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Fixing Charlotte

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / Gen
OC (Own Character) Sabaton
25.01.2021
31.01.2021
4
5.414
 
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25.01.2021 1.867
 
Charlotte
Ich fühlte mich wie zerschlagen, als ich aufwachte. Ein bitteres Auflachen, das aber schnell erstarb, weil mir alles wehtat; ich war  zerschlagen, ins... Moment, war das hier ein Krankenhaus? geprügelt von meinem Ex (formell noch Freund,jetzt aber definitiv Ex). Krankenhaus. Das musste ich erst einmal sacken lassen.

Wie ein Wahnsinniger hatte Jannik mit den Fäusten auf mich eingedroschen. Ich hatte mich vornüber gekrümmt, um meinen Kopf zu schützen, seine Hiebe waren auf meinem Rücken gelandet, manchmal hatte er meine passive Verteidigung durchbrochen und mir mitten in den Bauch oder in die Rippen geschlagen oder getreten. Zwischendurch war sein Handy gegangen, ich hatte die Chance genutzt und wegrennen wollen. Er hatte mich eingeholt und an den Haaren zurück gerissen. Das war der Moment, erinnerte ich mich, in dem ich mit meinem Leben abschloss. Erst hatte er mich wie eine Puppe auf den Boden oder in die Ecken gepfeffert, dann war er dazu übergegangen, mein Haar büschelweise auszureißen.Und das alles wegen einem am Tisch festgeklebten Glas Honig. Und damit nicht genug, war der Scheißkerl dann auch noch über mich hergefallen. Die Erinnerung traf mich unvorbereitet, ich krümmte mich im Bett zusammen wie ein Embryo, in meinem Hals bildete sich ein dicker Klumpen, heiße Tränen schossen aus meinen Augen.

Dann fühlte ich eine kühle Hand auf meiner heißen Wange. Eine Krankenschwester stand neben meinem Bett.

„Schön, dass du wieder bei uns bist, Charlotte. Wie fühlst du dich? Körperlich, meine ich."

Es dauerte noch etwas, bis ich mich soweit beruhigt hatte, dass ich sprechen konnte.

„Mir tut alles weh. Nicht mehr so schlimm, aber ich merke es noch ordentlich."

„Magst du mir erzählen, warum du so weinst?" In diesem Moment merkte ich, dass ich die Nase gestrichen voll hatte von diesem Primitivling. Ich wollte fort von ihm, aber wohin? Meine Eltern waren keine Option, der Rest der Familie lebte bei Gällivare in Schwedisch-Lappland und war wahrscheinlich eingeschneit. Also doch ins Frauenhaus? Halt, nein... ich konnte Chris anrufen, der lebte in Falun. Und soweit ich wusste, war er zur Zeit sogar zu Hause, wegen Studioaufnahmen.

Die Schwester hatte geduldig gewartet. Ich nickte, entschlossen, das jetzt hinter mich zu bringen.

„Wie heißt du eigentlich?"

„Lisa."

„Ok, Lisa, ich warne dich, das wird keine schöne Geschichte..." Ich erzählte ihr alles, von vorne bis hinten. Wie ich Jannik kennen gelernt hatte, wie wir zusammen gezogen waren, er war arbeitslos geworden, hatte angefangen zu trinken und dann auch irgendwann, mich zu schlagen. Die Anlässe waren immer nichtiger geworden, und es hatte mit einem festgeklebten Honigglas geendet. Ich erzählte Lisa, nicht ohne wieder und wieder in Tränen auszubrechen, was passiert war. Auch von der Vergewaltigung, nach der mich Jannik einfach liegen hatte lassen wie eine kaputte Puppe.

Lisa war entsetzt: „Geh zur Polizei, zeig ihn an."

„Darauf kannst du dich verlassen", knurrte ich, „wer hat eigentlich den Krankenwagen gerufen?"

„Deine Nachbarin von oben drüber, glaub ich." Die Frau war ein Engel. Ich musste ihr noch danke sagen.

„Und seit wann bin ich hier? Und vor allem: wo?"

„Du wurdest vorgestern eingeliefert und das ist die Stockholmer Uniklinik." Ich nickte und bat Lisa, mir beim Aufstehen zu helfen. Das tat sie, und einige Momente später stand ich wackelig auf meinen Beinen.

„Gibt es hier einen Spiegel?"

Hätte ich nicht gewusst, dass es mein Spiegelbild war, das mir entgegensah, hätte ich es mit der Angst bekommen: Mein vorher hüftlanges Haar war dem kahlen Schädel gewichen, der in wahrsten Sinne des Wortes zugepflastert war. Augen, Nase und Lippen waren dick angeschwollen, Erstere wiesen die berühmten Veilchen auf, Letztere waren aufgeplatzt. Am Hals hatte ich Würgemale (das musste ich vergessen haben, auf jeden Fall erinnerte ich mich nicht daran), Arme und Schultern und Beine waren in allen Regenbogenfarben angelaufen. Ich hob mein Tanktop an: Bauch und Rücken sahen nicht viel besser aus.

