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In Sickness and in Health [1. Teil]

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P18 / MaleSlash
30.01.2021
23.10.2021
35
89.786
24
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12.06.2021 3.898
 
C H A P T E R  17:

Nachdem die ruppige Oberschwester Grayson und Harry über Liams plötzliches Verschwinden informiert hatte, stürmten die Anwesenden schnell zurück in die große Eingangshalle des St. Thomas.
Dort hörte der blondhaarige Krankenpfleger schon von weitem den wütenden und aufgebrachten Mister Smith, welcher in der großen Halle des Klinikums hektisch hin und herstapfte.
Sowohl Professor Abernathy als auch der dürre Portier versuchten den zornigen Fabrikanten mit Worten zu beruhigen, jedoch schien Annabeth Smiths Vater den beiden Männern gar nicht richtig zuzuhören.

Als er sah, wie sich Schwester Margaret zusammen mit Harry und Grayson ihm näherte, funkelte er die stämmige Oberschwester sogleich wütend an und baute sich vor dieser an.
„Einer ihrer Schützlinge hat sich an meiner Tochter vergriffen und hat sie zu diesem Unsinn angestiftet!“
„Lesen sie sich das durch!“, rief er und hielt Schwester Margaret ein rosa gefärbtes, edel aussehendes Briefpapier vor die Nase.
Die brummige Oberschwester holte ihre große Lesebrille aus der Seitentasche ihrer weißen Schürze, setzte sich diese auf die Nase und nahm Mr. Smith dann das Dokument ab.
Mit gerunzelter Stirn las sich Schwester Margaret den Text auf diesem durch und seufzte dann auf. Sie seufzte auf und meinte daraufhin in Richtung des reichen Industriellen: „Genau das habe ich leider schon erwartet… Dass sich Liam zusammen mit ihrer Tochter abgesetzt hat.“
Die stämmige Oberschwester gab das schöne Briefpapier an ihren Angestellten weiter, damit sich dieser auch den Text ansehen konnte. Auf diesem stand geschrieben:

„Liebster Vater,

es tut mir leid. Jedoch kann und möchte ich dieses Leben, was du für mich vorbestimmt hast, nicht leben. Ich werde Derek Richardson nicht heiraten.

Ich möchte es mit dem Mann verbringen, dem ich mein Herz geschenkt habe. Und das ist Liam.
Wenn du dies liest, werde ich wohl schon mit Liam verheiratet sein.

Es tut mir leid… Aber es war die einzige Lösung für mich und Liam, Vater.

Ich hoffe, du kannst mir verzeihen und wir sehen uns irgendwann in einem späteren Leben wieder.

Es grüßt dich,

deine dich über alles liebende Tochter Annabeth“


„Sie sind doch vollkommen verrückt geworden!“, brauste Mister Smith zornig auf und sein fleischiges Gesicht hatte sich schon rötlich verfärbt.
Vor Wut oder vom Whiskey, konnte Grayson in diesem Augenblick nicht genau feststellen.
Der blonde Krankenpfleger war sich nur sicher, dass der reiche Fabrikant wohl auch schon den Wohltätigkeitsball der Londoner High Society besucht hatte. Denn er trug ebenso wie Harry einen teuren Smoking und stank zudem sehr nach Alkohol.
„Nein…“, murmelte der junge Medizinstudent so leise, sodass es nur Grayson, welcher dicht neben ihm stand, ihn verstehen konnte.
„Sie sind einfach nur verliebt…“
Jedoch hatte Mister Smith ebenso den jungen Adeligen verstanden, denn er drehte sich mit einem zornigen Gesichtsausdruck zu Harry um und funkelte diesen nun ebenso aufgebracht an.
„Ich frage mich nur, wer meiner Tochter diese Flausen in den Kopf gesetzt haben könnte… Sie ist mit einem mittellosen Krankenpfleger durchgebrannt… Ich kann es nicht fassen!“

