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Gleipnir

von Alona
GeschichteDrama, Romance / P12 / Het
OC (Own Character) Soma Schicksal
22.01.2021
05.10.2021
13
38.334
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22.01.2021 3.200
 
»La Llorona.« Kota wiederholte die Worte ratlos, ungeschickt; durch den Lärm der Rotoren wurde es sogar noch undeutlicher. »Was soll das überhaupt bedeuten?«
Ich sah zu den anderen. Alisa spielte nachdenklich mit einer Haarsträhne, Soma hielt die Arme vor der Brust verschränkt und blickte zu Boden. Keiner schien eine Antwort geben zu wollen, womöglich weil sie es selbst nicht wussten – oder es war ihnen egal. Doch der Hubschrauberflug ging noch eine Weile und Kota wartete auf eine Antwort.
»Es ist ein Aragami aus Lateinamerika«, begann ich, »also wird der Name spanischen Ursprungs sein.«
Kota neigte den Kopf ein wenig, sein Gesicht ein einziges Fragezeichen. Deswegen erklärte ich weiter: »Viele Aragami haben Namen aus der Geschichte oder der Folklore ihrer Ursprungsländer. Darum habe ich eine Weile einige Bücher darüber gelesen.«
Nichts Tiefgründiges, nur allgemeine kurze Lexikoneinträge, leicht verdaulich, besonders kurz vor dem Schlafengehen. Schließlich wusste man nie, wann man dieses Wissen benötigen konnte. Und jeder benötigt ein seltsames Hobby.
Soma schielte von gegenüber kurz in meine Richtung, aber es war die neben mir sitzende Alisa, die schließlich ihre Geduld verlor: »Hast du denn nun eine Antwort oder nicht?«
Ich musste ein wenig schmunzeln. »Dazu komme ich ja gerade. Jedenfalls ist La Llorona laut der Folklore eines früheren Landes das Gespenst einer Frau, die ihre Kinder ertränkt hat. Es hieß, sie sei nun auf der Suche nach ihnen, deswegen sollten kleine Kinder abends nicht in der Nähe von Flüssen oder Seen sein, weil sie diese dann ertränken würde.«
»So ein Schwachsinn«, brummte Soma.
Kota ignorierte ihn einfach, immer noch verwirrt. »Und was heißt der Name nun?«
»Ich glaube, so etwas wie die Weinende. Aber sicher bin ich mir nicht mehr, das ist schon eine Weile her.«
»Wenn man diesen Namen gewählt hat«, sagte Alisa nachdenklich, »weint das Aragami dann?«
Leider hatte Hibari uns nichts weiter dazu erklärt, und auch im Terminal waren nur einige allgemeinen Dinge erwähnt worden, wie etwa die Schnelligkeit des Aragami – aber das war nun auch nichts Neues, es gab nur zwei langsame oder sogar unbewegliche Arten, die mir bekannt waren – oder dass es genau wie Kokonjungfern im Untergrund reiste.
Ich zuckte mit den Schultern. »Vielleicht sieht es nur aus wie eine gespenstische Frau. Wirklich sicher werden wir sein, sobald wir es sehen.«
»Warum ist das überhaupt so wichtig?«, fragte Soma genervt. »Es ist ein Aragami, und wir zerfetzen es so lange, bis es nicht mehr atmet.«
Ich lächelte unwillkürlich über diese pragmatische Einstellung, sie gehörte zu den Dingen, die mir so gut an ihm gefielen, und weswegen ich froh war, dass wir beide auf diese Mission geschickt worden waren. Er warf mir einen kurzen Blick zu und runzelte die Stirn – doch einen Sekundenbruchteil später war es vorbei und er sah so desinteressiert aus wie eh und je. Obwohl er netter und umgänglicher geworden war, konnte er einfach nicht aus seiner Haut, aber das war angenehm, so kannte ich ihn; ich hätte mir mehr Sorgen gemacht, wäre er plötzlich ein höflicher Menschenfreund geworden.
Kota kratzte sich den Hinterkopf. »Aber wenn sie doch ein Geist ist?«
»Es gibt keine Geister-Aragami«, sagte Alisa. »Also hat Soma recht, wir werden es einfach töten, genau wie immer.«
Dennoch wirkten ihre Bewegungen plötzlich unruhiger, während sie weiterhin mit ihrer Strähne spielte. Inzwischen kannte ich auch sie lange genug, um zu wissen, dass sie ein wenig zweifelte. Für mich bedeutete das aber nur, sicherzustellen, den Auftrag möglichst schnell hinter uns zu bringen.
Glücklicherweise meldete sich in diesem Moment der Pilot über Funk, wir waren am Zielort.
Wir ergriffen unsere God Arcs, warteten, bis der Hubschrauber tief genug gesunken war, und sprangen dann nacheinander aus den offenen Ladetüren hinaus. Der Pilot wünschte uns noch viel Erfolg, versprach, uns bald wieder abzuholen, und entfernte sich rasch, um nicht selbst zum Ziel zu werden. Bei den Aragami wusste man schließlich nie, was sie als nächstes probieren wollten.
Kota sah unserem Gefährt betrübt hinterher, bis es nur noch ein schwarzer Punkt auf dem Horizont war. Er wandte sich uns anderen drei zu. »Wo fangen wir jetzt an?«
Soma drehte sich von uns weg. »Jede Richtung ist gut genug.«
Damit lief er voraus, wir folgten ihm, die Waffen im Anschlag, jederzeit bereit.
Wir waren nie zuvor in diesem ehemaligen Wohngebiet gewesen. Es lag mehrere Meilen von der Küste entfernt und gehörte vor der Invasion angeblich zu einer Großstadt. Inzwischen waren von den einst eindrucksvollen Hochhäusern nur noch halb eingestürzte Ruinen übrig, die von den Zähnen der Aragami und der Zeit gemeinschaftlich angenagt worden waren. Die Straßen waren eingestürzt oder aufgerissen, an manchen Stellen stand der Asphalt so hoch, dass es unmöglich war, darüber zu klettern und wir einen Umweg machen mussten (was Soma zum Murren brachte, aber im Hauptquartier hoffentlich half, um eine verlässliche Karte anzufertigen). Autowracks standen am Straßenrand, entweder bis zur Unkenntlichkeit der Farbe verrostet oder nur noch eine ausgebrannte Hülle. Dass sie nur an der Seite standen, zeigte ein weiteres Mal, wie plötzlich und brutal die Aragami hier über die Menschen hergefallen waren: ihnen war nicht einmal die Zeit für einen Fluchtversuch geblieben.
Abgesehen von Soma, der uns anführte, schien jeden von uns dasselbe zu beschäftigen, wie sich zeigte, als Kota plötzlich seufzte: »Ich bin nur froh, dass es hier keine Leichen gibt.«
»Die Aragami fressen Menschen komplett«, sagte Alisa. »Sie lassen nichts übrig. Absolut nichts.«
Sie blieb stehen und senkte den Kopf. Ich stellte mir vor, wie sie wieder an ihre Eltern dachte, die vor ihren Augen von einem Dyaus Pita gefressen worden waren, während sie sich in einem Schrank versteckt hatte. Diese Erinnerung erneut zu durchleben musste ihr Herz brechen – jedenfalls wäre es mir an ihrer Stelle so ergangen. Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, trat ich näher an sie heran. »Alisa … bist du sicher, dass du diese Mission schaffst?«
Als sie nicht antwortete, glaubte ich erst, sie würde gleich zu weinen beginnen – doch bevor ich noch etwas näher treten konnte, um sie zu trösten, hob sie den Blick wieder. Ihre Augen glitzerten feucht, aber sie lächelte. »Keine Sorge, ich lasse euch nicht hängen. Das ist nicht wie damals, ihr könnt auf mich zählen.«
Ich erwiderte ihr Lächeln, zuversichtlich in ihre Worte. »Okay. Aber sag Bescheid, falls es dir doch zu viel wird. Ich verstehe das.«
»Hm? Da fällt mir ein: Was ist eigentlich mit deiner Fam-«
»Hey!« Kotas Stimme unterbrach sie. »Kommt ihr endlich?!«
Ich sah hinüber und stellte überrascht fest, dass Kota und Soma inzwischen über mehrere Geröllhaufen geklettert waren. Von dem höchsten sahen sie auf uns herab. Wir hatten nicht bemerkt, wie weit die anderen bereits gekommen waren.
Alisa lief schnell weiter. »Komm, wir sollten nicht allein hier herumstehen.«
Ich folgte ihr, insgeheim froh darüber, dass sie die Frage nicht hatte stellen können. Bislang war nie die Sprache auf meine Familie gekommen, und ich war mir immer noch nicht sicher, wie ich reagieren sollte, falls es einmal so weit wäre.
Kota beobachtete uns beim Besteigen des Gerölls, damit wir nicht von hinten überrascht werden konnten; Soma sah sich derweil nach Feinden um, die ihnen zu nahe kämen. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir die beiden Wartenden wieder eingeholt. Von dieser Position aus war es uns möglich, die näheren Straßenzüge – oder dem, was davon übrig geblieben war – zu überblicken. Nirgends regte sich etwas, nicht einmal von einer Zygote war etwas zu sehen.
»Es ist verdächtig still«, bemerkte ich.
Alisa nickte. »Normalerweise laufen doch auch kleinere Aragami in verlassenen Gegenden herum. Aber hier ist absolut gar nichts.«
Ich sah zu Soma hinüber, der angestrengt in eine Richtung starrte, in der die zusammengefallenen Hochhäuser es unmöglich machten, hindurchzulaufen. Er atmete genervt aus. »Wo ist dieses Vieh?«
Wenn nicht einmal er etwas spüren konnte und auch Hibari uns nicht kontaktierte, sah das nicht gut für uns aus, die Mission würde wohl doch länger dauern als ich gehofft hatte. Kota betrachtete die Situation jedoch positiv: »Wenn wir nichts finden, fliegen wir einfach wieder heim.«
»Dann waren wir umsonst hier«, stellte Alisa unzufrieden fest.
»Soweit wird es auch nicht kommen«, sagte ich. »Wir finden La Llorona. Am besten teilen wir uns dafür auf.«
Ich deutete auf zwei Straßen, die von hier oben zwar in unterschiedliche Richtungen verliefen, getrennt von einer Reihe eingestürzter Gebäude, doch weiter hinten wieder zusammenkamen. »Eine Gruppe nimmt die linke Straße, die andere die rechte. Wir bleiben in Kontakt und benutzen eine Signalrakete, falls wir etwas finden, selbst wenn es nur Spuren sind, die auf Feinde hinweisen. Ansonsten treffen wir uns auf der hinteren Querstraße in genau einer Stunde.«
Erst nachdem ich das alles erklärt hatte, sah ich die anderen wieder an – und stellte überrascht fest, dass Kota und Alisa mich mit großen Augen betrachteten. Nur Soma war zur Seite gewandt, sein Blick ging in die Ferne.
»W-was ist?«, fragte ich.
»Du …« Kota schien nach Worten zu suchen. »Du wirktest gerade so cool
Alisa nickte. »Kaum zu glauben, dass du vor gar nicht langer Zeit noch ein Rookie gewesen bist.«
Die Erinnerungen an ein Leben vor meinem Beitritt, bevor ich Lindows Einheit zugeteilt wurde, bevor er verschwand, bevor wir Shio trafen, bevor … allem, waren so entfernt, dass sie genauso gut aus einem Traum oder einem Buch stammen könnten. Es fühlte sich nicht mehr an, als wären mir Dinge geschehen, bevor ich ein God Eater wurde, erst damit war ich geboren worden.
Vielleicht sollte mir dieses Empfinden aber zu denken geben.
»Du musst die Gruppen noch einteilen«, brummte Soma. »Es bringt nichts, wenn wir nur hier herumstehen.«
Ich tippte mir an die Stirn. »Stimmt. Kota, du gehst mit Alisa. Soma kommt mit mir.«
Diese Entscheidung brachte mir keinen bewundernden Blick ein. Stattdessen zog Alisa die Brauen zusammen. »Warum?«
Auf ein Nachhaken war ich nicht gefasst gewesen. Im Grunde hatte ich nur verhindern wollen, dass Alisa mich doch noch auf meine Familie ansprechen konnte. Natürlich hätte ich sie daher auch mit Soma mitschicken können, aber dieser Gedanke behagte mir nicht. Wenn Soma mit einem weiblichen Mitglied unterwegs war, sollte das ich sein, sonst niemand. Das war allerdings keine Begründung, die in einem offiziellen Job angebracht war.
Zu meinem Glück erlöste Soma mich, indem er eine Gegenfrage stellte: »Ist es nicht offensichtlich?«
»Nicht wirklich«, sagte Kota zögerlich. »Wir verstehen es anscheinend nicht.«
Ich hoffte, Soma würde fortfahren, statt es mir zu überlassen – und wieder kam er zu meiner Rettung: »Beide Gruppen haben jetzt je einen New-Type dabei. Das gibt uns eine größere Flexibilität, falls es überraschend zu einem Kampf kommt.«
Er deutete zu den Straßen hinüber. »Wir können uns nicht darauf verlassen, dass das jeweils andere Team durch die Ruinen direkt zu uns kommen kann. Also ist es besser, wenn jede Gruppe sich zumindest eine Weile selbst verteidigen kann.«
Darüber hatte ich gar nicht nachgedacht, aber selbst für mich ergab das Sinn. Ich gab mich gar nicht erst der Vorstellung hin, dass ich unterbewusst derart geniale Entscheidungen traf, sondern war ehrlich zu mir selbst, dass es nur ein Zufall gewesen war, weil ich Alisa entgehen, aber Soma nicht teilen wollte.
Kota ließ sich das durch den Kopf gehen. »Oh ja, klingt wie eine gute Idee.«
Alisas Stirn war immer noch gerunzelt, aber sie widersprach nicht mehr. »Okay, aber meldet euch wirklich sofort, falls etwas sein sollte, verstanden?«
Ich versicherte ihr das und nahm ihr im Gegenzug dasselbe Versprechen ab. Erst dann kletterten wir in unseren jeweiligen Gruppen wieder den Haufen hinunter; so war es einfacher, direkt auf unsere Straße zu kommen, statt uns erst kurz davor zu trennen.
Das Besteigen war wesentlich leichter gewesen. Immer wieder lösten sich kleine Asphalt- oder Teerbrocken unter meinen Füßen und rollten davon, in einem finsteren Versuch mich mit in die Tiefe zu reißen. Dazu musste ich noch auf meinen God Arc in Sensenform achten, um nicht einfach aufgespießt zu werden, falls ich stolpern sollte – oder gar Soma zu verletzen, das hätte ich mir nie verziehen. Sein Schwert war wesentlich größer und schwerfälliger, aber dennoch hatte er weniger Probleme, vermutlich machte er sich auch nicht so viele Gedanken wie ich.
»Hey«, versuchte ich im halbherzigen Scherz, »ist eigentlich mal ein God Eater gestorben, weil er auf seinen God Arc gefallen ist?«
Ich rechnete mit keiner Antwort – schließlich gab es darüber wohl kaum eine Statistik –, aber Soma gab mir dennoch eine: »Falls ja, war er ein Idiot. Also werde kein Idiot.«
»Ich bemühe mich.«
Er stand längst wieder auf festem Boden, als mir nur noch ein kleines Stück fehlte. Ich setzte meine Schritte mit Bedacht, um auf der letzten Strecke vor lauter Übermut nicht doch noch zu fallen. Eine Bewegung außerhalb meines Blickfelds ließ mich innehalten – dann stellte ich mit Überraschung fest, dass Soma mir eine Hand hinhielt. Sein Gesicht blieb finster und undurchdringlich. »Es ist kaum mitanzusehen, wie du herumschleichst. Wenn wir zurück sind, sollten wir so etwas wirklich üben.«
Allein der Gedanke, dass er von sich aus vorschlug, mehr Zeit zusammen zu verbringen, selbst wenn es dabei nur um Training ging, ließ mein Herz ein wenig schneller schlagen.
Ich ergriff seine Hand, hoffend, dass er nicht spürte, wie aufgeregt ich war. Mit seiner Hilfe schaffte ich den Rest mit einem einzigen Sprung, ohne zu stürzen. »Tut mir leid, ich habe nur zu viel nachgedacht.«
»Auf dem Schlachtfeld ist das ein Fehler«, erwiderte er. »Und das hier ist eines, auch wenn wir noch keinen Aragami begegnet sind. Vergiss das nicht.«
»Du hast recht. Es tut mir leid.«
Er ächzte. »Entschuldige dich nicht dauernd! Was ist heute mit dir los?«
»Ich weiß nicht.« Sicher würde ich ihm nicht sagen, dass es mich ein wenig nervös machte, allein mit ihm zu sein – und dass Alisa mich fast nach meiner Familie gefragt hätte. »Vielleicht brauche ich nur mal wieder einen freien Tag.«
Er neigte kaum merklich den Kopf, scheinbar akzeptierte er das. Ich sah derweil auf meine Hand hinunter, die noch immer von Soma gehalten wurde, seine war angenehm warm. Er folgte meinem Blick, zuckte zusammen und ließ mich sofort los. Danach wandte er sich brüsk von mir ab und lief los. »Komm schon, wir müssen weiter.«
»Stimmt was nicht mit meiner Hand?«, fragte ich, während ich ihm folgte. »Ich bin nicht giftig, ich schwör's.«
»Sei einfach still«, brummte Soma über die Schulter. »Konzentrier dich, Captain
Für einen kurzen Moment hatte ich ausgeblendet, dass wir auf Mission waren, obwohl wir unsere Waffen mitführten. Die trügerische Ruhe vor einem Kampf hatte mich eingehüllt und unvorsichtig gemacht. Ich entschuldigte mich noch einmal, ehe ich ihm in aller Stille weiter folgte, nun wieder so aufmerksam wie es sein müsste.
Anhand der Schilder an den Gebäuderesten wurde deutlich, dass es sich hierbei einmal um eine Einkaufsstraße gehandelt hatte. Buchhandlungen, Musikläden, Restaurants und sogar etwas, das sich Convenience Store nannte, fanden sich hier. Laut den Medien der Zeit vor den Aragami war letzteres ein Ort gewesen, um Lebensmittel oder kleinere Notwendigkeiten des täglichen Bedarfs zu kaufen. Wie hatten sich Menschen damals gefühlt? Was für Probleme waren ihnen durch den Kopf gegangen, als sie hier langgelaufen waren? Ganz sicher hatten sie sich nicht davor gefürchtet, von einem Ogerschweif oder einem Vajra gefressen zu werden. Bestimmt hatten sie das nicht einmal im Mindesten geahnt, bis es soweit gewesen war.
Soma blieb plötzlich stehen und bedeutete mir per Handzeichen, still zu sein. Er lauschte angestrengt, ich tat es ihm nach – und es dauerte nicht lange, bis ich auch etwas hörte: ein leises Weinen aus einer Apotheke. Das Gebäude stand fast noch vollständig, lediglich das Schaufenster war zerstört und die Regale im Inneren umgestürzt. An der hinteren Wand entdeckte ich eine offene Tür, doch alles dahinter war in Dunkelheit getaucht. Von dort kam das Schluchzen, das absolut fehl am Platz wirkte.
»Glaubst du, das ist ein Überlebender?«, fragte ich Soma flüsternd.
Er starrte mit unbewegter Miene in die Finsternis. »Nein. Auch wenn es hier im Moment keine Aragami gibt, ist es ziemlich unmöglich. Es gibt weit und breit keine Ressourcen für einen Menschen, um zu überleben. Und außerdem ist er zu laut.«
Richtig, in einer mit Aragami bevölkerten Welt war jeder Ton eine Gefahr. Niemand, der klar bei Verstand war, würde auch nur einen Pieps von sich geben – und alle anderen waren schon nach Beginn der Katastrophe getötet worden. Oder arbeiteten für Fenrir, wie es manchmal schien.
