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In Sickness and in Health [1. Teil]

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P18 / MaleSlash
30.01.2021
23.10.2021
35
89.786
24
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
04.03.2021 1.610
 
C H A P T E R 5

Harrys strahlend grüne Augen sahen den jungen Krankenpfleger beruhigend an und er fasste vorsichtig nach seinem Handgelenk.
„Nicholas hat es bestimmt nicht so gemeint… Er kann sich in manchen Situationen oft ziemlich tölpelhaft benehmen… Aber eigentlich ist er ganz nett und umgänglich, wenn man ihn besser kennt.“
Der blonde Krankenpfleger schnaubte kurz einmal auf.
Grayson schlug die hilfsbereit ausgestreckte Hand des jungen Mannes abermals beiseite und er wischte sich schnell über seine Augen.
Denn er wollte sich nicht die Blöße geben, vor dem Medizinstudenten wie ein hilfloser kleiner Junge zu weinen.
Müdigkeit sowie Erschöpfung mischten sich mit der unterschwelligen Wut über sich selbst, dass er sich von dem Medizinstudenten so bloßstellen hatte lassen.
Wie hatte er nur so dumm sein können?
Er hätte die Flasche viel fester in seinen Händen halten und besser auf sie Acht geben müssen. Aber nun war das Unglück schon passiert und Grayson konnte es auch nicht mehr ungeschehen machen.
Grayson fühlte sich ohnehin minderwertig vor dem gebildeten und klugen Mann, welcher zwar nur wenige Jahre älter als er war, ihm aber schon zum jetzigen Zeitpunkt allein schon wegen seiner höheren Herkunft und seines Wissenstandes weit überlegen war.
Just in diesem Augenblick bemerkte der junge Mann, dass seine Handfläche ein wenig brannte. Offenbar hatte er sich aus Unachtsamkeit an einer der zahlreichen Scherben der Arzneiflasche geschnitten.

Grayson stöhnte nur kurz auf, bevor er sich einfach an der steinernen Mauer des Krankenhausganges hinuntersinken ließ und seinen blonden Schopf auf seine angezogenen Knie legte, während er seine verletzte Hand mit seiner gesunden umklammerte.
Harry betrachtete den geknickten Krankenpfleger für einen Moment, bevor er ebenfalls kurz seufzte und sich dann auch auf den Boden setzte. Seine Lehrbücher, welcher er in seiner Hand trug, legte er kurzerhand auf dem kalten Steinboden ab.
„Euer… dein teurer Anzug könnte dreckig werden…“, murmelte Grayson leise und er traute sich nicht, dem Medizinstudenten ins Gesicht zu blicken. Die Kleidung des jungen Lords wirkte so viel hochwertiger und edler als die Krankenpfleger Uniform, welche Grayson am Leib trug.
Durch den schlichten dunkelgrauen Anzug wurden die grünen Augen des Medizinstudenten noch mehr in den Fokus gerückt. An den Füßen trug Harry hochwertige, feine Schuhe aus Leder, während der blonde Krankenpfleger immer noch diese abgetragenen Schuhe anhatte, die er schon seit mehreren Jahren besaß.
Wieso sollte sich jemand wie Harry ausgerechnet mit ihm abgeben?
Er fühlte immer noch Scham, als er sich ins Gedächtnis rief, wie schallend die anderen Herren Studiosi über seine Tollpatschigkeit gelacht hatten.
Eleanor hatte wohl doch Recht gehabt…
Die Herren Studenten, welche im St. Thomas Hospital zu Ärzten ausgebildet wurden, hielten sich doch für etwas Besseres.
Wut kochte in dem blonden Krankenpfleger auf… Nicht nur Ärger über seine eigene Dummheit, sondern auch auf den ignoranten Kommilitonen von Mister Edwards… Der ihn geschubst hatte und wegen dem Grayson die wertvolle Arznei auf den Boden verschüttet hatte.
Für den jungen Studenten hatte es sich wohl um eine Art lustigen Streich gehandelt, für den jungen Krankenpfleger war es hingegen bitterer Ernst. Denn er besaß nicht die möglichen finanziellen Mittel, um dieses wertvolle Medikament aus seiner eigenen Tasche zu bezahlen.
Grayson arbeitete ja überhaupt erst im St. Thomas, um seiner kleinen Schwester diese lebensnotwendige Behandlung zu ermöglichen.
Wenn sie ihn deswegen rauswerfen würden, wusste er nicht, was er machen sollte…
Würden sie Charlie dann auch gleich mit vor die Tür jagen?
„Ich bin so dumm…“, flüsterte der blonde Krankenpfleger kaum hörbar und er vergrub seinen blonden Haarschopf in seinen Händen.
„Was ist… Wenn sie mich nun aus dem Hospital verweisen würden?“
Obwohl Grayson sehr leise gesprochen hatte, hatte Harry den jungen Mann neben ihm anscheinend trotzdem gehört. Kurz zögerte der Medizinstudent, weil er wohl fürchtete, dass jemand in dem verlassenen Krankenhausgang vorbeikommen könnte und sie auf dieses unschickliche Verhalten aufmerksam machen würde.
Dann aber hob er zögerlich seine Hand und legte seinen Arm um die zitternden Schultern des jungen Krankenpflegers. Aufmunternd nickte er Grayson zu, während er sanft mit seinem Daumen über seinen Oberarm strich.
Leise fragte er den jungen Mann: „Wieso sollten sie dich denn hinauswerfen?“
Grayson starrte missmutig auf einen bräunlichen Fleck, welcher sich an der gegenüberliegenden Wand von der sonst blütenweißen Einrichtung abhob: „Weil ich mich als komplett unfähig erweise… Heute ist gerade mal mein erster Tag hier und ich mache schon gefühlt alles falsch, was man falsch machen kann. Alles geht schief!“
„Ach was…“, versuchte Harry den frisch gebackenen Krankenpfleger zu ermutigen, „Aller Anfang ist schwer… Und so einen engagierten Krankenpfleger wie dich hat Schwester Margaret mit Sicherheit schon lange nicht mehr unter ihren Schützlingen gehabt.“
„Außerdem…“, das hübsche Gesicht des Adeligen verzog sich zu einem hinreißenden Lächeln, „Du möchtest wahrscheinlich gar nicht wissen, wie sehr ich mich früher geziert habe…“
Ein wenig verwirrt musterte Grayson den jungen Studenten neben sich und mit kratziger Stimme fragte er ihn: „Wieso denn das? Ihr seid doch sicher sehr klug und belesen…“
Harry grinste ihm kurz schief zu, während er Grayson erklärte: „Ja, das kann man wohl nicht von mir behaupten. Dank meinem Vater durfte ich wohl eine sehr gute Schulbildung genießen. Jedoch ersetzt dieses theoretische Wissen keineswegs die notwendige Praxiserfahrung.“

