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Alte Wunden - Missing scene

von NA71
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anthony "Tony" DiNozzo Dr.Donald "Ducky" Mallard Leroy "Jethro" Gibbs
24.01.2021
24.01.2021
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Lagerhaus Ecke 4th/Main

„Weg hier! Ins Auto! Ins Auto!“, rief Special Agent Leroy Jethro Gibbs der blonden jungen Frau zu und sprintete selber auf die silberne Limousine zu, die sich im Ausgang der Lagerhalle befand.
Die Männer, die Maddie Tyler, die ehemals beste Freundin seiner toten Tochter Kelly entführt hatten, waren kurz abgelenkt gewesen, als Gibbs ihnen den Autoschlüssel des Wagens zugeworfen hatte, in dem er den Seesack versteckt hatte.

Allerdings währte diese Ablenkung nur wenige Augenblicke, dann wandten sich die Männer bereits wieder Gibbs und der jungen Frau zu, die es gerade geschafft hatten, im Wagen Platz zu nehmen. Die Kerle eröffneten das Feuer. Gibbs legte den Rückwärtsgang ein und drückte mit seiner rechten Hand den Kopf der jungen Frau nach unten, um sie vor den Kugeln zu schützen, die durch die Windschutzscheibe ins Wageninnere flogen.
Wie durch ein Wunder entging er selber einem Treffer. Blitzschnell überlegte der erfahrene Ermittler und sah nur eine einzige Möglichkeit, den Männern, die immer weiter auf den Wagen feuerten zu entkommen. Er trat das Gaspedal komplett durch und schoss rückwärts auf das Ende des Kais zu. Sicher war das eine Möglichkeit zu fliehen, ob der Versuch letztlich von Erfolg gekrönt war, warje doch sehr fraglich.
Das junge Mädchen neben ihm war erschreckend ruhig, obwohl sie ahnte, was jetzt gleich passieren würde. Sie Kannte Gibbs seit ihrer Kindheit, hatte den schlanken, strengen Marine, der doch so liebevoll mit seiner Tochter umging, immer bewundert und vertraute ihm auch jetzt zu 100 Prozent.

Special Agent Anthony DiNozzo, der inzwischen ebenfalls das Gelände des Lagerhauses erreicht hatte, blickte entsetzt auf das Geschehen, das sich ihm bot. Mit ungeheurer Geschwindigkeit raste der silberne Wagen an ihm vorbei, erreichte das Ende des Piers und stürzte in den Potomac.
Auch Tony überlegte nicht lange, handelte wie sein Boss intuitiv. Er zog seine Waffe und rannte in die Lagerhalle auf die beiden Entführer zu, die einige Sekunden brauchten, um zu kapieren, dass Gibbs den Wagen tatsächlich im Fluss versenkt hatte. Dann erst wandten sie sich dem auf sie zu rennenden DiNozzo zu.
Tony nutzte diese wenigen Sekunden und erledigte erst den einen, dann auch den zweiten Mann. Ohne sich zu vergewissern, dass die Männer wirklich unschädlich gemacht worden waren, pfefferte er seine Waffe zur Seite und rannte einfach weiter auf das Flussufer zu.
Später konnte er nicht sagen, was er in diesem Moment gedacht hatte, er handelte einfach, wohl wissend, dass seine Hilfe vermutlich für die beiden Insassen des Autos zu spät kam.

Maddie hatte sich bei Aufschlag des Wagens auf die Wasseroberfläche den Kopf angestoßen und saß bewusstlos neben Gibbs. Der harte Aufprall hatte auch den Agenten kurzzeitig etwas benebelt, aber das kalte Wasser weckte seinen klaren Verstand sofort wieder. Er musste abwarten, bis sich das Wageninnere mit dem eisigen Wasser des Flusses gefüllt hatte, vorher würde er keine Chance haben, die Türen zu öffnen.
Kurz versuchte er das junge Mädchen neben sich zu wecken, aber Maddie schien zumindest eine Gehirnerschütterung davongetragen zu haben. Vielleicht war es sogar besser, dass sie nicht mitbekam, wie das Wasser in der Fahrgastzelle rasch anstieg.
Als der Pegel sein Gesicht erreichte, holte der Ermittler noch einmal tief Luft und bemühte sich schließlich mit aller Kraft, die Fahrertür aufzustoßen. Der Wasserdruck hatte sich ausgeglichen, aber die Tür ließ sich keinen Millimeter bewegen. Ganz offensichtlich hatte sich die Karosserie beim Aufschlag auf das Wasser verzogen, die Tür klemmte.
Wieder und wieder drückte Gibbs gegen die Tür und hämmerte schließlich gegen die Windschutzscheibe in der Hoffnung, so einen Weg nach draußen zu finden.
Langsam wurde die Luft in seinen Lungen knapp und die Kälte des Wassers lähmte seine Bewegungen. Wenn es nur um ihn gegangen wäre, hätte er längst aufgehört mit seinen Bemühungen, sich zu befreien. Aber hier ging es auch um Maddie, die beste Freundin seiner Tochter. Wie sollte er Kelly jemals gegenübertreten, wenn er frühzeitig aufgegeben hätte?

Über dem Wagen durchbrach etwas die Wasseroberfläche. Durch das trübe Flusswasser erkannte Gibbs seinen Kollegen. DiNozzo tauchte mit kräftigen Schwimmzügen zu dem Autowrack hinab.
‚Gott sei Dank, er lebt noch!‘, schoss es Tony durch den Kopf, als er durch die eingerissene Windschutzscheibe in das Wageninnere blickte.
Maddie saß bewusstlos neben seinem Boss und Gibbs wies jetzt auffordernd auf die Fahrertür. Tony verstand sofort, schwamm zur Seite das Wagens und zerrte heftig an dem silbernen Türgriff – ohne Erfolg, die verzogene Karosserie hielt auch seinen Bemühungen stand.
Ebenso wie Gibbs trommelte er jetzt auf die bereits beschädigte Windschutzscheibe ein und gemeinsam gelang es den Männern, das Sicherheitsglas aus der Verankerung zu ziehen.
Gibbs, der selber unter dem verschobenen Lenkrad festhing, befreite Maddie und schob sie durch die Öffnung, in der noch vor wenigen Sekunden die Scheibe gewesen war. DiNozzo schnappte sich die junge Frau und brachte sie mit wenigen Schwimmzügen an die Wasseroberfläche. Wie er es schaffte, die Bewusstlose auf den Ponton zu hieven, konnte er später selber nicht mehr sagen, unglaublich, welche Kräfte man im Notfall mobilisieren kann.

In der kurzen Zeit, in der Tony Maddie rettete, bemühte sich Gibbs vergeblich, sich unter dem Lenkrad zu befreien. Er schaffte es nicht, die Lenksäule soweit zu bewegen, dass auch er das Auto verlassen konnte.
Seine Lungen brannten, längst war der Sauerstoff verbraucht und der steigende Kohlendioxidgehalt in seinem Blut drängte ihn dazu, Luft zu holen. Noch dazu lähmte ihn die Kälte des umgebenden Wassers von Sekunde zu Sekunde mehr. Alles um ihn herum schien sich zu vernebeln, wurde immer heller und ein unendlicher Friede überkam ihn. Zeitgleich mit dem Atemreflex kam die Bewusstlosigkeit, nichts war mehr wichtig, alles war gut.

Tony hatte das junge Mädchen rasch abgelegt und stürzte sich sofort wieder kopfüber in den eisigen Fluss, kaum dass er ausreichend Luft geschnappt hatte. Im Nachhinein würde er sich fragen, woher er diese Kondition genommen hatte, denn genug Zeit für Sport war in den letzten Monaten wahrlich nicht gewesen. Ein Auftrag hatte den nächsten gejagt, mal ganz abgesehen von dem Desaster mit Jeanne und ihrem Vater.
Trotzdem wuchs er heute über sich hinaus, mobilisierte Kräfte, von denen er zuvor nichts geahnt hatte.

Am Wagen angelangt rutschte ihm sein Herz in die Hose und er hätte sicher laut geschrien, wenn dies unter Wasser möglich gewesen wäre. Gibbs, sein Ziehvater, Vorgesetzter, Freund saß mit offenen, toten Augen hinter dem Lenkrad des Wagens. Letzte kleine Luftbläschen verließen seinen Mund, willenlos schwebten die Hände durch das Cockpit des Autowracks.
Kurz verließen Tony seine Kräfte, dann riss er sich zusammen und zerrte mit aller Gewalt an der verklemmten Lenksäule. Tatsächlich rührte sich das Lenkrad plötzlich und er konnte Gibbs vom Fahrersitz und durch die Öffnung des Wagens zerren.
Noch einmal tauchte der junge Agent mit seiner Last an die Wasseroberfläche und auch dieses Mal schaffte er es durch übermenschliche Kraftanstrengung, sich selber und den schlaffen Körper, den er mit sich führte auf den Ponton zu ziehen.

