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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
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02.02.2021 7.125
 
Die aufgehende Sonne schien durch das zur Gartenseite hin ausgerichtete Rundfenster und weckte Adriane sanft, während Marc noch schlafend neben ihr lag. Sie liebte dieses Designerstück, zu dessen Kauf sie ihren Freund bei den letzten Umbauarbeiten am Haus überredet hatte. Der kugelrunde Fensterrahmen wollte nicht so recht zu der barocken Villa passen, doch das war nicht weiter von Belang, da man es von der Vorderansicht ohnehin nicht sehen konnte. Und auf der anderen Seite sah man nichts als Wald, Wiese, Wasser und hinter der Lindauer Hafeneinfahrt die Alpen. Diese kleine Ausnahme von der Regel, den formstrengen Fensterbögen, war ihr persönliches Markenzeichen, das sie in diesem Haus hinterlassen würde.
Nun fiel das Morgenlicht durch seine Scheibe ins Innere des Hauses und brachte den Flur durch die Reflektionen in den zahlreichen gläsernen Bilderrahmen zum Leuchten. Adriane gähnte und streckte sich im Schein des aufgehenden Morgenrots. Dann erhob sie sich, trat zum Fenster und nahm die Helligkeit der wintermatten Sonne in sich auf. Das Licht schenkte ihr ein ganz eigenes, einzigartiges Strahlen.
Voller Sonnenwärme und guter Laune schwebte Adriane in die neue Küche. Die neuen Möbel waren erst vor kurzem eingebaut worden und der Raum infolgedessen noch nicht fertig renoviert. Dank Adrianes Überzeugungskraft und ihrer nie enden wollenden Beharrlichkeit hatte Marc es nach fast sechs Jahren endlich für notwendig befunden, seine alte Einrichtung gegen eine zeitgerechtere Innenausstattung auszutauschen. Und glücklicherweise hatte er Adriane höchstpersönlich mit der Aufgabe betraut, ihr gemeinsames Nest neu einzurichten.
»Geld spielt keine Rolle, Schatz!«, hatte er ihr eröffnet und sie hatte gelacht. Wieso geriet sie immer an solche Männer, die wie Dagobert Duck in Geld zu schwimmen schienen, damit jedoch wesentlich großzügiger um sich warfen als die berüchtigte Comic-Ente es zu tun pflegte? Allerdings wäre es ihrerseits hochstaplerisch, zwei Mal bereits als immer zu bezeichnen, überlegte sie. Trotzdem war da irgendwas an der Art, wie dieser Typ Mann sich artikulierte, wie sie gestikulierte, wie sie über den Dingen stand, das Adriane faszinierte. Männer, die sich ihrer finanziellen Möglichkeiten mehr als bewusst waren und deren überhebliches, von süffisanter Arroganz geprägtes Auftreten dieser Sorglosigkeit geschuldet zu sein schien, zog sie an wie ein Magnethufeisen die Metallnadeln.
Nicht selten versteckten sich hinter der Fassade dieser Männer eine schwierige Kindheit, ein übersteigertes Geltungsbedürfnis, ein Aufmerksamkeitsdefizit oder andere, tieferliegende Probleme. Ganz sicher war es nicht die Macht und der scheinbare Einfluss ihrer Verehrer, mit denen diese Adriane offensichtlich für sich zu gewinnen wollten. Auf solche Dinge hatte sie nie großen Wert gelegt. Vielleicht waren es vielmehr die traurigen verzweifelten Seelen, die hinter den gestressten, von allen Seiten unter enormen Erfolgsdruck gesetzten Menschen steckten, die eine magische Anziehungskraft auf Adriane ausübten. Sie war kein Opfer der Dekadenz, sie war die Retterin der Dekadenten, dachte sie und musste augenblicklich über diese komische Formulierung lachen. Und doch war das der Grund, der sie bei Marc hielt. Sie bildete sich wahrhaftig ein, ihn retten zu können. Ihn aus den dunklen Fängen seiner Vergangenheit ins Hier und Jetzt zu holen, das war ihre Mission und diesmal würde sie ihr Vorhaben ernst nehmen.
In dem Raum angekommen, der ihre neue Küche werden sollte, sah Adriane sich geistesabwesend um. Vor ihrem inneren Auge sah sie bereits das minimalistische Ambiente der hochmodernen Küchenzeile und die wenigen farbigen Akzente, die sie hier und da durch ein paar Pflanzen setzen wollte.

In der Realität allerdings sah das Ganze noch etwas anders aus. Die Mineralwasserflasche stand noch wie gestern früh neben der Spüle. Daneben ihr halbvolles Glas. Eine dreistufige Trittleiter war neben dem großen Wandschrank abgestellt worden. Den Trinknapf von Nepomuk, dem Collie seiner Mutter, hatte diese neben den Standfüßen des Tritts auf einer schwarz gestreiften Fußmatte platziert. Marcs Teller vom gestrigen Frühstück war noch auf der Tischkante stehen geblieben, das Besteck lag in der Spüle. Erleichtert erkannte sie, dass wenigstens der Kühlschrank zu war. Gewissermaßen war die Kälte also eingesperrt, dachte Adriane schmunzelnd. Zuerst beschloss sie, etwas Ordnung zu schaffen und räumte sämtlichen herumstehenden Hausrat in den Geschirrspüler. Anschließend setzte sie Teewasser auf. Als das erledigt war, begab sie sich zum Esstisch. Dort rückte sie sich einen Stuhl zurecht, stütze den Kopf auf die Arme und war bereits im nächsten Moment wieder eingeschlafen.
Doch die Entspannung des erholsamen Schlummergefühls war nicht von langer Dauer. Schon in der nächsten Sekunde flackerte das Bild des zerstörten roten Golfs vor Adrianes Augen auf. Erschrocken fuhr sie aus ihrem Sekundenschlaf hoch. Sie wusste nun genau, was sie mit dem unerwartet frei gewordenen Tag anfangen würde. Leise schlich sie sich an Marc vorbei, der noch immer tief und fest schlief. Dann überlegte sie es sich anders, tapste auf leisen Sohlen in ihr Ankleidezimmer, um sich umzuziehen und um für den Notfall ein paar zusätzliche Kleidungsstücke einzupacken. Seit dem gestrigen Tag war Adriane auf alles gefasst. Nachdem sie ihre Sachen vom Vortag in den Wäschekorb gelegt hatte, begab sie sich in ihr angrenzendes Arbeitszimmer und kramte in der obersten Schreibtischschublade nach Notizblock und Stift.
Sie hinterließ Marc eine Nachricht, dann schlüpfte sie in ihre langen rehbraunen Lederstiefel und den dunkelblauen, daunengefütterten Wintermantel. Der Schlüsselbund mit einem in Glas eingerahmten Bild von ihr befand sich nicht wie vermutet in Marcs Jackentasche, sondern hing am Brett neben der Pforte. Neben dem Autoschlüssel mit dem großen Stern baumelten auch der Haus-, Garagen- und Praxisschlüssel am carbonfarbenen Metallring. Adriane nestelte die einzigen zwei, die sie brauchen würde, vom Bund. Wenige Minuten später saß sie auch schon in Marcs GLE und tippte im Navi die Adresse des Crailsheimer Krankenhauses ein.