Da blieb nur eine Schlussfolgerung: »Es ist La Llorona.«
Er nickte und ging leicht in die Knie, bereit für einen Angriff. Ich betätigte derweil einen Schalter an meinem Headset, um den anderen Bescheid zu geben. Alisa reagierte sofort auf den offenen Kanal und fragte nach meinem Status, doch etwas anderes verlangte meine Aufmerksamkeit: das Weinen bewegte sich, kam auf uns zu – und zwar direkt unter der Erde.
Ich sah den kurzen Text im Terminal wieder vor mir: Es bewegt sich wie Kokonjungfern im Untergrund fort.
Soma realisierte es im selben Moment wie ich. Er wandte sich mir zu, rief etwas und streckte die Hand aus. Gleichzeitig fragte Alisa mich über Funk, was denn nun los sei. Erst als sich alles zur Seite neigte, bemerkte ich, dass ich mich im freien Fall befand. Den Bruchteil einer Sekunde später verschwand die Welt, die Schwerkraft zog mich rasend in die Tiefe.
Der Fleck aus Licht über mir wurde rasch kleiner, genau wie Soma, der meinen Namen rief. Oder tat er das überhaupt? Der Wind rauschte in meinen Ohren, so dass ich nichts anderes hören konnte. Aber ich wünschte mir in diesem Moment, dass er nach mir rief, mehr als alles andere, ja, sogar mehr als nicht zu fallen.
Der Aufprall trieb mir den Sauerstoff aus den Lungen, sandte Schmerzen mit Blitzen durch meinen gesamten Rücken und setzte meinen Kopf in Brand. Instinktiv schnappte ich nach Luft, jeder Atemzug war verbunden mit Agonie. Ich wollte damit aufhören, um der Qual zu entgehen, doch mein Körper ließ es nicht zu und füllte meinen Brustkorb immer wieder mit wütenden Flammen. Ein schrilles Pfeifen hatte meine Ohren übernommen und dröhnte durch mein gesamtes Inneres.
Sekunden dehnten sich zu Stunden, zu einer Ewigkeit, in der ich mich zersetzte, zu einzelnen Orakelzellen wurde, die diesem Schicksal entkommen wollten – und dann drang plötzlich ein leises Weinen durch das Pfeifen.
Ich bewegte lediglich meine Augen, weil der Rest meines Körpers nur noch ein Bündel brennender Nervenenden war. Was immer hier lag war nicht mehr ich, sondern nur noch Schmerz, der meinen Namen trug und bald eine Ansammlung von Orakelzellen war.
Undeutlich erkannte ich ein Mädchen, es hockte neben mir, schluchzte unablässig, während es die Hände vor sein Gesicht hielt. Ich wollte fragen, was los war, woher sie kam, wollte sie warnen, dass es hier gefährlich sein konnte, doch ich besaß keinen Mund mehr, er gehörte dem Schmerz.
Das Weinen wuchs zu einem lauten Klagen, mit ihm wandelte sich auch das Mädchen. Plötzlich bestand es nur noch aus Zähnen, die sich meinen Überresten näherten, die sich weiteten, um das zu verschlingen, was nur noch Leid war. Ich lachte leise darüber; wie sollte einen so etwas sättigen? Dachte dieses Ding etwa überhaupt nicht nach? Der Schmerz würde ihm nur Übelkeit bescheren.
Meine Sicht verschwamm immer mehr, während mein Bewusstsein in den Tiefen eines schwarzen Meers versank. Das letzte, was ich sah, war ein blauer Fleck, der auf den Zähnen landete, so dass sie sich nicht mehr näherten. Ich verstand es in diesem Moment nicht, doch augenblicklich fiel jegliche Anspannung von mir ab und entließ mich endlich in die unergründliche Finsternis des Ozeans in meinem Inneren.
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