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In Sickness and in Health [1. Teil]

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P18 / MaleSlash
30.01.2021
23.10.2021
35
89.786
24
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30.01.2021 1.062
 
P R O L O G

Nervös musterte Grayson die imposante Fassade des St. Thomas Hospital mitten in einen von Londons Elendsvierteln. Bisher war er immer froh über die Tatsache gewesen, dass er die Dienste des Krankenhauses noch nie in Anspruch nehmen hatte müssen. Nur in jenem Moment, als sich seine jüngere Schwester sich ächzend und vor Schmerzen stöhnend an seinen Arm klammerte, wünschte er sich, dass er zumindest eine Sache wusste, wodurch er ihre Schmerzen lindern könnte.
„ Wir sind gleich da, Charlie… “, flüsterte er zu und strich ihr beruhigend über die Hand.
Es war das Jahr 1908 und in Londons East End wimmelte es nur von Kranken. Durch die mehr als ein halbes Jahrzehnt zurückliegende Industrialisierung war es zu einem regelrechten Bevölkerungswachstum gekommen und durch diese Tatsache lebten die Menschen dicht und beengt in kleinen Arbeiterwohnungen. Dadurch war dies ein regelrechter Keimboden für Erkrankungen und Seuchen.
Nachdem die beiden Geschwister das massive Eisentor, welches den Eingang zum Klinikum aufzeigte, passiert hatten, sah sich Grayson sich hilfesuchend um. Er beschloss sich der großen Menschenmasse anzuschließen, welche sich zielstrebig in die große Eingangshalle strömte.
„ Grayson..“ Die zittrige Hand seiner geschwächten Schwester griff nach seiner, welche durch die harte Arbeit in Londons Fabriken sehr rau war.
„ Es tut so weh...“ Charlie hielt sich die rechte Seite.
Der junge Mann verstand beinahe die geflüsterten Worte seiner Schwester gar nicht, da so eine starke Geräuschkulisse in der Halle herrschte.
Alte sowie gebrechliche Menschen, junge Erwachsene mit gebrochenen Gliedmaßen oder schwangere Frauen drängten sich um das breite Pult. An diesem versuchte offenbar ein junger Mann für Ordnung zu suchen und der Menschenmasse Herr zu werden.
Ohne Rücksicht auf die zeternde Menge an Menschen zu nehmen, drängelte sich Grayson zusammen mit seiner kleinen Schwester an den erhöhten Empfang.
„ Hinten anstellen!“, wies sie der hagere Mann wüst zurück und deutete den beiden mit einer Handbewegung an, sich am Ende der Schlange zu platzieren.
„ Sehen sie denn nicht, dass sie sich kaum noch aufrecht halten kann?“, entgegnete Grayson dem unfreundlichen Mann und verstärkte zugleich seinen Griff um seine geschwächte Schwester.
„ Haben sie denn Geld, um die Behandlung in unserem Hause zu bezahlen?“
Als Grayson leicht zögerlich die Kopf schüttelte, erwiderte der Mann abweisend: „ Dann muss ich sie leider bitten zu gehen. Wir sind hier nicht die Wohlfahrt. Wer kein Geld hat, muss gehen.“
Grayson bemerkte, dass eine Diskussion mit dem unfreundlichen Mann nutzlos war und wandte sich an Charlie: „ Komm mit, wir finden vielleicht einen Weg.“
Er führte seine kleine Schwester zu einer naheliegenden Bank, welche am Rand der Eingangshalle stand. Charlotte konnte sich vor Schmerzen kaum noch auf den Beinen halten und hielt sich ununterbrochen ihre rechte Körperseite.
„ Es tut mir so leid, Charlie.. Ich dachte, man könne dir hier helfen..“
Der Blondhaarige blickte in die hellblauen Augen seiner Schwester, welche den seinen so ähnelten. In diesen schimmerten bereits vor Schmerzen Tränen.
Grayson war verzweifelt. Er war fast davon ausgegangen, dass Charlie hier Hilfe bekommen könnte. Nur hatte er vergessen, dass man  wie üblich ohne Geld nicht weit kam.
Seine kleine Schwester wimmerte währenddessen weiter vor sich hin. Durch dieses Verhalten zog diese die Aufmerksamkeit eines besser gekleideten jungen Mannes auf sich. Dieser kniete sich vor der jungen Frau hin und warf dieser ein zurückhaltendes Lächeln zu.
„ Geht es dir gut?“, fragte er besorgt.
„ Natürlich geht es meiner kleinen Schwester nicht gut!“, rief Grayson verärgert aus und musterte den fremden Mann vor sich.
Er war um gut einen Kopf größer als er selbst und er trug einen hochwertigen Anzug mit einem Gehrock, welcher seinen langen Beine betonte.
„ Aus diesem Grund habe ich gefragt.“ Der fremde Mann legte seine Handfläche auf die glühende Stirn seiner Schwester. Im nächsten Moment presste er seine Hand auf die rechte Körperseite der Kranken, welche vor Schmerz ächzte.
„ Appendizitis.. wie ich mir gedacht habe“, murmelte der Mann vor sich hin. Im Anschluss daran stand er auf und winkte einem mittelalten Mann im weißen Kittel zu.

