Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Drama / Going Home

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Going Home

von Saya
GeschichteDrama, Romance / P16 / Gen
23.01.2021
05.02.2021
7
13.992
1
Alle Kapitel
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23.01.2021 2.092
 
„Du kannst nicht alles alleine durchstehen, Sunghee. Gib ihr wenigstens eine Chance! Sie ist clever und süß und total dein Typ. Also hör auf zu schmollen und geh da raus!“, blaffte die junge Frau namens Junhee, die damit mal wieder über das Ziel hinausschoss. Junhee war seine Schwester, die es eigentlich immer nur gut mit ihm meinte. Doch sie hatte selbst den Arsch voller Probleme und war vielleicht daher auch nicht unbedingt in der Position ihn derartig zurechtzuweisen.
„Wozu das Ganze?“, murrte er genervt, riss sich aber immer noch zusammen, was ich bemerkte, obwohl ich ihn nicht kannte.
„Du kannst und solltest nicht immer alles auf deinen Schultern tragen! Das tust du schon viel zu lange... Denkst du, dass ich nicht sehe, wie miserabel es dir geht? Denn: Ich sehe es und das obwohl ich nicht mehr hier wohne und mich nur selten melde. Ich bemerke trotzdem, dass du dabei bist zu zerbrechen. Du trinkst häufiger und mehr, als dir guttut. Du versuchst damit irgendwie aus dieser Scheiße zu gelangen. Aber so einfach ist das nicht. Lass dir das von jemandem sagen, der diese Gefühle kennt... Du bist doch schon wieder betrunken, Sunghee... So geht das nicht mehr weiter!“, warf sie ihm schwesterlich vor, stieß aber auf taube Ohren. Er war schon zu lange erwachsen, als dass er sich in diesem Fall bevormunden ließ, obwohl es dringend nötig war. Es war nötig, dass ihm jemand den Kopf wusch. Was ich wusste, da Junhee meine Freundin war und sie hin und wieder von ihm sprach. Meistens nichts Gutes.
Natürlich war mir klar, dass es nicht richtig war zu lauschen. Dass es mich nichts anging, was sie hier besprachen, zumindest die Hintergründe nicht. Ich wollte das auch eigentlich gar nicht: zuhören, meine ich. Doch als ich dort so stand und bemerkte, dass sie über mich sprachen, wollten meine Beine sich einfach nicht mehr bewegen, geschweige denn vom Fleck lösen. Mein Inneres wollte herausfinden, was wirklich der Grund für mein Dasein war. Denn dafür gab es definitiv einen, das war mir nun klar. Ich war nicht einfach nur netterweise von meiner Freundin, seiner Schwester eingeladen worden, wie ich bisher dachte.
Also stand ich wie angewurzelt da, spähte durch den Türschlitz und hörte zu.
„Lass das mal schön meine Sache sein, wann und wie viel ich trinke! Denn falls du es vergessen hast: ich bin erwachsen!“, fuhr er trotzig zurück und reckte ihr sein Kinn entgegen. Es war stoppelig, genauso wie die Partie über seiner Oberlippe. Ich fand Bärte nicht sonderlich attraktiv, abgesehen davon, dass sie beim Küssen nervten und kratzten, gefiel mir ein rasiertes Gesicht einfach besser. Aber er wäre auch so nicht unbedingt mein Geschmack gewesen, wobei das nicht einmal an seinem Aussehen lag, sondern mehr an seinem Benehmen.
Warum dachte sie nur, dass ihr Bruder mir gefallen könnte? Und warum dachte sie, dass ich ihm gefiel?
Sie hatte mir einige Sachen über ihre Familie erzählt, unter anderem natürlich auch einiges über ihren Bruder. Dass er Rapper war und bereits einige Tracks herausgebracht hatte, aber der wirkliche Durchbruch noch auf sich warten ließ. Ich konnte mir unter so einem Leben nichts vorstellen. Ich brauchte ein geregeltes Umfeld und mir schwante, dass er das nicht hatte.
„Das ist mir klar, trotzdem...“, sie brach ab und sah ihn nun etwas sanfter, einfühlsamer an. „Du machst nicht nur dich damit unglücklich, das weißt du doch, oder? Gib ihr zumindest eine Chance! Red mit ihr! Lad sie auf nen Kaffee ein oder was auch immer. Aber tu was! Und sei es, dass daraus nur eine Bettgeschichte wird...“ Sie versuchte tatsächlich ihrem Bruder eine Affäre mit mir schmackhaft zu machen. Es stellten sich mir die Nackenhaare auf und ich war kurz davor mein Versteck auffliegen zu lassen, so fassungslos war ich über ihre Worte. War ich nur für so etwas gut? Wie konnte sie nur? Sie wusste, wie ich zu so etwas stand!
Ich musste ein Würgen unterdrücken, nicht weil ich ihn eklig fand; ich kannte ihn ja nicht; sondern weil Sex und Liebe für mich zusammengehörten – das Eine klappte ohne das Andere in meinen Augen nicht.