Während sie die Landstraße Richtung A96 hinauffuhr, hoffte Adriane inständig, dass mit Lukas und seinen Kindern soweit alles in Ordnung war. Zeitgleich jedoch beschlich sie die düstere Vorahnung, dass Sabrina ihre Verletzungen nicht überleben würde. Angesichts dieser Aussicht aber fühlte Adriane keine Trauer, so sehr sie das auch erschreckte. Sie wollte Lukas nicht mehr mit Sabrina teilen. War das eine ausreichende Begründung für die Abwesenheit jeglicher Besorgnis?
Das letzte Jahr hatte Adriane es kaum ertragen, wenn sie Lukas nicht sah oder nicht wusste, wo er gerade war. Was er gerade machte, ob er bei ihr war. Manchmal fragte sie sich, ob es ihm ähnlich ging. Sie wunderte sich, dass Lukas sich so blendend mit Marc verstand. Trotz der Dinge, die Marc tat. Und von denen Lukas wusste. Eigentlich hätte es sie freuen sollen, doch bedeutete es nicht auch, dass es Lukas egal war, dass Adriane und Marc ein Paar waren, dass es ihm gleichgültig war, wie Marc sie behandelte? Oder war das alles bloß eine Maske und ihr armer Kollege bemühte sich lediglich darum, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, um sie nicht auffliegen zu lassen? Je länger Adriane darüber nachdachte, desto mehr zweifelte sie an Lukas Reaktion, wenn er sie in wenigen Stunden neben Sabrinas Krankenbett sehen würde. Mehr und mehr stellte sie seine Aufrichtigkeit ihr gegenüber in Frage.
Sie hatten nie über ihre Gefühle geredet. Sie wusste nicht einmal, wer oder was sie inzwischen für ihn war. Ob sie überhaupt noch jemand für ihn war. Ob sie sich, wie vor dieser Episode, noch seine beste Freundin nennen konnte, oder nichts mehr außer eine aufregende Affäre für ihn darstellte. Andererseits wollte sie unbedingt zu ihm und ihm zur Seite stehen und erfahren, weshalb seine Frau sich so plötzlich dazu entschlossen hatte, gemeinsam mit den Kindern ihre in Unterfranken lebenden Eltern zu besuchen.
Ihre Hand machte sich selbstständig und wollte ihr Handy aus der Handtasche holen, doch als sie ins Leere griff, stellte Adriane ernüchtert fest, dass weder ihre Lieblingstasche, noch das Handy auf dem Beifahrersitz liegen konnten. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Wieder drängte sich ihr dieser Schock auf, der ihr nach wie vor in die Glieder fuhr, wann immer sie sich an die heikle Lage auf dem See erinnert fühlte.
War Lukas denn überhaupt in der Klinik? Hatte er den zweiten und damit auch den dritten und vierten Seminartag ausfallen lassen, um nach seiner Familie zu sehen? Natürlich hatte er das! Wer würde das nicht tun? Vor allem Lukas, Lukas war ein Familienmensch und seine Kinder waren ihm wichtiger als alles andere auf der Welt. Adriane wär enttäuscht gewesen, hätte er das nicht getan. Doch auf der anderen Seite meldete sich auch ein kleiner Anflug von Eifersucht, als sie sich vorstellte, wie er Sabrinas Hand hielt und ihr beruhigend zu redete. Lukas hätte es ihr niemals Recht machen können, ganz gleich, was er tat. Auch er hatte seine Ecken und Kanten und war alles andere als perfekt.
Sie erinnerte sich an den bösen Ausgang ihres Streits am Mittwoch, wechselte von der A96 auf die A7 und jagte Maximus, die schlechten Gedanken hinter sich zurücklassend, mit einem Affenzahn an den anderen Fahrzeugen vorbei. Endlich kam sie voran.

Etliche Kilometer später begann Marc, der zu dieser Uhrzeit wahrscheinlich gerade daheim aufwachte, in Adrianes Gedanken herum zu spuken. In einer Stunde musste er in der Schönheitsfarm, wie auch sie die Praxis inzwischen scherzhaft nannte, sein. Daheim … Hatte sie gerade daheim gedacht? Sie lächelte und malte sich aus, wie er gerade in diesem Moment aufstand und die Küche betrat. Vielleicht bemerkte er erleichtert, dass sie etwas Ordnung in das Chaos gebracht hatte. Vielleicht trank er auch den Rest des Ingwertees, den sie aufgebrüht hatte, bevor sie sich dazu entschlossen hatte, zur Crailsheimer Klinik zu fahren. Mit einem Mal wurde ihr warm ums Herz, als sie an sein verwuscheltes Haar und sein Morgengesicht dachte, doch dann schlugen ihre Gedanken seltsame Wege ein. Was würde sie tun, wenn es statt Marc Lukas wäre, neben dem sie jeden Morgen aufwachen würde? Es war bloßes Wunschdenken und doch fragte sie sich, ob ihr Leben wirklich so anders wäre.
Vor einem halben Jahr hatte Lukas ihr anvertraut, dass er nur noch bei Sabrina blieb, um die Kinder zu schützen. Adriane hatte an die kleine Nina gedacht. Und an ihren älteren Bruder, Jonas. Die beiden bedeuteten Lukas alles. Sabrina hatte sich zu sehr verändert in den letzten Jahren. Traurig hatte Lukas davon erzählt, dass er nicht das Gefühl hatte, noch mit derselben Frau verheiratet zu sein, in die er sich vor fünfzehn Jahren verliebt hatte. Und Sabrina wusste das. Von Adrianes Rolle in seinem Leben allerdings hatte seine Frau nicht die leiseste Ahnung, davon war Lukas bis zu ihrem gestrigen Telefonat fest überzeugt gewesen. Und wenn es anders war? Hatte Sabrina gestern Verdacht geschöpft und, genauso wie Marc, beschlossen, ihrem Mann nachzufahren? Weswegen war sie auf dem Rückweg von Würzburg gewesen? Hatte sie etwas vergessen? Oder war Sabrina in einem Anflug als Geisterfahrerin von falsche Seite der Autobahn gefahren und war dort mit dem entgegenkommenden Laster zusammengestoßen? Hatte sie sich mitsamt den Kindern umbringen wollen? Adriane erinnerte sich an die vollkommen zerstörte Leitplanke am Unfallort. Was war gestern auf diesem Baden-Württemberger Abschnitt der A7 passiert? Zu viele Fragen schwirrten ihr im Kopf herum. Fragen, die für immer unbeantwortet bleiben würden, sollte Sabrina tot sein. Selbst wenn sie etwas geahnt hatte, würde es keine Rolle mehr spielen. Allerdings war sie es eben, die mit Lukas Poder verheiratet war. Gewissermaßen räumte Sabrina diese Tatsache, die sie und Lukas auf dem Papier verband, das Recht dazu ein, besonders misstrauisch zu sein. Doch brachte sie es fertig, Sabrina Selbsttötungsabsichten zu unterstellen? Und ihre Kinder mit in den Tod zu reißen? Mit einem reflexartigen Kopfschütteln vertrieb Adriane diesen Verdacht und die aufkeimende Angst, Nina nie wieder in die Arme schließen zu können.
Sie konzentrierte sich stattdessen auf ihre leise Wut auf Marc. Ihr Lebensgefährte war schlichtweg ein besonders besitzergreifender Mensch. Eine Auffälligkeit gab es dennoch. Er hatte bis heute nicht um ihre Hand angehalten. Vielleicht waren ihm bloße Formalitäten nicht so wichtig, vielleicht spürte er jedoch auch, trotz seiner mitunter regelrechten Unfähigkeit, Empathie zu zeigen, dass das Wort Hochzeit einer ihrer wunden Punkte war.
Marc und Adriane hatten noch nie ernsthaft über eine Verlobung gesprochen und das war gut so, denn Adriane war sich nicht sicher, ob sie jemals dazu in der Lage sein würde, ein zweites Mal ein so weitreichendes Versprechen abzugeben, nachdem sie ihren ersten Ehemann vor über sechs Jahren Hals über Kopf verlassen hatte.

Jedenfalls war sie froh darüber, dass dieses Thema noch nie zur Sprache gekommen war, denn so musste sie keine Entscheidung treffen. Geschweige denn, ihren Freund vor den Kopf stoßen. Denn sie hatte noch ein anderes Problem, das sie seit Jahren mit sich herumschleppte, ohne Marc je ein Sterbenswörtchen davon verraten zu haben.
Bevor sie irgendjemanden auf dieser Welt erneut heiraten könnte, müsste sie erst einmal die Scheidung einreichen.
Und ihn wiedersehen.
Adriane bezweifelte, dass sie das je verkraften könnte. Denn ihm nach all der Zeit wieder zu begegnen, würde ihr das Herz brechen. Die ganzen Erinnerungen, die ein Aufeinandertreffen mit ihrem Ex-Mann ans Tageslicht befördern würde, könnten sämtliche alte Wunden wieder aufreißen. Es wäre nicht richtig. Adriane war nun schon so lange auf der Flucht vor den weitreichenden Konsequenzen ihrer Entscheidungen. Und doch ließ die Vergangenheit sie nie ganz los. Bei dem Versuch, all das hinter sich zu lassen und wegzusperren, war sie einfach davongelaufen und hatte sich in dieser fremden Stadt versteckt, anstatt den Dingen ins Auge zu sehen. Sie hatte sich wie eine Verliererin gefühlt, eine Versagerin. Nach außen hin war sie eiskalt geworden, doch in ihrem Inneren war etwas zerbrochen. Ihren Nachnamen, den Adriane van Alvensgut, ehemals Pfeiffer durch diese Heirat angenommen hatte, war alles, was ihr von ihrer Vergangenheit geblieben war, die letzte Verbindung zu ihrem alten Leben.
Wie würde Marc damit umgehen, wenn sie ihm all das erzählen würde? Er glaubte, sie in- und auswendig zu kennen, doch er sah nur die Spitze des Eisberges. Nie hatte sie ihn tiefer blicken lassen. Auch darum, weil sie es selbst kaum ausgehalten hätte. So war dieser Name das einzige, was sie an eine Zeit vor ihm erinnerte. Und sie war nicht bereit, das so einfach aufzugeben und den Teil ihrer Identität zu verlieren, durch den sie sich das erste Mal wie eine eigenständige Person gefühlt hatte. Mit zu vielen Erlebnissen hing er zusammen. Sowohl den Schmerzhaften als auch den Guten. Widerstrebend ließ Adriane zu, dass ihre Gedanken abschweiften und der bodenlosen Schlucht ihrer Vergangenheit gefährlich nahe kamen. Wie in einem Film sah sie all jene Szenen im Head-up-Display der Windschutzscheibe vor sich ablaufen.

Adriane hatte ihren Romeo damals bei ihrem ersten Auslandsemester in Italien in der legendären Stadt Verona kennengelernt. Er, der Sprössling aus gutem Hause, war ein Bekannter des Professors, der für die ausländischen Lateinstudenten zuständig gewesen war. Jeder hatte ihren Lehrer nur den Prof genannt, denn Signor Mandrach war der Inbegriff eines Lehrkörpers schlechthin gewesen. Und offensichtlich war ihr Mentor schon seit langem mit der Familie van Alvensgut befreundet gewesen. Deren jüngster Sohn war etwa drei Jahre jünger als Marc und damit ungefähr so alt wie Adriane selbst. Bis zu diesem denkwürdigen Sommertag hatte die vorbildliche Studentin, die sie damals gewesen war, sich kaum für Jungs, vor allem nicht für die in ihrem Alter, interessiert. Bis sie Stian van Alvensgut begegnet war. Etwas an ihm war anders gewesen. Wie die Liebe von Romeo und Julia schien ihre Begegnung vom Schicksal vorherbestimmt gewesen zu sein. Genauso wie ihre Grande Amore hatte Shakespeare seinerzeit in dem berühmtesten Liebesdrama aller Zeiten auch ihren Untergang prophezeit.
Nach einem Vortrag über irgendein historisches Thema, an das sie sich nicht mehr erinnern konnte, wollte sie Professor Mandrach noch etwas fragen und wartete im Flur vor dem Saal auf ihn. Sie hatte gehofft, schnell eine zufriedenstellende Antwort auf ihre Frage zu bekommen, um möglichst rasch der Nachmittagshitze zu entfliehen.
Als der Professor den Hörsaal verließ, war er gerade in ein Gespräch mit einem jungen Mann vertieft, den Adriane noch nie zuvor an der Universität gesehen hatte. Vielleicht studierte er hier auch nicht, wie sie es seit knapp vier Monaten tat. Vielleicht war er auf der Durchreise. Aber woher kannte er ihren Lehrer?
Adriane hätte sich bestimmt an ihn erinnert, denn er war ihr sofort aufgefallen. Er war kein Italiener, so viel stand fest. Seine hellbraunen, fast bronzefarbenen Haare kräuselten sich in sanften Wellen und seine Haut war nicht sonnengebräunt sondern beinahe elfenbeinfarben, so hell war sein Teint. Seine breiten Schultern steckten in einem dunkelblauen Sakko aus leichter Baumwolle, darunter trug er ein gestärktes blütenweißes Hemd. Es stand ihm verdammt gut, musste Adriane zugeben. Außerdem fiel ihr Augenmerk auf die graue Leinenhose, wie sie oft in den Schaufenstern von teuren italienischen Designerläden zur Schau gestellt wurden. Die gesamte Kombination hätte an anderen Männern, die sich nicht gebührend zu verhalten wussten, lächerlich gewirkt, doch Stians Kleidungsstil strahlte einen so wesentlichen Teil seiner selbst aus und unterstrich seinen jugendlichen Charme, gleichgültig seiner zeitlosen Eleganz. Die zweite Überraschung erlebte Adriane, als er den Kopf hob und ihr direkt in die Augen schaute. Ein helles, klares Aquamarin hatte ihr entgegengestrahlt. Und sie hatte deutlich gespürt, wie sie errötete. Sie begrüßte ihn auf Italienisch, doch er grinste nur und erwiderte ihren Gruß auf Deutsch. Das war zu viel des Guten für sie.
Stian van Alvensgut verabschiedete sich auch auf Deutsch von ihrem Professor, was die verwirrte Adriane dazu bewegte, ihn ebenfalls in ihrer Muttersprache anzusprechen.

»Wer war er?«, fragte sie noch ganz durch den Wind. Ihre eigentliche Frage hatte sie vergessen.
Zu ihrem grenzenlosen Erstaunen antwortete Professor Mandrach in fließendem Hochdeutsch: »Der Sohn eines guten Freundes, Stian van Alvensgut. Wenn Sie es möchten, kann ich Sie mit ihm bekannt machen.« Er lächelte und zwinkerte ihr zu. Als er sich verabschiedete, wechselte der Professor ins Italienische zurück. »Buona giornata, Adriane!«

Adriane musste ihrem Dozenten wohl zum Abschied lediglich zugenickt haben, denn sie verbesserte die falsche Endung ihres Vornamens nicht und brachte auch sonst kein Wort heraus.
Vor der Vorlesung am nächsten Tag opferte sie einen Großteil ihrer Mittagspause und erschien, in der Hoffnung, den unbekannten Fremden dort zufällig anzutreffen, eine halbe Stunde zu früh im Hörsaal. Sie lief zwischen den Stühlen auf und ab, fuhr sich immer wieder nervös durch die nicht zu bändigenden dunklen Locken und tupfte abbröckelnde Stücke ihrer Wimperntusche von ihren Wangenknochen. Etwa fünfzehn Minuten vor Beginn der Stunde erschien auf wundersame Weise wirklich Stian im Saal. Heute trug er ein hellblaues, dem Ton seiner Augen entsprechendes Poloshirt und eine camel-beige Stoffhose.
Obwohl sie nicht mehr allein im Raum waren, bemerkte er ihre Anwesenheit sofort, steuerte direkt auf sie zu und fragte sie aus dem Nichts heraus: »Good old Germany? Du bist auch aus Deutschland?« Als wüsste er um ihren nicht vorhandenen Altersunterschied von gerade Mal einem halben Jahr, duzte er sie automatisch.
Sie konnte nicht anders, als ihn stumm wie ein Fisch anzustarren, es hatte ihr doch glatt die Sprache verschlagen.
Aber auch er wandte den Blick nicht von ihr ab.
Nach einer gefühlten Ewigkeit antwortete sie: »Ja, ich mache mein fünftes Semester, Latein und Sportstudium, hier in Verona.«
Er setzte sich und bedeutete ihr, auf dem freien Stuhl neben ihm Platz zu nehmen.
Nichts lieber als das, dachte sie. »Du heißt Stian, meinte der Prof …«
»Dann wird das wohl stimmen«, erwiderte er knapp, dann hielt er inne und es war, als fragte er sie stillschweigend nach ihrem Namen.
Aber den Gefallen, das Geheimnis zu lüften, tat sie ihm noch nicht. »Hoff ich doch, dass mir mein Mentor keine Lügen auftischt. Falls doch, nenn ich dich eben Rumpelstilzchen«, neckte sie ihn.
»Er würde Sie niemals anlügen, Signora …?«
»Adriane. Aber du darfst mich Adi nennen. Adi from good old Germany«, eröffnete sie ihm mit klopfendem Herzen. Nur Oma Angelina durfte sie Adi nennen. Sie hoffte, Stian würde dieses Privileg zu schätzen wissen.
»Höchst erfreut, dich kennen zu lernen, Adi. Was für ein schöner Name … Adriane!« Ehe sie sich’s versah, hatte er ihre Hand genommen und ihr einen flüchtigen Kuss auf den Handrücken gehaucht. Er lächelte und dieses Lächeln entblößte seine perlweißen Zähne und spiegelte sich in den kleinen Lachfältchen um seine funkelnden Augen wider.
»Dankeschön. Ich denke trotzdem, dass er weiter verbreitet ist als deiner.« Doch Stian ließ diesen Einwand gar nicht zählen.
» Seltener, nun gut, irgendjemand in meinem Stammbaum hatte wohl skandinavische Wurzeln. Schöner ist deiner, keine Widerrede. Aber Namen sind Schall und Rauch, meine Liebe«, zitierte er nach dieser kurzen Erklärung Faust in Goethes Lebenswerk und verdiente sich damit einen weiteren Pluspunkt auf ihrer Sympathieskala.
Bis die Vorlesung begann, redeten sie über seine Beweggründe, durch Italien zu reisen, über Adrianes tiefschwarzes Haar und über seine zwei Friesen, an die er sich spontan durch sie erinnert fühlte. »Wenn du ein Pferd wärst, wärst du ein Friese. So ele …«
Bevor er den Satz beenden konnte, betrat Professor Mandrach den Saal und Stian van Alvensgut verschwand ohne ein weiteres Wort. Ausnahmslos verwirrt blieb Adriane zurück auf dem knarrenden Holzstuhl und starrte den leeren Platz neben sich an. Hatte sie sich das gerade nur eingebildet oder war das wirklich passiert? Professor Mandrach begrüßte sie und ihre Kommilitonen und begann mit dem heutigen Thema.
Adriane verstand den Inhalt des Vortrags nicht. Schrieb nichts mit. Machte keine Skizzen. Stellte sich keine Fragen außer einer.
Würde sie ihn wiedersehen?
Nachdem der Professor seine Ausführungen beendet und sich von den Studenten verabschiedet hatte, räumte er seine Unterlagen zusammen. Er sah kurz hoch und als er Adriane erkannte, winkte er sie zu sich. Sie wunderte sich kaum darüber und stieg eilig die Treppen des Lehrsaals hinab. Im Türrahmen stand Stian. Ihr Herz setzte einen Schlag aus und ihre Handflächen wurden feucht.
»Am Samstag werden wir einen Ausflug in die Toskana unternehmen. Stian wird auch mitkommen«, begann der Professor in reinem, flüssigen Hochdeutsch mit einem dennoch unverkennbaren italienischen Akzent. »Nun frag sie schon«, forderte er Stian in Italienisch auf, mit Adriane zu reden. Als bediene er sich einer Geheimsprache.
Nun war es Stian, dessen Wangen Farbe gewannen. Er lächelte. »Ich würde mich unglaublich freuen, wenn du uns begleitest. In Piombino gibt es zwar nicht so viele Sehenswürdigkeiten wie in der Stadt von Romeo und Julia, aber auch ohne die ganzen Touristenattraktionen ist es sehr schön dort. Und du würdest mal eine andere Seite Italiens kennenlernen. Könntest du das einrichten?«
Adriane traute ihren Ohren nicht und war vollkommen überrumpelt, als er ihr seine Visitenkarte reichte. Rasch überflog sie den Inhalt. Seine Telefonnummer sprang ihr sofort ins Auge. Und, dass er einen Ferienjob als Fotograf hatte.
»Ich würde mich freuen, wenn wir unsere Unterhaltung von geradeeben in Piombino fortsetzen könnten.« Ein Blick nur in seine hellblauen Augen genügte, um zu wissen, wie ihre Antwort ausfallen würde. Er fuhr fort: »Du musst dich nicht gleich entscheiden. Wenn du mich nicht mehr an der Uni siehst, kannst du mich ja anrufen.«
Sie nickte, noch immer ganz von der Rolle. Hinter Stian und Professor Mandrach verließ sie den Raum als letzte. Nach einigen Metern bog der Dozent links ab.

Stian wartete, nachdem er sich von ihm verabschiedet hatte, auf Adriane. Erklärend holte er aus: »Der Professor ist ein guter Freund meines Vaters. Signor Mandrach ist in Italien geboren, hat aber früher auch in Deutschland gelebt.« Als Adriane daraufhin nichts antwortete, liefen sie schweigend die Außentreppe hinunter.
Sie spürte seine Blicke, die an ihrem Gesicht entlangstrichen. »Hier nennen ihn alle nur den Prof. Ich glaube, sein richtiger Name, Signor Mandrach, ist inzwischen bei den meisten in Vergessenheit geraten.«
Am unteren Ende der majestätischen Treppenstufen angekommen, breitete sich der Universitätspark in seinem enormen Ausmaß vor ihnen aus. Die warme Luft schwirrte und die Hitze des Nachmittags wurde nur von wenigen leichten Windstößen erträglicher gemacht. Adriane setzte sich auf das trockene Gras, Stian ließ sich neben ihr nieder.
»Solche Momente gibt es nur in Italien«, meinte er, bevor er die Spiegelreflexkamera aus seiner Tasche hervorholte und sich erhob. Fünf Meter entfernt von ihr kniete er sich hin und schoss einige Fotos.
Als Adriane begriff, dass sie ihm als Fotomodell dienen sollte, sprang auch sie auf. Innerhalb einer Sekunde erreichte sie ihn. »Ist das deine Masche, an kostenlose Modelle zu kommen?«, fragte sie ein wenig atemlos und grinste. »Wenn ich hier schon Modell stehen soll, dann verlange ich wenigstens eine Gage!« Sie stupste ihn an. »Hast du gehört, Stian?«
»Was? Ich kann dich so schlecht verstehen …«, rief er laut und machte schnell noch ein Bild, ehe sie ihm die Kamera entreißen konnte. Lachend versuchte er, sie Adriane abzuringen, doch seine Bemühungen scheiterten kläglich. Erste Ermüdungserscheinungen vorschützend gab er auf. »Du hast gewonnen«, gestand er ihr ganz außer Puste zu. »Und du hast Unrecht. Normalerweise frage ich meine Fotomodelle und knipse sie erst, nachdem sie eingewilligt haben. Doch bei einem so anmutigen Modell wie dir würde ich einfach kein Nein ertragen.« Plötzlich hielt er ihre Hand fest, griff vergebens nach der Kamera und redete weiter drauf los: »Alle Achtung, man merkt, dass du Sport studierst! Ziemlich gute Ausdauer, Reaktionsgeschwindigkeit und Beweglichkeit … Aber jetzt hab ich dich!« Spielerisch platzierte er ihren Arm im Polizeigriff hinterm Rücken.
»Spinnst du? Hey, lass das!«, protestierte sie, doch da hatte Stian seinen Fotoapparat auch schon wieder an sich genommen.
Er lockerte den Griff, sodass sie sich herauswinden konnte, hielt ihre Hand jedoch weiter fest.
»Danke für das Kompliment. Und danke für das andere, sollte es auch ein Kompliment darstellen. Bei so einem leidenschaftlichen Fotografen bin ich gerne Bildmaterial«, entgegnete Adriane.
Gemeinsam ließen sie sich auf der trockenen Wiese nieder.
Stian erzählte ihr von seiner Arbeit als Fotograf und der Schwierigkeit, an fotogene Freiwillige zu kommen, die sich beispielsweise vor Sehenswürdigkeiten fotografieren ließen. »Den Eiffelturm, um ein Beispiel zu nennen, kann jeder Amateur fotografieren. Ich suche das Besondere. Ein Bild, das nur hier und heute genauso entstehen kann«, erklärte er ihr und sie hörte gebannt zu. Er sprach so fasziniert und begeistert vom Fotografieren. Es war seine Mission. Das, wovon er redete, hatte Hand und Fuß. So verkaufte er es zumindest. Sie sah ihm in die vor Begeisterung funkelnden Augen und wusste von diesem Blick an, dass sie sich heillos verliebt hatte.
»Seit wann bist du hier?«, fragte sie ihn.
»Etwa einen halben Monat, noch gar nicht so lange, wenn du bedenkst, dass ich ursprünglich vorhatte, ein halbes Jahr durch ganz Italien zu reisen. Wie lange dauert dein Semester eigentlich?«
Sie musste einen Moment lang überlegen, rechnete nach. »Bis Anfang August, also gut zwei Wochen noch bis zu den Prüfungen. Danach haben die anderen ihre mehr oder weniger wohlverdienten Ferien und ich werde nach Deutschland zurückkehren.«
Adriane bemerkte, wie Stian, ihren Ausführungen weiterhin interessiert folgend, ihre Mimik und Gestik studierte. Nachdem sie verstummt war, schaute er sie einen Moment lang abwägend an.
Dann entschied er sich dazu, endlich zu äußern, was ihn die gesamte Zeit über zu beschäftigen schien: »Weshalb, Adriane, müssen sich zwei Deutsche erst in Italien über den Weg laufen … Als ob unser good old Germany so schrecklich wäre?« Sie sah ihn an und wieder lächelte er. Es ließ sich nicht in die Kategorie schüchtern oder flirtend einordnen. Es fühlte sich warm und herzlich an.
Ihr Brustkorb drohte zu bersten. Ihr Atem ging viel zu schnell. Ihr Herz schlug wie wild. »Wann wollte der Prof seinen Toskana-Trip starten?«, fragte sie, um statt über ihre Gefühle lieber über Fakten und Tatsachen zu reden. »Es wäre unglaublich toll, wenn ich dich … ich meine, wenn ich euch begleiten könnte.«
Er hob die Hand und strich zu ihrer grenzenlosen Überraschung eine vom Winde verwehte Strähne aus ihrem Gesicht. »Wirklich?« Stian beugte sich zu ihr hinüber.
Er war ihr so nah, dass sie seinen leichten Lavendelduft wahrnehmen konnte.
»Diesen Samstag werden wir dich in ein wunderschönes, malerisches Landgut in der Toskana entführen.« Plötzlich stand er auf und half ihr hoch. »Wo wohnst du eigentlich? In so einem Studentenwohnheim?«
Er ließ ihr gar keine Zeit, um zu überlegen, ob sie am Samstag schon etwas vorhatte. Dieser Charmeur setzte ihre Zusage einfach voraus.
»Ich kann dich morgens um sieben abholen, wenn das für dich nicht zu früh ist.«
»Wäre perfekt«, antwortete sie und fühlte die Aufregung in ihr aufsteigen, »Wo musst du jetzt hin? Wenn du eine Viertelstunde Zeit hast, kann ich dir zeigen, wo mein Studentenzimmer ist. Wo wohnst du hier überhaupt?«
»In einem kleineren Dorf. Im Ferienhaus meiner Familie. Oder vielmehr meines Großvaters«, klärte Stian sie auf, als er ihr folgte.
»Was hat es eigentlich mit deiner mysteriösen Familie und deinen skandinavischen Vorfahren auf sich?«, war sie kurz versucht zu fragen, doch als sie Stians Miene sah, ließ sie es bleiben. Sobald er über seine Familie sprach, legte sich ein dunkler Schatten über sein Gesicht. Sie schien ein mehr als kritisches Thema in Stians Vergangenheit zu sein. Doch das sollte den Augenblick nicht belasten.
Glücklich tänzelte sie neben ihm her und erzählte ihm nach einer Weile selbst von ihrer Heimat. Von ihrem Studium in der Bezirkshauptstadt, ihren Berufswünschen und von dem Auslandssemester in Italien, das so ganz anders als die an den deutschen Universitäten ablief. Vor dem Eintreffen im Häuserblock, in dem sich ihre Wohnung befand, durchquerten sie eine Allee mit unzähligen in den Himmel ragenden Pflanzen. Keine Laubbäume, dafür war das Klima zu trocken hier in Italien. Hätte sie Biologie studiert, könnte sie sich vielleicht an den Namen der Baumart erinnern. Stian blickte nach oben. »Die Landschaften um den Gardasee sind meine Lieblingsmotive. Wenn du willst, kann ich mal Fremdenführer spielen und dich hier in Verona ein bisschen herumführen. Immerhin kenne ich die Stadt dank meiner Großmutter wie meine Westentasche. Du wirst staunen, wie viele hübsche, unentdeckte Winkel es hier gibt!«

Sie hatte die Umgebung und das Zentrum der norditalienischen Stadt tatsächlich noch nie aus der Perspektive eines Fotografen betrachtet. Durch Stian van Alvensgut entdeckte sie ihr alltägliches Umfeld neu. Vielleicht hatte er ihr eine rosarote Brille aufgesetzt, vielleicht färbte seine überschwängliche Begeisterung für die Schönheit der kleinen Dinge im Leben auf sie ab. Auf jeden Fall öffnete er ihr die Augen für das Unscheinbare, über das sie bis jetzt hinweggeblickt hatte.
Die wesentlich kältere Luft im Flur erfrischte Adriane und beruhigte ihre sonnengereizte Haut. Ein paar Meter weiter schlug ihr ein leicht muffiger Geruch entgegen. Sie blieb am Fenster stehen und lehnte die Stirn gegen die angenehm kühle Glasscheibe. »So, und hier wohne ich …« Sie zeigte auf eine Tür am anderen Ende des Gangs. »Nicht sehr komfortabel, aber zweckmäßig.«
»Ist doch schön hier«, entgegnete Stian verträumt. Er zückte seine Kamera und machte einen allerletzten Schnappschuss von Adriane, wie sie gegen die Fensterscheibe gelehnt stand, bevor er sich höflich von ihr verabschiedete: »Ciao Bella!« Keine Sekunde später war er wie vom Erdboden verschluckt. In der Hosentasche hatte sie noch seine Visitenkarte, die sie nun herausholte und noch einmal gründlich begutachtete. Stian van Alvensgut. Alles, was sie bis jetzt von seiner Familie wusste, hörte sich
kompliziert an. Vielleicht war das so bei solchen Familien. Sie selbst sah weniger diesen niederländischen Titel, auch wenn sie sich einbildete, den Namen des Guts von irgendwo her zu kennen. Vielmehr war der Mensch, der sich hinter dem Namen Stian verbarg, ihr im Gedächtnis geblieben. Und sie war im Begriff, sich zu ... Adriane konnte es selbst kaum fassen, denn mit diesem Atemzug wurde ihr bewusst, dass sie das erste Mal in ihrem Leben dabei war, sich ernsthafte Hoffnungen zu machen. Hoffnungen darauf, diesen Menschen fest in ihr Leben miteinbeziehen zu können. Ihr Herz pochte und pochte und pochte. Diese Gedanken waren ihr völlig fremd. Noch nie hatte sie etwas Ähnliches für irgendjemanden empfunden. Ihm musste klar gewesen sein, dass sie zusagen würde. Und sie tat es noch am selben Abend.

So hatte alles angefangen, erinnerte Adriane sich. Damals. In Italien, als die Sonne im Sommer noch hoch am Himmel gestanden war und unbarmherzig heiß auf der Haut gebrannt hatte. Es war ein traumhafter Sommer gewesen. Die zweitägige Fahrt in die Toskana war nur eins der vielen Highlights gewesen, doch auch sie hatte sich als geradezu malerischer Ausflug ins Paradies entpuppt.

Wie verabredet stand Stian van Alvensgut Samstag früh vor ihrem Appartement und läutete ungeduldig. Sie war bereits seit einer Stunde wach und hatte ihr Gepäck vorbereitet. Es kam ihr recht abenteuerlich vor, mit ihrem Professor und dessen Bekannten, der in etwa so alt war wie Adriane selbst und den sie seit drei Tagen kannte, zu verreisen.
»Wer nichts wagt, der nichts gewinnt«, murmelte sie vor sich hin und begab sich zur Tür. Stian strahlte sie an, als sie ihm aufmachte. Ihre Knie zitterten. Sie trat einen Schritt aus dem Eingangsbereich.
»Hey Adi!« Er umarmte sie.
Vielleicht etwas zu lang, vielleicht etwas zu kurz. Lange genug, um seinen berauschenden Geruch wahrzunehmen. Zu kurz, um seinen Herzschlag zu spüren. Schnell vertrieb Adriane derartige Gedanken aus ihrem Kopf. »Du meintest, ich soll nicht allzu viel mitnehmen und wie du siehst, hab ich mich daran gehalten.« Er nahm ihr die große Sporttasche ab und begleitete sie die Treppen hinunter. Er schwärmte unentwegt von der atemberaubenden Landschaft, die sie gleich zu sehen kriegen würden. Schrittweise legten sich Adrianes Zweifel. Doch ihr Atem ging vor lauter Aufregung immer noch viel zu flach und viel zu schnell. Vor dem Haus stand ein schwarzes Motorrad mit zwei Helmen auf der Sitzfläche. Ihre große Umhängetasche befestigte er über dem Kofferraum des Motorrads, dann nahm er den kleiner wirkenden der beiden Helme, ließ Adriane ihr Haar zurückbinden und setzte ihn ihr auf.
»Und, erstickst du gleich, oder geht’s noch?«
»Passt bis jetzt ganz gut«, erwiderte sie. Nachdem auch Stian den Kopfschutz angelegt und sich aufs Motorrad geschwungen hatte, stieg sie hinter ihm auf. Das erfrischende Lavendelaroma seines Aftershaves umhüllte sie während der Fahrt zum vereinbarten Treffpunkt mit dem Prof. Sie klammerte sich an Stian fest. Atmete seinen Duft, der ihr schon die Tage zuvor den Kopf verdreht hatte, ein und wünschte sich, diese Fahrt möge nie zu Ende gehen.
Als sie auf den Parkplatz fuhren, stand schon ein hellbrauner Jeep bereit. Ein älterer, braun gebrannter Mann mit hellgrauem Haar stieg aus. Es war der Professor, jedoch nicht im Anzug, sondern in Alltagskleidung.
Stian bremste, und half ihr herunter. Dabei hielt er ihre Hand einen Moment lang fest, vielleicht länger als nötig. Als Stian sie wieder losließ, um selbst abzusteigen, verabreichte er ihr einen elektrischen Schlag. Es knisterte, als versprühte eine herabbrennende Wunderkerze winzige Funken. Dann erreichten sie mitsamt Gepäck den Leiter ihrer Exkursion und dessen Offroader.
»Ciao, Signor Mandrach! «, begrüßte Stian ihn. Der Professor reichte ihnen beiden nacheinander die Hand. Adriane erwiderte seinen freundlichen, festen Händedruck.
»Buongiorno ihr zwei.« Er wirkte einige Jahre jünger als im Lehrsaal, war vergnügt, frisch und munter. Mit leichten Schritten ging er zum Kofferraum, um die Taschen zu verstauen. »Ihr könnt hinten sitzen und die Aussicht während der Fahrt genießen, ich bin ja schließlich derjenige, der fahren und aufpassen muss«, eröffnete er ihnen und fügte verschmitzt lächelnd hinzu: »In etwa vier Stunden erreichen wir das Haus, die kleine Pause am Aussichtspunkt miteingerechnet.«
Es war eine sehr unterhaltsame Autofahrt, denn ihr Fahrer wusste fast über jeden Stein am Wegesrand eine amüsante Geschichte zu erzählen. In der angekündigten Pause dann blieben sie und Stian zuerst im Wagen sitzen, während der Professor sich die Beine vertrat.
»Und, was hast du nach deinem Studium vor?«, fragte er, worauf sie scherzhaft antwortete:
»Ich heirate den erstbesten Kerl, der mir über den Weg läuft, bekomme fünf Kinder und verbringe den Rest meines Lebens als sorgende Mutter in Kinderzimmern und als tüchtige Hausfrau hinterm Herd! Dafür studiere ich immerhin Lehramt!«
Er lachte. »Ja, klar! Und ich mache eine Ausbildung zum Mechaniker, um Spülmaschinen zu reparieren, damit du dich perfekt um deinen Haushalt kümmern kannst.« Eindringlich sah er sie an. In seinen Augen lag etwas, was sie nur schwer deuten konnte.
Verlegen senkte sie den Blick. In der nächsten Sekunde spürte sie seine Hand, die ihr durch die Spitzen ihrer schon damals sehr langen Haare fuhr.
»Du siehst toll aus«, bemerkte Stian. »Wenn ich könnte, würde ich dich Tag und Nacht fotografieren.« Er grinste schief, sah er aus dem Fenster. »Willst du dich draußen ein bisschen umsehen?«
Obwohl es ihr schmeichelte, er sich wirklich um sie bemühte und seine Blicke Bände sprachen, brauchte sie noch etwas Zeit. Wollte er sie erobern, sollte Stian sich schon mehr anstrengen müssen. Adriane erlaubte sich noch nicht, ihre Gefühle zuzulassen. Auch wenn sie nichts lieber getan hätte, als ihm ihre Gedanken anzuvertrauen, hielt sie sich damit noch zurück.
Ehe sie Stian antworten konnte, kehrte Signor Mandrach zurück. Hastig riss er die hintere Autotür auf Stians Seite auf. »Kommt schnell! Das müsst ihr sehen!«, rief er und war wieder verschwunden.
»Was ist jetzt los?«, fragte Adriane verwundert.
»Na, komm mit, wir werden’s sehen …« Stian war bereits ausgestiegen. Er hatte seine Kamera mitgenommen und folgte dem Professor. Adriane kletterte ebenfalls aus dem SUV und staunte nicht schlecht. Vor ihnen breitete sich eine weitläufige Koppel in der malerischen Toskana aus. Unter einem Baum stand eine schwarze Friesenstute mit ihrem kleinen Fohlen. »Wie in aller Welt …«, flüsterte Adriane, der in diesem Moment der Vergleich mit Stians eigenen Friesen in den Sinn kam. Die Stute schnaubte und scharrte mit den Hufen. Das Jungtier versteckte sich hinter seiner Mutter.
Durch die Astgabeln fielen Sonnenstrahlen und pinselten wunderschöne Schatten auf das Fell der Rappen. Stian fotografierte und fotografierte. Er war in seinem Element. Es schien das Natürlichste auf der Welt zu sein, mitten in einer atemberaubenden Landschaft der italienischen Toskana zu stehen und holländische Friesen abzulichten.
»Geh doch mal zu der Stute, Adriane!«, forderte ihr übermütiger Reisekamerad sie auf. »Du passt perfekt ins Bild! Einfach großartig!« Zögernd wollte sie ihn davon überzeugen, dass Pferde, wenn es um ihre Fohlen geht, unglaublich aggressiv werden konnten und sie nicht vorhatte, sich seiner Unterhaltung zuliebe in Lebensgefahr zu begeben, aber seine Augen ließen sie verstummen. Sie war überwältigt und wusste zugleich, dass sie verloren hatte und dass sie verloren war. Sie würde alles für ihn tun. Vorsichtig trat sie an den Holzzaun. Die schwarze Schönheit jedoch schien von Adrianes Gegenwart nicht sonderlich beeindruckt zu sein und deshalb traute sie sich, durch den Zaun hindurch zu schlüpfen, um sich den Pferden zu nähern. Nur für das Foto, das er unbedingt wollte. Noch immer blieben die Vierbeiner seelenruhig stehen. Das neugierige Fohlen wagte sogar, ein paar Schritte auf die Fremde zuzugehen. Auch seine Mutter erwies sich als außergewöhnlich zutraulich. Als Adriane sie erreichte, beschnupperte die rabenschwarze Stute ihr ebenfalls schwarzes, wenngleich menschliches Haar. Und in der Ferne hörte Adriane, wie er den Auslöser drückte, bis ihm die Finger schmerzen mussten. Nach kurzer Zeit ließen sich die Tiere streicheln. Klick. Klick. Klick. Das war seine Welt. Fotografie und Pferde. Sie hätte sich gern weiter mit den Friesen beschäftigt, doch da rief er sie auch schon zu sich zurück und sie ließ sich vom Sog seiner Stimme in den Tiefseestrudel ziehen. Sie lief ihm entgegen und musste lachen, weil er sie nicht einen Moment aus den Augen ließ. Die Eindringlichkeit, mit der er sie ansah, war so intensiv, als wolle er ihr Gesicht für alle Ewigkeiten in der Datenbank seines Gedächtnisses abspeichern.
»Du bist hervorragend im Umgang mit Pferden, Adriane!«, lobte er sie überschwänglich.
Sie sah ihm deutlich an, dass er gern mehr getan hätte, als nur mit ihr zu reden.
»Danke, die Friesen waren aber auch nicht schlecht. Ich bin früher mal geritten, aber das ist lange her. Trotzdem, ich glaube, jetzt kann deine Pferdevernarrtheit nachvollziehen!« Sie lächelte ihn an.
»Und offensichtlich wärst du die Richtige zum Pferdestehlen.« Es sollte wohl ein Witz sein, doch Stians Miene blieb todernst, nachdem er diesen Satz ausgesprochen hatte.
Während sie, begleitet von einem entzückten Signor Mandrach, zum Jeep zurückliefen, zeigte er Adriane die Bilder. Sie konnte den Blick nicht vom Display der Kamera abwenden und beinahe wäre sie über ein Erdloch gestolpert.
Doch Stian bemerkte es und hielt sie fest. Als wäre nichts geschehen, setzte er sein Lob fort: »Eins besser als das andere!«, schwärmte er. »Bist du Profimodel?« Den Rest der kurzen Strecke ließ er sie nicht mehr los. Sein Lachen war ansteckend und seine gute Laune sowieso.
Nun saßen sie wieder auf der Rückbank und als Adriane nach der Spiegelreflex greifen wollte, nahm er ihre Hand und konstatierte, während er ihre Finger eingehend begutachtete: »Kein Ring, du wartest also tatsächlich noch auf den erstbesten Typ?« Stian schien überrascht zu sein. »Aber du bist auch noch viel zu jung, um in festen Händen zu sein, nehme ich an?«
»Dazu hatte ich bis jetzt weder Motiv, noch Opfer, noch Gelegenheit«, klärte sie ihn auf. »Und was ist mit dir?« Erneut erschien das für ihn so typische Lächeln auf Stians Zügen.
»Du sagst, bis jetzt. Und was mich angeht, ich bin ewiger Junggeselle aus Leidenschaft. Kein weibliches Wesen hält es länger als einen Monat mit mir aus. Oder mit meiner Familie.« Sein Blick verdüsterte sich und er ließ ihre Hand los, um die Spiegelreflexkamera zu verstauen. »Noch ein Wunder an diesem wunderbaren Tag.« Er hatte Recht, dieser Tag hatte wirklich fabelhaft angefangen.
»Wohin fahren wir eigentlich genau? «, fragte sie Signor Mandrach.
»Kennst du die Hafenstadt an der Westküste der Toskana? Piombino? Viel los manchmal, aber eine traumhafte Kulisse, historische alte Viertel, sehr schmackhafte Produkte vom Fischermarkt und so weiter. Außerdem wohnt meine Tochter in Piombino.«
»Perfetto! Das klingt doch vielversprechend!« Adriane war gespannt, was sie erwarten würde. Verträumt ließ sie den Blick aus dem Autofenster schweifen. Stian hingegen wurde erneut von seiner Kamera in den Bann gezogen und schaute sich die Bilder an. Sie beobachtete ihn und als seine Mundwinkel lächelnd nach oben gingen, spürte sie wieder diesen warmen Schauer, der ihr den Rücken hinunterlief. Er sah sie an und hielt ihr das Display hin. Das kleine Fohlen beschnupperte seine Mutter, die geradewegs in die Linse blickte.
Adriane war verzaubert.
»Wow!«, war alles, was sie herausbrachte. Das frühe Sonnenlicht schuf eine einzigartige Atmosphäre. Hell und Dunkel verschwammen auf der einen Seite und erstachen sich andererseits. Licht und Schatten wurden eins in einer überwältigenden Farbigkeit.
»Du… ich mein ... deine Fotos … sie sind einfach … unbeschreiblich!« Nach den richtigen Worten suchend schaute sie ihn an, strich mit dem Blick über sein Gesicht, bis sie unbeabsichtigt an dem leichten Flaum über seinem Mund hängen blieb.
»Du bist sowas von talentiert!«
Er strahlte sie an.
»Was machst du mit den ganzen Aufnahmen?« Sie streckte den Arm aus und zeigte auf den Fotoapparat.
Stians Hand griff ein weiteres Mal nach ihrer. Adriane spürte die Schmetterlinge in ihrem Bauch aus den Raupenkokons schlüpfen.
»Manche hebe ich auf, um daraus meine Inspiration zu ziehen. Und, um meine Motive nie zu vergessen. Um mich immer … zu erinnern.« Zaghaft wagten die Schmetterlinge ihre ersten Flügelschläge.


Adriane sah auf die verschneite Straße und rief sich das traumhafte Wetter bei ihrer Ankunft in der geschäftigen Hafenstadt ins Gedächtnis. Zwölf Jahre her war das bald. Wie die Zeit verging. Sie hatte die Stelle auf der A7 erreicht, auf der sich am Tag zuvor der Stau gebildet hatte. Fünf Minuten später bog sie ab, nahm die Ausfahrt Richtung Crailsheim und verlangsamte das Tempo. Die kurvige Straße verlief durch zahlreiche Wäldchen, führte mal steil bergauf und war an anderer Stelle halsbrecherisch abschüssig. Adriane fuhr schleichend langsam durch drei kleinere Ortschaften. Sie guckte auf die Zeitanzeige des Bordcomputers und sah auch schon das gelbe Ortsschild vor sich auftauchen. Jetzt musste sie den genauen Anweisungen des Navigationssystems folgen, wenn sie sich nicht heillos in der unübersichtlichen Kreisstadt verfahren wollte.
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