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In Sickness and in Health [1. Teil]

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P18 / MaleSlash
30.01.2021
23.10.2021
35
89.786
24
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26.05.2021 3.525
 
CHAPTER 14:

Wie erstarrt blieb Grayson stehen und musterte das Geschwisterpaar Edwards mit großen Augen. Auch Gwen und Harry wirkten sehr erschrocken über die Tatsache, dass der blondhaarige Krankenpfleger ihr Gespräch, wenn auch nicht ganz freiwillig, belauscht hatte.
Sowohl der junge Adelige als auch seine um zwei Jahre ältere Schwester brachten für einen Moment keinen Mucks über ihre Lippen.
Grayson fühlte sich immer noch wie erstarrt, dann aber ging ein Ruck durch seinen Körper. Er rappelte sich schnell auf und sammelte hektisch die verbliebenen, immer noch leicht feuchten Metallschüsseln vom Pflaster auf und wollte schon wieder ins Innere des Krankenhauses stürmen. Jedoch hielt ihn der junge Medizinstudent von diesem Vorhaben ab, indem er Grayson am Ärmel seiner weißen Uniform packte und flehentlich mit seinen aufgeweckten, grünen Augen ansah.
„Bitte, Grayson!“
Der blondhaarige Krankenpfleger blickte sein Gegenüber mit ebenso großen Augen an und er räusperte sich, bevor er mit fester Stimme zu ihm meinte: „Harry, lass mich bitte los… Ich muss zurück zur Arbeit!“
Aber der Blick des jungen Adeligen wirkte unerbittlich und er entgegnete dem Krankenpfleger: „Bitte, Grayson… Wir müssen über das, was ich eben gesagt habe, reden…“
„Da gibt es nichts zu bereden!“, fuhr ihn Grayson plötzlich an, sodass der Medizinstudent den schmächtigen Mann überrascht ansah.
Stumm hörte er ihm zu, während Grayson mit gefasster Stimme erklärte: „Wir beide können niemals zusammen sein, Harry….Schlag dir diese vollkommen schwachsinnige Vorstellung aus dem Kopf, dass wir jemals zusammen glücklich werden können…“
„Aber, Grayson…“, flüsterte Harry leise und er sah den Blondhaarigen mit großen Augen an, sodass er Grayson an einen getretenen Hundewelpen erinnerte.
„Empfindest du denn nicht dasselbe wie ich es für dich tue?“, flehentlich bohrten sich Harry strahlend grüne Augen in seine und er hielt Graysons Ärmel immer noch fest umklammert, damit der junge Krankenpfleger sich nicht diesem klärenden Gespräch entziehen konnte.
„Das…Das ist nicht von Bedeutung, Harry“, antwortete Grayson zögerlich und versuchte krampfhaft das heftig schlagende Herz in seiner Brust ignorieren. Er wusste haargenau, dass er sich schon vor Wochen in den attraktiven, intelligenten Medizinstudenten verliebt hatte.
Aber er musste auch an seine kleine Schwester denken. Sobald irgendwann herauskommen würde, dass er ein heimliches Verhältnis mit einem männlichen Studenten pflegte, würde er sofort vor die Tür gesetzt werden und auch natürlich seine Stelle hier im St. Thomas verlieren. Und Charlie war das einzige Familienmitglied, das er noch hatte. Da sie noch minderjährig war, musste er für sie sorgen.
Und wenn er nicht dazu imstande war, dann würde Charlotte möglich in eines der großen Waisenhäuser in London abgeschoben werden. Und dies hatte er tunlichst zu verhindern. Denn über diese Häuser, in welchen die Arbeitskraft der jungen Kinder nur zu häufig ausgenutzt wurde, hörte man selten etwas Gutes.
Dieses Schicksal musste er Charlie auf jeden Fall ersparen.
„Es geht nicht, Harry…“, erklärte Grayson daraufhin dem Adeligen mit gefasster Stimme.
