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Hexenjagd

GeschichteFantasy, Erotik / P18 / Gen
OC (Own Character)
23.01.2021
22.03.2021
7
22.382
3
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23.01.2021 1.482
 
Zarte Flocken schweben vom Himmel herunter, legen sich auf ihre offenen Haare und bedecken ihre Schultern wie feiner Puderzucker. Über ihr biegen sich die Zweige der Tannen unter der Last des Schnees. Der eiskalte Wind hat ihre bloßen Hände und ihr Gesicht taubgefroren. Trotzdem rauscht ihr das Blut heiß durch die Adern - wie immer nach einem Flug.

Behutsam schiebt sie mit ihrem Stecken die Tannenzweige beiseite, um auf die einsame Waldlichtung zu treten. Befreit vom Dach der Bäume funkelt der Boden im Licht der aufgehenden Morgensonne, als hätte der Himmel ihn mit einem Teppich aus tausend Diamanten bedeckt. Lächelnd saugt sie die erfrischend kalte Luft tief in ihre Lungen ein und genießt für einen Moment die Stille des Waldes, bevor sie sich auf den Heimweg besinnt. Doch als sie sich wieder in Bewegung setzen will, stockt sie abrupt. Wenige Schritte von ihr entfernt, inmitten der eingeschneiten, stillen Lichtung, steht ein Mann. Seine Gewandung strahlt in dunklem Rot auf dem blendend weißen Hintergrund. Sie blinzelt ungläubig. Der Schnee tanzt vor ihren Augen.

Ist sie etwa noch so entrückt vom Fliegen, dass sie Dinge sieht, die unmöglich da sein können? Ein Höhenrausch auf dem Boden? Niemand außer ihr und der Herrin kennen diesen Ort.

Der Mann sieht zu ihr herüber, rührt sich aber nicht. Mit offenem Mund beobachtet sie, wie sich die umherfliegenden Schneeflocken auf den eng anliegenden Kragen seines mit Pelz verbrämten Ledermantels setzen. Metall blitzt golden auf.

Ist das ein Traum? Träumt sie? Liegt sie in diesem Moment etwa noch in den warmen Laken ihres Bettes? Vielleicht, denkt sie schließlich, will die Herrin mich prüfen. Die Gestalt ist eine Illusion, die zu durchschauen ihre Aufgabe ist. Ja, das könnte es sein. Wie anders ist diese unwirkliche Szene zu erklären?

Vorsichtig macht sie einen kleinen Schritt auf den Mann zu. Sie kann seinen Atem als Hauch in der kalten Luft erkennen. Gedämpft knirscht der Schnee unter ihren Stiefeln. Wenn er ein Trugbild ist, so kann sie nicht den winzigsten Fehler entdecken. Wie eines dieser kunstvollen Gemälde, die in den hohen Hallen von Schlössern hängen. Oder wie die makellose Statue aus einem prachtvollen Tempelgarten. Selbst seine Fußspuren zeichnen sich deutlich im Schnee ab.

Mit einem Mal verharrt sie in ihrer Bewegung. Was, wenn die Erscheinung gefährlich ist? Was, wenn die Meisterin von ihr erwartet, dass sie die Bedrohung erkennt, die von diesem Fantasiebild ausgeht? Dann wäre es richtig, gleich hier und jetzt kehrtzumachen. Ihr Blick wandert zu den schwarzen Lederhandschuhen des Mannes. Er trägt keine Waffe. Und sollte es wirklich nötig werden, kann ich mich jederzeit wieder in die Lüfte schwingen. Aufmerksam mustert sie sein Gesicht. Es sieht nicht unfreundlich aus. Im Gegenteil. Interessierte Augen erwidern ihren Blick. Eine Schneeflocke setzt sich auf die geschwungene Braue des Mannes, um an Ort und Stelle langsam zu zerschmelzen.

Jetzt hebt er seinen Arm. Sie hält den Atem an. Mit der Bewegung seines Zeigefingers winkt er sie zu sich heran. Zögerlich setzt sie einen Fuß vor. Das ermutigende Lächeln auf seinem Gesicht belohnt ihren Schritt. Und je näher sie auf ihn zugeht, desto heller wird es.

Jetzt ist er zum Greifen nah. Ganz langsam, wie im Traum streckt sie ihre Hand nach dem weißen Pelz seines Mantels aus. Gleich wird sie ihn berühren. Ihr Herz macht einen überraschten Sprung, als sie das weiche Fell unter ihren Fingerspitzen spürt. Es fühlt sich so echt an. Die Schneeflocken auf dem Pelz verwandeln sich unter der Berührung ihrer warmen Finger in kleine Wassertropfen.

Sie zieht ihre Hand zurück und betrachtet sie staunend, bevor sie wieder aufschaut und seinem wachsamen Blick begegnet. Neugier liegt in seinen Augen, und etwas, das sie als Erheiterung entziffert. Ist dieser Mann vielleicht doch real?

„Wie seid Ihr hierhergekommen?", platzt es aus ihr heraus.

Er lächelt. „Ich bin geritten." Seine Stimme klingt offen und einladend. „Mein Pferd steht nicht weit von hier." Er deutet hinter sich. Sie erkennt, dass seine Fußspuren zu dem kleinen Durchgang zwischen den Mispelsträuchern führen, durch den sie selbst vor wenigen Stunden im Schein des Mondes geschlüpft ist.

„Was ist mit Euch?" Er zeigt auf ihren Wanderstab. „Ist es nicht viel zu kalt für einen Flug?"

Sie berührt ihre eisigen Wangen: „Kalt ist es. Da habt ihr recht. Aber vom Fliegen kann mich nichts und niemand abhalten", sagt sie und erschrickt im selben Moment über ihre ehrliche Antwort.

