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Vento Aureo: Whispers in the Dark

GeschichteDrama, Mystery / P16 / Gen
Bruno Bucciarati Giorno Giovanna Leone Abbaccio Narancia Ghirga OC (Own Character) Pannacotta Fugo
29.01.2021
30.11.2021
55
129.106
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25.11.2021 1.931
 
Normalerweise hätte dieser Tag nichts Besonderes, oder Erwähnenswertes sein sollen. Morgens hatte Capo Polpo einen Auftrag, bezüglich der Einschüchterung einer kleinen Gruppierung in Scampia herangetragen, um die sich Christiano und Pannacotta Fugo kümmern sollten. Sie waren zur Mittagszeit aufgebrochen und seitdem hatte Bruno Bucciarati nichts mehr von seinen Untergebenen gehört. Dies war allerdings nicht ungewöhnlich; beängstigender wäre eher die Tatsache, wenn sie, vor dem vereinbarten, gemeinsamen Abendessen, Kontakt zu ihm aufgenommen hätten. Das Ausbleiben einer Nachricht wurde, zumindest in Bucciaratis (und Christianos) Augen, immer als positives Zeichen gewertet. Der Auftrag selbst sollte sich nicht als allzu aufwändig oder schwierig gestalten, sodass ein Fehlschlag dieser Mission recht unwahrscheinlich war. Zwar sorgte sich Bucciarati um das Wohlergehen seiner Untergebenen, doch der einzige Punkt, der eine unsichere Variabel zu sein schien, war Christiano selbst. Bruno zweifelte nicht einmal an der Besonderheit der Mission, dass niemand getötet werden durfte… lediglich Chris‘ Konfrontation mit seiner eigenen Vergangenheit. Er wusste über den Einflussbereich Cors in Scampia – während den Glanzzeiten dieser Familia – sehr gut Bescheid, doch eine Person, die mit den Gegebenheiten dieser Gegend vertraut war, war wichtiger, als die Rücksichtnahme auf Christianos Gefühle. Dies verstand er auch, weshalb er nicht einmal seine Stimme erhoben hatte, oder zuckte, als er den Auftrag mit Fugo zugewiesen bekam.
Normalerweise hätte Bruno seinem ersten Untergebenen eine Rückkehr an diesen Ort nicht abverlangt, doch er selbst hatte einen wichtigen Auftrag, den er nicht aufschieben wollte und konnte. Obwohl… Auftrag war nicht die passende Beschreibung für Bucciaratis Vorhaben… es war viel mehr eine persönliche Agenda.
Er nahm, seit er Passione vor mehreren Jahren beigetreten war, an, dass seine Familia nichts mit dem hiesigen Drogenmarkt zu tun hätte… doch diese Ansicht hatte sich in den letzten Wochen und Monaten etwas verändert. Obwohl die Familia – Coraggio –, die, nach mehreren Berichten, das Monopol dieses Marktes innehatte, vor Monaten zerstört wurde, bildete sich dieser Markt nicht zurück. Im Gegenteil: Es schien, als hätte sich eine andere Familia dieser Aufgabe angenommen und wäre nun für die Fortführung der Versorgung verantwortlich. Leider bleiben nicht mehr allzu viele Syndikate in Neapel übrig, um eine andere Schlussfolgerung zuzulassen… es war Passione.
Die Familia, der er sein Leben verschrieb, hatte ihn, sofern er Beweise für diese Vermutung finden würde, verraten: In erster Linie trat er Passione bei, um gegen den Missbrauch von synthetischen Mitteln zu kämpfen; dies war seine persönliche Berufung.
Natürlich war dies alles nur eine Vermutung, doch alleine der Gedanke daran, lies seinen Zorn, den er damals an den Männern, die für die Verletzungen seines Vaters verantwortlich waren, das erste Mal abreagierte, wieder aufkeimen.
Bruno umklammerte sein Lenkrad mit eisernem Griff, um seine zitternden Hände vor sich selbst zu verbergen. Er wollte diese Vermutung nicht wahrhaben; dank der fehlenden Nachweise hatte er auch noch keiner Menschenseele etwas von diesem Verdacht verraten. Doch… was würde er unternehmen, wenn er Belegungen für seine größte Befürchtung finden würde? Wem würde er etwas erzählen?
Christiano? Natürlich würde Chris ihm, blind, bis ans Ende der Welt folgen… vor allem in dieser Angelegenheit. Der vierzehnjährige hegte einen vergleichbaren Groll gegen die Mittel, wie Bucciarati; sie unterschieden sich lediglich im Belang der Erfahrung. Chris wusste, wie man sich sowohl als Angehöriger, Konsument und Opfer eines fehlgeschlagenen Handels fühlte. Bruno selbst konnte sich lediglich in Kategorie drei wiederfinden, auch wenn er mittlerweile mit dem ersten Punkt, dank der Aufträge diverser Großmütter, genügend Erfahrung sammeln konnte. Auch konnte er die längerfristigen Komplikationen eines Entzuges aus nächster Nähe miterleben… dabei war es nicht hilfreich, dass die Person, die darunter am meisten litt, ein Stand-Nutzer war. Die damit verbundenen Halluzinationen und gesundheitlichen Einschränkungen bemerkte man noch Monate danach. Glücklicherweise war diese Person mental stark genug, um nicht rückfällig zu werden; zumindest sorgte sich Bruno diesbezüglich nicht.
Würde er seine Erkenntnisse auch mit Pannacotta Fugo teilen? Fugos Ratschläge oder Ideen waren immer bedacht; meistens waren sie sogar die beste Option. Für Überlegungen, wie weiterhin vorgegangen werden sollte, wäre er der perfekte Ansprechpartner… doch Fugo war nicht so blind und loyal, wie sein Mitbewohner. Sobald Pannacotta wirklich in Bedrängnis geraten würde und sein Leben retten könnte, in dem er seine Kameraden zurückließ oder verriet, würde er vermutlich jeden zurücklassen. In einer gewissen Hinsicht war Fugo feige. Er wagte nichts; sofern er bedacht handelte, ging er kein richtiges Risiko ein… auf der anderen Seite war seine zornige Seite genau das Gegenteil. Wurde er von Wut übermannt, so war nichts und niemand sicher; nicht einmal er selbst. In solch einem Zustand könnte er, ohne mit der Wimper zu zucken, auch ganz Neapel den Krieg erklären.
Vielleicht würde Fugo, sobald er die wahrhaft hässlichen und widerwärtigen Seiten der Unterwelt kennenlernte, Bucciarati unterstützen; wissend, dass er, egal wie er sich entscheiden würde, als Verräter gejagt werden könnte?
Unschlüssig schüttelte Bruno kurz seinen Kopf. Er war sich nicht einmal sicher, wie er selbst reagieren würde, wenn er die Beweise in seinen Händen halten würde. Ein Umsturz stünde, wenn er seinen aktuellen Rang bedachte, außerfrage. Er würde, recht wahrscheinlich, im Auftrag von höherrangigen Mitgliedern Passiones, aus dem Weg geschafft werden, bevor er wirklich etwas erreichen konnte… Christiano und Fugo ebenfalls… auch wenn sie nichts von seinen Vorhaben wissen würden.
Er wäre, wenn er wirklich etwas verändern wollte, gezwungen, so lange den Ahnungslosen zu spielen, die Aufträge wie gewohnt auszuführen, bis er sich, in der Hierarchie, weit genug nach Oben gearbeitet hätte. Doch diese Veränderungen, die er sich so sehr wünschte, müssten sich mit den Befehlen des Bosses von Passione decken; ein Gespräch mit diesem war allerdings unmöglich. Sogar Christiano, eine Person, die Bucciarati niemals als schreckhaft oder zaghaft bezeichnen würde, hatte es, aus Furcht über die Konsequenzen, nicht gewagt, die Unterlagen seiner Zielperson von Onore zu sichten… und diese waren die einzigen Anhaltspunkte bezüglich des Aufenthalts.
In seinem tiefsten Innern hoffte Bruno inständig, dass seine Vermutung ein einfaches Hirngespinst, ohne jeglichen Halt, war. Doch nachdem er mehrere Konsumenten der neuen Mittel befragte, verhärtete sich sein Verdacht zusehends. Es war nicht nur die Tatsache, dass der Markt nicht stagnierte… vielmehr gab es nun eine größere Auswahl, die offensichtlich die Menschen noch schneller in die Abhängigkeit trieb, als „herkömmliche“ Mittel.
Als würde das Wetter auf seine eigene Enttäuschung und Trauer, bezüglich seiner Vermutungen, reagieren, hatte es vor einer Stunde sogar zu regnen begonnen. Zu seinem Glück saß er zu diesem Zeitpunkt bereits in seinem Wagen und fuhr ziellos durch die neapolitanischen Straßen.
Er hoffte, dass Christiano und Fugo nicht von diesem Regenschauer überrascht wurden; er wusste, wie sehr ersterer dieses Wetter hasste. Solch rasche Wetterumschwünge nahmen den jüngsten der Gruppe meist stark mit. Konnte Chris, für gewöhnlich, so gut wie gar keinen physischen Schmerz spüren, der Ausbildung bei Cor sei Dank, so reagierte seine Haut, um nicht zu sagen die zahllosen Narben und die Operationsnarbe an seiner linken Seite, umso stärker auf den atmosphärischen Wechsel. Meist plagten ihn, auch wenn er es nicht offen zugab, auch starke Kopfschmerzen. Je nachdem, wie unvorhersehbar und schnell der Wechsel von Statten ging, war es, vor fast einem Jahr, sogar so schlimm, dass Christiano sich nicht einmal bewegen konnte.
Dank der Medikamente, die er mittlerweile einnahm, hatte Chris, ein paar Tage, bevor Fugo beitrat, dieses Problem halbwegs in den Griff bekommen. Schmerzen spürte der jüngste von den dreien noch immer – er sprach ja sowieso recht selten über sein eigenes Befinden –, doch sie behinderten nicht seine Effizienz, wie er es, auf Nachfragen, beschrieb.
Unsicher, wohin er jetzt fahren sollte, bog Bucciarati an der Kreuzung vor ihm, ab, hoffend, dass der Regen und die einsamen Straßen dabei helfen würden, seinen inneren Aufruhr, zumindest für ein paar Stunden, zu beruhigen. Dieses Wetter erinnerte ihn an den Abend, als er sich zum ersten Mal seine Hände mit Blut beschmutzt hatte. Obwohl er einen unergründlichen Zorn diesen Männern, dank denen sein Leben eine drastische Wendung genommen hatte, gegenüber verspürt hatte, war er völlig ruhig, als er sie tötete. Mit routinierten Bewegungen, die er von seinem Vater, zum Ausweiden von Fischen, erlernt hatte, verteidigte er seinen Vater, während er diesen gleichzeitig rächte. Rache war andererseits gar nicht die richtige Beschreibung… hätte er dabei etwas empfunden, wäre das möglicherweise etwas Anderes. Vielleicht hatte sich sein Hass bereits, zu diesem Zeitpunkt, auf das grundsätzliche Problem gerichtet? Nachdem sie ihren letzten Funken an Leben ausgehaucht hatten, waren seine feindseligen Emotionen nicht abgeebbt. Im Gegenteil; er wollte mehr denn je, andere vor seinem eigenen Schicksal beschützen.
Vielleicht war dies auch der Grund, weshalb er nun zum zweiten Mal einen unglückseligen Jungen in seine Gruppe aufgenommen hatte. Zwar wurde Pannacotta Fugos Schicksal in eine andere, möglicherweise schlimmere, Richtung gelenkt, doch wenigstens wurde er kurzweilig gerettet. Genauso wie Christiano, der, wenn Bucciarati ihn damals nicht verschont hätte, definitiv nicht mehr am Leben wäre – entweder hätte Cor für ein frühes Ableben gesorgt, oder er wäre selbst dafür verantwortlich gewesen. Ohne Chris‘ Schwester hätte er bei Cor keinen weiteren Monat überlebt; fraglich war bloß, ob die Aufnahme bei Passione und die Konfrontation mit der eigenen Einsamkeit für Chris wirklich ein Segen war… vor allem, weil seine ehemalige Familia noch immer nach seiner Stand-Fähigkeit trachtete.
Zornig biss sich Bruno auf seine Unterlippe; als er bei Passione beigetreten war hätte er sich nicht vorstellen können, wie bösartig und furchtbar die neapolitanische Unterwelt sein konnte. Verrat war das Schlimmste, was einem wiederfahren konnte. Die Narben, die man hierdurch davontrug konnte man nicht sehen, doch sie würden nie wieder verheilen. Jeder in Bucciaratis Gruppe wurde, zumindest ansatzweise, von seinem eigenen Umfeld verraten; schützen konnte man sich davor leider nicht. Genau um diese Wunden seiner Untergebenen sorgte sich Bruno am meisten. Pannacotta kam mittlerweile mit seinem Umfeld wirklich gut zurecht – es war ihm sogar möglich für seine tödliche Effizienz und Intelligenz ein wenig in Capo Polpos Gunst zu steigen. Sogar begegneten einige Mitglieder Passiones ihm mit Respekt; sie lachten Fugo weder, aufgrund seines Alters, noch seines Familiennamens, aus. Vor allem bezüglich letzterem hatte der Blondschopf recht schnell seinen Standpunkt vertreten – so gut, dass es niemand mehr wagte, die Gerüchte oder Legenden in seiner Nähe zu erwähnen.
Christiano war die Person, die Bucciarati am meisten Kummer bereitete. Dank seiner Zurückhaltung und Verschwiegenheit, was die Familia Cor anging, konnte er lediglich erahnen, was in dem Jugendlichen vor sich ging. Selbstverständlich entging es Bruno auch nicht, dass sich sein jüngster Untergebener in den letzten Monaten noch mehr zurückhielt, als bereits zuvor. Irgendetwas verbarg Christiano; er wirkte, seitdem er bei der Schlacht der Tres-Familiae ausgeholfen hatte, bedrückt; als hätte er eine Schuld auf sich geladen, die er nicht mehr sühnen konnte. Hatte es mit dem übermäßigen Gebrauch von Skillet zu tun? Waren es lediglich die negativen Emotionen, denen er in den Schatten ausgesetzt war, oder sogar noch etwas anderes? Vermutete Christiano möglicherweise dasselbe, wie Bruno?
Kopfschüttelnd bog er ein weiteres Mal ab.
Die Straßen und Gehwege waren menschenleer.
Von einer einzigen Gestalt abzusehen. Sie war schmal, klein, trug einen langen, schwarzen Pferdeschwanz, der in seinen Spitzen immer heller wurde und einen Anzug. Das Geschlecht könnte man auf den ersten Blick gar nicht erkennen. Sowohl die Haare, als auch die Kleidung waren bereits so durchnässt, dass das Regenwasser hieran ungehindert herunterlief.
Ein Augenblick genügte Bucciarati, um zu mehreren Erkenntnissen zu gelangen: Selbstverständlich konnte er die Person sogar von hinten identifizieren.
Irgendetwas war geschehen, dass Christiano dazu brachte, sich von Fugo zu trennen, um alleine zu sein – das war sehr ungewöhnlich für ihn. Einsamkeit in diesem Wetter war das, was Chris über alles fürchtete. Ihn in diesem Wetter ohne Begleitung zu sehen, war besorgniserregend.
Genau aus diesem Grund hielt er seinen Wagen direkt neben dem Jugendlichen, zog die Handbremse und öffnete die Beifahrertür direkt neben Chris.
„Einsteigen.“, orderte Bucciarati, sowohl besorgt, als auch ein wenig ungehalten.
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