Nachdem der reiche Fabrikant so laut geworden war, mischte sich glücklicherweise Professor Abernathy in ihr Streitgespräch mit ein und er sagte mit beruhigender Stimme zu dem aufgebrachten Vater: „Mister Smith, ich denke, niemand hier im St. Thomas hat voraussehen können, dass die beiden etwas so Gewagtes geplant haben…“
Grayson rutschte bei diesen Worten das Herz in die Hose, denn er hatte es eigentlich ahnen können, was sein Zimmergenosse mit den gestohlenen Sachen vorgehabt hatte.
Und er hatte ihn wahrscheinlich mit seiner dummen Idee zu dieser waghalsigen Aktion verleitet… Immerhin hatte er damals zu Liam gesagt, dass er zusammen mit Miss Smith einfach nach Amerika gehen sollte…
Der Vater der verschwundenen Dame blinzelte den freundlichen Professor wütend an: „Wo ist eigentlich ihr Vorgesetzter?“
Mr. Smith fuchtelte mit den Armen in der Luft herum und er machte seinen Ärger und seine Besorgnis um seine verschwundene Tochter Luft: „Könnte ich eventuell mit irgendjemand Kompetenten sprechen?“
Grayson bemerkte, wie Schwester Margaret neben ihm scharf die Luft einzog und die Arme vor ihrer massigen Brust verschränkte.
Aber Professor Abernathy ließ sich von dem Geschrei des wohlhabenden Fabrikbesitzers keineswegs aus der Ruhe bringen.
Mit ruhiger Stimme erklärte er Mr. Smith: „Mein werter Kollege, Professor Hamilton, befindet sich ebenso auf dieser Wohltätigkeitsveranstaltung…“
„Und wieso sind sie nicht dort?“, wollte Mr. Smith daraufhin unhöflich von dem Mediziner wissen, „Haben sie etwa keine Einladung erhalten?“
Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen beantwortete Professor Abernathy die rüde Frage des Industriellen: „Sie irren sich, Mr. Smith. Mein Kollege und ich haben beide jeweils eine Einladung zu diesem Ball bekommen… Ich habe es jedoch im Gegensatz zu Professor Hamilton vorgezogen, hier im St. Thomas zu bleiben.“
„Immerhin wäre dann zumindest ein fertig ausgebildeter Arzt im Klinikum, falls es einen kleinen Notfall geben sollte.“
Mr. Smith runzelte die Stirn und murmelte etwas Unverständliches, was die anderen Angestellten des St. Thomas nicht ganz verstanden.
Dann ergänzte Professor Abernathy noch: „Sie können die beiden mit großer Wahrscheinlichkeit ohnehin nicht mehr einholen…Sie wissen ja nicht einmal, wohin Liam und ihre Tochter verschwunden sind. Die beiden könnten sich überall rumtreiben… Vielleicht haben sich die beiden nach Schottland, Wales oder Irland abgesetzt… Oder eventuell aufs französische Festland… Sogar nach Amerika könnten die beiden durchgebrannt sein!“
Schwester Margaret schüttelte energisch ihren Kopf und sie widersprach dem Arzt: „Das kann aber gar nicht sein! Woher hätte Liam denn das Geld für die Überfahrt hernehmen soll…“
Sie stockte bei dem letzten Wort ihres angefangenen Satzes und plötzlich durchfuhr die bittere Erkenntnis sie wie ein Blitz: „Das kann doch nicht sein!“

Schwester Margarets Blick fiel auf den schmächtigen Krankenpfleger, der unter ihren strengen Augen noch mehr in sich zusammensank und er nickte zögerlich.
„Du hast davon gewusst und hast etwa nicht daran gedacht, mir von diesem Vorfall zu erzählen?“, schimpfte Schwester Margaret nun den blondhaarigen Krankenpfleger, welcher sich in diesem Moment mehr als schlecht fühlte.
Professor Abernathy wirkte nun mehr als verwirrt und er fragte die beleibte Oberschwester: „Was meinen sie damit, Margaret? Was wollen sie damit andeuten?“

Die brummige Oberschwester seufzte auf und rieb sich über ihre angespannte Stirn: „Ich habe in den letzten Wochen immer wieder bemerkt und es ist mir auch von mehreren Mitarbeitern zugetragen worden, dass Dinge aus dem St. Thomas verschwunden waren… Unter anderem Wertsachen und vor allem Bargeld…“
„Nun weiß ich, wer für diese Diebstähle wohl verantwortlich ist…“, meinte Schwester Margaret leise und sie sah Grayson an.
„Wir sprechen uns noch, Grayson…“, sagte sie zu dem blonden Krankenpfleger und packte diesem am Unterarm.
Während Professor Abernathy immer noch mit dem Portier und Mr. Smith diskutierte, stand Harry stumm neben den drei Männern und wusste nicht so recht, was er sagen sollte.
Mit sehnsuchtsvollen Augen blickte Grayson dem hochgewachsenen Medizinstudenten nochmals hilflos nach, während er sich von der stämmigen Oberschwester zum westlichen Krankentrakt mitziehen ließ.