„Für mich steht viel mehr auf dem Spiel als für dich…“, meinte der junge Krankenpfleger dann und entzog sich dem festen Griff des Studenten.
Auf einmal meldete sich Harrys Schwester: „Ich würde euch helfen, es geheim zu halten, Grayson.“
Gwen lächelte den Blondhaarigen sanft an und erklärte ihm dann: „Mein Vater finanziert mir hier in London eine große Wohnung… Dort könntet ihr euch ungestört treffen, denn sie hat einen eigenen Hauseingang. Niemand würde euch sehen und auch niemand würde sich daran stören, Grayson…. Es würde funktionieren…“
Obwohl Grayson das großzügige Angebot von Harrys Schwester rührte und er auch ein wenig überrascht war, dass sie die Vorstellung von zwei Männern, die miteinander verkehrten, entgegen der allgemeinen, herrschenden Meinung in der Gesellschaft nicht anekelte.
Dennoch schalt er sich in Gedanken einen Narren, dass er diese verrückte Idee überhaupt in Erwägung zog.
„Nein, es geht nicht…“, erwiderte Grayson energisch und er ergänzte noch, „Dies hat sowieso keinerlei Zukunft… Wir beide müssen wissen, wo unser angestammter Platz in der Gesellschaft ist. Ich bin ein mittelloser Krankenpfleger, welcher niemals gesellschaftlich aufsteigen können werde… Ich werde immer von diesem kargen Helferlohn leben… Und du wirst nach deinem abgeschlossenen Studium als angesehener Arzt arbeiten, Harry…“
Harry sah ihn überrascht an, bevor er sich wieder Grayson zuwandte und nach seiner Hand griff. Zärtlich strich er mit seinem Daumen über die schmale Hand des Krankenpflegers, welche so viel zierlicher in seiner wirkte.
„Ich bemesse den gesellschaftlichen Konventionen doch keinen großen Wert, Grayson… Es zählt für mich nicht, ob jemand arm oder reich ist… Wichtig ist, was in der Person steckt… Ob sie freundlich und ein gutes Herz hat…. So jemand wie du, Grayson.“
Die Wangen des jungen Krankenpflegers färbten sich leicht rot bei diesen aufrichtig klingenden Worten des künftigen Dukes.
Dennoch musste er sich eingestehen, dass dies niemals eine Zukunft haben würde. Auch wenn es sich Harry in diesem Moment so schön und unkompliziert ausmalte, so war die Realität doch eine andere.
„Bitte…. Ich liebe dich, Grayson!“, flehentlich sah ihm Harry an und hielt seine Hand fest mit seiner umklammert.
„Empfindest du denn wirklich nichts für mich?“
Obwohl es ihm innerlich beinahe körperliche Schmerzen bereitete, nahm sich Grayson wieder zusammen und entgegnete dem künftigen Arzt: „Aber ich kann deine Gefühle leider nicht erwidern, Harry… Schlag dir das mit uns besser aus dem Kopf und konzentriere dich auf dein Studium…Es ist besser so, für uns beide…“
„Ich wäre doch ohnehin nur eine kleine Affäre… Ein kleines Abenteuer mit dem gleichen Geschlecht für dich. Und du weißt zudem, was von einem Mann deines Standes erwartet wird, Harry… Du wirst früher oder später mal eine Frau heiraten und Erben für den zukünftigen Fortbestand deiner Linie zeugen müssen.“
Enttäuscht blickte ihn Harry an und ließ seine Hand schnell wieder los, als hätte er sich verbrannt. Überfordert mit der Situation und mit seinen Gefühlen fuhr sich Harry durch seine halblangen Locken und er murmelte noch: „Wenn du das so siehst, Grayson… Dann habe ich das, was zwischen uns war, offenbar eingebildet…“
Traurig blickte ihn Harry an und er fragte ihn noch: „Hast du denn gar kein Herz, Grayson?“
Anstatt dem jungen Adeligen auf diese Frage zu antworten, sammelte der Krankenpfleger hektisch die restlichen Schüsseln sowie die Waschutensilien für die Nachttische vom Boden auf und straffte seine Schultern.
