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Kinder- und Jugendfilme aus der DDR

SammlungAllgemein / P12 / Gen
25.01.2021
27.06.2021
20
29.335
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25.01.2021 1.898
 
Vorwort


Als ich noch ein Kind war, kostete die Kindervorstellung im Kino höchstens 50 Pfennig, wenn nicht gar nur 25. Bei 50 Pfennig Taschengeld pro Woche konnte ich, wenn ich es geschickt anstellte, wenigstens zweimal davon ins Kino gehen. Und ich war im Kino – sehr oft sogar. Meist mit Oma, die mich, als ich noch ganz klein war, begleiten musste und meine Freude am Film wohl nicht so sehr teilte – sie schlief regelmäßig ein, v.a. in den Winnetou-Streifen. Dass ich sie, vollkommen gepackt von der Handlung, in den Arm puffte und auch schon einmal „Oma, wach auf, du verpasst ja alles!“ rief, ist mir ebenso in Erinnerung geblieben, wie die Tatsache, dass ich nach Beendigung des jeweiligen Films ganze Szenen im Geiste nachspielte und erst Stunden später langsam daraus erwachte.

Obwohl in der DDR geboren, waren es weniger die DDR-Kinderfilme, die mich prägten, als vielmehr die Schmonzetten um Winnetou, Old Shatterhand und Old Shurehand. Meine Erinnerung streift auch die Filme Der Dritte Drache, ein Ökodrama mit Gruselfaktor von Peter Hledík, sowie Mein Leben als Hund von Lasse Hallström.

Erst an dritter, gar vierter Stelle kamen die heimischen Produktionen, denn mir ging es als Kind nicht anders als den Erwachsenen, die da stöhnten: Nicht schon wieder ein Russe, nicht schon wieder einer von uns. Freilich stöhnten nur jene, die sich gute Unterhaltung von anderswo her erhofften, die Produktionen des eigenen Landes jedoch als Spaßbremse betrachteten, da zu linientreu, zu schönrednerisch.

Nun, da ich mir die Frage stelle, wie das Land, in dem ich zwar gelebt, aber nicht erwachsen geworden bin, war, sehe ich mich dem Problem gegenüber, dass es zwar viele Regisseure, unter ihnen Leander Haussmann, gibt, die die DDR thematisieren, dies jedoch in einer Weise tun, die die Sicht auf das Damals verzerren, da sie das Land und das Leben in ihm ins Lächerliche ziehen. Und die anderen – wie etwa Christian Petzold, die zwar aufrichtigen Herzens sind, die DDR jedoch auch nur von außen wahrgenommen haben –, konstruieren Geschichten, die überspitzt daherkommen (Barbara / 2012) und wenn überhaupt nur einen Aspekt aus der DDR herausgreifen, jedoch ausgerechnet jenen, der den unbedarften Zuseher sagen lässt: „Seht, so war die DDR!“

Ja, so war sie auch, aber nicht nur …

In diesem Zusammenhang von Florian Henckel von Donnersmarcks Streifen (Das Leben der Anderen / 2006) zu schreiben, verbietet sich eigentlich von selbst. Es ist ein Film über einen Filmemacher, der eine schlechte, da klischeebeladene Story mittels eines für ihn delikaten Themas würzt, um diese an den Mann zu bekommen. Dass ihm das gelungen ist und sich gerade nach seinem Film die Finger mahnend reckten und man’s aus allen Gassen laut sagen hörte: „Ja, so war die DDR – ein korrupter Staat, ein Staat, in dem jeder jeden bespitzelte …“ und dieser Streifen in so mancher Bibliothek sogar in der DDR-Geschichtsabteilung landete, lässt mich kotzen.

Aber genug geschimpft. Ich habe mir all diese Filme um und über die DDR angesehen, auch die von Andreas Dresen – man nehme beispielsweise seinen ersten (Stilles Land / 1992), der ja ein richtiges Wendekind ist und setze ihn gegen seinen letzten (Gundermann / 2018) und man spürt den Unterschied. Ersterer ist authentisch – eben noch vollkommen DDR, letzterer rangiert zwar mit großen DDR-Bildern, greift aber wiederum auf eine (teilweise) konstruierte Geschichte zurück. Ganz klar: es ist ein Film über die DDR für diejenigen, die etwas über die DDR erfahren wollen, jedoch niemals selber in ihr gelebt haben.

Um wirklich zu erfahren, wie es in der DDR war, bleibt einem im Grunde nur eines: man muss sich die Filme aus diesem Land ansehen. Sie sind mir mittlerweile wie ein Fenster in diese damalige Zeit – in eine Vergangenheit, die meine Heimat war – auch wenn ich der immer den Rücken zukehren wollte, da zu klein, zu piefig, zu wenig farbig, zu langweilig …

Erst jetzt begreife ich, welch Film-Schatz da meiner harret und allzumal jener, der eben den Kindern zugedacht war. Ich war ein Kind, als die DDR endete und somit habe ich sie stets nur durch die Augen dieses Kindes gesehen. Es ist allzu logisch, dass ich meine Reise in die DDR bei und mit den Kinderfilmen beginne.

