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In Sickness and in Health [1. Teil]

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P18 / MaleSlash
30.01.2021
23.10.2021
35
89.786
24
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Dieses Kapitel
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25.02.2021 3.280
 
C H A P T E R 4

„Grayson, hier bist du!“
Eleanors aufgebracht klingende Stimme riss den Blondhaarigen aus seinem tiefen Schlaf. Verwundert sah sich Grayson um und er bemerkte erschrocken, dass er wohl an Charlies Krankenbett eingeschlafen war.
„Endlich habe ich dich gefunden…Ich habe beinahe schon das gesamte Gelände des Klinikums nach dir abgesucht.“
Die junge Krankenschwester trug bereits ihre Arbeitsuniform bestehend aus einem einfachen grauen Kleid, über das sie die obligatorische weiße Schürze trug.
Ihre haselnussbraunen Locken hatte sie hochgesteckt und größtenteils unter der weißen Haube verborgen. Lediglich zwei vorwitzige braune Locken umrahmten ihr hübsches Gesicht, welche Eleanor aber schnell aus ihrem Gesicht wischte: „Grayson, du musst schnell aufstehen!“
„Mist!“, fluchte der frisch gebackene Krankenpfleger und er sah sich in dem großen Krankensaal um, in welchen durch das weitläufige Fenster bereits Sonnenlicht strömte.
Grayson setzte sich schnell auf und wollte von seiner Kollegin wissen: „Wie spät ist es denn, Eleanor?“
„Es ist bereits halb sieben Uhr morgens…. Es ist höchste Eisenbahn, Grayson!“
Diese winkte ihn mit hektisch zu sich und Grayson verabschiedete sich schweren Herzens von seiner jüngeren Schwester, welche immer noch in einem tiefen Schlaf weilte.
Charlotte machte schon einen deutlich besseren Eindruck als gestern Nacht. Ihre Wangen wirkten rosig und nicht mehr ganz so blass. Und sie weilte tief und beständig im Reich der Träume.
„Schlaf gut, Charlie…. Damit du bald wieder gesund bist und mich ärgern kannst.“

Er strich ihr noch einmal flüchtig über ihr blondes Haar, bevor er zu seiner Kollegin stolperte und diese ihn seine weiße Arbeitsuniform in die Hände drückte.
„Beeil dich, Grayson! Der alte Drache spuckt schon Feuer und Galle auf dich!“
„Margaret?“, fragte er die aufgeweckte Krankenschwester und jene blickte ihren Kollegen nur leicht spöttisch an: „Hier im St. Thomas gibt es zum Glück keinen zweiten Drachen.“
„Komm, Grayson!“, ermahnte ihn Eleanor zur Eile und sie informierte ihn: „Margaret ist schon sauer und sie hatte schon befürchtet, dass du dich eventuell aus dem Staub gemacht hast.“
„Das würde ich nie machen!“, empörte sich Grayson sogleich, „Ich würde meine kleine Schwester niemals hier ihrem eigenen Schicksal überlassen!“
Eleanor strich ihm für einen kurzen Augenblick beruhigend über die Schulter: „Das weiß ich doch… Aber Margaret ist allgemein gegenüber neuen Angestellten sehr misstrauisch.“
Sie drückte ihm einen in ein kleines Tuch gewickelten Gegenstand in die Hand und verwundert sah Grayson die junge Krankenschwester an: „Was ist das denn?“
Eleanor zwinkerte dem Blondhaarigen kurz zu: „Das ist ein Stück Brot, das ich vom Frühstück abzweigen habe können. Ich weiß es ist nicht viel… Aber das wird dich zumindest ein wenig gestärkt durch den Tag bringen.“
„Vielen Dank“, meinte Grayson aufrichtig zu seiner Kollegin und er lächelte sie kurz an.
„Keine Ursache… Wir sollten uns nun aber schleunigst auf den Weg zur Krankenstation machen… Margaret wird vermutlich schon ungeduldig meine Rückkehr erwarten.“
„Zum Glück habe ich dich gefunden, bevor Professor Abernathy und seine Studenten mit ihrer morgendlichen Visite der Kranken beginnen“, erklärte Eleanor ihm und der Blondhaarige nickte daraufhin nur zustimmend.
„Aber die Herren Studiosi sind sich ja zu fein, um dieselbe Uhrzeit wie wir aufzustehen! Sie müssen ja ihren wohlverdienten Schönheitsschlaf bekommen!“

Während Grayson sich mit fahrigen Handbewegungen das weiße Hemd einfach über altes zog, zerrte ihn Eleanor am Ärmel zur Krankenstation, auf welcher die armen Würmer in Reih und Glied in kleinen Bettchen lagen und von den Krankenpflegern und Krankenschwester aufopferungsvoll umsorgt wurden.

