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Kinder- und Jugendfilme aus der DDR

SammlungAllgemein / P12 / Gen
25.01.2021
03.03.2021
12
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07.02.2021 1.072
 
Biologie! (DDR 1990, R: Jörg Foth)


Von dem Film Biologie! erfuhr ich erst, als ich das Buch Zwischen Marx und Muck durcharbeitete und mir die Kurzzusammenfassung ins Auge fiel: Ein fünfzehnjähriges Mädchen kämpft gegen den Raubbau der Natur, gegen Privilegien. Und sie findet ihre erste große Liebe. Eine Konfrontation mit der Allmacht eines Staates beginnt. Wer wird auf ihrer Seite stehen, wenn es heißt: «… zu lange die gleiche Sprache gesprochen, zu lange gehofft.»

Zwar wurde bei der DEFA bereits im Jahre 1982 über eine etwaige Verfilmung des von Wolf Spillner stammenden Jugendbuches Die Wasseramsel diskutiert, doch erhielt das Projekt erst im Jahre 1989 grünes Licht. Gedreht wurde ab dem 16. August bis zum 1. November in der Umgebung von Potsdam. Regie führte Jörg Foth, der bis dahin für die DEFA mit Das Eismeer ruft (DDR 1983) nur einen weiteren Film hatte drehen dürfen. Empfohlen war Biologie! Jugendlichen von 12 Jahren. Seine offizielle Premiere hatte der Film erst 1990. Es handelt sich also um einen der sogenannten Wendefilme, die nur kurz im Kino auftauchten, jedoch ebenso schnell wieder verschwanden und auch im Fernsehen kaum gezeigt wurden.

Die Filmkritikerin Renate Kruppa schrieb seinerzeit: Noch vor einem Jahr wäre der kritische Streifen sicher eine Sensation gewesen, heute erscheint er wie ein Traum von gestern.

Erst im Jahre 2020 wurde er von der DEFA-Stiftung herausgebracht. Meine Freude war groß, als ich davon erfuhr. Natürlich bestellte ich ihn mir. Doch wie es immer so ist, harrte er bis jetzt darauf, gesehen zu werden. Ein Hoch auf den Lockdown, der mir solcher Art Luxus erlaubt, meine Besprechungen um diesen Film zu erweitern.

Und in einem: Der Film lohnt sich! Absolut empfehlenswert – und das vor allem auch für Schulklassen, die sich mit Themen des Umwelt- und Naturschutzes beschäftigen.


Mag sein, dass der Film, wie Kruppa meinte, anachronistisch daherkommt, aber nur dann, wenn man ihn ausschließlich auf die DDR bezieht – doch wie anders konnte man damals urteilen, war man doch gerade Anfang der 90ziger Jahre davon überzeugt, sich endlich aus einer Diktatur befreit zu haben – und nun mit Blick auf das Neue, das Schöne, das Bessere, das gleichsam unfehlbar war.

Natürlich ist nicht zu übersehen, dass der Regisseur die DDR mit ihrer nachlässigen Umweltpolitik einerseits und ihrer korrupten Bonzentümelei andererseits im Blick hatte. Dies wird gerade dadurch deutlich, dass Ulla, die 15jährige Heldin (Stefanie Stappenbeck), nur allzu oft ein FDJ-Hemd trägt – das wohl als ironischer Hinweis darauf, was im Grunde die Werte dieser Organisation waren: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Redlichkeit und der Kampf für eine bessere Zukunft im Sinne des Sozialismus, zu der auch der Schutz der Natur gehört. Verraten und verkauft wird all das, wenn der hiesige Bürgermeister die Interessen und die Profitgier eines Einzelnen über den Erhalt eines Landschaftsschutzgebietes stellt – und das, weil dieser ein zu hohes Tier, nämlich der Generaldirektor des hiesigen Chemiebetriebes (Horst Rehberg), ist, der sich überdies um die Region verdient gemacht habe. (Wie, das bleibt allerdings offen. Fakt ist, dass er unangreifbar ist und der Bürgermeister aus Angst vor ihm kuscht.) Da müsse man ihm doch ein Haus im Grünen nebst wilder Forellenzucht zwecks Weiterverkaufs der Tiere – auch ins kapitalistische Ausland – gewähren. Und all das auf die Gefahr hin, dass seltene Vogelarten, wie in diesem Fall die Wasseramsel, in ihrem Lebensraum bedroht werden. Und wenn Ulla, selbst nach einem Bestechungsversuch und zahlreichen Einschüchterungsversuchen seitens der bauwilligen Familie und dem Bürgermeister (Axel Werner), jedoch gestärkt durch ihren Biologielehrer, Herrn Hansen (Carl Heinz Choynzki), der sogleich auch Kreisbeauftragter für Umwelt- und Naturschutz ist, nicht aufgibt und sich schließlich, da sie sich keinen anderen Rat mehr weiß, des gefälschten Fotos eines brütenden Wasseramselpärchen bedient, um den Bau noch zu stoppen, ist der Zuschauer – auch und vor allem der heutige – voll und ganz bei ihr, weiß er doch um die Notwendigkeit ihres beherzten Handelns. Dass ihr letztlich seitens des Direktors ihrer Schule und des Lebensgefährten ihrer Mutter jegliches moralische Empfinden abgesprochen und sie noch dazu ihrer Zukunft beraubt wird, indem man ihr die Delegierung zur EOS (Erweiterte Oberschule), die mit dem Abitur schließt, verweigert, wird an Ironie nur noch dadurch übertroffen, dass man ihr Sozialstunden im Naturschutz verordnet, damit sie als Persönlichkeit reife.

Ja, so muss man sich eingestehen, ging es eben auch in der DDR zu. Wer nicht spurte, der … Das Fazit, von der 1981 gegründeten Rockgruppe Pankow vorgetragen, ist stimmig:

Dasselbe Land – zu lang gesehen,
Dieselbe Sprache – zu lang gehört.
Zu lang gewartet – zu lang gehofft,
Zu lang die alten Männer verehrt!


Gleichzeitig aber besitzt der Film eine über die DDR hinausreichende, fast möchte man sagen, überzeitliche Bedeutung – und das natürlich in puncto Natur- und Umweltschutz. Sieht man sich in einer der letzten Szenen des Films den Schülern aus Ullas Klasse gegenüber, die auf dem Waldweg eine Menschenkette bilden, um zu verhindern, dass der Bau des Hauses weitergetrieben wird, so tritt einem beispielsweise das Engagement von Fridays for Future oder auch von Greenpeace ins Bewusstsein.

Auch bedient sich der Bauherr in seiner Verteidigungsrede Ulla gegenüber einer geradezu modern anmutenden Rhetorik:

Bei der Einrichtung eines Landschaftsschutzgebietes, so sagt er süffisant, geht es doch nicht nur um das Aufstellen von Verbotsschildern. Umweltschutz ist undenkbar ohne das kooperative Wirken aller Organisationen und – last but not least – die kritischen und wachen Augen derjenigen jungen Leute, die uns ihre nicht bequemen Fragen stellen …

Nicht zuletzt liegt es aber auch an der feinen Darstellung der Mechanismen, die zur Deckung einer Ungesetzlichkeit – in diesem Fall des Baus eines Hauses im Landschaftsschutzgebiet – führen, dass der Film wohl stets aktuell bleiben wird.      


Größtes Manko des Films ist die nur durchschnittliche schauspielerische Leistung von Cornelius Schulz, der Ullas Freund Winfried spielt. Er spricht nicht nur sehr abgehakt, sondern versucht sich durch ein übertrieben pathetisches Spiel selbst zu inszenieren.

Außerdem macht es stutzig, dass sich am Ende des Films – abgesehen vom Lehrer und ihrem Freund – auch ihre Mutter von Ulla abwendet. Mag sie um ihre Reputation und, mehr noch, um ihr Fortkommen in diesem Staat fürchten – die so inszenierte öffentliche Abkehr wirkt hier plakativ, allenfalls wie das Abschwören während der Inquisition. Dass sich der Staat in der dargestellten Situation korrupt und kompomisslos zeigt, ist dem Zuschauer auch ohne diese überbordende Szene klar.

Beides schmälert die klare Aussage des Filmes jedoch nicht. Er ist – anders als Biberspur (DDR 1984, R: Walter Beck) – ein glaubhafter Appell für den Umwelt- und Naturschutz, mithin für Engagement und Eigeninitiative, das Eintreten für die eigenen Werte und Überzeugungen. Nur bedarf es dazu einer Gruppe, die möglichst fest zusammensteht.
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