Er wusste, dass ihm jetzt eine der berüchtigten Strafpredigten von Schwester Margaret bevorstehen würde.
Und vielleicht würde wieder an ihm die unliebsame Arbeit des Auswaschens von dreckigen Nachtschüsseln an ihm hängen bleiben, wenn er Pech hatte.
In dieser Sekunde wollte Grayson seinen Job im St. Thomas einfach nur verfluchen.

                                     ***
Es war bereits mitten in der Nacht, als der blondhaarige Krankenpfleger einen letzten Kontrollgang durch die voll besetzten Krankensäle des Klinikums unternahm.
Von Schwester Margaret hatte der blondhaarige Krankenpfleger erfahren, dass Mr. Smith noch eine Weile in der großen Halle des St. Thomas gewütet und getobt hatte, bevor er endlich klein beigegeben hatte.
Der reiche Fabrikantenbesitzer hatte wohl endlich eingesehen, dass er seine Tochter, welche mit Liam durchgebrannt war, nicht mehr zurückholen könnte. Zu Professor Abernathy hatte er schließlich gemeint, dass er wohl noch auf den Wealthfair Wohltätigkeitsball zurückkehren und sich einen guten Cognac genehmigen wolle.

Der freundliche Professor hatte laut Margarets Aussage nur mit dem Kopf schütteln können und er hatte den wüsten Mann daraufhin ziehen lassen, um sich wieder seiner Arbeit widmen zu können.

Er machte gerade einen Rundgang in dem Krankensaal, in welchem die jüngsten Patienten des St. Thomas untergebracht waren, als er ein leichtes Keuchen aus der hinteren Ecke des großen Raums vernahm.
Grayson runzelte verwirrt die Stirn und seine Augen fielen überrascht auf den kleinen Waisenjungen, welcher aufrecht in seinem Bett saß und stark hustete.
„Hey Oliver…“, näherte sich der junge Krankenpfleger dem Kind und er fragte ihn: „Was ist denn los?“
Er stellte die brennende Petroleumlampe auf dem schmalen Nachttisch ab und kam schnell zu dem blonden Jungen herüber.
Grayson dachte in diesem Augenblick wohl, dass der kleine Waisenjunge schlecht geträumt hatte und aus einem fürchterlichen Albtraum erwacht war.
Jedoch war dieser Albtraum real und diese schreckliche Erkenntnis realisierte der Blondhaarige in diesem Moment erst.
Die Wangen des Jungen waren stark gerötet und er hustete immer wieder stark, während er sich seine kleine Hand auf seinen Hals presste.
Seine Halspartie und sein Rachen, welchen Grayson sogleich unter die Lupe nahm. Mit vor Schrecken geweiteten Augen betrachtete der junge Krankenpfleger die Schwellung in Olivers Rachen- und Halsraum und er kam zu der Erkenntnis, dass der kleine Waisenjunge an einer allergischen Reaktion litt.
Grayson verfiel sogleich in Panik. Obwohl er seit seinem Arbeitsbeginn hier im St. Thomas Hospital schon sehr grausige Dinge gesehen hatte, hatte er mit diesen Fällen manchmal besser umgehen können.
Obwohl ihm viele schreckliche Schicksale von Patienten noch wochenlang in seinen Träumen verfolgt hatten…
Doch in diesem Fall hatte er noch nie eine so enge Bindung zu einem Patienten aufgebaut und Grayson kam zu der bitteren Erkenntnis, dass Oliver wohl qualvoll ersticken würde, wenn er nichts schnell dagegen unternahm.

