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Ein neues Leben?

von Therondir
GeschichteDrama, Historisch / P16 / Het
Anastasius Johanna von Ingelheim Markgraf Gerold
27.01.2021
29.07.2021
11
19.736
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27.01.2021 1.931
 
Inhalt: Der geplante Anschlag auf den Superista während der Osterprozession geht schief. So erkennt Gerold schockiert die hässliche Intrige gegen den Papst. Wie durch ein Wunder gelingt es ihm mit Johanna aus der Heiligen Stadt zu entkommen. Doch die Folgen der Fehlgeburt schwächen Johanna sehr. Wohin soll Gerold mit ihr fliehen, wenn er fürchtet, dass die Frau, die er liebt, unter seinen Augen stirbt?

Disclaimer: Ich verneine jegliches Recht und Besitzansprüche der vorkommenden Charaktere und Situationen. Auch erhebe ich keinen Anspruch auf die historische Korrektheit für von mir beschriebene Rahmenhandlungen und die Darstellung von historischen Personen.


Rating: ab 16

Genre: Drama / Historisches

Charaktere: Johanna und Gerold, Anastasius und diverse OCs


Ein neues Leben?


Kapitel 1: Misslungener Plan

Die Schwertklinge des Häschers traf ihn am Oberarm und der Superista des Papstes spürte sofort, wie der Ärmel seiner Tunika sich mit Blut nässte. Es waren ihrer sechs Männer, die Gerold von Villaris während der Osterprozession in einen tückschen Hinterhalt gelockt hatten. Wie ein Löwe hielt er gegen seine Angreifer. Streckte verbissen einen nach dem anderen nieder, bis er jetzt selbst stark getroffen wurde. Ein zweiter Hieb streifte seine Beine und zwang den Superista in die Knie. Die Attentäter waren zu viele und Gerold spürte, wie seine Kräfte nachließen.
Er musste sich aufrappeln, sonst war er eine noch leichtere Beute. Der Kahlkopf der Bande holte aus. Gerold versuchte anzubinden, aber nach einem weiteren Hieb wurde ihm das Schwert aus der Hand geschlagen.

Im nächsten Augenblick traf ihn ein Faustschlag und der Markgraf stürzte zu Boden.
Jetzt ist es aus… Es tut mir Leid, meine Liebste, war sein letzter Gedanke, als das verdreckte Gesicht des zweiten verbliebenen Mannes über ihm auftauchte. Er hatte die Schwertspitze bereits über Gerolds Herz angelegt.

Plötzlich wurde der Schurke herumgerissen und eine scharfe Klinge durchschnitt seine Kehle. Ein gurgelnder Laut war noch zu hören, als der Mann in sich zusammensackte. Dann fühlte sich der Hinterhof mit päpstlichen Gardisten. Drei, vier seiner Männer waren Gerolds stellvertretendem Kommandeur Darius gefolgt und hatten ihren Hauptmann hier entdeckt.

Die Täter, die noch lebten, versuchten zu fliehen, doch es war zwecklos. Sofort wurden sie überwältigt, getötet oder festgenommen.

Darius vergewisserte sich, dass besonders der starke Kahlköpfige außer Gefecht gesetzt war. Dann wandte er sich dem Superista zu, der immer noch auf dem Boden lag und ihn anblickte, als stünde der Leibhaftige vor ihm. Gerold konnte es kaum glauben, dass er noch am Leben war.
„Nur ein Wimpernschlag später und Ihr stündet vor der Himmelspforte“, erklärte Darius und beugte sich zu seinem Hauptmann herunter.

„Amen“, brachte Gerold heraus, als er sich mühselig aufrichtete. Er wusste sehr genau, wie haarscharf er dem Tod buchstäblich von der Klinge gesprungen war.
„Danke.“

Schmerzverzerrt hielt er sich den Arm, wo ihm die entscheidende Wunde zugefügt wurde. Der Blutfluss würde nicht von selbst versiegen und einer seiner Männer half ihm aus den Ärmeln der ohnehin ruinierten Tunika unter dem Harnisch einen behelfsmäßigen Druckverband anzulegen.

„Wer ist dein Auftraggeber für diesen Aufruhr?“, verhörte Darius den Kahlköpfigen. Der hatte dafür nur ein verwegenes Grinsen übrig. Gerold stand inzwischen wieder auf den Beinen. Zwar noch etwas wackelig, aber er stand.
„Rede!“, fuhr der Hauptmann seinen Attentäter keuchend an. „Oder ich sorge dafür, dass die Krähen dir beim lebendigen Leibe die Augen aushacken!“
„Du kannst mir nichts, dreckiger Franke! Ich scheiß‘ auf dich und deinen Papst!“

Für diese Beleidigung hätte Gerold ihm sofort die Zunge herausschneiden können, doch die letzten Worte ließen ihn innehalten. Seinem Papst… Dem Papst!
Johanna!
Der Hinterhalt war auch ein Anschlag auf sie! Damit sollte auch sie getroffen werden! War der Superista aus dem Weg geschafft, war Johanna verwundbar wie nie zuvor!
Ein hinterhältiger Plan, der Anastasius‘ Handschrift trug.

„Wir müssen zum Heiligen Vater zurück!“, entschied er sofort, ohne den Mann weiter anzusehen, der ihn noch vor ein paar Augenblicken nach dem Leben getrachtet hatte.

***

In der Osterprozession war es unterdessen zu einem folgenschweren Vorfall gekommen. Der Papst hatte einen Schwächeanfall und war unter starken Schmerzen zusammengebrochen. Dies dachte man zunächst, doch dann krümmte sich der Heilige Vater und unter den kostenbaren Gewändern sammelte sich Blut.

„Ein Wunder!“, rief jemand und ein anderer: „Nein, Teufelswerk! Der Papst ist vom Teufel besessen!“
Johannas Nomenklator mühte sich, die Menge zur Ordnung zu rufen, doch der Anblick des Papstes ließ ihn erstarren. Einer der Diakone besprenkelte den Heiligen Vater mit Weihwasser und rief lateinische Formeln.

Johanna spürte, wie es sie innerlich zerriss. Mein Kind! Es kommt!, dachte sie angsterfüllt.
Im nächsten Moment schrie sie auf. Jeder der Umstehenden erwartete, dass die Teufelsdämonen aus ihrem Mund oder ihren Ohren hervorkamen. Stattdessen fiel ein blutschmieriges, bläuliches Bündel zu Boden.
Sie keuchte und versuchte kraftlos wegzukriechen. Um sie herum wurde es lauter und erregter. Die Stimmung begann gefährlich umzuschlagen.

Anastasius‘ Stimme rief befeuernd: „Hexerei! Der Papst ist ein Ketzer!“ Jetzt stimmten auch die Geistlichen mit ein, die einen Groll gegen Johannas strittige Beschlüsse hegten. Diejenigen im Klerus, denen es seitdem nicht behagte, dass ein Nichtrömer auf dem Stuhl Petri saß.
Johanna war viel zu erschöpft, um sich zu wehren. Die böswilligen Stimmen drangen nur aus der Ferne zu ihr durch. Als hätte jemand einen Mantel um sie gelegt, unter dem sie nun dahindämmerte.

Plötzlich sah sie, wie der Mob Steine in die Hand nahm und wie vor Zorn verzehrte Gesichter sie anstarrten. Deus misereatur! Die Leute wollten sie steinigen!
Sie konnte nirgendwo hin! Sie war schwach und ohne Schutz. Jetzt war alles vorbei…

***

Gerold eilte stolpernd durch die Gassen. Er spürte wie seine Beine stetig nachzugeben drohten, doch er zwang sich weiterzulaufen. Die Angst um Johanna trieb ihn vorwärts.
Nur zwei seiner Männer folgten ihm und bald kamen sie aus dem Gassenlabyrinth von Rom heraus.
Doch was er dann sah, ließ sein Herz einen Schlag aussetzen.

„Nein!“, schrie er, als der erste Stein durch die Luft flog. Der Schmerz seiner eigenen Verletzungen war wie weggeblasen. An seiner Stelle war jetzt blinde Wut getreten.
Er zog das Schwert und zwängte sich durch den Mob hindurch.

„Ihr verfluchten Hunde! Wie könnt ihr es wagen!“ Sein Zorn war riesengroß und er glaubte bereits, man hätte seine Liebste zu Tode gemartert, als er ihre Augenlider flattern sah.
Sie lebt noch! Sie lebt!, dachte er erleichtert.
Währenddessen waren die Leute vor dem Superista etwas zurückgeschreckt, der verschwitzt, blutbefleckt und wutentbrannt einen furchterregenden Anblick bot.

„Seht, auch der Superista ist besessen!“ rief eine befehlsgewohnte Stimme. „Schaut nur seine roten Haare! Er ist ein Bote des Teufels!“
Dieser Bastard!, durchfuhr es Gerold als er Anastasius erkannte. Dieser verdammte Bastard!

Er musste Johanna unbedingt von hier fortschaffen!
„Zurück mit euch!“, schrie er die Leute an, die jetzt nur noch Blut sehen wollten. Seines und vor allem, das von Johanna.

„Los, tötet den Papstketzer! Befreit Rom von seinem falschen Lehren!“

Einer aus dem Mob holte aus, doch Gerold war schneller und trennte ihm mit dem Schwert den Arm ab. Blut spritzte und der Getroffene sank qualvoll zu Boden.
„Hört auf, wenn euch das Leben lieb ist! Ich werde jeden von euch töten!“

Angesichts des ersten Opfers war die Menge eingeschüchtert, obwohl sie es nur mit einem einzigen Mann zu tun hatten. Doch wenn er wirklich ein Bote des Teufels war, dann konnte er sie auch verfluchen! Sie noch als Geist heimsuchen!

Währenddessen zerrte Gerold mit seinem unverletzten Arm die regungslose Johanna hoch und hievte sie sich über die Schulter. Er wusste nicht, woher er dazu noch die Kraft nahm, aber er war außer sich vor Zorn und vor Sorge um seine Liebste. Er musste sie schleunigst in Sicherheit bringen!
Doch wohin, wenn der Mob ihm alle Wege versperrte?

Ein nächster versuchte seine Chance zu ergreifen und Johanna einen tödlichen Schlag zu versetzen. Gerold drehte sich und das Wurfgeschoss prallte gegen seinen weißen Lederharnisch. Lange würde er das hier nicht mehr überstehen! Und Johanna auch nicht!

Plötzlich bemerkte er einen seiner berittenen Gardisten etwas abseits der Menge.
„Aus dem Weg, jetzt!“, rief er drohend. Sein blutiges Schwert immer noch in der Hand bahnte er sich durch den Pöbel. Einige machten ihm verängstigt Platz oder regten ihm zwei Finger gegen den bösen Blick entgegen.
Andere wiederum wollten auf ihn einschlagen, doch Gerold hatte immer noch sein Schwert mit denen er ihnen Herr wurde. Endlich erreichte er den Gardisten.

„Runter vom Pferd, Soldat!“, befahl er dem Mann. Sein Reittier tänzelte bereits nervös wegen dieses großen Getümmels.

„Die Ketzer versuchen zu fliehen! Im Namen des Allmächtigen Vaters, haltet sie auf!“, schrie Anastasius dazwischen. Sein Plan drohte nicht so aufzugehen, wie er wollte. Beinahe hätte er es geschafft und hätte mit dem Superista auch noch Johannes Anglicus zur Strecke gebracht. Doch jetzt lebte der Hauptmann noch und auch sein ketzerische Widersacher.
„Haltet die Verräter auf! Und euch wird das Himmelreich beschieden sein!“

Gerold ging es nicht schnell genug. Er griff nach dem Rock des Gardisten und zog ihn aus dem Sattel. Noch mit Johanna auf den Schultern stemmte er sich in den Steigbügel und saß auf. Den schlaffen Körper Johannas ließ er vor sich in den Sattel rutschen.

Dann flogen von überall Steinbrocken auf ihn zu. Verzweifelt versuchte er Johannas Kopf mit seinen Armen zu schützen und duckte sich hinter den mächtigen Hals des Pferdes. Jetzt wurde der Hengst richtig panisch. Wieherte laut und stieg mit den Vorderläufen auf. Gerold hielt sich krampfhaft auf dem Pferderücken und hörte das Schreien der Leute, die von den kräftigen Hufen getroffen wurden.
Ohne nachzudenken gab er dem Tier die Sporen, das sofort einen Satz nach vorne machte. Mit Johanna vor sich im Sattel wurde der Superista so durchgeschüttelt, dass er nicht mehr achtete, wohin er den Hengst überhaupt lenkte. Steine trafen den großen Pferdekopf und es ging jetzt völlig durch. Es überrannte die Menschen, schlug mit Vorder- und Hinterläufen nach ihnen aus und preschte dann wild die Straße hinab. Fort von dem tödlichen Mob.

Es glich einem Wunder, dass Gerold mit Johanna nicht abgeworfen wurde. Der Superista hielt sich hartnäckig im Sattel, bis sich der Hengst beruhigt hatte und in einer Seitengasse zum Stehen kam. Endlich konnte er sich vergewissern, ob es Johanna gut ging. Aber was er sah, steigerte stattdessen seine Sorgen ins Unermessliche.

Seine Liebste sah völlig bleich aus, nur ein leises Stöhnen zeugte noch von Leben in ihr.
„Johanna! Johanna!“, versuchte Gerold sie aus ihrer Ohnmacht zu reißen und strich ihr dabei sachte über das kurze Haar.
„… Gerold…“, flüsterte Johanna schwach, ohne die Augen zu öffnen. „… Eine Falle…“
Ihr Zustand trieb Gerold die Tränen in die Augen. Er nahm ihre Hand in seine.
„Ich weiß, mein Schatz“, antwortete er mit dem kläglichen Versuch Zuversicht in seine Stimme zu legen. „Ich schaffe dich jetzt aus der Stadt heraus. Wir müssen hier weg.“

Wachsam schaute er sich nach Verfolgern um, aber noch war niemand zu sehen. Auch steckte kein Bürger neugierig den Kopf aus dem Fenster. Die meisten von ihnen hatten sich auf der Prozession befunden oder wollten ihr noch beiwohnen. Diese Chance galt es zu nutzen! Er spürte, wie es seiner Liebsten immer schlechter ging und er entschied, dass er keine Zeit hatte, sich unbemerkt an den Stadttoren vorbei zu schleichen.

Sein Pferd hielt er zu höherem Tempo an und preschte die Straße nach Osten entlang. Das erste Mal seit langer Zeit betete er. Er betete um ein bisschen Glück, dass die Wachen gerade beim Würfelspiel oder anderswie beschäftigt waren.
Das Osttor tauchte vor ihm auf. Wenn ihn jemand bemerkt hatte, so hielt ihn jedenfalls niemand auf und nach dem ersten Hügel schlug Gerold einen Hacken nach Norden, um seine Häscher doch noch fürs Erste in die Irre zu führen. Sein Ziel war der zerfallene Tempel der Vesta. Dort hatte er schon seit Monaten alle Vorbereitungen für eine Flucht getroffen.



tbc...
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