Der Blondhaarige versuchte seinen rasselnden Atem unter Kontrolle zu bringen und fuhr sich mit einer Hand durch seine blonden Strähnen, um sie in einem halbwegs ordentlichen Zustand zu bringen.
Leider hatte Margaret ihn schon entdeckt und nachdem sie einem kleinen Mädchen einen Löffel an bitterer Medizin verabreicht hatte, stampfte sie zu Grayson herüber.
Die beleibte Oberkrankenschwester stemmte die Arme in ihre füllige Hüfte und sie bedachte Grayson mit einem strengen Blick: „Mr. Brown, es freut mich ja zu sehen, dass sie nun endlich auch den Weg zu ihrer künftigen Arbeitsstätte gefunden haben. Arbeitsbeginn für alle Krankenpfleger und Krankenschwestern ist um Punkt fünf Uhr… Diese Regel gilt auch für dich!“
Grayson sank unter dem strengen Blick seiner Vorgesetzen zusammen und in diesem Moment hatte er das Gefühl, dass Margaret ihn beinahe über zwei Köpfe überragte. Obwohl die stämmige Krankenschwester einen guten Kopf kleiner als der neue Krankenpfleger war.
Eleanor wollte schon etwas zu Margarets Interrogation einwerfen, jedoch schnitt ihr die Oberkrankenschwester sogleich das Wort ab: „Du solltest wieder an deinen Arbeitsplatz zurückkehren, Eleanor… Ich möchte es von Grayson selbst hören.“

Die braunhaarige Krankenschwester warf noch einen mitleidsvollen Blick in Graysons Richtung, bevor sie sich Margarets Anweisung fügte und in einem Nebenraum verschwand.
„Also, Mr. Brown… Ich höre…“
Grayson räusperte sich kurz, bevor er sich leise erklärte: „Es tut mir wirklich aufrichtig leid, Margaret…. Professor Abernathy hatte mich gestern Nacht noch aus dem Bett geholt, da meine kleine Schwester aus der Narkose erwacht war. Ich war unvorsichtig und so bin ich einfach an ihrem Krankenbett eingeschlafen… Ich hätte es wissen sollen, dass ich dadurch zu spät zu meiner Schicht komme.“
Margaret hatte inzwischen die Arme vor ihrer gewaltigen Brust verschränkt und ihre Miene blieb unleserlich.
Dann aber seufzte sie und meinte: „Na gut… Ich lasse es dir heute mal ausnahmsweise durchgehen… Du bist neu im St. Thomas und kennst dich in diesem großen Gebäude noch nicht aus.“
„Danke, Margaret“, murmelte Grayson und er senkte seinen Blick auf den Boden.
„Aber dass mir dies kein zweites Mal vorkommt!“, ermahnte die beleibte Oberkrankenschwester ihn und der junge Krankenpfleger nickte eifrig, um seine Vorgesetzte nicht noch einmal zu erzürnen.
„Sehr gut“, sagte Margaret daraufhin und sie zeigte mit einem Finger auf den Rest seiner Arbeitsuniform, welche Grayson immer noch in seinen Händen hielt.
„Ich ziehe mich ja schon um…“
Grayson machte schon Anstalten aus seiner Hose zu schlüpfen, als Margaret ihn rüde bei diesem Vorhaben unterbrach.
„Wage es ja nicht, junger Mann! Du kannst dich hier nicht einfach so entkleiden!“
„Aber… aber hier sind doch nur kleine Kinder…“, erwiderte der Blondhaarige und bei dem strengen Blick der Oberkrankenschwester bereute er sogleich diesen Satz.
Margaret stemmte abermals einen Arm in ihre beleibte Hüfte: „Aber hier sind auch noch zwei andere Krankenschwestern, junger Mann! Wo kommen wir denn dahin… Das ist hier doch kein Freudenhaus!“

Die stämmige Oberkrankenschwester, welche in dieser Sekunde wieder wie eine aufgebrachte Bulldogge wirkte, packte ihn am Ärmel und zerrte Grayson in einen Nebenraum.
Sie befahl ihm: „Hier kannst du dich umziehen. Wenn du deine Hände in dem kleinen Waschbecken an der Wand gewaschen hast, kannst du mir zur Hand gehen.“

