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Vento Aureo: Whispers in the Dark

GeschichteDrama, Mystery / P16 / Gen
Bruno Bucciarati Giorno Giovanna Leone Abbaccio Narancia Ghirga OC (Own Character) Pannacotta Fugo
29.01.2021
12.06.2021
31
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10.06.2021 2.188
 
Seit mir Capo Polpo seinen Spezialauftrag anvertraut hatte, zogen die Tage und Wochen unverhältnismäßig schnell an mir vorüber. Es waren bereits etwa sechs Wochen vergangen; mittlerweile konnte ich mich wieder ohne Krücken fortbewegen. Eine vollständige Belastung meines linken Beines war zwar noch nicht möglich, aber aus diesem Grund trug ich eine Art Schiene, die die Belastung meines Schienbeines auf den Oberschenkel verteilte. Das Beste daran war, dass man diese Apparatur recht gut unter seiner Kleidung verstecken konnte. Somit war mein Äußeres fast wieder ganz beim alten. Die Wunden waren verheilt (vor allem dank Bucciaratis Sticky Fingers) und innere Verletzungen hatte ich mir glücklicherweise keine sonderlich nennenswerten zugezogen. Ich hatte lediglich ein paar gebrochene Rippen, eine punktierte Lunge und mittelschwere Quetschungen meiner restlichen Organe. Der gravierendste Unterschied war meine Hautfarbe – bezeichnete ich mich in der Vergangenheit als blass, so wusste ich nicht, wie ich meinen aktuellen Teint bezeichnen sollte. Die letzten Wochen habe ich einen Großteil meiner Zeit in den Schatten verbracht – somit verschwand allmählich auch das letzte bisschen an natürlicher Hautfarbe, das ich besaß.
Doch ich war froh, arbeiten zu können. Auch wenn ich gegen Cor selbst nicht viel ausrichten konnte, so war es mir wenigstens möglich, Informationen zu sammeln und die anderen Familien auszuhorchen.
Durch die Rückkehr meiner ehemaligen Familia wurde das Gleichgewicht der vorherrschenden Familien Neapels gestört. Genau aus diesem Grund versuchten die verschiedenen Familien, ihre eigene Position zu stärken und die der anderen zu schwächen.
In Neapel selbst hatten zu dieser Zeit drei Familien – streng in topographischen Gebieten unterteilt – die Vorherrschaft. Ursprünglich gab es eine unausgesprochene Abmachung zwischen den Familien, dass die Grenzen nicht überschritten würden und auch nicht versucht würde, den Einfluss der anderen Familien zu schwächen. So war es möglich, recht friedlich, in Neapel leben zu können… bis vor etwa sechs Wochen.
Etwa die Hälfte der Stadt gehörte Passione, das mit Abstand jüngste, aber auch einflussreichste, Syndikat Neapels. Ein Teil der Polizei wurde finanziell unterstützt, sodass sie sich aus unseren Aktivitäten heraushalten würden, doch hauptsächlich hatten wir uns die Politiker der Stadt gesichert. Benötigten wir ein neues Gebäude? Keine drei Tage später, würde dies genehmigt. Eine Begnadigung? Lediglich ein Anruf genügte. Auch wenn es nicht die legalste Form war, so war unser Leben hier recht angenehm.
Unser Einfluss variierte allerdings, je nachdem, wo man sich in Italien aufhielt. Angeblich gehörten uns etwa zwei Drittel Roms, doch dort herrschte auch ein anderer Capo. Jeder Capo regierte anders – gab es in der Hauptstadt einen recht skrupellosen Capo, so versuchte Capo Polpo eine Terrorherrschaft in Neapel zu vermeiden. Dank Polpo hatten wir, ansatzweise, einen Kodex, wie wir uns verhalten sollten… doch es gab dennoch zahlreiche Mitglieder, die diesem nicht folgten und gerne auch mal Unbeteiligte in unsere Geschäfte (und sei es der Verkauf von Drogen) involvierten – auch Frauen und Kinder. Leider gab es für diese Familienmitglieder nur recht wenig Konsequenzen…
Eine der anderen beiden neapolitanischen Familien war die Familia Coraggio. Sie teilte sich das eigene Einflussgebiet mit der Familia Onore. Gemeinsam besaßen sie den Rest der Stadt. Die genaue Grenze wurde jedem neuen Mitglied regelrecht eingebläut, sodass wir in einer friedlichen Koexistenz leben konnten – solange wir mit den anderen Familien nicht in einen Streit gerieten, wäre unsere Position weiterhin gesichert… und sofern es mal eine Meinungsverschiedenheit gab, so wurde sichergegangen, dass diese privat gelöst wurde.
Auch wenn Coraggio keinen Verhaltenskodex per se hatte – sie waren lediglich dafür bekannt, das meiste Aufsehen aller Familien zu erregen-, so war Onore das genaue Gegenteil. Sie arbeiteten eng mit der Polizei zusammen (nicht in einem Korrupten Verhältnis) und wollten sicherstellen, dass Neapel weiterhin ein sicherer Ort bleiben würde. Sie waren eine gesetzlose Variante der Nachbarschaftswache. Zwar forderten sie natürlich Schutzgeld und ähnliches, doch sie beschützten ihre Kunden bis zum Äußersten. Auch hielten sie Abstand zu allem, was mit Narkotika oder Ähnlichen zu tun hatte, da niemals gewährleistet werden konnte, wer tatsächlich das Endprodukt konsumierte (auch wenn sie per se keine Einwände gegen das Drogengeschäft hatten). Weiterhin stellten sie, durch ihre Verbundenheit mit der Polizei, sicher, dass Passione oder Coraggio nicht mehr an Macht gewinnen würden. Erfolgte ein Angriff auf Onore, so würden, laut zahlreicher Gerüchte, unzählige, geheime Informationen der anderen Familien an höhere Stellen preisgegeben. Angeblich wären die Informationen so delikat, dass diese die Vernichtung der beschuldigten Familien zu Folge hätten. Trotz meiner zahlreichen Versuche, dies zu überprüfen (oder an diese Informationen zu gelangen) konnte ich dies nicht verifizieren.
Eigentlich wäre dies auch nicht notwendig, solange wir uns an die Grenzen und Abmachungen untereinander halten würden… doch leider wurde dieses friedliche Verhältnis untereinander durch eine unerfreuliche Nachricht, vor sechs Wochen, regelrecht zerschmettert.
Vor nicht einmal einem Jahr war Passione noch eine sehr kleine Familie - sie hatten es nicht einmal auf ein Achtel ihres Einflusses gebracht, den sie einige Monate später besaßen. Doch praktisch über Nacht, hatte Passione es geschafft, eine andere, vorherrschende Familie, fast vollständig zu eliminieren.
Aufgrund der großen Anzahl (einer Handvoll) Stand-Nutzern war es Passione möglich, in einem Überraschungsangriff, die berüchtigte Familia Cor zu zerstören und deren gesamtes Gebiet zu übernehmen.
Die anderen Familien nahmen dies, ohne ein einziges, abfälliges Kommentar, hin, da Cor schon immer den Ruf, als die die Schlimmste Familia überhaupt, genoss. Passiones wuchs hierdurch unproportional schnell, doch Onore war der Auffassung, dass der Verdienst der Auslöschung Cors mit diesem Wachstum abgegolten wäre. Mit Capo Polpo konnte man ja auch, gemeiner Hand, besser verhandeln, als mit der Führungsriege Cors. Auch die Gerüchte, dass ich, einer der Zwillingsschatten, mich Passione angeschlossen hatte, brachten – seitens der anderen Familien – keine Probleme mit sich… ich hatte ja keine Familia mehr, der ich dienen konnte und Passione war lediglich die erste Wahl.
Dies war der politische Stand zwischen den Familien vor Cors Wiedergeburt.
Ihre Rückkehr ließ die anderen Familien an Passiones Ehrbarkeit zweifeln. Mittlerweile kamen Gerüchte auf, dass die sogenannte Zerstörung lediglich inszeniert wurde – vor allem, weil ich noch immer in den Diensten des Capo Polpos stand – und nicht zu meiner ehemaligen Familia zurückkehrte.
Coraggio, und vor allem Onore, bereiteten sich, seit Cors Rückkehr, darauf vor, sowohl Passione, als auch Cor zu zerstören.
Genau aus diesem Grund hatte ich die letzten Wochen damit zugebracht, eines der leitenden Mitglieder Onores, zu beschatten. Ich sollte herausfinden, wo genau die Informationen zur Zerstörung Passiones gelagert wurden und wann der Angriff auf uns geplant war, damit wir entsprechend reagieren konnten.
Die ersten zwei Wochen beschattete ich diesen Mann, groß gewachsen, immer einen schwarzen Anzug – manchmal auch einen beigen Trenchcoat - tragend und längeren, dunklen gelockten Haaren, auf konventionelle Weise, bis ich es wagte, mich ihm über seinen Schatten zu nähern. Vor meinem Auftrag kannten wir lediglich sein Aussehen und eine Person, in deren Nähe er sich regelmäßig aufhielt – wir wussten nicht, ob er ein Standnutzer war.
Hätte ich seinen Schatten betreten, ohne zu wissen, ob er eine Befähigung hatte, wäre höchstwahrscheinlich meine Beschattung aufgefallen – diese würde selbstverständlich direkt als Kriegserklärung Passiones gewertet und mein Auftrag wäre fehlgeschlagen. Deshalb hatte ich auf penibelste Weise sichergestellt, dass dieser Mann kein Stand-Nutzer war. Selbstverständlich näherte ich mich seinem Schatten aus der Entfernung, damit andere Stand-Nutzer Skillet nicht in der Nähe dieses Mannes sahen. Auch wenn nur wenige das Aussehen meines Stands kannten, so konnte man, über seine Fortbewegungsmethoden recht schnell erahnen, zu wem er gehörte.
In diesem Moment liefen wir an einem kleinen Park vorbei, während er die Kinder, die dort spielten beobachtete. Eigentlich hatte er sein Augenmerk nur auf ein einziges Kind, etwa zwölf Jahre alt, mit dunklen Haaren und außergewöhnlich grünen Augen, geworfen. Dieser Junge, Haruno lautete sein Vorname, war die Person, durch die ich mein Ziel das erste Mal gefunden hatte. Weshalb er solch ein Interesse an diesem Kind fand – verwandt waren die beiden definitiv nicht – entzog sich meiner Kenntnis, doch er versuchte Haruno täglich zu sehen.
Selbstverständlich hatte ich die Umstände dieses Kindes bereits überprüft – es bestand ja die Möglichkeit, dass die geheimen Informationen bei ihm versteckt wurden, doch ich kam zu keinem nennenswerten Ergebnis. In Japan geboren, zog er mit seiner Mutter, in früher Kindheit nach Neapel. Nachdem seine Mutter ihn verlassen hatte, lebte bei seinem Stiefvater, der, nett formuliert, kleinkrimineller Abschaum war. Die Art von Mensch, die sich am Leid anderer ergötzte – dennoch gehörte dieser Mann ebenfalls zu Onore (auch wenn sich die Ansichten des Mannes mit den Grundüberzeugungen Onores nicht einmal ansatzweise deckten, diese ehrenhafte Familia benötigte dennoch fähige Schläger). Natürlich war es nicht verwunderlich, dass Harunos Stiefvater zu Onore gehörte, da sie im Geltungsbereich dieser Familia wohnten.
Auch wenn ich nur die Schatten aus der Entfernung wahrnahm – und damit lediglich die Umrisse, wie ein Spiegelbild im Wasser sah – konnte ich dennoch alles recht genau erkennen.
Nachdem wir regungslos mehrere Minuten am Parkeingang standen, wandten wir uns wieder ab – genau in dem Moment, in dem Haruno uns bemerkt hatte.
Langsam, aber zielsicher lief mein Schattenspender eine Straße entlang. Selbstverständlich achtete ich darauf, dass ich keine Geräusche von mir gab, während wir uns immer weiter von diesem Jungen entfernten.
Meistens beschattete ich ihn von zehn bis neunzehn Uhr. Diese Rahmenzeiten hatte mir Capo Polpo genannt – wissend, dass ich nicht länger als neun Stunden täglich in den Schatten verborgen bleiben konnte, ohne von der Finsternis verschlungen zu werden. Angeblich würden andere mit der Beschattung am späten Abend und in der Nacht beauftragt. Dementsprechend hatte ich keine Möglichkeit, mir die Wohnung meines Ziels anzusehen, oder andere Gewohnheiten von ihm kennenzulernen. Dieser Mann war recht wortkarg, doch gewissenhaft in seiner Arbeit. Täglich notierte er sich verschiedenes in kleinen Notizbüchern, die er mit sich trug – vielleicht war er sogar aufmerksamer, ein gewöhnlicher Mensch. Unseren Informationen zufolge war er die Person, die für die Informationsgewinnung Onores verantwortlich war. In diesem Sinne konnte ich ihn sogar Kollege nennen. Auch ohne Stand hatte er eine Möglichkeit gefunden, alles, was er wissen wollte, herauszufinden… zumindest fast alles. Ich wusste, dass er meine Identität nicht kannte, auch Ianas Tod blieb ihm verborgen… doch wenn nur die Hälfte von dem, was ich bereits gehört hatte, zutraf, so wüsste er, wer der amtierende Boss Passiones war – und wo genau sich dieser aufhielt.
Es war faszinierend zu beobachten, wie er die Straße englanglief, von allen zwar gesehen und doch unbemerkt, und dennoch alles genau im Blick hatte. Die Wochen, in denen ich ihn auf herkömmliche Variante beschattet hatte, waren anspruchsvoll. Nicht nur, weil ich mit meinen Krücken recht auffällig war – ich musste regelmäßig sichergehen, dass mein Aussehen nicht zu sehr aus der Menge stach, oder auch mit meiner Familia in Verbindung gebracht werden konnte… Ein kleiner Fehltritt und er hätte mich direkt bemerkt. Zwar war das ständige Umziehen und Verkleiden mühsam, doch es zahlte sich aus… ansonsten wäre es mir noch immer nicht möglich gewesen, mich ihm zu nähern. Zu meiner Erleichterung hatte ich in dieser Zeit weder Fugo noch Bucciarati gesehen – es war peinlich genug, sich als Mädchen auszugeben, wenn die Personen einem unbekannt waren, in der Nähe meiner Gefährten wäre dies mein Untergang. Meine schmächtige, zierliche Statur ließ viele Menschen falsche Schlüsse schließen und genau dies auszunutzen war zwar praktisch, doch auch schädlich für meine eigene Selbstwahrnehmung.
Wir hatten bereits die Mittagszeit überschritten. Seit einiger Zeit lief er weiterhin, zielsicher in eine Richtung – leider konnte ich nur erahnen, wo genau sein Weg enden würde. In dieser Gegend befand sich das Polizeirevier, eine Bank, der Hauptbahnhof und mehrere Sehenswürdigkeiten – je nachdem wie lange wir noch unterwegs wären.
Das beklemmende Gefühl von Angst machte sich in meiner Brust breit. Ich befand mich bereits seit mehreren Stunden in seinem Schatten, diese Regelmäßigkeit hinterließ auch in mir spuren. Es hatte einen Grund, weshalb ich Skillet selten und mit Bedacht einsetzte – von der Problematik mit dem Sonnenlicht abzusehen. Schatten und Dunkelheit waren schon immer die Größte Angst der Menschheit. Man konnte diese – ohne Licht – nicht durchbrechen und erforschen, was sich darin verbirgt. Befand ich mich zu lange in den Schatten, begann ich die Emotionen all derer zu spüren, die den Schatten, in dem ich mich aufhielt, berührten. Panik, Stress, Trauer… leider waren dies nur die negativen Emotionen, da diese auch immer mit der Dunkelheit der Seele assoziiert wurden. Ich konnte auch die finsteren Gedanken dieser Personen hören. Die schlimmsten Geheimnisse, die größte Schuld… sofern die Menschen etwas bedrückte, hörte ich dies auch. Doch die Anzahl an Stimmen verhinderte leider, eine genaue Person oder deren Gefühle zu filtern… Nach etwa vier oder fünf Stunden war es mir normalerweise nicht mehr möglich, diese Emotionen und Gedanken zu ignorieren… doch je länger, oder öfter ich mich in der Finsternis aufhielt, desto kürzer wurde diese Intervalle. Capo Polpo wusste, dass bei gewöhnlichen Aufträgen eine Beschattungszeit von neun Stunden ohne größere Probleme möglich war. Doch diese Aufträge dauerten selten länger als eine Woche an. Mittlerweile hatte ich mein Limit nach fünf Stunden bereits erreicht – doch ich versuchte mich zusammenzureißen. Auch wenn mir diese ganzen negativen Gefühle fast das Herz herausrissen, wollte ich Passione von Nutzen sein. Ich wollte meinen Dienst erweisen, Cor zu zerstören. Vielleicht war dies eine schwache Motivation, doch aktuell war dies meine einzige.
Meine Zielperson stoppte. Irritiert blickte ich mich um – wir befanden uns in einem großen Gebäude. Mehrere Menschen liefen, zielsicher, an uns vorbei. Sie trugen alle eine Uniform, die, trotz Schatten, unverkennbar war.
Wir befanden uns im Polizeirevier Neapels – der Höhle des Löwen.
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