Ich wusste, dass meine Wangen sich ganz langsam immer dunkler verfärbten, weil mir dieses Thema nicht behagte. Ich musste bald wie eine Tomate aussehen. Das sie so etwas also so leichthin vorschlug, war mir unangenehm. Aber gleichzeitig keimte in meinem Inneren auch der Gedanke auf, dass sie ganz schön verzweifelt sein musste, wenn sie so etwas sagte. Wie schlimm musste es wirklich um ihn stehen? Als sie ihn vorhin sah, war sie plötzlich ziemlich angespannt und wachsam.
„Uuuh, hör auf! Ich will mit dir nicht über so etwas sprechen. Das geht dich verdammt noch mal nichts an!“, knurrte er nun lauter und wedelte abwehrend mit den Händen. Ich war beruhigt, dass er es offensichtlich nicht in Betracht zog, sich mir derartig zu nähern.
„Wenn du von alleine nicht zu Potte kommst, muss ich dir eben helfen. Scheinbar schaffst du es ja nicht, sonst hättest du längst eine Freundin...“, stichelte die hübsche Asiatin weiter und sah ihn mit vor der Brust verschränkten Armen an.
Nun wirkte der Bruder meiner Freundin allmählich verärgert und genervt. Er rollte mit den Augen und funkelte sie kurz an, aber so schnell dieses wage Gefühlsausbruch auch kam, so schnell hatte er sich auch wieder unter Kontrolle. Junhee stand ihm einfach nur gegen und wollte von ihrem Plan immer noch nicht absehen, zumindest sah ich das an ihrem Gesichtsausdruck und das gefiel mir gar nicht. Sie wollte ihn wirklich davon überzeugen, dass er mich daten sollte. Sie hatte tatsächlich vor, mich mit ihrem Bruder zu verkuppeln. Uns einfach so miteinander zu verschachern. Warum zum Teufel tat sie das? War ich irgendwie in so eine Art Parallelwelt geraten, wo ich es nötig hatte, derartig vorgeführt zu werden? Ich meine, hatte ich kein Mitspracherecht? Oder er? Hatte sie mich nur deswegen hier her eingeladen? Um mich ihm vorzustellen und zu hoffen, dass wir aufeinander flogen?
Es passte mir ganz und gar nicht, was hier vor sich ging. Und meine Laune wandelte sich von unsicher und schüchtern zu wütend und genervt.
„Hör auf mit der Scheiße.... Wenn ich jemanden wollen würde, würde ich selber suchen. Aber das tue ich nicht! Ich hab genug andere Probleme! Da brauche ich nicht noch so ein nerviges Anhängsel, auf das ich wahrscheinlich noch aufpassen muss und das auch noch eine Schulter zum anlehnen braucht... Ich hab keine Lust auf so ein kleines Mäuschen, ein Modepüppchen“, blaffte er störrisch und machte einen Schritt zurück.
„Sie ist kein Anhängsel und ganz sicher kein Mäuschen oder Püppchen. Sie mag schüchtern sein, aber sie weiß, was sie will und ist nicht auf den Kopf gefallen...“ Als sie das sagte, wollte ich auf dem Absatz kehrtmachen und von hier verschwinden, denn das schien heute absolut nicht mein Tag zu sein.
Dummerweise stieß ich dabei die Tür an, die quietschend aufging. Natürlich. So etwas konnte auch nur mir passieren. Die vom Pech verfolgte.
Man sah mir an, dass ich am Gehen war und ich verdrehte die Augen in dem Wissen, dass sie es sehen würden. So etwas Dummes konnte wirklich niemandem außer mir passieren. Aber wahrscheinlich war das schlicht und ergreifend die Retourkutsche dafür, dass ich gelauscht hatte.
Man sah mir an, dass ich am liebsten im Erdboden versinken wollte, weil ich sie belauscht hatte. Absichtlich.
Unabsichtlich.
Ich glaubte, dass war nun ziemlich egal. Ich hatte mitangehört, was mich nichts anging. Naja, zumindest zum Teil ging es mich nichts an.
Ich verbeugte mich, um mich zu entschuldigen und um zu verbergen, dass ich knallrot im Gesicht war. Junhee seufzte und ihn hörte ich lachen. „Vielleicht solltest du deinen Freundeskreis nochmal überdenken, wenn sie dir hinterher spionieren...Manieren hat sie offensichtlich schon mal keine...“, frotzelte er und nun wurde ich wirklich wütend. Ich riss den Kopf hoch und funkelte ihn an. „Ich habe nicht spioniert!“, knurrte ich, weshalb das Lachen auf seinem Gesicht erstarb, ehe er doch wieder losprustete. Der Alkohol tat sein Übriges. Scheinbar fand er diese ganze Situation fürchterlich lächerlich. Er hielt das alles für einen Witz. Nein, er hielt mich für eine Witzfigur und das passte mir ganz und gar nicht. 'Nein danke, so jemanden wollte ich wirklich nicht', sagte mein Blick, den ich nun Junhee zuwarf, die mich bemüht nicht ansah.
„Ich hab deine Schwester gesucht, um mich zu verabschieden. Der Babysitter hat angerufen, sie muss dringend los...“ Eine Lüge, aber das war mir gleich. Ich war wütend. Enttäuscht. Beschämt.
Es reichte mir für heute, egal was für einen netten Hintergedanken sie gehabt hatte – das hier ging gar nicht. Zumindest darin waren Sunghee und ich uns einig.
„Oh und sie hat auch noch ein Kind... Ganz tolle Partie“, murmelte der junge Mann vor sich hin und trank einen Schluck aus seinem noch fast vollen Glas Vodka irgendwas.
„Ihre kleine Schwester, nicht Kind, Sunghee“, schoss sie los, in dem Versuch es irgendwie besser zu machen oder was auch immer. Dann wendete sie sich an mich und machte einen großen Schritt auf mich zu. „Was? Nein! Du bist doch gerade erst hier angekommen... Bitte, kannst du sie nicht überzeugen, noch etwas zu bleiben? Nur eine Stunde oder so?“, fragte sie mit einem Betteln im Gesicht, während ich betroffen den Kopf schüttelte. „Nein, leider nicht...“
„So ein Pech aber auch... Schade, aber dann auf Wiedersehen“, mischte sich ihr Bruder ein, prostete mir mit seinem Glas zu und leerte es in einem Zug. 'Er hat wirklich ein Problem...', ging es mir durch den Kopf.
„Bitte bitte bitte“, bettelte Juhee, kam mit schnellen Schritten auf mich zu und ergriff meine Hände. „Bitte!“, gurrte sie dann nochmal und machte ihr „Schmollgesicht“.
„Es geht nicht, tut mir leid! Ich muss jetzt echt los!“, erklärte ich und riss mich von ihrer Umklammerung los.
„Rufst du mich an, wenn du zuhause bist?“, fragte sie fürsorglich wie immer, während ich mich von ihr wegdrehte und in Bewegung setzte. „Klar“, meinte ich über die Schulter hinweg und sah dabei auch ihren Bruder an.
Ich hatte den Eindruck, dass er tatsächlich schon mehr getrunken hatte, als er sollte. Als ihm guttat. Er versteckte es, aber sein Blick war glasig. Angespannt. Eine Fassade dahinter. Ich musste ihn nicht kennen, um zu begreifen, dass seine Schwester das getan hatte, weil sie wirklich besorgt um ihn war. Aber warum ich? Hatte sie es mit all ihren anderen Freundinnen bereits versucht und war gescheitert? Und ich war nun die Letzte? Der mögliche Volltreffer? Der Rettungsanker für ihren Bruder?
Sunghee hatte die eine Hand zur Faust geballt, die Andere umklammerte das Glas, während er in die Ferne starrte.
Er hatte etwas Verletzliches an sich. Etwas Verwundbares. Wie ein zerbrochenes Spielzeug, das sich nicht wieder zusammensetzen ließ, weil es zu viel ertragen musste. Zu viel durchleben und erleiden musste. Zu viel tragen musste. Alleine, weil er es so gewählt hatte.
Und dennoch oder gerade deswegen merkte man auch, wie stark er war und er diese Präsenz in sich trug, die gerade etwas ins Wanken kam.
Er hatte etwas an sich, dass mich mitten ins Herz traf, ohne das ich es wollte.
Er war ein Rapper, der zu wenig gefördert wurde. Zu wenig wahrgenommen. Zu wenig ernst genommen. Sein Talent wurde verschmäht, auch wenn Junhee mir nur Fetzen einiger Tracks gezeigt hatte, bemerkte ich, dass er definitiv gut war.
Ein Mann mit immensen Talent, aber mit zu wenig Aufmerksamkeit.
Jemand, der etwas zu sagen hatte, aber dem niemand zuhörte.
Jemand, mit einem Herz aus Gold, welches kurz davor war zu zerbrechen. Es würde klirrend und in abertausend Scherben zu Boden zu fallen, weil man ihn nicht ernst nahm. Ihn und seine Interessen. Seine Bemühungen und sein Bestreben. Seine Hoffnungen und Träume.
Ihm wurden Krümel zugeworfen, um ihn bei Laune zu halten. Aber das wog nicht die Gefühle dahinter auf, sondern schürte nur noch mehr die Sorgen und Ängste. Die Befürchtung uninteressant zu sein. Ungewollt zu sein. Allein gelassen zu werden. Alles allein tragen zu müssen. Es niemals zu schaffen. Nur Ballast zu sein.
Bald würde alles verloren sein.
Wenn man nicht die Augen öffnete und ihn ansah, würde es kein Zurück mehr geben. Es war an der Zeit wirklich ihn zu beachten und nicht durch ihn hindurch zu sehen, wie es all die Jahre zuvor der Fall war.
Es durfte und konnte so nicht weitergehen.
Dann würde es ein sehr bitteres Ende nehmen.
Ich kannte all diese Gefühle nur zu gut.
Doch ich konnte und wollte nun nichts mehr daran ändern.
Ich war nicht die richtige „Ansprechpartnerin“ oder gar Partie für ihn.
Wir lebten in verschiedenen Welten und nichts würde das aufwiegen.
 
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