Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Woman in yellow till the end?

von KleinKoko
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Simon Schempp
24.01.2021
09.05.2021
18
32.908
5
Alle Kapitel
104 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
14.03.2021 1.691
 
,,Du darfst die Augen aufmachen.“

Ich öffne meine Augen und blinzle sofort wieder. Das kann nicht wahr sein.

,,Maaaaammi.“ Marlia kommt auf ihren kleinen Beinchen auf mich zu getippelt. Ich gehe in die Hocke und nehme meine Tochter hoch.

,,Das kann nicht sein. Wo kommst du denn her?“ Flüster ich völlig fassungslos vor mich hin und merke, dass mir erste Tränen die Wange runterkommen.

,,Wir wollten an deinem Geburtstag bei dir sein und dich überraschen.“ Erklingt Plötzlich Simons Stimme. Mein Geflüster muss er wohl doch gehört haben. Viel sehe ich durch meinen Tränenschleier nicht. Ich erkenne nur grob seinen Umriss, der langsam auf mich zu kommt. Ohne ein weiteres Wort zieht er mich in seine Arme und ich lasse mich nur allzu gerne fallen. Jetzt ergibt es auch einen Sinn, warum Simon mir nicht geschrieben hat.

,,Mama hab Geschenk für dich.“ Berichtet Marlia mir von der Situation völlig unbeeindruckt.

,,Oh da freu ich mich aber.“ Ich löse mich von Simon, wiche mir die Tränen notdürftig weg und sehe meine Kleine lächelnd an.

,,Ich geh holen.“ Damit lasse ich Marlia wieder von meinem Arm runter, die mit Vanessa zusammen den Raum verlässt.

,,Alles erdenklich Liebe und Gute zu deinem Geburtstag mein Schatz. Ich liebe dich.“ Zieht Simon meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

,,Danke. Ich dich auch.“ Flüster ich ihm entgegen und lege im nächsten Moment meine Lippen auf seine. Habe ich vor ein paar Stunden noch gedacht mein Mann würde mir nicht zum Geburtstag gratulieren und jetzt kann ich ihn küssen.

,,Unsere Überraschung ist wohl gelungen.“ Lacht Simon als wir uns wieder voneinander lösen.

,,Und wie.“ Heftig nicke ich und lehne mich wieder an meinen Mann. Dass alle anderen auch noch im Raum sind, habe ich grade vollkommen vergessen.

,,So wir wollen eure Wiedersehensfreude nicht stören und haben morgen ja noch ein Rennen.“ Erinnert Arnd mich an die Anwesenheit der restlichen Mannschaft. Die Jungs und auch der restliche Stab verabschiedet sich so langsam, sodass nur die Mädels, Simon und ich in dem großen Raum sind, als Vanessa mit Marlia zurückkommt.

,,Alles Gute zum Geburtstag Mama.“ Gratuliert mir meine Tochter und hält mir ein Geschenk entgegen.

,,Danke meine Maus.“ Ich bücke mich zu ihr runter und gebe ihr einen Kuss.

,,Soll die Mama das jetzt auf machen?“ Marlia nickt heftig und so setze ich mich auf einen der Stühle. Auch die andern setzen sich an den Tisch und Marlia klettert auf meinen Schoß. Mit Marlias Hilfe packe ich das Geschenk aus. Zum Vorschein kommt ein weißes T-Shirt. Ich nehme dieses heraus und schau es mir an. In der Mitte des T-Shirts ist ein Bild von Simon, Marlia und mir aufgedruckt. Drum herum hat Marlia sich mit Ihren Händen verewigt. Außerdem hat sie mit Stiften unsere Namen draufgeschrieben, wobei ich denke, dass Simon ihr da ein bisschen geholfen hat.

,,Das ist ja schön. Danke mein Schatz.“ Ich drücke Marlia einen Kuss auf die Wange und lege das T-Shirt auf den Tisch. Wir sitzen noch eine Zeit zusammen, bis ich merke, dass Marlia müde wird.

,,Ich glaub Marlia muss ins Bett und ich glaub wir sollten auch so langsam mal aufräumen. Wir sind ja immer noch auf einem Weltcup.“  Die anderen stimmen mir zu und so machen wir uns daran den Raum wieder so herzurichten, wie er vorher aussah. Marlia dauert das aber eindeutig zusammen und so wird sie immer quengeliger.