„Ich muss wieder rein… Sonst schimpft mich Schwester Margaret mit Sicherheit…Auf wiedersehen, Harry…Miss Edwards..“
Der Blondhaarige nickte Gwen noch einmal flüchtig zu, bevor er Harry den Rücken zudrehte und schnell wieder ins Innere des St. Thomas eilte.
Auf dem Gang zum westlichen Krankenflügel ließ er sich an der staubigen Wand entlang gleiten und vergrub den Kopf in seinen Händen.
Dann ließ er den Tränen, die er vorhin noch energisch zurückzuhalten versucht hatte, endlich freien Lauf.

Nein, der künftige Arzt hatte schon Recht gehabt.
Er besaß kein Herz.
Denn dies lag zerbrechen sowie zersplittert in seine Einzelteile vor Harrys Füßen.


Aber Grayson wusste in seinem Inneren, dass er richtig gehandelt hatte. Denn er durfte es sich nicht erlauben, seinen tiefen Gefühlen, die er für den zukünftigen Duke of Richmond hegte, nachzugeben.


                                       ***
Wenige Tage später wartete bereits ein weiterer Notfall für die Belegschaft des St. Thomas Hospitals. Grayson befand sich gerade auf den Weg zu Professor Hamiltons Vorlesungssaal, da er dem manchmal sehr launischen sowie etwas griesgrämigen Professor eine Botschaft von Schwester Margaret überbringen musste.
Der blondhaarige Krankenpfleger scheute zwar eigentlich eine erneute Begegnung mit Harold Edwards, welchen er vorletzte Woche noch so rüde abgewiesen und im Anschluss daran einfach im Hinterhof des Klinikums stehen hatte lassen. Grayson dachte sich, dass er in diesem Moment lieber hunderte von dreckigen und stinkenden Nachttöpfen geleert hätte anstatt einem gewissen hochgewachsenen, braunhaarigen Studenten mit strahlend grünen Augen begegnen zu müssen.
Jedoch war sich Grayson sehr wohl bewusst, dass die brummige Oberschwester ein simples „Nein“ keineswegs akzeptieren würde, denn einer Anweisung von Schwester Margaret durfte man sich nicht widersetzen.

Als Grayson die große Eingangshalle des St. Thomas, in welcher sich bereits viele potenzielle Patienten um das Anmeldeportal tummelten, mit zügigen Schritten durchquerte, hielt er plötzlich für eine Sekunde inne.
An einer seitlichen Bank des großen Saals saß ein kleiner Junge mit zerzaustem, blonden Haar und sehr abgetragenen, bereits sogar ein wenig zerschlissenen Kleidungsstücken. Grayson schätzte ihn auf etwa vier oder fünf Jahre.
Er hielt sich mit einer Hand sein rechtes Bein und der Kleine schien bereits den Tränen nahe. Da der junge Krankenpfleger keine Eltern oder andersweite Erziehungsberechtigte des kleinen Jungen ausmachen konnte, näherte er sich ihm vorsichtig und sprach ihn an: „Hey… Alles in Ordnung bei dir?“
Der Junge hob seinen Kopf und Grayson bemerkte, dass sich in seinen himmelblauen Augen bereits Tränen tummelten. Er presste sich mit schmerzverzerrtem Gesicht eine Hand auf sein verletztes Bein und musste sich offenbar schon auf die Zunge beißen, um nicht vor Schmerz loszuheulen.
„Ich bin Grayson… Darf ich es denn mir mal anschauen?“, wollte Grayson mit sanfter Stimme von ihm wissen und zeigte auf das verletzte Bein. Der Junge nickte zunächst zögerlich und der blondhaarige Krankenpfleger kniete sich sogleich neben ihm auf die Bank und mit vorsichtigen Handbewegungen betastete er das angeschwollene Bein des Jungen.
„Verstaucht wahrscheinlich… Wenn nicht auch gebrochen…“, murmelte Grayson und begutachtete mit geübtem Blick die Verletzung des Kindes.
