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Phantomfeuer

von memoirst
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Het
Marco der Phoenix OC (Own Character) Puma D. Ace / Gol D. Ace Thatch Whitebeard alias Edward Newgate
26.01.2021
19.04.2021
10
34.920
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08.04.2021 3.340
 
PHANTOMFEUER




Dolch in den Rücken






Thea neigte den Kopf. »Pops.«

Das flackernde Licht der Öllampe warf zuckende Schatten auf sein Gesicht und auf die Kajütenwand hinter ihm.
Whitebeard sah von dem Logbucheintrag auf, die Schreibfeder so unfassbar klein in seinen gewaltigen Händen. Der unordentliche Schreibtisch aus massivem Eichenholz, hinter dem er sich niedergelassen hatte, trug zusätzlich dazu bei, seine unmenschliche Größe zu unterstreichen.

Bei dem Anblick des Kniefalls schnaubte Whitebeard belustigt. »Das ist kaum nötig, Kind. Schon gar nicht, wenn du mich dabei mit Pops ansprichst.«
Thea kam auf die Füße und rieb sich den Hinterkopf, ein wenig betreten. So viel dazu. »Du wolltest mich sehen?«

Das Stimmenwirrwarr des Saufgelages wurde von dem Holz der Kapitänskajüte nur dumpf hindurchgelassen.
Das Vibrieren der Planken hingegen, dem Hüpfen und Tanzen von draußen geschuldet, konnte Thea bis in die Fußsohlen spüren.

Der Kaiser klappte das Büchlein zu. »Morgen ankern wir auf Valney, wie du vermutlich weißt. Ich habe kein Interesse daran, länger als einen Tag auf der Insel zu verbringen – zu viele Marineschiffe in den Gewässern um Valney herum. Die sind schon lange genug auf unserer Fährte und dort im Hafen sitzen wir auf dem Präsentierteller.«
Sie nickte knapp.

Whitebeard kratzte sich mit der Feder am Kinn. »Seit einer Weile machen in der Neuen Welt Nachrichten über einen Rookie die Runde – blutjung und hitzköpfig, aber ein talentierter Schwertkämpfer mit einem Kopfgeld in Dreihundertmillionen-Höhe.«
Thea legte den Kopf schief. So oder so ähnlich hatte die Wortwahl vor einem Monat auch gelautet. Das ist ja fast ein Deja vu. »Doma von den Barrakuda-Piraten?«
»Sehr gut.« Da war ein Lächeln hinter dem weißen Schnauzer. »Ein Emporkömmling, wenn du mich fragst. Trotzdem, wer sich erfolgreich in der Neuen Welt über Wasser halten kann, den will ich nicht unterschätzen. Ich möchte, dass du dich auf Valney nach Informationen über ihn erkundigst. Wo er sich gerade aufhält, im besten Fall.«

Thea zögerte für einen Wimpernschlag, ehe sie erneut den Kopf neigte.

Whitebeard entwich ein Glucksen. In den dunklen Augen spiegelte sich das Licht der Öllampen.
Er machte eine auffordernde Handbewegung. »Nur keine falsche Scheu.«
Sie trat von einem Fuß auf den anderen. »Ein neuer Anheuerungsversuch?«

Es gefiel ihr nicht, wie schnell er ihre Körpersprache lesen konnte – einer der Gründe, warum sie sich ungern allzu lange mit dem Kapitän unterhielt.
Vor einem Jahr, als Thea dem Mann, den sie zu töten gelobt hatte, zum ersten Mal gegenübergestanden und um Aufnahme in die Crew gebeten hatte, wäre ihre Aufgabe wegen dieser unheimlichen Menschenkenntnis beinahe an Ort und Stelle gescheitert.
Da war ein Kribbeln in ihrem Nacken, als sie an den Blick zurückdachte, bei dem sie gedacht hatte, dass er ihr damals für einen furchtbaren Moment durch die Maske in den Kopf schauen konnte.

Thea würde sich anstrengen müssen, die Dinge, die tiefer begraben waren als banale Fragen, weiterhin hinter Schloss und Riegel zu halten.

Whitebeard winkte grinsend ab. »Nein, nein, kein Anheuerungsversuch. Ich glaube fast, fürs Erste haben wir mit unserem Neuzugang alle Hände voll zu tun.«
»Das kann man wohl sagen«, murmelte sie. »Er weiß, dass ich den Spade-Piraten nachgestellt habe. Eben beim Trinken ist es rausgekommen. Ich habe nicht aufgepasst, tut mir leid.« Dann, leiser: »Er hat’s nicht gut aufgenommen.«
Mit dem Federkiel tippte der Kaiser nachdenklich das geschlossene Logbuch an. »Alles andere hätte mich gewundert.«

Thea wippte auf den Zehenspitzen.
Aus Gewohnheit zuckte ihre Hand zu Hybris, aber sie fing sich noch in der Luft und verschränkte stattdessen die Arme vor der Brust. »Wenn wir morgen auf Valney ankern, wird Ace kaum auf dem Schiff bleiben. Darf ich fragen, was der Plan ist? Ihn ins Schiffsgefängnis zu stecken, wird in einer Katastrophe enden, ihn in Ketten legen ebenso, aber anders-«
»Warum um alles in der Welt-« Whitebeard runzelte die Stirn. »-sollte ich das tun?«
Thea blinzelte überrumpelt. »Weil er …«, begann sie vorsichtig. »Er macht sich doch sonst auf und davon.«

Da war ein Moment der Stille.

Dann warf der Kaiser den Kopf zurück und lachte schallend.
Er lachte so laut und so dröhnend, dass es nicht mehr das wilde Tanzen von draußen war, das die Planken vibrieren ließ. Es war ein Lachen, das seine imposante Gestalt wenn möglich noch größer erscheinen ließ.

»Da würde ich mir gar keine Sorgen machen«, grinste Whitebeard, nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte.
Das genuschelte So lustig war’s jetzt auch wieder nicht wurde mit einem Glucksen beantwortet.
»Ace wird nicht auf der Moby Dick bleiben, solange wir im Hafen vor Anker liegen, dessen bin ich mir sicher. Vielleicht ist das gar nicht schlecht für ihn – ein bisschen Abstand zur Crew zu haben, nachdem, was heute passiert ist. Aber fliehen?« Er lachte auf, als wäre allein das Wort zu absurd, um ernst zu bleiben. »Bei Davy Jones, der Junge wird nicht fliehen

Thea presste die Lippen aufeinander. »Woher willst du das wissen … Pops?«, ergänzte sie hastig.
Das Grinsen hinter dem weißen Schnauzer wurde breiter. »Weil er mich noch nicht umgebracht hat, natürlich.«

Da war ein Gedanke in ihrem Kopf, blitzartig, unwillkürlich, furchtbar: Er weiß es.
Sofortiger Angstschweiß, der ihr in Perlen den Rücken herunterrollte. Eine eiskalte Hand schloss sich um ihre Körpermitte.
Er weiß, wer ich bin.

Aber das war nicht möglich, das war überhaupt nicht möglich.
Thea zwang ihr klopfendes Herz, viel zu laut in ihren Ohren, zu einem annehmbaren Tempo.
Schließlich hatte Whitebeard keinen Grund, sie zu verdächtigen.

Da waren zwar Pläne – Pläne über Pläne über Pläne – aber keinen davon hatte Thea bisher in die Tat umgesetzt. Es existierte kein einziger Versuch, der Whitebeard auf ihre Fährte führen konnte.
Sie musste zuerst nachdenken, sich zuerst über alle Komponenten im Klaren sein, sich zuerst in eine perfekte Position begeben, bevor sie zuschlug.

Anders als die Feuerfaust konnte sich Thea keine fünfzehn Fehlversuche leisten.

»Er wird wiederkommen«, schloss Whitebeard, als wäre damit alles gesagt. »Soll er sich auf Valney austoben, wie er will, aber Ace wird wiederkommen. Dafür lege ich meine rechte Hand ins Feuer.«
Thea räusperte sich angestrengt, nickte dann. »Wenn du es sagst.«

Er warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. Mit einigem Schrecken konnte Thea beobachten, wie die kantigen Züge weicher wurden. »Mir ist bewusst, dass ich dich im Moment viel durch die Neue Welt scheuche, Mädchen, aber ich bin zufrieden mit dir. Kaum zu glauben, dass es bereits ein Jahr her ist, seit du hier angeheuert hast. Du bist mir in den letzten Monaten eine große Hilfe gewesen.«

Da war ein dicker Kloß in ihrem Hals.
Und auf eine Weise war das noch viel schlimmer als die kalte Hand oder der Angstschweiß.

Thea knickste stumm, die Zähne hinter der Dämonenmaske zusammengebissen.

Whitebeard lachte erneut auf und erhob sich von seinem Platz am Schreibtisch. »Das mit dem übertriebenen Respektzollen kriegen wir auch noch hin.« Er zog an ihr vorbei und hielt auf die Kajütentür zu, während er sich den Bauch rieb. »Ich hoffe für euch Jungspunde, dass ihr mir was vom Sake übriggelassen habt.« Bevor er die Hand nach der Klinke ausstreckte, warf er einen letzten Blick zurück. Seine Mundwinkel hoben sich. »Du machst deine Sache gut, Thea.«

Wie konnte ein Kompliment nur einem Schlag ins Gesicht gleichkommen?

»Danke, Pops«, sagte sie leise und der Kaiser nickte ihr zu, ehe er die Kapitänskajüte und den Öllampenschein hinter sich ließ.
Schiefe Gesänge und Gelächter nahmen an Lautstärke zu, als die Tür aufgestoßen wurde, nur um dann fast vollends zu verstummen, sobald sie wieder ins Schloss fiel.

Theas Brustkorb hob und senkte sich unregelmäßig.
Mit zitternden Fingern strich sie sich über die braunen Locken, bevor sie die Arme hängen ließ und die Fäuste ballte.
Raus mit dir, dachte sie. Geh raus und hab Spaß und reiß dich verdammt nochmal zusammen.

Und trotzdem wollten ihr die Worte nicht aus dem Kopf gehen. Du machst deine Sache gut, Thea.
Mit Lorelei hatte es ein ähnliches Problem gegeben – ein bisschen Lob hier und da und Thea kam ins Wackeln, verzieh so viel und vergaß noch mehr.

Adelia hatte sie einmal als dressierten Hund bezeichnet und das, so viel mehr als alle anderen Seitenhiebe – übertragene wie wortwörtliche – hatte geschmerzt.

Sie waren so unterschiedlich, Whitebeard und Lorelei, aber die Wirkung war die gleiche.
Mit einem Mal war Thea wieder neun Jahre alt und etwas in ihr verdrehte und verbog sich in alle Richtungen, um der erstbesten Person zu gefallen, die ein nettes Wort für sie übrig hatte.

Aber was blieb auch übrig, am Ende des Tages – unter weißen Hemden und Masken und Lachen und dämlichen Witzen, nichts davon ehrlich, nichts davon aufrichtig?
Was blieb übrig, unter all der Schauspielerei?

Was war sie überhaupt wert, wenn sie niemandem zunutze war?

»Du«, sagte Thea in den leeren Raum hinein, bevor sie auf dem Absatz kehrtmachte, »bist ein kindischer Idiot.«

Danke, Pops. Ihr entwich ein Schnauben, zu hoch und falsch in ihren Ohren, ehe sie die Tür aufstieß.
Der Stimmchor eines besonders langen, besonders komplizierten Trinkspruches schallte ihr entgegen.
Reiß dich zusammen, dachte sie erneut.

Pops war bloß eine Höflichkeitsbezeichnung, eine Gewohnheit. Mehr nicht.
Und wie schnell Pops zu Whitebeard, der stärkste Mann der Welt werden würde, sobald er erfuhr, dass sich neben der Feuerfaust noch ein anderer Attentäter auf der Moby Dick befand – das wollte sich Thea gar nicht ausmalen.








Valney – riesiges, geschäftiges, lebhaftes Valney – erstreckte sich in all seiner Kopfsteinpflasterpracht vor ihr.

Die Sonne brannte von einem wolkenlosen blauen Himmel auf die bunten, windschiefen Häuserdächer hinab.
Die Marktstraße mit den unterschiedlichen Ständen und den Leinenplanen in allen Regenbogenfarben war überrannt von Passanten, die ihre Wocheneinkäufe erledigten. Der Trubel war nicht so groß, dass er Theas Sicht vollkommen versperrte, aber die Menschenmassen wuselten dicht genug umeinander, dass sie zwischen ihnen verschwinden konnte.

Man hatte kaum einen zweiten Blick für Thea übrig, wenn man sie auf der Straße traf – ob mit oder ohne Maske.
Augen glitten einfach über sie hinweg, mussten aktiv nach ihr suchen, um sie im Gedränge ausfindig zu machen. Die Dämonenmaske erschwerte die Sache nur, wenn man sie bereits entdeckt hatte, und wenn sich Thea wirklich anstrengte, jeden Laut und jede Zuckung aus ihren Bewegungen zu verbannen, dann war auch das kein Problem mehr.

