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Vento Aureo: Whispers in the Dark

GeschichteDrama, Mystery / P16 / Gen
Bruno Bucciarati Giorno Giovanna Leone Abbaccio Narancia Ghirga OC (Own Character) Pannacotta Fugo
29.01.2021
16.05.2021
25
60.118
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29.01.2021 1.298
 
Dunkelheit. Finstere Nacht.
Der sternenlose Himmel tauchte die Stadt Neapel in endlose Finsternis. Kein anständiger Bürger würde es sich wagen, zu dieser Stunde auf die Straße zu gehen.
Der Tod lag in der Luft.
Dies war der Geruch, den wir nur allzu gut kannten. Tod und Verderben, gemischt mit dem Gestank von Waffenöl und Blut. In dieser Nacht würde jemand sterben. Ich hatte das Gefühl, der Sensenmann höchstpersönlich wartete bereits auf sein Opfer.
Im Schatten eines Hinterhofes versteckt, hinter gestapelten Kisten kniend, wartete ich auf die Ankunft unseres Ziels. Wir hatten den Auftrag den Drogendealer einer feindlichen Familia an unseren Vorgesetzten auszuliefern. Tot oder lebendig.
Vor einigen Wochen hatte unsere Zielperson einen unserer eigenen Männer ermordet und dessen Kundenstamm übernommen. Welch eine Dreistigkeit! Niemand legt sich mit unserer Familia an! Ein jedes Mitglied wird geschätzt, niemand bleibt ungerächt. Dies bedeutet Krieg!
Nach den Informationen unseres Vorgesetzten handelte unser Ziel allerdings alleine. Nicht im Auftrag von einer anderen Familia, sondern aus purem Egoismus heraus. Zu einer feindlichen Familia gehörte er dennoch. Um unnötiges Blutvergießen, in Form eines Vergeltungsschlages seiner Familia, zu vermeiden, wurden wir auf diesen Mann angesetzt.
Als Belohnung für diesen Auftrag wurde uns der gesamte Erlös unseres Zieles und unseres ermordeten Kameraden versprochen. Angeblich seien dies mehrere Millionen Lire! Dies wäre unsere Chance. Wir könnten mit diesem Geld endlich aufsteigen! Dieser Cazzo würde uns helfen, dass wir nicht mehr unsere Hände mit dem Blut anderer beflecken mussten! Le Signore hatte uns dies zugesichert.
Um meiner Entschlossenheit Rückhalt zu geben, sah ich zu dem Brunnen, der in der Mitte des Hofes stand. Eine kleine, zierliche Gestalt wartete, die Beine an die Kante des Brunnens gelehnt, leicht zitternd, auf die Ankunft.
Meine kleine Schwester würde den Lockvogel spielen, während ich mich leise unserem Ziel näherte. Egal wie dieser Kampf enden würde, auch wenn er die Falle erahnen würde, sie hät-te die Möglichkeit, unbeschadet zu fliehen. Der Finsternis sei Dank. Hierfür hatte ich gesorgt. Wie es um mich stehen würde, wäre eine andere Geschichte, doch ich würde alles dafür ge-ben, meine kleine Schwester zu beschützen. Wir mussten genug durchleben. Genügend Menschen töten… Dies sollte bald ein Ende haben. Von unserer Familia könnten wir uns zwar nicht losreißen, doch wäre ein Aufstieg ein Segen…
Allerdings hatten wir nicht vor, diesen Auftrag fehlschlagen zu lassen. Ich hatte die Möglichkeit, wenn ich nahe genug an unser Ziel kommen würde, alles zu erfahren was ich wissen musste und ihn zeitgleich zu fixieren. Lügen war zwecklos. Genauso wie Widerstand.
Meine Schwester sah an mir vorbei, zum Eingang des Hinterhofes. Sie wirkte jünger, als sonst. Ihre bleiche Haut stach aus der Dunkelheit heraus, wie der Nordstern. Sie war, trotz dieser Finsternis, schwer zu übersehen.
Unsere Augen waren hieran gewöhnt, weshalb ich auch die kleinsten Details des Hofes und meiner Schwester erkennen konnte. Ich war etwa zwanzig Meter von ihr entfernt, und doch konnte ich den ängstlichen Blick in ihren hellen Augen erkennen. Sie hasste das Töten. Wenn es sich nicht vermeiden ließ, übernahm ich den Job, doch auch sie musste sich oft genug die Hände schmutzig machen. Die Familia hatte dafür gesorgt, dass sie auf ewig loyal ergeben sein würde. Wir hassten unsere Familia… und doch liebten wir sie und würden alles für sie tun.
Ich schrak zusammen.
Langsame und zielsichere Schritte näherten sich dem Hinterhof in dem wir warteten.
Unsere Zielperson, groß gewachsen, mit dunklem, schulterlangem Haar und eiskalten Augen, lief an mir vorbei, ohne scheinbar meine Anwesenheit zu bemerken.
Er hatte seinen Blick bereits an seinen Kunden geheftet.  Wie ein Raubtier, dass seiner Beute auflauerte, wartend, dass es zuschlagen kann, fixierte er meine Schwester.
Zorn keimte in mir auf, als ich seinen Blick sah. Wir wurden gewarnt, dass er nicht zurück-schrecken würde, handgreiflich zu werden. Ein paar seiner Kunden wurden bereits in ein Krankenhaus eingeliefert, weil sie ihm unsympathisch zu sein schienen. Von anderen hat man seit Tagen nichts mehr gehört. Ich konnte nur ahnen, welch Grausamkeiten er ihnen angetan hatte. Und dies würde er auch meiner Schwester antun, wenn sie ihm missfallen würde.
Sie zuckte zusammen, als sie seinen grausamen Blick bemerkte. Welch ein Glück. Durch ihre Reaktion wirkte sie wie leichte Beute. Nicht wie eine Person, die planen würde, in den nächsten Minuten Komplizin seiner Ermordung zu sein. Sie sah so aus, als wäre sie auf den Schuss, den er bei sich führte, angewiesen.
Dies glaubte er ihr natürlich. Sie war sehr gut darin sich zu verstellen, auch wenn die Angst in ihren Augen echt war. Er wusste auch genau, dass sie seine Kundin sein würde. Weshalb sonst sollte ein solch junges Ding ein Treffen mit ihm vereinbaren?
„Du bist früh.“, donnerte die tiefe Männerstimme meiner Schwester entgegen. Auch wenn er nicht laut sprach, verstand man problemlos jedes Wort. Sein Tonfall war bedrohlich, furchter-regend. So langsam, allein durch das Verhalten, konnte ich erahnen, wie es ihm möglich war, unseren Kollegen problemlos, ohne einen Kratzer, wie die Gerüchte verlauten ließen, umzubringen.
Betreten sah meine Schwester, Iana, zu Boden, „Ich konnte nicht mehr warten.“
Er näherte sich ihr weiter. Noch wenige Schritte trennten sie voneinander. Je näher er ihr kam, desto mehr schien sie zu schrumpfen, obwohl sie generell nicht groß war.
„Sicher, dass du junges Ding damit klarkommst?“, er verschränkte seine Arme vor der Brust, „Du könntest daran verrecken. Das Zeug ist echt heftig.“
Was bezweckte er damit? Wollte er sie auf die Probe stellen, ob dies eine Falle war? Wenn sie verneinen würden, was hätte er dann vor?
Unsicher sah ich zu dem Messer, das ich mit meiner linken Hand umklammerte. Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt… er wägte sich noch nicht in Sicherheit. Wahrscheinlich war die-ses Verhalten der Grund, weshalb er so lange im feindlichen Gebiet überlebt hatte. Ich ver-mutete, dass wir nicht die erste Wahl waren, was die Liquidierung dieser Person betraf. Mein Herz raste. Ich musste meiner Schwester vertrauen, dass sie die richtige Antwort finden würde.
Wenn es sein müsste, würde ich jetzt zuschlagen.
Auf seine Frage folgte Stille. Erschrocken sah ich zu meiner Schwester. Iana blickte betreten zu Boden. Stumm nickte sie auf die Frage ihres Gegenübers, während sie die Innenseite ihres rechten Unterarmes offenbarte. Diese unzähligen Narben und Wunden. Manche waren be-reits Jahre alt, andere nur wenige Tage oder Wochen. Jener Anblick schnürte mir die Luft ab. Dies war der Grund, weshalb sie der beste Lockvogel war. Jedes Mal, wenn ich diese Narben sah, reagierte ich ungehalten. Dies war wohl auch der Grund, weshalb sie sie vor mir verbarg. Iana hatte diese Entscheidung nie getroffen. Sie wurde ihr aufgezwungen, genauso wie mir. Unsere Familia war nicht perfekt… aber sie bot uns Schutz. Ohne die Familia wären wir be-reits elendig in der Gasse verreckt. Diese Narben sind der Preis unserer Loyalität. So hielt sie ihre Kinder immer beisammen. Es gab kein Entkommen.
„Das macht dreihunderttausend Lire“, bellte unser Ziel. Scheinbar war er mit ihrer Reaktion zufrieden. Zumindest hoffte ich das.
Sie zuckte stark zusammen. Ich konnte sehen, wie sie ein wenig in sich zusammensank. Normalerweise wusste ich, was sie dachte und plante, doch wenn es um die Arbeit ging, wirkte sie wie ein anderer Mensch. Nicht einmal ich konnte sagen, ob eben diese Reaktion gespielt oder echt war.
Schweigsam wandte sie sich um und brachte einen kleinen Rucksack, der zuvor hinter ihr lag, zum Vorschein. Diesen öffnete sie mit zitternden Händen und zog einen dicken Umschlag heraus.
Die Geldübergabe war mein Einsatz.
Langsam und vorsichtig näherte ich mich den Beiden. Das Messer feste umklammernd.
Die nächsten Momente waren entscheidend. Es würde schnell gehen, dachte ich. Er ist nicht mein erster Mord, das wäre doch gelacht, dachte ich. Doch irgendetwas an diesem Mann war furchteinflößend. Meine Knie waren weicher als sonst. Alles würde reibungslos laufen, so versuchte ich mir Mut einzureden…

Ach, wie naiv wir damals doch waren…
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