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Chase Runner

von Minotaur
Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Freundschaft / P12 / Gen
Maxine "Max" Caulfield Victoria Chase Warren Graham
29.01.2021
29.01.2021
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4.692
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29.01.2021 4.692
 
Hallo Leute
Ich arbeite eigentlich gerade an einer größeren FF zu LiS aber ich hatte dabei eine Idee, die ich vorab auskoppeln wollte. Daher gibt es nun diese kleine Geschichte von mir. Ich hoffe ihr habt Spaß dran.
LG
Minotaur


CHASE RUNNER

Warren: Max, wir müssen reden. Warrens Nerdbase hat SENSATIONELLE Nachrichten, ganz speziell für dich : )

Max: Ich bin gerade im Hotel. Ich ruf dich an wenn ich oben bin.

Wenn Warren Graham das Wort Sensationell in Großbuchstaben schrieb, dann war es wirklich wichtig. Ich steckte das Phone weg und sah mich in der pompösen Eingangshalle um. Sie war in hellen, strahlenden Farben gehalten, der Boden mit Marmor getäfelt und von der Decke hing ein beeindruckender Kronleuchter. Mein Manager hatte mich im Adlon Hotel einquartiert. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte auch ein nicht so glamouröses Hotel ausgereicht. Ich fühlte mich in meiner Standartuniform, Jeans und Kapuzenjacke, hier völlig deplatziert. Nach einer Nacht wie auf Wolken schlafend hatte ich meine Vorbehalte aber schnell aufgegeben. Sollten mich doch alle angaffen, als hätte ich mich in der Tür geirrt.
Im Hotel war zu dieser Zeit viel Verkehr und ich manövrierte mich durch die Menschen in Richtung Fahrstühle. Einer stand mit offener Fahrstuhltür bereit und wurde auch schon mit Menschen geflutet. Als ich ihn erreichte war er längst so voll, dass selbst eine so schmale Gestalt wie ich kaum mehr hineinpasste. Dennoch hielt ein rundlicher Mann die Fahrstuhltür offen und sah mich erwartungsvoll an. Nein, da würde ich doch lieber die Treppe nehmen.
Als ich mich jedoch umdrehte, sah ich durch die Menge eine vertraute Gestalt auf mich zukommen. Scheiße, war das Victoria Chase? Ein Gespräch mit ihr war ungefähr so unterhaltsam wie Zähne ziehen! Was also tun? Doch noch schnell in den Fahrstuhl? Das konnte kaum unangenehmer werden.
Ich drehte mich wieder herum und sah gerade noch wie sich die Fahrstuhltüren schlossen. Vielleicht schnell die Zeit zurückspulen? Verdammt, ich hatte ja meine Kräfte gar nicht mehr! Manchmal war es wie bei Menschen, die eines ihrer Gliedmaßen verloren hatten und diese immer noch spüren konnten.
„Maaaaxine!“ ertönte eine schrille Stimme, die mit Leichtigkeit durch den Lärm der Hotelhalle schnitt. Ich ließ die Schulter hängen und stellte mich meinem Schicksal.
Victoria hatte sich nicht sehr verändert, seit ich sie vor vier Jahren das Letzte Mal gesehen hatte. Sie war blond, schlank, attraktiv, in den modischsten Zwirn gewickelt und hatte eine Ausstrahlung bei der man im Sommer keine Klimaanlage mehr brauchte.
„Max … niemals Maxine“, begrüßte ich sie.
„Oh schon klar, Max.“ Sie lächelte mich mit einem dieser Überlegenheitslächeln an, das ich ihr schon so oft, während unserer kurzen, gemeinsamen Schulzeit auf der Blackwell Academy, gerne aus dem Gesicht gewischt hätte. „Ist ja verrückt dich hier zu treffen. Was machst du in Berlin?“
„Ich habe hier eine Ausstellung. Du weißt schon. Fotos.“, gab ich knapp an und wir bewegten uns von den Fahrstühlen weg um mehr Raum zu haben.
„Oh ja … immer noch deine Südamerika-Serie? Du hast ja wirklich einen guten Treffer gelandet, … also für eine Schulabbrecherin.“ Victorias Seitenhiebe waren wie gewohnt treffsicher, aber immerhin kannte sie meine Arbeit.
„Was ist mit dir, Victoria? Du sollst dich der Kunstfotografie abgewandt haben, wie man hört?“, lenkte ich von mir ab und verzichtete darauf, sie daran zu erinnern, warum ich die Schule abgebrochen hatte. Nach Chloes Tod war es mir unmöglich gewesen nach ‚Blackhell‘ zurückzukehren.
„Sie einer an, Max. Hin und wieder scheinst du dich doch auf den sozialen Medien herumzutreiben“, grinste Victoria mich an. „Ich habe das letzte Jahr in Hollywood verbracht. Die Fotografie von Stars und Sternchen ist irgendwie sehr viel spannender. Ich meine, ich will ja auch einen guten Mann abbekommen. Diese Hipster-Typen in der Künstlerszene mögen ja wirklich gut zu dir passen, Max, aber ich suche da jemanden mit etwas mehr Stil.“
Mit anderen Worten vermutlich jemand mit Geld und Ansehen. Sie hatte sich wirklich nicht verändert. Allerdings war sie auch in einer entsprechend elitären Familie aufgewachsen und kannte es nicht anders.
„Ich finde nicht, dass du deine Karriere von deiner Männersuche bestimmen solltest“, gab ich zu bedenken. „Ich erinnere mich an deine Fotos auf der Blackwell. Du bist talentiert.“
Sie winkte ab. „Das mag sein, aber ich denke doch, dass ich meine Kontakte lieber in Hollywood weiter ausbaue. Am Ende dient alles nur dem Geld verdienen.“ Ich fand es traurig, dass sie so dache, aber es war ihre Entscheidung.
„Was machst du dann in Berlin?“, fragte ich sie.
„Oh, das ist leider streng geheim“ Sie zwinkerte frech. „Ich habe da eine ganz gute Gelegenheit erhalten, aber lassen wir das.“
Ich war überrascht. Was auch immer es war, sie versuchte nicht damit anzugeben, sondern verschwieg es lieber. Das war so gar nicht Victoria Chase. Es war ihr vielleicht wirklich wichtig.
„So geheimnisvoll, Victoria?“, hakte ich nach.
Sie lachte überheblich. „Ich kenn dich doch, Detective Max. Du steckst doch deine Nase überall hinein.“
„Vic!!!“, rief jemand lautstark und Victoria wirbelte herum. Eine Gruppe von Anzugträgern stolzierte durch die Halle auf den Eingang zu. Einer von ihnen war stehengeblieben und hatte den Ruf ausgestoßen. Victoria kannte ihn offensichtlich. Sie ließ mich einfach stehen und stöckelte gehetzt zu ihm hinüber. Ich öffnete noch den Mund um irgendwas zu sagen, da war sie schon mit den anderen durch den Eingang verschwunden.
„Typisch!“, kommentierte ich ihre Unhöflichkeit und machte mich auf den Weg in mein Zimmer. Es ärgerte mich das Victoria recht hatte. Ich war Neugierig geworden.


Im Hotelzimmer öffnete ich mir eine Flasche Limo und setzte mich vor meinen Laptop. Warren war online und ich rief ihn über den Messanger an. Kurz darauf erschien sein breites Grinsen auf dem Monitor. Seine braunen Haare waren kürzer als beim letzten Mal als ich ihn gesehen hatte, aber aus seinen Augen glänzte derselbe sympathische Schalk wie immer. „Hey Max. Du konntest es nicht abwarten, oder?“
„Hey Warren. Ich weiß doch wer die besten Infos im Netz hat“, zwinkerte ich ihm zu. „Wie geht’s Brooke?“
„Hey Max!“, hörte ich plötzlich Brookes Stimme und sah wie sie hinter Warren auftauchte und mit ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger ein Victory-Symbol in die Kamera hielt. Sie trug die langen, dunklen Haare offen, aber ich vermisste ihre roten Strähnen von damals. „Mir geht’s gut. Wie läuft deine Ausstellung?“  
„Sie läuft“, meinte ich nur knapp. Ich hatte wenig Lust darüber zu reden. Das Interesse an meinen Bildern hatte schon abgenommen und wusste, dass ich in Zugzwang war, um als Künstlerin gefragt zu bleiben.
„Und wie läuft es bei euch? An welchen Projekten arbeitet ihr so in eurem Labor?“, fragte ich, wusste aber schon wie die Antwort aussehen würde.
„Ach, wir arbeiten da an so einer Sache. Das ist wirklich schwer zu erklären. Ist alles so … wissenschaftlich“, meinte Brooke gespielt nachdenklich.
„Ja und totaaaal langweilig!“, bestätigte Warren grinsend.
Ich schüttelte den Kopf. Das Spiel trieben sie schon seit einem Jahr mit mir. „Schon klar. Ihr arbeitet eigentlich in einem dieser Akte-X Laboren und seziert Außerirdische oder so. Und deshalb könnt ihr nicht über eure Arbeit reden. Geheimhaltung und so“.  
„Dir kann man nichts vormachen, Max Mulder“, scherzte Brooke und verschwand aus dem Bild.
Warren feixte: „Gut, wenn die Damen fertig sind, können wir zu den wirklich wichtigen Dingen kommen.“
Ich nickte und sah ihn erwartungsvoll an. Plötzlich schien er aber den dramatischen Effekt auskosten zu wollen und spannte mich auf die Folter.
„Was ist dein Lieblingsfilm?“, fragte er schließlich.
„Äh … ich weiß nicht. Planet der Affen?“
„Sehr witzig. Okay, ich mach es einfacher. Welcher deiner Lieblingsfilme startet dieses Jahr mit einem Prequel im Kino?“
„Oh, du meinst die Premiere von Blade Runner 2049 im nächsten Monat“, erkannte ich freudestrahlend. Auf den Film freute ich mich tatsächlich, auch wenn es mich traurig machte, dass ich ihn nicht zusammen mit Chloe sehen konnte. Sie hatte Blade Runner geliebt.
„Richtig! Und jetzt halt dich fest. In Berlin soll eine Pressekonferenz zum Start des Films abgehalten werden. Da kommen sowohl der Regisseur wie auch einige der Schauspieler hin, wie Harrison Ford und Ryan Gossling. Und das Ganze soll in sechs Tagen in genau dem Hotel stattfinden, indem du dich gerade befindest!“
Meine Augen wurden immer größer und größer während er sprach. Ich war sicher nicht so drauf wie Victoria und war scharf auf Fotos von Stars und Sternchen, aber das hier war Blade Runner 2049 und für jeden Fan des Vorgängers ein Kinoereignis. „Wowser“, kam es mir über die Lippen.
Warren schmunzelte zufrieden vor sich hin, in dem Wissen einen Volltreffer gelandet zu haben. „Weißt du, wenn du auf die Konferenz kommen könntest, dann wärest du im Anschluss auch bei der Fotosession dabei.“
„Rede weiter“, forderte ich ihn auf, da er sich offenbar schon Gedanken darüber gemacht hatte.
„Na, dein toller Kumpel und Manager Gabriel. So wie du von ihm redest, kann der doch alles besorgen“, erklärte er. „Einen Presseausweis für dich zum Beispiel.“
Ich nickte nachdenklich. Das würde er tatsächlich hinbekommen. Aber das würde nicht ausreichen, um auf die Konferenz zu kommen. Trotzdem war es gar nicht mal so abwegig, dass er da was drehen könnte. Gabriel hatte ziemlich gute Kontakte, sogar hier in Deutschland.
„Warren … du bist Gold wert!“, versicherte ich ihm. „Ich muss los und mit Gabe reden“.
„Ich weiß bei dir ist dieses Wissen in guten Händen. Wir sehen uns, Max“.  
„Oh Moment, eine Sache noch“, hielt ich ihn zurück. „Kommt auch diese süße, kleine kubanische Schauspielerin zu der Konferenz?“
„Du meinst Ana de Armas? Jaaaa, Max, die wird auch da sein.“ Er grinste anzüglich.
Ich spürte wie mein Kopf zu kribbeln begann. Deutliches Zeichen dafür dass ich gleich Rot wurde.
„Gut“, sagte ich nur und legte schnell auf.



Er hatte es tatsächlich hinbekommen. Ein befreundeter Journalist von Gabriel hatte Zugang zu der Konferenz und würde mich als Fotografin mitnehmen. Sicher hatte ich keine Gelegenheit Polaroids zu machen, aber von den digitalen Fotos konnte ich so viele Kopien behalten wie ich wollte.
Am besagten Tag betrat ich wenige Zeit vor Beginn der Pressekonferenz die Lounge des Hotels. Meine Fotoausrüstung war deponiert, ich hatte zwischen der Konferenz und dem Shooting noch Zeit sie zu holen. Gabriel würde mich hier in der Lounge zusammen mit dem besagten Journalist treffen.
Außerdem hatte er mich zuvor überzeugt, dass mich die Security vermutlich zu Boden reißen und aus der Konferenz schleifen würde, wenn ich in Jeans und Kapuzenjacke dort auftauchte. Also war ich in den letzten Tagen mit Gabriel einkaufen gewesen. Es war furchtbar gewesen. Er wollte mir unbedingt so einen Business-Dress mit Rock andrehen. Das letzte Mal hatte ich einen Rock mit sechs Jahren getragen. Keine Chance also. Stattdessen trug ich eine schwarze Hose, eine weißes Tanktop und darüber eine schwarze Stoffjacke. Besser geht’s nicht.
Ich war offenbar früher eingetroffen als Gabriel und sah mich nach einem Platz um, wo ich warten konnte. Es schienen bereits mehrere Vertreter der Presse hier auf den Einlass zu der Konferenz zu warten. Ich war ein wenig aufgeregt.
Mein Blick fiel auf eine Gestalt am Bartresen der Lounge und ich erkannte Victoria Chase. Ihre Haltung war ungewöhnlich eingefallen und nicht so stark und aufgeplustert wie ich es sonst in Erinnerung hatte. Zwar sträubten sich gewisse körpereigene, zur Selbsterhaltung erforderliche, Warnmechanismen in meinem Inneren dagegen, aber ich war neugierig und ging trotzdem zu ihr hinüber.
Vor ihr stand ein Whiskyglas und eine Zigarette lag qualmend in dem Aschenbecher. An der Bar saßen noch einige Leute, aber der Platz links von ihr war frei. Ich setzte mich und schaute sie von der Seite an. Als ich ihre Augen sah, war mir sofort klar, dass sie geweint hatte.
„Scheiße“, kommentierte sie mein Erscheinen. „Ist ein schlechter Zeitpunkt, Maxine.“
Ich verzichtete auf die Rüge wegen des Namens. Irgendwie war mir sowieso klar, dass sie es mit Absicht machte. „Wenn du keine Gesellschaft willst, hättest du dich nicht an einer Bar betrinken sollen“, sagte ich und machte keine Anstalten wieder zu verschwinden.
„Was soll’s“ Sie schnappte sich die Zigarette aus dem Aschenbecher und nahm eine tiefen Zug.
Der Barkeeper fragte was ich trinken wollte. Ich bestellte mir nur ein Glas Sodawasser.
Victoria kicherte. „Wenn du dich nicht betrinken willst, dann solltest du nicht an eine Bar sitzen.“
„Touché“, gab ich bereitwillig zu. „Und jetzt erzähl mir was los ist. Von einer Vortex-Club-Überlebenden zur anderen.“
Zwar war ich nur einmal auf einer Party dieses elitären Schüler-Clubs gewesen, aber Victoria wusste schon wie ich das meinte. Es war ein wenig hart von mir in diese Kerbe zu schlagen, aber wenn man einmal die Fähigkeit besessen hatte die Zeit zurückzuspulen, um ein Gespräch mehrfach zu führen, dann lernte man einiges über die Menschen, das einem sonst verborgen blieb. Im Fall von Victoria Chase wusste ich, dass sie nur ehrlich war, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stand.
„Scheiße, die guten alten Zeiten, was?“, nuschelte sie und blickte mich mit glasigen Augen durch den Zigarettenrauch an. „Rachel, Chloe  … wusstest du das Jefferson quasi schon einen Ordner mit meinem Namen drauf hatte?“
Wie von mir.  „Nein“, log ich.
„Manchmal denke ich, dass ich nur noch lebe, weil Rachel mir mit ihrem Tod etwas Zeit erkauft hat“, flüsterte sie, aber ich verstand jedes Wort. „Wusstest du dass ich sie regelrecht gehasst habe!?“, spuckte sie dann bitter heraus. „Perfekte kleine Miss Sunshine. Mit so viel Talent gesegnet dass man Kotzen möchte. Mit Leichtigkeit wickelte sie jeden um den Finger. Es kostete sie nicht die geringste Mühe." Victoria drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und stürzte den Rest des Whiskys hinunter. „Alle haben sie abgöttisch geliebt!“
Ich war mir nicht sicher ob ihre Sicht der Dinge so zutraf. Mit Sicherheit wusste ich jedoch, dass sie Rachel nicht wirklich gekannt hatte – nicht die echte Rachel. Allerdings hatte ich das auch nicht. Ich hatte aber einiges über sie erfahren, weil Chloe und ich auf der Suche nach ihr gewesen waren, damals in der gelöschten Zeitlinie.
„Sie hat bestimmt nicht gewusst was Druck ist!“, motzte Victoria weiter vor sich hin.
„Es geht also um die Arbeit“, kombinierte ich. Erfolg war in Victorias Familie sicher extrem wichtig. Sie hatte mir von dieser besonderen Gelegenheit erzählt. Vielleicht war daraus nichts geworden.
Sie lachte bitter. „Ich sag`s ja. Detective Max ermittelt wieder. Ja, es geht um die Arbeit. Dieser miese Typ hat mich einfach abserviert und den Job auf dem letzten Drücker irgendjemand anderen gegeben“
„Das tut mir leid, Victoria“, sagte ich automatisch.
„Ha, wieso sollte es“, entgegnete sie abwertend und ihre grünen Augen funkelten mich böse an. „Du konntest mich doch noch nie leiden.“
Sie hatte nicht ganz Unrecht. „Du machst es einem manchmal nicht besonders leicht dich zu mögen.“
Mit dem Zeigefinger schob sie das Glas in Richtung des Barkeepers, der diesen Wink auch sofort verstand und zum Nachschenken ansetzte. Gut das ich keinen Alkohol trank. Ich gehörte eher zu den Leuten die vom Barkeeper übersehen wurden.
„Weiß du, Max, ob du es glaubst oder nicht, du machst es mir auch nicht leicht“, sagte sie schließlich, als sie das aufgefüllte Glas in den Händen hielt. „Du, mit dieser kindlich, naiven Mir-doch-egal-was-alle-denken-Einstellung! Ich zieh die Klamotten an die ich mag, ich mach lieber Polaroids, Selfie Max der Hipster, frei und Ungebunden durch die Welt ziehend. Nicht jeder kann sich solche Freiheiten erlauben wie du!“
Ich schwieg. Ihre Worte waren eine bittere Mischung aus Verachtung und … Neid? Eine verrückte Vorstellung das Victoria Chase neidisch auf mich sein könnte. Aber sie hatte schon recht irgendwie. Seit vier Jahren zog ich durch die Weltgeschichte und machte mein Ding. Es gab niemanden der mir vorschrieb was ich zu tun hatte. Wieso sollte es auch jemand versuchen? Ich war mittlerweile eine erwachsene Frau. Und das war Victoria auch, aber in Victorias Welt lagen die Dinge wohl deutlich anders. Auch wenn sie heute keine Schülerin mehr war. Sie war niemals wirklich aus Blackhell entkommen.
Ich wollte gerade etwas sagen, da sah ich Gabriel die Lounge betreten. Er trug seinen weißen Lieblingsanzug: Den Miami-Vice-Anzug, wie ich es nannte, mit dem man in L.A. vielleicht zum Alltagsbild gehörte, aber hier auffiel wie ein Paradiesvogel. Gabriel störte es nicht. Das mochte ich so an ihm. Er war in Begleitung eines Mannes im grauen Anzug, der einen Presseausweis am Jackett hängen hatte und die beiden kamen auf mich zu.
„Hey Max, da bist du ja“, redete Gabriel drauf los, kaum dass er in Hörweite gelangt war. „Das hier ist Felix, der Journalist mit dem du auf die Konferenz gehst.“
Wieder kam ich nicht dazu etwas zu sagen, denn Victoria war schneller. Ihr Kopf ruckte überrascht  herum. „Felix?“
„Vic?“ Felix schien nicht weniger verblüfft zu sein. Offensichtlich kannten sich die beiden.
Victorias Blick huschte von ihm zu mir, dann zu Gabriel und wieder zurück zu mir. „Oh! Du!“ Ihr Gesicht verzog sich Augenblicklich zu einer wütenden Fratze.
„Wie? Ich?“, fragte ich nun überrascht und verstand noch nicht, was vor sich ging.
„Du hast mir den Job weggenommen. Du dreckige, kleine Schlampe!“, zischte sie mich an.
„Was? Nein!“, versuchte ich mich zu verteidigen.
„Und dann setzt du dich auch noch zu mir und erfreust dich an meinen Leid.“ Tränen liefen der sowieso schon emotional angeschlagenen Victoria über das Gesicht. „Respekt, Maxine Claufield. So viel Kaltblütigkeit hätte ich dir gar nicht zugetraut.“ Sie griff sich das Whiskyglas und schmetterte es mit einer ruckartigen Armbewegung direkt neben meinem Barhocker auf den Boden, so dass es nur so krachte und splitterte. Ich zuckte heftig zusammen. Bevor ich noch was sagen konnte, war sie an Gabriel und Felix vorbeigestürmt und entschwunden.
Zunächst waren alle wie vor den Kopf gestoßen gewesen. Auch der Rest der Lounge-Besucher hatte sich zu uns umgedreht. Ich fing mich am schnellsten, rutschte von dem Barhocker und sah Gabriel an. Er wie auch Felix waren immer noch ganz verdattert als ich fragte: „Gabriel, als du deine Beziehungen wegen dieser Konferenz hast spielen lassen, hat da jemand anderes seinen Job wegen mir verloren?“ Meine Augen verengten sich zu Schlitzen und Gabriel wusste, was das bedeutete.
„Äh … Ich … Nein … Ich wusste nicht …“, stammelte der sonst so wortgewandte Gabriel und wischte sich verlegen durch seine blonde Haarmähne.
„Also … ich … mir was es ja egal wer …“, versuchte sich Felix gleichzeitig herauszureden, der meinen wütenden Blick zum ersten Mal zu spüren bekam und deshalb gleich doppelt beeindruckt war.
„Okay, Okay“, beendete ich das Gestammel. „Ich kümmere mich darum und ihr wartet ihr!“  
Ich ließ die beiden stehen und mit vor Wut gepeitschten Schritten verließ ich die Lounge. Ich wollte mich beherrschen, fluchte aber dennoch leise vor mich hin. „Idioten!“ Wenn ich eine Comicfigur wäre wurde jetzt eine schwarze Rauchwolke über meinen Kopf auftauchen.


Es war leicht gewesen Victoria zu finden. Sie war genau da wo jede Frau hinlaufen würde, die spontan in der Öffentlichkeit weinen musste - auf der Damentoilette. Ich hörte sie bereits in einer der Kabinen schluchzen.
„Victoria?“
„Verschwinde, Max“, hörte ich sie aus der mittleren Kabine fauchen.
Eine Frau verließ eilig die Kabine neben ihr und wusch sich anschließend hektisch die Hände, während sie nervös in den Spiegel schaute um mich und die Toilettentüren im Auge zu behalten. Ich lächelte sie entschuldigend an, bevor ich mich wieder Victoria zuwandte.  
„Es tut mir leid, Victoria, ich habe davon nichts gewusst!“ versuchte ich die Wogen zu glätten.
Gedämpft hörte ich ihr ungläubiges Lachen hinter der Tür. „Warum ist das wichtig, Max? Warum willst du nur immer, das dich jeder mag?“
Ich dachte darüber nach. „Vermutlich finde ich das besser als die Alternativen“, sagte ich schließlich.
Ich spürte mein Smartphone vibrieren und schaute auf das Display. Gabriel hatte eine Nachricht geschickt. Er saß offenbar auf glühenden Kohlen, also gab ich zumindest ein Lebenszeichen von mir.

Gabe: Die Konferenz fängt jeden Moment an!

Max: Ich arbeite daran

Ich atmete durch. Die Zeit wurde knapp. Ich musste eine Entscheidung treffen. Wie ich diese Momente im Leben liebte. Gut, nicht bei jeder Entscheidung musste man sich gleich zwischen den Leben der Bewohner einer ganzen Stadt und dem seiner besten Freundin und großen Liebe entscheiden. Ich hatte damals eine Entscheidung getroffen. Ich hatte Chloe verloren und meine Zeitreisekräfte hatte ich auch verloren. Alles wieder auf Anfang und mit jeder, nicht mehr auslöschbaren Konsequenz durch das Leben stolpern. Sich wieder so alleine fühlen. Vielleicht wollte ich deshalb, dass die Menschen mich mögen. Es gab diese wirklich große Kluft in meinem Inneren zu füllen.
Ich trat dicht an die Kabinentür heran und sprach mit möglichst ruhiger aber entschlossener Stimme: „Victoria, du wirst jetzt da rauskommen. Dann machen wir dich etwas frisch und dann gehst du mit Felix auf diese Konferenz und wirst im Anschluss Fotos machen, auf die ich stolz sein werde, okay?“
„Na klar“, antwortete sie kaum überzeugt.
„Victoria, man bekommt nur sehr selten eine zweite Chance. Ich kann dir diesen Job wieder beschaffen, indem ich ihn selber ablehne.“
Einen Moment später hörte ich wie die Tür entriegelt wurde und trat einen Schritt zurück. Victoria stand in der geöffneten Tür da und sah mich mit verheulten Augen skeptisch an. Um genau zu sein, so misstrauisch als hätte ich einen Meucheldolch am Körper verborgen und würde nur auf den richtigen Moment warten.
Ihr Make-Up war zerlaufen und sie sah nur noch wie ein Schatten von Victoria Chase aus. Tatsächlich wirkte sie gerade sehr verletzlich. Ihre Augenbrauen waren nur flache Striche, statt hoch erhoben wie sonst und ihre feuchten Augen erinnerten eher an die Augen eines Hundebabys, als an die einer Eiskönigin. Eine demaskierte Victoria. Auf eine traurige Art und Weise war sie so für mich schöner als jemals zuvor.  
Wir hatten keine Zeit mehr, also ergriff ich Victorias Arm und zog sie vor das Waschbecken. „Gesicht waschen!“, kommandierte ich sie.
Sie sah mich einen Moment stur an, aber ich starrte genauso stur zurück, bis sie widerwillig aufgab und sich mit dem Kopf über das Waschbecken lehnte. Ich holte derweil Victorias Make-Up aus ihrer Handtasche. Victoria war natürlich mit allem ausgestattet was die moderne Frau von heute für ihre persönliche Kriegsbemalung benötigte. Ich hatte von sowas ziemlich wenig Ahnung und betrachtete die Sachen skeptisch. Da waren Dinge bei, von denen ich nicht mal wusste wozu sie gut waren. Am besten ich konzentrierte mich auf die Basics. Dann würde es schon klappen.
Wir mussten uns ziemlich beeilen, aber die Zeit fühlte sich seltsam verlangsamt an, während wir die Kosmetik auftrugen. Wie ich so vor ihr stand, sie im Gesicht berührte und direkten Einblick hinter den grünen Schleier ihrer Augen hatte, da entdeckte ich eine Frau verborgen, die ich vermutlich so gut wie gar nicht kannte.
Es war schon seltsam. Die Menschen strebten im Allgemeinen danach, von anderen verstanden zu werden, aber gleichzeitig machten sie es anderen so schwer wie möglich sie kennenzulernen, indem sie alles wirklich Wichtige verschwiegen.
Während ich Puder auf ihr Gesicht auftrug, sah ich wie es unter ihrer Oberfläche brodelte. Sie schien einen Moment mit sich zu ringen.
„Du bist keine dreckige Schlampe“, sagte sie plötzlich und ihre Augen schweiften schamgetrieben umher um mir nicht ins Gesicht blicken zu müssen.
Ich lächelte. „Danke … ich meine, schon gut! Wenn ich wirklich vorgehabt hätte, dir den Job zu klauen, dann hätte ich es verdient gehabt.“
„Sowas würdest du nicht machen. Ich bin es der sowas machen würde“, klagte sie sich selber an.
Ich beendete die Arbeit mit dem Puder und deutete auf die drei Lippenstifte, die ich neben das Wachbecken gelegt hatte. Sie wählte ein klassisches Rot aus. Nachdem Victoria selber die Umrandung mit dem Lipliner gezogen hatte, machte ich mich mit dem Lippenstift ans Werk.
„Bitte die … äh … Lippen spitzen“ ordnete ich etwas verlegen an.
Als sie der Aufforderung nachkam, war es so, als würde ihr ganzer Körper dabei in eine passende Pose verfallen. Vielleicht wäre sie auch ein gutes Model geworden. Während ich den Lippenstift auftrug, stellte ich mir vor, wie Victoria und Rachel gemeinsam die Laufstege der Welt rockten – irgendwo da draußen, in einer alternativen Realität. Das Bild half mir deutlich, mich von einer anderen Vorstellung abzulenken, welche der verlockende Kussmund mitbrachte.
„Ich bin nicht besser oder schlechter als du, Victoria“, nahm ich das Gespräch wieder auf, nachdem ich meine Arbeit beendet hatte und sie sich im Spiegel musterte. „Ich denke wenn du dir ein wenig Mühe gibst, könntest du wirklich … hmhm … nett sein“, versuchte ich die richtigen Worte zu finden.
Victoria hob eine Augenbraue, schwieg jedoch. Ich hatte dennoch den Eindruck, dass sie mich aus den Augenwinkeln ganz genau beobachtete, während ich auf das Display meines Phones blickte.

Gabe: Einlass!!!

„Es ist akzeptabel geworden“, kommentierte Victoria meine Arbeit. Aus ihrem Mund quasi ein Lob.
„Wir müssen los.“ Ich drückte ihr die Handtasche in die Hände und schob sie zur Tür.


Wenige Minuten später hatten wir Gabriel und Felix gefunden. Die Anderen von der Presse waren schon alle hineingegangen, aber ich sah die Doppelflügeltüren des Konferenzraumes immer noch offen stehen.
„Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass ihr beiden euch kennt“, versuchte Felix sich direkt wieder zu entschuldigen. Der Deutsche sprach ein gebrochenes Englisch, war aber gut zu verstehen.  
Ich winkte ab, während ihn Victoria böse anblickte. „Schon gut, Felix, denn du wirst es wieder gut machen, indem du Victoria ihren Job zurückgibst und sie auf die Konferenz mitnimmst“
„Äh … okay“, meinte er und blickte ein wenig besorgt zu der finster dreinblickenden Victoria.
„Und du musst dir da auch keine Sorgen machen. Wie du vielleicht weißt ist Victoria ein Profi, richtig, Victoria?“ Ich sah sie eindringlich an.
Ihre Gesichtszüge wandelten sich und die typische Maske von Victoria war wieder zu sehen. „Richtig!“, bestätigte sie überzeugend.
„Na gut, wir sollten dann“ Felix wies mit dem Arm in Richtung der Konferenzraumtüren. „Wie sehen uns, Gabe. Hat mich gefreut, Maxine“
„Max … niemals Maxine“, korrigierte Victoria den Journalisten, hakte sich ungefragt bei ihm unter und die beiden wandten sich zum Gehen ab. Über ihre Schulter warf sie mir noch einen letzten Blick zu. Ich lächelte sie an. Dann gingen sie als letztes hindurch und die Flügeltüren wurden geschlossen.
„Victoria Chase, eh?“, gab Gabriel neben mir von sich. „Ist das nicht die Schulzicke deiner alten Schule gewesen?“
„Ja“, bestätigte ich.
„Wieso hast du ihr geholfen und selber verzichtet?“, fragte er weiter.
Ich drehte mich auf dem Absatz herum und sah ihn an. „Bist du bereit für die allumfassenden, maxistischen Weisheiten, Gabe?“
„Ja, oh große Max, erleuchte mich!“, scherzte er und deutete Verbeugungen an. Gabriel war ein sehr kompetenter Agent, die meiste Zeit. Aber wirklich gerne mochte ich ihn, weil man mit ihm auch einfach mal rumblödeln konnte.
„Im Leben bekommt man nur selten eine zweite Chance. Niemand von uns kann die Zeit zurückdrehen. Deshalb sollte man lieber gleich das Richtige tun“, erklärte ich meine Beweggründe.
„Woher weißt du, dass es das Richtige war?“, frage er, noch nicht ganz überzeugt.
„Sie hatte das hier einfach nötiger als ich“
Er nickte und wir gingen durch die Hotelhalle auf den Ausgang zu. Da er nichts weiter vorhatte und mein Termin ja nun ausgefallen war, lud er mich zum Essen ein. Als wir an der Luft waren fragte er: „Was wirst du als nächstes machen, Magic Max? Die Ausstellung ist in ein paar Tagen vorbei, und du hast sonst nichts mehr in deinem Terminkalender stehen“.
„Ich habe einen Terminkalender?“ Ich blickte ihn überrascht von der Seite an.
„Ich habe einen für dich, da du dich ja weigerst einen zu führen!“
Ich nickte. „Ach, richtig. Da war was. Nun, ich denke ich werde erstmal nach Seattle zurück, oder so“
Er blieb stehen und schüttelte den Kopf. „Max, Ich habe es dir schon mal angeboten. Du solltest mit nach L.A. kommen. Da habe ich auf jeden Fall Arbeit für dich.“
Ich lachte, griff ihn am Arm und zog ihn weiter. „Und in deinem Strandhaus wohnen? Ja, ich erinnere mich an das Gespräch. Und ich will nicht dazwischen stehen, wenn da deine Parade an Thekenbekanntschaften ein und aus geht.“
„Du hast da eine ganz falsche Vorstellung. Auch ein Grund warum du mit nach L.A. kommen solltest.“
Ich grübelte. Los Angeles. Die Stadt der Engel. Vielleicht waren ein paar göttliche Fanfaren eine ganz nette Abwechslung. „Ich denke darüber nach.“


Ende


Anmerkung des Autors: Die entsprechende Pressekonferenz, die am 18.09.2017 im Adlon Hotel in Berlin abgehalten wurde, kann man sich übrigens komplett auf YouTube ansehen ;) Ich fand es ganz amüsant.
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