Haki gepaart mit Training gepaart mit dem angeborenen Talent, absolut und vollkommen niemand zu sein, nicht viel greifbarer als Rauchschwaden.

Wenn Seiltänzerschuhe über Kopfsteinpflaster glitten, schnellschrittig und still, dann war Thea ein Gespenstermädchen zwischen Nebelgestalten.

Gut so. Sonst hätte Ace sie vermutlich längst bemerkt.

Thea war nicht die Erste gewesen, die vom Schiff spaziert war, als der Anker ausgeworfen und die Planke schließlich mit einem dumpfen Klonk ausgefahren worden war.
Obwohl sie bereits in den Startlöchern gestanden hatte – bewaffnet mit Hybris und einem kleinen Notizbuch an einem Gürtel um ihren rechten Oberschenkel – war ihr der Neuzugang zuvorgekommen.
Ace hatte sich von der Reling auf den Holzsteg des Hafens fallen lassen, sobald der Sprung überhaupt zu bewältigen war. Einen Blick zurück hatte er sich gespart, bevor er die Hände in die Taschen gesteckt und Richtung Stadtinneres geschlendert war.

Und nun klapperte Ace die Marktstände ab.
Er verwickelte den ein oder anderen Händler lachend in ein Gespräch, fuhr mit den Fingern über die teuren Seidenstoffe, die auf den Verkaufstischen ausgelegt waren, und ließ hier und da einen Apfel mitgehen, völlig unbemerkt.

Thea hob die Augenbrauen. Ziemlich fröhlich, wenn man die Umstände berücksichtigt.

Hinter der Markstraße begann das Gastronomieviertel mit den Bars, in die es Thea zog. Wenn sie irgendwo Auskunft über Doma erhalten würde, dann in einer dieser Spelunken.
Aber die Dinge konnten ja nie einfach sein, also stand sie hier im Schatten einer Dachplane und überlegte, wie sie sich am geschicktesten an der Feuerfaust vorbeischleichen konnte.

Observationshaki – besonders stark ausgeprägtes – konnte ihrem Geisterdasein noch immer den ein oder anderen Knüppel zwischen die Beine werfen.

Thea biss sich auf die Lippe.
Sie hatte an diesem Tag genug zu tun – gegen Abenddämmerung würden die Whitebeard-Piraten wieder ablegen und die Sonne stand schon beinahe im Zenit. Da musste sie nicht zusätzlich hinter jemandem herdackeln, der ihr einen Feuerball entgegenschicken würde, wenn er sie sah.

Thea tat die Verfolgungsjagd von Wano nach Calma Bay nicht leid. Nicht leid genug zumindest, um sich zu entschuldigen.
Eine kleine Stimme sagte ihr, dass sich der Rookie sowieso nicht davon beeindrucken lassen würde, und es wäre ohnehin ein unnötiger Aufwand. Ace war bei Davy Jones niemand, mit dem sie sich gut stellen musste.

Aber irgendetwas in ihr sträubte sich gegen die Aussicht, einfach an ihm vorbeizuspazieren.
Und wenn es Selbstschutz war.
Eine Flammensäule bei Sichtkontakt – und war der noch so unwahrscheinlich, wenn sie sich wirklich anstrengte – wollte Thea vermeiden.

Der penibel genau gezogene Sicherheitsabstand verringerte sich, als Thea in den Schatten der Leinenplanen ein wenig näher schlich.

Ace war an einem Schmuckstand stehen geblieben und beugte sich interessiert über die funkelnde Ware.
An dem Stand brach sich die wuselnde Menschenmenge wie an einem Felsen in der Brandung. Der Standbesitzer verzog das Gesicht, während er den jungen Mann beobachtete, der ganz offensichtlich Pirat war.

»Sind die echt?«, hörte Thea die Feuerfaust fragen. In den Händen hielt er eine kurze Kette mit dicken, hellroten Perlen, die im Sonnenlicht aufblitzten.
»Beleidige mich nicht, Junge«, brummte der Händler. »’Türlich sind die echt. Übrigens ist die Regel, dass man zu kaufen hat, was man antatscht.«
»Ja, ja«, machte er gut gelaunt und legte die Kette vorsichtig wieder auf dem Verkaufstisch ab, griff stattdessen nach einem kleinen bemalten Handspiegel und hielt ihn auf Augenhöhe. »Ich kauf‘ auch noch was, ich muss nur erst-«

Ace verstummte.
Über das Gesicht seines Spiegelbilds huschten in Rekordzeit eine Reihe breitgefächerter Emotionen, bevor sie schließlich bei einem feinen Lächeln hängen blieben.

Thea runzelte die Stirn. Was denn jetzt?

»Nun?«, erkundigte sich der Standbesitzer mit gehobener Augenbraue. »Soll’s der Spiegel sein?«
Ace räusperte sich und legte den Gegenstand zurück. »Weiß noch nicht. Die Kette finde ich eigentlich auch ganz schön, aber ich habe ein bisschen Angst, dass sie mir nicht steht.« Er hob die Stimme. »Was meinst du dazu, Thea?«

Sie erstarrte in der Bewegung, für einen Moment vollkommen sprachlos.
Da waren Passanten zu allen Seiten, die keinen einzigen Blick für sie übrig hatten, für die sie erwartungsgemäß noch immer versteckt war.
So ein mächtiges Haki? Auf die Entfernung kann nicht mal Lorelei- Dann konnte Thea spüren, wie ihr die Gesichtszüge entgleisten. Doch nicht etwa über den blöden Handspiegel?!

Ace wartete geduldig. Das feine Lächeln blieb unverändert.

Wie nützlich es war zu wissen, dass ihr Spiegelbild nicht genauso gut zwischen den Menschenmassen verschwand wie Thea selbst. Wirklich, sehr interessant.
Aber nicht unbedingt eine Entdeckung, die sie gerade jetzt machen musste.

»Was denkst du?«, wiederholte Ace, laut genug, dass sich einige Köpfe zu ihm umdrehten. »Soll ich sie mir kaufen?«

Thea konnte die Tonlage nicht wirklich einschätzen – höflich und neugierig und selbstverständlich vollkommen unaufrichtig.
Sie hätte große Lust gehabt, auf dem Absatz kehrt zu machen, so zu tun, als hätte sie ihn nicht gehört.
Aber das käme einer weißen Fahne gleich und die Blöße musste sie sich nicht zusätzlich geben.

Also trat Thea aus dem Schutz der Dachplane ins Licht, ignorierte den Schauer im Nacken und tat, als wäre das alles geplant gewesen. »Die rote Kette, ja?«

Der Händler hob bei dem Anblick der Dämonenmaske beide Augenbrauen, sagte aber nichts.
In der Neuen Welt war er wohl deutlich schrillere Gestalten gewohnt.

Ace nickte. »Ganz recht, die rote Kette.«
Thea legte den Kopf schief. Sie war hübsch genug, fein gearbeitet, und die dicken münzgroßen Perlen blitzten auf, wann immer die Sonne auf sie fiel. Getragen würde sie eng an der Haut aufliegen, kaum das Schlüsselbein berühren.

»Ein wenig unpraktisch, meinst du nicht?«, befand sie schließlich.
»Unpraktisch?« Er überlegte. »Schützt den Hals, oder nicht?«
»Was denn, die Glasperlen?«

Der Händler schnappte empört nach Luft. »Das ist gefärbtes Perlmutt, wenn ich bitten-«
»Eigentlich hast du recht«, unterbrach ihn Ace. »Vielleicht sollte ich mir dann lieber einen schicken Gürtel holen. Oder eine Weste.« Nachdenklich strich er über die Kette, ohne aufzusehen. »Für das nächste Mal, wenn man mir in den Rücken sticht.«

Wider Erwarten erschienen dunkelrote Flecken auf ihren Wangen.

»Nennt man das so?« Thea trat zu ihm an den Stand und griff ebenfalls nach den Perlen, ihr Ton genauso beiläufig wie seiner. »Wenn man sich freiwillig in die Klinge wirft?«
»Wusstest du eigentlich«, fragte Ace gutgelaunt, »dass man Schadensbegrenzung nicht dadurch betreibt, dass man ein Messer einfach wieder rauszieht?«
»Wusstest du denn«, erkundigte sich Thea freundlich, »dass man jemandem nur in den Rücken stechen kann, wenn man diese Kehrseite überhaupt vor sich hat?«
»Wäre nicht ganz so schlimm gewesen, wenn man danach nicht auf lieb Kind gemacht hätte.«
»Ich weiß ja nicht, wo du in den letzten anderthalb Wochen warst, aber wenn du glaubst, dass ich nett zu dir gewesen bin-«

»Wollt ihr«, unterbrach der Händler, dessen Augen zwischen ihnen hin und her huschten, als verfolge er ein Tennismatch, »die Kette jetzt kaufen oder nicht?«

Sie wechselten einen langen Blick – Ace mit gehobenen Augenbrauen, Thea mit vor der Brust verschränkten Armen – bevor sie verärgert nach dem kleinen Säckchen griff, das an ihrer Hüfte baumelte.

»Wie viel macht das?«
»Fünftausendfünfhundert Berry.«

Thea zuckte scharf zusammen und dann gleich nochmal, als er ihr das Geld aus der Hand nahm.
Da ging gerade ein ganzes Sechstel ihrer angesparten Berryscheine flöten. Und das für verdammte Glasperlen.
Gefärbtes Perlmutt, so ein Quatsch!

Sie warf der Feuerfaust einen pikierten Blick zu. »Zufrieden?«
Ace verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Zufrieden wäre ich, wenn du mir verraten würdest, warum du mir nachstellst. Schon wieder«, betonte er, was ihre Augenbraue zucken ließ. »Soll mir der alte Mann selber hinterherspionieren, wenn er was wissen will.«
»Ich bin nicht wegen dir hier, mach‘ dir keinen Kopf. Das Gastronomie-Viertel ruft.«

Er schnaubte belustigt. »Hat Marco nicht mal gesagt, dass ihr tagsüber nichts trinkt?«
»Soll er für sich selbst reden«, murmelte Thea und fischte die Kette, eingepackt in einer braunen Papiertüte, aus der ausgestreckten Hand des Standbesitzers, nur damit Ace sie ihr seinerseits abnahm. »Ich plane nicht, mich volllaufen zu lassen, keine Sorge. Ich habe-«
»-einen Auftrag«, beendete Ace mit einem dünnlippigen Lächeln. Der Verschluss der Kette rastete in seinem Nacken ein, sobald sie den Schmuckstand hinter sich ließen. »Ich vergaß.«

Thea senkte den Blick nicht.
Sie war der Späher der ersten Division und als solcher fielen ihr nun mal Aufgaben zu, die sie zu erledigen gedachte. Ob Ace es nun guthieß oder nicht. Schuldgefühle waren fehl am Platz. »Genau, einen Auftrag. Und dafür muss ich die nächste Piratenbar ausfindig machen. Also, wenn du mich dann entschuldigen würdest …«

Ace starrte aus zusammengekniffenen Augen zu einem wolkenlosen Himmel empor.
»Piratenbar, was?«, wiederholte er nachdenklich, bevor er langsam zu nicken begann. »Okay, warum nicht? Mittagessen ist sowieso schon längst überfällig.«

Thea, die bereits Anstalten gemacht hatte, vorauszuziehen, hielt inne. »Willst du … mitkommen
»Wenn du schon so charmant fragst.«

Sie runzelte die Stirn, als Ace sie hinter sich ließ, leise vor sich hin pfeifend, und die Marktstraße entlang schlenderte. Plant der etwas? Wie bei dem Rundgang auf der Moby Dick?

Thea zog das Tempo an, um ihn einzuholen. »Ich dachte, du bist wütend.«
Er unterbrach sein Pfeifkonzert gerade lang genug, um »Oh, das bin ich« zu antworten.
»Und dann willst du mit mir zusammen Mittagessen gehen, weil …?«

Ace wandte den Kopf und grinste ihr ins Gesicht. Da war ein Funkeln in seinen Augen und ein Funkeln um seinen Hals, als die dicken Glasperlen das Sonnenlicht einfingen. »Weil du zahlst, Thea.«









hallöchen!

ich habe es zwar schon im letzten kapitel gesagt, aber ich freue mich wirklich unglaublich über den valney mini-arc!

vielen lieben dank an dieser stelle für die tatkräftigen review-schreiber, die favo-einträge, die empfehlungen und die tatsache, dass wir unseren 2.000sten klick überschritten haben (insanity, y’all)!

besonders viel spaß hatte ich in diesem kapitel mit whitebeard, der wirklich ein unglaublich interessanter schreibcharakter ist! ich hoffe, ich konnte ihm einigermaßen gerecht werden (:

eigentlich wollte ich es in diesem kapitel zwischen thea und ace ein bisschen mehr krachen lassen, aber ich glaube, das wäre für unsere liebe sommersprosse ein wenig zu ooc gewesen – aber wie seht ihr das?

wie immer gilt natürlich, dass rückmeldungen und kritik jeder art ausdrücklich erwünscht sind!

wir lesen uns!
mfg memo
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