***********************************************
Nach drei Stunden war Grayson bereits erledigt und er sehnte sich nach einer kleinen Verschnaufpause. Er hatte dreckige und mit Erbrochenen und anderen Körperflüssigkeiten verunreinigte Bettbezüge gewechselt, volle Bettpfannen entleert und sauber gemacht und auch bereits kleinere Verbände gewechselt.
Der Blondhaarige war eigentlich der Meinung gewesen, dass man bei dieser Tätigkeit nur wenig falsch machen könnte. Die beleibte Oberkrankenschwester führte, wie auch im Rest des Hospitals ein strenges Regiment über die ihr unterstellten Pfleger und Krankenschwestern.
Margaret war hierbei jedoch anderer Meinung gewesen und sie hatte ihn mehrmals beim Anlegen der Verbände kontrolliert und ihn mit Ratschlägen überschüttet.
Grayson brummte schon der Kopf vor Müdigkeit und Erschöpfung und nach seiner Ansicht hätten alle Anwesenden eine kleine Pause verdient.
Aber Eleanor und Liam, welche vor weniger als einer Stunde wieder zur Kinderstation gestoßen waren, wirkten auf Grayson immer noch wie das blühende Leben und kümmerten sich eifrig um ihre zugewiesenen Aufgaben.
Für die jüngsten Patienten des St. Thomas war nun Essenszeit und laut Margarets Anweisung sollten die drei die Kinder bei der Einnahme ihres Mittagsessens beaufsichtigen und notfalls ihnen auch helfen, wenn sie nicht allein dazu in Stande waren.
„Margaret hat wohl Angst um ihre frisch gewechselten Bettlaken“, scherzte Eleanor, während sie Grayson eine Schale an Brei reichte.
„Wo sie wohl nicht ganz falsch mit ihrer Vermutung liegt“, meinte Liam und er betrachtete missmutig einen kleinen Fleck an Haferbrei, welcher bereits auf einem der blütenweißen gelandet war.
„Oh nein!“, jammerte ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen, welches Grayson instinktiv direkt an Charlie erinnerte.
Eleanor seufzte kurz und sie kam sogleich mit einem feuchten Lappen zu dem kleinen Mädchen: „Keine Sorge, Lottie… Wir putzen das schnell weg… Damit Margaret nicht mit dir schimpft.“
Das kleine Mädchen schniefte kurz und Eleanor strich ihr beruhigend über die blonden Haare.
„Grayson, kümmerst du dich bitte um Tommy?“
Die junge Krankenschwester deutete auf einen kleinen Jungen, welcher in einem Bett am Rand des Krankenhaussaals lag.
Er konnte nicht älter als fünf Jahre alt sein und da sich sein rechter Arm in einer Schiene befand, benötigte er wohl Hilfe beim Essen.
Grayson setzte sich neben den kleinen Mann und er stellte sich ihm vor. Dann begann er ihn mit dem nährreichen Brei zu füttern.
Der Junge mit dem Namen Tommy öffnete eifrig seinen Mund und er meinte zu dem jungen Krankenpfleger: „Wenn ich groß bin, möchte ich auch einmal hier im Krankenhaus arbeiten!“
„Dann musst du jetzt auch schön aufessen“, meinte Grayson mit einem Lächeln zu dem aufgeweckten Kerlchen und er hielt ihn einen weiteren Löffel entgegen, „Damit du groß und stark wirst!“
Grayson sah überrascht auf, als sich die Tür zur Krankenstation öffnete. Für eine Sekunde dachte er, dass möglicherweise Margaret zurückgekommen war, um ihre Arbeit zu kontrollieren.
Oder auch Professor Abernathy oder Professor Hamilton, welche der Kinderstation einen Besuch abstatten wollten und sich über den Gesundheitszustand ihrer jüngsten Patienten erkundigen wollten.
Aber dies war nicht so.
Eine junge Frau, welche ungefähr im Alter von Grayson und Eleanor sein musste, betrat zögerlich den weitläufigen Raum.
Sie sah sich zögerlich um und auf ihrem hübschen Gesicht breitete sich ein strahlendes Lächeln aus, als sie Liam erblickt hatte.
Der sonst so ernst wirkende Krankenpfleger fuhr sich hektisch über die kurzen Stoppeln auf seinem Kopf und putzte sich seine Hände an seiner Hose ab, bevor er der jungen Dame seine Hand reichte.
„Das ist Miss Annabeth Smith, Grayson“, erklärte der muskulöse Krankenpfleger seinem Kollegen, „Ihr Vater Mister Smith ist einer von Londons reichsten und bedeutendsten Industriellen. Er stiftet jährlich große Summen für das St. Thomas Hospital.“
Erst in diesem Moment fielen dem Grayson das aufwendig mit Stickereien verzierte taubenblaue Kleid der jungen Frau ins Auge, welches auf ihren Wohlstand schloss und zudem hervorragend mit ihren strahlend blauen Augen harmonierte.
Miss Smith trug weiße Handschuhe und einen ausladenden Hut, welcher auf ihren seidig blonden Haaren ruhte.
„Ähm… Das ist Grayson Brown. Er arbeitet seit heute hier bei uns im Klinikum“, erklärte Liam der jungen Frau schnell und der Blondhaarige wunderte sich, wieso sein Kollege auf einmal so unsicher wirkte.
Miss Smith hatte einen kleinen Korb bei sich und nachdem sie ein paar Sätze mit Liam gewechselt hatte, machte sie sich daran, den Inhalt an die kranken Kinder zu verteilen.
Grayson beobachtete schmunzelnd die eifrig lächelnden und strahlenden Gesichter der Kinder, welche sich über diese kleine Geste riesig freuten.
Nachdem sie beinahe allen Kindern der Station einen goldenen Taler bestehend aus Schokolade überreicht hatte, blieb die junge Frau vor Grayson stehen: „Darf ich sie fragen, weshalb sie im St. Thomas angefangen haben?“
Der Blondhaarige schluckte kurz, bevor er mit leiser Stimme sagte: „Meine kleine Schwester hat vor ein Tagen eine lebensnotwendige Operation benötigt… Ich muss nun hier arbeiten, um ihre Behandlungskosten abarbeiten zu können.“
„Oh…“, der Gesichtsausdruck der jungen Dame wirkte nun sehr bestürzt, jedoch fing sie sich schnell wieder.
„Hier…“, meinte sie und drückte dem jungen Krankenpfleger die letzten verbliebenen Schokoladentaler in die Hand, „Für sie und ihre kleine Schwester.“
„Wirklich?“, fragte Grayson sicherheitshalber noch einmal nach, denn er nach seinen Erfahrungen im Londoner East End erwartete er nicht, dass ihm jemand überhaupt etwas schenkte. In einem von Londons ärmsten Vierteln gönnte man sich gegenseitig überhaupt nichts und man musste sein Hab und Gut meistens sehr gut verstecken.

Annabeth Smith nickte kurz.
„Ich denke, dass sie es gut gebrauchen können“, lächelte ihn die junge Frau an und der Blondhaarige bedankte sich höflich bei der wohltätigen Gönnerin.
Annabeth winkte ein paar der Kinder noch freundlich zu und Liam räusperte sich daraufhin kurz: „Ich werde sie noch zur Eingangspforte begleiten, Miss Smith.“
Die Angesprochene nickte noch einmal freundlich und bedachte den muskulösen Krankenpfleger mit einem freundlichen Lächeln.
Gemeinsam verließen die beiden die Krankenstation und somit blieben Eleanor und Grayson allein dort mit den Kindern zurück.

Eleanor kicherte kurz und sie hielt sich schnell eine Hand vor den Mund, um ihr Lachen zu dämpfen und eventuell Margaret nicht zu erzürnen: „Liam ist so verliebt in sie…Das ist ja so süß.“
Grayson hob skeptisch eine Augenbraue in die Höhe und er meinte: „Aber wieso macht er ihr denn nicht den Hof?“
Der Gesichtsausdruck der jungen Krankenschwester wurde wieder ernst und sie seufzte kurz: „Das ist nicht so einfach, Grayson… Sie kommen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Miss Smiths Vater würde so jemanden wie Liam niemals als potenziellen Schwiegersohn akzeptieren.“
„Aber wieso wäre er denn nicht geeignet? Ich kenne ihm zwar noch nicht lange, aber er wirkt verständnisvoll, hart arbeitend, verantwortungsbewusst und aufrichtig auf mich...“
„Und er ist aber auch arm wie eine Kirchmaus…“, ergänzte Eleanor mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen Graysons Satz.
Der Blondhaarige seufzte kurz auf, denn dies war dann wahrhaftig eine verzwickte Situation für den Krankenpfleger.
Ihre Liebe hatte somit keine Chance, denn hierzulande waren für eine mögliche Vermählung der Stand und das Ansehen bedeutsamer als eine wirkliche Anziehung zwischen den beiden Ehepartnern. Aber mit diesem prekären Thema hatte sich Grayson noch nie richtig auseinandergesetzt.
Als Sünder würde er in den Augen der protestantischen Church of England niemals das geheiligte Sakrileg der Ehe erhalten.
„Grayson, ich brauche dich kurz!“, ertönte Margarets scharfe Stimme in der Kinderkrankenstation, sodass der Blonde erst einmal erschrocken zusammenzuckte. An das laute Sprechorgan der Oberkrankenschwester musste sich Grayson erst einmal gewöhnen, bis er sie nicht mehr so wahrnehmen würde.
Der junge Krankenpfleger stellte sich sogleich aufrecht hin und er fragte seine Vorgesetzte: „Was ist denn los, Margaret?“
Diese jedoch ignorierte Grayson kurz, bevor sie sich suchend nach dem anderen Krankenpfleger umsah und dann von Eleanor wissen wollte: „Wo ist denn Liam? Ich habe ihm doch aufgetragen, dass er euch ebenfalls auf der Station zur Hand gehen sollte?“
„Er begleitet noch Miss Smith zur Eingangspforte“, erklärte Eleanor der Oberkrankenschwester, welche bei diesem Satz kurz schnaubte: „Hat unsere reizende Miss Smith den Kindern wieder einmal Schokolade mitgebracht?“
„Ja…“, entgegnete Grayson ihr flüsternd, aber er zuckte unter Margarets strengem Blick und schloss seinen Mund.
Die stämmige Oberkrankenschwester richtete ihre verrutschte Haube, während sie sich über die junge Miss ausließ: „Das macht die armen Würmer auch nicht gerade gesünder! Miss Annabeth und ihr werter Herr Papa möchten sich vor der hohen Gesellschaft Londons immer als wohltätige Gönner für das St. Thomas darstellen, während hingegen wir als Personal des Hospitals eigentlich für die kranken Patienten verantwortlich sind!“
Margaret grummelte noch etwas Unverständliches, bevor sie sich erneut an Grayson wandte: „Ich brauche jemanden, welcher eine Arzneiflasche zu Professor Hamilton in den Vorlesungssaal bringt.“
„Ähm… Ich weiß nicht…Soll ich das etwa machen?“, fragte Grayson zögerlich und zeigte mit dem Zeigefinger auf sich selbst.
„Siehst du hier noch jemanden, der gerade nichts zu tun hat und zwei freie Hände besitzt?“, stellte Margaret ihm diese ironisch formulierte Frage und der Blonde schluckte kurz.
„Nein… Natürlich nicht, Margaret… Ich beeile mich“, versprach Grayson ihr.
Die bullige Oberkrankenschwester drückte Grayson eine bräunliche Flasche in die Hand und sah dem Blondhaarigen für einen kurzen Moment eindringlich an: „Das ist derselbe Saal, in dem Mr. Hamilton deine kleine Schwester operiert hat…. Meinst du, dass du ihn findest? Ohne dass du Brotkrümel verstreuen musst, um den Rückweg wieder zu finden?“
Grayson nickte kurz und Margaret musterte ihn noch einmal mit einem strengen Blick: „Danach kommst du sofort wieder zurück… Haben wir uns verstanden, Grayson?“
Der Angesprochene nickte abermals und nachdem er sich kurz von Eleanor verabschiedet hatte, verließ er mit schnellen Schritten die Krankenstation der jüngsten Patienten.


