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Phantomfeuer

von memoirst
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Het
Marco der Phoenix OC (Own Character) Puma D. Ace / Gol D. Ace Thatch Whitebeard alias Edward Newgate
26.01.2021
17.05.2021
12
43.448
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19.04.2021 3.945
 
PHANTOMFEUER




Glas halbvoll






Der nächste Teller landete mit einem Scheppern auf dem vorherigen, der bis auf eine Pfütze Soßenrest vollkommen leergefegt war.
Drei Türmchen stapelten sich bereits auf der Tischplatte in schwindelerregende Höhen und weder Appetit noch Tempo schienen in naher Zukunft einen Abbruch zu finden. Thea verfolgte auch das neueste Stockwerk des grotesken Monuments mit einem Ausdruck ohnmächtiger Fassungslosigkeit.

»Willst du mich arm machen?«, entwich es ihr schließlich, als Ace eine dampfende Haxe in Sekundenbruchteilen abnagte und nur ein Knochengerüst zurückließ.

Der Schankraum der Taverne Zur Tanzenden Makrele, in der sie sich nach einigem Hin und Her niedergelassen hatten, war gut besucht zu der Mittagszeit.
Das Hämmern von Krügen auf Tischen und das Klirren von Besteck und Zinntellern gemischt mit lauten Unterhaltungen und noch lauterem Gelächter füllte die Piratenbar bis zur niedrigen, dunklen Decke.

Hinter der Theke türmten sich Eichenholzfässer über Eichenholzfässer, aus denen goldbraunes Bier wie Wasser floss. Die Tür zur Küche schloss sich schon gar nicht mehr, bei den Unmengen an Essen, die die Bedienungen auf vollbeladenen Platten nach draußen trugen.
Der kleine Zweiertisch in der Nähe der Bar war daran auch keineswegs unschuldig.

Ace legte den Kopf schief und unterbrach seine Tätigkeit gerade lange genug, um beiläufig nach einer Serviette zu grabschen. »Du hast mich doch eingeladen.«
»Korrektur. Du hast dich eingeladen.« Thea runzelte die Stirn, während sie mit einem Strohhalm in ihrem eigenen kleinen Teller rührte, die Tomatencremesuppe noch vollkommen unberührt. »Sowas staut sich wohl an, wenn man anderthalb Wochen lang nichts als Bananen und Äpfel isst.«
»Hmm? Oh nein.« Ace überlegte. »Das ist eigentlich eine ziemlich normale Portion für mich.«
»Ich übergehe jetzt einfach mal, dass das mindestens schon zwölf Portionen gewesen sind.«
Er grinste ihr ins Gesicht. »Zwölf und Tendenz steigend.«
Thea warf dem kleinen baumelnden Geldbeutel an ihrer Hüfte einen Blick zu. »Davy Jones steh‘ mir bei.«

Bis auf den Zweiertisch befanden sich noch genügend andere Kunden in der Tanzenden Makrele.
Die meisten von ihnen – allem Anschein nach entweder Freibeuter, Banditen oder Teil des restlichen Gesindels – tranken alleine, andere wiederum hatten sich in kleinen Grüppchen zusammengefunden, lachten und pokerten und fielen über ihre Mahlzeiten her.

Am gegenüberliegenden Ende der Bar, einmal quer durch den gesamten Schankraum, hatte sich eine zwölfköpfige Bande niedergelassen, die größte und mit Abstand lauteste Gruppe in der gesamten Taverne.
Krumme Schwerter und Pistolenläufe waren an kunstvoll verzierten Waffengürteln befestigt, die das Lampenlicht der Deckenleuchten einfingen, wann immer sich die Männer bewegten.

Der Schrank von einem Mann in ihrer Mitte, der gerade grölend eine Geschichte zum Besten gab, war ganz offensichtlich der Anführer.
Die weißblonden Haare waren auf wenige Zentimeter rasiert, eine fiese Narbe in seinem linken Mundwinkel verlieh den Eindruck eines schiefen Dauergrinsens und wann immer er auflachte, blitzten zwei vergoldete Schneidezähne auf.