„ Professor Abernathy!“, rief er aufgeregt und deutete ihm an, sich zu ihnen gesellen.
Der Arzt blieb mit verwunderten Ausdruck vor ihnen stehen: „ Mister Edwards, was haben sie denn da?“
Besagter Mister Edwards deutete auf Grayson Schwester und erklärte: „ Diese junge Frau hat eine stark erhöhte Körpertemperatur sowie Schmerzen im rechten Unterbauch.“
Nun sah sich der Arzt auch Charlie genauer an: „ Sehr gut Mister Edwards, die Symptome sind unter anderem Übelkeit und Erbrechen. Was ist ihre Diagnose?“
„ Ich vermute eine stark ausgeprägte Appendizitis, ausgelöst durch eine Entzündung des Wurmfortsatzes“, antwortete der junge Mann.
Auf Grayson wirkte es beinahe so, als würde eine Schulstunde beobachten. Konnten die beide nicht auf Englisch mit ihm reden? Er wollte endlich in Erfahrung bringen, was seiner Schwester fehlte.
Der ältere Herr wandte sich nun an Grayson: „Ihre Schwester leidet an einer starken Blinddarmentzündung. Wenn der entzündete Wurmfortsatz nicht entfernt wird, kann der Eiter in den Bauchraum austreten und es könnte das Leben der jungen Frau bedrohen.“
Grayson schnappte entsetzt nach Luft und schüttelte ungläubig den Kopf. Wieso war er denn nicht schon früher mit Charlie hierhergekommen!
Der Mediziner wandte sich an Mister Edwards: „ Harry, laufen sie schnell in den Hörsaal und geben sie Professor Hamilton Bescheid, dass er alles für eine Notoperation vorbereiten soll.“
Der junge Mann verbeugte sich kurz vor Grayson und der vor Schmerzen wimmernden Charlie und nickte dem Arzt noch einmal zu. Dann war in einen Nebengang eines weitläufigen Ganges verschwunden.
Plötzlich mischte sich der unfreundliche Portier von vorhin noch einmal ein: „ Mister Abernathy, dieses Vorhaben ist bedauerlicherweise nicht möglich. Die Herrschaften besitzen nämlich keinerlei Geld, um die Behandlung zu bezahlen.“
Grayson wurde schwindlig und er wandte sich flehend an den Mediziner: „ Bitte, Herr Doktor, helfen sie meiner kleinen Schwester. Sie ist die einzige Familie, welche ich noch habe. Ich würde alles für sie tun.“
Dieser schenkte ihm einen gutherzigen Blick aus seinen warmen braunen Augen und lächelte leicht: „ Wir finden schon einen Weg. Das wichtige ist erstmal, dass wir ihre Schwester retten. Nicht oft verläuft die Heilung einer Appendizitis sehr langwierig. Aber Mister Hamilton ist ein begnadeter Chirurg. Er kann ihrer Schwester bestimmt helfen.“
Derweilen stand der böse blickende Portier mit einem Anmeldebogen sowie einem Stift vor der kleinen Personengruppe.
„ Name und Alter !“, verlangte er und deutete dabei auf Graysons kleine Schwester.
„ Sie heißt Charlotte Brown und ist 16 Jahre alt“, beantworte der junge Mann wahrheitsgemäß die Fragen.
„ Und sie sind ?“, wollte der unfreundliche Portier nun wissen.
„ Grayson Brown, Sir.“
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