Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

In Sickness and in Health [1. Teil]

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P18 / MaleSlash
30.01.2021
23.10.2021
35
89.786
24
Alle Kapitel
61 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
01.04.2021 3.169
 
C H A P T E R 8:

"And all I loved... I loved alone" - Edgar Allen Poe (englischer Schriftsteller)


„Oh, Charlie…“, murmelte Grayson leise, während er weiterhin die schmale Hand seiner jüngeren Schwester in seiner hielt und ihr über ihre blonden Locken strich.
Professor Abernathy maß gerade mithilfe eines Thermometers die Körpertemperatur seiner jungen Patientin und auch der freundliche Professor wirkte in diesem Augenblick ein wenig besorgt.
„Ich verstehe nicht, weshalb das Fieber ständig ansteigt… Eigentlich sollte es schon längst wieder abgesunken sein“, erklärte er in seiner ruhigen Tonlage dem jungen Krankenpfleger.
Grayson wusste in diesem Moment kaum, wo ihm der Kopf stand. Charlotte hatte sich nach ihrer Blinddarmoperation schon auf dem Weg zur Besserung befunden.
Aber vor wenigen Tagen hatte sich ihr Zustand abermals verschlechtert und obwohl Professor Abernathy und Professor Hamilton beide eine Blutvergiftung für ausgeschlossen hielten, konnten sich die beiden Doktoren Charlies momentanen, schlechten Gesundheitszustand kaum erklären.
„Aber… aber sie wird es doch schaffen, oder? Oder nicht, Professor Abernathy?“, erkundigte sich der Blondhaarige hektisch bei dem freundlichen Professor, welcher mit konzentriertem Blick immer noch vor seiner kleinen Schwester kniete und ihr über die erhitzte Stirn strich. Grayson knetete nervös seine Hände, während er den Professor ansah.
„Ich werde Schwester Margaret noch einmal Bescheid geben, dass sie Charlotte frische Wadenwinkel bringen soll… Und einen fiebersenkenden Kräutersud…“, meinte Professor Abernathy nachdenklich.
Er legte Grayson eine Hand auf die Schulter und lächelte den Krankenpfleger beruhigend an: „Wir kümmern uns schon um deine kleine Schwester… Habe keine Sorge, Grayson.“
Professor Abernathy erhob sich ächzend aus seiner unbequemen Haltung und klopfte sich einen unsichtbaren Staub von seiner schwarzen Anzughose.
„Hier im St. Thomas ist sie hervorragend aufgehoben“, versicherte Professor Abernathy ihm und machte sich dann daran, sich um die weiteren Patienten in dem großen Krankensaal zu kümmern.
Grayson seufzte kurz, während er sich ebenfalls vor Charlies eisernes Krankenbett hinkniete und mit einem sauberen Tuch den Schweiß von Charlottes hitziger Stirn wischte.
„Charlie… Du musst unbedingt wieder gesund werden!“, flüsterte Grayson seiner jüngeren Schwester zu.
Diese verstand ihn jedoch wahrscheinlich ohnehin kaum, da sie sich immer noch in einem weniger angenehmen Fiebertraum befand.
Grayson seufzte noch einmal auf und er fuhr sich mit einer Hand über seine angespannte Stirn. Wenn Charlie wirklich erneut in Lebensgefahr schwebte und sie wirklich sterben würde, dann wüsste der Blondhaarige nicht, was er machen sollte.
Seine blondgelockte Schwester war das einzige Familienmitglied, das ihm noch geblieben war. Ihre gemeinsame Mutter und ihre kleineren Geschwister hatte vor mehreren Jahren die letzte große Cholera Welle, welche London heimgesucht hatte, dahingerafft. Seitdem schlugen sich die beiden Geschwister Brown allein durchs Leben.
Grayson liebte seine kleine Schwester, auch wenn sie ihm manchmal gehörig auf den Geist gehen könnte und er sie in diesen Momenten am liebsten auf den Mond schießen wollte.
Aber seine jüngere Schwester kannte ihn wie keine Zweite und sie sorgte sich ebenso um Grayson, wie er es im Gegensatz um sie tat. Ihr Tod würde ein wahnsinnig großes Loch in sein Herz reißen, das man niemals mehr füllen konnte.

