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ROTES GRÜN

GeschichteRomance, Erotik / P18 / MaleSlash
26.01.2021
22.07.2021
6
17.561
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26.01.2021 2.403
 
-Das Genie ist dem Wahnsinngen so nahe wie der Mutige dem Dummen-



Noch einmal den Arm ausstrecken und ich erreiche die obere Kante der Mauer. Selbst wenn ich weitaus öfter Klettere als die meisten, brennen meine Arme und Schultern mehr als ich erwartet habe. Dabei ist diese vermaledeite Mauer kaum vier Meter hoch, das sollte wohl zu schaffen sein. Ich gehe in die Knie, bevor ich mich abstosse um in einer, lang trainierten, flüssigen Drehung über die Mauer hinweg zu gleiten. Sozusagen. Keine Sekunde sitze ich wirklich auf der oberen Fläche, sondern stosse mich sofort wieder von dem kühlen Beton ab.

Die Augenblicke des freien Falles, auch wenn es nur wenige Meter sind, fühlen sich an wie im Rausch. Leichtfüssig wie die Pfoten einer Katze treffen meine Füsse auf dem Rasen auf, bevor ich mich gekonnt abrolle und im Schatten eines Strauches verstecke.

Bisher alles glatt gelaufen.

Wie im Lehrbuch.

Nun zum anspruchsvollen Part: wieder über die Mauer zurück, ohne von den Hunden erwischt zu werden. Ob die zwei oder vierbeinigen war dabei gleichgültig.

Der Scheinwerfer der das Grundstück in regelmässigen Abständen mit seinem Licht abtastet gleitet über mein versteck und ich zähle die Sekunden. Zwanzig, fünfundzwanzig, knapp dreissig Sekunden Zeit um über die freie Rasenfläche zu Sprinten wo ich mich hinter dem Gartenschuppen verstecken kann. In weiteren dreissig über die Mauer und das Kunststück wäre geschafft. Der Lichtkegel streift erneut mein Gesicht und kaum ist er ausser Sicht sprinte ich los, hechte in vollem Tempo in den nächsten Schatten.

So viel Spass hatte ich schon lange nicht mehr. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, ich glaube jede vom Adrenalin Geschwängerte Zelle einzeln zu spüren. Das Licht wandert erneut vorüber und gibt mir damit das Startsignal.

Sechs Schritte bis zur Mauer.

Drei.

Zwei.

Und Absprung.

Meine Füsse finden gerade genug halt auf dem glatten Beton um mich noch etwas höher zu katapultieren. Meine Finger erfassen erneut die Kante, das Gefühl des Triumphes durchströmt meine Adern als ich mich hochziehen will.

Eine Hand, die sich urplötzlich wie eine Fessel um mein Fussgelenk schliess und an meinem Bein zerrt lässt mich abgleiten. Ich strample um den Angreifer los zu werden, versuche mich mit der einen Hand festzukrallen während die andere nach halt sucht.

All meine Bemühungen sind vergebens als sich der Typ unter mir mit seinem vollen Gewicht an mein Bein hängt. Allem guten Training zutrotze, aber weitere, mindestens neunzig Kilo, zu meinem eigenen Körpergewicht dazu können nicht einmal meine Finger festhalten. Ich falle erneut, nur diesmal fühlt es sich nicht an wie ein Sieg, schon gar nicht mehr, als sich das grimmige Muskelpaket über mich schiebt und den Arm hinter dem Rücken verdreht.

Ich könnte schreien.

Meine Kumpels auf der anderen Seite würden es hören.

Ich könnte versuchen mich zu wehren.

Niemand ist unbesiegbar.

Und doch ist das einzige, dass ich tue, mich wie ein Schaf zur Schlachtbank führen zu lassen. Ich verliere selten, aber wenn, dann bin ich auch bereit mir die Niederlage ein zu gestehen. So kommt es, dass mich der Bullige Muskeltyp vor sich her ins innere der Villa schiebt.

Völlig gleichgültig wie sehr die erste Hälfte nach `Lehrbuch` verlaufen ist, ich bin mir sicher, über das was nun folgt steht nicht ein einziges Wort darin geschrieben.


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«Hmm… Springer nach E5, bist du dir sicher mit diesem Zug?» sehe ich mein Gegenüber fragend an und hoffe, ihn damit verunsichern zu können. Ansonsten hat er mich nämlich in wenigen Zügen Schach Matt.

«Hätte ich den Zug gemacht, wenn ich es mir nicht wäre?»

Nein. Natürlich nicht und genau darin liegt ja das Problem. Ich verliere nicht. Niemals. Dieser miese Kerl auf der schwarzen Seite des Brettes grinst mich wissend an, öffnet seinen Mund. Es Klopft, bevor er mir seinen hämischen Worten vor den Latz knallen kann.

«WAS?» rufe ich dem Störenfried verärgert entgegen.

Das dunkle Holz öffnet sich nicht nur einen Spalt breit, wie es sich gehört, sondern schwingt mit so viel Schwung auf dass sie mit einem lauten scheppern gegen das Regal dahinter knallt. Ich will Fero gerade so richtig zur Schnecke machen als ich dem gewahr werde was dort in der Tür zu meinem Salon steht. Was zum…?

«Boss, ich will wirklich nicht stören, aber diesen Vogel hier» er lässt den verdrehten Arm des Mannes los und stösst ihn in derselben Bewegung ein paar Schritte in meine Richtung «hab ich eben auf dem Grundstück aufgegriffen als er über die Mauer hinaus klettern wollte»

Gelangweilt lehne mich zurück, verschränke die Arme hinter meinem Kopf um diese Surreale Szene zu betrachten. Allein die Farbwahl… üärks.

«Ist das so, junger Mann?» den Turm, den ich Razvan vor einigen Runden abgenommen habe, lasse ich in regelmässigen Abständen gegen den Tischrand tippen. Einzig um diesem unmöglichen Kerl zu verdeutlichen, wie störend sein auftauchen ist.

«Sind deine Lakaien so unglaubwürdig, dass du dein Gehör lieber einem Fremden schenkst? Die Entscheidung find ich Fragwürdig. Echt Fragwürdig» dabei sieht er sich in meinem Salon um als wäre er gerade in einem Museum. Sogar leicht zur Seite dreht er sich, um zu erkunden, was vorhin hinter der Türe so gescheppert hatte. Das ist doch die Höhe!

«Er erwähnte etwas von einer Wette, mehr war auf Christlichem Wege nicht zu erreichen. Ich glaub ihm kein Wort» stösst Fero aus, die Wut kaum zu überhören.

«Genug davon, geh zurück auf deinen Posten! Razvan, bring das da» mein Blick wanderte abschätzig über seine Erscheinung «in die Bibliothek»

Ich stehle mir ein paar Minuten in Ruhe denn meinem Bauchgefühl nach ist es damit für heute zu Ende. Natürlich erlaube ich mir dabei, meine nächsten Züge auf dem Schachbrett aus zu loten.  

Bei einem Gegner wie Razvan kann das nie schaden.



Als ich die Bibliothek betrete, sitzt der Bunte Vogel in einem meiner gemütlichen Ohrensessel. Nein, er sitzt nicht, er hat sich geradezu dahin gefläzt. Die Beine lässig überschlagen, hängt er in dem Samtroten Polster, in der Hand, die neben dem Sessel kurz über dem Boden herumhängt, hält er ein Glas. Die Flüssigkeit darin ist klar und bei jeder Umdrehung die er mit seinem Handgelenk macht, klackern die Eiswürfel gegen das Kristallglas. In der anderen hält er eines meiner Bücher, lässt seine Augen träge über die Seiten wandern und beachtet mich kein Bisschen. Wüsste ich nicht, in was für einer äusserst Gefährlichen Situation er sich gerade befindet, könnte ich auf den Gedanken kommen er langweile sich.

«Er ist zwar ein komischer Vogel, aber singen will er nicht» teilt mir meine rechte Hand mit, die die ganze Zeit hinter dem Sessel an der Wand gestanden hat.

«Gut, wollen wir sehen, ob unser Gast» ich betonte das Wort besonders auffällig «sich zum Singen überreden lässt. Lass uns allein, Razvan»

Der ältere blickt mich aus Wut funkelnden Augen an und will schon zum verbalen Protest ansetzten als er meinen Blick bemerkt. Keine zwei Atemzüge später zieht er leise hinter sich die Türe ins Schloss. Eine Neuerung, früher ging sein Temperament noch wesentlich öfter mit ihm durch und die Türe wäre damals definitiv mit einem lauten Knall geschlossen worden. Gut für mein Gehör, dass sogar er dazu lernen kann.

Ich lasse meinen Blick noch einmal über die unmögliche Aufmachung des Vogels gleiten halte die Betrachtung jedoch kurz da meine Augen schon beinahe anfangen zu schmerzen.

Jedes Kleidungsstück für sich ist schon Fragwürdig, sowohl vom Schnitt, der Qualität als auch der Sauberkeit her. Aber dieses grässliche Ding um seinen Kopf, vor allem in der Farbe?

«Ich hoffe schwer für dich, dass dieses Outfit teil dieser angeblichen Wette ist?» mein höhnisches Grinsen verkneife ich mir absichtlich nicht. Ich brauche eine Reaktion von ihm, irgend eine emotionale Regung an der ich dann die Brechstange ansetzen kann. Und so sehr ich die `Verhörkünste` von Razvan bewundere, je weniger Leute meinen Keller von innen sehen, desto besser.

«Nope. Das hab ich mir ganz alleine ausgesucht. Hübsch, nicht? Wenn du willst geh ich mit dir Shoppen, damit du nicht immer in diesem schnöden Designer Anzug herumrennen musst»

«Das lassen wir lieber. Und ich habe dir keineswegs das Du angeboten»

«Blöde für dich, ich Sieze niemanden. Auch keinen, mit so einem riesigen Ego wie du es hast»

Und plötzlich erscheint die Keller-Verhör-Variante doch sehr verlockend.

Glücklicherweise habe ich es nicht nötig mich von ihm provozieren zu lassen.

«Mich würde viel eher interessieren ob du dir dem ernst deiner Lage bewusst bist oder du dich bloss blöd stellst?»

«Weder bin ich noch stelle ich mich blöd. Ich hab gewettet» er trinkt einen Schluck, lässt die Eiswürfelreste erneut Kreisen, sieht mir dann zum ersten Mal wirklich in die Augen «Ich habe verloren. Die Frage ist nur: was für einen Preis muss der Verlierer Zahlen um hier mit allen Gliedmassen, inklusive Schlagendem Herzen, wieder raus zu kommen?»

Er erstaunt mich. Das Buch hatt er zwar mittlerweile zugeklappt, doch er klingt noch immer nicht so als schwebe er gerade in Lebensgefahr. Und das tut er, das weiss er, genauso gut wie ich es weiss.

«Was wärst du bereit zu tun, um deine Haut zu retten?»

«Hm… vieles. Na, sagen wir fast alles» und sein zweideutiges Grinsen offenbart, auf was für eine Art der Konfliktlösung er dabei hofft.

«Schön. Zieh dich aus und das» Ich weise auf seinen Kopf «fällt als erstes» lasse ich ihn fürs erste in dem glauben, dass sein Plan aufgeht.

«Nein. Emil bleibt, wo er ist» und während ich mich noch Frage wer Emil sein soll, reisst er mit einem Ruck die Druckknöpfe seines Hawaii Hemdes auf, streift es sich von den Schultern. Der Zusammengeknüllte Stoff mit Graffiti Muster fliegt in die nächste Ecke. Er hält es nicht einmal für nötig aufzustehen um meinen Befehl aus zu führen. Stattdessen kickt er seine Grasgrünen Turnschuhe von den Füssen, dass mir einer davon beinahe gegen das Schienbein knallt. Wenn er so weiter macht, landet er in Razvans Revier bevor er Nackt ist. Mit einer nebensächlich wirkenden Bewegung hebt er seine Hüften etwas, schiebt sich die viel zu weite, graue Jogginghose mitsamt Boxershorts herunter und streift in der selben Bewegung ebenfalls die Socken ab.

Bevor er sich aufrichtet greift er nach seinem Glas und leert es in einem Zug, lehnt sich dann völlig entblösst zurück. Er wird nicht mal rot, und egal wie sehr mir sein Auftreten widerstrebt, den Mut muss ich ihm zugestehen.

Zum ersten Mal seit langem langweilt mich dieses - Frage - keine Antwort - Spiel nicht.

Zum ersten Mal seit langem kann ich nicht mit Sicherheit sagen ob er einfach der mit Abstand abgebrühteste Schauspieler ist der mir je begegnet ist oder er wirklich so sorglos dumm durchs Leben stolpert.

«Ich sagte, das Stirnband kommt ab» auch wenn mich das grüne Wollungetüm beim Anblick seiner blassen, mit Sommersprossen übersäten Brust schon viel weniger stört.

Mit einer anmutigen Bewegung erhebt er sich aus dem Sessel, tritt auf mich zu beginnt mit seinem Zeigefinger Slalomlinien zwischen meinen Hemdknöpfen hindurch zu ziehen.

«Und ich sagte, Emil bleibt wo er ist»

«Wir drehen uns im Kreis» und weil selbst meine Geduld irgendwann ein Ende findet, greife ich nach dem letzten Kleidungsstück an seinem Körper.

Die Finger die mein Handgelenk umschliessen, lange bevor ich nur in die nähe seines Kopfes komme, sind kühl und trocken.

«Wage es ja nicht» stösst er hervor und endlich finde ich die Emotionale Reaktion die ich mir erhofft habe.

So schnell ich kann, hebe ich meine andere Hand um das kleine aufflackern in ein loderndes Feuer zu verwandeln aber bevor meine Finger sich in das beanstandete Stück krallen können wirbelt er uns herum und presste mich mit der gesamten Länge seines Körpers gegen eines der Bücherregale.

«Du sagtest du tust fast alles, also…» weise ich ihn auf seine eigenen Worte hin.

«Genau. Und fast alles, schliesst Emil in jedem Fall aus»

Seine Reaktion spüre ich in jedem Fall durch die Holzkante die unschön in meinen Rücken drückt, in seinem Gesicht hingegen erkenne ich nichts. Die roten, ungestümen Haare geben seinem Auftreten etwas Wildes, die kühlen Augen hingegen mahnen zur Vorsicht. Die Frage ist nur, wovor?

«Schön. Ich habe an einem Samstag Abend besseres zu tun, als mich mit ungebetenen, aufsässigen Sturköpfen zu beschäftigen. Erzähl mir etwas. Irgendetwas, von dem du denkst, es könnte mich dazu veranlassen dich ziehen zu lassen» dabei konzentriere ich mich ausschliesslich auf seine Augen, die hat er nämlich nicht so gut im Griff wie sein Pokerface.

Er überrascht mich erneut, lässt ein Lächeln aufblitzen, dessen wärme ich dem strengen Gesicht nicht zugetraut hätte. Was auch immer heute nicht mit mir stimmt, ich lasse mich von seinen anziehend geschwungenen Lippen ablenken. Spüre die Wärme seines Körpers an meinem plötzlich um so intensiver, registriere zum ersten Mal bewusst, dass er mich um bestimmt zehn Zentimeter überragt.

Wie lange ich wie ein Idiot dastehe und ihn anstarre kann ich nicht abschätzen, aber seine Antwort trifft mich hart und unerwartet.

«Nein» und noch immer wärmt dieses Lächeln sein Gesicht.

«Dein letztes Wort? Keine rührselige Geschichte, kein flehen, kein auf Knien betteln um mich von deiner Unschuld zu überzeugen?» Niemand der kurz davor stand in meinem Keller zu landen, hat jemals die Chance ausgeschlagen sich irgendwie da heraus zu reden.

«Du hast dein Urteil längst gefällt, Toni. Völlig gleichgültig was ich dir für schmalzige Worte auftische, es wird nichts daran ändern. Also schleif mich in deinen Keller oder lass es, die Entscheidung liegt bei dir»

Toni. Niemand, nicht einmal meine engsten Vertrauten, wagen es mich Toni zu nennen und es gibt keinen dem ich eine solch vertrauliche Anrede zugestehen würde. Schon gar nicht einem völlig Fremden und trotzdessen weise ich ihn nicht zurecht. Es würde ohnehin nichts bringen, schliesslich werden wir uns nach dieser seltsamen intensiven Begegnung nie wieder über den Weg laufen.

«Wie du willst. Zieh dich an, jemand wird dich gleich nach unten bringen»

Ich ignoriere das kribbeln in meinen Fingerspitzen als ich sie auf seine Brustlege, ihn bestimmend von mir schiebe und dann ohne einen Blick zurück aus dem Raum verschwinde.


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Willkommen Willkommen!

Diese Geschichte, die bisher noch in den Kinderschuhen steckt, besteht am Anfang aus zwei Hauptsträngen die sich irgendwann mehr und mehr miteinander verknüpfen. Die Kapitel werden von daher jeweils mit ROT oder GRÜN benannt um verständlicher zu machen in welchem Teil der Story man sich gerade befindet. Viel Vergnügen und hoffentlich bis bald!
C.

PS: Auf Reviews mit Konstruktiver Kritik oder Ideen wie die Story weitergehen könnte freue ich mich jederzeit, der Verlauf ist soweit nämlich noch nicht festgelegt. Was meint ihr, in den Keller zu Razvan mit dem frechen Rotschopf, oder würdet ihr ihn ziehen lassen?
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