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Last night home

CrossoverFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Tommy
27.01.2021
27.01.2021
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Disclaimer: Ich kenne keinen der vorkommenden Prominenten persönlich, habe keinerlei Rechte an ihnen oder an sonst irgendwas, das mit ihnen zusammenhängt, und selbstverständlich verdiene ich mit dieser Geschichte kein Geld. Was es hier zu lesen gibt, ist Fiktion und basiert demzufolge auch nicht auf irgendwelchen realen Ereignissen.

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

A/N: Wie schon in der Kurzbeschreibung vermerkt handelt es sich hierbei um ein Crossover der Filme 1917 und Dunkirk (2017). Die Einordnung in diese Kategorie erfolgt unter Verwendung des Geschichtentyps ‚Crossover‘ und ist aufgrund einer Übergangslösung in Bezug auf die Neuregelung des Crossover-Bereich regelkonform. Die Entscheidung für das Fandom zu Dunkirk (2017) beruht weiterhin auf dem Zeitpunkt, zu dem dieses Drabble spielt, der deutlich näher am Jahr 1940 angesiedelt ist als das Jahr 1917, außerdem müssen die beiden Hauptcharaktere logischerweise geboren sein, um eine Rolle spielen zu können, was nach meiner Interpretation eine Einordnung in das Fandom zu 1917 unmöglich oder nur unlogisch machen würde.

Inhaltliche Bezugnahmen auf die im Fandom zu 1917 vorhandenen Geschichten des Users DeepSilence geschehen ausnahmslos mit der ausdrücklichen Erlaubnis dieses Users.
Es handelt sich dabei hauptsächlich um Bezugnahmen auf folgende Geschichten dieses Autors:
Come back to us
Bottle of wine
Wrong hand
Delirious

Spoiler zu 1917 sind vorhanden.


Ihr wisst ja, Reviews und Sternchen sind das Brot des Fanfictionautors – lasst mich bitte nicht hungern!






Last night home


Er wusste, er musste den Milchzug nehmen, wenn er pünktlich ankommen wollte und genau das sollte er auch besser: pünktlich ankommen.

Unpünktlichkeit konnte er sich bei Royal Army nämlich nicht mehr leisten, dafür hätte es die Geschichten seines Vaters nicht erst gebraucht, denn das verstand sich ja eigentlich von selbst.

Die Geschichten seines Vaters…

Geschichten, mit denen er aufgewachsen war, ganz unweigerlich.

Geschichten, deren Teil er war, ob er wollte oder nicht und im Gegensatz zu seinen beiden älteren Schwestern.

Vielleicht hatte er sich deswegen freiwillig und ohne groß darüber nachgedacht zu haben, fürs Militär gemeldet. Vielleicht hatte er sich deswegen nicht darum geschert, dass seine Mutter bis zuletzt versucht hatte, es ihm auszureden. Sein Vater hatte nichts dazu gesagt. Wie so oft.

Tommy nahm den Mantel vom Haken am Kleiderschrank. Noch trug er keine Rangabzeichen, aber vielleicht schon bald… Es herrschte wieder Krieg, dort drüben auf dem europäischen Festland. Sein Vater, William, hatte es am Ende des Großen Krieges bis zum Rang eines Sergeants gebracht, doch viel wichtiger als das, betonte er stets, sei es, überlebt zu haben und das… Er kannte die Fotografien, die sein Vater damals bei sich getragen hatte, denn seit er von der Front zurückgekommen war, standen sie gerahmt auf der Kommode in der Stube. Er knöpfte den Mantel zu. Jetzt war ein ganz schlechter Zeitpunkt für Sentimentalitäten und Erinnerungen, rief er sich stumm zur Ordnung, warf dann einen Blick zum Fenster. Auf dem Glas waren Eisblumen gewachsen. Kein Wunder! Es war Mitte Januar und eisig kalt und am liebsten wäre er im Bett geblieben, wenn er ehrlich war, aber das, das war nun keine Option mehr. Er griff nach seinem Tornister, öffnete die Zimmertür, lauschte kurz und trat dann auf den Flur hinaus. Seine Eltern schliefen noch, verabschiedet hatten sie sich bereits gestern Abend voneinander, das musste reichen. Sie zu dieser unchristlichen Zeit nur deswegen zu wecken, das wollte er nicht.

Auf Socken schlich er den Flur entlang. Seine Stiefel standen bei der Haustür, wie es sich gehörte und wie er sie gestern Abend schon bereitgestellt hatte, denn…

„Tommy?“ Leise, gefolgt von einem kurzen, rauen Husten, eben jenem Husten, der seinen Vater schon plagte, seit er denken konnte.

Er blieb stehen. „Ja?“

„Warte einen Moment.“

„Aber der Zug“, wandte er leise ein.

„Den wirst du schon nicht verpassen.“ Sein Vater kam humpelnd näher. Er sah es ganz deutlich daran, wie der Lichtschein der Petroleumlampe sich in der Dunkelheit des Flures bewegte, und wusste, dass es wieder der Eiseskälte und der Feuchtigkeit wegen war. „Genauso wenig wie den Krieg. Gib einem alten Mann nur den Moment, um seinen Mantel zu holen.“

Einen  ersten Wimpernschlag lang wollte er protestieren, denn das… Doch sein Vater erstickte jede Erwiderung im Keim, legte ihm im Vorbeigehen flüchtig, warm und schwer die Hand auf die Schulter und fügte hinzu:

„Die Gelenke lassen mich nicht schlafen und die Postsäcke kommen mit demselben Zug, da muss ich deine Mutter nicht länger um ihre wohlverdiente Nachtruhe bringen.“

Er nickte. Dagegen konnte man nur schlecht etwas einwenden und die zwei Minuten waren wirklich noch übrig.

Schweigend zog sein Vater Mantel und Schuhe an, während er selbst in seine Stiefel schlüpfte und ebenso stumm verließen sie kurz darauf das Haus. Draußen war es stockfinster. Keine einzige der wenigen Straßenlaternen brannte. Schon seit Monaten wurden sie der angeordneten Verdunklung wegen nicht mehr entzündet, sodass die einzigen, halbwegs hellen Nächte die waren, an denen der Vollmond an einem klaren Himmel stand. Doch davon war es heute weit entfernt. Durch die fast windstille Luft fielen dicke, feuchte Flocken und man konnte die Hand vor Augen kaum erkennen, wenn man nicht wusste, dass sie da war. Mit dem richtigen Weg verhielt es sich ebenso. Sie gingen dicht nebeneinander, Schulter an Schulter und… Er stutzte, als sein Vater recht unvermittelt anfing, an seinem Mantel herumzunesteln, als ob er-

„Nimm den mit, Junge.“

Im gleichen Moment wurde ihm ein dickes, weiches Stück Stoff vor die Brust gedrückt. Der Schal, schoss es ihm durch den Kopf.

„Es ist besser, du hast ihn und brauchst ihn nicht, als wenn du ihn nicht hast, aber dringend bräuchtest; und auf die Gefahr hin, wie deine Mutter zu klingen: Deine Handschuhe hast du eingepackt?“

„Ja“, murrte er, irritiert und erstaunt gleichermaßen über diese eher ungewohnte Fürsorglichkeit. „Hab sie in die Manteltaschen gesteckt.“

„Gut, gut…“ Husten. Räuspern. „Wenn du dort drüben bist, halte den Kopf unten, der macht sich besser beim Denken als beim Einfangen von Kugeln.“

„M-hm…“

„Schließ keine Freundschaften, denn du wirst nie wissen, ob sie den nächsten Tag noch erleben werden. Sei ein guter Kamerad, das reicht schon und macht es weniger schwer.“

„Dad, was-“

„Warte“, wurde er eindringlich unterbrochen, „hör mir bitte zu, Tommy.“

Es klang wirklich beinahe flehentlich und das allein jagte ihm ein kaltes Schaudern durch Mark und Bein. Sein Vater war und tat wirklich vieles, doch das, dieses Etwas in seiner Stimme, das so verdächtig nach Angst klang, war neu.

Er nickte nur, auch wenn sein Vater das wohl nicht sehen konnte. Aber es schien genug zu sein, denn er fuhr fast flüsternd fort:

„Häng dein Herz nicht an irgendein Blech, das sie dir an die Brust hängen werden. Zum Tauschen ist es gut genug, aber ansonsten wertlos. Es macht dich zu keinem besseren Menschen, aber eine Flasche Wein oder Schnaps kann helfen, die kälteste, trostloseste Nacht zu überdauern.“

„Dad!“, empörte er sich leise, „Ich kann mich doch nicht im Dienst betrinken!“

„Ach, das ist gar nicht schwer, das wirst du schon selbst herausfinden.“ Und plötzlich schwang nicht mehr die Angst in der Stimme seines Vaters mit, sondern – zu seiner allergrößten Erleichterung! – eine gute Prise Heiterkeit. „Die Offiziere sind da nicht besser als jeder andere Mann, damals nicht und heute genauso wenig. Aber…“

Sie erreichten das Bahnhofsgebäude. Es war ja eigentlich auch nur am anderen Ende der Straße, direkt neben dem Postgebäude gelegen, der Weg also nicht besonders weit. Sie stiegen die drei hölzernen Stufen hinauf, sein Vater öffnete die Eingangstür und sie schlüpften rasch hinein. Der alte Mr. Miller lehnte mit einer Tasse Tee in der Hand am Fahrkartenschalter und nickte ihnen einen Morgengruß zu. Die große Uhr in der Halle zeigte vier Uhr und einundzwanzig Minuten. Noch neun, bis der Milchzug ankam. Tommy schluckte schwer, während sie die Halle durchquerten. Mr. Miller hinkte zu seinem Platz am Fahrkartenschalter, sein Holzbein schabte rau über den Steinboden.

„Lass die Finger vom Stacheldraht, wenn’s sich vermeiden lässt. Die Kugeln und Granaten und Panzer haben mich nicht kleingekriegt, aber die Blutvergiftung, die hätte mich um ein Haar umgebracht.“

„Ich merk’s mir“, versicherte er. Nicht, dass er je vorgehabt hätte, den Stacheldraht anzufassen! Die Geschichte kannte er nun wirklich zur Genüge, um längst seine eigenen Lehren daraus gezogen zu haben.

Sie blieben am anderen Ende der Halle stehen. Hier würden sie sofort hören, wenn die Lokomotive in den Bahnhof stampfte.

„Versuche nicht, den Feind zu retten, selbst wenn die Menschlichkeit es gebietet. Du ziehst in den Krieg, das kein Ort für Menschlichkeit. Pass auf, dass du-“

„Nicht denselben Fehler machst wie Lance Corporal Blake, Dad, ich weiß“, fiel er seinem Vater zum zweiten Mal ins Wort.

Doch anstatt ihn dafür mit einem strengen Blick zu bedenken, wurde der Ausdruck auf dem Gesicht seines Vater ungewöhnlich milde. „Menschlichkeit ist nie ein Fehler, Tommy, du musst nur aufpassen, wie du sie verteilst – und bei deinen Kameraden ist sie besser aufgehoben als bei den Deutschen.“

Er nickte, diesmal in der Gewissheit, dass sein Vater es auch sah, denn hier drinnen brannte spärlich das elektrische Licht. Von draußen war das erste Signal der Lokomotive zu hören, schrill und durchdringend. Es war soweit. Jetzt gab es kein Zurück mehr und er wusste nicht, woher so plötzlich der Kloß in seinem Hals kam.

„Sei mutig, Tommy, sei so mutig, wie Lance Corporal Thomas Blake es gewesen ist, denn ohne ihn wären du und ich heute nicht hier, versprich mir das.“

„Ich verspreche, dass ich mutig sein werde“, brachte er leise und beinahe mühsam heraus.

„Das ist gut, sehr gut…“ Sein Vater griff in die rechte Manteltasche und zog ein kleines, ramponiertes Blechetui heraus, hielt es ihm hin. „Nimm, nimm es mit und wenn es einmal nicht mehr weiterzugehen scheint, mach es auf.“

„Was ist das?“, hakte er nach, denn das…

Draußen pfiff die Lokomotive das zweite Signal. Man hörte schon ihr Rattern und ihr Stampfen.

„Nur eine kleine Erinnerung, dass du zum Abendessen zuhause zu sein hast.“

„Verstehe.“

Sie sahen einander in die Augen, schoben Heiterkeit über den Abschied, der unausweichlich näher rückte und von dem sie beide wussten, dass es schon jetzt der letzte sein konnte. Sein Vater war nie ein Mann gewesen, der falsche Versprechungen machte oder die Dinge schönredete, die es nicht waren, und so hatte er ihn auch erzogen.

Das dritte Signal, quietschende Bremsen und die Lokomotive samt Waggons rumpelte in den Bahnhof. Er wandte sich zur Tür um, legte die Hand auf die Klinke und…

„Tommy, eins noch.“ Sein Vater legte ihm wieder die Hand auf die Schulter, warm und schwer und liebevoll.

Er drehte sich halb zu ihm um. „Ja?“

„Wenn’s schiefgeht, wenn alles andere sinnlos ist, wenn du allein und chancenlos bist, dann wirf das Gewehr weg, dann renn und sieh nicht zurück, hörst du?“

„Das werde ich, Dad.“

Für die Dauer eines Wimpernschlages legte er die Hand auf die seines Vaters auf seiner Schulter, rang sich ein Lächeln ab, ehe er sich endgültig umwandte, die Tür öffnete und auf den Bahnsteig hinaustrat.



***

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