Der junge Krankenpfleger nahm den immer noch heftig hustenden Jungen kurzerhand auf seine Arme und stürmte dann aus dem Krankensaal der Kinder.
„Schwester Margaret! Schwester Margaret!“, rief er immer wieder hektisch, als er den weitläufigen Gang des Klinikums entlanglief und nach der stämmigen Oberschwester Ausschau hielt.
Glücklicherweise fand er diese bereits nach kurzer Zeit und als Schwester Margaret den blonden Krankenpfleger mit dem Kind auf dem Arm erblickte, stemmte sie die Arme in ihre fülligen Hüften und musterte diesen mit einem strengen Blick:
„Was ist denn los, Grayson? Wieso um Himmels willen schreist du hier spätnachts im Gang herum?“
„Wir haben eine strikte Nachtruhe, mein Lieber!“, erinnerte sie ihren Mitarbeiter mit verengten Augen. Aber als sie Oliver in Graysons Armen erkannte, erweichte sich ihr Blick.
Der blonde Waisenjunge hustete immer noch mit rasselndem Atem und hatte sein Gesicht gegen Graysons magere Schulter gepresst.
Die geübte Oberkrankenschwester erkannte mit schnellem Blick sofort die gefährliche Situation und meinte zu Grayson: „Er hat eine allergische Reaktion… Wir müssen ihn so schnell wie möglich zu Professor Abernathy bringen!“
Der junge Krankenpfleger nickte nur und verfestigte seinen Griff um die schmale Taille des Jungen, welcher sich immer noch verkrampften Fingern an ihm klammerte und heftig hustete.
Grayson war für eine Sekunde ein wenig ruhiger, wenn auch nicht viel.
Aber Schwester Margaret war ein Profi, wenn es um die Versorgung von Kranken und Verletzten anging und die beleibte Oberkrankenschwester behielt in prekären Situationen immerzu einen klaren Kopf.

Sie eilten mit hektischem Schritt durch die langen Hallen des St. Thomas und Grayson betete, dass sie den freundlichen Professor schnell antreffen würden und dieser Oliver helfen konnte.
Glücklicherweise fanden sie den Arzt in seinem Laboratorium und er blickte überrascht auf, als er die stämmige Oberschwester mitsamt dem jungen Krankenpfleger und dem kleinen Patienten im Türrahmen sah.
„Was ist denn los?“, fragte er und legte den dicken Wälzer, welcher er gerade noch in seinen Händen gehalten hatte, zur Seite. Als er den immer noch keuchenden Waisenjungen erkannte, erhob er sich von seinem schweren Eichenschreibtisch und kam auf die beiden zu.
Der Mediziner strich Oliver über die Stirn und befühlte mit beiden Händen den angeschwollenen Rachen und den Kehlkopf des blondhaarigen Jungen und sein Blick wurde ernst.
„Er hat eine allergische Reaktion…“, verkündete Professor Abernathy mit ruhiger Stimme und bestätigte damit Schwester Margarets Vermutung.
Er meinte dann noch, „Seine Atemwege sind schon fast verschlossen… Es könnte sich hierbei um eine anaphylaktische Reaktion handeln…“
„Und das bedeutet, Herr Professor?“, wollte Grayson von ihm wissen und sah dem Arzt nervös in die Augen.
„Er könnte ersticken… Wenn wir nicht sofort etwas dagegen unternehmen…“, sagte Professor Abernathy mit einem traurigen Blick in Schwester Margarets und Graysons Richtung.
Dem jungen Krankenpfleger rutschte sogleich sein Herz in die Hose und er schüttelte hektisch seinen Kopf: „Das dürfen wir nicht zulassen, Herr Professor!“
„Bitte! Sie müssen ihm helfen!“

Der Mediziner nickte ernst und er übernahm jetzt die Leitung. Er gab den beiden Angestellten des St. Thomas kurze, knappe Anweisungen und so brachten Schwester Margaret und Grayson den kleinen Waisenjungen in den nebenan liegenden kleinen Operationssaal, in welchen normalerweise Professor Hamilton zu operieren pflegte.

Grayson legte Oliver sanft auf der Liege in der Mitte des Raums ab und strich dem Jungen sanft über die Wange. Besorgt betrachtete der Blondhaarige das schmale Gesicht des Waisenjungens, welches sich bereits rötlich verfärbt hatte und er hustete heftig, während er eine seiner kleinen Hände auf seinen Hals presste.
Seine Atmung ging bereits rasselnd und Grayson hielt seine Hand, während Schwester Margaret und Professor Hamilton bereits einige metallene Instrumente für die Not OP aus dem Schrank zusammensuchten.
„Alles wird gut, Oliver…Das verspreche ich dir, Oliver…“, murmelte Grayson dem Jungen zu und dieser blickte ihn mit großen Augen an.
„Grayson…“, hustete er immer noch und besorgt lag der Blick des Krankenpflegers auf ihm.