Die DDR produzierte zwischen 1946 und 1992 mehr als 100 Kinder- und Jugendfilme, von denen die meisten bereits von der DEFA-Stiftung bearbeitet und digitalisiert wurden. Sich diese Filme anzusehen, also nun mit den Augen des Erwachsenen, kann helfen, ein Bild von der DDR aus der Sicht der DDR zu erhalten – und dieses Bild ergeht sich eben nicht in Schönfärberei und pionierhafter Gleichschaltung, wie man gemeinhin denken könnte, sondern ist durchaus, aber ganz frei von gängigen Klischees, in kritischen Farben gehalten. Selbstverständlich gehören zu diesen Filmen auch einschlägige Regisseure, wie etwa Herrmann Zschoche (Insel der Schwäne / 1983), Helmut Dziuba (Erscheinen Pflicht / 1984) und Heiner Carow (Ikarus / 1975). Aber auch in vielen anderen Filmen lassen sich neben der Darstellung des Alltags die leisen, kleinen Zwischentöne nachweisen - wie beispielsweise am Bild der werktätigen Frau und Mutter, die neben ihrem Beruf und der Erziehung der Kinder auch noch ein Fernstudium in Ökonomie begonnen hat und nun in völliger Erschöpfung am Küchentisch sitzt und über ihren Büchern brütet, von ihren Kindern umringt, die sich fragen, wann es Abendessen gibt – während sich ihr Mann in sein Arbeitszimmer zurückgezogen hat, in dem man ihn nicht stören darf, so etwa in Rolf Losanskys Film Moritz in der Litfaßsäule aus dem Jahre 1983.

Es ist der Alltag, der mich interessiert, aufgenommen durch die Linse einer Kamera, die die DDR nicht nur kannte, sondern auch als Heimat betrachtete, sie zwar (bisweilen humorvoll) kritisierte, aber niemals moralisieren oder sich gar lustig machen und sie herabwürdigen wollte.

Der Alltag, also, das, was im Grunde die Lebenswelt eines DDR-Bürgers, hier nun des Kleinen, ausmachte, das, was selbstverständlich und deswegen nicht der Erwähnung wert ist, möchte ich einfangen. Doch habe ich mich während des Schreibens meiner ersten Besprechungen dabei ertappt, gerade das nicht zu tun, weil es mir selber zu vertraut ist. Ich bin stellenweise zu sehr Zuschauer, weniger Kritiker. Also, nehmen wir wenigstens eine Klassenzimmerszene aus dem Film Philipp, der Kleine von Herrmann Zschoche aus dem Jahre 1975 heraus. Da sieht man im Hintergrund an der Tafel folgenden Satz stehen: Wir sammeln Altstoffe! Natürlich taten wir Kinder das, wurden dazu schulischerseits sogar aufgerufen. Richtige Altstoff-Sammelwettbewerbe gab es zwischen den einzelnen Klassen unser POS (Polythechnische Oberschule, 10 Klassen umfassend, heutzutage als Gemeinschaftsschulen wiederbelebt) und der Gewinner, mein Gott, der erhielt nicht nur einen lobenden Eintrag im Zeugnis, sondern auch ein kleines Abzeichen. Aber dafür musste man schon ordentlich etwas heranschleppen: Zeitungen und Flaschen und auch Plastekram ... Ich erinnere mich noch, wie wir durch die Häuser zogen und Handkarren voll nach Hause buchsierten. Einige der Leute, die uns etwas gaben, meinten aber mit erhobenem Zeigefinger: Dass ihr das mal nicht zur Altstoffsammelnstelle bringt, um euer Taschengeld aufzubessern! Das ist allein für die Schule! Natürlich war es nur für die Schule, schließlich wollten wir die Besten sein. In einem anderen Film von Herrmann Zschoche (Insel der Schwäne / 1983) wird genau dieses Altstoffsammeln wieder thematisiert, nur diesmal dient es der Ironisierung einer Person - dazu mehr, wenn wir den Film besprechen. Ich freue mich darauf. Er ist ein wirklich guter Film und lohnt sich gerade auch für den Nicht-DDR-Bürger.