Bandit, vermutlich, dachte Thea und warf Ace einen schnellen Seitenblick zu, der gerade in beängstigender Geschwindigkeit einen Teller Kartoffelklöße dezimierte.
Mit zuckender Augenbraue richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Grüppchen am gegenüberliegenden Ende der Bar.
Piraten tragen andere Waffen.

Thea verschränkte die Finger und legte das Kinn darauf ab, während sie die Igelfrisur beobachtete.
Das war genau die Art Person, die ein wenig zu viel plauderte, wenn der Alkohol floss und man die richtigen Fragen stellte.

Schön und gut, dass sich die Feuerfaust an Theas Ersparnissen den Bauch vollschlug.
Aber sie waren für etwas Anderes hier.

»Was’n?«, fragte Ace mit vollem Mund und riss sie damit aus ihren Gedanken.
»Nichts. Ich … gucke bloß.«
»Wohin?« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter zu dem Grüppchen und schluckte den letzten Bissen herunter. »Doch nicht zu denen da?«
Thea verzog das Gesicht, die Augen unentwegt auf die lauthals lachende Bande gerichtet. »Kannst du ein bisschen lauter sprechen? Ich glaube, die haben dich noch nicht gehört.«

Ace wiegte mit dem Kopf hin und her, ehe er die Schultern zuckte. »Geschmäcker sind verschieden, schätze ich.«
»Mach dich nicht lächerlich. Es geht um-«
»-den Auftrag«, schloss er.

Sie sahen sich für einen Moment an.

Missbilligung und ein wenig Ärger lagen in der Luft, die sich aber verflüchtigten, als Ace sich räusperte. »Wie hieß der Käpt’n nochmal, von dem du erzählt hast? Dieser … Dings. Doma.«
»Eben jener Dings.« Thea atmete gegen ihre verschränkten Finger aus. »Ich will bloß herausfinden, wo er sich aufhält. Solche Typen wie da drüben wissen zwar nie viel, aber trotzdem meistens mehr, als sie sollten.«

Er folgte ihrem Blick – drehte sich zu Theas Ärger fast vollständig auf seinem Stuhl um – und legte dann die Stirn in Falten.

Eine Kellnerin räumte gerade die leeren Bierkrüge vom Tisch ab, die sie geschickt auf einem Tablett stapelte.
Einer der Banditen reichte ihr seinen Krug und sie griff mit einem freundlichen Lächeln zu. Doch sobald sie das Gefäß entgegennahm, schloss sich eine Pranke um ihr Handgelenk und zog sie näher zu sich.
Das Stimmenwirrwarr in der Bar verhinderte, dass Thea hören konnte, was der Bandit ihr ins Ohr flüsterte, bevor er sie lachend gehen ließ. Aber bei den dunkelroten Wangen der Kellnerin musste sie ihre Fantasie nicht lange anstrengen.

Die junge Frau schnappte sich das Tablett und zog mit gesenktem Kopf Richtung Küche ab.

Ace‘ Blick verdüsterte sich. »Das war jetzt das vierte Mal. Die verhalten sich wie die Elefanten im Porzellanladen. Arschlöcher.«
»Und Idioten«, murmelte Thea. »Ich weiß nicht, wie es auf Valney zugeht, aber sowas wird in Piratenbars normalerweise nicht geduldet. Wer Stress schiebt, fliegt. Wenn die so weitermachen, werden sie hochkant rausgekickt.«
Und meine Fragestunde kann ich dann auch vergessen.

Ace antwortete nicht, die Augen noch immer auf das lachende Grüppchen gerichtet.
Thea beschlich die leise Ahnung, dass er sich die Banditen selbst zur Brust nehmen würde, wenn es kein anderer tat.
Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Gentleman unter Piraten.

Sie räusperte sich, bis der Gedanke verflog. »Ich zahle also deine Zechtour, wenn ich das richtig verstanden habe. Sind wir dann quitt?«
»Quitt?« Ace schnaubte belustigt und wandte den Banditen widerwillig den Rücken zu. Stattdessen griff er nach einem Hähnchenschenkel und die Schlemmerei begann von Neuem. »Rechne selber aus, ob ein Mittagessen aufwiegt, dass ich dank dir gefangen gesetzt wurde.«
»Gefangen gesetzt? Du hast-« Thea biss sich auf die Zunge, um die gehässige Antwort zu unterdrücken, die aus ihr herauszuplatzen drohte.

Sein Ton klang noch immer lässig, aber knapp darunter war etwas Anderes, das sie den Mund halten ließ. Unter der Oberfläche brodelte es.
Treib’s nicht zu weit. Er ist verdammt wütend auf dich.

Und vielleicht, irgendwo, ganz tief drinnen, konnte sie diese Wut sogar nachvollziehen.

Ace war ein Kapitän ohne Crew, gestrandet auf einem fremden Schiff, und der Mann, der dafür verantwortlich war, nahm ihn nicht einmal ernst genug, um ihn endgültig in seine Schranken zu weisen.
Wie sehr das an ihm nagen musste, konnte sie sich kaum vorstellen.
Wenn sein Ziel, sich den Kopf des Kaisers zu holen, vor Calma Bay bloß Überheblichkeit gewesen war, dann war es nun etwas Persönliches.
Thea musste daran denken, was ihr Marco im Essenssaal über Stolz erzählt hatte – das allerletzte, was Ace in seiner Situation noch blieb.

Eine Situation, an der sie Mitschuld trug.

Es gab Andere, die Thea für weniger den Kopf abreißen würden.
Dass es stattdessen bloß ihr Geldbeutel war, der gerade litt, war wohl die gnädigere Option.

»Ich bin kein Fass ohne Boden, weißt du?«, machte sie nach einer Weile, in der drei weitere Teller enthusiastisch vernichtet wurden. »Falls du noch eine Kette oder ein anderes Schmuckstück haben willst, musst du jetzt Bescheid geben. Nach dem Mittagessen könnte es sonst eng werden.«

Ace unterbrach seine Fressorgie und runzelte die Stirn, ein wenig überrascht. »Was soll das denn werden? Ich will nur endlich mal wieder etwas Anständiges zwischen die Zähne kriegen – ich will dir nicht ewig auf der Tasche liegen.«
»Sag bloß, dass das nicht gerade deine Revanche ist.«
»Ein bisschen, vielleicht«, gestand er. »Aber lass dir gesagt sein, dass du mich nicht kaufen kannst.«
Sie zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. »Ich hab‘ mal gehört, dass jeder Mensch einen Preis hat.«
»Ach ja? Was ist deiner?«
»Fünfhunderttausend Berry«, antwortete Thea, ohne nachzudenken.

Ein Moment der Stille entstand.

Das Gelächter und die Unterhaltung in der Piratenbar schienen zu verstummen, ersetzt durch Herzklopfen, das ihr von der Brust in die Ohren zog und jeden anderen Laut übertönte.
Eine tiefe Delle war zwischen Ace‘ Augenbrauen erschienen, aber das nahm Thea kaum wahr. Zu sehr war sie von der Eishand eingenommen, die ihr bei diesen Worten durch den Brustkorb griff und zudrückte.
Ihre Sicht verschwamm, der Schankraum der Taverne schrumpfte auf einen Stecknadelkopf zusammen.

Und mit einem Mal war sie wieder auf dem Sklavenschiff.

Wunde Handgelenke und Eisenfesseln, die Holzplanken durchgeblutet mit Elend und Hunger und Angst.
Schluchzen in der Luft, das schließlich zu Schreien wurde, der Dreck, die Tränen, der Geruch, die Hitze, der Schmerz-

Thea umfasste mit bebenden Händen die Tischplatte, um sich Halt zu geben.

