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John Sinclair: Mitmachgeschichten

von Shine4You
MitmachgeschichteAllgemein / P16 / Gen
Bill Conolly Jane Collins John Sinclair OC (Own Character) Sheila Conolly Sir James Powell
28.01.2021
28.02.2021
9
19.414
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Dieses Kapitel
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23.02.2021 3.784
 
Hallo zusammen,

da bin ich wieder. Mit einer neuen Geschichte am Start. :) Ich hoffe sie gefällt euch.
Diese Geschichte widme ich Emiko-fan

Alles Liebe und noch einen schönen Abend.

___________________________________

John Sinclair und das Spiel mit dem Leben

Für: Emiko-fan


KÖLN. IN EINEM LEERSTEHENDEN CASINO
Nachdem die letzten Gäste das Spielgebäude verlassen hatten, herrschte reges Treiben. Frauen in langen weißen Gewändern packten Gegenstände zusammen. Männer in dunklen Roben trugen die verpackten Kisten nach draußen, wo ihnen ein kränklich aussehender Mann entgegenlief. Eine der Frauen blieb stehen, als sie ihn erblickte. Kurz verengten sich ihre Augen zu wütenden Schlitzen, um im Anschluss mit lächelndem Gesicht zu ihm herunter zu schauen.
»Ich dachte«, begann er und räusperte sich. »Ich dachte, ich könnte spielen.«
»Es tut uns leid. Aber wie Sie sehen, sind wir am zusammenpacken.«
Mit glasigen Augen blickte der ältere Herr die Frau an. »Nicht mal ein Spiel?«
Gespielt bedauernd schüttelte sie ihren Kopf. »Tut uns leid.«
Kurzerhand winkte sie einem der Männer zu, der sich hinter den Älteren stellte und ihn sanft an den Schultern fortschob. Widerwillig ließ dieser sich mitziehen.
»Wenn jetzt alle Unpässlichkeiten beseitigt sind, können wir unser nächstes Ziel anstreben?«, wurde die Stille von einer Frau unterbrochen, die sich aus dem Wageninneren herauslehnte und ihre Gesellen betrachtete. Ihr langes Haar hatte sie zu einem strengen Knoten hochgesteckt. Die eisigen Augen strahlten eine Aura aus, die jeden erstarren ließ. Hastig nickten die anderen und stiegen ein. Die Frau lächelte, sodass eine Reihe spitzer Zähne zum Vorschein kam. »Dann kann es ja losgehen.« Wie Eisregen hallte das Lachen im Wagen wieder. »Auf nach London. Dort wartet man sehnsüchtig auf uns.«

LONDON, BELGRAVIA. WILTON STREET
Müde hatte sich mich aus meinem Bett gequält, um mir in der Küche einen Kaffee zu machen. Die Arbeit stand an. Neue Fälle warteten auf mich. Und ein spannendes Abenteuer.
Und bei diesem war ich mir zu hundert Prozent sicher, dass John und Suko mich hassen würden. Aber das konnte mir egal sein.
Man hatte mir einen Tipp gegeben, wo sie es aufgebaut hatten. Den Platz, an dem ich lernen wollte.
Wenn ich das nicht hinbekam, war ich keine richtige Hexe. Und dazu gehörte es, zu wissen, wie man sie benutzte.
Kopfschüttelnd wandte ich mich anderen Dingen zu. Den Kaffee durfte ich nicht anbrennen lassen.
Bevor ich einen Schluck nehmen konnte, klingelte mein Handy. Seufzend nahm ich den Anruf entgegen.
Dreimal könnt ihr raten, wer am anderen Ende zu finden war.
Ja, genau.
John. Oberinspektor beim Scotland Yard.
Ob er wusste, dass es eröffnet hatte?
»Wir haben einen Toten.«
Genervt verdrehte ich die Augen. Das war eine tolle Begrüßung. »Wow. Und was soll ich mit der Info anfangen?«, entgegnete ich schnippisch.
Daraufhin seufzte er. Ich konnte spüren, dass auch er die Augen entnervt rollte. »Das ist mehr als ungewöhnlich, Nuri. Es ist besser, wenn du dir das ansiehst.«
»Kann das warten?«, giftete ich ihn an. Mal sehen, wie sehr ich ihn ausreizen konnte.
Er schnaubte. »Was ist denn wichtiger als der Tote?«
Ich grinste. »Hmm. Lass mich überlegen.« Für einige Minuten hielt ich inne, provozierte den Geisterjäger womöglich. Als dieser jedoch genervt ausatmete, wusste ich, dass ich reden sollte. Nicht, dass er seine Handlanger zu mir schickte und mich aus meinem Haus schleifen würde. Scheinbar hatte er es noch immer nicht verkraftet, dass ich den kleinen Johnny einfach so aus der Villa gelockt und als Köder benutzt hatte. »Wie wäre es mit Kaffee?«, löste ich die Anspannung.
»Bitte?!«
Oha. Das war gar nicht gut.
»Verstehst du keinen Spaß?« Ich seufzte und lief zur Tür. »Komm mal runter. Ich bin auf dem Weg. Natürlich nur, wenn du die Güte hättest mir zu sagen, wo…«
»Komm einfach runter! Ich warte vor der Tür.«

Wütend hatte ich mein Handy in die Hosentasche zurückgesteckt. Was bildete sie sich ein! Sie war neu. Keine Frage. Aber dass sie gleich so einen Aufriss machen musste? Die war noch bockiger als Bill. – Obwohl. Von dem war ich so etwas gewöhnt.
»Können wir?«
Gereizt nickte ich und stieg in den Wagen. Nuri setzte sich auf den Beifahrersitz und lehnte sich entspannt zurück. Mit grimmigem Gesicht schaute ich sie aus den Augenwinkeln an: sagte aber nichts zu ihrem Verhalten.

LONDON. AM TATORT
Wir hatten den Tatort erreicht. Ein altes Gebäude, das ziemlich verlassen aussah. Unter einer Plane: ein schmaler Menschenkörper.
»Das sieht nicht gerade appetitlich aus«, durchbrach John die Stille.
Ich verdrehte die Augen. »Nimm sie schon weg, bevor ich es selbst tue!«
Ich bemerkte seinen düsteren Gesichtsausdruck und musste mich zusammenreißen, um ihn nicht gleich wieder zu provozieren. Stattdessen griff ich nach der Plane und wollte diese anheben, doch John kam mir zuvor.
Ich war froh, dass ich nicht so weich war. Denn der Anblick war mehr als schön. Wie ausgemergelt lag der Körper da. Als würde ihm etwas fehlen.
Vorsichtig trat ich näher heran, um ihn besser in Augenschein zu nehmen. Doch John hielt mich mit einer Hand zurück. Daraufhin verdrehte ich genervt die Augen und riss mich von ihm los. Ich war kein kleines Kind mehr! Außerdem war ich eine Hexe und konnte vielleicht herausfinden, weshalb der Mensch verstorben war. Und vor allem woran.
Doch scheinbar kapierte dieser sture Bock es einfach nicht!

Nach einer Weile hatten wir den Tatort verlassen und fuhren zum Yard, wo wir auf Suko trafen, der uns aufgeregt entgegenlief.
Ich grinste und streckte ihm meine Hand entgegen. Er hingegen ignorierte diese und lief auf John zu, um ihn zur Seite zu ziehen. Garantiert würden sie jetzt darüber reden, wie sie mich fertig machen konnten. Doch diese Suppe würde ich ihnen gehörig versalzen!

Fragend musterte ich meinen Partner, der mich von Nuri fortgezogen hatte.
»Wir haben was herausgefunden«, begann er und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Und was?« Kurz hielt ich inne, blickte nach allen Seiten. Doch Nuri konnte ich nirgends entdecken. War mir auch recht. »Etwa über den Toten?«
Suko nickte. »Es scheint, als seien Hexen im Spiel.«
Wie ein Blitz trat Nuri hervor und verstellte mir den Weg. Wutentbrannt funkelte ich sie an.
»Ich kann mich einschleusen. Als neue Mitarbeiterin. Wie wäre das?«, plapperte sie drauf los und ließ uns nicht die Zeit, einmal tief durchzuatmen.
»Das wäre doch keine so schlechte Idee.« Das war jetzt nicht sein Ernst? Hatte er denn vergessen, was sie getan hatte? Hatte er wirklich vergessen, was diese kleine Hexe Sheila und Bill damit angetan hatte, nachdem sie Johnny einfach so aus der Villa geholt hatte, um ihn als verdammten Köder zu missbrauchen? Ich kam jedoch gar nicht dazu, etwas zu sagen. Denn Suko sprach weiter. »Sie ist eine Hexe und könnte uns die nötigen Infos liefern.«

Ich grinste, nickte dabei zustimmend in Sukos Richtung. Endlich stand mal jemand auf meiner Seite.
»Aber«, begann John und seufzte laut.
Hinter mir tauchte Sir James auf und legte mir eine Hand auf die Schulter. Seine grimmige Miene traf hingegen John, der den Kopf senkte. Scheinbar war der Flur interessanter, als seinem Boss in die Augen zu sehen.
»Sie wird es tun!«
Damit war alles gesagt. Widerworte leisten konnte unser Oberinspektor nun nicht mehr. – Was mich innerlich grinsen ließ.

LONDON, BELGRAVIA. WILTON STREET
In nicht mal ein paar Stunden war es so weit. Mit klopfendem Herzen hatte ich meine Sachen zusammengepackt und war aus meiner Wohnung getreten. Draußen wurde ich von einem hageren Mann erwartet, der meine kleine Tasche ins Auto legen, doch ich schüttelte den Kopf. Anschließend stieg ich in den hinteren Teil des Wagens und schloss für einen Moment die Augen. Irgendwie war ich schon etwas aufgeregt, was mich in den kommenden Tagen erwarten würde. Doch dass es so schlimm werden würde, hatte ich nicht wissen können.

LONDON. IN EINEM CASINO
Nach dreißig Minuten waren wir endlich am Ziel. Für einen Moment stutzte ich, konnte mich im rechten Moment fassen. Denn eine Hexe trat heran und legte mir eine Hand auf die Stirn. Für wenige Sekunden erschauerte mein Körper, bis ich ihn wieder kontrollieren konnte. Anschließend blickte ich sie mit kühler Miene an. Sie lächelte.
»Das ist also die Neue?«, bemerkte sie in einem Ton, der mir nicht ganz gefiel.
Ich nickte mit aufrechter Haltung. »Ja, das bin ich.«
»Wer hat dich gefragt?«, zischte sie und verdrehte ihre Augen. Kurz tauchten Krallen an ihrer Hand auf. Ich grinste. Das, was sie konnte, konnte ich schon lange.
Der Mann jedoch räusperte sich und machte das Spiel zunichte. »Beruhigt euch. Ich glaube, wir sollten lieber reingehen, bevor uns die Welt zusieht.«
Widerwillig nickte sie. Schweigend folgte ich den beiden ins Innere des Casinos.

LONDON. SCOTLAND YARD
Mir war unwohl bei der Sache, Nuri allein ins Hexencasino zu schicken. Doch sie war eine Hexe. Und die Einzige, die sich damit auskannte. – Ausgenommen Jane. Doch von ihr hatte ich schon länger nichts mehr gehört.
Seufzend lehnte ich mich auf meinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Vielleicht würde der nächste Besuch etwas bringen.
Gerade als ich einen Schluck von Glendas Kaffee nehmen wollte, wurde die Tür aufgerissen. Suko kam herein. Sein Gesicht zeigte Bände. Blitzschnell trank ich den Kaffee aus und schob den Stuhl zurück. Der nächste Tatort wartete schon auf uns.

LONDON. IN EINEM CASINO
Nachdem alles besprochen war, hatte ich mich hinter einen Tisch gestellt und schaute mich um. Hier war nicht gerade viel los.
Es war ja auch kein normales Casino, indem ich mich befand.
Sondern das, wo ich lernen wollte. Und sie hatten es mir versprochen. Gut. Ich hatte zwar ein wenig gelogen, doch wen kümmerte das schon.
Die Leute, welche hier ein- und ausgingen, kümmerten sich um ihren eigenen Mist, den sie mit sich herumtrugen.
Nämlich: ihr Leben.
Oder ihr Überleben.
Und ich sollte aufpassen, dass keiner schummelte. Ob ich das überhaupt hinbekommen würde? Und wann würden sie es mir bei…
»Entschuldigung?«
Die Stimme der Frau hatte mich aus meinen Gedanken geholt. Ich blickte auf. Hätte ich meine Miene nicht unter Kontrolle gehabt, wäre sie mir vermutlich entgleist.
»Was kann ich für Sie tun?«
Hoffentlich merkte sie nicht, dass ich unsicher war. Hoffentlich erkannte sie mich nicht. Oder würde meine Tarnung auffliegen lassen.
Sie grinste, legte mir eine Hand auf die Schulter, welche ich in Windeseile von mir schob. Ihr eiskalter Blick traf meinen. Ich hielt dem stand.
»Ich würde gerne spielen.«
Sie drückte mir drei Chips in die Hand.
»Was wollen Sie spielen?«
»Roulette?«
Ich lief mit ihr zum Roulette-Tisch. Anschließend legte ich einen der silbrig glänzenden Chips auf das unscheinbare Feld. Kurz spürte ich die magische Aura, als der Chip hineingesogen wurde. Dann erblickte ich die Kugeln. Und das wütende Gesicht der Frau.
»Warum nur einer?«, fuhr sie mich an.
»Erst eine Runde. Dann die Nächste.«
»Werfen Sie die anderen doch dazu!«, zischte sie und legte mir eine Hand auf die Schulter.
Standhaft schüttelte ich den Kopf. »Tut mir leid. Das geht leider nicht.«
Sie öffnete ihren Mund, wollte etwas sagen, doch eine Frau kam herbei und packte sie grob an den Schultern.
»Wie sie gesagt hat«, säuselte sie und drückte ein wenig fester zu, sodass ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. »Erst eine Runde und dann die Nächste. Haben Sie verstanden?«
Diese nickte mit zitternden Gliedern. Ruckartig wurde sie losgelassen und stolperte in meine Arme. Reflexartig fing ich sie auf und stellte sie aufrecht hin. Als ich mich umsah, war die Frau verschwunden.

LONDON. SCOTLAND YARD
»Hast du was herausgefunden, Nuri?«, wollte ich wissen, als sie mit einem breiten Lächeln das Büro von mir und Suko betrat, um sich auf einen Stuhl zu setzen und die Beine genüsslich auszustrecken. Daraufhin verdrehte ich die Augen und schenkte ihr keine weitere Beachtung mehr.
»Kann ich auch einen?« Bevor einer von uns etwas sagen konnte, hatte sie sich eine Tasse genommen und nach der Kanne gegriffen, um den Rest des Kaffees in diese zu schütten. »Danke. Der schmeckt gut.« Lächelnd hatte sie die Tasse auf ihrem Bein abgestellt und uns mit ihren kühlen Augen gemustert. »Was soll ich herausgefunden haben?«
Das war doch zum Mäusemelken! Ich seufzte. Versuchte mich zu beherrschen. Nicht, dass gleich ein Unglück passierte und das Kreuz, oder der Bumerang, gegen ihren Körper prallte.
»Also?«, sprach Suko und räusperte sich, um die Aufmerksamkeit auf das Gespräch zu lenken.
Sie nickte, musterte uns jedoch mit kühlem Gesichtsausdruck. »Es geht um Lebensenergie. Sie spielen in diesem Casino um die Lebensenergie.«
»Wieso?«, schoss es aus meinem Mund, noch bevor ich es verhindern konnte.
Angesprochene verdrehte entnervt die Augen. »Das versuche ich ja herauszufinden.« Elegant stand sie auf und wollte gerade gehen. Doch ich hielt sie zurück. »Was!«, blaffte sie und funkelte mich wütend an. »Darf man jetzt noch nicht einmal mehr gehen? Oder gibt es noch etwas, das ich wissen muss?«
Suko lächelte verbissen. »Schon gut. Aber mach keine Dummheiten.«

Was sollte das denn jetzt? Als ob ich irgendwelche Dummheiten machte! Wutentbrannt rauschte ich aus deren Büro und ließ die Tür krachend ins Schloss fallen.
Sollten sie doch denken, was sie wollten!
Schließlich ging mich das ja nichts an, was sie über mich dachten.

LONDON. IM CASINO
Einige Tage waren vergangen. Mittlerweile hatten sie mich als neues Mitglied akzeptiert und scheuchten mich nicht mehr so herum. Außerdem hatte ich die gute Chance, so zu lernen, wie man die Lebensenergie aufsaugte, um diese dann zu nutzen. Und diesen Zauber hatte ich bis jetzt ganz gut drauf. Das freute mich natürlich sehr. Denn schließlich musste man als Hexe, egal ob weißmagisch oder nicht, auch Zauber erlernen, die meistens von schwarzmagischen Hexen genutzt wurden.
Doch dieses Casino schien mir nicht von schwarzer Magie beseelt zu sein.
Als ich gerade aus dem kleinen Badezimmer herauskam, erblickte ich das Gesicht von John.
Verdammt!
Was zum Geier suchte er denn hier? Wollte er etwa meine Tarnung gefährden? Ging es ihm noch gut?
Gespielt lächelnd trat ich an ihn heran und versuchte die Wut, welche in meinem Inneren brodelte, zu verstecken.
Er hingegen lächelte wissend.
»Was kostet ein Spiel?«
»Einen Chip.«
Er nickte wissend, reichte mir einen und lief voraus. Direkt auf eine kleine Gruppe kränklich aussehender Menschen. Rasch lief ich ihm hinterher und legte den silbrig glänzenden Chip auf das unscheinbare Feld, welches kurz aufleuchtete und ihn einsog.
»Viel Spaß beim Spielen«, sagte ich und trat einen Schritt zurück. »Aber nicht schummeln.«
Denn ich wollte nicht diejenige sein, die seine Leiche verschwinden ließ.

LONDON. IN DER NÄHE DER THEMSE
Entgeistert schaute Suko mich an. Ich nickte. Das, was ich herausgefunden hatte, entsprach der Wahrheit. Und wenn sie kommen würde, dann würde diese kleine Hexe etwas erleben! Darauf konnte sie sich gefasst machen.
»Sie wird ausrasten«, wurde ich von Suko unterbrochen, der die Dämonenpeitsche unruhig in seiner Hand hielt und in jede Richtung zu blicken schien.
Seufzend nickte ich und spielte mit dem Kreuz, um es im Anschluss wieder unter meinem Hemdkragen zu verstecken. Suko ließ die Peitsche verschwinden. Kurz klopfte er mir auf die Schulter und versteckte sich hinter einem der zahlreichen Bäume.
Nuri kam herbei geeilt und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. Ich versuchte freundlich zu lächeln, doch es gelang mir nicht ganz.
»Sie spielen um Leben!«, sprach ich. Nuri nickte. Mir gefror das Blut in den Adern. Wir hätten ihr nicht trauen dürfen. Aber dafür war es mittlerweile zu spät. »Wir müssen sie aufhalten.«
Geschockt riss sie ihre Augen auf. »Ich mach das schon. Ihr braucht euch nicht darum zu kümmern.« Kurz hielt sie inne, lächelte kühl. »Du kannst Suko sagen, dass er aus seinem Versteck kommen kann. Ich werde dich schon nicht anfallen. Und ihn auch nicht.«
Suko trat zu mir, blickte sie an. »Dir ist bewusst, dass sie um Menschenleben spielen? Und wenn geschummelt wird, werden sie umgebracht.« Mein Partner holte tief Luft, bevor er die nächsten Worte sprach, die das Urteil fällten. »Wir müssen sie aufhalten. Es endgültig zu Ende bringen.«
Eine magische Druckwelle schleuderte meinen Kollegen nach hinten. Sofort zückte ich das Kreuz, preschte nach vorn und wollte es ihr in die Stirn rammen, doch es war zu spät.

»John!«
Suko schrie aus Leibeskräften, rollte die Dämonenpeitsche aus und lief auf Nuri zu, die wie erstarrt auf der Stelle stehenblieb.
Ihre Augen ruhten auf dem leblosen Körper. Schlaff hingen die Arme an seinem Körper herab, als Suko ihn aufrichtete.
Immer wieder rüttelte Suko an dem Körper seines Freundes. Doch keine Reaktion. Kein Puls.
Diese gottverdammte Hexe hatte ihn getötet!
Das würde sie büßen.
Vorsichtig legte er den Körper Johns auf dem Boden ab und trat wutentbrannt auf Nuri zu, die ihre Augen geschlossen hielt. Ein weißes Licht umhüllte ihren Körper. Nicht einmal die Riemen der Dämonenpeitsche kamen gegen das Licht an, was aus ihrem Inneren strömte: direkt auf John zu.
Zu spät.

Fest hielt ich die Augen geschlossen. Hoffte, dass es klappen würde. Ich hatte ihn gar nicht umbringen wollen. Die Wut, die in meinem Inneren die Überhand gewonnen hatte, war einfach zu groß geworden. Und außerdem hatte ich den Zauber erst gar nicht richtig erlernen können. Und nun musste ich versuchen, einen guten Freund wieder zurück ins Leben zu holen, damit sein Partner mich nicht ins Jenseits beförderte.
Dumpf hörte ich die Stimme Sukos. Fest kniff ich die Augen zu, spürte den leichten Schmerz, der damit einherging. Verzweifelt versuchte ich die Kraft auf John zu übertragen.
Für einen winzigen Moment hatte ich nachgelassen. Dann kam der Schmerz. Die Riemen der Dämonenpeitsche hatten mich erwischt. Trotz der Schmerzen konnte ich ausweichen, fiel direkt neben Johns leblosem Körper zu Boden.
Dann konzentrierte ich mich, legte meine Hand auf die Stelle, wo sich sein Herz befand.
Wieder dumpfe Stimmen. Suko schien zu fluchen. Doch es war mir egal. Er musste leben! Er konnte nicht sterben. Durfte nicht.
Und falls er sterben würde, war es meine Schuld. Ich hatte ihn umgebracht. Ich war eine gottverdammte Mörderin.
Und das würde mir niemand verzeihen.
Nach einer Weile bemerkte ich, dass es zwecklos war. Resigniert ließ ich die Wand um uns herum fallen, löste die Hand von seiner Brust und teleportierte mich in meine Wohnung.
Ich hatte versagt. War gescheitert und einen Menschen umgebracht. Einen, der für Scotland Yard arbeitete und gegen das Böse kämpfte.
Schon bald würden alle auftauchen und mich aus der Wohnung vertreiben. Sie würden einen Scheiterhaufen errichten und mich an einen dicken Pfahl binden, damit ich mich nicht befreien konnte. Dann würden sie ihn anzünden.
Mit neunzehn Jahren würde ich mein Leben aushauchen.
Ich war keine gute Hexe. Und dass nur, weil ich so eigensinnig gehandelt hatte.

LONDON, BELGRAVIA. WILTON STREET. VOR NURIS WOHNUNGSTÜR
Mit brummendem Schädel war ich erwacht und hatte in Sukos besorgtes Gesicht geblickt. Er hatte mir Dinge erzählt, die ich nicht glauben konnte. Bevor er mich in ein Krankenhaus schleppen konnte, war ich in meinen Wagen gestiegen. Ich brauchte Antworten.
Antworten, die mir nur eine gewisse Hexe geben konnte.
Mit zitternder Hand drückte ich die Klingel. Ob sie überhaupt zu Hause war? Sollte ich vielleicht im Casino nachsehen? Als ich mich umdrehte und wieder nach unten laufen wollte, hatte sich die Tür geöffnet. Ich spürte Nuris Blicke auf meinem Rücken, drehte mich um und erstarrte.
Hatte sie etwa…?
»Du?«
Unglaube schwang in ihrer Stimme mit. Sogar ein leichtes Zittern, was sie versuchte zu unterdrücken.
Ich grinste. »Wer denn sonst? Ein Geist oder was.«
Kopfschüttelnd wandte sie sich ab. In mir schrillten die Alarmglocken. Dass was Suko erzählt hatte, war also nicht gelogen? Ohne auf eine Antwort ihrerseits zu warten, trat ich ins Innere der gemütlich eingerichteten Wohnung.
»Willst du was trinken?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich will die Wahrheit hören!«
Etwas ging in ihr vor. Schnell wandte sie sich ab. »Ich habe dich getötet.«
Nur ein leises Flüstern.
»Und dann?«
»Wieder…« Nuri schluckte, schüttelte den Kopf. Bevor sie sich umdrehte, hatte ich die kleinen Tränen in ihren Augen gesehen. »Wieder…« Ihre Stimme bebte leicht. Vorsichtig trat ich an sie heran. »Ich habe dich wiederbeleben müssen.« Erneut hielt Nuri für einen Moment inne. »Scheinbar hat es geklappt.«
Sie war neunzehn, jung und dumm. Noch bevor sie reagieren konnte, hatte ich sie in die Arme genommen und mahlte kleine Kreise auf ihren schlanken Rücken. Nuri versuchte sich gegen meinen Griff zu wehren, doch ich ließ es nicht zu. Versuchte ihr Trost zu spenden. Den sie nötig hatte.
»Es tut mir so leid«, flüsterte sie gegen meine Schulter.
»Schon gut«, sagte ich und küsste sie auf den Scheitel.
»Ich«, begann Nuri mit stockender Stimme. Vorsichtig löste ich meine Arme und blickte ihr besorgt ins Gesicht. »Ich bin so eine Idiotin! Ich habe dich getötet und ich wollte…«
Ich lächelte, legte ihr einen Finger auf die Lippen. »Du hast mir das Leben geschenkt, kleine Hexe.« Kurz nahm ich die junge Frau in meine Arme. Gleichzeitig versuchte ich zu verhindern, dass mir die Tränen übers Gesicht liefen. »So schnell wird man mich nicht los.«
»Wollen wir es vernichten?«
Vorsichtig nahm ich sie in meine Arme und drückte ihren schmalen Körper an meinen. »Du solltest dich erst einmal ausruhen. Deine Kraft wiederfinden und deine Gedanken ordnen.« Nuri wollte etwas sagen, doch ich schüttelte den Kopf. »Deine weiße Magie muss sich erst einmal aufladen. Du hast sie in die Kraft des Lebensenergiezaubers gesteckt, um mir das Leben zu retten. Oder mich ins Diesseits zurückzuholen«, beendete ich meine kleine Rede und trug sie in ihr Schlafzimmer.
»John?«
»Hmm?«
»Bitte erzähl Suko und den anderen nichts davon.«
Ich lächelte, streichelte ihren Kopf. »Keine Sorge. Ich werde den Bericht schreiben. Niemand wird etwas davon erfahren.«
»Versprochen?«
»Versprochen.«
»Kannst du hierbleiben?«
Schweigend nickte ich und setzte mich an die Bettkannte. Nuri war wie eine Tochter für mich. Und so langsam verstand ich, weshalb sie sich eine Mauer errichtet hatte.

IRGENDWO AN EINEM ANDEREN ORT
»Was kann ich für Sie tun?«
Das junge Mädchen lächelte. Ihre Gesichtszüge schienen einer ehemaligen Mitarbeiterin zu ähneln, die vor einigen Wochen hier gearbeitet hatte.
»Ich würde gerne bei Ihnen lernen.«
Ihr Gegenüber lächelte, sodass zwei Reihen spitzer, scharfer Zähne herausstachen. »Was wollen Sie denn genau bei uns lernen?«
»Wie man die Lebensenergie zu seinem eigenen Vorteil nutzen kann.«
Für kurze Zeit herrschte unangenehmes Schweigen. Dann wurde das Grinsen der Hexe immer größer. »Wofür wollen Sie die Energie nutzen?«
Kurz schwieg das junge Mädchen, überlegte. Sollte sie ihr die Wahrheit erzählen? Konnte sie der Hexe vertrauen?
Jemand legte eine Hand auf ihre Schulter. kurz erschrak sie und versuchte sich zu sammeln.
»Sprich!«, wurde sie von einem hageren Mann aufgefordert.
»Ich will es ihr heimzahlen«, meinte sie und löste den Bann, der sie umgeben hatte. Zum Vorschein kam: ein identisches Mädchen. Sie hatte dieselbe Haarpracht, den gleichen Körperbau. Dieselben Gesichtszüge. Vermutlich auch denselben Charakter. kurz erstarrten alle Regungen um sie herum. Das Mädchen bemerkte, dass alle Blicke auf ihr ruhten.
Sie wusste auch warum.
Einst war sie verloren gegangen. Sie hatte sich zu weit entfernt. Ihre Eltern waren nicht da. Hatten sie niemals gesucht. Daraufhin war die junge Hexe für tot erklärt worden.
Das Mädchen, das genauso aussah wie Nuri.
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