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Woman in yellow till the end?

von KleinKoko
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Simon Schempp
24.01.2021
09.05.2021
18
32.908
5
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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28.03.2021 1.874
 
Als wir endlich über Oslo sind, habe ich beschlossen diese Gedanken für dieses Wochenende ad Acta zu legen. Ja ich weiß, dass ich eigentlich vor meinem letzten Rennen sicher sein wollte, wie es weiter geht, aber jetzt soll nur der Gesamtweltcup zählen und das wird noch ein hartes Stück Arbeit.

,,So Marlia packst du deine Sachen zusammen.“ Weise ich meine Tochter an, die irgendwann doch wieder zu uns gekommen ist und ihre Malsachen und Kuscheltiere ausgepackt hat.

,,Sind wir da?“ Sieht sie mich mit großen Augen an und dreht sich anschließend zum Fenster um, um rauszusehen.

,,Ja wir landen gleich. Pack deine Sachen zusammen und danach kannst du wieder die Landschaft beobachten.“

,,OK.“ Gibt meine Tochter sich geschlagen und räumt die Sachen schnell in ihren kleinen Rucksack, ehe sie wieder das Fenster rausschaut.

,,Ich beneide Marlia ja schon irgendwie.“

,,Warum?“ Fragend blicke ich Vanessa an, als wir kurze Zeit später am Gepäckband stehen und warten.

,,Na die bekommt nichts von der Warterei mit und hat immer jemanden, der sich mit ihr beschäftigt.“ Antwortet Vanessa mir lachend.

,,Aso.“ Lache nun auch ich und blicke zu Marlia, die irgendwas mit Simon spielt. ,,Hält dich keiner von ab auch mit Marlia zu spielen, dann geht die Zeit auch für dich schneller rum.“

,,Schon wahr, aber ich glaub sie ist grad mit den Jungs ganz gut beschäftigt. Wo wir grad bei Marlia sind. Hast du nochmal wegen deiner Karriere nachgedacht?“ Wird Vanessa wieder ernst.

,,Grade im Flugzeug erst und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich mir darüber jetzt erstmal keine weiteren Gedanken mache, sondern mich jetzt auf die letzten drei Rennen und den Gesamtweltcup konzentriere.“ Ich lächel sie an und stelle mit Erleichterung fest, dass das Gepäckband sich anfängt zu bewegen. So langsam möchte ich dann doch ins Hotel. Meine Beine sind von gestern immer noch nicht ganz erholt. Da muss ich auf jeden Fall heut nochmal zum Physio.

,,Das ist eine gute Idee und ich bin mir sicher, dass du den Gesamtweltcup dir holen wirst.“

Eine gute Stunde später betreten wir endlich unser Hotelzimmer.

,,Das wurde aber auch Zeit.“ Ich lege meine Sachen ab und lasse mich auf das Bett fallen.

,,Das kannst du wohl laut sagen.“ Auch Vanessa schmeißt sich auf ihre Betthälfte.

,,Am liebsten würde ich gar nicht mehr aufstehen.“ Ich schließe die Augen und merke, wie kaputt ich wirklich bin.

,,Tja. Daraus wird aber leider nichts.“ Durch Vanessa Worte öffne ich seufzend meine Augen wieder.

,,Wäre ja zu schön.“

Beim Training am nächsten Tag fühlen sich meine Beine zwar etwas besser, aber immer noch nicht wirklich frisch an. Zumindest beim Stehendschießen kann ich mir wieder etwas Sicherheit zurückholen. Die 5 Fehler von Sonntag kann ich zwar gut erklären, aber trotzdem habe ich das noch ein bisschen im Kopf. Nach dem Training heute hab ich zumindest da wieder ein gutes Gefühl. Beim Laufen ist es allerdings immer noch mehr Qual als Genuss, aber ist auch schließlich das letzte Weltcupwochenende.

,,Und für morgen alles fit?“ Fragend sieht Simon mich am Abend an. Marlia ist bei Vanessa und so haben wir ein bisschen Zeit für uns.

,,Naja. Beim Schießen hat es heut schon wieder gut geklappt, aber das Laufen ist immer noch eine Qual. Das macht mir schon sehr zu schaffen und bringt mich zum Grübeln.“ Entgegne ich ihm leicht niedergeschlagen. Simon zieht mich in seine Arme und gibt mir einen Kuss auf den Kopf.