Nachdem er mit flinken Schritten durch die weitläufigen Gänge des St. Thomas geeilt war, fand er sich vor der großen Eichentür des Operationssaals wieder, welcher von Professor Hamilton ebenfalls als Vorlesungssaal genutzt. Vor der verschlossenen Tür des Raumes sammelten sich schon eine große Horde an Studenten, welche allesamt mit feinen Anzügen bekleidet waren und ungeduldig darauf warteten, in den Raum gelassen zu werden.
Grayson fühlte sich auf einmal sehr eingeschüchtert und er blieb schnell stehen.
Er hielt die bräunliche Flasche fest umklammert und er hoffte, dass bald Professor Hamilton vorbeikommen würde und sobald er dem arrogant wirkenden Professor das Medikament übergeben hätte, konnte er sich wieder auf den Weg zurück zur Krankenstation machen.
Unter der Masse an Medizinstudenten erkannte er auch Harry und seinen rotblonden Freund, welcher ihm wie schon beim letzten Mal, als Grayson sie gesehen hatte, den Ausschnitt aus einer Tageszeitung unter die Nase hielt.
Die beiden jungen Männer nahmen gar nicht Notiz von Grayson, so sehr waren sie in diese Zeitschrift mit den aktuellen Tagesmeldungen vertieft.
Jedoch entdeckte ihn dafür ein anderer Medizinstudent, welcher ihn neugierig musterte. Er trug einen mitternachtsblauen Anzug und seine schwarzbraunen Haare hatte er mithilfe einer Pomade zu einem ordentlichen Seitenscheitel frisiert.
„Wer bist du denn? Bist du eins von den kleinen Helferlein?“, wollte er von Grayson wissen und sein Tonfall ließ vermuten, dass er sich hier über den jungen Krankenpfleger lustig machen wollte.
„Was trägst du denn hier durch die Gegend?“

Harry, welcher schön langsam die Konversation seines Kommilitonen mitbekommen hatte, legte seinem irischen Freund kurz eine Hand auf die Schulter und schob sich an dem Rotblonden vorbei. Mit schnellen Schritten kam er zu den beiden herüber und mit einem strengen Blick ermahnte er den Schwarzhaarigen: „Lass es doch gut sein, Nicholas… Er hat dir nichts getan.“
Der Angesprochene hob abwehrend seine Hände in die Luft und er grinste Harry zu: „Ich habe doch gar nichts gemacht.“
Grayson schwieg nur und zögerlich erwiderte er das kleine Lächeln, was ihm der freundliche Medizinstudent zuwarf.
Dadurch achtete er leider nicht auf den Fußboden und ehe er es sich versah, verlor er den Halt und landete unsanft auf dem Marmorboden.
Grayson musste hilflos mitansehen, wie die bräunliche Flasche in tausend Stücke auf dem harten Boden zerschellte. Durch diesen lauten Krach richtete sich nun die Aufmerksamkeit der restlichen Studenten auf Grayson und nachdem sie dieses Malheur registriert hatten, fingen ein paar von ihnen schallend anzulachen.
„Du hast ihm ein Bein gestellt!“, knurrte Harry seinen Kommilitonen an und dieser hatte den Mut, den Medizinstudenten grinsend ins Gesicht zu blicken: „Ich habe doch gar nichts gemacht… Ich kann doch nichts dafür, wenn dieser minderbemittelte Krankenpfleger so ungeschickt ist…“
Vor Scham und Ärger über sich selbst schossen Grayson schon beinahe die Tränen in seine hellblauen Augen und hektisch rappelte er sich schnell vom kalten Boden auf.
Er wollte sich nicht die Blöße geben und vor den anderen arroganten Medizinstudenten wie ein kleines, verunsichertes Mädchen zu weinen beginnen.
Margaret würde ihn ohnehin lynchen, wenn er zu ihr zurückkehren würde und ihr gestehen müsste, dass er diese wertvolle Arznei auf den Boden verschüttet hätte.
Grayson stürmte den langen Gang des Krankenhauses entlang und in seinen Ohren hörte er immer noch das Gelächter der Herren Studiosi.

Er fühlte sich erbärmlich und gedemütigt… Dass ausgerechnet ihm immer so etwas dummes passieren musste?
Er konnte Glück haben, wenn Professor Hamilton oder Schwester Margaret ihn nicht heute gleich wieder auf die Straße setzen würden.
Dabei musste er doch dringend Geld für Charlies Behandlung verdienen!
Als ihn eine warme Hand am Handgelenk packte, drehte er sich wütend um und fauchte: „Habt ihr nicht schon euren Spaß  mit mir gehabt?“

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Vielen Dank für die 7 Empfehlungen & die 2 Reviews zum letzten Kapitel <3
In diesem Kapitel werden jetzt noch die letzten Charakteren zum Cast eingeführt. Jetzt fehlt nur noch Harrys Schwester Gwen :)
Habt ihr bisher schon einen Lieblingscharakter?
Ich freue mich über jegliche Rückmeldung :)
Liebste Grüße,
Laura
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