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In Sickness and in Health [1. Teil]

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P18 / MaleSlash
30.01.2021
23.10.2021
35
89.786
24
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02.02.2021 1.773
 
C H A P T E R 1:
"I, (name), take you (name), to be my lawfully wedded (wife/husband), to have and to hold from this day forward, for better or for worse, for richer, for poorer, in sickness and in health , to love and to cherish; from this day forward until death do us part." (English Vow, englischer Trauspruch bei einer Hochzeit)


Die Ereignisse der letzten Stunde waren so schnell an Grayson vorbeigegangen, dass er sie immer noch nicht vollständig begreifen konnte. Nachdem der Portier die Daten der beiden Geschwister aufgenommen hatte, waren auf das Rufen des Doktors eine junge Frau sowie ein kräftiger Mann in Graysons Alter herbeigeeilt und hatten Graysons Schwester auf die mitgebrachte Trage verfrachtet.

Nun stand er vor dem ehrwürdigen Hörsaal des Hospitals und traute sich kaum einen Schritt in diesen Raum zu wagen. Auf der einen Seite war eine große Tafel an der Wand neben zahlreichen Schaubildern zur Anatomie des menschlichen Körpers befestigt, während sich auf der gegenüberliegenden Seite mehrere treppenförmige Sitzbänke befanden. Diese gesamte Atmosphäre dieses Hörsaals wirkte so erdrückend und zugleich ehrfürchtig auf Grayson.

Auf den Sitzbänken drängten sich leise tuschelnde und geschäftig aussehende junge Männer. Allesamt Söhne aus dem Adelsstand oder dem wohlhabenden Bürgertum, welchen das Recht zustanden, den Beruf des Mediziners zu ergreifen.
Und das nötige Kleingeld besaßen, um dieses langwierige sowie anstrengende Studium zu bezahlen.
Unter diesen entdeckte Grayson auch jenen jungen Mann, welcher Charlie in der Eingangshalle entdeckt hatte und Mister Abernathy auf sie aufmerksam gemacht hatte.
Sein halblanges, lockiges Haar trug er leicht nach hinten gekämmt. Seine grünen Augen schenkten Louis ein kleines Lächeln, als er den Bruder der Patientin ausmachte, welcher sich zurückhaltend und nervös an dem eichernen Türrahmen des Hörsaals festklammerte. Im Anschluss daran widmete er sich wieder seinem rotblondhaarigen Gesprächspartner, welcher ihm gerade den Auszug aus der heutigen Tageszeitung unter die Nase hielt.

„ Es wird schon alles gutgehen“, meinte der kräftige Krankenträger, welcher Graysons nervösen Blick bemerkt hatte. Liam, wie er sich Graysos kurz davor vorgestellt hatte, fuhr sich mit einer Hand durch die kurzgeschorenen Haarstoppeln auf seinem Kopf und deutete auf den hochgewachsenen Mann welcher gerade in den Hörsaal schritt.
„ Professor Hamilton ist ein sehr guter Chirurg, er hat bereits unter dem Siegel der Kavallerie des englischen Königs gearbeitet. Er wird deiner kleinen Schwester mit Sicherheit helfen können.“
Grayson war sich diesbezüglich nicht so sicher, denn in den Elendsvierteln von London siechten die Kranken nur vor sich hin, sodass es in den meisten schweren Fällen keinerlei mehr Hoffnung für die Kranken gab und man ihnen buchstäblich hilflos dabei zusehen musste, wie das Leben aus ihren Körpern wich.
Er seufzte nur zustimmend und schwieg schnell, als der Professor das Wort ergriff und die plaudernden Studenten zur Ruhe ermahnte.
„ Nun, meine Herren. Ich habe heute einen besonderen Fall für sie.“
Er ging mit geübtem Blick um die junge Patientin herum und musterte diese. Der Bauchraum war schon freigelegt worden, der restliche Körper war mit einem sauberen weißen Laken verdeckt worden.
Die junge Frau, welche mit Liam zusammen Graysons Schwester in den Krankensaal gebracht hatte, stülpte dieser gerade eine mit Laudanum getränkte Maske über den Kopf. Diese Betäubung war unter anderem für Außenstehende fast nicht mehr nötig, da die Schmerzen der Kranken diese beinahe schon in den Grad der Bewusstlosigkeit geführt hatten.
„ Die junge Frau wurde mit starken Schmerzen im rechten Bauchraum, hohen Fieber sowie erhöhten Puls in unser Haus gebracht. Um welche Erkrankung könnte es sich hier handeln? Haben die Herr Studiosi hierzu möglicherweise einen Verdacht?“
Prüfend und musternd wanderte der Blick des Professors über die jungen Studenten, bevor dieser bei dem rotblonden Mann neben Mister Edwards stehenblieb.