,,Du darfst nicht so viel nachdenken, Schatz. Klar ist das nie schön, wenn man sich nicht blind auf sein Laufen verlassen kann, aber du musst bedenken, es ist für alle das letzte Wochenende. Alle sind am Limit. Du musst einfach auf deine Stärke vertrauen und das ist das Schießen. Ich bin mir sicher, dass du im Wettkampf das alles ausblenden wirst und alles gibst, was du kannst. Es sind noch 3 Rennen. Du läufst in Gelb, wenn das keine Motivation ist alles zu geben, weiß ich auch nicht mehr.“ Als Antwort gebe ich Simon einen Kuss und damit ist auch schon alles gesagt. Ich bin einfach so dankbar jemanden wie Simon an meiner Seite zu haben, der mich immer unterstützt, aufbaut und stärkt. Durch seine eigene Karriere weiß er natürlich, wie alles funktioniert und kann mir immer hilfreiche Tipps geben. Aber auch als Ehemann hält er mir den Rücken frei und kümmert sich um Marlia und den Haushalt. Manchmal frage ich mich wirklich, womit ich diesen Mann verdient habe.

Die Behandlung beim Physio gestern nach dem Training hat mir auf jeden Fall nochmal gutgetan, denn als ich am Mittwoch am Start stehe, fühlen sich meine Beine wieder deutlich besser an. Motiviert gehe ich in das Rennen. Lisa und Hanna sind nur kurz vor mir gestartet. So sind meine wichtigsten Referenzen schon auf der Strecke. Um den Sieg geht es mir nicht wirklich, sondern nur um den Gesamtweltcup und so lange ich besser bin als die beiden, bleibe ich vorn. So einfach ist die Rechnung.

,,Gute Angangszeit Franzi. Gleich auf mit Öberg.“ Informiert Florian mich auf der Strecke. Klingt ja schon mal gar nicht so verkehrt. Das Liegendschießen absolviere ich schnell und fehlerfrei. Wenigstens eine Sache, auf die ich mich fest verlassen kann. Beim Rauslaufen aus dem Stadion werfe ich einen schnellen Blick auf die Anzeigetafel und sehe, dass ich nach dem ersten Schießen 5. bin, aber nur 4 Sekunden Rückstand auf Lisa habe, die führt. Alles im grünen Bereich also. Auch auf der zweiten Runde fühlen sich meine Beine nicht schlimmer an als sonst, was mir weiter Selbstvertrauen für das Stehendschießen gibt. Kurze Zeit später komme ich auch schon wieder am Schießstand an. Ich nehme meine Waffe vom Rücken, atme nochmal kräftig aus und gehe meine Routine durch. Scheibe für Scheibe gehe ich vor und habe kurze Zeit später 5 weiße, statt schwarze Scheiben vor mir. Zufrieden schultere ich mein Gewehr wieder und mache mich auf die Strecke. Doch schon nach ein paar hundert Metern merke ich, wie meine Beine wieder schwer werden. Ich versuche zuerst meine Beine zu ignorieren und einfach mein Tempo beizubehalten, bis ich bei Florian ankomme und neue Infos erfahre. Leider konnte ich beim Rauslaufen nämlich nicht sehen, wo Lisa und Hanna liegen. Nur, dass ich führe, wenn auch nicht grad deutlich, habe ich noch so grade erblicken können.

,,Franzi du bist dritte 5 Sekunden hinter 1. Öberg und Hauser weit dahinter. 7 Vorsprung auf 4.“ Ruft Florian mir zu, was mich erleichtert aufatmen lässt. Es ist noch ein guter Kilometer ins Ziel und ,,weit dahinter“ interpretiere ich mal so, dass ich nicht mehr hinter sie zurückfallen kann. Ich nehme ein bisschen Tempo raus, auch auf die Gefahr hin das Podest zu verlieren, aber wenn ich jetzt blau gehe oder meine Beine überstrapaziere, wird das am Wochenende sicher nicht besser und darauf kann ich getrost verzichten.

Im Ziel leuchtet die 3 auf und 13 Sekunden Rückstand. Oh Gott. Das war definitiv meine schlechteste Schlussrunde diese Saison. Am Ende ist es Platz 4, weil Elvira sich noch vor mich geschoben hat. Da Lisa und Hannah aber 10. Bzw. 13. geworden sind, habe ich meinen Vorsprung im Gesamtweltcup wieder ausgebaut.

,,Franziska Schempp. Am Ende Platz 4, nachdem sie in Führung liegend aus dem Schießstand gegangen sind. Was war los auf der letzten Runde?“ Fragend sieht der Reporter mich an. Wie nach jedem Rennen gehören auch heute Interviews dazu, obwohl ich am liebsten so schnell wie möglich ins Hotel und Bett möchte, um meine Beine auszuruhen. Zu meinem Glück geht es erst am Samstag weiter, das heißt zwei freie Tage.

,,Kurz nachdem ich den Stand verlassen habe, sind meine Beine wieder schwer geworden, wie es auch schon letzte Woche im Massenstart war. Ich habe in der Mitte der Runde Tempo rausgenommen, weil es sich einfach nicht gelohnt hätte, jetzt vollgas zu geben und am Ende dritte zu werden, dafür meine Beine aber mehr leiden und vielleicht am Samstag immer noch schwer sind. Es sind noch 2 Rennen, die über den Gesamtweltcup entscheiden und darauf liegt mein Fokus. Ob es heute der dritte oder vierte Platz ist, ist nicht so wichtig, wenn es am Wochenende wieder passt.“

,,Es sind ja jetzt zwei Tage Pause. Wie bekommen sie die Beine bis dahin wieder fit?“

,,Physio, auslaufen und Pause. Ich werde jetzt heute erstmal zur Physio gehen und dann morgen schauen, wie es aussieht. Es waren ja jetzt auch zwei freie Tage vor diesem Rennen. Ich hoffe, dass ich mich einigermaßen so regenerieren kann, dass ich fürs Wochenende fit bin und das gelbe Trikot verteidige.“

,,Hat das Malheur von letzter Woche im Massenstart sie heute irgendwie beeinflusst? Haben sie da noch dran gedacht, oder konnten sie das schnell vergessen?“

,,Ich weiß ja warum die 5 Fehler passiert sind und da konnte ich auch nichts dran machen. Ich habe gestern explizit nochmal ein paar mehr Stehendanschläge gemacht, um da wieder Sicherheit zu bekommen und das hat ja auch gut geklappt. Generell war der Massenstart schnell abgehackt, sowohl bei mir als auch den Trainern, weil es ja einen eindeutigen Grund für das Ergebnis gab. Die Einzige, die am Montag noch von dem Rennen gesprochen hat, war meine Tochter.“ Antworte ich ihm lachend und muss an das traurige Gesicht von Marlia am Montagmorgen am Flughafen denken.

,,War sie enttäuscht, dass die Mama nicht gewonnen hatte?“ Auch der Reporter muss nun lachen.

,,Ja. Sie hat mich am Flughafen ganz traurig gefragt, warum ich Letzte geworden bin, aber die Tränen sind schnell getrocknet und heute kann ich ihr wieder einen Blumenstrauß mitbringen, da ist letzte Woche schon wieder vergessen.“

,,Wie ist das für sie die Unterstützung ihrer Familie zu haben? Ihr Mann und ihre Tochter sind hier. Pusht das nochmal zusätzlich?“

,,Natürlich gibt das nochmal zusätzliche Motivation, aber sie waren beim Massenstart am Sonntag auch da und ich bin Letzte geworden.“ Ich lache kurz, ehe ich weiterspreche. ,,Nein, es ist wirklich total schön so eine Unterstützung zu haben. Vor allem natürlich von meinem Mann, der mir immer den Rücken freihält und natürlich mir auch sportlich mit Rat und Tat zur Seite steht.“ Ein verliebtes Lächeln legt sich auf meine Lippen.

,,Dann wünschen wir ihnen fitte Beine für die Verfolgung und viel Glück für den Kampf um den Gesamtweltcup.“

,,Danke.“ Damit ist das erste Interview abgehackt und ich geh direkt weiter zum nächsten. Nach der Flower Ceremony, kann ich glücklicherweise direkt schon ins Hotel fahren und mich da auf die Regeneration konzentrieren. Das heißt erstmal vernünftig etwas essen und anschließend schnell zur Physio. Meine Familie seh ich erst relativ spät, da Simon nach dem Rennen eh noch mit Marlia in Oslo unterwegs war.

,,Mami heute bessere Beine?“ Ist das erste, was Marlia mich fragt, als ich sie in meinen Arm nehme. Erst schaue ich meine Tochter perplex an, fange dann aber laut an zu lachen.

,,Ja meine Beine waren heute wieder etwas fitter als Sonntag.“ Antworte ich ihr und lasse sie wieder runter.

,,Tute Beine.“ Lobt Marlia meine Beine und klopft mir gegen die Oberschenkel. Ich muss mich echt zusammenreißen nicht erneut laut loszulachen. Auf solche Aussagen kommt auch nur meine Tochter. Schnell drehe ich mich um und nehme den Blumenstrauß vom Bett.

,,Schau mal Maus. Den hab ich dir mitgebracht.“ Ich halte ihr den Strauß hin, den Marlia mit strahlenden Augen entgegennimmt.

,,Oh cool. Und Sonntag bekomm ich dann troße Tugel.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
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