„Ich bin ein laufender blauer Fleck",stellte ich fest, „ich seh aus wie ein..." Ich brach ab: auf dem Gang hörte ich Janniks Stimme. Offensichtlich wollte man ihn nicht zu mir lassen, was ihm gar nicht passte. Er schrie und brüllte und beschimpfte das Personal und die Security-Leute, die ihn rauswerfen wollten, zum Glück mit Erfolg; sein Wutgebrüll wurde immer leiser. Erst jetzt merkte ich, dass ich die Luft angehalten hatte und in Schweiß ausgebrochen war.

Ich legte mich wieder ins Bett, psychisch ausgelaugt, und bat Lisa, mir meine Handtasche zu geben, aus der ich mein Handy holte und Chris' Nummer suchte. Ich sagte:„Danke fürs Zuhören und Aufhelfen. Ich rufe meinen Cousin an, dass der mich abholt." Lisa nickte und verließ den Raum.

„Rörland?"

„Charlotte hier.- Ich bin in der Stockholmer Uniklinik. Du musst mich abholen, Jannik war schon hier, zum Glück haben sie ihn auf dem Flur abgefangen.Das nächste Mal kommt er einfach in mein Zimmer und nimmt mich mit. Ich hab echt Angst." Damit brach ich nochmals in Tränen aus.

Chris begriff sofort: „Ich fahr gleich los. Wo genau liegst du denn?"

„Das bring ich in Erfahrung und schick dir ne WhatsApp. Bring Verstärkung mit, ich kann mir nicht vorstellen, dass mich Jannik kampflos ziehen lässt, und der taucht garantiert noch mal auf." Ich legte auf, legte das Handy beiseite, stand auf und klingelte nach der Schwester. Als diese kam, bat ich sie, den Stationsarzt zu holen und erklärte ihr, was ich mit Chris abgesprochen hatte.

„Ich kann dir wirklich nur dringend davon abraten, das Krankenhaus schon zu verlassen", sagte der Arzt, der sich mit Anders vorgestellt hatte, zu mir.

„Und was macht ihr, wenn mein Ex nochmal kommt? Das wird er, und der Typ ist gefährlich. Wenn gerade keine Sicherheitsleute da sind, wer verhindert dann, dass er mich einfach mitnimmt? Du?"

„Aber geh in Falun sofort zum Arzt", meinte Anders daraufhin. Fast hätte ich eine sarkastische Antwort gegeben, beherrschte mich aber: der Mann konnte nichts für das, was mir widerfahren war, und sein Rat zeigte ja letztlich seine ehrliche Sorge um mich.

Schließlich unterschrieb ich die Bestätigung, dass ich die Klinik auf eigenen Wunsch und entgegen dem ärztlichen Rat verließ.


Chris
Und wegen dieses Telefonats saß ich nun mit Joakim im Auto und fuhr nach Stockholm. Da wir ein eigenes Studio haben, war es nicht so schlimm, dass wir die Aufnahmen für einen Nachmittag ruhen ließen, zumal wir die Drums sowieso bei Peter aufnehmen wollten. Pär und Tommy konnten ja außerdem weitermachen.Bring Verstärkung mit. Ich hatte sofort an unseren Sänger gedacht. Stabil und wuchtig gebaut wie ein Panzer und nicht gerade schwächlich, war er vom Wesen her freundlich und gutmütig, wusste sich aber durchaus zu wehren.Tatsächlich hatte er einige Jahre geboxt. Und hatte man es erst einmal geschafft, ihn wütend zu machen, sollte man machen, dass man weg kam.

„Ich hoffe wirklich in seinem Interesse, dass er nicht da ist" erklärte besagter Panzer denn auch gerade. Mit einem boshaften Grinsen fügte er hinzu: „Aber in meinem Interesse hoffe ich, dass er da ist." Erwähnte ich schon, dass Jocke einen ausgesprochenen Beschützerinstinkt hat und Typen, die Frauen schlagen, für ihn, noch mehr als für uns andere, das Letzte sind?

„Und der Typ hat sie echt ins Krankenhaus geprügelt?" hatte mich Joakim zu Anfang der Fahrt gefragt. Ich hatte einfach genickt.

„Was ist mit ihrer Familie?"

„Die haben Charlie damals überredet, ein ähnliches Arschloch zu heiraten. Als sie sich von ihm scheiden hat lassen, haben sie sie sozusagen verstoßen. Dann hat sie Jannik kennen gelernt, und der fing nach einem halben Jahr an, sie zu schlagen. Keine Ahnung,weshalb sie sich nicht von ihm getrennt hat..."

Wir kamen auf die Station, wo wir Zeugen eines Streits, fast schon Kampfes, wurden. Zwei Security-Leute waren dabei, einen tobenden Mann (verdammt, das war Jannik!) hinauszuwerfen. Ich stieß Jocke an und flüsterte ihm zu: „Das ist der Mistkerl." Sofort verfinsterte sich das Gesicht meines Freundes. Ich berührte ihn nicht; trotzdem konnte ich fast spüren, wie er sämtliche Muskeln anspannte und Mühe hatte, sich zu beherrschen. Erst als Jannik außer Sicht gebracht worden war, entspannte sich Joakim wieder halbwegs.

Ich klopfte: „Herein", rief die Stimme meiner Cousine. Ich betrat das Zimmer, hinter mir Jocke. Entsetzt starrten wir sie an, zu keinem Gedanken fähig. Sie stand in Tanktop und Schlafshorts vor uns, und es gab keine Stelle an ihrem Körper, die nicht in allen Regenbogenfarben angelaufen, zugeschwollen oder vernarbt war. Am drastischsten sah ihr Kopf aus.

„Tja, Kleiner...", versuchte sie es mit Sarkasmus, „gewöhn dich lieber an den Anblick, der wird uns noch eine Weile erhalten bleiben, fürchte ich..."

„Was ist mit deinen Haaren passiert?" brachte ich schließlich hervor.

„Jannik hat sie mir büschelweise ausgerissen. Die Kopfhaut war ziemlich wund, teilweise sah man auch das rohe Fleisch. Um das behandeln zu können, haben sie mir hier den Schädel rasiert. Egal, ich lebe und habe keine bleibenden Schäden."

Joakims Gesicht hatte sich wieder verfinstert, ihm war das alles andere als egal: „Wie lange ging das so?" Er versuchte seine Stimme neutral, ja, freundlich zu halten, dennoch war es fast ein Grollen, und seine Augenbrauen waren drohend hochgezogen. Ich sah meiner Cousine an, dass sie nicht wusste, ob sie Angst haben sollte oder nicht. Schon trat ich einen Schritt auf Jocke zu, wollte ihn fragen, was das sollte, als ihm Charlotte antwortete.

„Ein paar Jahre", sie zuckte die Achseln und sah ihn unsicher an.Bevor Joakim noch etwas sagen konnte, hatte sich Charlotte hinter meinen Rücken verkrümelt.


Joakim
Ich versuchte, mich mit Charlottes Augen zu sehen und schämte mich plötzlich. Ich sah einen mittelgroßen, muskelbepackten Typen miteinem kurz rasierten Mohawk und kantigem Gesicht. Ich konnte mir vorstellen, wie ich auf sie gewirkt haben musste, mit bedrohlich hochgezogenen Brauen und zornigem Blick. Sie schien über einen Kopf kleiner zu sein als ich und im Gegensatz zu mir sehr zierlich. Ich meinte es ernst, wenn ich ihren Ex erwischte, würde ich mir wahrscheinlich eine Anzeige einfangen, aber sie war der letzte Mensch, an dem ich das auslassen sollte. Verdammt, Brodén, beherrsch dich! Die Frau ist schwer misshandelt worden, und du hast nichts besseres zu tun, als sie einzuschüchtern. Ich zwang mich, zu entspannen.

„Nenn mich Jocke, das tun alle", ich streckte ihr die Rechte entgegen und grinste verlegen, „tut mir leid, ich wollte dir keine Angst machen."

Sie ergriff sie: „Charlie", und grinste zurück. Daraus schloss ich, dass sie mir nicht böse war.

„Ich hab mit dem Stationsarzt gesprochen, er weiß, dass du kommst und mich mitnimmst." Das ging an Chris.

„Du bist aus dem Zimmer raus?", selten hatte ich Chris so fassungslos erlebt.

„Für wie bekloppt hältst du mich eigentlich?", fragte Charlie aufgebracht, „ich hab geklingelt und der Schwester Bescheid gesagt, die hat dann den Arzt geholt."

„OK", Chris war etwas kleinlaut, „dann geh ich zum Stationsarzt. Bleibst du hier, Jocke?"

Die Schwester kam herein: „Charlotte, Ihr Ex-Freund, oder wer immer das ist, ist fort. Da wir ihn zum wiederholten Mal rausschmeißen mussten, haben wir Anzeige erstattet, und die Polizei hat ihn mitgenommen." Sogar ich konnte das Gebirge fühlen, das der zierlichen Frau vom Herzen fiel.
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