„Ich möchte…Ich möchte meine Mum sehen…“, flüsterte der kleine Junge mit heiserer Stimme und Graysons Augen weiteten sich entsetzt, als er realisierte, worauf der Waisenjunge anspielte.
„Nein, sag das nicht!“, widersprach er ihm heftig und streichelte weiterhin beruhigend über seine schmale Hand, „Du wirst nicht sterben! Das verspreche ich dir, Oliver!“
„Du musst nur durchhalten!“, fügte Grayson mit zittriger Stimme noch hinzu und betete in Gedanken, dass die stämmige Oberschwester und der Arzt schnell alles für den lebensnotwendigen Eingriff vorbereiteten.
Während Oliver still blieb und sein schmächtiger Körper von einem weiteren Hustenanfall geschüttelt wurde, trieb er Schwester Margaret und den Professor zur Eile an.
„Wir müssen uns beeilen! Er erstickt sonst!“, rief Grayson hektisch und er entließ erleichtert die Luft aus seinen Lungen, als er sah, dass die beiden für den Eingriff bereit waren.
Professor Abernathy baute sich vor der Liege auf und streifte schnell das braune Jackett seines Anzugs ab. Dann blickte er Grayson ernst in die Augen und er ermahnte ihn: „Du und Margaret müsst ihn jetzt festhalten und fixieren, damit ich den Eingriff durchführen kann…“
„Du darfst ihn unter keinen Umständen loslassen!“, schärfte der Mediziner dem Krankenpfleger ein und dieser nickte hektisch.

Grayson fixierte mit beiden Händen den schmalen Oberkörper des Jungen, während sich Schwester Margaret auf die andere Seite der Liege gestellt hatte und mit geübten Fingern den Hals von Oliver freilegte und das weiße Leinennachthemd zur Seite schob, damit der Professor an die Halsbeuge des Jungen herankam.

Mit angespannten Augen beobachtete Grayson, wie der Mediziner ein spitz aussehendes Skalpell von Schwester Margaret entgegennahm und noch einmal tief durchatmete, bevor er mit seinen Fingern an der blassen Haut herumtastete und daraufhin mit ruhigen Händen das Instrument an Olivers Hals ansetzte.
„Hierbei handelt es sich um einen Luftröhrenschnitt, lateinisch bekannt unter dem lateinischen Namen „Tracheotomie“. Es leitet sich von dem Begriff „Trachea“, Luftröhre ab“, erklärte Professor Abernathy Grayson, als würde er sich im Hörsaal unter hunderten von Medizinstudenten befinden.
„Ich durchtrenne nun mithilfe des Skalpells ein Band namens Ligamentum conicum , welches zwischen dem Schild- und Ringknorpel befindet...In die dabei entstehende Öffnung der Luftröhre “

Grayson war viel zu nervös, um Professor Abernathy medizinischen, mit zahlreichen lateinischen Ausdrücken bestückten Ausführungen zu lauschen, sondern er beobachtete den Mediziner angespannt, wie dieser mit dem silbernen Instrument an dem empfindlichen Hals des kleinen Olivers herumwerkte.

„Es ist zudem ein äußerst riskanter Eingriff… Sobald ich so töricht sein sollte und die arteria carotis , eine der beiden Halsschlagadern, treffen sollte, könnte er elendig verbluten…“
Der blonde Krankenpfleger schluckte tief und wandte hastig seinen Blick ab, als sich Oliver aufzubäumen versuchte und sein Schrei unter einem Röcheln erstickt wurde.
Das Blut floss und sogleich waren Graysons und auch die weiße Uniform von Schwester Margaret als auch das graue Hemd des Professors mit Blutspritzern übersäht.
Grayson kniff hektisch seine Augen zusammen, während er Oliver immer noch mit klammerndem Griff auf dem Operationstisch festhielt und seinen Blick auf den sauberen Boden des Saals hielt.
Als er seine Augen nach wenigen Minutenbruchstücken, welche ihm jedoch wie gefühlt eine Ewigkeit vorkamen, wieder öffnete, sah er, dass der Arzt seinen Eingriff offenbar schon beenden hatte können.

