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Ein neues Leben?

von Therondir
GeschichteDrama, Historisch / P16 / Het
Anastasius Johanna von Ingelheim Markgraf Gerold
27.01.2021
28.04.2021
9
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03.02.2021 1.759
 
Kapitel 2: Auf der Flucht


Endlich sah Gerold den alten römischen Tempel. Der Ort, an dem er Johanna gebeten hatte, mit ihm zu kommen und seine Gemahlin zu werden. Damals hatte sie entschieden abgelehnt, weil sie an Papst Sergius‘ Seite bleiben wollte, der sie zum Nomenklator ernannte. Er wusste, dass sie damals stetig in Gefahr lebte und er hatte sich geschworen, sie darin niemals alleine zu lassen.

Noch bevor Johanna zum Papst gewählt wurde, hatte er hier in der Nähe des vestalischen Tempels Kleidung, Geld und ein paar Waffen versteckt und alles in regelmäßigen Abständen kontrolliert und erneuert. Ein Packpferd war in einer Siedlung ganz in der Nähe untergestellt und würde ihnen auf ihrer Flucht gute Dienste leisten. An beinahe alles hatte er gedacht, doch jetzt sah es beinahe so aus, als hätte er kläglich versagt.

„Johanna! Mein Herz, was ist mit dir?“, flüsterte Gerold sorgenvoll, als er sie bei den Tempelruinen auf den Boden gegen eine Säule lehnte und ihr Gesicht in beide Hände nahm. Johanna sah fürchterlich blass aus. Jedoch schien sie Gerolds Stimme zu hören.
„… Das… Das Kind…“, brachte sie schwach heraus und erst jetzt bemerkte Gerold, dass ihr das viele Blut aus dem Schoß lief. Panik stieg in ihm auf.
Was sollte er tun? Was sollte er nur tun? Was sollte er bloß machen?

Mit zittrigen Händen versuchte er ihr das Blut zwischen den Schenkeln mit den Papstgewändern abzuwischen. Da glitt ihm ein größerer Klumpen blutiges Gewebe in die Finger.

Gerold war noch nie bei einer Geburt dabei gewesen. Alle Männer wurden weggeschickt, wenn eine Schwangere niederkam. Es war unreines Weibergeschäft, hieß es bei den Priestern, die nur für die sofortige Taufe des Neugeborenen herbei kamen.

Doch auf Burg Villaris hatten auch schon junge Fohlen das Licht der Welt erblickt. Es waren zu wertvolle Tiere, um eine gebärende Stute ihrem Schicksal zu überlassen. Wie häufig konnte etwas schiefgehen, wenn das Fohlen stecken oder die Leibesfrucht im Mutterleib verblieb, sodass stets ein Stallknecht dabei war. Manchmal hatte sogar der Markgraf selbst zugeschaut, wenn der neue Nachwuchs sich ankündigte. Wie hatte sich besonders Gisla immer gefreut, wenn auf der Weide ein kleines Pferdchen herumsprang.
Dabei hatte Gerold sich immer gefragt, ob die Geburt bei einem kleinen Menschenkind genauso ablief wie bei einem Tier. Oder ob doch alles anders war, weil der Mensch über alle Tiere stand?

Jetzt, da die Leibesfrucht vor ihm lag, erkannte er, dass sie sich in Nichts unterschied.

Johanna fing wieder an zu bluten und er versuchte die Blutungen irgendwie zu stoppen.
„Es hört nicht auf.“ Furchtbare Angst erfüllte ihn. So furchtbare Angst.

„Johanna, bleib bei mir!“ flehte er, weil er erkannte, dass seine Liebste kurz vor der Ohnmacht stand.
„Sag mir, was ich tun soll! Bitte!“
Doch sie war zu schwach, um noch irgendein Wort zu sprechen.

Ich muss jetzt irgendetwas tun, sonst wird sie sterben! Durchfuhr es ihn entsetzt und er riss die Papstgewänder in Streifen, um Johanna damit zu verbinden. Den Rest schnitt er ihr bis aufs Untergewand vom Leib, weil sie nicht länger hierbleiben und die kostbaren Stoffe sie verraten konnten.

Auch er entledigte sich seines päpstlichen Harnisches und zog sich und Johanna ein Tunikagewand niederen Adels über. Zusätzlich hüllte er sie in einen Umhang und bedeckte die Tonsur auf ihrem Scheitel mit einem Kopftuch.
Die blutigen Tuche und der Harnisch wurden in den Tiber geworfen, um die päpstliche Garde und andere Verfolger nicht auf ihre Fährte zu locken.

***

Auch in Rom überschlugen sich die Ereignisse nach Johannas und Gerolds Flucht. Mit diesem Ausgang der Prozession hätte selbst Anastasius nicht gerechnet. Hastig ging er inmitten der anderen Kardinäle die Stufen zum apostolischen Palast hinauf.

„Wer hätte das gedacht, meine Herren“, murmelte er immer und immer wieder. In seinem Kopf begannen sich Mosaiksteine so einem einzigen Bild zusammen zusetzten und die Erkenntnis daraus war einfach erniedrigend.
„Daher war Johannes Anglicus so weichlich und hat auf eine Schule für Mädchen bestanden. Wir, seine engsten Berater konnten nichts gegen seinen absolut lächerlichen Einfall tun. Und jetzt seht ihr den Ursprung dieser Verirrung!“
Viele seiner Begleiter redeten wild durcheinander.
„Bitte, meine Herren!“, sprach Anastasius weiter. „Selbst ohne den päpstlichen Arzt Ennodius ist es eindeutig: Johannes Anglicus ist nicht nur ein Ketzer! Er – nein – sie ist ein Weibsstück, das uns mit Hilfe schwarzer Magie hinters Licht geführt hat! Ganz Rom war diesem Hexenzauber erlegen!“

„Ihr habt es mit euren eigenen Augen gesehen!“ rief er weiter. „Jetzt werden wir den Heiligen Stuhl wirklich befreien müssen!“

Anastasius wusste, dass er sich der Unterstützung der Kardinäle sicher sein konnte. Sie alle hatten es gesehen, was aus Johannes Anglicus‘ Leib geschossen kam. Ein verunstaltetes Kindelein. Eine Ausgeburt des Teufels. Eine Frucht von dämonischen Leibern.

„Der Heilige Stuhl und ganz Rom ist befleckt und entweiht worden!“, seine Worte schnitten durch das Gerede, wie eine Klinge.
Und es gab keinen Zweifel, dass die Kardinäle nicht seiner Meinung waren. Alle waren sie genauso bestürzt über Johannas wahre Person. Das gab Anastasius die Gelegenheit sie dahin zu lenken, wo er sie haben wollte. Der Heilige Stuhl musste von dieser schändlichen Sünde gereinigt werden und dann würd er sich darauf niedersetzen.

Als neuer Papst von Rom.

***

Mit Johanna auf dem Arm und die Zügel des Packpferdes, das neben dem edlen Hengst herlief, in der Hand verließ Gerold die Lichtung des vestalischen Tempels. Sie ritten in nordöstliche Richtung und vor ihnen erhoben sich bereits die ersten Hügel der Sabiner Berge. Gerold hielt die Pferde zu einem Tempo an, dass nicht besonders schnell war, aber langsam genug, um Johannas Zustand nicht zu verschlimmern. Nur ihr leises schmerzliches Atmen sagte ihm, dass sie noch lebte.

Ursprünglich hatte er nach Benevento gewollt, das mehrere Tagesreisen südöstlich von Rom lag. Der dortige Prinz würde ihn als Markgrafen nach der Schlacht gegen die Sarazenen vor Rom noch in Erinnerung haben und freundlich empfangen. Außerdem gab es dort Wundärzte, die sich sicher um eine Schwangere kümmern konnten. Johanna hätte dort gefahrlos niederkommen können. Doch jetzt hatten sich die Umstände gravierend geändert.

Johanna war dem Tode nahe und sie beide galten in Rom als Verräter. Die Nachricht würde sicher bald am Hofe von Benevento eintreffen und dann hätten sie keine Gnade zu erwarten.
Gerold wusste um die Gläubigkeit des Prinzen, der es nie und nimmer tolerieren würde, dass eine Frau auf dem Stuhl Petri gesessen hatte. Er würde sie sofort nach Rom schaffen oder töten lassen.
Was blieb ihm übrig? Über die Ebenen waren sie leicht auszumachen, also entschied er sich für den Weg in die Berge. Außerdem brauchte er unbedingt Hilfe für Johanna. Er bezweifelte, dass sie die kommende Nacht überstand, wenn sich nicht bald heilende Hände um sie kümmerten.

„Hab keine Angst, Liebste“, murmelte er ihr immer wieder tröstend zu, damit sie wusste, dass er bei ihr war. „Du bist sehr stark. Es wird alles gut.“
In seinem Arm, der beim Hinterhalt stark verwundet wurde, fühlte er eine Taubheit, die sich langsam ausbreitete. Doch das bereitete ihm die geringsten Sorgen. Sie würden zusammen leben oder gemeinsam sterben!

Der Weg wurde langsam bergiger und führte durch dichte Wälder. Immer wieder schaute Gerold sich um, ob ihnen Verfolger auf den Fersen waren. Doch er konnte niemanden entdecken. Es kamen ihm auch nur wenige Pilger und Fuhrwerksleute entgegen. Trotzdem bedeckte eine Gugel seine in Italien auffälligen Haare, die er sich tiefer ins Gesicht zog, wenn sie Entgegenkommende passierten.

So ritt er durch die Täler der Sabiner Berge, bis er auf die ersten Siedlungen stieß. Eigentlich, sagte er sich, sollte er lieber nach einem Kloster Ausschau halten. Mönche pflegten ein großes Heilwissen zu haben. Dann rief er sich in Erinnerung, dass ein Mönch wohl kaum eine Gebärende untersuchen würde. Warum sahen Männer Gottes in Frauen hauptsächlich Unreines und Sündhaftes?

Nein, Hilfe musste er woanders suchen. Er ließ sich ins nächst größere Dorf weisen, wo er hoffte, erfahrene Frauen zu finden, die Johanna helfen konnten. Denn schließlich wurden auf dem Land immer Kinder geboren.
Dass viele von ihnen nicht überlebten und auch Mütter an Kindbettfieber starben, daran wollte er nicht denken.

„Habt ihr eine Wehmutter im Dorf, Bäuerin?“, fragte er eine Frau, die ein paar Ziegen vor ihrem Haus hütete.
Die Frau musterte ihn und Johanna und seinen Armen. Für sie sah es so aus, als hielte er bereits eine Tote.
„Die alte Cecilia, ja. Aber dein Weib braucht eher einen Priester“, antwortete sie naserümpfend.
„Wie viele Kinder hat sie schon auf die Welt geholt?“, hakte Gerold weiter nach, obwohl er lieber sofort zu dieser Wehmutter weitergeritten wäre. Aber in Dörfern gab es viele Kräuterfrauen, die mit ihren Handwerk mehr Schaden anrichteten als heilten. Johanna hatte ihm mal erzählt, dass unter manche die Kranken mit frischen Kuh oder Schweinedung behandelten. Eine grausige Vorstellung, wo doch heilkundige Mönche immer auf Reinlichkeit und Sauberkeit achteten, wie er von Johannas Behandlungen gelernt hatte.
„Ich kann sie nicht mehr zählen. Fast das halbe Dorf. Die Kinder waren gesund und kräftig.“
Also musste die Wehmutter ihr Handwerk verstehen, hoffte Gerold inständig und ließ sich von der Bäuerin den Weg zu der Hütte der Alten beschreiben.

Die Hütte der Wehmutter lag etwas außerhalb des Dorfes, versteckt unter majestätischen Bäumen und in der Nähe hörte man das Plätschern eines Bergbaches. Die Hütte selbst wirkte nicht baufällig und auch der kleine Hof, auf dem zwei Hennen herumpickten sah einigermaßen gepflegt aus.
Der Markgraf jedoch hatte dafür jedoch überhaupt keine Augen. Jetzt wo er vom Pferd stieg, fühlte er sich unendlich erschöpft. Schwer atmend hob er Johanna auf die Arme, obwohl seine Beine bereits das eigene Gewicht nicht mehr tragen wollten. Es schwindelte ihn bereits, als er auf die Hütte zuging und die Tür aufstieß.

„Wehmutter, wo bist du?“, keuchte Gerold, und legte Johanna vorsichtig auf dem Tisch in der Mitte des Raumes nieder. „Ich brauche Hilfe.“
Doch niemand antwortete und es schien auch niemand hier zu sein. Es brannte auch kein Licht.

„Johanna!“ Er erschrak, als er seine Liebste vor sich sah. Bleich und mit eingefallenen Augen, die dunkel in ihren Höhlen lagen. Sie atmete nur noch sehr flach. Kaum mehr wahrnehmbar.
Vorsichtig streichelte er ihr über das Gesicht und über die kurzen Strähnen, die vereinzelt unter dem Kopftuch hervorschauten.
War jetzt alles umsonst? Er hatte sie aus Rom geschafft und konnte sie doch nicht retten?
Traurig und unendlich müde legte er seinen Kopf auf ihre flache Brust.

Mein Herz, ich habs versucht… Aber ich…

Seine Wunden, seine Erschöpfung und seine Ängste forderten ihren Tribut. Wofür sollte er noch weiterleben, wenn alles verloren war, was er jemals geliebt hatte?
Die Beine knickten ihm ein und der schwere Oberkörper des Markgrafen stürzte zu Boden. Alles, was Gerold noch wahrnahm, war Dunkelheit.



tbc.
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