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Und mein Spiegelbild blickt zurück

GeschichteDrama, Familie / P6 / Gen
29.01.2021
29.01.2021
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1.415
 
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Normalerweise habe ich Geburtstage immer gehasst. Es war der Tag, an dem ich und Emma so viel Zeit miteinander verbringen mussten, wie nur möglich. Natürlich hat Emma das nur noch mehr gestört. Sie musste mit mir teilen, und ganz ehrlich; ich weiß nicht, wie wir beide es in der Gebärmutter zusammen ausgehalten haben. Vielleicht bin ich deshalb ein wenig kleiner als Emma. Ich kann mir nämlich einfach nicht vorstellen, dass der kleine Säugling namens Emma einfach mit mir geteilt hat. Das passt einfach nicht zu dem Mädchen, dass ich jetzt kenne.

Aber eigentlich, wenn ich es mir Recht überlege, war sie noch nicht immer so.  Als wir drei Jahre alt waren, verbrachten wir im Kindergarten jede Sekunde miteinander. Es war toll, jemanden zu haben, der immer mit mir spielte. Irgendwann hatten wir uns ein Vorbild an einem Buch, dass unsere Mom uns vorgelesen hatte, genommen, und schworen uns hoch und heilig, immer zusammen zu bleiben und füreinander da zu sein.

Bis ich acht war, hielt sie ihren Schwur. Wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel, und sie war diejenige, die mich vor den meisten Mobbingattaken beschützte. Ich war wohl schon immer schwach gewesen. Zumindest bis vor kurzem. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich sagen,  dass ich ihr nie soviel Macht über mich hätte geben sollen. Dies hatte sie immer nur bestärkt. Kein Wunder also, dass sie so geworden war, wie sie war.

Aber dann, vor zehn Jahren, begann sie sich plötzlich zu ändern. Unsere gesamte Familie änderte sich. Nun war Emma nicht mehr diejenige, die mich verteidigte, sondern die, die mich angriff. Und Mom war nicht mehr die, die uns beide liebte, sondern plötzlich distanzierte sie sich von mir. Mir war nicht klar, wieso, und es tat weh, mit anzusehen wie sie immer mit Emma lachte, und mich außen vor ließ. Ich zog mich immer weiter zurück, ignorierte Emma und versuchte Mom durch meine Leistungen zu beeindrucken. Aber es half nichts. Emma begann von da an, mein Leben zu zerstören.

Bis heute. Heute wurde ich achtzehn, und musste mir nichts mehr von niemandem vorschreiben lassen. Mein Leben würde ich fortan selbst in die Hand nehmen, und dafür brauchte ich keine Emma, die mich zu zerstören gedachte. Obwohl ich zu geben musste, dass sie mir geholfen hatte. Ohne das, was in diesem Sommer passiert war, wäre ich nie zu der Person geworden, die ich jetzt bin. Die Person, die es als einzige wagt, sich meiner Zwillingsschwester in den Weg zu stellen. Die Person mit dem Ruf, eine Kriminelle zu sein. Mein ruf eilt mir voraus. Es gibt viele, die mich bewundern, andere verachten mich und andere wiederum- nun, die zereissen sich das Maul über mich, weil Emma es ihnen so befohlen hat.

Aber egal was ihr von mir gehört habt; sie alle liegen falsch. Aber dafür müsst ihr erfahren, was sich zwischen uns abgespielt hat. Also; Vorhang auf für meine Zwillingsschwester...

,,Ava! Ich werde dich erwürgen!"

Emmas Geschrei kam näher, und meine fuchsteufelswilde Schwester stürzte vom Zimmer des Direktors auf mich zu. Ich unterdrückte meinen Respekt, den ich noch immer empfand, wenn ich meine Schwester in dieser Stimmung sah, und drehte mich leicht genervt um. Sie war nur wie Ryan... Eine genauso große Zicke mit zu viel Schminke und einem zu großem Ego... beruhigte ich meine aufkommende Nervosität, und wechselte zudem, was ich am besten konnte; eine Show abziehen. Etwas, dass uns Buckners im Blut lag.

,,Warum diesmal schon wieder?!", fragte ich sie, und verlieh meiner Stimme die Art von Reizbarkeit, dass es nicht schwach wirkte. Theater spielen hatte ich gelernt- und auch ganz genau, was man tun musste, um nicht schwach zu wirken. Trotzdem verspürte ich einen solchen Zorn in mir darüber, dass ich der Geste einfach nicht widerstehen konnte. Ich führte meine Handinnenfläche zum Mund, hauchte einen Kuss darauf und leitete ihn direkt an sie weiter.

Das gab Emma den Rest. Zornig stürzte sie sich auf mich und riss mich zu Boden, wo sie festnagelte. Ich keuchte, doch dies hier war nichts im gegensatz dazu, was ich einmal hatte durchmachen musste. Ich schnappte nach Luft, und keuchte erstickt: ,,Dir ist schon klar, dass du total durchgedreht bist?!" Aber Emma war mit Worten nicht zur Vernunft zu bringen. ,,Ich hasse dich!", brüllte sie, den Mund gefährlich nah an meinem Ohr. Ich konnte spüren, wie es unter der Lautstärke klingelte und verzog ein wenig das Gesicht. ,,Ach was, ich bin auch nicht gerade ein Fan von dir- sollte dir in letzter Zeit einmal aufgefallen sein... Folglich kann ich damit leben... Und da du jetzt deinen dramatischen Auftritt mit allem drum und dran hattest, kannst du jetzt ja auch von mir runtergehen, oder? So langsam quetscht du mir nämlich mit deinem Gewicht die Luft ab!", stöhnte ich. Doch die Anspielung auf ihr eigenes Gewicht nahm sie mir übel. ,,Du bist doch genauso hässlich wie ich!", kreischte sie, während ich sie verblüfft anstarrte. Hatte sie gerade eingesehen, was sie nie hatte sehen wollen?! Doch daran schien Emma nicht zu denken. Ärgerlich über ihren Fehler bei ihrer Wortwahl schüttelte sie mich. ,,Hast du mich gerade dramatisch genannt?!", zischte sie, und knallte meinen Kopf auf den harten Fliesenboden des Schulflurs. Ich verdrehte nur die Augen ob ihres Ausbruchs, und sah Sterne, während Emma irgendeine Mischung aus einem wütendem Schrei und einem Knurren hervorbrachte. Auf mich wirkte sie plötzlich nur noch armselig, wie sie hier alles in die Luft gehen sah. Alles, was sie einmal aufgebaut hatte, und mir vorenthalten hatte. Trotzdem ließ sie von mir ab, als sie die große Schülertraube bemerkte, die sich um uns gebildet hatte.

Ich richtete mich ätzend auf, während Emma sich an den Spindschrank lehnte und die Augen schloss. Als ich mich aufgerichtet hatte, legte sie sich mit einer dramatischen Geste die Hand aufs Herz und sah mich an. ,,Wieso versuchst du, mein Leben zu ruinieren? Kannst du dich nicht mehr an unseren Schwur erinnern? Du bist doch meine Schwester!", keuchte sie und presste ein paar Tränen hervor, von denen ich wusste dass sie hundertprozentig unnatürlichen Ursprungs waren. Jetzt zog sie die Unschuldsmasche, die bei Mom so oft funktioniert hatte. Moment.. Bei Mom?! Ich wirbelte herum, doch ich konnte niemanden entdecken. Dafür nahm ich jedoch jetzt die Traube aus Menschen wahr, die ich zuvor übersehen hatte. Ich wandte mich wieder Emma zu, die diese Show ganz offensichtlich für eben diese Typen abzog. Ich zog verächtlich einen Mundwinkel nach oben, und wandte mich wieder ihr zu. ,,Bist du jetzt fertig? Dann kann ich nämlich gehen, bevor du wieder theatralisch wirst!" Das hatte auf Emma eine durchschlagende Wirkung- und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. ,,Ich hasse dich!" brüllte sie- offensichtlich der einzige Satz, zu dem sie momentan fähig war- und schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht. Ich starrte sie geschockt an. In all der Zeit hatte sie mich vielleicht durchgängig verbal attackiert, aber nie geschlagen. Wir hatten eine neue Stufe des Hasses erreicht. Eine Stufe, die sie sich all die Jahre nie zu überschreiten getraut hatte. Ich sah auch ihren Schock in ihren Augen, den sie zu überspielen versuchte. Doch er wurde sofort von etwas anderem überlagert; von Panik. Sie hatte Angst vor mir, dass sah ich ganz deutlich.  Ich starrte sie an. ,,Ava...", sie flüsterte fast, doch ich merkte, wie viel Angst sie davor hatte, dass ich etwas tun würde dass ihr noch mehr Schaden zu fügen würde als ohnehin schon. Ich starrte sie an, dann strich ich mir den Schmutz des Flurs von meinen Klamotten. ,,Du hast mich dazu gebracht!", zischte sie, als hoffte sie, ich würde damit alles vergessen und es niemandem erzählen. Aber ich war noch lange nicht fertig mit ihr. Ich musste nichts sagen, ich sah einfach nur auf, mit einem Blick, der all den Schmerz, die Wut und den Frust der letzten zehn Jahre zeigte. Es war das erste Mal seit zehn Jahren, dass ich meiner Zwillingsschwester meine Gefühle offenbarte, doch diesmal war es etwas anderes. Diesmal wich sie zurück, mit Panik im Blick, da sie wusste, dass sie verloren hatte. Sie hatte keine Kontrolle mehr über mich. Und das war ihr erst jetzt klar geworden. Trotzdem unternahm sie in ihrer Wut und Verzweiflung einen letzten Versuch. ,,Du wirst Mama nichts erzählen!", kreischte sie, und tat etwas, dass sie besser nicht getan hätte, etwas, dass die Lage nur noch verschlimmerte; sie schlug mir erneut ins Gesicht.

Hier ging es nicht mehr nur um Jayden Clarke. Das hier ging viel, viel tiefer.
 
 
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