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Wintermomente

GeschichteHumor, Familie / P6 / Gen
OC (Own Character) Ran Mori Shinichi Kudo Yukiko Kudo Yusaku Kudo
31.01.2021
04.05.2021
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18.836
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21.03.2021 1.756
 
Kapitel 5: Eine dunkle Entstehungsgeschichte

Schlaftrunken öffnete Ran die Augen und gähnte, dann drehte sie sich auf den Rücken und streckte sich genüsslich durch. Sie hatte herrlich geschlafen! Sie fühlte sich, als könnte sie Bäume ausreissen! Wenn doch nur jede Nacht so erholsam wäre!
Ran streckte sich noch einmal durch, dann griff sie neben sich, um Shinichi aufzuwecken.
Sie griff ins Leere.
"Shinichi?"
Ran richtete sich auf und sah, dass sie alleine im Bett lag. Wo war denn ihr Ehemann hin? Hatte er bereits das Frühstück gemacht?

Gähnend machte sie sich auf den Weg zu ihren jüngsten Zwillingen, die sich im Nebenzimmer ein Bett teilten, und wollte sie bereit für den Tag machen. Doch im Bett lag nur Yuriko und schlief den Schlaf der Gerechten.
Ran schluckte trocken.
Wo war Yusaku Jr.? Und wo war Shinichi?
Sie beschloss, Yuriko vorerst noch schlafen zu lassen und in die Küche zu gehen, um zu schauen, ob die anderen Familienmitglieder auch bereits das Matratzenradio ausgeschaltet hatten.
Ausser dem ältesten Kudo jedoch traf sie niemanden an, was ihre Sorge wachsen liess, doch als Ran eher per Zufall aus dem Fenster schaute, entdeckte sie Shinichi.
Er lag bäuchlings auf dem Boden vor der Blockhütte und spielte mit Yusaku Jr., der dick eingepackt die ungestörte Zeit mit seinem Vater in vollen Zügen genoss und mit ihm zusammen einen Schneemann baute, der jedoch eher wie ein unförmiger Schneehaufen aussah. Aber Yusaku Jr. hatte seinen Spass, und das war für Shinichi das Wichtigste.
Ran wollte das Fenster öffnen und ihre Jungs zum Frühstück hereinholen, doch Shunsaku hielt sie davon ab.
"Lass ihn, meine Liebe. Er wird schon wieder zu uns kommen, wenn er soweit ist. Der gestrige Abend scheint ihm sehr zugesetzt zu haben."
Die vierfache Mutter seufzte.
"Du hast Recht", sagte sie. "Ich werde wohl mit seinen Eltern noch ein Hühnchen rupfen müssen. Ich weiss ja, dass die beiden immer für einen Streich aufgelegt sind, das war früher schon so, aber das von gestern..."

"Es tut mir leid, Ran, es war wirklich nicht meine Absicht, Shinichi so sehr in Panik zu versetzen."
Ran winkte ab.
"Du kannst nichts dafür, Shunsaku, wirklich. Ich hätte ihn gestern auch energischer davon abhalten sollen, zurückzugehen."
Shunsaku lächelte die Frau seines Enkels an.
"Shinichi kann sich sehr glücklich schätzen, dich zu haben. Ich bin so froh, dass du an seiner Seite bist."
Ran lächelte zurück.
"Danke. Glaub mir, ich wäre es nicht, wenn ich ihn nicht lieben würde. Aber er ist der Vater meiner Kinder, und er ist wirklich der beste Vater, den ich mir für sie wünschen kann. Wenn ich Shinichi nicht hätte..."
Ran setzte sich Shunsaku gegenüber an den Küchentisch und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr, bevor Shunsaku mit Schrecken sehen musste, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.
"Ran, was ist denn...?"

