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A Narcissistic Frivolity

von Hielo
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Freundschaft / P16 / MaleSlash
27.01.2021
27.01.2021
1
7.686
 
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Er war wirklich niemand, den man leicht erschrecken oder verwirren konnte. Auch schockieren konnte man ihn nicht so einfach.
Ja, er bezeichnete sich selbst als einen ruhigen, gelassenen Charakter und war auch vollends damit zufrieden, wenn andere Menschen ihn auf diese Art wahrnahmen. Das Bedürfnis nach fanatischer Aufmerksamkeit überließ er primär seinen Gemälden, seinen Büsten und anderen Künstlereien. Wenn diese denn mal in den Genuss solcher Anerkennung kamen. Ansonsten war Michael mit seinem Dasein als Hintergrundcharakter glücklich. Solange man sich nur an ihn erinnerte.
Aber ein fast 2 Meter großen Mogry vor der eigenen Tür würde wohl selbst dem asketischsten Mönch seine Gesichtszüge entgleisen lassen.
Er hätte merken sollen, dass dieser kühle Tag im November ein seltsamer werden würde. Sein Kaffee hatte viel zu bitter geschmeckt, die Milch war verdorben gewesen und sein Brot war ihm aus der Hand mit der Butterseite nach unten auf den Boden gefallen.
Dass sich dieses riesige Plüschtier an ihm vorbei in sein Atelier drängte, die kurze Steintreppe herunter stolperte und kauernd in eine Ecke verzog, ohne nur ein Wort zu sagen, bestätigte Michael uneingeschränkt in seiner Annahme, dass er heute besser im Bett geblieben wäre.
„Mach zu! Schnell!“, nuschelte ihm das Tier mit einer zittrigen Männerstimme entgegen und bewegten den jungen Künstler dazu, neugierig den Kopf durch die geöffnete Tür zu strecken.
Auf dem Vorplatz des Lufttaxenbahnhofs, welcher seinem Studio gegenüber lag, war zunächst nur das übliche Schnauben des Dampfmotors und das Krächzen von ein paar Vögeln zu hören. Im Hintergrund verschwammen Stimmen in den städtischen Geräuschen der lindblumschen Metropole, doch bis auf einen älteren Mann, der Tauben fütterte, war kaum jemand auf der Straße. Nach und nach bewegten sich schnelle Schritte und lautstarkes Geplapper auf ihn zu und brachten Michael dazu, die Türe schlagartig bis auf einen kleinen Spalt zu schließen.
Innerhalb von Minuten stürmte eine kreischende Frauenmasse auf den Platz, unkontrolliert und ungebändigt wie eine Meute sich fremder Raubtiere auf der Jagd. Viele schrien und zeterten, einige weinten sogar, doch sie alle verband die Sehnsucht nach etwas...oder jemandem.
Nachdem er vorsichtig die Tür geschlossen hatte, trat er langsam die Treppe hinunter dabei weiterhin das rosa Ungetüm beobachtend, welches nach wie vor in der Zimmerecke kauerte. Als der Mogry schließlich merkte, dass er mit Michael alleine war, richtete er sich zögerlich auf um sich kurz mit großen, schwarzen Knopfaugen umzuschauen.
„Na endlich...“, seufzte das Ungetüm sichtlich entnervt und kämpfte nun gegen den riesigen Kopf auf seinen Schultern. Amüsiert behielt Michael das seltsame Schauspiel im Blick.
Er konnte nicht leugnen, durchaus interessiert daran zu sein, welches Geschöpf sich dort aus seinem Kokon zu befreien versuchte. Es musste wohl einer der Neulinge am Großtheater sein, denn keiner der Veteranen, von denen er immer mal wieder hörte, besaß einen derartigen Fanclub.
Viel konnte Michael einem solchen Kult nicht abgewinnen. Er wusste genau, worauf es diese Art von Frauen abgesehen hatten und neiden tat er dem armen Schuft in dem Kostüm diesen Umstand nicht.
Allerdings hatte er ebenso wenig für die Galionsfiguren dieser Kulte übrig, denn ihr kreischendes Fußvolk im Zaum zu halten, kam diesen hochnäsigen Jungspunden nicht in den Sinn. Ein solches Maß an falscher Zuneigung und Ehrerbietung stieß Michael in einer widerlichen Art und Weise auf.
Also entschied er, sich dieses selbstgemachten Götzes so schnell wie möglich wieder zu entledigen, immerhin hatte er auch er noch Arbeit vor sich.
Nach wenigen Augenblicken gab das groteske Objekt das Gesicht eines jungen Mannes frei. Verschwitzt und etwas zerzaust schüttelte er ausgiebig seine hellblauen Haare, bevor er damit begann  sich aus dem Rest des Kostüms zu schälen.
Da fiel bei Michael der Groschen.
„Sie sind doch dieser Schauspieler...Bridge, nicht wahr?“, fragte er, setzte sich auf die unterste Stufe der Treppe. Dass er sich von diesem Superstar hatte überrumpeln lassen, ärgerte Michael auf eine ganz spezielle Art.
„Lowell Bridges, du unwissender Dilettant“, posaunte der Schauspieler verärgert und warf mit einer übertrieben dramatischen Geste seine Haare über die Schultern. „Und du bist?“
Anstatt eine Antwort abzuwarten schritt Lowell einige Momente durch das Atelier jedes Werk mit einem wenig wertschätzenden Blick bedenkend.
„Eine Art Künstler, nehme ich an?“
„Offensichtlich“, murrte Michael darauf.
Oh, er hatte von Lowell gelesen. Alles an diesem Kerl verkörperte exakt seine Probleme mit der darstellenden Kunst. Das Falsche. Das Unehrliche. Dass man nie genau wusste, wer einem eigentlich gerade gegenüberstand. Vor allem aber diese schamlose Selbstverherrlichung, gepaart mit einer schier unermesslichen Arroganz, war ihm aus dem Zeitungsartikel in Erinnerung geblieben. Er wunderte sich daher kaum, dass er diese unter diesen Umständen in ihrer Reinform am eigenen Leib erfuhr.
„Offensichtlich...“, wiederholte der Schauspieler unbeeindruckt, setzte sich auf einen Hocker in der Nähe des Arbeitstisches und schlug die schlanken Beine übereinander. Mit seiner gelassenen, eleganten Selbstverständlichkeit wirkte er wie ein König in Erwartung einer royalen Sonderbehandlung.
„Ein Kaffee wäre nett.“
„Bitte?“
Michael war fassungslos. Erwartete Lowell, auch noch von ihm bedient zu werden? Nachdem er einfach so in sein Atelier eingedrungen war?
„Ich denke, es wäre besser, wenn Sie gehen, Mr. Bridges“, presste er heraus. Man merkte deutlich, wie er mit seiner Beherrschung rang, doch Lowell lächelte nur kokett.
„Also schön, was willst du? Ein Autogramm? Geld?“, sagte er mit butterweicher Stimme, doch es war absehbar, dass Michael nicht darauf ausrutschen würde.
„Ich möchte, dass Sie gehen.“
„Himmel, sind wir zickig heute. Aber was, wenn die Meute noch vor deiner Tür lauert, Herr Künstler?“
Noch bevor Lowell ausgesprochen hatte, war Michael schon wieder die Treppe empor gestiegen, hatte einen kurzen, sondierenden Blick auf die Straße geworfen und stand nun an der geöffneten Tür.
Michael konnte förmlich hören wie sich Lowells Augen genervt verdrehten und er mit einem eleganten Schwung die überschlagenen Beine entwirrte. Es folgte ein Strecken der langen Gliedmaßen, danach ein ausgiebiges Begutachten der eigenen Finger.

‚Zeit schinden, par excellence‘, dachte Michael, während er seinen ungebetenen Gast skeptisch im Auge behielt. Er konnte verstehen, warum Lowell die Frauenherzen zuflogen wie Wörter dem von der Muse geküssten Poeten oder dreisten Auftraggebern Extrawünsche. Die hellblauen Haare waren vom Tragen des Mogrykopfes zwar etwas wirr, fielen aber dennoch adrett an dem androgynen Gesicht mit der gut gemeinten Schicht Make-Up – ohne Zweifel Bühnen Make-Up – entlang und endeten in einer, mit Nachdruck eingedrehten Locke etwa auf Kinnhöhe.
Durch den eng anliegenden cremefarbenen Anzug konnte man deutlich das Ergebnis vieler Stunden physischer Ertüchtigung sehen, trotzdem wirkte sein Auftreten eher zerbrechlich und unnahbar.  
‚Das perfekte Aufziehpüppchen. Widerlich…‘ murmelte Michael in Gedanken, kam aber nicht umhin Lowell tatsächlich das Adjektiv ‚schön‘ zuzuordnen. Ein Grund mehr den Schauspieler endlich wieder auf die Straße zu setzen.

„Ist ja schon gut“, seufzte Lowell theatralisch und griff nach dem riesigen Kostüm, welches er unachtsam auf dem Boden des Ateliers hatte liegen lassen. Schweigend beobachtete Michael, wie der junge Mann lieblos zurück in sein pelziges Gefängnis stieg und sich den großen Plüschkopf unter den Arm klemmte. In dem Berg aus zartrosanem Fell wirkte der daraus hervorlugende kleine Menschenkopf fast schon belustigend fehl am Platz und Michael verkniff sich ein kurzes Lachen.
Bevor Lowell schließlich das Gebäude verließ und sich das Mogrygesicht aufsetzte, dreht er sich nochmal zu Michael um.
„Wenn dir mal der Sinn nach RICHTIGER Kunst steht, komm im Theater vorbei. Ich besorge dir gerne ein paar Karten, wenn du lieb bittest.“
„Weiterhin viel Erfolg, Mr. Bridges.“
Und mit einer schnellen Bewegung fiel die schwere Holztür zurück ins Schloss. Wie die Ebbe das Wasser zurück ins Meer zog, so war auch innerhalb weniger Augenblicke jede Anspannung aus dem kleinen Atelier verschwunden. Michael atmete tief durch und begab sich dann zurück an seine Staffelei. Missmutig stellte er fest, dass die Farbe, mit welcher er zuletzt gemalt hatte, bereits auf seiner Palette angetrocknet und somit unbrauchbar war.
„Hmpf…“, grummelte er und hoffte, die trockene Farbe möge die letzte negative Überraschung des Tages bleiben.

Einige Tage später – es war mittlerweile Dezember geworden – riss ein leichtes Klopfen Michael von seiner wohl verdienten Tasse Kaffee los. Es hatte zwar durchaus seinen Vorteil, das Atelier im Untergeschoss eines Wohngebäudes zu betreiben – im Sommer war es angenehm kühl und im Winter einfach zu beheizen. An das ständige Treppenlaufen hatte er sich in den vier Jahren, die er hier schon lebte, allerdings nicht gewöhnt.

Kundschaft konnte er momentan mehr als gut gebrauchen, somit war er auch nicht allzu aufgebracht über die plötzliche Störung während seiner Pause. Als freischaffender und aufstrebender Künstler musste er zwar nicht hungern, aber von Luxus und Prestige war Michael noch Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, entfernt. Oft genug war er sich unsicher darüber, ob er überhaupt in die Obrigkeit der Maler und Bildhauer aufsteigen wollte. Vor allem, wenn er die bunt bemalten Damen und Herren aus Treno auf dem Weg zur nächsten Theatervorstellung an seinem Fenster vorbeiflattern sah, drehte sich ihm jedes Mal ein bisschen mehr der Magen um. Die Vorstellung, nach der Pfeife dieser Sirs und Madams zu arbeiten stieß ihm sauer auf. Andererseits konnte er nur so sicher sein, seine Arbeiten würden bedeutungsträchtig für die Nachwelt festgehalten werden. Ein künstlerisches Dilemma sondergleichen.

Umso perplexer war er, als ein bekanntes Gesicht auf seiner Türschwelle stand, sich unbeeindruckt die Kapuze seines fellbesetzten Umhangs vom Kopf strich. Ohne die meterdicke Schicht an Make-up hätte der überraschte Michael ihn beinahe kaum erkannt, aber das kunstvoll gelockte Haar würde er wohl in jeder Menschenmenge wiederfinden. Genau wie dieses selbstgefällige Lächeln.
„Ich verstecke Sie nicht noch einmal, Mr. Bridges“, knurrte Michael und stellte sich breit in den Türrahmen, um dem jungen Mann vor ihm keine Möglichkeit zum Eindringen zu geben. Lowell beäugte seinen Gegenüber einen Augenblick, bevor er sich seinen Fingernägeln widmete.
„Hm, schade“, sagte er unbeeindruckt und fuhr sich kurz durch die Haare „Aber nein, ich bin aus persönlichen Gründen hier.“ Mit einem kurzen Griff in seinen Umhang förderte er ein kleines Lederbündel zu Tage und hielt es Michael entgegen.
„Auch wenn andere vermutlich ihre Seele und ein Bein dafür geben würden, mich fünf Minuten um sich zu haben, bin ich durchaus ein Mann, der sich zu bedanken weiß.“
Verdutzt nahm Michael das Säckchen entgegen, worin er einige schimmernde Goldmünzen fand.
Abfällig rümpfte er die Nase. Was bildete sich dieser Schnösel eigentlich ein?
„Ich nehme keine Almosen von Ihnen an“, murrte der Künstler und drückte Lowell das Täschchen wieder in die Hände „Sie sind ungefragt in mein Atelier gestürmt, das hat mit Hilfe nicht viel zu tun.“
Lowell seufzte übertrieben. Seine Geduld schien langsam ihr Limit zu erreichen.
„Oh BITTE! Diese armselige Entschuldigung einer Werkstatt könnte die paar Gil gut gebrauchen. Auch wenn man Talent bekanntlich noch nicht mit Geld kaufen kann, würde dir ein bisschen Profi-Ausrüstung guttun.“
„Ich will Ihr Geld nicht und jetzt lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!“
Abermals schlug Michael Lowell die Tür vor der Nase zu. Er hörte noch Dinge wie ‚verschwendetes Potential‘ und ‚Amateur‘ bevor die Umgebung wieder die üblichen Stadtgeräusche annahm und sich seine Muskeln entspannen konnten. Sollte dieser Pfau sich sein Geld doch sonst wo hinstecken. Michael hatte weder Zeit noch Nerven, um sie auch nur ansatzweise in einen Menschen wie Lowell Bridges zu investieren. Mehr noch, solche selbstverliebten Individuen wie der extravagante Schauspieler waren besser komplett außerhalb von Michaels persönlichem Umfeld aufgehoben.
Er beschloss, keinen weiteren Gedanken an Lowell zu verschwenden und sich wieder seiner Arbeit zu widmen. Sein Kaffee war bestimmt schon kalt geworden.