„Wo ist denn deine Mama?“, fragte der Krankenpfleger den kleinen Jungen nun und sah ihn aufmerksam an. Der Junge schniefte leicht und fuhr sich mit einer Hand über sein Gesicht. Kaum hörbar flüsterte er: „Die ist im Himmel…“
Oh je, da war Grayson aber direkt in Fettnäpfchen getreten. Im Inneren schalt er sich selbst für diesen peinlichen Fauxpas, jedoch hatte er dies auch nicht wissen können.
Grayson legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter und er meinte leise: „Meine auch… Aber schon seit sehr langer Zeit…“
„Meine erst seit kurzem…“, schluchzte der verletzte Junge traurig, „Und Miss Walker sagt, sie kommt auch nicht wieder…“
„Wer ist denn Miss Walker?“, fragte Grayson den kleinen Jungen weiter aus und sah sich in der großen Eingangshalle nach weiteren möglichen Verwandten des Jungen um.
Plötzlich löste sich eine dürre Frau mit habichtartigen Zügen aus der Menschenmenge und kam mit leicht erbostem Gesichtsausdruck zu den beiden herüber. Sie stemmte einen Arm in ihre Hüfte und rief: „Oliver, was machst du denn? Du sollst doch nicht weglaufen!“
„Tschuldigung, Miss Walker…“, murmelte der kleine Junge weiter und schniefte nochmal.
„Du sollst doch nicht wegrennen, verdammt!“, schimpfte die fremde Frau sogleich, als sie bei Grayson und Oliver angekommen war.
Grayson musterte die dürre Frau, welche sich mit verschränkten Armen vor ihm aufbaute. Sie erinnerte den Blondhaarigen an eine strenge Gouvernante. Das streng wirkende, marineblaue Korsett wirkte akkurat geschnürt, obwohl es keineswegs ein teures Kleid war. In der Hand hielt sie eine abgetragene Tasche aus hellem Leder.
Auch wenn er im Armenviertel East End noch niemals in seinem Leben eine solche zu Gesicht bekommen hatte, stellte er sich so in etwa eine vor.
„Sind sie seine Tante?“, wollte Grayson von ihr wissen und die fremde Frau blickte ihn sogleich ungläubig an.
„Was? Nein, natürlich nicht… Mein Name ist Amanda Walker… Ich leite ein Waisenhaus hier in London, „Das Foundling Hospital Britain“… Vielleicht sagt ihnen der Name etwas…“
Grayson konnte daraufhin nur bedauernd mit dem Kopf schütteln. In Großbritanniens Hauptstadt gab es zahlreiche Waisenhäuser, sodass man sich gar nicht alle Namen verinnerlichen konnte.

Die Frau mit den habichtartigen Zügen und den strengen Dutt, in welchen sie ihre schwarzen, bereits leicht ergrauten Haare, gefasst hatte, seufzte kurz: „Es ist nicht leicht… In London gibt es einfach zu viele arme, elternlose Dinger… Und die Waisenhäuser platzen aus allen Nähten…. Und an Geld und staatlichen Zuschüssen fehlt es an allen Ecken…“
„Und jetzt muss ich auch noch für eine teure Krankenbehandlung bezahlen…“, seufzte die fremde Frau missmutig und starrte Oliver böse an, welcher auf der klammen Holzbank noch weiter in sich zusammensank.
„Wie ist es denn überhaupt passiert?“, wollte Grayson nun von Miss Walker wissen und diese schnaubte daraufhin abwertend: „Dieses Dummerchen ist die Treppe hinuntergefallen…Als hätte er keine Augen im Kopf… “
„Stimmt das denn, Oliver?“, flüsterte der junge Krankenpfleger dem Jungen zu und dieser schniefte nochmals leicht.
„Nein…“, murmelte er kaum hörbar, aber Grayson hatte ihn dennoch verstanden, „Jason hat mich geschubst….Er ist schon zehn und zwei Köpfe größer als ich….“
„Erzähl doch keine Lügenmärchen, Oliver!“, fauchte Miss Walker ihren Schützling nun erbost an, sodass dieser weiter in sich zusammensank und immer noch mit schmerzverzerrtem Gesicht sein verletztes Bein hielt.
Grayson seufzte und sagte dann zur Leiterin des Waisenhauses: „Ich denke, es wäre besser, wenn sie gleich mit mir mitkommen…So kommen sie wahrscheinlich gleich dran und müssen nicht hier unnötig in der großen Halle warten, bis sie aufgerufen werden…“
Miss Walker hob skeptisch eine Augenbraue in die Höhe: „Wirklich?“
Der junge Krankenpfleger nickte und er wandte sich dann an Oliver: „Soll ich dich vielleicht tragen? Du kannst bestimmt nicht mit deinem verletzten Bein auftreten…“
Der kleine Waisenjunge nickte und so beugte sich Grayson zu ihm hinab. Er fasste den schmalen Jungen an der Taille und dieser hatte seinen dünnen Ärmchen um den Hals des jungen Krankenpflegers geschlungen. Sie machte dabei keineswegs Anstalten, Grayson den Jungen abzunehmen und ihn auf ihren Arm zu nehmen.
„Folgen sie mir bitte, Miss Walker.“
Grayson geleitete die Leiterin des Waisenhauses durch die langen, verwinkelten Gänge des Klinikums, bis sie irgendwann vor Professor Hamiltons Vorlesungssaal ankamen.
Vor diesem tummelten sich bereits zahlreiche Studenten und Grayson seufzte innerlich auf, als er Harry sowie seine zwei Kommilitonen in der Menge entdeckte.
Anscheinend hatte Nicholas ihn bereits mit dem kleinen Kind auf dem Arm entdeckt, denn er winkte Grayson leicht spöttisch zu und er grinste: „Ach, da hat sich der neue Krankenpfleger sogleich ein Kind zugelegt… Das ging ja schnell… Ich sagte ja, dass sie bald die neue Generation an neuen Helferlein zeugen werden, liebster Harold…“
„Halt doch endlich mal deine vorlaute Klappe!“, herrschte Harry daraufhin seinen schwarzhaarigen Mitstudenten sogleich an, sodass dieser abwehrend seine Hände in die Luft hob.
„Schon gut, ich sag ja schon nichts mehr…“
Kieran kam näher und betrachtete den kleinen Jungen, welcher seine dünnen Ärmchen immer noch um Graysons Hals geschlungen hatte und sein tränennasses Gesicht an seiner Schulter vergraben hatte.
„Was ist denn mit ihm?“, fragte er besorgt und betrachtete den kleinen Waisenjungen mit schiefgelegtem Blick.
„Er hat sich am Bein verletzt…“, erklärte ihm Grayson ruhig, „Vielleicht ist es sogar gebrochen…“
Harrys grüne Augen bohrten sich vorwurfsvoll in seine und er meinte in Richtung des jungen Krankenpflegers: „Ist er dir nicht zu schwer, Grayson?“
Leicht pikiert verstärkte Grayson seinen Griff um die schmale Taille des Jungen und er entgegnete dem jungen Adeligen: „Danke, es geht schon… Du musst wissen, dass ich schon weitaus schwerere Sachen durch die Gegend geschleppt habe…“
Und der Blondhaarige musste sich innerlich gestehen, dass es wohl auch fast stimmte. Denn unter der dünnen Kleidung des Jungen spürte er die spitzen, hervorstehenden Rippen, welche sich in seine Seite drückten.
Oliver war sehr dünn, wenn nicht schon mager.
Bekam er etwa in dem Waisenhaus nicht genug zu essen?
Grayson musterte die drei Medizinstudenten vor sich und er räusperte sich kurz: „Es wäre besser, wenn sich Professor Hamilton die Verletzung mal ansehen könnte…“
Wie auf dieses Stichwort öffnete sich plötzlich die große Eichentür, welche zum Vorlesungsaal führte und der launische Professor stapfte heraus.
Just in diesem Moment bemerkte Grayson, dass alle anderen Studenten sich bereits in den großen Vorlesungsraum begeben hatten und somit nur noch Kieran, Harry und Nicholas im Gang standen.
An der Tür drehte sich Professor Hamilton zu den dreien um und ermahnte sie mit einem strengen Blick: „Muss ich etwa den drei Herren eine extra Einladung schicken, damit sie gedenken an meiner Vorlesung teilzunehmen?“
Professor Hamilton musterte noch einmal den rotblonden besten Freund von Harry und meinte noch zu ihm: „Sie wissen schon, wie dankbar sie sein können, dass ihr werter Herr Papa für ihre Ausbildung hier im St. Thomas eine Menge Geld bezahlt… Diese Chance sollten sie dann gefälligst auch…“
Bei der lauten Stimme des Professors war Oliver erschrocken zurückgezuckt und hatte sich weiter an Grayson geschmiegt.
Professor Hamiltons strenger Gesichtsausdruck erweichte sich ein wenig bei dem jämmerlichen Anblick des kleinen Jungen, welcher sich immer noch vertrauensvoll an Graysons Hals klammerte und er fragte leise: „Was ist denn mit ihm?“
„Er hat sich am Bein verletzt, Herr Professor“, erklärte Grayson ihm an Stelle von Miss Walker, welche sich bisher im Hintergrund gehalten hatte und noch keinen Mucks zu ihrer Unterhaltung beigetragen hatte.
Offenbar fürchtete sie, dass ihr aufgrund der Behandlung des kleinen Waisenjungen eine große Rechnung ins Haus flattern würde.
Professor Hamilton betrachtete das rötlich angeschwollene Bein von Oliver und er murmelte dann: „Wahrscheinlich eine Unterschenkelfraktur…Wir sollten es uns aber zur Sicherheit nochmal im Krankenhaussaal anschauen…“
„Tut mir leid, meine Herren… Aber dies ist ein Notfall… Die heutige Vorlesung muss leider entfallen…“
Harrys Gesichtsausdruck wirkte besorgt, als er weiterhin den verletzten Jungen ansah, während hingegen Kieran und auch Nicholas nicht gerade traurig über die Tatsache wirkten, dass sie heute wohl nicht Professor Hamiltons Vortrag lauschen könnten.
„Oh das ist aber sehr bedauerlich…“, meinte Nicholas mit einem ironischen Unterton in seiner Stimmfarbe, „Wir könnten uns ins Verbindungshaus zurückziehen und uns einen guten Cognac genehmigen…“
Miss Walker verdrehte nun die Augen und murmelte kaum hörbar: „Diese reichen, verzogenen Studenten…Alkohol… Und das schon vor Mittag!

                              ***
Wenige Stunden später lag Oliver, bekleidet mit einem frischen, schlichten Nachthemd aus einfachem Leinen in einem Krankenbett auf der Kinderstation und schlummerte bereits friedlich.
Es war bereits spätabends und das Licht der am Nachttisch stehenden Petroleumlampe war beinahe schon heruntergebrannt
Liam wickelte noch ein paar kühlende, in kaltes Wasser getauchte Tücher um das nicht verletzte Bein des Knaben, um sein leichtes Fieber hoffentlich bald zu senken.
„Er ist endlich eingeschlafen…“, flüsterte Grayson leise, welcher immer noch die schmale Hand des kleinen Jungen in seiner hielt.
„Oliver scheint wohl einen Narren an dir gefressen zu haben, Grayson…“, lachte Eleanor leise und legte ihrem Kollegen eine Hand auf die Schulter.