In diesem Augenblick hörten sie, wie jemand die Blockhütte betrat, und dann stand bereits Shinichi mit seinem Sohn auf dem Arm in der Küche. Er sah sofort Rans Tränen.
"Ach Ran", seufzte er, übergab den kleinen Yusaku Shunsaku und umarmte seine Frau von hinten. "Du weisst doch, dass ich es nicht sehen kann, wenn du weinst."
"Ich weine nicht, ich habe nur etwas im Auge", versuchte Ran abzuwiegeln, doch Shinichi wusste sofort, dass sie log.
"Ran, ich bitte dich."
Sie schniefte.
"Ich habe nur gerade daran gedacht, wie es damals war..."
"Denk nicht daran, es ist Vergangenheit. Das war einmal, und ändern können wir es sowieso nicht mehr."
"Du hast Recht", seufzte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange. "Gehst du Reika und die anderen wecken? Ich mache Frühstück."
"Die vier sind bereits weg", antwortete Shinichi und rollte mit den Augen. "Dieser Freestyle-Kurs geht weiter, und offenbar haben alle wahres Talent. Lassen wir sie auspowern, dann sollten wir heute einen ruhigen Abend haben."
Ran seufzte.
Zwar freute sie sich, dass ihre vier jungen Chaoten die Zeit in den verschneiten Bergen genossen, aber ein bisschen mehr gemeinsame Familienzeit hätte sie sich trotzdem gewünscht.
Shunsaku grinste.
"Wenn ihr einen ruhigen Abend haben wollt, solltet ihr auch Yusaku und Yukiko den ganzen Tag beschäftigen."
Shinichi prustete.
"Das habe ich vor, aber ich glaube nicht, dass ihnen Schlitteln Spass macht. Oder eine Schneeballschlacht zu zweit."
Ran kicherte.
"Na ja, du kannst es ihnen ja vorschlagen, aber ich bezweifle auch, dass das reicht."

Shinichi liess sich auf den Stuhl neben Ran fallen und stützte seinen Kopf mit beiden Händen ab. Er war müde und würde am liebsten wieder ins Bett, aber er wusste genau, dass es dafür zu spät war.
"Was ist denn los, Shinichi? Konntest du nicht schlafen?"
"Ich lag die halbe Nacht wach, also ja."
"Dann solltest du heute Abend früh ins Bett", lächelte Shunsaku, und Shinichi seufzte.
"Sollen ja, wollen ja, können nein. Das weiss ich jetzt schon."
Ran schaute ihn streng an.
"Das 'können' wird ebenfalls klappen, dafür sorge ich. Aber erst geniessen wir den heutigen Tag und hoffen, dass unsere vier Extremsportler unverletzt zu uns zurückkehren."
"Ich hoffe, du hast Recht", murmelte Shinichi und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass diese Hoffnung enttäuscht werden würde...

Zwei Stunden später waren die fünf Erwachsenen zu Fuss unterwegs und hatten die jüngsten zwei Familienmitglieder in ihrer Obhut. Während Ran mit den Kindern und ihren Schwiegereltern ein etwas schnelleres Tempo vorlegte, liessen Shinichi und sein Grossvater es ein bisschen ruhiger angehen.
Eigentlich wollten sie über Gott und die Welt plaudern, doch die Geschehnisse des gestrigen Tages und die gesagten Worte gingen Shunsaku nicht mehr aus dem Kopf.
"Sag mal, Shinichi...", begann er schliesslich vorsichtig und hustete kurz. "Warum hast du mir nie erzählt, was damals nach der Geburt von Yuriko und Yusaku geschehen war? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich niemals-"
"Grossvater, bitte, mach dir keine Gedanken deswegen", unterbrach Shinichi ihn und seufzte lautlos, bevor er doch noch auf die Frage antwortete. "Es hatte Ran damals sehr belastet, überhaupt das Ganze, mit allen drei Schwangerschaften, und ich wollte es gestern eigentlich auch nicht ansprechen, aber... na ja, leider kam es anders. Du kannst dich bei deinen Sohn und dessen Frau bedanken."

Nun war Shunsakus Neugierde geweckt.
"Was geschah denn damals? Ran wäre vorhin in Tränen ausgebrochen, wenn du in dem Moment nicht gekommen wärst und sie getröstet hättest... Natürlich nur, wenn du es auch erzählen willst", fügte Shunsaku hinzu und lächelte ihn verlegen an.
Shinichi schaute stumm zu seiner Frau, die mehrere Meter vor ihnen mit Yukiko unterwegs war und zusammen mit ihr vergnügt die kleine Yuriko bespasste.
Shunsaku sah die beiden Frauen ebenfalls und lächelte.
"Ran ist eine so tolle Mutter", schwärmte er, bevor er leicht melancholisch wurde. "Genau so eine Mutter hätte ich mir für meinen Sohn gewünscht..."
Shinichi seufzte erneut und steckte beide Hände in seine Jackentaschen.

