Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Dunkle Jahre

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Avery Evan Rosier Mulciber OC (Own Character) Severus Snape
31.01.2021
05.09.2021
52
249.332
22
Alle Kapitel
66 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
31.01.2021 3.570
 
Kapitel 1:
Die Ruhe vor dem Sturm (Herbst 1979)


„Schritt 7: Dem Gebräu werden nun fünf getrocknete Schrumpelfeigen und ein Gramm fein zerstoßene Feenflügel hinzugefügt. Zum Abschluss muss der Trank 3-mal gegen den Uhrzeigersinn umgerührt werden.“

Ein abfälliges Grinsen umspielte Severus Snapes dünne Lippen, als er das Buch „Gifte und andere Gebräue“ des bekannten Zaubertrankmeisters Leander Kronstein zuschlug. Ein weiterer flüchtiger Blick auf das Rezept hatte seine Meinung über Kronstein endgültig bestätigt: Er war ein überbewerteter Idiot, der vom Zaubertrankbrauen so viel verstand wie ein Flubberwurm von Quidditch.
Severus hatte nicht vor, sich an die Rezeptur Kronsteins zu halten. Er hatte lange über den Heiltrank nachgedacht und einige Verbesserungsmöglichkeiten gefunden, die er nun ausprobieren wollte.

Unwillkürlich hielt Severus den Atem an, als er dem bläulich schimmernden Zaubertrank exakt drei Tropfen Faultiermilch hinzufügte. Trotz seiner Anspannung war seine Hand vollkommen ruhig. Anschließend stellte er das Fläschchen mit der Pipette beiseite. Keine Sekunde ließ er dabei den leicht brodelnden Trank aus den Augen, denn jeden Moment würde sich zeigen, ob sein gewagtes Experiment gelungen war. Oder ob Kronstein doch mehr Talent besaß, als Severus ihm zutraute.
Regungslos stand Severus vor dem Kessel und wartete. Der Zaubertrank warf leichte Blasen, die an der Oberfläche sofort mit einem leisen „Blub“ zerplatzten. Für einen kurzen Moment fürchtete Severus schon, dass seine Abweichung vom Rezept den Trank ruiniert hatte, doch dann geschah es: Der Trank veränderte seine Farbe und wurde hellgrün. Nun nahm Severus geschwind den Schöpflöffel zur Hand, rührte drei Mal im Uhrzeigersinn um und wartete wieder. Erneut wechselte der Zaubertrank die Farbe. Er schimmerte nicht mehr wie zartes Gras, sondern war dunkel wie ein Smaragd. Mit einem lässigen Schlenker seines Zauberstabs löschte Severus das Feuer unter dem Kessel. Der Trank war fertig.

Als die Flammen erloschen waren, legte sich auch Severus‘ Anspannung. Er hatte es tatsächlich geschafft. Der Trank sah genauso aus, wie es sein sollte, doch Severus hatte sie Rezeptur an einigen Stellen so verändert und vereinfacht, dass der Trank innerhalb weniger Stunden fertiggestellt werden konnte. Außerdem hatte er billigere Zutaten verwendet. Das war vor allem ein Punkt, der seinen Lehrmeister und Mentor Mr Ferrers interessieren würde. Severus brannte schon darauf, ihm den Trank zu zeigen und ihm von seinen Veränderungen zu erzählen. Er würde ihn dann nur noch testen müssen, damit er wusste, ob er die gleiche Wirkung wie das Original hatte, aber das konnte bis nach der Mittagspause warten.

Wie zur Bestätigung seiner Gedanken knurrte Severus‘ Magen laut und vernehmlich. Kein Wunder. Severus hatte nichts frühstücken können, weil seine Mutter scheinbar mal wieder vergessen hatte, dass ihr Sohn auch noch zu Hause wohnte und etwas essen musste. Im ganzen Haus hatte er nichts Essbares finden können. Aus diesem Grund würde Severus nichts anderes übrigbleiben, als am Nachmittag selbst in den Supermarkt einkaufen zu gehen, obwohl ihm der Gedanke äußerst zuwider war. Er hasste den Muggel-Supermarkt in Cokeworth, seinem Heimatort.
Ein weiteres lautes Magenknurren ließ keinen Zweifel daran, dass Severus seine Abneigung überwinden und selbst einkaufen gehen musste, wenn er nicht weiter unfreiwillig hungern wollte.
Zum Glück war Severus um diese Uhrzeit noch alleine im Labor, deshalb hatte niemand sein Magenknurren gehört. Es war schließlich erst kurz vor acht Uhr in der Früh; sein Meister würde frühestens in einer Stunde im Labor erscheinen, wie er es seit dem Beginn von Severus‘ Ausbildung vor einem Jahr zu tun pflegte.

Als Severus damit beschäftigt war, die verwendeten Zutaten wieder in die richtigen Regale zurückzustellen, öffnete sich die Tür zum Labor. Überraschte wandte sich Severus um. Es war Mrs Ferrers, die Frau seines Meisters. Im ersten Moment zuckte sie erschrocken zusammen, weil sie offenbar nicht damit gerechnet hatte, dass um diese Uhrzeit schon jemand im Labor war, doch dann breitete sich ein freundliches Lächeln auf ihrem alten, faltigen Gesicht aus, das ihre dunklen Augen zum Strahlen brachte. Trotz ihres hohen Alters - Severus schätzte sie auf mindestens 95 Jahre - war sie noch immer eine attraktive und elegante Erscheinung. Sie trug stets helle Kleidung, auf der nie ein Fleck zu sehen war, obwohl sie die meiste Zeit im Garten oder in einem der Gewächshäuser verbrachte. Sie und ihr Mann ergänzten einander nämlich perfekt: Mr Ferrers war ein Meister der Zaubertränke, während seine Frau eine Expertin auf dem Gebiet der Kräuterkunde war. In ihrem weitläufigen Garten hinter dem Haus züchtete sie eine Vielzahl an Kräutern und anderen Pflanzen, die Mr Ferrers in seinen Tränken verwenden konnte.
Severus hatte seit dem Beginn seiner Ausbildung schon viel von Mrs Ferrers gelernt. Ihr Wissen über Zaubertrankzutaten schien sogar noch größer als das seiner ehemaligen Lehrerin Mrs Sprout in Hogwarts zu sein.
Die Frau des Zaubertrankmeisters begrüßte Severus wie immer mit einem warmen Lächeln. „Oh Severus, mein Lieber, ich habe dich heute gar nicht so früh erwartet“, meinte sie gut gelaunt.
„Guten Morgen, Mrs Ferrers“, grüßte Severus sie lächelnd. Er mochte Mrs Ferrers sehr gerne, schließlich gehörten sie und ihr Mann zu den wenigen Personen, die Severus immer freundlich behandelten. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich akzeptiert und willkommen. Das waren Gefühle, die er in seiner Kindheit vermisst hatte und die ihm sein eigener Vater bis zum heutigen Tage noch nicht entgegenbrachte.
„Ich habe den Heiltrank, von dem ich Ihnen gestern erzählt habe, vor ein paar Minuten vollendet“, erzählte er stolz.
Interessiert kam Mrs Ferrers näher. Sie blickte in Severus‘ Kessel, rührte den Trank vorsichtig um. „Oh, auf den ersten Blick kann ich keinen Unterschied erkennen… Oder doch?“ Sie schnupperte an dem Gebräu. „Dieser Geruch… Wodurch hast du die Schrumpelfeigen ersetzt?“
„Faultiermilch“, antwortete Severus grinsend.
„Was für ein brillanter Einfall“, lobte Mrs Ferrers begeistert. „Das musst du unbedingt Mr Ferrers erzählen.“ Dass sich das Ehepaar immer nur mit dem Familiennamen ansprach, war eine merkwürdige Angewohnheit der beiden, die Severus schon längst nicht mehr auffiel.

Severus holte ein paar leere Phiolen, um den ausgekühlten Trank abfüllen zu können. „Das werde ich tun, sobald er hier ist.“ Er blickte auf die Uhr an der Wand gegenüber von den Regalen. Lange würde es nicht mehr dauern. Severus freute sich schon auf das überraschte Gesicht seines Lehrmeisters. Er konnte es kaum noch erwarten, ihm die ganzen Veränderungen am Rezept zu präsentieren und gemeinsam mit ihm den Trank zu testen.
Mrs Ferrers schien zu ahnen, was in Severus vorging. Sie machte ein bedauerndes Gesicht. „Mr Ferrers hat um 9 Uhr ein wichtiges Gespräch. Ich fürchte, es wird heute etwas länger dauern, bis er ins Labor kommen kann.“
„Ich verstehe“, antwortete Severus und versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Normalerweise wusste er über die Termine seines Meisters Bescheid, aber von dieser Verpflichtung hatte er soeben zum ersten Mal gehört.
Mrs Ferrers lächelte aufmunternd. „Wenn du willst, kannst du in der Zwischenzeit die neuen Zutaten einsortieren.“ Sie schwang ihren Zauberstab durch die Luft und eine Kiste mit Gläsern und Fläschchen in unterschiedlichsten Formen und Größen schwebte bei der Tür herein. „Ich muss ins Gewächshaus. Die Venemosa Tentacula muss dringend gedüngt werden.“
„Aber das kann ich doch machen!“, meinte Severus sofort. Er hatte Mrs Ferrers schon unzählige Male im Garten oder in den Gewächshäusern geholfen.
Sie zögerte. „Das ist sehr freundlich von dir, aber die Venemosa ist im Moment äußerst gereizt. Das macht sie ein wenig gefährlicher als sonst.“
Severus machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich habe in Hogwarts mehrere Mal die Venemosa gedüngt. Das ist ja nicht so schwer.“
Mrs Ferrers hatte noch ein paar Einwände, doch Severus ließ sich nicht davon abbringen, ihr diese Arbeit abnehmen zu wollen. Schließlich gab sie sich geschlagen und erlaubte es ihm.
„Aber wenn du in Schwierigkeiten gerätst, dann schicke rote Funken!“, rief sie ihm hinterher, als er geschwind das Labor verließ und sich auf dem Weg zum Gewächshaus machte. Ihr nett gemeinter Ratschlag stieß bei Severus auf taube Ohren. Er würde eher ein Fläschchen Streeler-Gift trinken, als sich die Blöße zu geben, und die alte Frau um Hilfe beim Düngen einer Pflanze zu bitten.

Eine gute Stunde später war Severus‘ Hochmut verflogen. Die Venemosa Tentacula hatte ihm einen derart harten Kampf geliefert, dass er sich völlig außer Atem außerhalb des Gewächshauses gegen die Tür lehnen musste und tief Luft holte. Zwei Mal hatte die teuflische Pflanze ihn mit ihren langen Tentakeln hinterlistig eingewickelt, so dass er tatsächlich schon mit dem Gedanken gespielt hatte, rote Funken zu schicken. Sie hatte ihn mehrmals zu Boden gedrückt, ihn gewürgt und mit ihren langen Dornen seine Kleidung und seine Haut zerkratzt. Letztendlich hatte er es doch noch geschafft, sie zu düngen, obwohl er sie lieber mit einem gut gezielten Bombarda in die Luft gesprengt hätte.
Mit zitternder Hand strich sich Severus seine schwarzen Haare aus dem Gesicht. Einmal mehr fragte er sich, wie Mrs Ferrers diese Aufgaben trotz ihres hohen Alters bewältigen und selbst nach stundenlanger Gartenarbeit mit fleckenloser Kleidung ins Haus zurückkehren konnte. Missmutig betrachtete Severus seine Spiegelung in einer der Fensterscheiben. Er sah mitgenommen aus. Sein schwarzes Haar, das ihm bis zum Kinn reichte, war vom Kampf mit der Pflanze zerzaust. Auch an seiner seinem weißen Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte, war die Auseinandersetzung mit der Pflanze nicht spurlos vorbeigegangen. Severus machte sich zwar nichts aus Äußerlichkeiten, aber in diesem Zustand wollte er Mrs Ferrers nicht unter die Augen treten. Er stopfte deshalb sein weißes Hemd zurück in den Hosenbund und zog sich die schwarze Weste, die er darüber trug, wieder zurecht. So gut es ging, klopfte Severus sich noch die Erde von seiner schwarzen Hose und begutachtete die blutigen Kratzer auf seinem Arm. Dafür würde er wohl ein paar Tropfen Diptamessenz brauchen, aber zumindest hatte er es geschafft, die Pflanze zu düngen. Mrs Ferrers war bestimmt stolz auf ihn und dieser Gedanke verbesserte seine Laune schlagartig. Schon allein dafür hatte sich die Mühe gelohnt.

Auf dem Rückweg zum Herrenhaus, in dessen Untergeschoss sich das Labor befand, nahm Severus sich die Zeit, die herrlichen Pflanzen im Garten zu begutachten. Er mochte die friedliche Stimmung hier draußen und die Ruhe, die nur gelegentlich vom Gezwitscher der Vögel oder vom Summen der Insekten durchbrochen wurde. Für einen kurzen Moment blieb Severus sogar stehen, schloss die Augen und atmete tief ein. Die Sonnenstrahlen fühlten sich angenehm warm auf seiner Haut an.
Es war ein schöner Tag und zum ersten Mal seit langer Zeit, fühlte sich Severus wirklich glücklich und zufrieden. Er hatte auch allen Grund dazu: Mr und Mrs Ferrers behandelten ihn gut. Das alte Ehepaar brachte Severus sehr viel Wertschätzung entgegen, mehr, als er jemals von seinen eigenen Eltern bekommen hatte. Noch dazu verlief seine Ausbildung zum Zaubertrankmeister reibungslos und äußerst erfolgreich. Das Experimentieren mit unterschiedlichsten Tränken und Zutaten machte ihm großen Spaß und weckte seine Neugier jeden Tag aufs Neue. Mittlerweile verdiente er sich sogar regelmäßig ein paar Galleonen dazu, wenn er die Tränke für die Kunden von Mr Ferrers brauen durfte.

Am Beginn seiner Ausbildung hätte er nicht gedacht, dass er eines Tages so zufrieden mit seiner Entscheidung wäre, schließlich hatte er die Ausbildung auf Anraten seines Hauslehrers Horace Slughorn und aus Mangel an Alternativen begonnen. In Wahrheit hatte er nicht vorgehabt, ein Zaubertrankmeister zu werden. Gewiss, er hatte ein Händchen für Zaubertränke und interessierte sich sehr fürs Brauen, aber es gab noch genug andere Dinge, die ihn wesentlich mehr interessierten - Verteidigung gegen die Dunklen Künste beispielsweise oder das Erfinden eigener Zaubersprüche. Severus hatte lange überlegt, welchen Beruf er nach Hogwarts ausüben wollte, doch keine der vielen Möglichkeiten hatte ihm tatsächlich gefallen.
Im Nachhinein war er deshalb froh, auf seinen Hauslehrer gehört und die Ausbildung zum Zaubertrankmeister begonnen zu haben. Mit Mr und Mrs Ferrers hatte er die besten und freundlichsten Lehrmeister erwischt, die man sich nur vorstellen konnte.
Auch außerhalb seiner Ausbildung entwickelte sich zum ersten Mal in seinem Leben alles zu seiner Zufriedenheit. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er in die Reihen des Dunklen Lords würde aufgenommen werden. Das spürte er. Bei diesem Gedanken musste er unwillkürlich ein wenig lächeln. Dann hätte er alles erreicht, wovon er bisher geträumt hatte. Nun ja, bis auf eine Sache, aber daran wollte er nun wirklich nicht denken. Jeder Gedanke an sie würde nur alte Wunden aufreißen.

Severus wollte sich seine gute Laune nicht verderben lassen, deshalb ignorierte er auch die Stimme in seinem Kopf, die ihn daran erinnerte, dass es jedes Mal ein schreckliches Ende genommen hatte, wenn er glücklich gewesen war. Menschen wie er durften scheinbar nicht glücklich sein.
Blödsinn, dachte er wütend. Ich habe das Recht darauf, glücklich zu sein, wie jeder andere auch. Und er nahm sich vor, gleich damit anzufangen.


-⸎-



Als Severus wenige Minuten später ins Labor zurückkehrte, um Mrs Ferrers von der erledigten Aufgabe zu berichten, fand er sie nicht alleine vor. Sie war in ein Gespräch mit einer jungen Frau vertieft, die unentwegt lächelte und dabei immer wieder nickte. Mit einer eleganten Handbewegung warf sie ihr langes, honigblondes Haar über die Schulter zurück. Dass ihr dabei der pflaumenblaue Hexenhut, der sehr schief auf ihrem Kopf saß, nicht herunterrutschte, hatte sie bestimmt einen Klebefluch zu verdanken. Passend dazu trug sie ein langärmeliges Mantelkleid in der gleichen Farbe, das ihr bis unters Knie reichte. Die kleinen silbernen Sterne auf ihrem Kleid funkelten, sicherlich auch dank eines Zaubers, bei jeder noch so kleinen Bewegung. Ihre ebenfalls pflaumenblauen Schuhe hatten einen derart hohen Absatz, dass Severus schon beim Hinsehen die Füße schmerzten.
Auf den ersten Blick erinnerte sie Severus an eine dieser hübschen Frauen, die immer das Cover der Hexenwoche zierten. Nicht, dass er solche Schundblätter las, doch seine Mutter ließ hin und wieder eines der Magazine auf dem Wohnzimmertisch liegen, daher kannte er sie.

Andere Männer hätten die junge Frau sicherlich attraktiv gefunden, Severus Freunde Alvin Avery und Duncan Mulciber ganz bestimmt sogar, doch Severus interessierte sich nicht für sie. Alles an ihr, angefangen von ihrem breiten, strahlend weißen Lächeln bis zu den verzauberten Sternen auf ihrem Kleid, wirkten übertrieben auf ihn. Er mochte natürliche Schönheiten, bodenständige Frauen wie … Nein, er würde nicht an sie denken. Severus hatte sich vor einiger Zeit vorgenommen, nicht mehr an dieses eine bestimmte Mädchen zu denken, trotzdem fragte er sich immer wieder, was geschehen wäre, wenn er damals, im fünften Schuljahr, nicht den schlimmsten Fehler seines Lebens begangen hätte…
Als die junge Hexe über einen Witz von Mrs Ferrers lachte, wurde Severus jäh aus seinen trüben Gedanken gerissen. Er räusperte sich vernehmlich. Sofort blickten beide Hexen zu ihm. Nun konnte er das Gesicht der jungen Hexe erkennen und sie kam ihm vage bekannt vor.

„Severus! Da bist du ja, wir haben gerade über dich- … Bei Merlin! Wie siehst du denn aus?“, fragte Mrs Ferrers lachend. Sie zog ihren Zauberstab aus der Tasche ihrer weißen Schürze und beschwor eine Kleiderbürste herauf, die sich sofort auf Severus stürzte, um die restliche Erde von seiner Kleidung zu entfernen.
„Die Venemosa war nicht sonderlich kooperativ“, meinte Severus und versuchte dabei der Kleiderbürste auszuweichen, die soeben seinen Hintern saubermachen wollte. „Aber ich habe es geschafft, sie zu düngen.“
„Das ist ja wunderbar!“ Mrs Ferrers strahlte und wandte sich wieder der Hexe zu, die Severus‘ Ausweichmanöver mit einem amüsierten Schmunzeln beobachtete. Mit ihren blaugrauen Augen hatte sie ihn genauestens gemustert. Severus mochte es nicht, so taxiert zu werden. Außerdem wurde er das Gefühl nicht los, dass sie jedes noch so kleine Krümelchen Erde auf seiner Kleidung entdeckt hatte und sich deshalb insgeheim über ihn lustig machte. Er konnte die Frau mit jeder Sekunde weniger leiden.
„Severus, darf ich dir Miss Fiona Hardwood vorstellen? Oder vielleicht kennt ihr euch ja sogar bereits? Miss Hardwood hat diesen Juni ihren Abschluss gemacht.“
Severus wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er begrüßte die Frau mit einem einfachen „Hallo“.
„Hallo“, sagte sie ebenfalls.
Er betrachtete die junge Hexe nachdenklich, ignorierte dabei die nervige Tatsache, dass sie noch immer lächelte, und versuchte sich zu erinnern, ob er ihr schon einmal in Hogwarts über den Weg gelaufen war. Er konnte mit Sicherheit sagen, dass sie weder in Slytherin noch in Gryffindor gewesen war. Dem dümmlichen Grinsen auf ihrem Gesicht nach zu urteilen, würde sie gut nach Hufflepuff passen.
„Welches Haus?“, fragte er schließlich.
„Ravenclaw“, antwortete Fiona mit einem Hauch von Stolz in der Stimme.
Überrascht zog Severus eine Augenbraue nach oben. Da hatte er sich wohl geirrt. Oder der Sprechende Hut vor sieben Jahren.

„Nun“, meinte Mrs Ferrers und blickte zwischen den beiden hin und her, „ich lasse euch kurz alleine, um zu schauen, wo Mr Ferrers so lange bleibt. Er wollte noch mit dir sprechen, Severus.“
Noch ehe Severus etwas erwidern konnte, war Mrs Ferrers schon verschwunden und hatte ihn mit Fiona alleine gelassen. Die junge Frau sah sich interessiert im Labor um. Ihr Blick schweifte über die Regale, in denen die Zutaten fein säuberlich geordnet waren, und blieb schließlich an jenem Teil des Labors hängen, wo sich ein Zaubertrankbuch an das andere reihte. Neugierig ging sie auf die Bücher zu. Ihre Finger fuhren über die Buchrücken, scheinbar wahllos zog sie Werke heraus und blätterte darin.
Severus folgte ihren Bewegungen mit seinem Blicken. Er konnte es nicht leiden, wenn jemand ungefragt fremdes Eigentum berührte. Am liebsten hätte er sie ermahnt, ihre Finger von den Büchern zu lassen, doch er wusste nicht, ob sie eine Kundin von Mr Ferrers war und deshalb wollte er nicht unhöflich sein. Stattdessen beobachtete er sie weiter und überlegte, wie er ein Gespräch beginnen sollte. Er war nicht gut in solchen Dingen.

Fiona ließ sich währenddessen von Severus‘ feindseligen Blick nicht aus der Ruhe bringen. Sie schlenderte schweigend durch die Regalreihen mit den Zutaten und blieb schließlich vor dem Tisch stehen, an dem er vorhin an dem Heiltrank gearbeitet hatte. Als sie ihre Hand nach den Phiolen mit dem ausgekühlten Trank ausstreckte, reichte es Severus endgültig.
„Fass das nicht an“, sagte er.
Überraschte drehte sie sich zu ihm um.
„Ich glaube nicht, dass wir einander schon mal in Hogwarts begegnet sind“, meinte Severus und beantwortete damit die Frage, die Mrs Ferrers vor wenigen Minuten den beiden gestellt hatte.
Fiona wandte ihre Aufmerksamkeit nun Severus zu und ließ sein Experiment in Ruhe. „Doch, wir sind einander schon mal begegnet“, widersprach Fiona grinsend.
„Tatsächlich?“ Er konnte sich beim besten Willen nicht an sie erinnern.
„Ja, auf einer von Professor Slughorns Partys. Ich habe dich gefragt, ob der Platz neben dir noch frei ist und du bist einfach aufgestanden und weggegangen.“
Daran erinnerte Severus sich zwar nicht mehr, aber es war durchaus möglich. Er hatte sich in Hogwarts nicht für Mädchen aus unteren Jahrgängen interessiert, schon gar nicht für Ravenclaws, die sich immer für etwas Besonderes hielten.
„Das fand ich sehr unhöflich, deshalb erinnere ich mich noch daran“, erzählte sie. „Aber wahrscheinlich hast du mich gar nicht bemerkt. Du hast immer nur zu einer Gruppe Gryffindors geschaut…“
Und plötzlich erinnerte sich Severus wieder. Nicht an Fiona, aber an die Abschlussparty seines Jahrganges, die Slughorn veranstaltet hatte. Oft war er zu solchen Feiern nicht eingeladen gewesen, dafür war Severus zu unbedeutend, aber bei dieser Feier waren alle Slytherins seines Jahrganges dabei gewesen und Severus hatte den ganzen Abend auf die passende Gelegenheit gewartet, um unbemerkt mit … ihr sprechen zu können. Ein letztes Mal hatte er versuchen wollen, zwischen ihnen beiden alles wieder in Ordnung zu bringen. Er hätte sich ein weiteres Mal dafür entschuldigen wollen, sie in der fünften Klasse „Schlammblut“ genannt zu haben, doch es hatte sich keine Gelegenheit ergeben. Entweder war Potter ständig in ihrer Nähe gewesen oder Severus‘ Freunde hätten es bemerkt, wenn er zu ihr gegangen wäre. Rückblickend ärgerte sich Severus darüber, dass er nicht mutig genug gewesen war, vor allen mit ihr zu sprechen. Vielleicht hätte es doch irgendetwas zwischen ihnen verändert.

„Das Labor ist gut ausgerüstet“, meinte Fiona und riss Severus aus seinen Erinnerungen.
Er nickte. „Ich kann mich nicht beklagen.“
„Ist Mr Ferrers ein guter Lehrmeister?“
„Der beste Lehrmeister, den man sich wünschen kann.“ Severus verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen einen der vier Arbeitstische im Labor.
Fiona lächelte. „Das ist gut.“
Sie setzte ihre Erkundung des Labors fort. Bei jedem Schritt klapperten ihre Absätze auf dem harten Steinboden. Severus wünschte sich Mrs Ferrers zurück. Er wusste wirklich nicht, worüber er noch mit der aufgetakelten Hexe sprechen sollte.
„Hast du schon alle Einzelheiten mit Mr Ferrers besprochen?“, fragte er, denn er nahm an, dass sie einen speziellen Zaubertrank in Auftrag gegeben hatte. Warum sonst sollte sie hier sein?
„Ja, das Wichtigste haben wir geklärt.“
„Gut.“ Severus fragte nicht weiter nach, denn Mr Ferrers würde ihm ohnehin alles erzählen, was er wissen musste.
„Mrs Ferrers hat erzählt, dass du eher schon der Assistent und nicht der Lehrling bist. Stimmt das?“
Severus‘ Lippen kräuselte sich zu einem überheblichen Grinsen. „Meine Ausbildung ist bald beendet, deshalb lässt er mich selbst die schwierigsten oder gefährlichsten Tränke alleine brauen.“
„Beeindruckend.“
Severus wusste nicht so recht, ob sie ihm auf den Arm nahm oder es tatsächlich ernst meinte. „Du kannst versichert sein, dass dein bestellter Trank von höchster Qualität sein wird, egal, wer von uns beiden in gebraut hat“, sagte er kühl.
„Mein bestellter Trank?“, wiederholte Fiona stirnrunzelnd. „Aber ich habe nichts–", setzte sie zu einer Erklärung an, doch genau in dem Moment kam Mrs Ferrers zurück.
Sie lächelte die beiden warmherzig an. „Ich hoffe, ihr habt euch gut unterhalten, ja? Severus, Mr Ferrers erwartet dich in seinem Büro, wenn du Zeit hast.“

Sogleich griff Severus nach seinem Notizbuch und nahm eine Probe des Heiltranks mit. Mit einem knappen Kopfnicken verabschiedete er sich von Fiona und verließ das Labor. Er freute sich darauf, Mr Ferrers endlich von seinem gelungenen Experiment erzählen zu können.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast