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Magisch: Old Souls

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Access Time Fynn Fish
24.01.2021
24.01.2021
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1.542
 
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Eigentlich war Natsuki nicht abergläubisch. Eigentlich. Sie glaubte zum Beispiel nicht daran, dass schwarze Katzen Unglück brachten. Oder dass man sieben Jahre lang Pech hatte, wenn man unter einer Leiter hindurchging. Diese Dinge schienen ihr viel zu banal, viel zu einfach, als dass sie sich überhaupt Gedanken deswegen machen wollte. Zumindest im Gegensatz zu den Dingen, an die sie glaubte.
Sie glaubte an Magie. Nicht an Zaubertricks, wie den Hasen aus dem Zylinder, der Taube aus dem Hut, Kartentricks. Sondern echte, wahre Magie. So genau erklären konnte sie es nicht. Es war nicht rational - natürlich nicht. Aber sie hatte einfach schon immer gefühlt – nein, gewusst -, dass da etwas war; dass es etwas Besonderes gab in dieser Welt, das nur wenige Menschen erleben durften. Und sie war einer dieser wenigen Menschen. Davon war sie fest überzeugt.
So etwas wie Magie gab es. Etwas wie eine Seele vielleicht, die die Jahrhunderte durchwanderte und immer etwas zurückließ, aber auch immer etwas mitbrachte. Irgendetwas Magisches war da draußen, und sie fühlte sich, als wäre es ein Teil von ihr. Nein, als wäre sie Teil davon.
Wie sonst sollte sie sich den immer wiederkehrenden Traum erklären, in dem es stets nur um ihn ging? Verschwommen, wie weichgezeichnet, sah sie ihn in ihren Träumen, fühlte seine Verzweiflung, ihre Sehnsucht nach ihm. So intensiv, dass sie sich manchmal fragte, wie solche Gefühle überhaupt möglich sein können.
So sehr sie sich aber auch anstrengte, seine Worte zu verstehen, oder sein Gesicht zu sehen, es blieb immer nur bei undeutlichen Bildern, murmelndem Flüstern, grellem Flackern. Manchmal träumte sie auch einfach nur von einem Regen aus schwarzen Federn – doch sie war überzeugt, auch das hatte etwas mit ihrem Ursprungstraum zu tun.
"Er spricht zu mir", hatte sie einmal ihrer Mutter erklärt. "Er ruft nach mir... vielleicht."
"Vielleicht", hatte diese ausweichend geantwortet. Natsuki war sich sicher, Marron glaubte ihr nicht so recht, wollte es aber nicht offen zugeben.
"Glaubst du denn, so etwas ist überhaupt möglich?", hatte sie trotzdem wissen wollen. "So was wie ein früheres Leben vielleicht?"
Marron überlegte, während sie sich langsam die Haare kämmte. "Ich kann es mir gut vorstellen", antwortete sie dann vorsichtig.
"Es gibt ja auch Menschen, die dank Hypnose einen Einblick in ihr früheres Leben erhalten konnten. Was hältst du davon?"
Ihre Mutter zögerte. "Was hältst du denn davon?"
Natsuki hatte mit den Schultern gezuckt. Die Unterhaltungen mit Marron verlief nicht gerade nach ihrem Wunsch. Je mehr sie sie fragte, je mehr sie ihre Meinung hören wollte, desto weniger Antworten bekam sie. Sie hätte genauso gut Selbstgespräche führen können.
"Vielleicht. Man weiß bei solchen Sachen nie, was Einbildung ist und was real." Dann war sie gegangen.

Aber die Vorstellung hatte sie nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Nicht, dass sie vorgehabt hätte, sich hypnotisieren zu lassen – das war ein Teil des Aberglaubens, den sie so ablehnte -, aber sich darüber Gedanken zu machen, zu grübeln, in ihre Fantasie abzuschweifen und sich verschiedenste Szenarien auszudenken, das wollte sie sich nicht nehmen lassen. Wer war dieser Mann, von dem sie träumte? Und warum hegte sie im Traum so starke Gefühle für ihn?
Das alles ging ihr durch den Kopf, während sie im Bett lag und an die Decke starrte. Wie jeden Morgen wurde sie schon vor ihrem Wecker wach und hing den immergleichen Gedanken nach.

Es klopfte und Marron steckte den Kopf durch die Tür. "Guten Morgen, bist du schon wach?"
Natsuki richtete sich auf. "Mhm", nickte sie.
"Ich muss leider schon los. Ein Klient hat angerufen. Aber das Frühstück steht in der Küche, ja?"
"Okay", murmelte Natsuki. Obwohl sie schon so lange wach war, fühlte sie sich dennoch verschlafen.
"Holt Shinji dich zur Schule ab?", wollte Marron noch wissen.
Aha, dachte Natsuki. Ihr Vater musste anscheinend auch schon im Krankenhaus sein. Zumindest würde Marron diese Frage sonst nicht so offen aussprechen, denn Chiaki und Shinji verband eine Art... Hassliebe. Natsuki war sich nicht sicher, ob es das richtige Wort war, aber sie waren definitiv wie Hund und Katz.
"Weiß nicht. Ich habe immer noch keinen rechten Überblick über seine Kurszeiten." Natsuki zuckte mit den Schultern. Weil er auch nach eigenem Belieben zur Uni geht, fügte sie im Stillen hinzu. Kurszeiten interessierten Shinji nicht.
"Na gut. Bis nachher. Soll ich auf dem Weg nach Hause etwas zum Abendessen holen?"
"Ja, gerne." Endlich fühlte sich Natsuki ein bisschen wacher und ihr Gesicht begann zu leuchten. "Und vergiss nicht den Nachtisch."
Marron lächelte. "Wie könnte ich? Bis dann, Liebes."
"Bis dann, fahr vorsichtig, Mama."
Natsuki lauschte den sich entfernenden Schritten, bis die Tür hinter ins Schloss fiel. Dann bequemte sie sich langsam aus dem Bett. Sie hatte noch genug Zeit, um den Tag in Ruhe anzugehen, sich fertig zu machen, zu duschen und zu frühstücken. Und ihre Mutter hatte ihre Gedanken in eine vollkommen neue Richtung gelenkt, mit denen sie sich, einmal mehr, beschäftigen konnte.

Shinji. Der Nachbarsohn gab ihr lauter Rätsel auf. Schon seit sie denken konnte, war er in sie verknallt gewesen. Als sie noch ein Kind war, hatten sie viel zusammen gespielt. Es hatte sie stolz gemacht, einen weitaus älteren Jungen als Freund zu haben, der sie wie seinesgleichen behandelte. Jedes Kind sehnt sich danach, von älteren Spielkameraden, die es anhimmelte, beachtet zu werden. Auch jetzt fühlte sich sich immer noch geschmeichelt, jedoch war ihr sein Interesse oft auch einfach nur lästig, wenn er sein Hofieren mal wieder übertrieb. Trotzdem war Shinji ein guter Freund.
Klar, er schwänzte oft den Unterricht und sein Basketballtraining, aber seinen Freunden und ihr gegenüber war er immer loyal und aufgeschlossen. Ein vertrauenswürdiger und zuverlässiger Kerl, was die Menschen um ihn herum anging. Seine Noten waren im durchschnittlichen Bereich, er ließ die Dinge manchmal schleifen und nahm nichts so wirklich ernst, während Natsuki ein ehrgeiziger, zielstrebiger Mensch war. Sie waren so verschieden wie zwei Seiten einer Medaille. Aber auch, wenn Shinji manchmal so aufdringlich war, dass sie am liebsten grob werden würde, gab es etwas an ihm, das sie sehr schätzte: manchmal hatte sie das Gefühl, dass er sie ganz genau verstand. Auch, wenn sie nie mit ihm explizit über ihre Träume gesprochen hatte, ahnte sie doch zu wissen, dass er genauso wie sie an dieses etwas Magische glaubte, das die Menschen umgab.

Sie stand auf und ging zu ihrem Schreibtisch, wo sie nach ihrer Bürste griff. Ihr Blick fiel auf ihr Schmuckdöschen, in dem sich einige Ohrringe und Anhänger befanden. Unter anderem auch der Ohrring, der ihr seltsamerweise so viel bedeutete, ohne, dass sie es sich erklären konnte. Ihre Mutter hatte ihr die haarsträubende Geschichte erzählt, dass Natsuki mit diesem Ohrring in der Hand geboren wurde. Als Kind war das eine von diesen besonderen Vorstellungen gewesen, aber mittlerweile wusste sie, dass das praktisch natürlich unmöglich war. Trotzdem zog etwas an diesem Ohrring sie an. Jedes Mal, wenn sie ihn in der Hand hielt, hatte sie das unbestimmte Gefühl, etwas vergessen zu haben. So ähnlich, wie wenn man auf der Suche nach etwas war, durch eine Tür ging und plötzlich total verloren im Raum herumstand, weil man nicht mehr wusste, weshalb man dort gekommen war.
Das waren also nun schon zwei Mysterien in ihrem Leben, die sie sich - noch - nicht erklären konnte, und ein weiterer Beweis dafür, dass etwas Magisches sie umgab.

Natsuki schüttelte den Kopf. Daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie schnappte sich ihre Schuluniform, die über der Stuhllehne hing, und machte sich auf den Weg ins Badezimmer. Plötzlich hörte sie einen Schlüssel, der im Schloss herumgedreht wurde. Hatte ihre Mutter etwas vergessen? Sie hechtete in den Flur, um nachzusehen, aber es war nur Shinji, der sich vermutlich wieder den Ersatzschlüssel ausgeliehen hatte, der eigentlich nur für Notfälle bei den Minazukis deponiert war.
Natsuki rollte mit den Augen. "Der Schlüssel ist nicht dafür da, dass du hier einfach so rein schneist, wann immer du Lust dazu hast", mahnte sie ihn, aber ohne wirkliche Strenge."
Shinji grinste. "Das mache ich auch gar nicht, wann immer ich Lust habe. Ich muss immer erst warten, bis Chiaki weg ist, sonst kann ich mir die Mühe sparen."
Seitdem Shinji in die Pubertät gekommen ist, hatten er und Chiaki ein gespanntes Verhältnis zueinander. Sie schienen sich im Grunde gut zu verstehen, aber sobald Shinji auch nur in die Nähe von Natsuki kam, brannten bei Chiaki alle Sicherungen durch. Von ihren Freundinnen hatte Natsuki sich sagen lassen, dass das ein absolut normales väterliches Verhalten war.
"Du bist ja noch im Schlafanzug", stellte Shinji fest. "Musst du nicht zur Schule?"
"Musst DU nicht zur Uni?", stellte Natsuki kokett die Gegenfrage. "Ich hab schließlich noch Zeit."
"Beeil dich trotzdem", sagte er und grinste dann. "Sonst bleibt dir nichts mehr vom Frühstück."
Sie schüttelte halbwegs amüsiert den Kopf. "Das hier ist kein Büffet für dich, weißt du?" Ohne eine Antwort abzuwarten – und auch, weil Shinji bereits auf dem Weg zur Küche war, um die Hälfte ihres Frühstücks zu verspeisen -, verschwand sie endlich im Bad, um sich ausgiebig ihrer Morgenwäsche zu widmen.
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