Bist du immer noch der Meinung, dass ich dir Geld schulde?"
Alle vier Kinder machten grosse Augen.
"Du schuldest Grossmutter Geld? Wofür?"
Yukiko zog es vor, nicht zu antworten, woraufhin Shinichi nun auch wieder die Arme vor der Brust verschränkte.
"Ihrer Meinung nach muss ich noch die Miete nachzahlen für die neun Monate, die ich in ihrem Bauch verbracht habe."
Shinichi Jr. und Miyuki wieherten los, und auch Reika und Shunsaku konnten sich ein lautes Lachen nicht verkneifen.
Wie kam man denn bitte auf eine solche Idee?
Aber interessant war es tatsächlich, das konnten sie nicht abstreiten.

Nachdem Miyuki diese Worte laut ausgesprochen hatte, schaute Ran ihre vier Kinder herausfordernd an.
"Soll ich euch die neun Monate auch in Rechnung stellen?"
"Wieso?", prustete Shinichi Jr. schlagfertig. "Dad hat uns die Kurzzeit-Miniwohnung verschafft, du kannst unseren Aufenthalt ihm in Rechnung stellen."
"Wie bitte?", fragte Shinichi mit dunkler Stimme, doch sein Sohn ignorierte ihn.
"Apropos", fuhr er stattdessen fort. "Ich hatte eigentlich ein Einzelzimmer erwartet, aber ich musste es dann mit Reika teilen. Verrechne ihm das doppelte, Mum."
"Bei mir auch", sagte Miyuki sofort. "Ich hatte auch ein Einzelzimmer bestellt."

Shinichi schlug sich die Hand vor die Stirn.
Eigentlich hatten die Kinder Recht, er war derjenige gewesen, der ihnen das Zimmer zur Doppelbenutzung verschafft hatte, um es mal ganz kindgerecht zu bezeichnen, aber das hiess doch noch lange nicht...
Sein jüngeres Ebenbild spann den Gedanken sogar noch weiter.
"Die Heizung und die Küche funktionierten übrigens immer sehr gut, mein Lob an die Hauswartin und die Köchin. Und wir hatten genug Platz, ausser am Schluss, da wurde es richtig eng. Aber der Auszug aus der Miniwohnung war... na ja, wie soll ich das beschreiben?"
Nun schaltete Miyuki sich wieder ein.
"Ihr habt die Wohnung wenigstens durch die Tür verlassen können, aber bei uns wurde gleich die ganze Wand eingerissen", erzählte sie. "Und dann kamen so komische, tentakelartige Dinger hinein und griffen nach uns-"
"Als ob ihr euch daran erinnern könntet", seufzte Shinichi nur und schloss die Augen.
Yusaku grinste breit.

"Na ja, eines musst du deinem Nachwuchs lassen, mein Junge: sie alle haben eine blühende Phantasie", sagte er, bevor er das eigentliche Hauptgesprächsthema noch einmal ansprach. "Egal was damals war, die Hauptsache ist, wie es [i]jetzt[/i] ist. Anstatt uns Gedanken darüber zu machen, welche Fehler wir möglicherweise gemacht hatten oder nicht, sollten wir lieber froh sein, dass dem jungen Shinichi nichts Schlimmeres passiert ist. Sein Sturz hätte ganz andere Folgen haben können."
"Das stimmt", seufzte Ran, stand auf und übergab den leicht quengelnden Yusaku Jr. seinem Vater. "Wir könnten jetzt genauso gut im Krankenhaus versammelt sein."
"Lieber nicht", stöhnte Shinichi nur und setzte sich anders hin, damit er und auch Yusaku Jr. es bequem hatten.
"Na schön, da wir so früh schon zurück sind, beginne ich mit der Vorbereitung des Abendessens. Wer hilft mir?"
Reika, Miyuki und Yukiko erbarmten sich und folgten Ran in die Küche, während sich die beiden Shunsakus und Yusaku mitsamt Yuriko zu Shinichi Jr. setzten und über seine Freestyle-Sprünge sprachen. Shinichi indessen kümmerte sich um den einjährigen Yusaku, der in seiner Gegenwart jedoch so ruhig wurde, dass er in den Armen seines Vaters einschlief.
Kurze Zeit später nickte auch Shinichi ein und verschlief schliesslich das Abendessen.

Ran lächelte nachsichtig, als sie ihn mit einer Wolldecke zudeckte. Es war ein anstrengender Tag für ihn gewesen, ein sehr anstrengender sogar, er hatte sich eine Pause verdient.
Zwar hätte sie es lieber gehabt, wenn Shinichi im Bett schlafen würde, doch so unbequem sah der Sessel nicht aus.
"Schlaf gut, Shinichi, und träum was Schönes."

Niemand von ihnen ahnte, dass der nächste Tag noch nervenaufreibender, noch anstrengender und noch wahnsinniger werden würde...

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Fortsetzung folgt...
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