Die Erinnerungen, jede ein Schlag in die Magengrube, ebbten ab, ohne die Ränder ihres Bewusstseins vollständig zu verlassen.
Die Geräusche des Schankraums nahmen wieder zu, als hätte jemand die Lautstärke aufgedreht.
Ace‘ Gesicht rückte in ihr Blickfeld, das Stirnrunzeln noch um einiges tiefer.

Einatmen. Ausatmen.

Etwas begann zu pochen, zu ziepen, zu jucken. Nachzubrennen.
Es war kein Vergleich zu dem Sklavenschiff, schmerzte nicht einmal annähernd so sehr wie vor zehn Jahren.
Nichts weiter als ein billiger Abklatsch, dieses Phantomfeuer.

Und trotzdem…

Die haben dort jemanden umgebracht, dachte Thea und zog ihre Hand vom Tisch zurück, tastete stattdessen nach dem Stab auf ihrem Rücken.
Ihre Kehle war wie ausgedörrt. Vielleicht war nicht bloß etwas in ihr gestorben, auf der Überfahrt zum Sabaody Archipel.
Dieses Mädchen ist tot.

Hybris war kühl und beruhigend unter ihren Fingern und wenn sie nur fest genug zupackte, konnte sie sich an ihm aus einer Vergangenheit ziehen, die sie zu erwürgen drohte.
Für einen Wimpernschlag war das alte, polierte, zuverlässige Holz das einzig Wahrhaftige auf der ganzen Welt.

Aber du lebst noch.

Ace schob den Teller von sich, als wäre ihm der Appetit vergangen. »Fünfhunderttausend Berry? Das ist sehr … genau.«

Thea atmete tief durch, die Augen geschlossen. Dann zuckte sie lachend mit den Schultern und streifte die Erinnerungen ab wie eine zweite Haut. »Viele Sahnedonuts, die du davon kaufen kannst, schätze ich.« Das Jucken wurde immer weniger und versiegte schließlich vollständig. »Und nur zu deiner Information, du kannst eine Dame nicht einfach fragen, wie viel sie kostet.«
»Wenn du’s so ausdrückst …«, murmelte er und rieb sich den Hinterkopf.
Da war eine Spur Vorsicht in seiner Stimme, aber bevor er zu einer Frage ansetzen konnte, meldete sich der Banditentisch am gegenüberliegenden Ende der Bar von Neuem.

Sie wandten sich beide auf ihren Stühlen um, als der Banditenanführer das Wort ergriff.

Der Mann hatte einen Arm über die Stuhllehne geschwungen und wippte lässig mit einem Bein. »Was soll die ganze Aufregung? Es geht um ’nen Löffel.«
Die Kellnerin, dieses Mal eine andere, presste sich das leere Tablett vor die Brust. Ihre Wangen hatten eine ungesunde Farbe angenommen, aber der Kiefer war hart. »Das werde ich ganz bestimmt nicht tun.«

Der Bandit mit der Igelfrisur seufzte schwer. Kaum unterdrücktes Lachen lag in der Luft. »Mir ist das Besteck nun mal runtergefallen und unter den Tisch gerollt.«
»Dann guck nach.«
Er hob die Schultern in Pseudo-Hilflosigkeit. »Ich sehe da unten aber nichts. Kannst du mir nicht helfen? Wenn du dich einfach bücken würdest …«

Der Tisch brach in Gelächter aus, als die junge Frau ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz kehrtmachte und mit festen Schritten die Küche ansteuerte.
Ohne Zweifel, um die Plagegeister dem Lokal verweisen zu lassen.

Ace knirschte mit den Zähnen und umfasste die Lehne seines Stuhls fester, während er die Szene beobachtete.
»Jetzt reicht’s aber langsam.« Er hob die Stimme, die durch den Schankraum hallte. »Könnt ihr endlich mal die Fresse halten?«

»Bleib sitzen«, machte Thea mit einem warnenden Seitenblick, als sich der Banditentisch in ihre Richtung wandte. Außer Grinsen und Pfiffen erhielt Ace keine Antwort. »Die werden jede Minute rausgeworfen.«
»Umso besser«, sagte er, ohne sich zu ihr umzudrehen. In seinen Augen loderte es – richtige, orange-rote Flammen. »Mehr Platz draußen.«

»Das ist sehr nobel und unter anderen Umständen würde ich mich anschließen. Aber ich muss dich bitten, deine Ritterlichkeit hinten anzustellen.« Sie beugte sich vor und senkte die Stimme. »Wir sind – oder, eher – ich bin hier, weil ich Informationen über Doma brauche. Dein weißes Pferd kannst du dir wann anders verdienen.«
»Klar. Doma.« Ace rückte sich auf seinem Stuhl gerade. Mit seinen Blicken warf er noch immer Messer Richtung Banditentisch, die ihn bereits vergessen hatten. Aber Thea war sich ziemlich sicher, dass einige davon auch ihr galten. »Der nächste arme Hund, der von deinem Kapitän festgesetzt wird.«

Und da ist es.

Er konnte so viel grinsen und lässige Sprüche raushauen, wie er Luft zum Atmen hatte, aber Ace war wütend.
Und es war nicht die Art von Wut, die sich durch ein Mittagessen auf Theas Nacken aus der Welt räumen ließ.

Sie biss sich auf die Lippe. Wäre nicht ganz so schlimm gewesen, wenn man danach nicht auf lieb Kind gemacht hätte.

Es war schwierig, diesen Satz zu vergessen – nicht zuletzt, weil sie sich nun seit einer Stunde den Kopf darüber zerbrach, warum er ihn überhaupt geäußert hatte.
Es war schließlich nicht so, als ob sie befreundet wären.
Nicht vor dem Auftrag, nicht während der anderthalb Wochen auf der Moby Dick und todsicher nicht jetzt.

Warum es also sagen?
Die offensichtlichste Antwort war es, um ihr Schuldgefühle zu machen.
Aber wem brachte das etwas, wenn er auf eine Entschuldigung ohnehin pfeifen würde?

Thea unterließ es, sich die Schläfen zu massieren.

Der Trubel am gegenüberliegenden Ende der Bar schien sich einigermaßen gelegt zu haben.
Die Anspannung wich ein wenig aus Ace‘ Schultern, als langsam Bewegung in die Banditen kam, die sich allem Anschein nach auf einen Aufbruch vorbereiteten.

Die dicke Luft hatte sich nicht vollkommen aufgelöst, war aber nicht mehr ganz so erdrückend, dass Thea befürchtete, dass sie Feuer fangen würde, wenn sie den Mund öffnete.

»Ich will nicht auf der Sache herumreiten«, begann sie langsam und zog mit dem Strohhalm träge Bahnen in der Tomatencremesuppe, die sie noch immer nicht angerührt hatte. »Also spare ich mir den Atem, dir zu erklären, dass es ein Auftrag war, nichts Persönliches.«
»Sehr gut«, sagte Ace mit einem feinen Lächeln, ehe er sich wieder in ihre Richtung wandte. »Dann verzichte ich darauf, zu antworten, dass man nicht immer nach anderer Leute Pfeife tanzen sollte.«

Der Strohhalm verharrte in der Bewegung. Ihre Augen verengten sich. »Nennst du-… nennst du mich gerade einen Mitläufer
»Deine Worte, nicht meine.«

Thea verzog das Gesicht und versuchte, den kleinen Stich auszublenden, den die Aussage hinterließ. »Ich verstehe dich nicht, weißt du das? Auf der einen Seite perfekte Manieren und Verbeugungen und Hutanheben, auf der anderen Seite das hier. Geradeheraus ist nicht immer die beste Wahl, nur so nebenbei. Du bist ziemlich unhöflich.«

Ace lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, als müsse er das Gesagte sacken lassen. Er legte den Kopf in den Nacken und schien zu überlegen.
»Ich verstehe dich auch nicht«, machte er schließlich.
Thea hob die Augenbrauen. »Wie meinen?«

»Pass auf, wir haben die letzten Tage über vergleichsweise viel Zeit miteinander verbracht. Das waren fast zwei Wochen. Und zwei Wochen reichen normalerweise für mich aus, so ungefähr zu wissen, wie mein Gegenüber tickt. Aber bei dir …« Ace räusperte sich. »Ich weiß nie, mit wem ich es zu tun bekomme, wenn ich mit dir spreche. Oder eher, ich weiß nie, mit wem ich es zu tun bekomme, wenn du mit anderen sprichst.«

Thea blinzelte.

Er ließ sich nicht beirren. »Bei Marco heißt es auf einmal Ja, Kommandant, bei Effie und Diem bist du knallhart, bei Haruta und den anderen plötzlich der Pausenclown und bei mir … nun, wenn du ausnahmsweise mal nicht gemein bist, bist du lustig. Manchmal sogar hilfsbereit. Ich weiß nie, wie ich damit umgehen soll. Das ist merkwürdig.« Ace verschränkte die Arme vor der Brust. »Du bist merkwürdig.«

Was bleibt übrig, unter all der Schauspielerei?

Sie wusste nicht ganz, was sie von dieser Antwort auf die Frage halten sollte, und sie wusste noch weniger, wie sie dazu stand, dass Ace ihre Verhaltensmuster analysierte.
Denn es war nicht echt, nichts davon. Nicht so, wie es sein sollte – ohne Hintergedanken, ohne Angst.
All die Masken unter einen Hut zu bekommen, war eine Aufgabe, die ihr bereits so sehr in Fleisch und Blut übergegangen war, dass selbst Thea den Wechsel kaum noch registrierte.

Ace hingegen schien ihn zu bemerken.
Und falls ihm Ungereimtheiten auffielen, würde das ein echtes Problem darstellen.

Obwohl das eine schlechte Nachricht war, obwohl sie es nicht wollte, konnte Thea spüren, wie sich hinter der Maske die Mundwinkel hoben. »Schon wieder unhöflich.«
»Schon wieder merkwürdig.«

Da war ein Augenblick der Stille, in der die Kellnerin einen der wackligen Tellerstapel abräumte und das Bauwerk Richtung Küche balancierte.

»… Du findest mich lustig?«
»Oh, Klappe.«

Ein Schrei, gefolgt von einem donnernden, metallischen Scheppern, wischte Thea das leichte Lächeln aus dem Gesicht.
Ace wirbelte auf seinem Platz herum.

Die leeren Teller des Geschirrstapels ergossen sich mit lautem Poltern über dem Holzfußboden, Besteck klirrte und klimperte und Gläser zersprangen.
Die Bedienung versuchte, sich abzustützen, und fiel dabei mit den Händen zuerst in den Scherbenhaufen.

In der Taverne war es still geworden, als sich die Anwesenden zu dem Chaos umdrehten.
Einer der Männer am Banditentisch zog sein ausgestrecktes Bein zurück. »Whoops.«

Die Tür zur Küche wurde aufgestoßen.
Der Koch, ein Mann mit breiten Schultern und gezwirbeltem Schnurrbart, ballte die Hände zu Fäusten, während eine der übrigen Kellnerinnen ihrer leise fluchenden Kollegin auf die Füße half.
Die Glasscherben hatten ihr die Handflächen aufgeschnitten.

»Raus«, spuckte der Koch den Banditen entgegen. »Ihr habt euch endlich zu verpissen.«
Der Anführer der Bande, der Mann mit der Igelfrisur, wiegte den Kopf hin und her. »Danke für den Vorschlag, aber weißt du was? Ich glaube, wir gehen, wenn uns das passt.«

Der Ärger in der Luft war greifbar, aber keiner der Gäste rührte sich.  

»Lass es, Dover«, murmelte ein älterer Mann schließlich in sein Bier, gerade laut genug, dass man ihn hören konnte. »Das ist dieser Knox, der Banditenfürst.«

Flüstern kam in der Taverne auf.

»Knox? Der?!«
»Der ist fünfzig Mille schwer …«
»Scheiße, lass ihn einfach in Ruhe.«

Der Koch, Dover, verzog das Gesicht, auch wenn er ein wenig an Farbe um die Nasenspitze verloren hatte. »Und wenn er Davy Jones höchstpersönlich wäre – niemand geht so mit meinem Personal um!«

Der Banditenanführer hob eine Augenbraue und breitete die Arme aus. »Dann bitte. Schmeiß uns doch raus!«
Der Koch biss sich auf die Lippe und das Grinsen wurde breiter.
»Oder was ist mit den Herren da drüben?«
Die angesprochenen Männer senkten die Köpfe schnell, als Knox in ihre Richtung sprach.
»Vielleicht doch lieber die Kavaliere an der Bar?«

Niemand antwortete.

»Was denn?« Er lachte auf. »Ich dachte, wir sollen rausgeschmissen werden? Oder seid ihr zu fein, euch die Finger schmutzig zu machen?«
Betretenes Schweigen folgte, als die herausfordernden Blicke des Banditen gemieden wurden.
Knox lachte nur noch lauter und der Rest seines Tisches stimmte ein. »Wenn keiner von euch feigen Ratten-«

»Ich mach’s«, ertönte eine Stimme, gut gelaunt und freundlich.
Thea schloss die Augen.

Ace hatte sich nicht von seinem Platz erhoben, bloß den Kopf so weit in den Nacken gelehnt, dass er den Männern ins Gesicht grinsen konnte.
Nichts an seiner Körpersprache verriet, dass er sich auf einen Kampf vorbereitete. Nur die Augen – Augen, die in Flammen standen – konnte der lässige Tonfall nicht ganz kaschieren.
»Banditenfürst, ja? Dein Krönchen hast du wohl heute zuhause gelassen.«

Knox schnaubte belustigt und wandte sich der Feuerfaust zu. »Du bist doch der Bengel, der vorhin auch schon so viel zu sagen hatte.«
»Jep. Ihr Schießbudenfiguren geht mir nämlich schon eine ganze Weile auf die Nerven.« Ace lächelte strahlend. »Aber nach der Scheißaktion eben kann ich euch jetzt guten Gewissens die Fresse polieren.«

Flüsterstimmen hallten durch die Taverne, als der Bandit von seinem Platz aufstand.

Eine Delle erschien zwischen den Augenbrauen des Mannes. »Wenn du weiter so große Töne spuckst, spuckst du als nächstes Zähne.«
»Komm ruhig her.« Ace machte eine auffordernde Handbewegung. »Sowieso längst überfällig, dass man euch in den Hintern tritt.«
Eine Wutader war an der Stirn des Banditen hervorgetreten. Eine Hand hatte er auf den Waffengürtel an seiner Hüfte gelegt. »Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst, du halbes Hemd.«
»Das kann …«, machte Ace langsam und blinzelte schwer. »Das kann … ich … nur …- kann ich nur …. zurück-« Das Geben blieb aus.

Stattdessen sackte Ace‘ Kopf nun vollständig in seinen Nacken und das Hin und Her verstummte schlagartig.
Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Dann durchbrach seliges Schnarchen die plötzliche Stille.

Sekunden verstrichen.

»Ist der-«, meldete sich der Koch schließlich fassungslos.
»EINGESCHLAFEN?!«, antwortete ihm der Rest der Taverne unisono mit entgleisten Gesichtszügen.

Knox durchquerte den Schankraum und griff dabei nach einer langläufigen Pistole, die an seinem Waffengürtel befestigt war. Hüstelnd überspielte er seine eigene Verwirrung. »Erst den Helden spielen und dann schlappmachen?« Er entsicherte die Waffe. »Große Klappe und nichts dahinter sind mir ja die liebsten. Na, mir soll’s recht sein. Die Frage nach den letzten Worten spar‘ ich mir dann.«

Der Bandit drückte dem schlafenden Ace den Pistolenlauf gegen die Schläfe.

Der Koch war leichenblass geworden, machte aber keine Anstalten, dem Ganzen Einhalt zu gebieten.
Protestrufe, und hörten sie sich noch so halbherzig an, gingen unter den lauten Pfiffen der Banditen unter, die ihren Anführer mit leuchtenden Augen anfeuerten.
Die Kellnerinnen hielten sich allesamt die Hände vor den Mund, als Knox den Zeigefinger auf den Abzug legte.

Dann hob ein dunkler Holzstab sanft die waffenführende Hand an.

Knox wandte den Kopf.

Sie balancierte auf den Fußballen in einer Hocke auf dem Tisch, zwei wackelnde Tellerstapel zu jeder Seite, den Kampfstab ausgestreckt. Die Dämonenmaske legte sich schief, rot wie frisches Blut.
»Das würde ich lassen«, sagte Thea nachdenklich. Der Pistolenlauf zeigte nun auf einen Punkt irgendwo über Ace‘ Schulter. »Sonst tut sich noch jemand weh.«

Knox hob die Augenbrauen, als er sie musterte. »Ach, ist der Zirkus in der Stadt?«
»Und charmant ist er auch noch. Wie reizend.« Thea deutete mit einem Kopfnicken auf die Waffe in seiner Hand. »An deiner Stelle würde ich das Ding da ganz schnell wieder runternehmen. Du willst nicht wissen, auf wen du gerade zielst.«
»Tatsächlich?« Der Mann ließ mit einem Handgelenkschlenker von dem noch immer schnarchenden Ace ab und deutete den Pistolenlauf stattdessen auf das grinsende Maul der Dämonenmaske. »Und auf wen ziele ich jetzt?«

»Kommt drauf an«, machte sie langsam. »Was kannst du mir über Käpt’n Doma erzählen?«
Knox runzelte die Stirn. »Wer soll das denn sein?«

Thea atmete aus. Dann entwich ihr ein Glucksen. »Fast tut’s mir ja leid, dass ich ihm gesagt habe, dass er sich setzen soll. Die Luft hätte ich mir sparen können.«
Ihr Daumen fand die Einlassung in der Mitte des Kampfstabes.

Mit einem metallischen Zing fuhr die versteckte Klinge aus, streifte den Mantelarm des Banditen und trennte den Stoff wie Butter.
Vielleicht war es der Tatsache geschuldet, dass Blenheim den Mechanismus erst vor Kurzem geölt hatte, aber die Schnelligkeit, mit der der Stab zum Speer wurde, kam Thea angriffslustiger vor als sonst.
Ungeduldig, geradezu begierig.

Hybris hatte Blut geleckt.

»Denn das war die falsche Antwort.«







aloha!

nachdem ich in der kommentarspalte schon das ein oder andere review gelesen habe, das sich gefragt hat, wie es bezüglich thea und etwaigen kampffertigkeiten aussieht, kann ich mit breitem grinsen sagen, dass wir das im nächsten kapitel klären werden lmao

ich hatte in diesem chapter wirklich unheimlich viel spaß beim schreiben – hoffentlich kommt das beim lesen auch so rüber! dass es heute recht dialog-lastig geworden ist, ist mir erst im nachhinein aufgefallen, aber dafür erwartet euch ganz viel action beim nächsten mal! (`・Д・)ノ=☆

mfg memo
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