Apropos Herzen…

Nachdem der künftige Duke of Richmond seine Aufnahmeprüfung in die Studentenverbindung bestanden hatte und er daraufhin dem Blondhaarigen schwankend und lallend seine Liebe gestanden hatte, hatten die beiden nicht mehr miteinander gesprochen.
Grayson hatte den jungen Medizinstudenten nur einmal kurz während Professor Hamiltons Vorlesung gesehen, als er dem herrischen Professor eine Flasche Arznei auf Margarets Anweisung bringen hatte müssen. Harry hatte sich nur mit Kieran und Nicholas, diesem arroganten schwarzhaarigen Kommilitonen, unterhalten und den Krankenpfleger mit keinem Blick gewürdigt.
In diesem Moment war es Grayson somit klargeworden, dass dieser überstürzte Heiratsantrag nur aus dem von Alkohol vernebelten Gehirn des Adeligen entstanden war.
Anscheinend schämte er sich so sehr für dieses Verhalten, dass er Grayson nicht einmal mehr richtig in die Augen sehen konnte.
Jedoch hätte es dem Blondhaarigen auch klar sein sollen, dass Harry niemals in dieser Art und Weise für ihn empfinden würde, wie er es tat. Offenbar hatte sich der junge Duke in Graysons Kollegin Eleanor verliebt und wollte sie an seiner Seite wissen…
Und nicht diesen aus der Gosse stammenden, männlichen Krankenpfleger….
Grayson konnte über seine absurden Gedanken nur den Kopf schütteln… Es war einfach lächerlich gewesen, dass er ernsthaft gedacht hätte, dass der junge Duke für ihn etwas empfinden hätte können…
In welcher Traumwelt lebte er denn?