Bleiben wir noch einen Moment in der Klassenzimmer-Szene von Philipp, der Kleine, dann tritt uns mit dem Schaubild zum Raumfahrtprogramm der damaligen UDSSR eine weitere bedeutende Dimension des damaligen Schülerlebens entgegen. Die Eroberung des Weltraums ließ ganze Generationen von Kindern davon träumen, auch einmal Kosmonaut zu werden. Wer erinnert sich nicht der plötzlich aus dem Boden sprießenden Kosmonauten-Zentren, in denen Kinder ihr Können und Wissen hinsichtlich der Raumfahrt unter Beweis stellen konnten, so etwa im damaligen Pionierpalast in der Berliner Wuhlheide. Und wem ist die leicht ironisierende literarische Verarbeitung dessen in dem berühmten Kinderbuch Alfons Zitterbacke von Gerhard Holtz-Baumert, fremd, in dem sich der Hauptprotagonist dazu entschließt, ein eigenes Kosmonautentraining zu absolvieren, um nach Abschluss dessen allein nach Moskau zu wandern?

Die Filme, sieht man sie mit wachen Augen, sind voll solcher Anspielungen, zu denen ich immer wieder Exkurse beitragen könnte, um Einblicke in meine damalige Lebenswelt zu gewähren. Leider ist das wohl nicht immer möglich, würde es doch den Rahmen der Besprechungen sprengen. Aber ich werde zumindest versuchen, darauf hinzuweisen und ein wenig Kontext zu liefern.

Ferner interessiere ich mich einfach für die Themen, die die Kinder-Filme angehen, und ebenso für deren künstlerische Umsetzung, soweit ich die überhaupt beurteilen kann, denn ich bin ein Laie und habe nur einmal neben einer bekannten Filmkritikerin aus der DDR gesessen - beim Kaffeeklatsch ... :-)

Was nun die Auswahl der hier zu besprechenden Filme anbelangt: im Grunde sollten es möglichst alle sein. Aber 100 Kritiken schreiben? Ja, das wäre ein lohnendes Ziel, aber ... Und dabei sind es einstweilen nur die DEFA-Filme, die ich hier angehe, also jene, die auch und vor allem für das Kino geschaffen wurden.

Es gibt, so viel sei schon vorweggenommen, Filme, die von herausragender, überragender Qualität sind und sich jenseits bloßer Unterhaltung befinden, wie etwa der schon mehrfach genannte Film Insel der Schwäne von Herrmann Zschoche, der die DDR aus ihrem Inneren heraus kritisiert. Doch allein diese Filme zu besprechen, hieße, sich nur auf eine Sicht auf die DDR festzulegen, die zweifelsohne wichtig ist und auch in unserer heutigen Zeit seine Berechtigung hat, stellt sie nämlich eine wahrhaftige Alternative zu modernen Kritikversuchen dar. Doch mir geht es darum, auch jene Filme sprechen zu lassen, die sich fernab jeder Kritik bewegen und einfach nur das ganz normale Leben in der DDR zeigen und Kindern eine möglichst gute Unterhaltung bieten wollten.

Ich werde mich also bei aller Vorbliebe für bestimmte Regisseure darum bemühen, einen repräsentativen Überblick über die filmischen Hinterlassenschaften der DEFA zu liefern. Sofern aber jemand einen Film-Wunsch hat, nehme ich den gern auf.

Natürlich freue ich mich, wenn ich den einen oder anderen durch meine Rezensionen dazu bringen könnte, sich diese Filme anzusehen – vordergründig aber schreibe ich diese Reihe für mich selber, um mir Zeugnis über meine Vergangenheit abzulegen, um zu ergründen, woher ich komme, wie es damals war, freilich immer in dem Wissen, dass einige Filme auch eine idealisierte Gegenwart zeigen. Auch möchte ich ganz einfach ein wenig in Erinnerungen schwelgen.

Ich widme diese Reihe meiner Oma, die mich treulich ins Kino begleitete - und das, obwohl sie eigentlich auch Besseres zu tun gehabt hätte, v.a., wenn es in die Winnetou-Filme ging. Ich wage zu behaupten: hätte sie sich nicht bereit erklärt, mit mir ins Kino zu gehen, wäre ich wohl nicht so ein Kinosessel-Pupser geworden, hätte ich mich nicht begonnen für Filme zu interessieren. Danke, Oma!

Ich widme diese Reihe auch meinen guten Freund HG, der mich mit seinem leisen Spott an den DDR-Film herangeführt hat. Erst neulich sagte er mir: "In der Schweiz kannst du ja dann in deiner kleinen DDR leben", und meinte damit die Kinder- und Jugendfilme ... Er selber lebt auch in der DDR, wenn auch in der "großen". Er ist der einzige mir bekannte Mensch, der über alle, und ich meine wirklich alle Filme der DEFA und des Fernsehens der DDR verfügt. Klar, er war beim Film tätig und kennt sie alle ... alle ... Ich nenne ihm einen Film und er nennt mir den Regisseur und das Produktionsjahr. Ich kann HG nur danken, dass er mich dazu gebracht hat, die DDR-Filme als zeitgeschichtliches Zeugnis würdigen zu können.
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