„Über die Art der Bezahlung lässt sich bestimmt noch reden, Miss Walker…“, begann Professor Hamilton in Richtung der dürren Frau zu reden. Diese aber rümpfte pikiert ihre Nase und verschränkte die Arme vor der Brust: „Und für diese dumme Unachtsamkeit dieses Tollpatschs muss ich nun auch noch viel Geld aus meiner eigenen Tasche bezahlen!“
„Das sehe ich gar nicht ein…“
„Sie könnten das Geld auch in Monatsraten begleichen…“, schlug Professor Hamilton vor, jedoch ließ die Leiterin des Waisenhauses gar nicht mit sich reden.
„Das ist doch nicht meine Schuld, dass dieser Junge so unfähig ist und mit seinen knapp fünf Jahren keine Treppe runtergehen kann!“, schnaubte Miss Walker und stemmte die Arme in die Hüfte.
Professor Hamilton wollte ihr noch etwas erwidern, aber da war die Chefin des Waisenhauses bereits aus dem Krankenhaussaal gestürmt, ohne sich von den Anwesenden und ihrem Schützling zu verabschieden.
„Dumme Kuh…“, murmelte Grayson noch und strich Oliver noch einmal sanft mit den Fingern über die Stirn.
Im nächsten Moment verabschiedete sich auch dann Professor Hamilton von den drei Mitarbeitern des St. Thomas.
Eleanor kicherte leise: „Und unser künftiger Duke of Richmond hätte wirklich für einen Moment gedacht, dass er dein eigenes Kind ist? Oh man… Männer denken manchmal so naiv…“
„Theoretisch hätte es ja sein können…“, meinte Liam und blickte Grayson direkt in die Augen.
„Sie haben beide blaue Augen und blonde Haare auf dem Kopf.
Eleanor schüttelte lachend den Kopf: „Graysons Haare sind viel dunkler als die des Jungen… Männer… Ihr habt alle keine Augen im Kopf.“
Grayson und Liam blickten ihre Kollegin mit schiefgelegtem Kopf ernst an, bevor sie auch grinsen mussten.
Die hübsche Krankenschwester lachte mit und für einen kurzen Augenblick schienen die drei all ihre Sorgen vergessen zu haben.

Die heimelige Stimmung wurde jedoch wüst zerstört, als die knarzige Tür zur Kinderstation auffiel und Annabeth Smith in den Raum stürmte. Nachdem sie den muskulösen Krankenpfleger ausgemacht hatte, warf sie sich sogleich in seine Arme und schluchzte herzerfüllend auf.
Liam legte sogleich seine starken Arme um die hübschen Industriellen Tochter und er flüsterte ihr leise ins Ohr: „Oh Gott, was ist denn um Himmelswillen passiert, Annie?“

Miss Smith, deren blonde Locken unfrisiert um ihren Kopf flogen, blickte Grayson und Eleanor mit tränennassen Augen an und schluchzte leise auf.
„Mein Vater will mich verheiraten! Nächste Woche auf dem Wohltätigkeitsball der Londoner Wealthfair Society möchte er vor allen Leuten meine Verlobung bekannt geben!“
Mit diesen Worten brach die junge Frau zusammen und klammerte sich verzweifelt an Liam fest, während ihr lautes Schluchzen den Krankensaal füllte.

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Das heutige Kapitel ist bisher (wortzahlmäßig) das längste, was ich bisher für die Geschichte verfasst habe :)
Hoffentlich gefällt es euch & ihr könnt mir gerne ein kleines Feedback in den Kommentaren geben.
Lieben Dank auch an die zwei Reviewschreiber vom letzten Kapitel. Es würde mich freuen, wenn noch mehr von euch sich mal zu Wort melden könnten :)
Wie wird es jetzt wohl mit Grayson & Harry weitergehen? (Oliver wird dabei noch eine Rolle spielen, das kann ich schon mal spoilern haha :D)
Das Thema Waisenkinder und gruselige Waisenhäuser/Kinderheime verbinde ich ja auch als erstes mit dem viktorianischen England, keine Ahnung weshalb
Und was  werden sie wohl gegen die ehrgeizigen Heiratspläne von Mr. Smith unternehmen?
Bis zum nächsten Mal! :)
LG Laura
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