„ Mister O‘Connor, was wäre ihre Diagnose?“ Die stechend blauen Augen des Professors musterte den jungen Mann. Dieser reagierte erst auf die Anrede, als Harry ihm hektisch in die Seite stieß. Er dadurch wurde der Student von seiner Zeitschrift abgelenkt. Er räusperte sich:
„ Ähm ja..“, stotterte er, „.. hierbei könnte es sich... um eine Entzündung ...des Bauchraums handeln.“
Mister Hamilton nickte zustimmend: „ Und unter welchem Namen ist diese Art von Krankheit bekannt, Mister O‘Connor?“
Räuspernd fummelte der Medizinstudent an seiner Krawatte, da ihm offenbar der lateinische Name der Erkrankung nicht mehr einfallen wollte. Hektisch fuhr er sich durch seine rotblonden, leicht verwuschelten Haare und er stotterte etwas Unverständliches.
„ Der Name der Erkrankung lautet App...“
Hilfesuchend suchte sein Blick den seinen Nachbarn, welcher ihm auf seinen flehenden Blick etwas zuflüsterte.
„ Hätte Mister Edwards die Güte, seine Erkenntnis mit den anderen Herren Studenten zu teilen?“ Dem Professor war es offenbar nicht entfallen, dass dieser seinem Kameraden die richtige Antwort zuflüstern wollte.
Der junge Mann mit den braunen lockigen Haaren straffte sein Jackett, als er aufstand und mit fester sowie selbstsicherer Stimme erklärte: „ Diese junge Frau leidet an einer Appendizitis, einer sogenannten Entzündung des Wurmfortsatzes.“
Anerkennend und zugleich ein wenig verärgert über die Tatsache, dass ein anderer Student die Antwort vorweggenommen hatte, nickte der Professor.
„ Gut, Mister Edwards…. Und nun zu Ihnen Mr. O’Connor…“
Der angesprochene Medizinstudent sank tiefer in seinen Sitz und versuchte den stechenden Blick des Professors auszuweichen.
„ Sie sind sich hoffentlich darüber im Klaren, dass ihr werter Herr Papa eine Menge Geld für ihre Ausbildung bezahlt. Diese Chance sollte sie trotz ihrer minderwertigen Herkunft sehr schätzen und diese auch nutzen.“
Die anderen Studenten lachten kurz hämisch auf, als sie die Worte von Mister Hamilton hörten. Lediglich Harry neben dem Beschämten stieß ihm aufmunternd in die Seite.
Grayson runzelte die Stirn über das Verhalten des Professors. Wieso sollte dem rotblonden Mann eine andere Behandlung zustehen als dem Rest der Studenten?
„Wieso sollte dieser Student denn eine minderwertige Herkunft besitzen?“, fragte er flüsternd den kräftigen Krankenpfleger. Dieser erklärte ihm: „Kieran O’Connor ist ein unehelich geborener Bastard eines irischen Adeligen… Da sein Vater aber schon einen ehelich geborenen Nachfolger besitzt, brächte er keinen zweiten Sohn mehr… Aber ich habe mal von Mr. Abernathy aufgeschnappt, dass sein Vater in Irland ein sehr einflussreicher Mann ist und seinem unehelichen Sohn deshalb dieses Medizinstudium im St. Thomas ermöglichen möchte.“