Ohne Verschnaufpause beugte er sich über Gibbs und tastete am Hals nach dem Puls. Tony erinnerte sich an einen seiner Erste-Hilfe-Ausbilder, der damals gemeint hatte:
„Fange Sie auf jeden Fall an zu reanimieren, ohne sich lange damit aufzuhalten, den Puls zu tasten. Sie werden immer etwas spüren, das ist dann in der Regel ihr eigener Puls.“
Recht hatte der Mann damals, Tony war sich tatsächlich nicht sicher, was er tasten konnte. Da Gibbs jedoch ganz sicher bewusstlos war und nicht atmete, begann er mit dem Mut der Verzweiflung mit der Reanimation. Er faltete seine Hände über der Mitte von Gibbs Brustkorb und fing an, rhythmisch zu drücken.
Schon immer hatte Tony sich gefragt, warum im Fernsehen bei den Wiederbelebungsversuchen so laut gebrüllt wurde:
„Komm schon! Atme! Bleib bei mir!“
In seinen Sanitätskursen hatte man das nie gelehrt, aber jetzt ertappte der Halbitaliener sich ebenfalls dabei, diese flehentlichen Rufe auszustoßen.
„Komm schon, Boss, tu mir das nicht an!“, brüllte er seinen Kollegen in das bleiche Gesicht mit den halbgeöffneten, starren Augen.
Kurz hielt er inne, bevor er mit der Mund-zu-Mund-Beatmung begann, er würde seinen Boss küssen, Gibbs, den stahlharten Marine. Dann beugte er sich rasch über seinen Chef und blies zweimal kräftig in dessen Lungen, bevor er sich erneut der Herzdruckmassage zuwandte.
Im Augenwinkel konnte er zu seiner Erleichterung erkennen, dass sie jungen Frau ganz offensichtlich einen funktionierenden Kreislauf hatte. Mehrmals hatte Maddie etwas Wasser ausgehustet und atmete jetzt einigermaßen zufriedenstellend. Tony hatte sie auf die Seite gedreht. Zwei simultane Reanimationen, wären dem Agenten sicher nicht geglückt.

Endlich, es erschien dem jungen Mann wie eine Ewigkeit, hustete auch Gibbs Wasser hoch und begann unregelmäßig zu atmen. Gegen die Herzdruckmassage wehrte er sich mit einem gequälten Stöhnen, so dass Tony seine Bemühungen abbrach.
Oberhalb von dem Ponton kam gerade der Truck des NCIS mit quietschenden Bremsen zum Stehen, Türen klappten und Stimmen riefen aufgeregt durcheinander.
Kurz dahinter kam auch der Wagen des Gerichtsmediziners zum Stehen. Heute hatte sich niemand verfahren.

„McGee, NCIS, schicken Sie uns bitte einen Rettungswagen an die alte Lagerhalle Ecke 4./Mainstreet!“
„Tony? Brauchst du Hilfe? Ich schicke dir Ducky herunter!“
„Mr. Palmer, sehen Sie nach den beiden Männern dort hinten, ich klettere mal hier mit runter!“
Die Stimmen seiner Kollegen drangen an Tonys Ohr. Er nahm sie wahr, konnte sie auch zuordnen, schaffte es jedoch nicht, zu antworten.
Vollkommen ausgelaugt lehnte sich der Halbitaliener zurück, eine Hand am Carotispuls seines Chefs. Noch nie hatte er sich so am Ende gefühlt. Er nahm seine Kollegen kaum wahr, wollte einfach nur dasitzen und nichts tun, nicht denken, nicht reden und schon gar nicht aufstehen.

Ducky drängte Tony zur Seite, um Gibbs und das junge Mädchen genauer zu betrachten.
Mc Gee war mit Palmer zu den toten Entführern gegangen und hatte Tonys Waffe aufgesammelt, Ziva stieg mit mehreren Decken bewaffnet ebenfalls auf den Ponton.
Erschöpft lehnte sich Tony an die Leiter und ließ seine Kollegen arbeiten, erfühlte sich wie ein ausgewrungener Waschlappen.

Ziva half Maddie dabei, sich aufzusetzen. Der jungen Frau ging es erstaunlich gut. Die Israelin hatte sie in eine Decke gewickelt und überwachte sie, nachdem Ducky einen kurzen Blick auf sie geworfen hatte. Offensichtlich hatte das kalte Wasser dazu geführt, dass Maddie trotz der Bewusstlosigkeit die Luft angehalten hatte. Da eine Aspiration aber nicht ganz ausgeschlossen werden konnte, übergab Ziva sie schließlich dem ersten Rettungswagen, der eintraf.

Gibbs POV:

„Jethro? Kannst du mich hören?“
Nur unscharf konnte ich ein Gesicht über mir ausmachen. Ducky! Ich erkannte seine Stimme und doch schaffte ich es nicht, zu antworten. Ich wollte auch gar nichts sagen, obwohl ich seine Worte verstand. Immerhin schaffte ich es, Ducky mit meinen Augen zu verfolgen. Ich war beruhigt, dass er da war, hatte ich es also doch geschafft.
Wie war ich hierhin gekommen? War ich nicht eben noch in dem Wagen?
Kelly! Ich hatte Kelly gesehen. Auch sie hatte mit mir geredet, gesagt, ich solle zurückgehen. Wohin war zurück?
Ich lag auf einer harten Unterlage, mir war kalt. Langsam wurde alles etwas klarer um mich herum.
Ich musste husten, meine Lunge brannte, mein Brustkorb fühlte sich an, als hätte man mich verprügelt.

„Jethro, verstehst du mich? Atme ganz ruhig. Ich helfe dir jetzt bei Aufsetzen, dann können wir dich in eine Decke einwickeln.“
Wieder sprach Ducky mit mir. ‚Wir‘? Wer war ‚Wir‘?
„Gibbs, komm, gib mir deine Jacke. Ich habe hier eine warme Decke für dich.“
Aha, Ziva, ja, ich erkannte auch ihre Stimme, schaute sie an. Aber ich wollte nicht reden, wollte mich nicht bewegen. Wie eine Puppe zogen sie mich hoch, nahmen mir meine Jacke weg und ich spürte, wie sie mich in eine Decke wickelten. Langsam legten sie mich wieder ab.
Es war jetzt etwas wärmer und weicher. Duckys Hand tastete wieder nach meinem Puls, er legte eine Manschette um meinen Oberarm für den Blutdruck und horchte auf meine Lunge.
„Jethro, der Rettungsdienst ist gekommen. Sie werden dich mitnehmen ins Krankenhaus, bitte mach keinen Ärger.“
‚Krankenhaus‘! Auf gar keinen Fall! Ich überwand meine Benommenheit augenblicklich und richtete mich schlagartig auf.
„Nein, kein Krankenhaus, mir geht es wieder gut!“, rief ich energisch aus und erschreckte damit sowohl Ducky als auch Ziva.
„Jethro bitte! Du wärst beinahe ertrunken, Tony hat dich wiederbelebt, du bist unterkühlt, sei doch einmal vernünftig!“
„Ich gehe in keine Klinik, sie wollen sich um Maddie kümmern, ich brauche keine Hilfe!“
So schnell es eben ging, richtete ich mich auf, hielt mich verstohlen an der Leiter fest und zog die Decke um meine Schultern.
Ducky und die Sanitäter begannen mit mir zu diskutieren, aber ich setzte mich durch, wie immer. Schließlich gab Duck seufzend auf:
„Also gut, dann setz dich aber bitte in den Van. Ziva soll dir helfen mit der Leiter. Ziva? Hol dir Sauerstoff aus unserem Wagen und eine von den Masken. Er soll sie aufsetzen!“, wies der Pathologe meine jüngste Kollegin an.

Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, mir war wirklich kalt, mein Brustkorb schmerzte und ich fühlte mich noch immer benebelt. Kurz warf ich einen Blick auf den völlig erschöpften Tony, der mich kaum wahrzunehmen schien und teilnahmslos an der Leiter lehnte, die ich jetzt begann hochzuklettern.
Er hatte mir das Leben gerettet, irgendwann würde ich ihm dafür danken, aber nicht jetzt. Zu sehr musste ich mich trotz Zivas Hilfe auf das Klettern konzentrieren. Ducky wandte sich Tony zu und ich war erleichtert. Der Junge sah nicht gut aus.
Komm, setz dich hinten rein, ich schalte die Heizung an, dann wird es hier schnell wärmer. Willst du wirklich nicht einmal einen Sani nach dir schauen lassen?“
Obwohl Ziva sonst nicht so der mütterliche Typ war, musterte sie mich besorgt, als ich wackelig die eine Stufe in den Van erklomm. Ich unterdrückte ein Stöhnen und setzte mich auf die kleine Bank.
„Nein, auf keinen Fall, mir geht es gut, Ziva. Kümmert euch um Maddie und die Typen aus der Lagerhalle.“
„Die sind tot, Tony hat sie erledigt, bevor er euch zur Hilfe kam. McGee und Palmer kümmern sich um die Leichen.“
„Gut, dann kümmere dich um Tony, aber lass mich in Frieden. Bringt mich einfach nach Hause, es geht mir gut!“, wiederholte ich eindringlich.

