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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
19
68.808
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06.02.2021 1.110
 
Sie fuhr in eine kleine Seitenstraße und erreichte ihr Ziel. Das Crailsheimer Krankenhaus glich in keinerlei Hinsicht dem fast schon luxuriösen kleinen Hospital, in dem sie selbst nach ihrem Unfall am gestrigen Morgen aufgewacht war. Dieses hier sah von außen betrachtet nichtssagend aus, sachlich und schlicht. Das diesige Wetter tat sein Übriges, damit sich wie von Geisterhand eine beklemmende graue Stimmung über das gesamte Gelände legte.
Da die meisten Parklücken frei waren, nahm Adriane an, dass die Klinik nicht gerade das war, was Marc ausgelastet nennen würde. Sie erkannte Lukas‘ metallic-grünen Opel. Ihr Puls schoss in die Höhe, als sie direkt neben ihm parkte und den Schlüssel abzog. Sobald sie das Motorgeräusch nicht mehr wahrnahm, begann sie zu zittern. Mit klappernden Zähnen fragte sie sich, ob das je aufhören würde. Ihr blieb nichts anderes übrig, als es als Nachhall ihres eigenen Unfalls zu deuten. Dieses Gefühl der Beklemmung war ein sicheres Anzeichen ihrer Angst davor, eingesperrt zu sein und nicht rechtzeitig aus dem Fahrzeug zu entkommen. Doch wie sie es vom Umgang mit problematischen Internatsschülern gewohnt war, atmete sie tief durch und führte sich vor Augen, dass diese Furcht sich lediglich in ihrem Kopf abspielte und keine reale Gefahr darstellte. Langsam verschwand zwar die Panik, aber die Unruhe blieb. Ihr Trauma war lange nicht der einzige Grund für ihre Aufregung. Sie fürchtete sich auch davor, was sie erwarten würde, sobald sie Lukas und seine Familie sah.
Ihre Nervosität steigerte sich, als sie das Krankenhaus betrat, um sich bei der Information nach Sabrina Poder zu erkundigen. Bitte, lass mich nicht zu spät gekommen sein, betete sie. Und hasste sich selbst für die Gedanken des Vortags. Hasste sich für ihre Eifersucht. Hasste sich dafür, Sabrina um ihre Kinder und ihren Mann und ihr tolles Leben beneidet zu haben. Jetzt, in diesem Atemzug, in dem alles nur noch an einem seidenen Faden hing, verspürte sie eine Welle unendlichen Mitleids und Trauer über sich hereinbrechen.
Jetzt wollte sie einfach nur erfahren, dass es Lukas und seiner Familie gut ging. Sie gestand sich ein, dass sie weder wegen seiner Frau, noch wegen ihm selbst hier war, sondern sich vor allem auch für Nina auf den Weg gemacht hatte. Um ihre Patentochter zu sehen, um für die Kleine da zu sein. Und um Lukas, falls er das brauchte, tröstend zur Seite stehen. Sie wollte ihm das Gefühl geben, dass sie gemeinsam alles durchstehen könnten. Dass er alles schaffen könnte, wenn sie bei ihm war. In der einen oder anderen Hinsicht waren er und seine Kinder wirklich so etwas wie Familie für sie geworden.
Mit klopfendem Herzen trat sie an die Informationstheke. Eine ältere Frau mit kirschrot geschminkten Lippen, frisch gefärbtem braunen Haar und dünnen, sorgfältig gezupften Augenbrauen erwiderte ihren Blick skeptisch. Wahrscheinlich, weil sie das bei jedem so tat. »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Dame. Ihre Stimme war energisch, bestimmend und passte so gar nicht zu ihrem blumigen, flüchtigen Parfümduft. Ihre wohlüberlegten Worte dagegen klangen, als wäre sie jemand, der immer genau wusste, was er tat.
Adriane wünschte, sie könnte das von sich behaupten. Doch sie wusste gar nichts mehr. Der Unfall gestern hatte ihr die Augen geöffnet. Und jetzt strömten tausende und abertausende von schrillen Farben auf sie ein. Was half es, sehen zu können, wenn man von all den Eindrücken um einen herum geblendet wurde? Mir ist nicht mehr zu helfen, dachte Adriane und antwortete: »Ich würde gerne Sabrina Poder und ihre Kinder besuchen. Können sie mir sagen, auf welchem Zimmer sie liegt?«
»Einen Moment, Poder, ich suche …«, murmelte die Dame geschäftig, während sie sich dem Computer widmete und trotz ihrer umständlich manikürten, meterlangen Krallen mit beachtlichem Tempo auf die Tastatur einhämmerte. »Poder mit P?«
Adriane nickte. Ungeduldig wartete sie auf eine deutbare Reaktion ihres Gegenübers.
»Ah da haben wir‘s ja. Jonas Poder. In Zimmer 205. Sie gehen gerade durch bis zum Treppenhaus, 2. Stock auf der rechten Seite.«
In der Eile bemerkte Adriane gar nicht, dass die Frau ihr die Zimmernummer von Lukas‘ Sohn genannt hatte. »Sehr gut, vielen Dank!«
»Keine Ursache. Einen schönen Tag noch!«
Adriane verabschiedete sich ebenfalls und machte sich auf den Weg. Glücklicherweise fand sie das Zimmer recht schnell. Sie blieb einen Moment vor der Tür stehen, atmete tief durch und klopfte gegen das helle Holz. Genau in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und ein Arzt verließ das Zimmer.
»Entschuldigen Sie, kann ich zu Sabrina Poder?«, erkundigte sich Adriane unsicher.
»Sie sind?«, wollte der Mediziner wissen.
»Adriane van Alvensgut. Ihre Schwester«, log Adriane geistesgegenwärtig. Wenn sie an die sensiblen Informationen kommen wollte, führte kein Weg daran vorbei, das wusste sie dank Marc nur zu gut.
»Dr. Hinder.« Der Mann reichte ihr die Hand. »Im Zimmer ist momentan nur ihr Neffe. Ich habe ihm Beruhigungstabletten verabreicht. Er steht immer noch unter Schock. Vielleicht ist es besser, wenn sie ihn später besuchen, er braucht jetzt etwas Ruhe.«
Entsetzt sah Adriane ihn an.
»Wie geht es ihm, ist er verletzt? Und seine Mutter?« Kurz schien der Doktor zu zögern, doch dann nahm er Adriane beiseite und erklärte ihr: »Jonas Poder hat bei dem Unfall glücklicherweise kaum körperliche Schäden davongetragen. Ihm geht es, den Umständen entsprechend, gut, allerdings ist er noch sehr müde. Ihre Schwester wird im Augenblick ein zweites Mal operiert.« Adriane schluckte. So schlecht stand es also wirklich um Lukas‘ Frau.
Augenblicklich schämte sich Adriane für die bösen Gedanken, die sich ihr gestern im Auto aufgezwängt hatten. Sie wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da versuchte der Arzt auch schon, sie zu beschwichtigen: »Wir tun unser Möglichstes! Mehr kann ich Ihnen im Moment leider nicht mitteilen.« Atemlos fragte Adriane, ob Sabrinas Mann schon dagewesen wäre. »Ihr Schwager, Herr Poder, war vorhin hier, doch da hat sein Sohn noch geschlafen, also habe ich ihm geraten, er solle besser später wiederkommen. Vielleicht finden sie ihn ja im Wartebereich im Erdgeschoss.«
»Gut, dann werd‘ ich mein Glück da versuchen. Ich danke Ihnen!«, brachte Adriane gerade noch heraus. Jetzt erst realisierte sie, was es bedeutete, dass Sabrina wohl erneut operiert werden musste. Sie musste lebensgefährlich verletzt gewesen sein. Befand sich womöglich noch immer in Lebensgefahr.
Lukas‘ Frau wäre gestern fast gestorben.
Könnte immer noch einfach sterben.
Einfach tot sein.
Fort.
Für immer.
Es dauerte einige Sekunden, bis Adriane die Ernsthaftigkeit seiner Worte begriff. Sie dachte einen Augenblick nach und wurde stutzig. Der Arzt hatte von Sabrina und Jonas Poder gesprochen. Aber was war mit Nina? Ihr Patenkind hatte er nicht erwähnt.
»Moment! Warten Sie! Eine Frage noch«, rief Adriane, während sie dem Arzt hinterhereilte. Sofort blieb dieser stehen und drehte sich zu ihr um.
»Ja? «
»Nina …«, setzte Adriane atemlos an.
»Was ist mit Nina Poder? Der Tochter …«
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