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Vento Aureo: Whispers in the Dark

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Mystery / P16 / Gen
Bruno Bucciarati Giorno Giovanna Leone Abbaccio Narancia Ghirga OC (Own Character) Pannacotta Fugo
29.01.2021
13.01.2022
60
142.260
2
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30.11.2021 4.040
 
Seit mir befohlen wurde, in Bucciaratis Wagen einzusteigen, war eine halbe Stunde vergangen. In dieser Zeit hatten wir kein einziges Wort miteinander gesprochen; wir schwiegen einander regelrecht an.
Was sollte ich auch sagen? Für meine Kompetenzen bei Small-Talk oder ähnlichem war ich nicht wirklich bekannt… ich ging eher davon aus, dass Bruno bereits von meinem Regelwidrigen Verhalten wusste… und lediglich einen passenden Moment abwartete, um mich zur Rede zu stellen. Allerdings… war ich mir nach einigen Minuten nicht mehr so sicher.
Als ich Haruno aufgesucht hatte, war ich bereit, jegliche Konsequenz zu tragen; doch warum fürchtete ich mich auf einmal? Weshalb war diese Stille mir unangenehmer, als jeglichen Vorwurf, den mir mein Vorgesetzter – zu Recht – entgegenbringen könnte?
Seit ich mich auf dem Beifahrersitz niedergelassen hatte, hatte ich es auch nicht gewagt meinen Blick zu heben. Unsicher sah ich durchgehend auf meine Hände, die ich auf meinen Oberschenkeln verschränkt hatte, während ich mich wunderte, wie Bucciarati mich gefunden hatte.
Für einen Augenblick hatte ich befürchtet, Fugo könnte etwas über meinen Alleingang weitergetragen haben, doch Pannacotta würde sich nicht uneingeladen in die Angelegenheiten anderer einmischen… zumindest nicht, solange kein begründeter Verdacht bestehen würde. Hatte ich einen solch zwielichtigen Eindruck hinterlassen, als ich alleine weiterzog? Unwahrscheinlich… vermutlich wäre er mir eher gefolgt, als Bucciarati direkt zu kontaktieren.
Wusste Bucciarati etwas von Haruno? Hatte er vielleicht darauf gewartet, dass ich Kontakt zu diesem Jungen aufnahm – oder war unser Aufeinandertreffen lediglich eine Verkettung von Zufällen?
Je länger ich mir meinen Kopf über diese Ungewissheiten zerbrach, desto schneller begann mein Herz zu rasen. Meine Kehle wurde trocken; dabei begannen die Hände zu zittern. Gezwungen ruhig versuchte ich tief ein- und wieder auszuatmen. Angespannt biss ich mir auf die Innenseite meiner Wange; versuchte mich somit wieder zu beruhigen. Meine Angst oder Furcht sollte er nicht spüren. Selbstverständlich würde ich seine Fragen, so wahrheitsgemäß wie möglich, beantworten, doch ich wollte ein Verhör nicht provozieren… obwohl ich wusste, dass es folgen würde. Die Frage war lediglich, wann Bucciarati die Initiative diesbezüglich ergreifen würde.
Dank meiner Furcht wusste ich nicht, wo wir gerade waren. Ich war zu sehr in meine Gedanken vertieft, um vor meinem inneren Auge dem Straßenplan Neapels, während unserer Fahrt zu folgen – aufzusehen wagte ich nicht, doch ich konnte spüren, wie sich der Untergrund veränderte. Dem Kopfsteinpflaster wich Schotter; kaum hatte ich dies bemerkt, hielten wir auch an.
Bruno zog die Handbremse und seufzte laut. Anscheinend wusste er selbst nicht allzu genau, wie er das Gespräch beginnen sollte… oder er wartete auf meine eigene Initiative, wissend, dass ich diese niemals ergreifen würde. Auf dem Schlachtfeld war dies etwas anderes… doch nicht innerhalb der eigenen Familia… vor allem nicht beim eigenen Vorgesetzten.
Vorsichtig hob ich meinen Blick und lugte aus dem Fenster der Beifahrertür – das erste, was ich sah, waren die schier unendlichen Weiten des Meeres; zumindest würde ich sie normalerweise sehen können, doch der starke Regen verhinderte das Erkennen der feinen Linie zwischen Meer und Horizont. Wie lange waren wir unterwegs? Das prasseln der Regentropfen auf dem Wagendach war sowohl beruhigend, als auch besorgniserregend.
„Was ist passiert?“, durchbrach eine Stimme zu meiner linken die eisige Stille.
Entsetzt zuckte ich zusammen und biss mir aus Schreck zu stark auf meine Wange. Wenn ich nicht dermaßen angespannt wäre, würde ich vermutlich das Blut in meinem Mund schmecken, „Die Mission wurde erfolgreich ausgeführt. Niemand wurde schwerwiegend verletzt und ich vermute, dass sie ihre Lektion gelernt haben. Leider kann ich es nicht garantieren… die Personen in Scampia sind recht stur.“, verlegen kratzte ich an meinem linken Schlüsselbein, wissend, dass dies nicht die Antwort war, die mein Vorgesetzter verlangt hatte. Lügen würde ich nicht, doch er sollte mich explizit danach fragen.
„Du weißt ganz genau, dass ich mich nicht auf das Ergebnis eurer Mission bezogen habe. Seit Monaten verhältst du dich merkwürdig; du bist ruhiger, als sonst, als würde dich etwas bedrücken. Skillet setzt du, so gut wie gar nicht mehr ein. Vielleicht nimmst du mittlerweile deine Medikamente, doch wann warst du zuletzt bei Dottore Focaccia?“, Bucciarati schrie nicht, während er sprach. Zorn lag zwar in seiner Stimme, doch er blieb ruhig… ein Wutanfall oder ähnliches hätte ich bevorzugt. Diese ruhige Art war um einiges beunruhigender, als das aufbrausende Temperament Fugos. Ich war es schon immer gewohnt, mit aggressivem Verhalten umzugehen – Schläge, Schreie, gebrochene Knochen oder Wunden, gehörten in unserer Vergangenheit zur Tagesordnung, genau deshalb war es mir nicht möglich, in dieser Situation, angemessen zu reagieren. Unsicher schwieg ich; wagte es nicht einmal zu meinem Vorgesetzten zu blicken.
„Er hatte dich das letzte Mal einige Tage vor dem Krieg der Tres-Familiae untersucht. Jedes Mal, wenn er dich aufsuchen, oder kontaktieren möchte, bist du wie vom Erdboden verschluckt. Weshalb meidest du ihn? Was ist während deiner Spezialmission von Capo Polpo geschehen, dass dich so aus der Bahn geworfen hat. Sogar Fugo hatte mich vor einigen Wochen darauf angesprochen.“
Als mein Mitbewohner erwähnt wurde, zuckte ich kurz zusammen. Zwar hatte ich durchgehend versucht, mir nichts anmerken zu lassen, doch ich war kein guter Lügner… allerdings hätte ich nicht erwartet, dass Fugo sich eher an Bucciarati wenden würde, als an mich direkt… dies war eigentlich nicht seine Art… außer er sorgte sich wirklich um mein Wohlergehen… war dies vielleicht auch der Grund, weshalb wir manchmal kleine Diskussionen über verschiedene literarische Werke hatten? Wollte er mich generell einfach aufmuntern, weil er meine Niedergeschlagenheit bemerkte? Würde er wirklich, um des Mitbewohnerfriedens willen so weit gehen?
Mein Vorgesetzter schwieg; wartend auf eine Antwort meinerseits.
Was sollte ich sagen? Unsicher öffnete ich meinen Mund, um ihn kurz danach wieder zu schließen. Meinen Blick hielt ich weiterhin gesenkt. Trotz des Blutes meiner Zunge war mein Hals trocken. Verzweifelt versuchte ich die richtigen Worte zu finden, „Meine Apathie Ärzten gegenüber bezieht sich nicht auf il Dottore als Person. In mir sträubt sich jede Zelle in meinem Körper, sobald ich weiß, dass jemand mich untersuchen möchte – egal wer dies auch sein mag. In der Vergangenheit blieb es nicht wirklich nur bei Untersuchungen… viel mehr wichen sie diversen Experimenten… es tut mir leid, doch ich kann hierauf nicht weiter eingehen. Dottore Focaccia hat mir das Leben gerettet. Ich weiß das; nehme auch, wie mit ihm vereinbart, regelmäßig meine Medikamente… doch ich kann es nicht über mich bringen, mich bereitwillig untersuchen zu lassen. Ohne direkten Befehl wird dies nicht möglich sein…“, ich seufzte. Diese Worte beschrieben nicht einmal Ansatzweise die Problematik bezüglich einer physischen Examinierung. In der Vergangenheit wurden Untersuchungen recht schnell zu einer Folter – wortwörtlich. So lernte ich zwar neue Methoden, die recht effektiv waren, doch auf der anderen Seite hinterließen sie eine immerwährende Angst vor medizinischem Personal und Gerätschaften. Allein der Geruch von Desinfektionsmittel genügte, um Erinnerungen an diese Zeit wieder aufleben zu lassen. Damals hatte ich das alles, ohne ein Murren oder Gegenwehr, aus zwei Gründen über mich ergehen lassen: Es war ein Befehl, diesem war entsprechend Folge zu leisten und zweitens… würde jeglicher Ungehorsam, oder allein die geringste Abweichung, in einer – mindestens – gleichzusetzenden Sanktion von ihr erfolgen. Mein einziger Antrieb war der Beschützerinstinkt meiner einzigen Familie. Dieser war auch der Grund, weshalb ich das alles überhaupt aushalten konnte…
Würde Bucciarati mir eine Untersuchung bei il Dottore befehlen, würde ich der Order nachkommen. Als ich ihn im Krankenhaus getroffen hatte, war es ja nichts anderes – generell lag es ja auch nicht in meiner Natur, einem Befehl zu widersprechen.
„Gut. Dann werde ich diese Woche noch einen Termin bei Dottore Focaccia für dich vereinbaren, den du wahrnehmen wirst.“, diese Antwort hatte ich befürchtet. Mein Herz schien in meine Hose zu sinken, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis er es mir befehlen würde. Vor allem, weil ich ihm kurz zuvor noch gesagt hatte, dass ein freiwilliger Besuch nicht erfolgen wird. Um über jeden Zweifel erhaben zu sein, würde er sich auch um den Termin kümmern. So hätte ich keine Möglichkeit diesen zu verschieben oder recht weit hinauszuzögern.
Er seufzte erneut, „Ein Problem hätten wir geklärt… doch das eigentliche Problem verschweigst du. Was ist während deiner Mission geschehen? Weshalb warst du alleine unterwegs? Hat dein ungewöhnliches Verhalten etwas hiermit zu tun?“, ich konnte Zweifel in seiner Stimme hören. Offensichtlich befürchtete er, dass die Entscheidung, mich nach Scampia zu schicken, die falsche war. Vermutete er vielleicht, dass die Konfrontation mit meiner ehemaligen Heimat zu einer ‚Verschlechterung‘ meines Zustandes führen würde?
Unsicher wagte ich es meinen Blick zu heben. Dem Zorn, den ich zuvor noch in seiner Stimme gehört hatte, war in seinem Gesichtsausdruck nichts anzumerken. Im Gegenteil, er war vielmehr besorgt.
Meine Hände begannen wieder zu zittern, „Ich weiß nicht, ob ich zu sehr in die Details gehen darf, was meine Mission ang-“
„Ich habe bereits mit Capo Polpo über dein verändertes Verhalten gesprochen. Er gibt mir alle Befugnisse, die notwendig sind, um dir helfen zu können. Deshalb hattest du auch nicht allzu viele Spezialmissionen, sondern warst immer in Begleitung.“, es war ein Fehler zu Bucciarati zu blicken. Die Sorge in seinen Augen schien mich regelrecht zu erdrücken. Eine Antwort dieser Art hatte ich allerdings erwartet – auch wenn es eine angenehme Abwechslung war, Skillet nicht wirklich nutzen zu müssen, so war es nur eine Frage der Zeit. Auch mir war aufgefallen, wie stark sich mein Aufgabengebiet nach dem Krieg der Tres-Familiae verändert hatte. Für Missionen, wie diese in Scampia, war ich eigentlich gar nicht geeignet. Mein Gesicht sollte nicht bekannt werden, doch je mehr Personen ich zurechtwies – oder in der Nähe wäre – desto mehr erfuhren dementsprechend von meiner Verbindung zu Passione.
Lügen war zwecklos – Bucciarati war auch ehrlich genug, dass ich ihm bezüglich der erlangten Informationsfreigabe von Capo Polpo glauben konnte. Wenn nicht er, wem sollte ich dann glauben? Wem könnte ich mich andernfalls anvertrauen? Vielleicht war eine Aussprache genau das, was ich benötigte?
Kurz seufzte ich, „In Ordnung. Egal, was die Konsequenzen sind; ich bin mir meiner Handlungen bewusst und habe dies aus meinem eigenen Antrieb getan. Lass mich, bevor du mich bezüglich meiner Entscheidungen belehrst, bitte zuvor meine Beweggründe darlegen.“, nach einem, etwas zurückhaltenden Nicken Brunos, fuhr ich fort, „Mein Auftrag in diesem Krieg war die Informationsbeschaffung von einem Mann Onores, der im Endeffekt dasselbe Aufgabengebiet hatte, wie ich. Dank ihm konnte Passione unbeschadet und als Sieger aus diesem Krieg hervorgehen… und er besiegelte auch das Schicksal seiner eigenen Familia. Arancino trug einen nicht zu verachtenden Teil, durch seine schlampige Arbeit bei, meine Observation einfacher zu machen. Solange ich mich in dem Schatten einer bestimmten Person aufhalte und ich mich auf diesen voll und ganz einlasse, so kann ich fast alle unterbewussten Gefühle der Person spüren. Obwohl er sich in den Vorbereitungen eines Massakers befand, hegte er keine feindseligen Gefühle, Passione gegenüber… zumindest nicht nennenswert feindselig… Nun… ich habe meine Mission, die sich auf den Tod dieser Person bezogen hat, gewissenhaft ausgeführt. Niemand fremdes hat mich gesehen und Spuren habe ich auch keine hinterlassen…“, ich hielt inne. Während ich sprach, spürte ich, wie ein Klos mir meine Kehle zuzuschnüren drohte.
„Das kenne ich aus deinem Bericht. Weshalb erwähnst du dies-?“
Für einen Wimpernschlag zögerte ich, „Normalerweise besteht während der Ausübung meiner Pflicht kein, oder ein minimaler, Kontakt. Ich trete aus dem Schatten heraus, eliminiere die Person – bestenfalls ohne, dass mein Ziel den bevorstehenden Tod überhaupt ahnt – und verschwinde. An diesem Abend verlief alles wie geplant… doch, obwohl er kein Stand-Nutzer war, erahnte er meine Anwesenheit. Wir hatten zuvor noch nie ein Wort gewechselt… aber ich fühlte mich diesem Mann verbunden. Ich trat mit ihm in Kontakt.“, als ich den letzten Satz aussprach, atmete Bucciarati lautstark ein, „Wir unterhielten uns. Dies war das erste Mal, dass ich so etwas wie Reue empfand, als ich ihn eliminierte. Normalerweise, wenn meine Ziele mich erblicken, so flehen sie mich an, betteln um ihr Leben oder versuchen zu verhandeln. Doch nicht dieser Mann. In dem Moment, in dem er mich erblickte, wusste er, dass er sterben würde. Doch dies nahm er, ohne Wiederworte hin. Durch mich erfuhr er etwas über Stands… eine Information, die ihm nichts bringen würde… außer eine Erklärung, wie ich mich ihm ungesehen nähern konnte.“
„Was hast du im Gegenzug erlangt?“
„Ein Denkanstoß. Leider hatte sich die Andeutung, die er von sich gab, mittlerweile konkretisiert… Beweise habe ich diesbezüglich leider nicht, sonst wäre ich bereits früher auf dich zugekommen. Es geht um das bestehende Monopol des aktuellen Marktes an Narkotika. Nach dem Ausschlussverfahren bleiben nur noch drei Möglichkeiten: Cor hat einen großen Markt, von allen Augen ungesehen und ungeachtet, aufgebaut, was ich für recht unwahrscheinlich halte. Viele einzelne Personen haben sich eine gemeinsame Monopolstellung erarbeitet, doch von diesen Personen hätte ich bereits etwas über mein Netzwerk gehört. Für die letzte Option fehlen mir noch die Beweise…“, ich wusste, wie allergisch Bruno auf das Thema Drogen reagierte. Während ich sprach, konnte ich sehen, wie sich seine Mine verfinstert hatte, „Dies war eines der Probleme, die sich an mich geheftet hatten… das andere war die Menge an Personen, die ich in einem regelrechten Blutrausch getötet hatte, als ich Fugo unterstützte. In meinem damaligen Zustand hatte ich leider nicht darauf geachtet, die Verbindung mit den Schatten zu kappen. Ich werde die negativen Gefühle, die Todesqualen, die Ängste und den Zorn, den diese Menschen spürten, nicht mehr los. Sie suchen mich regelrecht heim; ich weiß nicht, was ich dagegen noch unternehmen kann…“, je länger ich sprach, desto weniger schien es mir möglich zu atmen. Ich war mir sicher, dass sie an meiner Stelle bereits zu weinen begonnen hätte, doch das war mir physisch wahrscheinlich gar nicht mehr möglich, egal wie sehr die Erinnerungen schmerzten.
„Weshalb hast du aber heute die Einsamkeit gesucht?“
Diese Antwort wollte ich ursprünglich auslassen. Nicht, weil ich die Konsequenzen fürchtete, sondern weil es mir wahrscheinlich nicht möglich war, meine Gründe in Worte zu fassen, „Nun ja… dies hat mit meiner Zielperson zu tun. Ich hatte ihm ein Versprechen gegeben, bevor ich ihn tötete. Dazu gezwungen wurde ich nicht. Ich tat es aus freien Stücken… wissend, dass ich mich dadurch selbst in Gefahr bringen könnte. Normalerweise ist dies nicht meine Art… doch ich sollte einer bestimmten Person noch eine letzte Nachricht überbringen. Sie gehört zu keiner Familia oder ähnlichem.“
„Wie bitte?“, kurz wurde Bucciarati lauter, „Auf meine Warnung vom heutigen Morgen bist du zu einer Person gegangen, die deiner damaligen Zielperson, welche mit der Polizei kooperierte, nahestand? Wissend, dass dies eine List sein könnte? Die Polizei könnte diese Person observiert haben und du bist freiwillig in die Falle gelaufen? Durch diese Entscheidung hast du nicht nur dich, sondern uns alle, sogar Passione selbst, gefährdet. Was ist in dich gefahren? War es dieser Junge, über den du deine Zielperson damals überhaupt erst ausfindig machen konntest?“
Ich nickte stumm. Solange Bucciarati sprach, würde ich ihn nicht unterbrechen; doch meine Entscheidung würde ich weiterhin vertreten. Schweigend wartete ich geduldig auf die Möglichkeit, die Gründe für meine Taten darzulegen, „Ich war mir der Gefahr, die dieses Versprechen mit sich brachte, von Beginn an bewusst. Dies war das erste Mal, seit ich in der neapolitanischen Unterwelt lebe, dass ich eine Entscheidung alleine für mich, aus einem egoistischen Grund – vielleicht sogar lediglich um mein Gewissen zu erleichtern – gefällt habe. Ich kannte die Risiken, die mein Schwur mit sich brachte, doch ich vertraute darauf, dass die Polizei nichts über diesen Jungen wissen würde. Dieser Mann hegte mir gegenüber keinen Groll; vielmehr war diese Nachricht sein letzter Herzenswunsch. Dieser Junge rettete ihm vor Jahren das Leben… er wollte sich, über seinen Tod hinaus, noch ein letztes Mal hierfür bedanken. Vielleicht war es sogar Verzweiflung, die ihn dazu trieb, seinen eigenen Mörder um die Überbringung der Nachricht zu bitten. Auch wenn ich, normalerweise, Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken, töten kann, so müsstest du, der in der Vergangenheit selbst seine Hände häufig mit Blut besudelt hat, wissen, dass mit jedem erledigten Auftrag auch ein Teil der eigenen Seele stirbt. Irgendwann zweifelt man daran, ob die eigene Existenz, die, dank der Stands, eher einer personifizierten Waffe gleicht, noch gute Taten vollbringen kann. Mein ganzes Leben lang habe ich immer, stumpf, meine Befehle befolgt. Nie habe ich so gehandelt, wie ich es mir gewünscht hatte. Falls kein Befehl vorlag, war es ein Abwägen, was am besten für die eigene Familia oder Familie wäre, auch wenn die eigenen Überzeugungen hierbei in den Hintergrund gerückt wurden. Nur ein einziges Mal wollte ich meinem Opfer Respekt zollen – hätte ich eine Wahl gehabt, hätte ich meine Zielperson am liebsten gar nicht getötet. Er war ein guter Mann, der lediglich die falsche Familia gewählt hatte. Obwohl er wusste, dass dieser Junge, ohne große Probleme, als Druckmittel gegen ihn eingesetzt werden könnte, beharrte er darauf, ihn täglich für einige Momente zu beobachten und, einem Schutzengel gleich, über ihn zu wachen. Er hatte mich sogar gefragt, ob ich ihn durch diesen Jungen gefunden hatte – allein die Gewissheit, dass sein Ende durch die eigene, egoistische Entscheidung, sich täglich diese kleine Blöße zu geben, kommen würde, beruhigte ihn anscheinend. Diese Emotion konnte ich nicht verstehen, doch ich respektierte ihn dafür; aufgrund dieser Bewunderung habe ich ihm dieses Versprechen gegeben… auch wenn ich die letzten Monate zu große Angst hatte, es einzulösen.“, für einen kurzen Augenblich schloss ich meine Augen. Zwar würde ich jegliche Konsequenz tragen, doch vor einer Entlassung aus den Diensten Passiones fürchtete ich mich dennoch. Da wäre es mir tatsächlich lieber, wenn Bucciarati mich stattdessen töten würde, „Ich weiß, dass diese egoistische Entscheidung inakzeptabel war. Mein Gewissen konnte das Aufschieben dieses Eids nicht mehr verkraften. Die Emotionen der Schatten derer, die ich getötet hatte und zeitgleich das Aufschieben des Erfüllens meines Versprechens raubten mir regelrecht den Schlaf. Egal, was ich versuchte, die Träume; oder die personifizierten Emotionen, holten mich täglich ein. Meine letzte Hoffnung war, mich selbst, durch das Aufsuchen dieses Jungen, zu beruhigen.“, entschlossen sah ich meinen Vorgesetzten an, „Wie bereits erwähnt, bin ich mir meiner Vergehen bewusst. Ich werde jegliche Sanktionen oder Konsequenzen für dieses Handeln tragen. Sofern ich eine Gefahr für dich, Fugo oder Passione darstelle, werde ich, ohne Wiederworte, Neapel verlassen – meine egoistische Entscheidung soll deinem Aufstieg der Familia nicht noch mehr im Wege stehen, als allein der Schaden, den ich angerichtet haben könnte.“
Bucciaratis dunkelblaue Augen musterten gründlich meinen Gesichtsausdruck; es lag sogar ein wenig Überraschung in seinem Blick. Hatte er nicht mit so einer selbstbewussten Antwort gerechnet? Selbstverständlich sprach ich normalerweise nicht in solch einem Ton mit meinem Vorgesetzten, doch ich rechnete fest damit, dass ich, dank meinem eigenmächtigen Handeln, zumindest einem anderen Capo unterstellt werde. Verbannung wäre natürlich auch eine Möglichkeit, sowie der Tod, doch ich hatte bereits häufiger gehört, dass die Attentäter Abteilung, la Squadra, ein Auge auf meine, gerüchteumwobene, Stand-Fähigkeit geworfen hatte… obwohl nur drei Personen in Passione die Einzelheiten über Skillet kannten: Bucciarati, Capo Polpo und Fugo. Mein Beiname eilte mir mal wieder voraus…
Reue verspürte ich keine – selten war ich mir in meinem Leben so sicher, das Richtige getan zu haben.
„Hat sich diese Gefahr gelohnt?“, fragte er ruhig, „War dieses Gespräch all die Risiken Wert, deine Familia und alle, die dir vertrauen, aufs Spiel zu setzen? Wirst du wieder ruhig schlafen können?“
Kalter Schweiß brach schlagartig aus und rann mir meinen Nacken und Rücken hinunter, „Leider weiß ich das nicht. Die Reaktion war anders, als ich es erhofft hatte – doch nun ist mein Gewissen rein.“
„Verstehe.“, seufzte Bruno, während er den Schweiß auf meiner Stirn musterte, „Gab es bei deinem Auftrag damals noch andere Ereignisse, die erwähnenswert sind? Hast du mir noch etwas anderes zu berichten?“
Irritiert blinzelte ich – wie kam er darauf? Hatte er schon länger geahnt, dass dieser Auftrag nicht reibungslos verlaufen war? Dieser Franzose hatte sein Ziel nicht erreicht; sein Erscheinen war nicht erwähnenswert, vor allem, weil innerhalb der letzten Monate kein einziges Gerücht aufkam, dass das Oberhaupt von Passione einen frühzeitigen Tod gefunden hatte… und Konfrontationen mit der Polizei, in denen weder die Identität bekannt wurde, noch jemand zu Schaden kam, waren kaum der Rede wert.
Ich schüttelte meinen Kopf, „Es kam zu keinen nennenswerten Komplikationen. Wie bereits erwähnt – der Auftrag wurde, wie geplant, ausgeführt; ansonsten hätte ich Fugo auch nicht unterstützen können. Meine Identität hat mein Ziel zu Grabe getragen – niemand kann konkrete Beweise haben, dass der Zwillingsschatten hierfür verantwortlich war. Dies sind lediglich Mutmaßungen der Polizei, da sie ansonsten keinen Namen nennen könnten.“
Während ich sprach, kam der Kopf meines Vorgesetzten näher. Er roch an meiner Wange – würde er weitere Zweifel haben, würde er höchstwahrscheinlich meinen Schweiß schmecken wollen, doch er zog sich, nach einigen Sekunden, wieder zurück. Anscheinend mit meiner Antwort unzufrieden schüttelte er, kaum merklich, sein Haupt. Wusste er vielleicht nicht, wie er reagieren sollte, oder empfand mein Unterbewusstsein diese Unannehmlichkeiten bei meiner damaligen Mission als nennenswerte Details, weshalb der Salzgehalt meines Schweißes anstieg?
Ich war mir sicher, dass das Treffen im Libeccio, am vorigen Mittag mein letztes gewesen sein würde. Natürlich überkam mich, bei diesem Gedanken Trauer… doch ich versuchte mir keine unrealistischen Hoffnungen in den Kopf zu setzen. Weshalb sollte mir ein solches Vergehen vergeben werden? Hätte ich solch eine Entscheidung bei Cor getroffen, wäre ich, in jeder freien Minute, für die nächsten fünf Jahre, gefoltert worden…und diese Bestrafung wäre noch human…
Mein Herz raste vor Anspannung. Um das eisige Schweigen, dass vielleicht nur Sekunden andauerte, sich aber wie eine Ewigkeit anfühlte, zu beenden, räusperte ich mich, „Wie bereits erwähnt – ich bin bereit, jede Konsequenz zu tragen. Fugo hat hiermit nichts zu tun. Du bist die erste Person, der ich das erzählt habe. Sofern ich euch, innerhalb der letzten Wochen, Sorgen bereitet habe, so entschuldige ich mich dafür.“, instinktiv griff ich nach dem Türgriff, um das Fahrzeug zu verlassen.
„Was hast du vor?“, fragte Bucciarati, als er meine Bewegung sah. Weder aus seinem Blick, noch aus seiner Stimme, ließ sich die Intention seiner Frage erahnen. Bezog er sich darauf, was ich, nach dem Austritt bei Passione, machen würde? Wie ich Buße tun konnte? Oder lediglich, weshalb ich aus dem Fahrzeug aussteigen wollte?
Verwirrt legte ich meinen Kopf zur Seite, wagte es aber nicht, etwas zu sagen – je nachdem, wie die Frage gemeint war, würde die Antwort unterschiedlich ausfallen.
„Weshalb möchtest du aus dem Wagen aussteigen?“
Unsicher ließ ich meine Hand sinken.
„Du hast Recht, dass eigenständige Entscheidungen, die andere gefährden, nicht gerne gesehen sind – sie sind inakzeptabel. Mit solchen Handlungen wird das Vertrauensverhältnis zu deinen Gefährten geschädigt, doch andererseits respektieren wir den Willen unserer Kameraden. Hatte ich dir in der Vergangenheit nicht gesagt, dass wir dich als Mensch akzeptieren und nicht als Waffe? In Zukunft möchte ich nicht, dass du uns alle noch einmal, vor allem weil die polizeilichen Ermittlungen, gerechtfertigt oder nicht, ihren Fokus auf dich gelegt haben, in Gefahr bringst. Du kannst nicht wissen, ob dieser Junge dennoch observiert und jedermann, der sich ihm nähert, überprüft wird; vor allem, wenn du dich in einem ähnlichen, psychischen Zustand befunden hast, wie vor unserem Treffen. Wenn dich etwas bedrückt, oder du Einwände hast, darfst du diese auch äußern – bei Fugo beobachtest du dies tagtäglich, weshalb sollte ich zwischen euch einen Unterschied machen? Auch wenn du offiziell Capo Polpo unterstellt bist, so habe ich die Aufsicht über dich erteilt bekommen.“
Mein Kopf schien sich im Kreis zu drehen – ich konnte seine Worte hören, sie aber nicht verstehen. Was wollte er damit sagen? Bildete ich mir ein, diese Aussagen so zu verstehen, wie sie gemeint waren, oder war dies einfach nur Wunschdenken? Verwirrt neigte ich meinen Schädel zur anderen Seite, „Ich… ich verstehe nicht.“
„Du hast dir wahrscheinlich ausgemalt, wie du entweder unserer Familia verwiesen wirst, oder zum Attentäter-Trupp geschickt wirst, habe ich Recht?“
Unsicher nickte ich.
Für einen Augenblick lachte der Schwarzhaarige auf, „Dein Vergehen ist keine Lappalie – auch wenn du diese Entscheidung getroffen hattest, deinem Ziel dieses Versprechen zu geben, hättest du danach mit mir darüber reden müssen. Sieh dies als Warnung an – solch ein Verhalten möchte ich in Zukunft nicht mehr von dir sehen. Du kannst gerne eigenständig agieren, da spricht nichts dagegen; doch wenn du etwas Gefährliches unternimmst, hast du, entsprechend, einen Vorgesetzten darüber zu informieren. Deine Bestrafung werde ich noch überdenken… doch ein Anfang wäre, dass du mir weiterhin untergeben bleibst. Ich fordere von dir, dass du zukünftig keine gefährlichen Alleingänge unternimmst, außer sie wurden dir aufgetragen. Weiterhin werden wir deine Vermutung, was den Drogenmarkt angeht, niemandem erzählen. Sofern du konkrete Nachweise findest, informierst du mich, ohne Umschweife. Du erzählst niemandem etwas davon, haben wir uns verstanden?“
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