Der blonde Krankenpfleger wurde unsanft aus seinen trübseligen Gedanken gerissen, als er die bullige Oberkrankenschwester im Türrahmen des Krankensaals stehen sah. Sie musterte ihn mit ihrem strengen Blick und sie befahl Grayson hektisch: „Grayson, hier bist du also! Ich brauche dich ganz dringend auf Station 7… Es ist ein Notfall…“
Der Krankenpfleger rappelte sich hektisch von dem unbequemen Holzboden vor Charlies Krankenbett auf und strich seiner jüngeren Schwester noch einmal flüchtig über die verschwitzten Haare.
„Wo bleibst du denn, Grayson?“, meckerte die füllige Oberkrankenschwester ihn sogleich an und winkte ihn aufgebracht zu sich.
Zusammen stürmten die beiden Angestellten des St. Thomas den langen Gang des Krankenflügels entlang. In dem besagten Saal angekommen musste sich Grayson mit den Händen auf seinen Oberschenkeln
abstützen, da er ein wenig Seitenstechen hatte. Aber Schwester Margaret ließ dem jungen Mitarbeiter keinerlei Verschnaufpause.
„Komm, Grayson!“, fuhr ihn Margaret an und sie drückte ihm einen Stapel an frischen Leinentüchern in die Hand.
„Dort drüben sitzt unser Patient!“, meinte die bullige Oberschwester dann und sie zeigte mit dem Finger auf einen jungen Mann, welcher ungefähr in Graysons Alter sein musste und mit einem gequälten Gesichtsausdruck seinen rechten Arm hielt.
Als Eleanor vorsichtig den Arm des Patienten zur Seite schob und das beschmutzte Tuch von der Wunde entfernte, keuchte Grayson erschrocken auf.
Er hielt sich seinen Oberarm vor den Mund, da er befürchtete, dass er sogleich brechen müsste. Der Oberarm des jungen Mannes glich eher einem blutigen, zerfetzten Stück Fleisch anstatt eines richtigen Armes.
Grayson reichte Eleanor schnell die frischen Tücher, während er das Zittern in seinen Händen unter Kontrolle hielt, was dem jungen Krankenpfleger nur mäßig gelang.
„Wie ist das denn passiert?“, erkundigte sich die hübsche Krankenschwester bei dem Mann, während sie professionell die immer noch heftig blutende Wunde mit sterilen Leinentüchern umwickelte, um die Blutung zu stoppen.
Der Patient versuchte sich aus Liams kräftigen Blick zu befreien, aber Graysons Kollege hielt ihn fest, da sonst Eleanor nicht arbeiten könnte und der junge Mann immer wieder versuchte, sich Eleanors Berührungen zu entziehen.
„Fabrik…Fabrikunfall…“, keuchte der junge Mann unter Schmerzen auf und wand sich vor Eleanors sanften Berührungen, da er offenbar Höllenqualen litt.
„Ich habe für eine kurze Sekunde nicht genug aufgepasst… Da hatte sich die Druckermaschine schon in meinem Ärmel verkrallt und bevor die anderen Arbeiter den Druckvorgang unterbrechen konnten, hatte die Maschine schon meinen Arm…“
Der Patient stöhnte schmerzerfüllt auf, als Eleanor die Tücher fester auf das blutverschmierte Fleisch presste. Aber irgendwie musste die junge Krankenschwester ja die Blutung zum Erliegen bringen.
Die bullige Oberschwester musterte mit verkniffenem Blick sorgfältig die schwere Verletzung des jungen Fabrikarbeiters und sie meinte: „Das kommt davon… Diese reichen Fabrikanten scheren sich einen Dreck, um ihre Mitarbeiter… Und vor allem wenig um die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen. Und wenn solche schlimmen Unfälle passieren, dann kann man die Arbeiter ja leicht ersetzen… Immerhin strömen immer mehr junge Menschen nach London, weil es auf dem Land kaum Arbeitsplätze gibt.“
Grayson schluckte tief und fuhr sich gestresst durch seine dunkelblonden Strähnen. Als der junge Mann erneut gequält aufschrie, erschrak sich der Blonde heftig.
Durch die bereits jahrzehntelange andauernde Industrialisierung kamen immer mehr junge Menschen nach London und versuchten ihr Glück in den zahlreichen Fabrikbetrieben von Englands Hauptstadt. Und diesen Zustand machten sich diese gnadenlosen und geldgierigen Fabrikanten zunutze.
Und die armen Leute waren es, die bei solchen Unfällen bitter mit ihrer Gesundheit oder sogar mit ihrem Leben bezahlen mussten.
„Es hilft nichts…“, seufzte Schwester Margaret tief auf, während sie weiterhin dem Patienten helfen wollte und dieser immer wieder gequält aufstöhnte.
Eleanor säuberte mit einer beißenden Flüssigkeit gerade die blutige Wunde und der Fabrikarbeiter wand sich immerzu unter Schmerzen, sodass die junge Krankenschwester kaum die Wunde erreichen konnte.
„Grayson… Geh los und hole Professor Hamilton! Und sage ihm, dass es äußerst dringend ist! Wir haben hier einen Notfall!“
„Sofort!“, herrschte sie ihn an, als dieser immer noch leicht geschockt und bewegungslos im Krankensaal herumstand und mit großen blauen Augen die stämmige Oberschwester ansah.
„Und beeile dich!“, schärfte ihm die bullige Oberschwester nochmals ein, als Grayson bereits das Zimmer verlassen wollte.
„Vielleicht muss der Professor sogar den Arm abnehmen…“, murmelte Margaret leise in Eleanors Richtung, jedoch hatte der Patient die junge Krankenschwester schon verstanden.
„Nein! Nein, das können sie doch nicht machen!“, schrie der junge Patient schmerzerfüllt auf und hielt sich seinen verletzten Arm, während er langsam ein Stück von den beiden Angestellten des St. Thomas wegrutschte.
„Ich brauche doch meine Arme… Wie soll ich denn als Krüppel überhaupt noch eine Arbeit finden?“

Grayson versetzte es einen Stich ins Herzen, als er die verzweifelten Schreie des Fabrikarbeiters vernahm und Schwindel tat sich vor seinem Auge auf.
Er stürmte hektisch auf den Krankenhausflur, welcher vor seinen Augen bereits verschwamm. Zittrig tastete er sich an der rauen Steinwand entlang und zog schließlich schnell die Tür zu einem Nebenraum auf. Grayson hielt sich benommen an dem hölzernen Medikamentenschrank fest und griff hektisch nach einer sauberen Blechschüssel, als er sich in schnellen Atemzügen übergab.
Der Blonde stützte sich benommen auf seinen Oberschenkeln ab, während er seinen spärlichen Mageninhalt in die Schüssel entleerte und sich im Anschluss daran schnell mit dem Ärmel seiner Uniform über den Mund fuhr.
Dieses Ereignis vorhin hatte ihn komplett aus der Bahn geschmissen. Der junge Mann hatte ihm so leidgetan und diese tiefe Verletzung, welcher er sich in einer von Londons zahlreichen Fabriken zugezogen hatte, hatte ihn tief geschockt. Der Mann war vielleicht nur wenige Jahre älter als er und würde, wenn er wirklich so großes Pech haben sollte, sein künftiges Leben als Invalide fristen müssen.

Nachdem der blonde Krankenpfleger sich nach wenigen Minuten wieder beruhigt hatte, kehrte er schnell wieder auf den Flur des Krankenflügels zurück und machte sich dann wie versprochen auf die Suche nach dem arroganten Professor.
Er hoffte zutiefst, dass dieser dem jungen Mann helfen konnte… Ohne dass er dem Fabrikarbeiter seinen rechten Unterarm abnehmen müsste. Glücklicherweise fand Grayson zu seiner Erleichterung den Professor schnell in dem weitläufigen Gebäude des St. Thomas.
Dieser kümmerte sich zusammen mit Eleanor und Schwester Margaret um den jungen Mann, während Grayson von der bulligen Oberschwester eine andere Aufgabe zugewiesen bekam.
Darüber war der Blondhaarige insgeheim sehr froh gewesen… Nicht dass er dem Mann in seinem Alter nicht hätte helfen wollen, jedoch war er sich nicht sicher gewesen, dass er seinen Mageninhalt erneut bei sich behalten hätte können, wenn er noch einmal diese heftig blutende Fleischwunde zu Gesicht bekommen hätte.
Als Grayson diese Aufgabe erledigt hatte, begab er sich erneut in diesen kleinen Abstellraum, um schnell sein Malheur zu beseitigen und die Schlüssel zu säubern, bevor Margaret davon Wind bekommen würde und für seine Schwäche tadeln würde. Der junge Krankenpfleger wusch gerade die Metallschüssel aus und rümpfte bei dem säuerlichen Geruch seines eigenen Erbrochenen die Nase, als er aufblickte, nachdem er mehrere Stimmen auf dem Gang vor der kleinen Kammer vernommen hatte.
Neugierig lauschte Grayson, nachdem er die Stimmen als die von Professor Hamilton sowie Harrys und zu seiner Verwunderung auch die seiner älteren Schwester vernahm.
Was machte Miss Edwards denn nur wieder im St. Thomas? Wollte sie etwa ihren Bruder erneut einen Besuch abstatten?
„Es ist ein Jammer…“, meinte Professor Hamilton dann und Grayson hielt instinktiv die Luft an, um sich nicht als heimlicher Lauscher zu enttarnen. Die Tür zu der kleinen Kammer war nur angelehnt und durch den kleinen offenstehenden Spalt konnte Grayson die Silhouetten der drei Personen perfekt erkennen.
„Der junge Mann wird seinen rechten Arm wohl nur eingeschränkt benutzen können… Aber zumindest musste ich ihn nicht amputieren!“
Bei diesem Satz atmete Grayson erleichtert auf. Zumindest dieses unglückliche Schicksal blieb dem jungen Arbeiter somit erspart.
„Diese skrupellosen Fabrikbesitzer beuten die jungen Arbeiter doch nur aus!“, echauffierte sich Gwendolyn, „Sie sind doch nur auf ihren eigenen Gewinn und ihr eigenes Wohl bedacht… Das Wohl ihrer Arbeiter liegt ihnen dabei nicht am Herzen.“
„Da muss ich ihnen ein wenig widersprechen, Miss Edwards…“, entgegnete Professor Hamilton Harrys Schwester.
„Das beste Beispiel hierfür ist wohl Mister Smith… Obwohl er mehrere Fabriken hier in London besitzt, spendet er jährlich große Summen an unser Klinikum… Die Gesundheitsfürsorge liegt ihn folglich sehr am Herzen…“
„Immerhin sind es unter anderem seine großen Maschinen, welche des Öfteren diverse schlimme Unfälle verursachen, Professor“
, antwortete Gwendolyn dem Gelehrten mit einem zynischen Unterton.
„Da kann er ruhig schon einmal seine große Geldtasche öffnen…“
Grayson konnte spüren, dass sich die junge Adelige nur zu gerne mit dem ältlichen Professor anlegen wollte, denn ihre Meinungen zu gewissen, speziellen Themen gingen wohl weit auseinander.
Um von diesem prekären Thema abzulenken, wandte sich Professor Hamilton dann an Gwens Bruder und er lächelte den jungen Duke an.
„Harry, sie kennen doch Miss Annabeth Smith, oder?“
„Was wollen sie mir hiermit sagen, Herr Professor?“, erkundigte sich der Medizinstudent unbedarft bei seinem Vorgesetzten.
„Miss Smith wäre doch eine hervorragende Heiratskandidatin für sie, oder nicht?“
Grayson rutschte bei diesem Satz sein Herz in die Hose und er bekam sogleich schwitzige Hände. Jedoch schien es dem jungen Medizinstudenten nicht anders zu gehen.
Er schwieg auf diese Bemerkung nur und als er keinerlei Anstalten machte, dem Professor zu antworten, sagte dieser dann: „Ich weiß ja… Sie ist nicht adeliger Herkunft und eine einfache Bürgerliche. Sie kann zwar keinen adeligen Stammbaum vorweisen, jedoch ist ihr Herr Papa sehr vermögend. Mister Smith ist einer von Londons reichsten Industriellen… Überdenken sie meinen Vorschlag doch noch einmal…“
Professor Hamilton legte ihm mit einer väterlich anmutenden Geste einen Arm auf die Schultern und er meinte grinsend zu Harry: „Und Miss Smith ist doch sehr hübsch, finden sie etwa nicht? Mit diesen blonden engelhaften Locken…Und diesen großen, blauen Augen…“
Grayson schluckte tief und presste sich näher in die Ecke der kleinen Kammer. Denn er wollte unbedingt verhindern, dass die drei mitbekamen, dass er ihrer Unterhaltung heimlich mit angehört hatte.

Der blonde Krankenpfleger vernahm die lauten Schritte des Professors, die sich von dem Gang entfernten und er hörte, wie Gwen zu ihrem kleinen Bruder sagte: „Gefällt dir Annabeth Smith nicht? Sie ist sehr nett und zuvorkommend… Sie wäre dir eine gute Ehefrau, Harry.“
„Vielleicht möchte ich gar nicht heiraten, Gwen…“, murmelte der junge Medizinstudent kaum hörbar in die Richtung seiner älteren Schwester.
Dann legte sich ein wissender Blick auf Gwendolyns Gesicht. Sie lächelte Harry an und strich mit einer Hand über seine Wange: „Bist du etwa verliebt, kleiner Bruder?"
Grayson hielt erschrocken die Luft an und wagte es kaum zu atmen. Er beobachte den jungen Adeligen durch den kleinen Spalt, wie sich dieser verlegen durch die braunen Locken strich und dem investigatorisch anmutenden Blick seiner Schwester auszuweichen versuchte.
„Kenne ich sie etwa, Harry?“, fragte Gwen neugierig ihren Bruder und dieser meinte dann leise: „Ja… Sie arbeitet hier im St. Thomas.“
In diesem Augenblick konnte Grayson förmlich spüren, wie sein aufgeregt flatterndes Herz in seiner Brust zersplitterte, obwohl er haargenau wusste, dass dies anatomisch gar nicht möglich war.
Jetzt hatte er die Gewissheit. Harry war in Eleanor verliebt und die tiefen Blicke, welche ihm der junge Medizinstudent zugeworfen hatte, hatte er sich nur eingebildet.
Eine wilde und absurde Vorstellung, welche aus seinem verliebten Herzen entsprungen war.
In seine eigenen Gedanken versunken bemerkte der junge Krankenpfleger nicht, wie ihm eine vereinzelte Träne aus den Augen über seine Wange lief.
Grayson versuchte ruhig zu bleiben und sich zu beruhigen, damit er zu Schwester Margaret und den anderen auf die Station zurückkehren konnte, was ihm jedoch nur mäßig gelang.

Er schniefte leicht, als sich plötzlich die Tür zu der kleinen Kammer öffnete und beißendes Licht in den Raum strömte. Als Harry die Tränen des jungen Krankenpflegers sah, huschte sogleich ein besorgter Ausdruck über sein makelloses Gesicht und schnell ging er zu dem Angestellten des St. Thomas.
Mit einem sanften Lächeln stellte er sich vor Grayson und streckte zögerlich eine Hand aus. Der Blondhaarige beobachte verwirrt, wie der Medizinstudent mit seinem Daumen die feuchten Tränen von seiner Wange strich und den jungen Krankenpfleger dann in eine warme Umarmung zog.
Obwohl Grayson wusste, dass dieses Verhalten falsch war und er seinen verräterischen Gefühlen keineswegs nachgeben durfte, lehnte er sich in die Umarmung und presste sich näher an den Medizinstudenten heran.
„Er hätte… beinahe seinen Arm verloren…Es war so schrecklich gewesen…“, wimmerte Grayson und die Bilder des verletzten Armes des Arbeiters schossen ihm sogleich in den Kopf, „Er ist so jung… Kaum älter als ich…“
„Sh… Alles ist gut…Beruhige dich doch, Grayson…“, flüsterte Harry ihm zu und strich dem Krankenpfleger sanft über den Rücken, um ihn ein wenig runterzubringen.
„Du hast alles getan, was du in diesem Augenblick hast machen können…“
Liebevoll blickte Harry ihn mit seinen strahlend grünen Augen an und wie hypnotisiert erwiderte Grayson diesen zärtlichen Blick des künftigen Dukes.
Die Zeit schien um die beiden stillzustehen und keiner wagte es den intensiven Blickkontakt zu unterbrechen. Graysons Herz hämmerte unruhig in seiner Brust und verlegen senkte er seinen Blick.
Erschrocken blickte er jedoch auf, als Harry sein Gesicht in seine Hände genommen hatte und mit seinem Daumen erneut sanft über die weiche Wange des Blonden strich.
„Ich bin verwirrt…“, murmelte Grayson kaum hörbar und Harry nickte lächelnd.
Es verwirrt mich auch, Grayson…“, erwiderte der junge Medizinstudent ihm lächelnd, „Du bist verwirrst mich… Ich kriege dich einfach nicht mehr aus meinem Kopf…“
Wie erstarrt lauschte der blondhaarige Krankenpfleger dem, was Harry ihm da gerade erzählte und er wagte sich kaum zu bewegen, geschweige ihren intensiven Blickkontakt zu unterbrechen.
„Ich dachte immer, dass es diese Gefühle nur zwischen Mann und Frau gäbe… Aber bei dir, setzt mein Verstand und mein rationales Denkvermögen vollkommen aus, Grayson.“
Der Krankenpfleger sah dem Adeligen tief in die Augen und er glaubte beinahe, dass er das alles in diesem Moment nur träumte. Er genoss es, wie der junge Duke ihn sanft in seinen Armen hielt und kaum mehr loslassen wollte.
Konnte es wirklich sein, dass der junge, gebildete Medizinstudent dasselbe für ihn fühlte, wie es Grayson tat? Stand er sich dies gerade etwa ein?
„Dein wundervolles Gesicht geht mir nicht aus dem Kopf…“, flüsterte Harry ihm zu und Grayson spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss und sich diese peinlich rot färbten.
Sie schwiegen daraufhin beide nur und ihre Gesichter kamen sich immer näher.
Bevor sich aber ihre Lippen berühren konnten, öffnete sich die knarzende Tür zum Nebenraum, sodass beißendes Licht in den kleinen Raum strömte.
Grayson und Harry fuhren sofort hektisch auseinander und musterten mit blinzenden Augen die Person, welche gerade die Tür aufgezogen hatte.

......................................................................................................................
Oh, wer hat die beiden da wohl erwischt? Grayson nimmt anscheinend Margarets Regel bzgl. "keinerlei Intimitäten innerhalb des Klinikums" nicht ganz so ernst :D  Harry und Grayson nähern sich langsam an... Und dann muss natürlich gleich etwas dazwischen kommen...
Vielen Dank für die zwei Reviews zum letzten Kapitel!
Ich wünsche euch allen ein schönes Osterfest & genießt das schöne Wetter <3
LG Laura
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast