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In Sickness and in Health [1. Teil]

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P18 / MaleSlash
30.01.2021
23.10.2021
35
89.786
24
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
11.04.2021 2.327
 
C H A P T E R  9:

Grayson keuchte sogleich auf, als er die hochgewachsene Gestalt von Harrys Kommilitonen im Türrahmen wahrnahm, welcher die beiden mit einem hämischen Grinsen im Gesicht musterte. Der Blondhaarige zuckte erschrocken zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust, um seinen rasenden Atem unter Kontrolle zu bringen.
Der künftige Duke hingegen sah seinen Mitstudenten ebenso erschrocken an, während er sich mit einer Hand leicht unsicher durch seine vollen Locken strich.
Auch er rückte dann ein ganzes Stück noch von Grayson weg, was diesen zwar ein wenig beruhigte, ihm jedoch auch gleichzeitig einen kleinen Stich ins Herz verpasste.

Graysons Gedanken rasten hektisch…
Wie hatte er nur so dumm und leichtsinnig sein können… Wenn ihn Nicholas an die Sitte verraten würde, dann würde er wegen homosexueller Unzucht im Gefängnis landen. Der Blondhaarige erschauderte bei dieser Vorstellung und schalt sich in Gedanken einen Narren für seine tölpelhafte Dummheit…
Was würde nur aus Charlie werden, wenn er im Gefängnis sitzen müsste? Wer würde denn für sie sorgen und auf sie achten?


Der blonde Krankenpfleger beobachtete unruhig, wie Nicholas auf ihn und Harry zukam und die beiden genießerisch angrinste. Dann wandte er sich an seinen adeligen Kommilitonen. Er stupste Harry an und zwinkerte ihm zu: „Ich dachte schon, dass du etwas für die Angestellten des St. Thomas übrig hast… Dennoch habe ich eher vermutet, dass du den weiblichen Röcken hinterhersteigst… Und nicht etwa den männlichen, mein liebster Harold.“
Der schwarzhaarige Adelige lachte hämisch auf und legte seinem Kameraden kumpelhaft eine Hand auf die Schulter.
„Dann hast du dich wohl doch nicht geirrt, als du diesem Krankenpfleger vorletzte Woche im betrunkenen Zustand deine Liebe gestanden hast…“
Nicholas zog spöttisch eine Augenbraue in die Höhe: „Und ich dachte schon, dass du in deiner vernebelten Sicht plötzlich Männer mit Frauen verwechselst…“
Harry sah nun seinen Mitstudenten ernst an und mahnte ihn eindringlich: „Du darfst hierüber kein Wort verlieren, Nicholas…Ich bitte dich! Du musst zwingend Stillschweigen über dies behalten!“
Sein Kommilitone klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und sein abwertender Blick traf nun Grayson. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er den jungen Krankenpfleger von oben bis unten. Er rümpfte bei der einfachen Uniform des St. Thomas hochnäsig seine Nase.
„Ich vergönne dir nur zu gern dieses kleine Vergnügen, das du mit diesem ärmlichen Helferlein hast, mein lieber Harold…“
Grayson knetete unruhig den weißen Ärmel seiner Uniform. Was hatte der Medizinstudent nun vor? Falls er das, was er hier gesehen hatte, an Schwester Margaret oder schlimmer noch, den konservativen Professor Hamilton melden würde, dann wäre dies sein schlimmster Albtraum… Er würde im Gefängnis landen und dann hätte seine jüngere Schwester niemanden mehr, der sich um sich kümmern würde…
Wollte der Adelige ihn etwa erpressen? Der blondhaarige Krankenpfleger schluckte tief bei dieser Vorstellung. Denn mit seinem mageren Gehalt konnte er ja kaum sich und Charlie über Wasser halten… Wie sollte er dann auch noch das nötige Geld für Nicholas Stillschweigen abzweigen?
Grayson war in diesem Augenblick mehr als verzweifelt und ungeduldig wartete er, was der Medizinstudent ihnen nun als nächstes sagen würde.
Nicholas lachte nun auf: „Aber du bist dir doch sehr wohl im Klaren, dass dieses Verhältnis nur von kurzer Dauer ist, oder? Du kannst niemals mit einem Mann zusammen sein, auch wenn es heimlich sein sollte und du dies nach anderthalb Flaschen Brandy in deinem benebelten Zustand letzte Woche anders gesehen hast.“
„Du wirst es doch keinem sagen, oder?“, fragte Harry noch einmal bei seinem schwarzhaarigen Kommilitonen nach und selbst Grayson merkte, dass der künftige Duke in diesem Moment äußerst nervös wirkte.
Nicholas grinste den braunhaarigen Lockenkopf erneut an und legte ihm kumpelhaft einen Arm um die Schultern: „Mein lieber Harold, mach dir doch diesbezüglich keine Sorgen…“
Der schwarzhaarige Student lachte nun hämisch auf: „Leute unseres Standes können sich doch so gut wie alles erlauben, Harry…Denk nur einmal an den Fall Oscar Wilde vor ein paar Jahren… Dieser hatte sich an einen jungen, adeligen Studenten herangemacht und ihn zur Unzucht verführt. Nachdem sein Vater diesen Hurenbock angezeigt hatte, ging Alfred Douglas komplett straffrei hervor… Während Oscar Wilde zu zwei Jahren Zwangsarbeit im Zuchthaus verurteilt wurde…“
Grayson wurde augenblicklich schlecht bei der Erzählung des Studenten… Der Fall Oscar Wilde war ein abschreckendes Beispiel für ihn gewesen, dass er seine wahre Sexualität und seine Vorliebe zu Männern niemals offen ausleben könnte… Obwohl seine Vorliebe ein offenes Geheimnis gewesen ist, hatte der irische Schriftsteller einen schweren Reputationsschaden durch diesen aufsehenerregenden Prozess hinnehmen müssen und dies hatte ihn in den gesellschaftlichen Ruin gestürzt.
Nicholas grinste nun Harry abermals zu und richtete den Kragen seines mitternachtsblauen Anzugs: „Dann gönne dir doch diesen kleinen Spaß mit diesem Krankenpfleger… Ich muss ja schon ein wenig zugeben, dass er eigentlich ganz ansehnlich ist… Für einen Mann! Diese blonden Haare und die strahlend blauen Augen…“
„Du hast keineswegs schlechten Geschmack, mein lieber Harold!“, rief Nicholas dann aus und Grayson zuckte bei diesen Worten abermals zusammen. Er spürte, wie sich erneut Tränen in die Augen schossen und er schämte sich wieder einmal, dass er so verletzlich und so leicht zum Weinen bringen war…
Die beiden Medizinstudenten mussten ihn für vollkommen übergeschnappt und minderbemittelt halten… Ein Mann durfte nicht weinen…Er musste stark sein und seiner Familie als Vorbild vorausgehen.
„Wir sehen uns ja dann zu Professor Hamiltons Exposium…“, meinte Nicholas dann und warf Grayson und Harry nochmals einen zweideutig anmutenden Blick zu, bevor er die kleine Abstellkammer wieder verließ.
„Grayson…“, begann Harry leise, als sein Kommilitone das Zimmer wieder verlassen hatte und er wollte schon nach Graysons zitternder Hand greifen. Jedoch schnitt ihm der Blondhaarige sogleich das Wort ab.
„Nein, lass mich!“
Der Krankenpfleger fühlte sich in diesem Moment so minderwertig und er begriff, dass der künftige Duke seine herzlichen Worte vorhin wohl nicht im Geringsten ernst genommen hatte.
Für ihn war dies alles nur ein aufregendes sowie spannendes Spiel, währenddessen sich Grayson langsam, aber sicher in den jungen Adeligen verliebt hatte… Er schalt sich im Inneren seines Herzens einen Narren, dass er diesen verräterischen Gefühlen so schnell nachgegeben hatte… Nun hatte er diese Misere verursacht… Denn wenn Nicholas nicht dichthalten würde, dann könnte er sogleich wieder seine Koffer packen und das St. Thomas verlassen.
Harry ließ sich aber nicht so schnell verscheuchen. Abermals versuchte er nach der schmalen Hand des Krankenpflegers zu greifen und seine grünen Augen blickten aufrichtig in die des jüngeren Mannes: „Bitte Grayson, lass es mir doch bitte erklären…“
Der Blondhaarige schniefte kurz und verschränkte trotzig die Arme vor seiner Brust: „Da gibt es doch nichts zum Erklären, Harry…“
Die abwertend klingenden Worte von Harrys Kommilitonen spukten immer noch in seinem Gedächtnis herum und Grayson schüttelte seinen Kopf über seine eigene Dummheit.
Für den jungen Adeligen war es nur ein Spiel gewesen… Eine kleine Schwärmerei und ein Experiment mit dem anderen Geschlecht… Er würde sich niemals ernsthaft in ihn verlieben, wenn er ohnehin später einmal seinen Familientitel weiterführen sollte und eine Frau ehelichen würde… Und immerhin musste er als einziger Sohn seines Vaters für einen Erben sorgen.
Grayson wich erneut zurück, als Harry nicht lockerließ und sich ihm nähern wollte.
„Ich muss mich für Nicholas Worte bei dir entschuldigen, Grayson.“
Der Gesichtsausdruck des jungen Dukes wirkte in dieser Sekunde sehr aufrichtig auf Grayson, jedoch wusste dieser, dass er nicht so einfach nachgeben dürfte.
„Nein…“, kam es dann bestimmt klingend von dem jungen Krankenpfleger: „Wir können niemals zusammen sein, Harry…Schlage dir sogleich diese absurde Vorstellung aus dem Kopf, dass wir zusammen glücklich werden könnten.“
Grayson atmete noch einmal tief durch, bevor er sich gefasst an Harry vorbeischob und an der Tür noch einmal mit einem nüchternen Gesichtsausdruck zu ihm sagte: „Hier im St. Thomas Hospital sind wir nur Kollegen… Und so sollte es auch bleiben.“
Mit diesen Worten stürmte Grayson aus der kleinen Kammer und schlug den Weg nach draußen in den Innenhof des Klinikums ein.

Der blondhaarige Krankenpfleger wusste gar nicht mehr, wie lange er eigentlich schon im starken Nieselregen saß und mit einem ernsten Gesichtsausdruck die bröckelige Außenfassade des Krankenhauses anstarrte.
Er kauerte mit angezogenen Knien auf dem kalten Boden und hatte seinen Kopf auf seinen Knien abgelegt.
Nachdem er vor dem künftigen Duke aus der kleinen Kammer geflüchtet war, hatte er es sich erlaubt, seinen Gefühlen nachzugeben und seinen zurückgehaltenen Tränen freien Lauf zu lassen.
Er hatte die sanften Worte und das strahlende Lächeln des jungen Adeligen so genossen und nun hatte er sich in diese verzwickte Situation manövriert… Hoffentlich hielt Nicholas auch Stillschweigen über das besondere Verhältnis, das er zu Harold Edwards besaß…. Grayson hätte niemals gedacht, dass er ihn lediglich zur Befriedigung seiner Lust benutzen hätte wollen… Er hatte wirklich ernsthaft gedacht, dass Harry auch für ihn so fühlen würde… Aber diese romantische Vorstellung hatte Grayson sogleich in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses verdrängt.
Eine weiche Stimme riss den Krankenpfleger aus seinen düsteren Gedanken, in welchen er sich schon in dem kalten Gemäuer des Londoner Gefängnisses verrotten sah.
Überrascht blickte Grayson auf, als er Eleanor neben sich knien sah. Hektisch wischte er sich über die Augen, damit die junge Krankenschwester seine Tränen nicht sehen konnte.
„Grayson, kommst du? Schwester Margaret hat schon nach dir gefragt… Komm, in einer halben Stunde gibt es Abendessen.“
Mitleidsvoll sah Eleanor ihren Kollegen an und sie strich ihm in einer trostspendenden Geste über den Oberarm: „Dem jungen Fabrikarbeiter geht es schon erheblich besser, Grayson… Er wird durchkommen, hat Professor Hamilton gesagt… Und er wird auch seinen Arm behalten können, wenn sich kein Wundbrand in den nächsten Tagen bildet…“
„Wieso sitzt du denn hier eigentlich in der Kälte herum, Grayson?“, wollte sie dann von ihm wissen und half dann ihrem Kollegen von dem kalten Steinboden aufzustehen.
Ein verständnisvoller Ausdruck legte sich auf Eleanors hübsches Gesicht: „Ist es wegen deiner kleinen Schwester, Grayson?“
Ihr Tonfall versetzte den blondhaarigen Krankenpfleger sogleich in Aufregung und nervös fragte er seine Kollegin: „Was ist denn mit Charlie?“
Als die Krankenschwester schwieg, wurde Grayson höchst unruhig, denn er befürchtete schon, dass seine jüngere Schwester erneut in Lebensgefahr schwebte: „Bitte sag es mir, Eleanor!“
Beruhigend strich ihm die gelockte Krankenschwester über den Arm und sie meinte zu ihm: „Nein, nein… Mach dir keine Sorgen um sie, Grayson… Professor Abernathy hatte vorhin gesagt, dass das Fieber langsam wieder zurückgeht… Sie wird es schaffen, keine Sorge.“
Mehr als erleichtert entließ Grayson die aufgestaute Luft aus seinen Lungen und griff nach Eleanors helfender Hand. Er stand vom kalten Boden auf und klopfte sich den Staub von seiner feuchten Uniform.
Eleanor fasste ihn sanft am Arm und meinte zu ihrem Kollegen: „Komm, du musst dich umziehen… Du musst unbedingt aus den nassen Klamotten raus, sonst erkältest du dich noch, Grayson.“