So schnell wurde ich Ziva zwar nicht los, aber sie schloss immerhin die Tür, schaltete die Heizung ein und setzte mir wie befohlen die Sauerstoffmaske auf das Gesicht. Sie steckte eine Sättigung an meinen Fingen und hockte sich dann mir gegenüber. Ich schloss die Augen, spürte die langsam aufkommende Wärme und ignorierte meine Kollegin. Meine Gedanken wanderten zurück zu Kelly, die ich eben gesehen hatte und die mir so unsagbar fehlte.


Tonys POV

Ich war erschöpft, ausgelaugt, völlig mit den Kräften am Ende, wie auch immer man meinen Zustand beschreiben wollte. Niemals hätte ich gedacht, dass ich diese Kräfte mobilisieren könnte. Der Fluss war an dieser Stelle sicher fast 5 Meter tief und das Wasser eiskalt. Trotzdem hatte ich es geschafft, zwei Menschen aus einem Autowrack zu befreien, an Land zu schleppen und den einen davon auch noch zu reanimieren. Einen der Menschen, meinen Boss, den Mann, den ich mehr als meinen Vater ansah als meinen eigentlichen Erzeuger, den Mann, der mir in den letzten 7 Jahren mein bester Freund gewesen war, auch wenn wir das so noch nie zueinander gesagt hatten.
Trotz aller Erschöpfung hatte ich so eine Verzweiflung gefühlt, als ich keinen Puls finden und keine Atmung feststellen konnte. Nur diese Verzweiflung hatte mir jedoch die Kraft gegeben, nach den Tauchgängen auch noch die Herzdruckmassage zu beginnen. Einmal hatte es kräftig geknackt. Hoffentlich habe ich Gibbs keine Rippe gebrochen, obwohl, angesichts der erfolgreichen Wiederbelebung würde er mir dieses Missgeschick sicher nicht nachtragen.
Was hätte ich gemacht, wenn er nicht wieder gekommen wäre, wenn ich meine väterlichen Kollegenfreund für immer verloren hätte?
Nicht darüber nachdenken, er lebte ja, war dickköpfig wie immer, wies die Hilfe der Sanitäter ab, wollte einfach nur nach Hause, obwohl Ducky mit ihm schimpfte.
Mir war kalt, jemand hatte mir eine Decke um die Schultern gelegt und ich lehnte an der Leiter, auf die Gibbs und Ziva jetzt zusteuerten. Ich sah nicht auf, konnte nicht, wollte einfach nur meine Ruhe haben und hier sitzen bis in alle Ewigkeit.
Maddie Tyler wurde gerade in den ersten RTW geladen und ins Krankenhaus gebracht.
‚Gut, sie war versorgt, sicher hatte sie eine Gehirnerschütterung, aber sie hatte sofort geatmet, als er sie auf den Ponton gelegt hatte.‘
Trotz der Decke war mir kalt, ich schüttelte mich unwillkürlich und blickte in die Ferne.

„Tony? Wie geht es dir, mein Junge?“
Erschreckt schaute ich auf und sah Duckys gütiges, besorgtes Gesicht vor mir. Ich hatte ihn nicht kommen hören, zu sehr war ich mit meinen Gedanken an die letzte halbe Stunde beschäftigt.
Der ältere Pathologe hatte meine Hand unter der Decke hervorgezogen und tastete jetzt nach meinem Puls, während er mich mit seinem Röntgenblick musterte.
„Hm?“, fragte ich verwirrt nach
„Anthony, ich wollte wissen, wie es dir geht?“, hakte Ducky leise nach und steckte meine kalte Hand wieder unter die Decke.
„Alle okay, mir fehlt nichts. Was ist mit Gibbs? Ducky, ich dachte echt, ich verliere ihn, er hat nicht mehr geatmet, Puls konnte ich auch keinen finden…“
Wieder schüttelte es mich, ich fühlte mich innerlich kalt. Bei dem Gedanken an Gibbs Zustand nachdem ich ihn auf den Ponton gezogen hatte würgte es mich richtiggehend. Ich merkte, wie ich anfing schneller zu atmen.
„Sch, ganz ruhig, Tony. Es geht beiden gut, dank dir.“
„Ja.“, mehr brachte ich nicht heraus, wieder überkamen mich die Bilder von Gibbs unter Wasser mit den toten Augen.

„Kannst du aufstehen? Du solltest auch schnellstens ins Warme, deine Lippen sind ganz blau vor Kälte. So wie ich dich kenne, wirst du auch meinem Rat nicht folgen und dich im Krankenhaus durchchecken lassen.“, stellte Ducky resigniert fest.
Ich schüttelte den Kopf:
„Nein, ist nicht nötig. Mir reichen trockene Klamotten.“, murmelte ich und stand mit Hilfe meines alten Freundes auf.
Mühsam erklommen wir die verrosteten Stufen der Leiter. Endlich oben angekommen bugsierte mich Ducky zum Van und ich durfte mich neben Gibbs in den inzwischen vorgeheizten hinteren Raum setzen. Gibbs hatte die Augen geschlossen. Sein Gesicht hatte wieder etwas Farbe angenommen unter der durchsichtigen Plastikmaske und er atmete ruhig. Nur wenn man ganz genau lauschte, konnte man ein leises Pfeifen beim Ausatmen hören.
Ducky betrachtete uns kritisch und startete seine Predigt:
„Also, wenn ihr mich fragt, solltet ihr beide euch im Krankenhaus untersuchen lassen. Jethro, mit einem Beinahe Ertrinken ist nicht zur spaßen, ebenso wenig wie mit einer starken Unterkühlung, Tony.“
„Nein, kommt nicht in Frage!“, unterbrachen wir Ducky unisono.
Der ältere Gerichtsmediziner atmete laut aus und zuckte resigniert mit den Schultern:
Also gut, ich habe verstanden. Aber um eine gründliche Untersuchung bei mir im Keller kommt ihr nicht herum!“, sagte er in einem Tonfall, der jeden Widerspruch von Gibbs und mir verstummen ließ.


40 Minuten später in der Autopsie

Gibbs und Tony hockten in trockenen NCIS-Trainingsanzügen nebeneinander auf einem der Stahltische und hatten gerade die Umarmungsorgie von Abby hintere sich gebracht. Die Kriminaltechnikerin stand jetzt aufgeregt wippend neben dem Tisch und betrachtete ihre Kollegen besorgt. Sie teilte Duckys Meinung, dass ein Krankenhausaufenthalt besser gewesen wäre. Das tat sie auch laut kund.
Die beiden Agenten konnten im Moment nicht widersprechen, Ducky hatte ihnen Thermometer in den Mund geschoben und legte gerade eine Blutdruckmanschette um Gibbs Oberarm.
Die Röntgenbilder der beiden Männer hingen einträchtig nebeneinander am Wandschirm. Zumindest das Bild von Gibbs mit zwei gebrochenen Rippen und einer deutlichen Gefäßzeichnung ließ erahnen, was ihm vor Kurzem widerfahren war.
„Hm, 145/85, Temperatur 35,8°C, zwei gebrochene Rippen und noch etwas zu viel Wasser in der Lunge. Jethro, ich tue mich wirklich schwer damit, dich so nach Hause zu lassen! Du wirst zumindest noch zwei Stunden hier bleiben, damit ich ein Auge auf die haben kann.“
„Duck…“, wollte Gibbs entgegnen, wurde jedoch abrupt unterbrochen.
„Ha, keine Widerrede, Mister! Du bleibst, sonst zerre ich dich persönlich ins nächste Krankenhaus!“
Abby hatte sich streng vor ihrem väterlichen Freund aufgebaut. Gibbs musste wider Willen lachen und gab sich geschlagen:
„Aber nicht länger als zwei Stunden.“
„Und, Tony, für dich gilt das gleiche. Dein Röntgenbild ist zwar unauffällig, aber du bist noch stärker unterkühlt und dein Kreislauf gefällt mir gar nicht. Also, setzt euch oben hin, trinkt etwas Warmes und ich komme in einer halben Stunde, um nach euch zu sehen!“
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