,,Wo schlaft ihr eigentlich?“ Fragend sehe ich Simon an und versuche gleichzeitig Marlia zu beruhigen.

,,In einer kleinen Pension nicht weit von hier.“

,,Dann glaub ich geht ihr besser dahin.“ Ich deute auf Marlia, die in meinen Armen irgendwas zwischen weint und schon schläft.

,,Ja ich glaub auch.“ Simon nimmt mir Marlia ab.

,,Wir sehen uns dann morgen. Ich liebe dich.“ Simon kommt auf mich zu und gibt mir einen Kuss auf den Mund.

,,Ich dich auch. Bis morgen.“ Ich gebe Marlia noch einen Kuss, die davon aber nicht mehr so viel mitbekommt. Simon verabschiedet sich auch von den anderen Mädels, ehe er mit Marlia den Raum verlässt. Wir Mädels sind noch ein paar Minuten beschäftigt, ehe auch wir hoch gehen.

Die Staffel der Männer am nächsten Tag schaue ich zusammen mit Simon und Marlia im Hotel. Während Marlia auf dem Boden vor dem Fernseher sitzt und die Jungs tatkräftig anfeuert, liegen Simon und ich aneinander gekuschelt auf dem Bett.

,,Ich kann immer noch nicht glauben, dass ihr da seid.“ Flüster ich ungläubig und schaue zu Simon hoch.

,,Das ist mein Geburtstagsgeschenk. Ich wollte dich mit Marlia einfach überraschen. Wir können doch nicht zuhause sitzen, wenn du Geburtstag hast und Gesamtweltcupsiegerin wirst.“

,,Ihr kommt auch mit nach Oslo.“ Überrascht stütze ich mich auf und schaue Simon an.

,,Natürlich.“ Ich fange an zu strahlen und küsse Simon überglücklich.

,,Mama, Papa Phili schießen.“ Durch Marlias Worte lösen Simon und ich uns wieder voneinander. Lächelnd kuschel ich mich zurück an meinen Mann und beobachte Marlia, wie sie bei jedem Treffer des deutschen Schlussläufers hochhüpft.

,,Juhu. Phili alles troffen.“ Berichtet Marlia freudig und klettert zu uns aufs Bett.

,,Ja wir haben es gesehen. Das hat der Philipp toll gemacht.“ Ich ziehe meine Tochter zu mir, die sich sofort zwischen Simon und mich kuschelt. Glücklich genieße ich einfach diesen Moment mit meiner kleinen Familie.





Am nächsten Morgen ist von genießen allerdings keine große Rede. Habe ich vorgestern doch noch die späte Startzeit so gelobt, geht es mit dem Massenstart heute gefühlt umso früher los. Schon früh sitzen wir im Speisesaal zum Frühstück und begeben uns anschließend in die Erwärmung. Doch schon bei den kleinen Übungen merke ich, dass mein Körper heute nicht so will, wie ich mir das vorstelle. Meine Koordination lässt genauso zu wünschen übrig, wie meine Beinmuskulaturen. Meine Beine fühlen sich schon jetzt mega schwer an und ich komm kaum richtig vom Fleck.

Auch als ich ein paar Stunden später am Start stehe, fühlen meine Beine sich an wie Blei. Das kann ja heiter werden. Auf der ersten Runde halte ich mich im Feld zurück. Die Führungsarbeit können heute auf jeden Fall andere machen.  Die beiden Liegendeinlagen absolviere ich zwar fehlerfrei, doch von der Spitzenposition bin ich weit entfernt.