"Ich bin mir gerade nicht sicher, was schlimmer ist. Gar keine Mutter zu haben oder einen Vater, wie Ran ihn hat..."
Shunsaku schaute ihn erstaunt an.
"Rans Vater hat mit dem Ganzen zu tun?"
"Indirekt ja."
"Was ist passiert?"
Shinichi schaute erneut zu der Liebe seines Lebens.
"Es ist so ein schöner Tag heute, darum..."
"Ich verstehe, wenn du nicht darüber reden willst-"
"Die Kurzfassung, okay? Es liegt in der Vergangenheit, und ich möchte es auch gerne in der Vergangenheit belassen, denn es ist... wie soll ich sagen... ein ziemlich düsteres Kapitel, ganz besonders für Ran."
"Kein Problem."

Shinichi schloss die Augen und suchte nach den richtigen Worten, um die Erzählung zu beginnen, doch da er seinen Grossvater nicht zu lange warten lassen wollte, begann er einfach.
"Damals, als sie mit Shinichi und Reika schwanger war und ihm die frohe Botschaft überbracht hatte... nun ja, wie soll ich es kurzfassen... Rans Vater hat mich beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben", sagte er schliesslich mit dunkler Stimme. "Für ihn sind Shinichi und Reika im Grunde genommen nicht weiter als das Ergebnis einer Vergewaltigung."
Shunsaku starrte ihn an.
"Das ist nicht dein Ernst."
"Dasselbe sagt er auch über Miyuki und Shunsaku."
"Das ist nicht wahr, das glaube ich dir nicht", keuchte der fast 75-Jährige.
"Das musst du aber, denn es ist die Wahrheit", erwiderte Shinichi grummelnd. "Und dreimal darfst du raten, was er über Yuriko und den kleinen Yusaku sagt."
Shunsaku blieb stocksteif stehen, während Shinichi noch vier Schritte machte und dann ebenfalls stehenblieb und zu ihm zurückschaute.
Eigentlich hatte er nur die Kurzfassung erzählen wollen, doch Shunsakus Fassungslosigkeit nötigte ihn dazu, alles zu erzählen. Alle Details, alle Beschuldigungen, und alle verzweifelten Momente der damals jungen zukünftigen Eltern.

Als Shinichi verstummte, schaute Shunsaku zu Ran, die sich noch immer vergnügt um die kleine Yuriko kümmerte und dabei glücklich lachte.
"Oh mein Gott, die arm Ran", sagte er voller Bedauern. "Eine solche Behandlung hat sie nicht verdient. Und dann noch vom eigenen Vater."
"Tja", seufzte Shinichi leise. "Wir haben unsere Gründe, warum wir keinen Kontakt zu ihm halten, und auch, warum wir nicht gerne darüber reden."
"Es tut mir leid."
"Das muss es nicht, es ist ja nicht deine Schuld."

Shunsaku schüttelte fassungslos den Kopf.
Shinichi war ein Vater, der seine Kinder über alles liebte und alles tat, damit ihnen nichts geschah. Er beschützte sie, wo er nur konnte. Dass die Sechs unter solchen Umständen entstanden sein sollten, konnte gar nicht wahr sein. Wie kam man nur auf eine solche Idee? Ran war glücklich mit Shinichi, sie waren inzwischen schon seit sechzehn Jahren miteinander verheiratet! Klar gab es auch bei ihnen Meinungsverschiedenheiten, das wusste Shunsaku, aber in welcher Ehe gab es das schon nicht?
Das war unglaublich.

Shinichi setzte sich wieder in Bewegung, und Shunsaku schloss zu ihm auf. Er beherzigte Shinichis Wunsch, die Sache nicht mehr anzusprechen, und versuchte stattdessen, den Detektiv auf andere Gedanken zu bringen.

Das gelang zwar, jedoch nicht durch ihn, sondern durch den sechzehnjährigen Shinichi, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die rechte Schulter hielt und auf sie zu hinkte. Er wurde von Shunsaku begleitet, der aufpasste, dass sein grosser Bruder nicht zusammenbrach.

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Fortsetzung folgt...
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