Doch ihr Gegenüber scheint sich nicht an ihrer Antwort zu stören. „Ich verstehe", sagt er und nickt freundlich.

„Habt Ihr nach mir gesucht?", fragt sie.

„Nein, das habe ich nicht. Aber ich bin sehr froh, dass wir uns begegnet sind", sagt er. „Darf ich fragen, mit wem ich das Vergnügen habe?"

„Ich bin Elara", lächelt sie.

„Es freut mich, Euch kennenzulernen, Elara". Er zieht den Handschuh von der rechten Hand und streckt ihr in einer höflichen Geste seine Hand entgegen. „Ich bin Lindon."

Sein Händedruck ist warm und fest. Jetzt ist sie sich fast sicher, dass er weder Trugbild noch Traum ist.

„Wenn Ihr nicht nach mir gesucht habt, was macht Ihr dann hier?", will sie wissen.

„Eigentlich bin ich auf der Suche nach der Baroness von Lichtentann. Wisst Ihr zufällig, wo sie ist?"

„Wirklich? Ihr kennt die Baroness?" Elara überlegt kurz. „Seid Ihr ein Freund?"

„Geschäftspartner trifft es eher", erklärt er lächelnd. „Doch im Moment würde ich mich viel lieber mit Euch unterhalten, Elara. Allerdings scheint mir das hier nicht die richtige Umgebung für ein Gespräch zu sein."

„Mir ist auch kalt", lacht sie. „Ich weiß, wo wir uns aufwärmen können. Wollt Ihr mitkommen?"

„Das möchte ich sehr gern", lächelt er. „Begleitet Ihr mich zu meinem Pferd? Ich nehme Euch mit."

Sie nickt und will gerade seine Hand ergreifen, da lässt eine laute Stimme sie bis ins Mark zusammenfahren.

„ELARA! Was bei der göttlichen Mutter tust du da?"

„Herrin?" Elara bleibt stehen und sieht ihre Meisterin durch die dichten Zweige auf die Lichtung treten. Die vertraute Gestalt bleibt stehen und zieht sich mit einer zornigen Bewegung die Kapuze aus dem Gesicht. Ihre Augen funkeln.

„Baroness von Lichtentann!" Die vormals warme Stimme des Mannes neben ihr klingt jetzt eisig.

Die Meisterin ignoriert ihn. „Elara", ihre Worte sind mit einem Mal gefährlich ruhig. „Komm zu mir."

„Aber, Herrin, ich..."

„SOFORT!"

Elara lässt den Arm des Mannes los und tritt zurück. Die Herrin schiebt Elara hinter sich. Ihr Griff ist so fest, dass es schmerzt.

„Seine Eminenz Lindon Paligan von Gareth!", die Stimme der Meisterin hallt durchdringend über die zugeschneite Lichtung. Elara kommt es vor, als wäre die Umgebungstemperatur schlagartig um mehrere Grade gesunken. „Ihr habt versprochen, nicht mehr herzukommen!"

„Die Umstände haben sich geändert, Baroness", sagt Lindon Paligan von Gareth ungerührt und sieht kurz zu Elara hinüber. „Und Ihr habt versprochen, keine Schülerin mehr anzunehmen."

„Die Umstände haben sich geändert, Eminenz", entgegnet die Herrin kalt.

Elara schluckt. Stille tritt ein. Es scheint, als würde eine Ewigkeit vergehen, bis einer der beiden schließlich erneut das Wort ergreift.

„Ich muss mit Euch reden, Leonore." Das Eis in der Stimme des Mannes klingt nicht mehr ganz so scharf. „Ich wäre nicht hier, wenn ich es nicht für absolut notwendig hielte."

Die Herrin mustert ihn für mehrere Augenblicke eingehend, bevor sie schließlich tief seufzt:
„Also gut. Bringen wir es hinter uns. Trefft mich auf dem Anwesen. Ihr kennt ja den Weg."

Lindon Paligan von Gareth nickt. Er wirft Elara noch einen Blick zu, den sie nicht deuten kann, dann wendet er sich zum Gehen.

Nachdem er nicht mehr zu sehen ist, ergreift die Herrin sie bei den Armen und dreht sie zu sich. Elara macht sich auf das Schlimmste gefasst.

„Was hast du dir dabei nur gedacht, du närrisches Kind?", fragt die Herrin streng. „Weißt du denn nicht, wer das ist?"

„Nein, Herrin", antwortet Elara verwirrt. „Ich dachte, niemand weiß von diesem Ort. Er sagte, dass er mit Euch bekannt ist, und..."

Die Herrin seufzt abermals tief und schließt für einen Moment die Augen. Als sie die Augen wieder öffnet, ist ihr Blick weich. „Es ist meine Schuld. Ich hätte es dir sagen müssen. Aber ich dachte nicht, dass..." Sie bringt den Satz nicht zu Ende, sondern streicht sich eine rote Strähne aus dem Gesicht und blickt in den Tanz der Schneeflocken.

„Was Herrin? Was hättet Ihr mir sagen müssen."

„Dass er mein Geheimnis kennt."

„Ich verstehe nicht..."

„Hör mir zu, Elara", die Meisterin schaut sie eindringlich an. „Das einzige, was du wissen musst, wenn wir gleich zum Anwesen zurückkehren: Vertraue diesem Mann nicht. Er ist gefährlich. Verstehst du?"

„Ich..." Elara zögert. Sie würde so gern tausend Fragen stellen. Doch die Sorge in den Augen der Meisterin lässt sie verstummen. Stattdessen nickt sie. „Ich verstehe", sagt sie leise.
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