In der Halsbeuge des kleinen Waisenjungen steckte nun ein kleines Röhrchen, welches Professor Abernathy immer noch mit festem Griff festhielt und Schwester Margaret sanft über den noch heftig auf und ab gehenden Oberkörper des Kindes strich.
„Du hast es überstanden, Kleiner…“, flüsterte die stämmige Oberschwester und fuhr dem kleinen Waisenjungen über die schwitzige Stirn.
Grayson wollte in diesem Moment schon erleichtert aufseufzen, aber dazu kam es nicht. Oliver wollte offenbar etwas sagen und er nuschelte etwas unverständliches, als auf einmal wie aus dem Nichts sein Kopf zur Seite kippte und der kleine Waisenjunge regungslos auf dem Operationstisch liegen blieb.
„Oh mein Gott!“, rief Schwester Margaret auf und der Krankenpfleger merkte in dieser Sekunde, dass die Oberschwester nun plötzlich nicht mehr so unbekümmert wirkte und als hätte sie alles in diesem Augenblick im Griff.
„Sein kleines Herz macht das alles nicht mehr mit!“, schrie Professor Abernathy und während er das kleine Röhrchen Schwester Margaret in die Hand drückte.
Grayson wurde schwindlig vor Augen und er klammerte sich an der Kante des schmalen Tisches fest, als er mit ansehen musste, wie der Mediziner verzweifelt mit beiden Händen auf den Oberkörper des Kindes drückte und den kleinen Waisenjungen somit wieder ins Leben zurückzuholen versuchte.
Vor seinen Augen tanzten bereits schwarze Punkte und wie in Trance beobachtete der junge Krankenpfleger das Geschehen und fühlte sich vollkommen hilflos in diesen schlimmen Sekunden.

Er klammerte sich mit seinen Fingern verzweifelt an den Tisch und dabei fegte er aus Versehen das blutverschmierte Skalpell von der Operationsliege, welches laut klirrend auf dem Boden des Saals liegen blieb.
„Grayson!“, riss ihn Margarets hektische Stimme aus seiner Ohnmacht und diese befahl ihm, „Geh gefälligst nach draußen! Du kannst hier nichts mehr tun…“

Wie in Trance, nickte der Blonde und er stürmte mit schnellen Schritten aus dem Operationssaal. Ohne richtig darauf zu achten und zu registrieren, wo er eigentlich hinlief, schritt Grayson durch die langen Hallen des St. Thomas, bis er an dem Hinterhof ankam.
Mit bebenden Fingern öffnete Grayson die Metalltür und stolperte in den Hinterhof. Er erschauderte, als ihm die kühle Nachtluft entgegenschlug und eine Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen.
Erst in diesem Moment erlaubte er es sich seine Tränen, die er noch vorhin im Operationssaal noch energisch zurückgehalten hatte, freien Lauf zu lassen.
Grayson schluchzte jämmerlich auf, als er sich an der Backsteinmauer des alten Gebäudes entlang gleiten ließ und daraufhin verzweifelt aufschluchzte.
Sein ganzer Körper bebte, als ihm immer wieder das schmale Gesicht des kleinen Waisenjungen vor Augen erschien und der Blondhaarige fühlte sich elend zumute…
Hätte er nur früher seinen nächtlichen Rundgang durch das St. Thomas…
Dann hätte der kleine Waisenjunge vermutlich nicht um sein Leben bangen müssen und man hätte ihm helfen können…