Zwei Stunden später dann saß er dann abermals an dem Krankenbett seiner jüngeren Schwester. Er hielt Charlies Hand mit seiner umklammert, während er mit der anderen zärtlich über ihre blonden Locken strich.
„Ich bin so froh, dass es dir wieder besser geht, Charlie…“, flüsterte Grayson leise seiner jüngeren Schwester zu.
Diese grinste ihren älteren Bruder schelmisch an und obwohl Grayson sehen konnte, dass sie immer noch sehr geschwächt war, war er froh, dass sie sich offenbar auf dem Weg der Besserung befand.
Charlie rollte mit den Augen, als sie den besorgten Ausdruck ihres Bruders auf dessen Gesicht sowie die getrockneten Tränenreste bemerkte.
„Du warst schon immer sehr nahe am Wasser gebaut, Grayson…“, spöttelte Charlie leicht und erleichtert atmete der Krankenpfleger auf. Wenn seine kleine Schwester schon wieder in der Lage war, ihn zu ärgern, dann stand es wohl doch nicht mehr so schlimm um sie.
„Ich mache mir doch nur Sorgen!“, entgegnete Grayson ihr energisch und setzte sich auf den Rand des kleinen Krankenbettes.
„Du bist die einzige Familie, die ich noch besitze, Charlie!“, rief Grayson erregt, nachdem er sich ein wenig über Charlottes spöttische Bemerkung aufgeregt hatte.
Charlie lächelte ihn an und sogleich wirkte sie mit ihren blonden Locken sowie ihren strahlend blauen Augen wieder wie ein Engel: „Ich hab dich auch lieb, großer Bruder… Ich bin so froh, dass ich dich habe.“
„Ich dich auch, kleine Nervensäge“, antwortete Grayson ihr und als er sich in dem großen Krankensaal umsah, senkte er den Blick auf das weiße Bettlaken.
Am anderen Ende des Raumes stand gerade eine kleine Gruppe an Studenten rund um Professor Abernathy, welcher den Herren Studiosi gerade etwas über den aktuellen Gesundheitszustand der älteren Frau erklärte, um deren Bett sich die Studenten kreisförmig aufgebaut hatten.
Als Harrys sehnsüchtiger Blick kurz in Graysons Richtung fiel, drehte dieser sich hektisch um und versuchte den strahlend grünen Augen des Medizinstudenten auszuweichen.
Harry winkte kurz in Charlottes Richtung und diese erwiderte diese freundliche Geste. Auf Charlies Gesicht hatte sich ein zufriedenes Lächeln festgesetzt, während sich der künftige Duke wieder umdrehte, um Professor Abernathys Erzählungen weiter zu lauschen und eifrig auf einem Klemmbrett mitzuschreiben.
„Er ist so nett…“, schwärmte Charlie über den hochgewachsenen Medizinstudenten. Jedoch stockte sie, als sie den verkniffenen Ausdruck in der Miene ihres älteren Bruders sah.
„Harry ist immer sehr zuvorkommend, wenn er den Professoren bei ihrer Untersuchung begleitet…“, erklärte Charlie ihrem Bruder.
„Kennst du ihn etwa, Grayson?“, wollte sie dann neugierig von dem Krankenpfleger wissen. Dieser aber winkte mit einer Handbewegung ab und murmelte kaum hörbar: „Nur flüchtig, Charlie.“


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Endlich kommt wieder ein neues Kapitel! Ich entschuldige mich wieder für die längere Wartezeit, aber derzeit habe ich leider immer sehr wenig Zeit zum schreiben... Ich hoffe ihr verzeiht mir dies & ich hoffe, dass das neue Kapitel euch wieder gefällt.
Wie wird es wohl zwischen Harry & Grayson weitergehen?  Grayson denkt ja, dass Harry ihn nur für ein wenig Spaß  benutzt hat und niemals ernsthafte Gefühle für ihn, den armen Krankenpfleger, haben könnte
Die Lebensgeschichte von Oscar Wilde finde ich sehr interessant, vorallem zu dem Studenten Alfred Douglas
Falls ihr einen LGBT Film sehen möchtet, der in der viktorianischen Zeit spielt, kann ich euch "Maurice" (1987) empfehlen. Man findet ihn vollständig auf youtube! Er ist echt wunderschön...
Vielen Dank für die 10 Empfehlungen! Freut mich, dass die Story so gut ankommt :))
Liebste Grüße und einen schönen Sonntag noch,
Laura
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