Grayson lauschte dem Medizinstudenten, während dieser ihm von seinem familiären Umfeld erzählte: „Du musst wissen, mein Vater ist auch Arzt…Ebenso wie mein Großvater und dessen Vater… Und natürlich möchte er, dass ich dieses Familienerbe fortführe… Einmal im Winter war es sehr kalt gewesen und einer unserer Knechte hatten sich beim Holzhacken eine Verletzung am Fuß zugezogen. Aufgrund der Tatsache, dass sich die Wunde mangels schlechter Versorgung und da der Knecht es nur notdürftig mit einem dreckigen Taschentuch verbunden hatte, entzündet hatte, wollte es sich mein Herr Papa einmal ansehen… Als er den schmutzigen Verband abgenommen hatte, schlug mir sogleich dieser verfaulte und eitrige Geruch entgegen.“
Harrys Gesicht verzog sich zu einer Grimasse und er erzählte weiter von diesem Erlebnis, welches ihn anscheinend ziemlich stark geprägt hatte und welches sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt hatte: „In diesem Augenblick habe ich gedacht, dass ich mich auf der Stelle übergeben müsste… Vor lauter Entsetzen bin ich hektisch aus dem Raum gestürmt… Ich konnte kaum das Blut sehen. Mein Vater hat nur über mich gelacht und mich für meine Feigheit verspottet, während er selbst dem Knecht den eitrigen Zeh amputiert hat… Später bin ich dann doch in den Saal zurückgekehrt… Ich habe meinen Vater bei seiner Arbeit beobachtet und er hat bei dieser unliebsamen Tätigkeit nicht einmal seine Miene verzogen.“
Harry räusperte sich, bevor er Grayson aufmunternd zulächelte und kurz nickte: „Mit der Zeit wurde es besser, je öfter ich meinem Herrn Papa bei seiner Arbeit assistiert habe… Du musst wissen, mir war schon sehr früh klar, dass ich denselben Beruf wie er und auch meine Vorfahren ergreifen möchte…“
„Ich finde es ehrlich gesagt bewundernswert“, sagte Grayson leise, „Dass du so ehrgeizig für deinen Traum kämpfst…“
Der junge Medizinstudent seufzte kurz: „Ich weiß, was du andeuten möchtest… Aber ich möchte nicht wie ein Großteil der anderen meines Standes sein… Die sich auf ihrem über Jahrhunderte lang gehorteten Reichtum ausruhen und sich unnötigen Vergnügungen hingeben…“
Harry grinste kurz: „Meine Frau Mama bezeichnet das liebevoll als kleinen Helferkomplex.“
Diesbezüglich war sich Grayson sicher, denn anstatt der Vorlesung und dem Vortrag von Professor Hamilton zu lauschen, saß der junge Medizinstudent hier auf diesem kalten Boden in dem verlassenen Gang und versuchte den jüngeren Mann zu trösten.
„Ich möchte ja dasselbe wie du…“, erwiderte Grayson und blickte nachdenklich auf seine verletzte Hand, „Ich möchte auch Menschen helfen.“
Ermutigend nickte Harry dem jungen Krankenpfleger zu und er griff nach der verletzten Hand: „Und das kannst du ja auch… Das St. Thomas benötigt dringend neue Mitarbeiter… Und vor allem so engagierte wie du…Diese Wunde muss aber dringend gesäubert und verbunden werden… Bevor sie sich auch noch entzündet.“
Leicht verlegen erwiderte Grayson das Lächeln des künftigen Arztes und er wandte hastig seinen Blick ab.
Hektisch entzog er seine linke Hand dem Griff des Medizinstudenten. Er spürte wie sich seine Wangen leicht rötlich färbten und er musste zugeben, dass er die Anwesenheit des jungen Lords mehr als genoss.
Er befreite sich aus Harrys Umarmung, denn obwohl er sich sehr wohl bei dem jungen Studenten fühlte, wusste er, dass sich dies bei weitem nicht schickte.
Sie kamen aus zwei verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Selbst wenn Grayson kein Mann gewesen wäre, würde man selbst eine erotische Beziehung zwischen einem jungen Arzt und einer Krankenschwester niemals gesellschaftlich akzeptieren… Geschweige denn zwischen zwei Männern.
Das war ein auswegloses Verfangen und Grayson war sich klar, dass er diesen verräterischen Gefühlen in seinem Herzen niemals nachgeben dürfte.
Der blonde Krankenpfleger wischte sich kurz mit dem Ärmel seines Kittels über die Augen, bevor er sich räusperte und zu dem Studenten meinte: „Ich denke, wir sollten uns wieder zurückbegeben…. Professor Hamilton wird sicher sehr zornig sein, dass das bestellte Medikament für seine Behandlung nicht vorhanden ist…“
Harry winkte mit einer Handbewegung ab: „Ach was! Professor Hamilton kann zwar manchmal sehr launisch sein, aber er ist eigentlich gar nicht so schlimm…“
Der junge Adelige lächelte Grayson noch einmal aufmunternd zu: „Ich begleite dich und schildere dem Professor diese unglückliche Situation…. Wenn ich an deiner Seite bin, wird er dich nicht tadeln…“
„Wieso bist du dir da so sicher?“, wollte Grayson von ihm wissen.
„Weil mein Vater den Professor schon sehr lange kennt… Sie sind schon seit mehreren Jahrzehnten lose befreundet… Deshalb habe ich bei ihm einen Stein im Brett!“

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Heute kommt mal wieder ein neues Kapitel... Leider ist es ein wenig kurz geraten
Aber ich hoffe, dass es euch trotzdem gefällt, denn Grayson und Harry lernen sich in diesem Kapitel ein wenig besser kennen :)
Vielen lieben Dank für die zwei Reviews zum letzten Kapitel!
LG Laura
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