Als es langsam Abend wurde, saß Michael in einer Lufttaxe Richtung Industrieviertel und schaute dösig aus dem Fenster. Natürlich hatte er den gesamten restlichen Tag über diesen seltsamen Kerl namens Lowell gebrütet daher hatte er beschlossen, sich zur Ablenkung mit einigen Bekannten aus der künstlerischen Szene Lindblums zu treffen. Diese Zusammenkünfte waren gerade über den Winter selten geworden, daher freute sich Michael auf den Austausch interessanter Ideen sowie Inspirationen. Zwar würde er sich selbst nicht unbedingt als einen extrovertierten Menschen bezeichnen, doch auch er zog hin und wieder Energie aus der Gesellschaft Gleichgesinnter. Vor allem Gespräche mit Leuten, die ähnliche Ansichten in Bezug auf Ästhetik und künstlerisches Schaffen teilten, aktivierten genau das Richtige Maß an Glücksgefühlen bei Michael. Vielleicht war dieses selektive Glücklichsein letztlich der Grund für seinen kleinen Bekanntenkreis und das konstante Misslingen von tiefergehenden oder gar romantischen Beziehungen zu Jemandem.
Ohne Michaels Wissen war ein Teil von ihm froh, dass er diesem Aspekt einer normalen Lebensgestaltung kaum Gewichtung gab.
Mit einem ausgedehnten Schnauben unter dem Geräusch langsam werdender Rotoren blieb die Lufttaxe am Bahnhof des Industrieviertels stehen. Gemächlich lief Michael an der großen Statue des vorherigen Herzogs Cid VIII. vorbei, welche imposant auf der Mitte des Bahnhofvorplatzes stand. Ein wahres Stück Handwerkskunst, wenn es um Detailreichtum und Qualität ging. Michael hatte vor einiger Zeit Gelegenheit gehabt, den Bildhauer persönlich zu treffen und sich Ratschläge mit auf den Weg geben zu lassen. Seitdem waren seine eignen Werke beliebter geworden und er freute sich immer noch darüber, dass der alte Künstler offenbar Werbung gefahren hatte.
Als er die Treppe in Richtung der Kirche hinabstieg, entdeckte er die verzierte Holztür der kleinen Taverne, die friedlich zwischen den wenigen Wohnhäusern dieses Viertels lag und mit einem prominenten Schild zum Eintreten lockte.
Heimeliges Licht und ruhige Unterhaltungen schlugen ihm entgegen, begleitet von dem süßlichen Geruch des hauseigenen Bieres und gelegentlichem Zigarrenqualm. Die Kellnerin surrte emsig zwischen den Tischen und dem Tresen herum und tat ihr Bestes die leeren Gläser der Kunden wieder mit Getränken zu füllen. Michael mochte es um diese Uhrzeit hier. Es war noch nicht so spät, als dass sich Betrunkene herumprügelten, aber auch nicht zu früh, um den Mittagsansturm noch mitzubekommen.
„Ah, willkommen. Der Tisch dort drüben ist für Sie frei“, hörte Michael es vom Tresen her rufen und er entdeckte den Besitzer des Ladens, welcher sich gerade die Hände an seiner Schürze abtrocknete.
„Hierher!“
In einer Ecke der Schenke winkte ihm eine pelzige Hand entgegen. Der rüstige Hundemann mit Namen Barlo lächelte ihn durch seinen imposanten Schnauzer friedlich an und als Michael sich durch den Wust an Tischen und Menschen kämpfte, fiel ihm Zaza auf, die neben Barlo saß. Auch auf dem Gesicht der jungen Frau war ein mildes Lächeln zu sehen, welches Michael erwiderte, während er Platz nahm und sich ein Getränk bestellte.
„Schön, dass du gekommen bist, mein Junge“, grüßte Barlo und legte Michael eine Hand auf die Schulter.
„Ja, es tut wirklich gut, dich mal wieder zu sehen“, ergänzte Zaza, nippte an ihrem Wein und sortierte ihre dunkelbraunen Haare. Michael hatte schon fast vergessen, wie angenehm es sich anfühlte irgendwo willkommen zu sein. Sogar das Bier schmeckte gleich noch ein kleines bisschen besser.
Die Gespräche des Freundeskreises drehten sich in den folgenden Stunden hauptsächlich über diverse künstlerische Techniken, neue Kundenwünsche und über die Richtung, welche die lindblumische Architektur seit dem Amtsantritt des neuen Herzogs annahm.
Endlich konnte Michael ein wenig abschalten, genoss die Entspannung, welche ihm sowohl der Alkohol als auch die Gesellschaft seiner Mitkünstler gab. Trotzdem fehlte ihm sowohl bei Zaza als auch bei Barlo der letzte Funke Verständnis für das, was er mit seiner Arbeit ausdrücken wollte.
Wirklich stören tat ihn das nicht, er war es ja nicht anders gewohnt und das friedliche Stelldichein  war auch ohne diesen fehlenden Tropfen ein befreiendes Erlebnis. Also beschloss er, wie so oft zuvor, sich zurückzulehnen und abzuschalten.

„Ich war letztens im Theater. Dieses Große in der Nähe von deinem Atelier, Michael“, erzählte Zaza und knabberte an einer Nuss aus der Schale in der Mitte des Tisches.
„So? Du und Theater?“, fragte Barlo überrascht. Auch Michael konnte sich erinnern, dass die junge Frau gewöhnlich wenig für Musik und Schauspiel übrighatte. Sie war bildende Künstlerin durch und durch.
Michael leerte sein Bier mit einem kräftigen Zug.
„Warum bist du nicht vorbeigekommen? Ist doch um die Ecke.“
Ein geschmeicheltes Lächeln zierte Zazas Lippen.
„Nein, nein. Ich hatte meine kleine Schwester bei mir. Sie schwärmt gerade für diesen populären Schauspieler und hat gefragt, ob ich mir ihr zusammen eine Vorstellung von ihm ansehe. Die liebe Pubertät...“
„Ach...“
Ein gewisses Maß an Ekel stieg in Michael auf, wo er doch genau wusste, um wen es sich handelte. Vor seinem geistigen Auge war längst wieder dieses freche Grinsen von Lowell erschienen. Michael fragte sich, ob er Zaza gegenüber erwähnen sollte, dass besagter Schauspieler ihm heute Mittag noch Geld für sein ungewolltes Eindringen in seine Privatsphäre geben wollte. Unbehaglich schob er sich eine Nuss in den Mund.
„Hohoho, jung müsste man wieder sein“, lachte Barlo herzlich „Hoffentlich war es nicht zu langweilig.“
„Das ist es ja gerade; es war richtig gut! Dieser Kerl auf der Bühne hatte ganz schön was drauf. Ich war total gebannt, auch wenn ich von dem Stück selbst nicht viel verstanden habe. Es ging um einen Prinzen, der...“
Und damit begann Zaza von ihrem Abend im Theater zu berichten, die Handlung zu rezipieren und immer wieder Lowells schauspielerische Leistung zu loben. Michael hörte nur sporadisch zu. Seine Gedanken hatten sich auf die Kombination von 'Lowell' und 'richtig gut' festgefahren und versuchten jetzt den Zusammenhang zwischen diesen beiden Komponenten zu finden. Das stellte sich als fast unmöglich heraus. Was war an diesem schillernden Pfau denn so wunderbar, dass er sogar die theaterscheue Zaza von seiner Leistung überzeugen konnte?
„Ist bestimmt ein unangenehmer Zeitgenosse. Diese Schnösel sitzen doch alle auf viel zu hohen Pferden. Pass besser gut auf deine Schwester auf“, begann Michael zu wettern, nachdem Zaza geendet hatte. „Ich habe regelmäßig eine kreischende Meute junger Mädchen vor meinem Atelier, die alle nach diesem Lowell dürsten.“
„Hui, nicht so kratzbürstig, mein Lieber. Stehst du in einer persönlichen Vendetta gegen Bridges?“, fragte Barlo, als er Zazas zermürbtes Gesicht sah. Michael schüttelte den Kopf.
„Nein, aber ich kann solche aalglatten Gestalten, die sich für die Krone der Schöpfung halten, absolut nicht leiden.“
„Kennst du ihn denn persönlich?“, hakte Zaza nach und wirkte dabei fast schon beleidigt. Für sie war es wohl schon zu spät, sich Lowells Charme zu widersetzen. „Vielleicht ist er ja ein netter Kerl.“
„Oh ja, ganz bestimmt.“
„Michael, glaubst du nicht, du solltest ein Buch erst beurteilen, wenn du es gelesen hast?“
Den Rest des Abends passierte das, von dem Michael bei seinen Freunden eigentlich Schutz gesucht hatte: Er dachte höchst angestrengt über Lowell Bridges und seine angebliche Nettigkeit nach.

Der Jahreswechsel rückte langsam aber sicher näher. In einigen Tagen sollte Michael eine Skulptur bei seinem Auftragsgeber – ein unangenehmer und knausriger Zeitgenosse – abliefern und er war noch weit davon entfernt, das Werk vollendet zu haben. Seine Lust, dieses seltsame Objekt fertigzustellen war dermaßen niedrig, dass er seit Stunden vermied, das verdammte Ding überhaupt eines Blickes zu würdigen. Erst als es nicht mehr anders ging, stellte der Künstler sich seinem neuen Nemesis. Also hockte er mit einer warmen Tasse Tee auf dem kleinen Hocker vor der Werkbank und begutachtete, wo er als nächstes mit dem Meißel ansetzen musste.
Irgendetwas fehlte an der Statue. Nur wusste Michael absolut nicht was.
Dann klopfte es. Erst einmal kurz, dann mehrmals panisch.
Der junge Mann erwartete tatsächlich noch einen potenziellen Klienten und mit dieser Überzeugung stellte er seine Tasse auf den Tisch, um sich zu erheben. Da war wohl jemand früher dran als verabredet.
Rasch eilte Michael die Treppe hinauf, öffnete die Tür einen Spalt, nur um sie gleich darauf wieder zu schließen und sich selbst gedanklich für seine Nachlässigkeit zu ohrfeigen.
„Ich hab Ihnen doch gesagt, Sie sollen mich in Ruhe lassen“, rief er gereizt. „Was ist daran nicht zu verstehen?“
Das Klopfen wiederholte sich.
„Lass mich rein! Das ist ein Notfall, danach hast du mich das letzte Mal an deiner Tür, versprochen!“
Oh, Michael hätte einfach zurück an seine Arbeit gehen sollen. Dabei vielleicht eine Schallplatte auflegen und so tun, als wäre die Skulptur das Wichtigste der Welt. Stattdessen öffnete er mit einem Ruck die Tür, woraufhin ein gehetzter Lowell in das kleine Atelier purzelte. Schnell flitzte er die Treppen ein Stück herunter, sodass er auch durch die Fenster nicht mehr zu sehen war und erst dann erlaubte er sich Luft zu holen.

„Ich verschwinde gleich wieder, aber heute waren sie...na ja...“, murrte Lowell und begutachtete seinen entblößten Ellenbogen, an dem eine kleine Schürfwunde zu sehen war.
„Was treibt Sie eigentlich immer genau zu mir?“, fragte Michael, sich seinem Schicksal fügend. Immerhin hatte er so eine Ausrede für sein Gewissen diesen langweiligen Auftrag beiseite zu schieben. Außerdem kroch die Unterhaltung mit Zaza langsam wieder in seine Erinnerung.
Lowell lachte kurz.
„Das wüsste ich selbst nur zu gern. Deine Bruchbude ist mir wohl einfach im Gedächtnis geblieben.“
Michael öffnete seine Haustüre wieder, sein Missfallen mehr als deutlich hörbar.
„Raus! Jetzt!“
„Das war ein Kompliment. Kunst ist nutzlos, wenn sie ohne Eindruck in der Masse verschwindet. Und an dich habe ich immer wieder gedacht, also haben deine...'Arbeiten' wohl ihre Daseinsberechtigung. Denkst du nicht auch?“
Die Tür schloss sich wieder und Michael war tatsächlich um ein paar Worte verlegen. Lowell hatte Recht. Schweigend begab sich der Künstler wieder in den Arbeitsbereich seiner Werkstatt, griff im Vorbeigehen noch nach seiner Tasse Tee. Zum Glück war sie noch warm.
„Sag mal, wohnst du hier eigentlich auch?“, fragte Lowell, der Michael folgte und sich schließlich an den Tisch mit der wartenden Auftragsarbeit setzte. Seine Augen wanderten, wie auch schon bei seinem ersten Besuch, einmal ausgiebig durch das Atelier.
Michael lehnte an der Wand zur Kochnische, nippte ruhig an dem warmen Getränk, bevor er sich umdrehte und den Teekessel wieder aufsetzte.
„Nicht wirklich. Weiter hinten ist noch ein Zimmer und ein Bad. Das reicht mir“, antwortete er knapp und entzündete die Feuerstelle unter dem Herd mit ein paar Streichhölzern. Die meiste Zeit verbrachte Michael aber trotzdem in der Werkstatt. Oft schlief er auf dem kleinen Sofa in der Ecke, wenn ihn ein Projekt richtig gepackt hatte und er das Gefühl hatte in seinem Bett würde ein seine Inspiration verlieren.
„Dem hier fehlt was“, hörte er Lowell sagen und er wusste, dass es sich auf die Statue am Werktisch bezog „An das Ding würde ich mich in 10 Minuten schon nicht mehr erinnern. Schmeiß es besser weg.“
Wie gerne Michael das tun würde.
„Das ist eine Auftragsarbeit. Wenn ich es wegschmeiße, bekomme ich kein Geld“, erklärte er und setzte Lowell eine Tasse mit Kaffee vor die Nase. Auf ein „Danke“ hoffte er allerdings vergebens. Nicht, dass er eines erwartet hatte.
„Ich weiß, wie Kommissionen funktionieren, Herr Bildhauer. Aber für so einen Schund bezahlt niemand auch nur einen Gil. Was soll das überhaupt darstellen?“
„Die Frau des Auftragsgebers.“
„Hm, ich hätte auf einen Zagnar getippt.“
Ruhig schlürfte Lowell seinen Kaffee und schien angestrengt nachzudenken. Was sollte Michael mit ihm anstellen? Dieser Fatzke kam einfach so in sein Zuhause, beleidigte seine Arbeit und saß mit einer Selbstverständlichkeit, auf die jeder Adel stolz gewesen wäre, an seinem Tisch. Michael sollte ihn schleunigst wieder hinauswerfen. Aus irgendeinem Grund wusste Lowell genau, welche Hebel er zu bedienen hatte, um Michael zur Weißglut zu bringen, obwohl sie sich eigentlich gar nicht kannten. Ob das mit der Schauspielerei zu tun hatte?
Als Lowell die Kaffeetasse erneut zum Mund führte, glitt ein kleiner Tropfen roter Flüssigkeit seinen Arm herab, wobei er einen Fleck auf der Rüsche seines Hemdes hinterließ.
„Sie bluten“, merkte Michael trocken an.
Der Schauspieler schaute zu seinem Ellenbogen und verzog verärgert das Gesicht.
„Klasse, Maylene wird mich umbringen“, sagte er als er den Fleck bemerkte. Die Wunde schien ihn weniger zu interessieren. Nachdem er einen Moment überlegt hatte, trat Michael einmal mehr in die Küche, befeuchtete ein Tuch mit kühlem Wasser und reichte es Lowell. Vergebliches Warten auf ein „Danke“, Teil 2.

„Pass auf!“, sagte der junge Schauspieler euphorisch, drückte sich dabei das Tuch auf den Ellbogen „Da du scheinbar noch nie eine nackte Frau gesehen hast, benutzt du am besten einen Trick. Wenn du hier...“
Er zeichnete mit den Fingern eine Form an der Silhouette der Figur entlang.
„...bis etwa hier, etwas anderes in den Fokus legst, ein Tuch oder Blumen oder Wasser, schmälert das optisch das Erscheinungsbild.“
Daran hatte Michael noch nicht gedacht. Der Auftragsgeber hatte zwar etwas 'Simples' verlangt, aber ein Stück Textil würde an der Einfachheit nichts ändern und das Ergebnis wäre trotzdem eleganter.
„An das Gesicht musst du auch nochmal ran“, führte Lowell fort „...die Züge müssen viel weicher sein. Stell dir vor sie denkt gerade an etwas unfassbar Schönes. An eine Liebeserklärung zum Beispiel. Versuche dir vorzustellen, wie du dich dabei fühlen würdest.“
Das könnte tatsächlich der Grund sein, dass er mit seiner Arbeit so unzufrieden war.
Fehlendes Gefühl.
Aber wie sollte er so eine spezifische Emotion, welche er selbst erst ein oder zwei Mal empfunden hatte, heraufbeschwören?
Außerdem bedeuteten diese neuen Einflüsse, dass Michael nochmal ganz von vorne anfangen müsste.

Still musterte er Lowell, der offenkundig extrem stolz auf sich und seine Weisheit war.
„Schau nicht so verdutzt, ich weiß, dass ich Recht habe. Ist beim Einfinden in eine Rolle nicht anders, wenn du genau darüber nachdenkst. Was du ganz offensichtlich noch nie getan hast“, flötete Lowell gut gelaunt „Vorbereitung ist das A und O jeder Kunstform.“
Michael spürte wie seine Ohren langsam heiß wurden. Allerdings hatte er keine Ahnung ob aus Wut oder aus Scham. Er wusste nicht mal, wie er sich verteidigen sollte. Natürlich hatten sie in der Akademie gelernt, unbekleidete Personen zu malen oder zu formen. Aber Michael hätte lügen müssen, wenn er behauptete, Akt wäre sein Lieblingsthema gewesen.
„Das reicht jetzt, Mr. Bridges. Ich danke Ihnen für Ihren...Rat, aber Sie sollten besser wieder gehen“, presste er aggressiv heraus.
Dieser arrogante Rotzlöffel. Was bildete er sich eigentlich ein?
„Ich kann nicht sagen, dass mich die bildende Kunst groß interessiert. Aber sogar ich sehe ihre Überschneidungen zu meinem Metier. Kunst lebt! Egal ob als Gemälde, oder auf der Bühne. Das Publikum muss merken, wie sie atmet, wie sie fühlt. Erst wenn du diesen Funken Gefühl in die Menschen bringen kannst, darfst du dich Künstler nennen“, philosophierte Lowell ungehindert vor sich hin und bemerkte nicht, wie sehr er damit das Feuer in Michael schürte. „Wenn du nicht mal das weißt, bist du bist noch stümperhafter, als ich dachte.“
„Jetzt hör mir mal zu. Kannst du dein übertrieben großes Mundwerk auch aufmachen, ohne dass beleidigender Mist rauskommt? Es reicht mir!“
Er packte Lowell unsanft am Handgelenk und zog ihn mit sich die Treppe hinauf zur Tür. Wütende Gedankenbrocken pulsierten in seinem Kopf, jetzt er wollte nur noch seine Ruhe. Ruhe vor diesem furchtbaren Mann, der sich ihm einfach aufgezwungen hatte.
„Sachte, sachte. Ich bin verletzt“, säuselte der Schauspieler amüsiert, während er sich hinter einem kochenden Michael her schleifen lies.
„Tja, ich auch“, knurrte Michael als Antwort, öffnete die Tür und schob Lowell auf die Straße.
Ein tiefer Atemzug. Dann noch einer. Und noch einer.
Schließlich hatte sein Puls sich wieder beruhigt und er setzte sich aufgewühlt auf die oberste Stufe der Treppe. Wie konnte Lowell es wagen?
Wie konnte dieser selbstgefällige Schauspieler es wagen, genau das zu sagen, was Michael nie in Worte fassen konnte?
‚Kunst lebt!‘ hallte es in seinen Ohren wieder und er hasste sich dafür, dass es gerade Lowell Bridges sein musste, der dieses ganz bestimmte Verständnis für Kunst mit ihm teilte.

Nachts war es um diese Jahreszeit trotz des mäßigen Klimas des Kontinents des Nebels ziemlich kühl und Michael war froh, noch einen einigermaßen ansehnlichen Umhang in seinem Kleiderschrank gefunden zu haben. Der Weg zum großen Theater war zwar nicht weit, aber ein Teil von ihm hatte Angst unangenehm aufzufallen, sollte er ohne Mantel auf dem Vorplatz erscheinen. Es war eine ungewohnte Abwechslung, sich ‚schick‘ zu fühlen. Mit den zurückgekämmten, braunen Haaren, der Weste und der dunklen Hose würde er zwischen den sonstigen Theaterbesuchern hoffentlich nicht negativ auffallen. Höchstens sein demotiviertes Gesicht könnte darauf schließen lassen, dass er eigentlich definitiv Besseres zu tun hatte, als sich ein Stück mit Lowell in der Hauptrolle anzuschauen.
Ein Bad im Glanz des jungen Stars kam ihm vor wie eine Dusche in Nägeln und bei jedem Schritt, den er vorwärts setzte, fragte er sich, warum er sich das antat.
Die Karte war ein Geschenk von seinem letzten Auftragsgeber. Da es Lowell war, der ihm schlussendlich das Genick bei der Statue gerettet hatte – oh, der Herr war SO entzückt –, würde es ihm sein Gewissen nie verzeihen, wenn er die Karte an jemanden abgab oder verfallen ließ.
Wenn er ehrlich war, wollte er an diesem Abend den Schlussstrich unter der ganze 'Lowell Bridges' Sache ziehen. Sein Leben hatte ohne diesen extravaganten Schnösel, der die vielen Gedanken, die Michael sich um ihn machte, definitiv nicht verdiente, weiter zu gehen. Diese Neugier, die in ihm brannte, würde mit dieser pompösen Darbietung an Selbstverherrlichung sicherlich erlöschen. Seit ihrer letzten Begegnung war für Michael klar, dass da etwas in Lowell war, was sein Interesse wert sein könnte. Natürlich wünschte er sich, dass er sich irrte. Immerhin war seine Menschenkenntnis schlecht genug, um sich irren zu können.
Und um sicher zu gehen, kam diese Eintrittskarte sehr gelegen.

Der Theaterplatz war bereits voll mit Menschen, als Michael die verzierte Steintreppe hinunter trat und beinahe augenblicklich in einen Pulk von quietschenden Frauen hineinlief.
Die geballte Weiblichkeit tuschelte leise Liebesbekundungen, während sie aufgeregt immer wieder ihr Aussehen kontrollierte. Besonderen Wert schienen sie dabei auf ihre prominent verpackte Oberweite und die kunterbunt bemalten Gesichter zu legen. Michael schauderte es bei diesem Anblick und er entferne sich schnell in eine ruhigere Ecke.
Waren das die intimeren Gesellschaften, die Lowell pflegte? So wirklich glauben, dass der Schauspieler sich bei Bedarf eine der Damen für ein privates Stelldichein herauspickte, konnte er nicht. Er entdeckte unter den Gästen auch einige sehr adrette Männer, die offensichtlich zu einer Begegnung zu zweit auch nicht nein sagen würden und er fragte sich, ob diese Herren mehr Lowells Geschmack trafen. Doch auch dieser Gedankenstrang, von dem Michael nicht mal seine Daseinsberechtigung verstand, verlor sich im Nichts. Sicher war nur, dass er selbst nichts fand, was diese eine bestimmte Aufmerksamkeit in ihm weckte. Weder Damen noch Herren oder sonst eine anwesende Person. Nicht, dass er bewusst Ausschau hielt, aber wenn man von solch einem Hormoncocktail umgeben war, tauchten solche Überlegungen schon mal auf.
Nach einer Weile verkündete ein kleiner, dicker Mann, dass man sich zügig auf seine Plätze begeben solle und innerhalb weniger Minuten strömte eine farbenfrohe Masse an Mensch in das Gebäude. Missmutig ließ sich Michael von dem Fluss mitreißen und fand sich erstaunlich schnell in einer der vorderen Stuhlreihen mit wunderbarem Blick auf die Bühne wieder. Er wollte heim. Jede Faser seines Körpers signalisierte ihm, dass er nicht hierhergehörte. Zwischen einem dickbäuchigen Mann mit gepflegtem Vollbart und einer älteren Dame, die vermutlich ihren gesamten Juwelenschrank am Leib trug, fühlte sich Michael wie ein einzelner roter Punkt auf einer schneeweißen Leinwand.
Diese Unauffälligkeit inmitten purer Auffälligkeit war ihm noch unangenehmer als anders herum und er was sich sicher, die Gestalten um ihn herum tuschelten bereits über seine verhältnismäßig einfache Aufmachung.
Der plötzliche Glockenschlag und das langsam dimmende Licht legten sich wie eine schützende Decke um Michaels nervöses Gemüt. Eine Welle der Erleichterung erfasste ihn, als eine sanfte Melodie den Beginn des Stückes ankündigte, doch er brauchte einige Augenblicke um durchzuatmen und sich auf das Geschehen vor ihm zu konzentrieren.
Auch wenn Michael bildender Künstler war, ein Teil von ihm hatte durchaus ein Auge für das Musische, das Darstellende.
Die ersten Szenen waren unspektakulär. Ein junger, verbannter Prinz macht sich auf den Weg sein Königreich zurück zu erobern, wobei ihm ein Magier beiseite steht. Während der Reise erfährt er von einer gefangenen Prinzessin und dass er eine göttliche Waffe erlangen muss, um das Böse zu besiegen. Michael kannte die Vorlage des Stücks; es war eines von Meister Avelons Werken, die er als Kind gern gelesen hatte. Es irritierte ihn, dass Lowell nicht die Hauptrolle des Prinzen innehatte, obwohl mit ihm die Werbetrommel geschlagen worden war. Und auch das restliche Publikum schien nur darauf zu warten, den großen Star endlich in Aktion zu sehen. Dabei machten auch die restlichen Schauspieler eine gute Figur, sodass Michael sich dabei ertappte, wie er Mitleid für das übrige Ensemble empfand. Sogar einige burmecianische Akteure waren unter ihnen, was keine Selbstverständlichkeit darstellte und in Michaels Augen Respekt verdiente. Gewöhnlich blieb das scheue Rattenvolk in ihrem Land des ewigen Regens. Nur selten arbeiteten Burmecianer in einem anderen der drei Großreiche des Kontinents des Nebels; vor allem seit Gerüchte über die mentale Instabilität der Königin von Alexandria kursierten.
„Gleich...“, hörte Michael ein Mädchen hinter sich flüstern. Wenige Augenblicke später reduzierte sich das Orchester auf feinste Harfenklänge, die Beleuchtung tauchte alles in mildes blau und mitten in einem Wust aus Tüchern, Rauch und Licht schwebte eine Gestalt auf die Bühne.
„Eis'ger Wind und der stetig Fluss der Zeit,
trug zu mir dies arm' Geschöpf.
O dein Flehen ward erhört, mein Prinz.
So wiegt doch schwer des Schicksals Last auf deinen Schultern.“
Ein Vakuum tat sich in der Atmosphäre des Theaters auf, als jedes anwesende Augenpaar auf das Geschöpf starrte, welches sich anmutig und vorsichtig über die vernebelten Bretter bewegte.
Feine Tücher umhüllten die grazile Silhouette, wie eine dünne Schicht Raureif eine Blume an einem kalten Wintermorgen. Die Haare flossen wie ein Bach um das kunstvoll dekorierte Gesicht; schlängelten sich bis hin zu einem beeindruckenden Blumenornament in der Nähe der Schläfe, und stürzten am Hinterkopf wenige Zentimeter in die Tiefe. Alles an diesem Bild war auf Perfektion ausgelegt. Jede einzelne Bewegung, jedes Blinzeln, jeder Herzschlag.
Michael spürte, wie das Blut in seinen Adern pulsierte.
„Seid gewarnt, O Prinz, denn dies Schwert aus Eis
soll gehorchen nur der tapf'ren Seel'
die ihr Herz der einzig wahren Flamme des Begehrens öffnet.
Strömt Hass jedoch aus seinen Taten, so wird auch die Klinge dahinfließen,
wie ein Rinnsal an Tränen.“
Mit der silbrig schimmernden Waffe in der Hand tänzelte das Wesen auf den Prinz zu und überreichte ihm, begleitet von einer ausladenden Geste, das Schwert. Eine schnelle Bewegung und wunderschöne weiße Arme schlossen sich um den Oberkörper des anderen Schauspielers.

„Wisse, dass ich auf ewig wache über dich
denn dein Blick traf den Meinen.
Jetzt und für immer.“
Und die Zeit stand für den einen Moment, indem sich ihre Augen trafen, vollkommen still. Michael war sich nicht sicher, ob dieses gottgleiche Wesen wirklich ihn ansah oder lediglich das Publikum.
Wie egal ihm diese Tatsache war, merkte er, als die Erscheinung weitersprach. Mittlerweile war sie allein auf der Bühne.
„Warum nur, Prinz, wagst du nicht zu verstehen
was mein göttlich Herz zärtlich zu dir flüstert?
So ist der Rinnsal an Tränen doch mein eigener.
So ist der Schmerz, dich ziehen zu lassen unerträglicher,
als jedes schwere Schicksal.“
Der Monolog war durchflutet von Emotionen. Herzzerreißend klagte der Geist sein Leid über die Ungerechtigkeit der Liebe dem leuchtenden Mond aus Papier am Hintergrund der Bühne. Kannte Michael diese Szene aus dem Buch? Erinnerte er sich daran? Er wusste es nicht. Doch er wollte es jetzt auch nicht wissen. Lieber ließ er sich auf den Gefühlen der Darbietung weitertragen, bis an einen Ort in seinem Herzen, der schon lange nicht mehr berührt worden war.
Das, was er dort sah, war Kunst. Und sie trieb ihm mit ihrer Schönheit die Tränen in die Augen.

Nach 90 Minuten ertönte die Glocke erneut, der Vorhang wurde gesenkt und der dicke Mann verkündete eine Pause. Zitternd starrte Michael auf seine Hände. In seinem Kopf rasten die Eindrücke, die er eben gesammelt hatte wie Stromschnellen durch jede Ecke seines Verstandes.
Er wollte dieses Stück doch sehen, um mit der Verwirrtheit der letzten Wochen abschließen zu können. Stattdessen kauerte er stumm auf seinem Platz und spürte, wie sich diese wunderbaren Momente von Lowell auf der Bühne immer weiter in sein Unterbewusstsein brannten. Zazas Erzählungen wurden der atemberaubenden Ausstrahlung des jungen Mannes nicht mal im Ansatz gerecht, das musste Michael zugeben. So schnell und unruhig, wie sein Atem gerade ging, fühlte er sich nicht bereit für den zweiten Akt. Doch die Neugier, die ihn fast in den Wahnsinn trieb, war viel zu erregend, als dass er sich jetzt aus dem Staub machen konnte. Er musste mehr sehen, viel mehr.
Das Bildnis dieser unglaublichen Erscheinung musste sich noch hartnäckiger in ihm festsetzen.
Es war Jahre her, dass Michael sich so inspiriert gefühlt hatte.

„Sollen mir, in meinen letzten Zügen,
meines Liebsten Tränen vergönnt sein?
Welch Glück...“
Der Wassergeist lag grazil in den Armen des Prinzen; streckte zärtlich eine Hand nach ihm aus. Eben hätte ein Angriff des bösen Zauberers den Prinzen um ein Haar aus dem Leben gerissen, doch das in Tüchern gehüllte Wesen hatte sich schützend vor ihn geworfen.
Michaels Augen hingen gebannt am Körper von Lowell. Er studierte jeden Millimeter, jede Bewegung und archivierte alles ordentlich in seinem künstlerischen Verstand.
„Mein Prinz wirst folgen deinem Herz,
auch wenn es ihr gehört, nicht mir.
Ich...werde hinter dem Horizont
auch deine Rückkehr...warten“
Die Harfe verstummte und der Geist sackte leblos an der Brust des Prinzen zusammen. Begleitend zu diesem dramatischen Geschehnis wurde das Licht gelöscht und hinter Michael schluchzten einige Besucher in ihre Taschentücher. Er selbst hingegen verharrte weiterhin bewegungsunfähig auf seinem Platz, während er versuchte das Gesehene zu verarbeiten.
Den Rest des Stückes ließ Michael auf sich niederprasseln, ohne groß emotional investiert zu sein. Er blieb aufmerksam, aber keine der Szenen erreichte auch nur die Nähe von Lowells Darbietung und als sich nach einer guten halben Stunde der Vorhang zu senken begann, seufzte er erleichtert. Die Menge hinter ihm überschlug sich unterdessen in ohrenbetäubenden Applaus, der wie eine Welle an Klang nach vorne preschte.
„Lowell, ich liebe dich!“
„Lowell!!“
„Nimm meine Hand, Lowell!“
Die geballte Weiblichkeit, die auf den hinteren Reihen sämtliche Nerven zu verlieren schien, kreischte und schrie und jaulte wie ein unangenehmer Chor an Fledermäusen. Das begleitende Klatschen der restlichen Besucher vollendeten das Lärmkonzert, während sich auf der Bühne der Dirigent seinen wohlverdienten Anteil an Applaus abholte. Gerade als Michael sich dazu entschlossen hatte, endlich diesem Gefühlsdurcheinander zu entfliehen, stapfte ihm der dicke Ansager in den Weg.

„Folgen Sie mir bitte, Herr Ravires. Sie werden hinter der Bühne erwartet“, brummte er mit leichtem Singsang in der Stimme auf eine der Holztüren an der oberen Seite des Orchestergrabens deutend. Zunächst verwirrt davon, dass sein Nachname bekannt zu sein schien, schlurfte der junge Künstler missmutig dem kleinen Mann nach. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Er wollte nach Hause, um nachzudenken. Sein Verstand rief ihm aus allen Richtungen zu, er müsse irgendwie dafür sorgen, dass sein Kopf leerer wird. Dass sein Körper sich beruhigt, denn das Blut schoss ihm nach wie vor mit viel zu viel Druck und zu heiß durch die Adern.
„Herr Bridges, Ihr Besuch“, verkündete der Ansager, als sie vor einer aufwendig dekorierten Tür im hinteren Bereich des Theaters standen. Michael hatte gar nicht mitbekommen, welche Gänge sie entlanggegangen waren, so sehr hatte er sich bereit in Trance gedacht.
Wie war das? Lowell?
Den wollte er gerade definitiv nicht sehen.
„H-halt, mir fällt gerade ein, dass ich dringend...“
Doch im nächsten Moment flog die Tür auf und die bekannte himmelblaue Haarpracht kam zu Vorschein, begleitet von diesem unverschämten Grinsen.
„Gut gemacht, Sebastian. Bring mir jetzt noch den Wein aus dem Kabinett“, sagte Lowell ohne ein Gefühl von Dankbarkeit in der Stimme, drehte sich um und verschwand wieder. Die Tür ließ er jedoch geöffnet.
Sebastian war schon hinter der nächsten Biegung verschwunden, bevor auch Michael kehrt machte. In seinem jetzigen Zustand allein mit dem Schauspieler zu sein, wegen dem er eben noch sowohl emotional als auch körperlich sehr angestrengt auf dem Platz an der Bühne gesessen hatte, gefiel ihm gar nicht. Das war gefährlich und er fühlte sich nicht in der Lage einer solche Gefahr entgegen zu treten.
„Mach die Tür zu, wenn du reinkommst. Es ist etwas zugig“, hörte Michael Lowell rufen. Zögerlich trat er wieder an die Garderobe heran; stierte durch den Spalt. Der Schauspieler stand, noch in seinem Wassergeist-Kostüm, vor einem mannsgroßen Spiegel und betrachtete sich ausgiebig von allen Seiten. Die Tücher schlangen sich noch genauso anmutig um seine schöne Figur wie Michael es während des Stückes bewundern durfte. Nach einem weiteren Moment des Zögerns, trat er schließlich ein und drückte die Tür mit einem leichten Klick zurück ins Schloss.
„Ich sollte nicht hier sein“, sagte der Künstler und wandte den Blick ab, um sich auf irgendetwas anderes als den posierenden Lowell zu konzentrieren. Der Ankleideraum war fast schon festlich eingerichtet. Nicht weniger als 3 Spiegel fanden sich an den Wänden wieder, sowie mehrere Büsten mit Teilen von Kostümen. In einer Ecke stand eine beeindruckende Kommode auf welcher diverse Pinsel und Fläschchen standen, direkt daneben eine Kleiderstange mit glitzernden Jacken und Hosen in endlos vielen Farben und Formen. Der ganze Raum war erfüllt von dem betäubenden Aroma der Blumen, die überall aufgestellt waren. Etwas anderes hatte Michael aber auch nicht erwartet.
„Natürlich solltest du, ich habe dich schließlich eingeladen“, kam es fast unmittelbar von dem Wassergeist vorm Spiegel, für den sein Bauch gerade das interessanteste Körperteil war „Und? Was hältst du von dem Stück?“
Voller Unbehagen schob sich der Künstler die Hände in die Hosentaschen.
„Es war...ganz nett“, murmelte er. Er sollte wieder gehen. Die Flucht ergreifen. Am besten gleich in eine andere Stadt ziehen.
Lowell löste elegant die Spange mit dem Blumenornament aus seinen Haaren, sie fielen anmutig wie ein kleiner blauer Fluss seinen Rücken herunter.
'Ohne die Locken viel länger als erwartet...', dachte Michael, dem jungen Mann, der sich ein Handtuch von einer Kommode genommen hatte, mit den Augen folgend. Ein leises Lachen entglitt Lowell auf die Antwort zu seiner Frage. Mit wenigen Schritten durchquerte er das Zimmer und blieb einige handbreit vor dem überraschten Michael stehen.
„'Ganz nett', also. Sah mir aber eben noch sehr anders aus“, säuselte Lowell süffisant; strich sich eine Strähne aus dem Gesicht „Ich habe mitbekommen, wie du an mir geklebt hast.“
Peinlich berührt stieg Michael die Röte in die Wangen. Unsicher wich er etwas zurück, bis die Tür im Rücken ihn stoppte, doch Lowell schob sich unentwegt immer näher an ihn heran.
„Mache ich dich nervös, Michael?“
„Was soll der Unsinn…“
Da war sie wieder. Diese seltsame Faszination, welche Michael auch schon während des Theaterstückes gespürt hatte und seinen ganzen Körper prickeln ließ. Jetzt tanzte dieser verrückte, kleine Funke in den gefährlichen bernsteinfarbenen Augen, die in wenigen Zentimetern Entfernung zu ihm hoch schauten. Sein Herz begann schneller zu schlagen, sein Fluchtreflex zerrte verzweifelt an seinen Beinen, welche sich aber weigerten, sich zu bewegen. Es fühlte sich an, als sei der junge Mann vor ihm wirklich ein wabernder Geist im Wasser und Michael vollkommen unfähig, auch nur einen winzigen Teil davon zu erfassen. Ein künstlerisches Mysterium, durch und durch.
Schließlich unterbrach Lowell mit einem hämischen Lachen den Moment und trat endlich einige Schritte von Michael zurück. Seine Arme gaben ein leises Knacken von sich, als er sich streckte.
„Beruhig dich, war doch nur Spaß“, sagte der Schauspieler gut gelaunt, tupfte sich mit dem Handtuch vorsichtig die Stirn ab. „Manchmal fällt man eben noch in seine Rollen.“
‚Das ich nicht lache…‘, murrte Michael in Gedanken zu sich und unterdrückte die Hitze, die in seine Wangen stieg. Für solche Art von Spaß war er absolut nicht zu haben.
„Also, warum sollte ich herkommen?“, fragte er Lowell, welcher gerade an seinem Garderobentisch Platz nahm und sich mit einer Bürste durch die Haare fuhr.
„Damit du dich bei mir bedanken kannst“, kam es als Antwort von dem Platz an dem beleuchteten Spiegel. Michael legte den Kopf schief.
„Bedanken?“
„Ohne mich hätte Monsieur Galagar nicht einen einzigen Gil für deine verhunzte Arbeit gezahlt. Außerdem hast du nur dank mir einen so guten Platz bei der Vorstellung bekommen.“
In Michael begann es zu brodeln. Nicht ein einziges Mal konnte er sich mit Lowell unterhalten, ohne, dass dieser ihn niedermachte oder in seinem aufgedunsenen Narzissmus schwelgte. Er bereute, jemals etwas Positives über diesen furchtbaren Ich-Menschen gedacht zu haben.
„Ich denke, damit sind wir dann auch quitt, oder? Wenn du schon mein Geld nicht wolltest“, seufzte Lowell und betrachtete eingehend sein Make-up. „Obwohl ein Autogramm gewiss viel mehr wert gewesen wäre.“
Keine Inspiration und kein Schauspiel der Welt waren es wert, dass er derart mit sich umspringen lies. Nichts rechtfertige diese beleidigenden Unterstellungen.
„Und wenn ich es dir beweise?“, presste Michael zwischen seinen Zähnen heraus, fixierte dabei Lowells Hinterkopf.
„Was beweisen?“
„Dass ich ein Kunstwerk erschaffen kann, dass mit deiner Darbietung mithalten kann.“
Der Schauspieler erhob sich von seinem Platz und drehte sich schwungvoll zu Michael um. Sein schönes Gesicht zierte ein Lächeln und die Augen leuchteten regelrecht vor Aufregung.
„Ist das ein Kompliment?“
„Nein“, antwortete Michael und bemerkte zu spät, dass auch er ehrgeizig zu grinsen begonnen hatte. „Eine Herausforderung.“  

Müde ließ sich Michael auf einen Stuhl in seinem Atelier fallen. Die letzten Tage waren anstrengend und schlaflos gewesen, aber selten hatte er so voller Energie und Motivation gestrotzt. Die Arbeit ging voran, die ersten Skizzen sahen gut aus und langsam, aber sicher konnte er damit beginnen, die Rohfassung zu finalisieren. Parallel musste er zwar noch an einer Auftragsarbeit malen, aber er zog so viel Inspiration aus seinem Passionsprojekt, um vorbildlich mit dem Gemälde fertig werden zu können. Endlich war der junge Künstler zufrieden mit sich. Eine Einschätzung, die er schon lange nicht mehr über seine eigene Person fällen konnte.
Die Turmuhr des Theaters am Ende der Straße verriet ihm, dass gerade eine Vorstellung zu Ende gegangen war und ein Seufzen entkam seinen Lippen. Michael erhob sich, befreite seine Hände von Farbresten und setzte den Wasserkessel auf den Herd.
Eine Melodie auf den Lippen saß er wenige Minuten später mit einer heißen Tasse Tee am Werktisch und kritzelte gedankenverloren Umrisse auf ein Blatt Papier. Dann klopfte es mehrere Male schnell hintereinander an der Tür.
„Lass mich rein, ich hab nur 10 Minuten Vorsprung“, rief eine bekannte Stimmt durch das gekippte Fenster. Ein weiteres Klopfen folgte.
Mit aller Ruhe der Welt stieg Michael die Treppe hinauf und öffnete absichtlich langsam die Holztüre, aber nur einen Spalt breit.
„Ja bitte?“
„Jetzt sind es nur noch 6 Minuten.“
„Ich kann die Türe auch wieder zu machen.“
Lowell lächelte amüsiert und stemmte die Hände in die Hüfte.
„Nur gut, dass du mich nicht einfach so im Stich lässt. Deswegen wirst du mir auch gerne eine Tasse Tee anbieten.“
Michael schüttelte geschlagen den Kopf. Er war sich sicher, dass alles an dieser Bekanntschaft gefährlich war und nur seine Nerven kosten würde. Viele Wutausbrüche und verwirrende Momente miteingeschlossen. Doch Michael wollte dieser inspirierenden Neugier nachgeben.
Außerdem hatte er eine Herausforderung zu meistern.
„Komm rein.“
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