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Kontrollverlust

von Maja Lito
GeschichteSchmerz/Trost, Action / P18 / MaleSlash
Joe / Yusuf Al-Kaysani Nicky / Nicolo di Genova
29.01.2021
26.02.2021
6
13.520
10
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
29.01.2021 2.079
 
Ihr Lieben,


ich freue mich, dass ihr hier reinschaut :)

Diejenigen von euch, die selbst schreiben, wissen wahrscheinlich, wie das ist. Manchmal überfällt einen spontan ein Plotbunny, das hartnäckig ist und einfach nicht wieder verschwindet. Und wenn man sich ihm dann widmet, dehnt es sich quasi auch noch aus …

Genau aus diesem Grund gibt es nun in diesem für mich immer noch sehr ungewohntem Fandom die erste „längere“ Story. Es sind 6 Kapitel geworden , die alle fertiggestellt sind.


Ich möchte an dieser Stelle der lieben SquirrelFeathers danken, die auch hier superschnell und zuverlässig Beta liest. Und außerdem geht ein Dank an die liebe Renawitch, die, teilweise unwissentlich, die eine oder andere Inspiration für dieses Teil geliefert hat ;)


Nun bleibt mir nur noch, euch viel Freude mit der Story zu wünschen, dass ich mich über Rückmeldungen freuen würde, könnt ihr euch ja sicher denken :)


Liebe Grüße

Maja




**********



Ein sanfter Kuss auf die Schläfe weckte Nicky.
„Ich gehe kurz frische Brötchen holen, bin gleich wieder da.“
Nicky lächelte, halb in das Kissen, halb zu dem Mann, der vor seiner Bettseite stand und brummte seine Zustimmung. Er schloss die Augen, hörte, wie die Tür ihres Appartements zuschlug, und streckte sich ein wenig. Wie immer fühlte es sich merkwürdig an, sobald Joe nicht mehr neben ihm lag. Seit Jahrhunderten schliefen sie Nacht für Nacht auf die gleiche Weise aneinandergekuschelt ein und obwohl Nicky fest davon ausging, dass sie beide sich während des Schlafens durchaus bewegten, wachten sie ebenso auf. Er lag auf der linken Schulter, Joe hinter ihm, einen Arm um ihn geschlungen. Nun fühlte Nicky die Leere in seinem Rücken, aber diesmal wollte er trotzdem noch ein wenig dösen. Er drehte sich langsam um und atmete tief ein. Genoss die salzige Meerluft, die durch die geöffnete Terrassentür in das Zimmer drang. Eine Auszeit hatten Joe und er sich redlich verdient.

Es war ihm beinahe klar gewesen, dass es Joe nicht besonders lange im Bett halten würde. Und auch, dass er sich um ein anständiges Frühstück kümmern wollte, weil er wusste, wie sehr Nicky diese Gesten schätzte.
Nicky zog die Decke ein wenig höher, obwohl es schon warm war. Er merkte, dass die letzten Reste der Anspannung der vorangegangenen Tage von ihm abfielen. Diese Erholungspause hatten er und Joe sich definitiv mehr als verdient.
Sie waren am Abend des Vortages auf der Insel angekommen. Malta bedeutete ihnen beiden viel und war in den vergangenen Jahrzehnten für sie zu einem Rückzugsort geworden, den sie alle paar Jahre besuchten. Nicky wäre möglicherweise sogar gern noch öfter auf die Insel gekommen, sie fühlte sich für ihn beinahe so an, wie seine italienische Heimat. Aber zu oft am gleichen Ort gesehen zu werden, sodass Menschen sich an sie erinnerten, war gefährlich, außerdem hielt es Joe niemals lange an einem Ort aus. Dafür hatte er nicht die Ruhe. Und vielleicht hätten häufigere Besuche auch den Zauber von der Insel genommen, die sie für ihn und Joe besaß. Schon immer besessen hatte.
Nun aber waren sie hier, ohne genau geplant zu haben, wie lange sie bleiben würden. In den letzten beiden Wochen waren er und Joe bei einer kleinen Mission, die ihnen Booker verschafft hatte, durch den brasilianischen Regenwald gekrochen, um eine Entführung zu beenden. Es war heiß gewesen, feucht und alles andere als bequem. Solche Ausflüge unternahmen sie seit Jahrhunderten. Und Nicky musste anerkennen, dass es mit dem Fortschreiten der Zivilisation durchaus einfacher geworden war, entsprechende Aufträge zu übernehmen. Der Rückweg in bewohntes Gebiet, zu den vielen Annehmlichkeiten, an die sie sich inzwischen gewöhnt hatten, war kürzer als noch vor dreihundert Jahren.
Trotz all der Technik waren sie so nach Malta gereist, wie sie es schon immer getan hatten. Mit dem Boot. Das lag vor allem daran, dass er und Joe ihre Waffen ungern irgendwo zurückließen. Sein Schwert und Joes Säbel begleiteten sie seit Jahrhunderten. Falls sie fliegen mussten, machten sie das in der Regel mit privat organisierten Maschinen oder Helikoptern, eben aus diesem Grund. Und wenn sie keinerlei Aufmerksamkeit erregen wollten, verließen sie sich auf Schiffe und Züge. Mit dem Fortschritt der Technologie wurde es immer schwieriger, unentdeckt mit zwei derartig großen Waffen zu reisen. Zum Glück spielte Geld dabei keine Rolle. Sie beide hatten anständige Goldvorräte aus alten Zeiten, die gut versteckt warteten. Zudem hatten sie den Start des Aktiengeschäfts miterlebt, was sich als immenser Vorteil erwiesen hatte.
Joe kümmerte sich nicht gern um solche Dinge, das übernahm Nicky. Joe zog ihn oft genug damit auf, dass das an seiner Wettleidenschaft lag, eine Eigenschaft, die er sich über hunderte von Jahren bewahrt hatte. Im Grunde bedeuteten für ihn Finanzdinge nichts anderes, als gut platzierte Wetten auf den Erfolg eines Unternehmens. Im Moment würde Nicky vor allem seine Hand dafür ins Feuer legen, dass Joe keine Ahnung hatte, wie viel Geld sie tatsächlich besaßen. Es lag gut getarnt auf diversen Konten in unterschiedlichen Ländern, eröffnet von verschiedenen Identitäten, die sie mittlerweile nutzten.

Nicky drehte sich wieder auf die Seite. Über solche Dinge wollte er gerade am liebsten gar nicht nachdenken, dafür war später Zeit. Nun vermisste er die Wärme, die Joe normalerweise in seinem Rücken ausstrahlte, doch. Es konnte bestimmt nicht mehr lange dauern, bis der zurückkehrte.
Lächelnd erinnerte Nicky sich an den Vorabend. Sie waren essen gegangen, nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten in dem kleinen Appartement verstaut hatten, in dem sie die nächsten Tage wohnen würden. Der Vermieter gehörte noch der alten Schule an und akzeptierte Barzahlung ohne die Hinterlegung irgendeines Ausweises, ein Umstand, den Nicky und Joe wirklich zu schätzen wussten. Solche Unterkünfte wurden immer seltener. Ihren Vermieter kannten sie schon seit Ewigkeiten. Nun ja, Ewigkeiten in seiner Zeitrechnung. Nicht in ihrer.
Natürlich hätten sie auch das Safehouse nutzen können, dass sie auf Malta besaßen. Wenn sie unvorbereitet auf die Insel kamen, taten sie das. Nun jedoch hatten sie planen können und sich bewusst dagegen entschieden. Das Safehouse war ein Unterschlupf, eher spartanisch eingerichtet, eben ein Versteck. Nichts, was die beiden für einen erholsamen Urlaub unbedingt nutzen wollten.
Bei ihrer Rückkehr aus dem Restaurant hatte Joe das Radio angeschaltet, nachdem er sich vergewissert hatte, dass es keinen interessanten Sport im Fernsehen gab. Das war eine der Schwächen von Joe, die Nicky in der Regel milde lächelnd akzeptierte. Er konnte Fußball nicht viel abgewinnen, Joe hingegen liebte es. Am meisten in den Momenten, in denen er mit Booker gemeinsam die Spiele sehen konnte und endlich jemanden zum Fachsimpeln an seiner Seite hatte. Nicky schnappte sich in der Zeit oft genug ein Buch.
Immer noch wusste er es extrem zu schätzen, wie leicht man inzwischen an Bücher kam, das war den überwiegenden Teil seines Lebens ganz anders gewesen. Ihm war klar, dass Joe es liebte, ihn beim Lesen zu beobachten. Oft genug sagte sein Partner ihm, wie sehr es ihn faszinierte, dass es Nicky gelang, vollkommen in Geschichten zu versinken, obwohl er auf der Welt bereits nahezu alles erlebt und gesehen hatte. Joe hingegen besaß selten die Geduld, ein ganzes Buch zu lesen.

Sie hatten es sich gemeinsam mit einem Glas Wein auf dem Sofa gemütlich gemacht. Ihre Laune war fantastisch gewesen, auch wenn sie kurz darüber sprachen, dass sie Andy vermissten und hofften, dass die ihre Auszeit, die nun schon mehr als sechs Monate andauerte, bald beenden würde.

Irgendwann waren aus dem Radio die ersten Takte der Pointer Sisters erklungen und Joe war beinahe durchgedreht. Nicky liebte es, wie sehr Joe sich von Musik mitreißen lassen konnte. Auch bei ihm war der Abfall der Anspannung zu bemerken gewesen und so hatte er fast wie ein Kind im Zimmer getanzt, dazu laut und vor allem nicht besonders treffsicher, was die Töne anging, mitgesungen.

Mit Sicherheit war das eine der Sachen, die Nicky so sehr an Joe liebte. Der hatte es absolut perfektioniert, im Augenblick zu leben und sich kaum Gedanken über die Vergangenheit zu machen. Er nahm die positiven Erfahrungen und Erinnerungen mit, lernte aus den negativen Seiten und ließ die dann schnell hinter sich. Sein Temperament führte dazu, dass er sogar aufgrund eines einfachen Lieds im Radio eine Party veranstalten konnte. Und am Ende, dass er auch den meistens eher ruhigen und stillen Nicky mitriss. Das schaffte wirklich nur Joe. Zuverlässig, seit Jahrhunderten.
Gestern war es einmal mehr soweit gewesen. Manchmal konnte Nicky kaum begreifen, wie Joe es immer wieder hinbekam, ihn innerhalb von drei Minuten in eine derartige, ausgelassene Stimmung zu versetzen. Und irgendwie ... während die Pointer Sisters davon sagen, die Kontrolle zu verlieren und das zu genießen, war exakt das bei ihm und Joe geschehen. Sie hatten die Kontrolle verloren, auf einer sehr positive Weise. Nickys Blinzeln verriet ihm, dass seine Hose noch genau so auf der Küchenzeile hing, wie er sie gestern weggeworfen hatte.

Immer wieder erschien es Nicky selbst wie ein Wunder, dass sie nach hunderten von Jahren weiterhin nicht genug voneinander bekommen konnten. Wenn sie, was sehr selten vorkam, noch in der Gruppe darüber sprachen, war es Booker, der sagte, dass sie einzig und allein dafür geschaffen worden waren, zu beweisen, dass Gegensätze sich tatsächlich anzogen. Solche Gespräche waren vor zweihundert Jahren, als Booker zu ihnen gestoßen war, häufiger vorgekommen, in der letzten Zeit jedoch so gut wie gar nicht mehr. Dass er und Joe zusammengehörten, war unumstößlich, ein Gesetz, das jedes Jahrzehnt überdauerte. Eine vorbestimmte Gegebenheit, über die es sich zu reden im Grunde nicht weiter lohnte.
Wahrscheinlich hatte ihr Freund ohnehin Recht mit dem, was er sagte. Sie waren sehr gegensätzlich und ergänzten sich dadurch hervorragend. Da, wo Nicky manchmal zu still blieb und zu viel nachdachte, trieb Joe ihn an. Andersherum bremste Nicky seinen Partner, sobald dessen recht kurze Zündschnur zu schnell abzubrennen drohte.
Nicky liebte es, mit welcher Inbrunst Joe die Personen, die ihm wichtig waren, verteidigte. Er hatte sein Herz schon immer auf der Zunge getragen, ein Wesenszug, um den Nicky ihn bisweilen beneidete, jedenfalls dann, wenn dieses Verhalten nicht gerade zu immensen Problemen führte. Und das war bereits öfter vorgekommen, als er zu zählen vermochte. Liebeserklärungen, wie sie Joe immer mal wieder losließ, würde Nicky nie formulieren können. Schon gar nicht in allen möglichen Sprachen, mit denen er nicht aufgewachsen war und die sich, egal, wie viel Zeit verging, nicht ganz richtig auf seiner Zunge anfühlten. Das hieß allerdings mitnichten, dass er nicht ebenso fühlte, nur sprach er es kaum in der Deutlichkeit aus, mit der Joe gerne um sich warf.
Nicky grinste bei dem Gedanken, dass aus Joe wahrscheinlich nie ein wirklich guter Scharfschütze werden würde. Ja, er konnte mit einem derartigen Gewehr umgehen, aber wann immer sich die Gelegenheit bot, überließ er das Schießen Nicky. Joe fehlte die Geduld, um sich stundenlang auf die Lauer zu legen und stillzuhalten. Das gelang ihm nur, wenn er zeichnen konnte, was er für Nickys Geschmack zu selten tat. Dafür liebte er den Nahkampf und konnte es oftmals kaum erwarten, sich in ein Gefecht zu stürzen.

Genau diese Unterschiede würden immer auch ihren Tagesablauf mitbestimmen. Nicky konnte gut damit leben, das Appartement einen Tag lang nicht zu verlassen, sich auf die Terrasse zu setzen und ein Buch zu lesen. Joe würde das nicht reichen, nicht mal, falls sie sich zwischendurch körperlich aneinander austobten. Mindestens ein Spaziergang musste täglich drin sein, am liebsten, wenn es nach Joe ging, etwas mit mehr Action. Nicky überlegte kurz, möglicherweise konnten sie nach dem Frühstück ein kleines Boot mieten und ein bisschen hinausfahren.
Langsam knurrte sein Magen. Unsterblich zu sein, hieß absolut nicht, keine körperlichen Bedürfnisse zu haben. Ganz im Gegenteil, und vielleicht war das der Grund, warum er und Joe auch nach Jahrhunderten nicht genug voneinander bekamen. Er konnte nicht mehr zählen, wie oft Andy oder Booker sich darüber beschwert hatten, dass die beiden zu laut gewesen waren. Nicky verdrehte die Augen. Er vermisste ihre Freude, selbst, wenn es um derlei Klagen ging. Es wurde Zeit, dass sie sich wiedertrafen. Nach der Erholungspause in Malta.
Dann runzelte er die Stirn und sah auf die Uhr. Tatsächlich lag er seit mehr als einer Stunde im Bett und ließ seine Gedanken schweifen. Das kam Nicky ungewöhnlich vor. Der Bäcker lag nicht mal fünfhundert Meter entfernt. Joe hätte schon lange zurücksein müssen. Selbst, wenn er sich irgendeinem Einheimischen in ein Gespräch hatte verwickeln lassen, und das kam bei Joe ziemlich häufig vor, weil er eben gern redete, wäre die Zeit zu lang.
Nicky setzte sich ruckartig auf. Allein dadurch, dass sie unsterblich waren, schwebten sie ständig in Gefahr. Irgendetwas stimmte nicht und er musste herausfinden, was das war. Er stöhnte leise. So hatte er sich den Beginn ihrer kleinen Auszeit absolut nicht vorgestellt.
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