Der junge Krankenpfleger wusste gar nicht mehr, wie lange er überhaupt in der Kälte gekauert hatte und leise geweint hatte, als er plötzlich das Quietschen der alten Tür vernahm.
Überrascht sah er auf, als er Harry in seinem edlen Smoking erblickte und sich dieser ihm vorsichtig näherte.
„Grayson…“, begann der junge Medizinstudent und seine strahlend grünen Augen lagen besorgt auf Grayson.
„Ich habe mich sofort auf den Weg gemacht, als mir die Nachricht auf dem Ball zu Ohren gekommen ist…“, erklärte Harry ihm und er blickte den Blonden besorgt und betroffen an.
Er schälte sich schnell aus seinem Jackett und ohne Rücksicht auf Graysons ehemals weiße, nun blutverschmierte Uniform zu achten, legte er diesem die warme Jacke um die Schultern.
„Du erfrierst mir sonst noch, wenn du weiterhin hier in der kalten Nacht herumsitzt, Grayson…“, sagte Harry zu ihm.
„Du könntest dir dabei eine heftige Erkältung einfangen…“, fügte der Adelige noch hinzu und er kam näher an den Krankenpfleger heran.
„Ich…“, schluchzte Grayson immer noch und rieb sich mit einer Hand über seine geröteten Augen, „Ich… ich habe ihm nicht helfen können… Ich bin… bin nur unfähig herumgestanden…“
„Du hast alles in deiner Macht Stehende getan, um Oliver zu helfen…“, versicherte Harry dann dem immer noch heftig weinenden Krankenpfleger und zog diesen dann kurzerhand in eine warme Umarmung.
Grayson klammerte sich verzweifelt an ihn und weinte bitterlich, während der künftige Duke ihm beruhigend in kleinen Kreisen über den bebenden Rücken fuhr.
So standen die beiden Männer noch eine Weile vor der Außenfassade des St. Thomas und nach mehreren Minuten hatte sich Grayson insoweit beruhigt, dass er zumindest klare Sätze wieder bilden konnte.

„Man sagt doch immer, dass Ärzte Götter in weiß wären… Und dass sie den Patienten helfen können…“, meinte Grayson und blickte Harry verzweifelt in die Augen.
Dieser nahm plötzlich das schmale Gesicht des Krankenpflegers in seine feinen Hände und streichelte sanft über Graysons Wange.
„Manchmal kommen wir Mediziner nicht gegen Gottes Wille an…Wir können nicht dagegen ankämpfen, Grayson…“, murmelte Harry leise und Grayson schluchzte abermals verzweifelt auf und rief: „Dann ist Gott unfair! Wenn er so junge Menschen einfach so sterben lässt und nichts dagegen unternimmt!“
Harry lächelte bitter und er zog Grayson noch näher an sich heran, während er weiterhin beruhigend über die leichenblassen Wangen des Krankenpflegers streichelte.
„Wir sind aber leider keine Halbgötter…. Wir sind leider menschlich und können uns Gottes Willen nicht vollkommen entziehen…“, sagte der junge Adelige leise und Grayson schüttelte trotzig den Kopf, während die nassen Tränen immer noch sein Gesicht benetzten.
„Dich trifft keine Schuld, Grayson…“, flüsterte Harry beruhigend und zärtlich wischte er mit seinen Fingern die Tränenspuren auf den blassen Wangen des Krankenpflegers beiseite.
„Du bist so ein wundervoller Mensch, vergiss das bitte nicht Grayson…“, begann Harry und seine grünen Augen funkelten den Blonden nochmals an.

„Man sieht, dass du auch eine verletzliche Seite in dir hast, welche ich einfach nur umarmen möchte… Und gleichzeitig bist du stark und leistest so viel…“
„Du hast alles in deiner Macht Stehende getan, um Oliver zu retten…“, murmelte er und vollkommen überraschend legte er seine weichen Lippen auf die des Krankenpflegers.
Und diesmal zuckte Grayson nicht zurück.

„I'm only—I'm only—
I'm only human, human

Maybe I'm foolish
Maybe I'm blind
Thinking I can see through this
And see what's behind
Got no way to prove it
So maybe I'm lying

But I'm only human after all
I'm only human after all
Don't put your blame on me“ (Lyrics: Human by Rag ‚n‘ Bone)


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Ich hoffe, dass ihr mich jetzt nicht hasst.... Aber ich hatte ja im letzten Kapitel euch kurz vorgewarnt, dass die nächsten Kapitel ernster sein werden....
Das Kapitel ist doch länger geworden als ich dachte und ist jetzt das längste, das ich für die Story verfasst habe. Wenn es euch gefallen hat, würde ich mich natürlich über eine Rückmeldung freuen!
Lieben Dank auch für die inzwischen 16 Favoriteneinträge! :))
PS: im nächsten Kapitel werdet ihr weiters über Olivers Schicksal erfahren.. Vielleicht haben Schwester Margaret und Professor Abernathy ihm ja doch noch helfen können….

Falls euch solche Serien wie Gossip Girl, Élite etc. gefallen, kann ich euch meine brandneue Story IRON HEART wärmstens ans Herz legen
LG Laura
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