Seine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Professor, als dieser wieder das Wort ergriff:
„ Eine Appendizitis ist meistens eine Angelegenheit, welche eine sofortige Entfernung des corpus delicti erfordert. Eine Behandlung mit fiebersenkenden Wickeln sowie Hausmitteln ist hingegen wenig erfolgsversprechend. Als die Operationsmethode dieses Eingriffs noch nicht entdeckt war, sind die meisten Patienten aufgrund dieser Erkrankung innerhalb kürzester Zeit verstorben.“
Der Professor hatte sich ein silbrig glänzendes Skalpell von dem sterilen Behandlungstisch genommen und hatte einen länglichen Schnitt in Charlies Bauchdecke unternommen. Fasziniert betrachtete Grayson sowie die Medizinstudenten das Handeln des Professors.
„ Ich führe nun eine Laparotomie durch, einen Einschnitt in die rechte Bauchseite der Patientin...“
Mister Hamilton ließ sich von der jungen Frau namens Eleanor eine kleine Zange reichen und führte diese in den Schnitt im Körper der jungen Frau. Innerhalb von Minuten hatte er den entzündeten Wurmfortsatz ausgemacht und diesen entfernt.
Triumphierend hielt er diesen an der Zange in die Höhe: „ Hier können sie nun den Übeltäter betrachten. Ein kleiner Teil des Enddarms, welcher im Falle einer Entzündung sehr schnell Tod der Patienten verursachen kann.“
Der Chirurg verbeugte sich kurz vor den Studenten, welche bewundernd und ehrfürchtig auf ihren hölzernen Sitzbänken klopften.
Grayson war so vom Handeln des Professors fasziniert, sodass er zuerst nicht reagierte, als er das Wort an den jungen Mann richtete.
„ Nun, Mister Brown, es war sehr gut, dass sie ihre kleine Schwester zu uns gebracht haben. Wenige Stunden später und ich hätte nichts mehr für sie tun können.“
Dankbar sah Grayson den älteren Herrn aufrichtig an: „ Ich danke ihnen, Herr Professor. Ich weiß gar nicht, wie viel ich ihnen meine Dankbarkeit aussprechen könnte. Sie ist das einzige Familienmitglied, das mir noch geblieben ist.“
Über die strenge Miene des Professors huschte der Ansatz eines Lächelns, jedoch verdunkelte sich diese sobald wieder.
„ Mein werter Kollege hat mir zugetragen, dass sie kein Geld für die Behandlung ihrer Schwester besitzen. Da sie mir als Vorführungsobjekt für meine Studenten gedient hat, kann ich ihnen einen Teil der Behandlungskosten erlassen, aber die Nachpflege der Sepsis sowie die Nachversorgung in unserem Hause ist unersetzbar für den Heilungsprozess ihrer Schwester. Diese ist jedoch auch mit erheblichen Kosten verbunden.“
„ Ich weiß, Herr Professor“, intervenierte Grayson den Vortrag des Mediziners, „ Ich verspreche ihnen, dass sie das Geld sobald wie möglich in ihren Händen halten werden.“
Liam, welcher der Unterhaltung der beiden bisher aus der Ferne gelauscht hatte, mischte sich nun ein: „ Mit Verlaub, Professor. Ich hätte möglicherweise einen Vorschlag vorzubringen, wie Mister Brown für die Kosten aufkommen könnte.“
„ Und dieser wäre?“
Liam knetete nervös seine Hände: „ Mister Brown könnte mir und Eleanor als Krankenträger zur Hand gehen.“
Der Professor lachte nur leicht und er musterte die dünne und zierliche Gestalt des Bruders seiner Patientin: „ Haben sie sich ihn schon einmal angeschaut? Ich bezweifle, dass Mister Brown hier diesem Anspruch gerecht werden könnte.“
Grayson schüttelte frustriert seinen blonden Haarschopf, denn er wusste, dass er vermutlich neben Liam wie ein Schwächling  wirken musste.
Professor Abernathy mischte sich nun ebenfalls in das Gespräch ein: „ Ich bin diesbezüglich anderer Ansicht, werter Herr Kollege. Wir sind seit Wochen chronisch unterbesetzt und der Schwung an Patienten reißt nicht ab, im Gegenteil. Ich bin mir sicher, dass Mister Brown uns in der Pflege der Kranken behilflich sein kann. Zudem wäre die Finanzierung der Behandlungskosten sichergestellt, wenn er hier in unserem Haus tätig ist, anstatt dass sie jede Woche auf einen kleinen Teil des Geldes warten müssten.“
Brummend nickte Mister Hamilton und musterte den Blonden mit einem letzten Blick: „Dann soll es so sein. Aber auf ihre alleinige Verantwortung, Mister Abernathy. Falls er sich als unnütz oder sogar unzuverlässig erweisen sollte, muss er gehen… Ohne Wenn und Aber….“
Der Blick des älteren Professors fiel auf Graysons unterernährte Figur und er seufzte kurz: „Es ist ein Jammer wie die Versorgungslage im East End ist….Aber was können wir schon dagegen tun?“
Professor Hamilton wandte sich an seinen Kollegen: „Geben sie bitte Miss Johnson Bescheid, dass sie ihn in seine Arbeit einweisen soll.“
„ Meine Herren…. Ich empfehle mich…“ Der Professor zog sich den mit Blut beschmutzten, ehemals weißen Kittel aus und verschwand in der Tür mit der Aufschrift „ Laboratorium.“
„ Nun, Mister Brown“, lächelte Professor Abernathy den jungen Mann freundlich an und er reichte Grayson seine Hand:
„ Ich freue mich, sie im Team des St. Thomas Hospitals begrüßen zu dürfen.“


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Vielen Dank für die 6 Favoriteneinträge sowie die 2 Empfehlungen zur Geschichte :)
Ich liebe ja geschichtliche Themen, deshalb möchte ich diese Story schreiben. (Sie ist lose an der deutschen Serie die Charité angelehnt)
Der Titel entspannt aus dem englischen Treuespruch: "Sowohl In Krankheit als auch in Gesundheit"
Viel Spaß mit dem neuen Kapitel!
LG Laura
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