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Die Mutprobe

OneshotDrama, Angst / P12 / Gen
OC (Own Character)
26.01.2021
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Andraste, steh mir bei...“ flüsterte Clément und wischte sich die kalten Schweißperlen von der Stirn. Das schüttere Haar klebte an seinem Kopf, so sehr schwitzte er. Der Orlaisianer stand vor dem hohen Gittertor der Villa d'Onterre und wagte es nicht, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Einst hatte er geschworen nie wieder dieses Gelände, geschweige denn das Haus, zu betreten. Doch hier war er nun. Verzweifelt, ängstlich, und doch entschlossen, das zu tun, was getan werden musste: seine Tochter dort heraus zu holen und gesund nach Hause zu bringen. Eines der Kinder, drüben bei Argons Kate, war heute morgen aufgeregt zu ihm gekommen und hatte erzählt, dass seine Tochter Molly in die Villa gegangen sei. Wohl als eine Art Mutprobe, die die Kinder sich ausgedacht hatten. Dass die Zehnjährige es wirklich wagte, in das Spukhaus zu gehen, um dort eine Nacht zu verbringen, hätten sie nie erwartet. Schließlich galt Molly eher als Angsthase, weswegen sie häufig gehänselt wurde.

„Wenn sie nur wüssten...“ murmelte Clement bitter. Ja, wenn sie nur wüssten, was er damals dort in dieser Villa ertragen musste, als er noch als Kämmerer für den Herrn arbeitete, sie würden sich vor Angst ihre kleinen Hosen voll machen.
Leise quietschend öffnete sich das Tor, als er sachte dagegen stieß und er trat ein in eine längst vergessene Zeit. Tatsächlich hatte sich seit damals hier nichts verändert. Wie viele Jahre waren es nun? Fünfzehn?

Der Vorgarten der Villa sah noch immer gepflegt aus, so als hätte der Gärtner niemals gekündigt. Der Weg zum Hauptportal des Hauses war frisch geharkt, Bienen summten um die Blumen herum, die links und rechts in den riesigen Kübeln wuchsen. Diese Idylle war jedoch trügerisch, das wusste Clément genau. Als er die Stufen zur Eingangstür erklomm, wurde der Kloß in seinem Hals immer größer. Erneut wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Er trat ein und sah, dass das Vestibül noch genau so aussah wie früher. Nach ein paar Schritten blieb er von einem Gemälde stehen, welches ein Portrait von Nanette d'Onterre zeigte. Die Tochter des Hauses, eine Abscheulichkeit, wie es sich später herausstellte. Doch bevor es dazu kam, ist die Familie und deren Bedienstete durch die schlimmsten Alpträume des Nichts gegangen. Vieles hatte Clément bereits verdrängt, doch niemals vergaß er das Gesicht dieses Mädchens.
Er wandte sich ab und warf einen Blick durch den fast dunklen Raum. Die Wände konnte er nicht sehen und er fluchte leise, weil er nicht daran gedacht hatte, eine Fackel oder eine Laterne mitzubringen. Seine Schritte hallten viel zu laut auf den Steinfliesen, denn sonst drang nicht das geringste Geräusch in das Haus, und auch Innen war kein Mucks zu hören. „Molly?“ flüsterte er.
Natürlich bekam er keine Antwort.
Er nahm all seinen Mut zusammen und schritt durch die rechte Tür. Seine Augen schienen sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt zu haben, denn hier in diesem Raum konnte er etwas besser sehen. Es war vielmehr eine Halle, in der er dort stand, ein Saal mit einer großen Tanzfläche in der Mitte. Sie war etwas erhöht und mit einem hölzernen Geländer gesichert. Die aufwendigen Schnitzereien waren an besonders filigranen Stellen leicht vergoldet, genau wie der Fußboden, der aus feinstem Parkett bestand. Dünne Goldlinien umrandeten die Tanzfläche, auf der schon unzählige Schuhe getanzt hatten, als die Zeiten noch unbeschwert waren. Doch waren sie wirklich je unbeschwert gewesen?

Clément seufzte leise, als er sich an die rauschenden Feste in dieser Halle erinnerte. Er schaute suchend umher, aber soweit sein Auge reichte, war auch hier keine Spur von Molly zu sehen. Sein Blick wanderte nach oben zur Decke, wobei er unwillkürlich lächeln musste. An acht Oberarm dicken Tauen hing eine Replik eines Fereldischen Frostrückens. Ein überaus beeindruckender hoher Drache, der in Angriffspose über dem Parkett 'schwebte'. Wie oft hatte er den Gästen einen riesen Schrecken eingejagt, bis sie erkannten, dass dieses Monstrum nicht echt war. Und das war jedesmal ein Spaß für jeden Bediensteten, wenn die stinkreichen Schnösel sich vor Angst fast die Hosen nass machten. Unbemerkt entgleisten seine Gedanken in die Vergangenheit zu seinem Herrn, General Mathieu d'Onterre. Ein gütiger Adeliger mittleren Alters, auch von vielen 'der Hundelord' genannt. Seine Weste war fast makellos weiß, bis auf einen einzigen, kleinen Schandfleck, den er nur allzu gerne vertuschte. Jeder im Hause d'Onterre wusste Bescheid über seine Tochter Nanette. Sie war schon als Kleinkind magiebegabt und hätte in einem Zirkel ausgebildet werden müssen. Doch die Eltern wollten das zuckersüße Ding nicht fort geben. Zu lange hatten sie auf die Geburt der Tochter gewartet. Das Kind war ihr Ein und Alles. Madame d'Onterre war fest davon überzeugt, dass die Magiebegabung der Kleinen zu schwach sei, dass man etwas unternehmen müsse, doch wie sehr sie sich da täuschte, sollte sich in den nächsten Jahren schmerzlich herausstellen.

Ein leises Surren holte ihn nach und nach aus seiner Gedankenwelt heraus; das Geräusch war schon länger da, doch es dauerte etwas, bis es der einstige Kämmerer wahr nahm. Es war eine Art metallischer Ton, vermischt mit statischem Knistern, und es schien von der anderen Seite des Saales zu kommen. "Molly? Bist du da?", fragte er zaghaft. Er spürte förmlich, wie die gerade noch nostalgische Stimmung ins Gegenteil kippte und zu panischer Angst wurde. Seine Arme kribbelten leicht, als sich die feinen Härchen aufstellen. War es gerade wirklich kühler geworden? Plötzlich verspürte er das dringende Bedürfnis diesen Ort sofort zu verlassen, und das Gefühl, dass ihn jemand oder etwas von hinten packen könnte, wurde nahezu unerträglich. Er ging so dicht wie möglich an die Wand und schob sich Schritt für Schritt seitwärts durch den Raum. So konnte wenigstens hinter ihm keine böse Überraschung auftauchen. Das Surren wurde lauter, als er sich der Kammer auf der anderen Seite des Saales näherte. Noch bevor er daran auch nur denken konnte, sprang die Tür ganz wie von selbst einen kleinen Spalt auf. Erschrocken wich er ein paar Schritte zurück, doch die Neugier siegte. Er versuchte einen Blick durch den Spalt zu werfen, aus dem gleißendes grünes Licht strahlte. Da er nicht genug sah, drückte er die Tür noch ein wenig weiter auf und er sah sich um. In einer Ecke stand eine steinerne Kugel auf einem Sockel. Von ihr kamen diese merkwürdigen surrenden Geräusche, und auch das grüne Licht. Er erinnerte sich daran, dass diese Skulptur schon immer dort stand, nur, dass sie damals nicht geleuchtet hat. Außer dem grünen Licht, gab es keine andere Lichtquelle hier, trotzdem schaute nochmal in die Ecken. Und dann sah er etwas, das ihm die Haare zu Berge stehen ließ: eine kleine Gestalt kauerte in eine der Ecken. Mit großen Augen sah sie ihn an, bewegte sich aber nicht. Clément atmete tief durch. „Molly?“ fragte er leise in der Hoffnung, seine Tochter würde sich in dieser Ecke verkrochen haben. Doch dann hörte er ein Knurren, so unmenschlich es nur sein konnte. Rückwärts stolperte der erschrockene Mann zur Tür heraus und rannte, ohne zu wissen wohin. Erst als er schwer atmend und schweiß überströmt im Freien stand, besann er sich. Er wollte gar nicht wissen, was er da gesehen hatte. Seine Tochter war das jedenfalls nicht. Die frische Luft tat gut, er spürte förmlich, wie die Angst wich und sein Verstand immer klarer wurde. Er befand sich im Garten des Anwesens. Eine Art Innenhof voller Blumen und einem großen Wasserbecken.
Und dann sah er sie: seine Molly! Sie trug ein weißes langes Hemd, welches ihr bis zu den Knien reichte. Ihr langes, rotes Haar wehte im Wind als sie sich im Kreis drehte. Die Arme hoch erhoben tanzte sie barfuß im knöchelhohem Gras.

„Molly! Dem Erbauer sei Dank, ich habe dich gefunden! Komm, wir gehen nach Hause. Du bist jetzt in Sicherheit!“ rief Clément erleichtert. Doch das Mädchen hörte nicht. Sie tanzte auf einer Art und Weise, wie er noch nie jemanden hat tanzen sehen. Zuckende Bewegungen, Pirouetten, und ein verzerrtes Gesicht. Erst jetzt sah er um sich herum überall dunkle Flecken im Gras und auf den Steinen. Es dauerte einen Moment, bis er erkannte, dass das Blut war. Und noch einen kurzen Moment länger dauerte es, bis er erkannte, dass seine Tochter nicht tanzte. Sie wand sich im Todeskampf. Sie starb!
„Nein! Nein, nein nein, Molly!“ seine Stimme überschlug sich als er zu ihr rannte, um sie aufzufangen. Gemeinsam sanken sie zu Boden.
„Papa...“ flüsterte das Kind. „Ich bin jetzt bei ihr...“ Ihre Augenlider flatterten noch ein letztes Mal, ihre Brust hob und senkte sich und danach war alles still.
Ein lautloser Schrei drang aus Cléments Kehle. Schluchzend wiegte er seine Tochter in seinen Armen. „Warum?!“ schrie er in den Himmel. Zorn und unbändige Wut vermischte sich mit seiner Trauer um sein Kind. Was war da passiert? Warum saß er hier mit seiner toten Tochter im Garten derd'Onterres? Im Hintergrund hörte er ein tiefes, leises Lachen.

„Und nun zu dir, Kämmerer. Du wärst besser nicht hierher zurückgekehrt."
Das war das Letzte, was Clément der ehemalige Kämmerer aus dem Hause d'Onterre noch hörte. Von Weitem sah er seine fereldische Frau Aggi und seine Tochter Molly in einem hellen Lichtkegel stehen. Und auch, wenn er genau wusste, dass beide tot waren, erkannte er, dass der Schrecken nun vorbei sein würde.
„Jetzt wird alles wieder gut...“, flüsterte er und rannte mit leichtem Herzen auf seine Familie zu.
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