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Nahtod

von shaack
GeschichteKrimi, Übernatürlich / P16 / Gen
Dr. Sydney Green Jarod Mr. Raines OC (Own Character)
26.01.2021
05.02.2021
8
10.556
 
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Bibliothek der Theologischen Fakultät, Pittsburgh, Pennsylvania, Sommer 2001


„Was würden Sie tun, wenn sie einen Brief erhalten würden, dessen Herkunft sich einfach nicht feststellen lässt, und als Absender vermerkt ist Gott selbst?
Genau so einen Brief erhielt der damalige Finanzberater und Gemeindeälteste einer Houston Mega-Church Robert Young. Dieser Brief veränderte sein Leben, seine Karriere, seine Ehe, Beziehung zu seinen Kinder und machte ihn zum beliebtesten Motivationsredner in den Südstaaten und des gesamten Bible-Belts. Robert entschied sich seine Mega-Kirche zu verlassen, und wie der Meister selbst, reist er durchs Land und verkündet ein kompromissloses Evangelium der Liebe.“


Jarod saß in der Bibliothek und las den Klappentext dieser Autobiographie schon zum zweiten mal. Neben dem Text war ein Foto des Autors mit seiner Familie.

Intensiv betrachtete er Robert Young, seine Frau Emma und die drei Kinder. Er wurde nachdenklich und erinnerte sich daran was damals im Center geschah als er an einer Simulation arbeitete, die diese Familie betraf.

Die Simulation, die er nicht lösen konnte.

Im Center, Blue Cove, Delaware, 1984

Als Jarod aufwachte bemerkte er, dass jemand neben seinem Bett stand. Die Person in seinem Zimmer hatte eine wütende, feindselige Gesinnung. Jarod vermutete, dass es einer von Raines Securities war, die ihn nicht ausstehen konnten. Um so überraschter war er als er sich müde umdrehte und in Sydneys Gesicht blickte.

„Steh auf!“, sagte Sydney streng.

„Sydney, du bist wieder hier?,“ fragte Jarod überrascht.

Sydney riss Jarod am Arm nach oben und schob ihn energisch aus dem Zimmer. Nichts, gar nichts, hatte Jarod von dem erledigt, was Sydney ihn aufgetragen hatte. Und Emma Young und ihr Sohn schwebten in Gefahr.

„Ich hatte dich gebeten, diese Aufgaben zu lösen.“

„Sydney ich...“ versuchte Jarod dazwischen zu fahren, um ihm begreiflich zu machen das Sydneys Zorn sich hier eindeutig gegen den Falschen richtete. Aber Sydney packte Jarod von hinten an der Schulter und schob ihn unbarmherzig nach vorne, immer weiter die langen Flure entlang.

„Du solltest endlich lernen, dass eine Aufgabe, auch wenn sie nicht gleich eine intellektuelle Herausforderung für dich ist, trotzdem mit großer Sorgfalt erledigt werden muss.“

„Aber Sydney, du weißt gar nicht was mir…“

„Auch wenn es dir nicht so vorkommt, es ist wichtig.“

„Ehrlich, ich wollte ja…“

„Es geht hier um Leben und Tod!“

Er hatte sich immer bemüht, Jarod soviel Freiheiten wie es in seiner Situation möglich war zuzugestehen. Aber nun war er überzeugt, dass die Geschäftsleitung recht hatte, wenn sie behauptete Jarod brauche mehr Disziplin.

Sie blieben vor einer grünen Eisentür stehen und Sydney öffnete sie.

„Rein da!“

Jarod stockte. Sydney wollte ihn in die Isolationszelle sperren. Er musste bisher nur ein einziges Mal dort rein. Und das hatte ihm auch schon gereicht. Nur die Androhung dort hineinzumüssen, hatte oft dazu geführt ihn wieder auf Kurs zu bringen. Außerdem war die Zelle noch enger als sonst, da Sydney sämtliche Bücher hineingestapelt hatte.

„Nein, Sydney! Bitte nicht! Lass mich jetzt nicht alleine. Bitte!,“ bettelte Jarod.

Sydney schob ihn rein.

„Du darfst wieder raus, wenn du fertig bist.“


Einige Tage vorher

Ein kurzer Windhauch blies die ersten gelben Blätter von der Platane in Sydneys Vorgarten. Sydney war im Haus und presste den Deckel seines Hartschalenkoffers fest nach unten bis die Schnappverschlüsse einrasteten.
Gut gelaunt fuhr er zum Centre. Noch einmal kurz nach Jarod sehen und dann ging es für drei Wochen nach Europa zum EuCoP, dem jährlichen psychologischen Forschungskongress.

Er hatte noch nicht mal ganz das Simulationslabor betreten, da kam ihm Jarod schon entgegen.

„Das ist doch nicht dein ernst, Sydney!“, beschwerte sich Jarod und deutete auf den meterhohen Stapel von Mathematikbüchern, die Sydney ihm hatte bringen lassen.

„Ich wünsche dir auch einen Guten Morgen“, antwortete Sydney gelassen. Er stellte seinen Koffer ab und ging die Metallgitterstufen zu seinem gläsernen Büro hoch. Jarod folgte ihm in einem Buch blätternd.

„Das ist... das ist doch für die siebte Klasse. Was soll ich damit?“

Sydney setzte sich in seinen Bürostuhl.

„Woher weißt du was in der siebten Klasse unterrichtet wird? Du warst nie in der Schule,“ fragte Sydney leicht amüsiert über seinen Schützling. Jarod klappte energisch das Buch zusammen und hielt es hoch:

„Es steht hier!“ konterte er.

„Zeig mal her.“ Sydney streckte den Arm aus und winkte mit den Fingern. Er blätterte durch das Buch und lächelte.

„Die Sieben steht für das siebte Semester an einer Universität also für einen Diplomstudiengang.“

Jarod presste seine Hände zu Fäusten zusammen. „Argh, na und, das ist Kinderkram.“

Sydney lehnte sich zurück und hielt die Fingerspitzen aneinander.

„Die Herausforderung besteht nicht im Niveau der Rechenaufgaben sondern in der Menge. Es eine Übung der Gewissenhaftigkeit. S'ist auch Statistik dabei. Das magst du doch.“

„Wozu?“ fragte Jarod trotzig.

„Emma Young,“ sagte Sydney während er die Akte zu dem Fall aus der Schublade holte, „eine Hausfrau und Mutter. Landesrekordhalterin im Dauerstricken. Sie schaffte drei Tage, acht Stunden und 24 Minuten. Regelmäßige Teilnahme bei nationalen und internationalen Dominostein-Turnieren. Ihre Leidenschaft sind Puzzle ab 10000 Teile und das hier.“

Er nahm ein nahm eine schwarze Papierseite aus der Akte und reichte sie Jarod. Es war eine Seite Karopapier auf der jedes einzelne Kästchen mit einem Kugelschreiber komplett ausgemalt war. Nicht ein winziges Stück war weiß geblieben. Sydney kommentierte:

„Das ist ein Teil eines Kästchenportraits von George Bush.“

„Sie ist eine sehr geduldige Frau,“ schlußfolgerte Jarod
.
„Ganz genau, gut erkannt. Warum tötet sie dann im Affekt eins ihrer Kinder?“ Jarod blickte erstaunt auf.

„Was steht im Vernehmungsprotokoll?“ Er betrachtete ein Passbild des ermordeten Jugendlichen welches in der Akte lag.

„Akute nervliche Überlastung.“

„Kann denn eine Mutter ihr Kind töten, Sydney?“

„Wir werden herausfinden, ob sie sie's war. Dazu musst du diese Aufgaben lösen. Alle!“ Sydney stand auf.

„Musst du schon gehen? Wann kommst du wieder?“

„Das weißt du doch, Jarod.“

„Ist Emma Young zurzeit in Untersuchungshaft? Der Fall wurde doch von der Polizei geklärt. Wieso wurde das Centre damit beauftragt?"

„Der Auftraggeber ist ihr Anwalt. Darüber brauchst du dir noch keine Gedanken machen. Mach erst die Übung. Hast du gehört?“

Jarod antwortete mit einem lahmen „Ja“.

Sydney klappte die Akte zu und legte sie zurück in die Schublade. Dann schob er Jarod aus dem Büro und schloss es ab. Er nahm seinen Koffer und hielt Jarod die Hand hin.

„Auf Wiedersehen, Jarod.“

Jarod gab ihm einen schwachen Händedruck.

„Wiedersehen“, murmelte er.
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