,,Da vorne die Gruppe, das sind 4 Sekunden. Schau das du dich da ran ziehst. Hopp.“ Danke für die Info Florian, aber aus der Gruppe bin ich vor ein paar hundert Metern rausgefallen. Beim Stehendschießen nimmt das Drama dann seinen Lauf. Beim ersten Stehendanschlag schaff ich es noch mit einer Strafrunde davon zu kommen, aber ich muss um jeden Schuss kämpfen und zitter ungemein. Meine Beine sind einfach komplett fertig und das rächt sich beim letzten Schießen richtig. Auch wenn ich alles mir mögliche versuche, zittern meine Beine von der ersten Sekunde an, wo ich auf der Matte stehe. Das überträgt sich natürlich auf meinen Oberkörper und die Waffe. Ich versuche ruhig zu bleiben, aber gegen das Zittern habe ich keine Chance. Irgendwann gebe ich es auf und baller die Schüsse einfach raus. Mir ist grad auch ziemlich egal, dass ich keine einzige der fünf Scheiben da vorne treffe. Ich möchte einfach von diesem Schießstand weg. In der Strafrunde habe ich genug Zeit auf der Anzeigetafel das Geschehen an der Spitze des Feldes zu verfolgen und sehe zu allem Überfluss, dass meine ärgste Konkurrentin um den Gesamtweltcupsieg, Lisa Hauser, mit großem Vorsprung unterwegs ist. Ich habe zwar ein paar Punkte Vorsprung auf Lisa und auch Hanna, aber so viele sind es auch wieder nicht und so wie ich das grad sehe, werde ich dieses Rennen als letzte beenden und damit nicht sonderlich viele Punkte holen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kann ich die Strafrunde endlich wieder verlassen und gehe tatsächlich als 30. und damit letzte auf die abschließende Runde.

Als ich das Ziel erreiche, befindet sich fast niemand mehr im Zielbereich. Wundert mich auch nicht. Ich hatte fast ne halbe Minute Rückstand auf die vorletzte. Ich schnalle meine Ski ab und verschwinde so schnell wie möglich mit meinen Sachen in der Umkleidekabine. Merkwürdigerweise bin ich gar nicht sauer oder so. Es war einfach ein ziemlich gebrauchter Tag, von Anfang bis Ende, aber ändern kann ich daran jetzt auch nichts mehr. Trotzdem möchte ich einfach so schnell wie möglich ins Hotel und in mein Bett. Mein Körper und vor allem meine Beine brauchen Ruhe und Erholung. Dank des Rennens heute muss ich nächste Woche nochmal um das gelbe Trikot richtig kämpfen. Ich führe zwar noch, aber nur noch 10 Punkt vor Lisa und 22 vor Hannah, wie ich grad erfahren habe. Ein komfortabler Vorsprung sieht definitiv anders aus.

,,Franzi möchtest du heute Interviews geben?“ Fragend sieht Stefan mich an, als ich wieder aus der Kabine rauskomme. Kurz überlege ich einfach ,,Nein“ zu sagen und zu verschwinden, aber nicke dann doch. Es gehört schließlich auch dazu nach einem solchen Rennen Rede und Antwort zu stehen. Auf den Weg in die Mixed Zone kommt mir Lisa entgegen, der ich mit einer Umarmung und einem Lächeln zu ihrem heutigen Sieg gratuliere.

,,Danke Franzi. Nächste Woche duellieren wir uns aber wieder. Es fehlt was, wenn du hinten bist.“ Lächelt sie mir entgegen.

,,Glaub mir. Das gelbe Trikot geb ich so kampflos nicht auf.“ Zwinker ich ihr zu und setze meinen Weg fort.

,,Was war eigentlich heute bei dir los Franzi?“ Janina, die als beste Deutsche heute 6. geworden ist, sieht mich fragend an, als wir später zusammen im Bus auf den Weg zum Hotel sitzen.

,,Meine Beine wollten heute einfach nicht. Ich hab mich schon bei der Aktivierung nicht gut gefühlt und das hat sich durch den Wettkampf gezogen. Läuferisch konnte ich einfach überhaupt nichts reißen und beim letzten Schießen ist mir von Anfang an so die Nähmaschine in die Beine gefahren, dass ich einfach nichts treffen konnte. Ich habs noch versucht irgendwie die Waffe ruhig zu bekommen, aber keine Chance. Naja passiert.“ Antworte ich ihr mit einem Schulterzucken. Es ist schon erstaunlich, wie ruhig man über die Jahre wird. Am Anfang meiner Karriere hätte mich so ein Tag sicher verunsichert, aber heute weiß ich, dass es morgen schon wieder ganz anders aussehen kann. Biathlon ist so schnelllebig. Heute bin ich der Depp und kann nächste Woche wieder der Held sein. So ist das in unserem Sport.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast