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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
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68.808
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Dieses Kapitel
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30.01.2021 6.666
 
Wenige Kilometer später kamen sie tatsächlich an einer Raststätte vorbei. Für einen kurzen Augenblick musste Marc wieder daran denken, wie es wäre, Adriane einfach dort stehen zu lassen. Kurz war er sogar versucht, tatsächlich abzubiegen. Sie machte ihn fertig. Er konnte es einfach nicht länger aushalten, mit der Adriane, die so wenig Ähnlichkeit mit der Frau hatte, die er vor sechs Jahren kennengelernt hatte, in einem Auto zu sitzen.
Der Unfall und seine Folgen hatten bereits angefangen, sie zu verändern und würden es auch nachhaltig tun, konstatierte er schockiert.
Er erkannte sie nicht wieder. In diesen in sich selbst zurückgezogenen, unterkühlten, vor sich hin schweigenden Menschen, den sie jetzt nach außen hin zeigte, hätte er sich nie verliebt. Sie war ihm völlig fremd. Dem Satz, man solle seinen Partner mit all seinen Fehlern lieben, konnte er in diesem Augenblick herzlich wenig abgewinnen. Fast erschrocken registrierte er, dass diese Seite seiner Liebsten kein einziges Gefühl in ihm hervorrief, außer brodelnd heißer Wut.
Es war wie so oft. Wann immer sie sich von ihm distanzierte, sah er rot. So war es immer gewesen. Ihre bläuliche Kälte verwandelte ihn in einen Spielball seiner feuerroten Wut und sie zum hilflosen Opfer der daraus resultierenden Aggressionen.
Sich von ihr zu trennen, würde dem Teufelskreis zwar ein Ende setzen, denn er würde ihr nie mehr wehtun können. Aber was zu ihrem Besten wäre, würde sein Ende sein.
Seine Angst davor, ohne sie zu leben, bestätigte nur, dass sie ihm mehr als alles andere auf der Welt bedeutete. Er würde sie immer lieben. Nur war das leider nicht das einzige Gefühl, das Adriane in ihm hervorrief.
Marc sah angestrengt auf die Fahrbahn und hoffte, dass sie ihm den unterdrückten Wutanfall nicht anmerkte.

* * *

Eine eisige Kälte kroch Adriane den Rücken hinauf. Sie hatte Marc die ganze Zeit durch den Rückspiegel beobachtet. Als sie sah, wie seine Gesichtszüge einfroren, überkam auch sie eine kalte Ruhe. Dabei hätte sie am liebsten geweint, hätte sie dadurch nicht ihre Gefühle verraten. Mit Tränen in den Augen versuchte sie zu schlucken. Angespannt auf ihrem Sitz kauernd hoffte sie, die Fahrt würde bald vorbei sein. Sie nahm ihre gesamte Umgebung nur noch durch einen Tränenschleier wahr.
Auf einmal sehnte sie sich nach dem Mann, der ihr seit einem Jahr nicht mehr aus dem Kopf ging. Nach seiner Stimme und seinem Trost. Sie brauchte jemanden, der sie in seine Arme schloss und sie alles um sich herum vergessen ließ. Doch bis sie ihn wiedersehen würde, musste sie gute Miene zum bösen Spiel machen, um Marcs Verdacht nicht nochmals aufkeimen zu lassen. Er hatte das nicht verdient. Keine Behandlung, die er ihr angedeihen lassen hatte, rechtfertigte ihren feigen Betrug. Sie wünschte sich, ihm alles erklären zu können, um Frieden mit sich und der Welt zu schließen. Sie wünschte, es würde Sabrina nicht geben und erst recht nicht die Kinder, die ihren Ehemann bei seiner Familie hielten. Sie hätte vielmehr gern selbst eine Tochter gehabt, so wie die kleine Nina. Ihre Gedanken wirbelten im Kreis herum, kamen zum gleichen Ergebnis wie vor einer halben Stunde und wenn sie länger darüber nachdachte, beschlichen sie erneute Zweifel, ob sie dieser immensen Verantwortung überhaupt gewachsen wäre.
Ein paar Stunden eine ganze Horde Teenager zu beaufsichtigen, war eine Sache, ein Leben lang für das eigene Kind Sorge zu tragen, etwas ganz anderes. Ihr Kollege schien diesen Spagat problemlos meistern zu können.
Sein elfjähriger Sohn jedenfalls entwickelte sich zu einem wunderbaren Jungen. Ihre Patentochter hätte Adriane ebenfalls gerne öfter zu Gesicht bekommen, um intensiver an ihrer Entwicklung Anteil haben zu können. Manchmal war sie fast schon ein kleines bisschen eifersüchtig auf die zwei. Sie konnten ihren Vater jeden Morgen sehen, ihm jeden Abend einen Gute-Nacht-Kuss geben und wurden von ihm vor dem Schlafen zugedeckt.
Jedes Mal, wenn Marc sich nicht unter Kontrolle hatte, dachte Adriane daran, was sie dafür geben würde, sich endlich aus seinen Fängen befreien zu können. Marc zurückzulassen und ihren Kollegen, der inzwischen weitaus mehr als nur ihr bester Freund war, dazu zu überreden, sich endlich von seiner Frau zu trennen. War das ein Ding der Unmöglichkeit? Was würde sie dafür geben, die wahren Gefühle des Mannes zu kennen, mit dem sie seit etwas mehr als einem Jahr regelmäßig schlief? In diesem Moment - alles.
Ein Leben an seiner Seite zu führen, das wäre die Erfüllung ihres realitätsfernen Traums. Ein Traum von Sicherheit, emotionaler Beständigkeit und gegenseitigem Respekt, den der Fahrer dieses Luxusgefährts ihr nie erweisen würde, dachte sie bitter. Und den ihr bester Freund nicht von seiner Frau erwarten konnte.
Adriane hegte, seit sie das erste Mal von „Sabi“ gehört hatte, einen heimlichen Groll gegen diese Frau. Anfangs waren sie noch gut miteinander ausgekommen, doch nach Ninas Geburt hatte sich ihr Verhältnis grundlegend geändert. Adriane beneidete Sabrina nicht so sehr wie ihre Kinder, doch manchmal hätte sie so einiges in Bewegung gesetzt, um Sabrinas Leben führen zu dürfen und dafür, die Mutter der Kinder ihres Mannes zu sein. Zumindest in ihren Tagträumen hatte sie diese Rolle etliche Male durchgespielt. Doch das waren ihre hoffnungslosen Wünsche nunmal, nicht mehr als Wolkenschlösser in ihren kühnsten Träumen. Sie verfluchte ihr eigenes Dasein.
Ohne ihn fühlte sie sich wertlos. Er war für sie das, was andere als Seelenverwandten bezeichnen würden, da war sie sich mittlerweile sicher. Doch solange er das nicht genauso sah, hatte sie schlechte Karten. Solange sich ihre Affäre nicht für sie entschied, würde Adriane die Sicherheit, die ihr ein Leben an Marcs Seite bot, nicht so einfach wegschmeißen. Zumal ihr Freund sie, wenn er einen guten Tag hatte, wirklich auf Händen trug. Auf irgendeine seltsame Art und Weise musste sie ihn nach wie vor lieben.
»An was denkst du gerade, Süße?« Marc war sichtlich darum bemüht, Konversation mit ihr zu betreiben.
Schuldbewusst senkte Adriane den Kopf und erwiderte: »An dich. An mich. Und an uns. An alles.« Seine kurzzeitige Verstimmung schien glücklicherweise umgeschwungen zu sein.
Ihr bester Freund und Marc. Unterschiedlicher konnten zwei Männer kaum sein. Marcitus, dachte sie und erinnerte sich an ihre Unterrichtsvorbereitungen zum Kriegsgott der alten Römer. Vielleicht gelang es ihr, ihren Gott der rohen Gewalt zumindest für die Dauer der Fahrt zu besänftigen. Und so tat Adriane das, was ihr Lukas ihr schon oft vorgeworfen hatte.
Immerzu hatte er gesagt, sie flirtete allein dadurch mit jedem der Anwesenden, dass sie nur mit der Wimper zuckte. Sie konnte jedoch auch offensiver vorgehen und genau das tat sie nun. Sie warf ihren Charme in die Waagschale. Spielte russisches Roulette mit ihrer Ausstrahlung. Sollte ihr „Kollege“ sich doch aufregen. Er konnte sie ohnehin nicht sehen und er war nicht derjenige, der mit Marc im Auto sitzen musste.
Wie automatisch legte sich ein Schalter in ihrem Kopf um. Es war ganz leicht, lediglich ein Spiel und sie war die Meisterin ihres Faches. Wenn sie ihre Maske aufsetzte, konnte sie niemand durchschauen. Augenblicklich lächelte sie und beugte sich vor. »Ich wollte mich noch bei dir bedanken«, flüsterte sie Marc ins Ohr. »Danke, dass du auf mich aufgepasst hast.«
Marc drehte den Kopf auf halbem Weg zu ihr und sie küsste ihn sanft auf die Wange.
Nachdenklich murmelte er: »Was ist heute nur für ein seltsamer Tag?«
Sie setzte sich auf die Kante der Rückbank und lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze. Es fehlte nicht viel, und sie wäre in der nicht einmal unbequemen Haltung eingeschlafen.
Marc ließ den GLE hinter den anderen Autos zurückfallen und lenkte ihn auf die Abbiegespur. Wenige Augenblicke später fuhren sie von der Bundesstraße, auf der sie sich schon seit einer halben Ewigkeit befanden, ab. »Endlich! Langsam wurde es aber auch Zeit, dass die Auffahrt kommt!«, brummte Marc, während er die Geschwindigkeit herausnahm und das Gefährt in die Kurve legte.
Adriane hingegen hatte gar nicht mitgekriegt, wann sie eigentlich auf die Strecke gefahren waren.
Ihr falsches Lächeln fühlte sich fast echt an, fast hatte sie es geschafft, sich einzureden, dass sie glücklich war. Ihre Affäre hatte Adriane in den hintersten Winkel ihres Gehirns verbannt, um Lukas daran zu hindern, ihr weiter im Kopf herumzuspuken und ihre guten Vorsätze für die Dauer dieser Autofahrt zu gefährden. Ihre Augenlider wurden schwerer. Sie positionierte den Kopf so, dass ihre linke Gesichtshälfte am Kopfstück des Vordersitzes lehnte und sie ins Wageninnere sehen konnte. Sie roch Marcs Parfüm und fiel in immer kürzer werdenden Abständen in Sekundenschlaf. Da das Auto plötzlich schneller fuhr, nahm sie an, dass sie endlich den dreispurigen Ausbau, der heute früh gesperrt gewesen war, erreicht hatten. Der Motor schnurrte vor sich hin und die Fliehkraft des PS-Monsters zwängte sie bei jedem Überholmanöver tiefer in den Sitz. Sie hob den Kopf und sah aus dem Fenster. Die Landschaft flog an ihnen vorbei wie bei einer Zugfahrt. Einzelne Bäume und kleinere Wälder blieben links von ihnen liegen und wurden immer kleiner. Rechts tauchten Steinbrüche und Felsen auf und verschwanden wieder. Vor dem Unfall hatte Adriane es geliebt, unterwegs zu sein. Jetzt war sie heilfroh, nicht hinter dem Steuer sitzen zu müssen. Marc dagegen schien in seinem Element zu sein, er bremste abrupt ab und stieg gleich darauf wieder aufs Gaspedal. Er genoss es sichtlich, die Kraft des Mercedes unter seinen Händen und Füßen zu spüren, kostete jede Millisekunde der Beschleunigung und Geschwindigkeit aus.
Doch dann fuhr er langsamer, die Räder rollten aus.
Sie waren nicht nur in stockenden Verkehr geraten, nein, die Fahrzeuge vor ihnen bewegten sich keinen Zentimeter mehr. Das hier war ein waschechter Stau.
»Das kann ja jetzt ewig dauern«, hörte sie seine genervte Stimme. Adriane blickte auf. Unruhig trommelten Marcs lange Finger auf dem ledernen Lenkrad herum. Im Moment darauf ertönte unmittelbar neben ihnen ein nervenzerreißendes Quietschen. Das bremsende Auto schaffte es um ein Haar, der Familienkutsche vor ihm keinen Stoß zu versetzten und kam mit einem hässlichen Geräusch zum Stehen. Fünfzehn Minuten tat sich gar nichts.
Mittlerweile war auch Adriane mit ihrer Geduld am Ende. Sie löste den Gurt, stieß ruckartig die Hintertür auf, stieg aus, schlug sie mit einer ungeahnten Lässigkeit wieder zu und schlenderte in aller Seelenruhe um den GLE herum, geradewegs zur Beifahrertür. »Wenn du hinten sitzt, ist so ein Stau nicht zum Aushalten«, erklärte sie Marc knapp, nachdem eingestiegen war.
Er grinste. »Hallo erstmal.« Er beugte sich zu ihr, um sie zu küssen. »Willkommen zurück im Cockpit. Hier ist zwar nicht die dunkle Seite, aber ich bin mir sicher, dass wir irgendwo noch Kekse rumliegen haben.« Er dehnte den Kuss aus und Adriane ließ es geschehen, obwohl sie in Gedanken bei jemand anderem war. Es war wie jedes Mal, sie betrog Marc mit ihrer Fantasie. Die ganze Zeit.

»Hallo erstmal!« Das war das Erste, was ihr neuer Kollege ihr entgegnet hatte, als sie sich vor über fünf Jahren im JKBE Gymnasium kennengelernt hatten. »Du musst die neue Sportlehrerin sein.« Mit einem beinahe jungenhaften Lächeln hatte er vor ihr im Flur gestanden. Dank Marcs Kontakten war sie zum Beginn des zweiten Halbjahrs von der ziemlich heruntergekommenen Gesamtschule, an der sie in jenem September gelandet war, an das angesagte Eichendorff-Internat gewechselt.
»Ich bin übrigens Lukas. Lukas Poder.« Seinen Nachnamen hatte er nach einer kleinen Pause erst angefügt, als wäre ihm auf einmal bewusst geworden, dass sie sich nicht kannten und nichts weiter als Fremde füreinander waren. Fremde, die in Zukunft an derselben Bildungsanstalt eine Horde verwöhnter Teenager unterrichten würden.
Sie erinnerte sich genau daran, wie er sie neugierig gemustert hatte. »Alvensgut. Latein und Sport«, hatte sie routiniert die wichtigsten Details genannt und gelacht, als ihr aufgefallen war, dass sie sich, wie es sich für Lehrer nunmal gebührte, nur mit dem Nachnamen und der Fächerkombination vorgestellt hatte. In alter James-Bond-Manier hatte sie es ihm gleichgetan: »Adriane. Alvensgut.«
Lukas‘ Antwort war ein breites Lächeln gewesen. So waren sie an diesem denkwürdigen Tag das erste Mal ins Gespräch gekommen.
»Adriane … Ein schöner Name und noch dazu ein seltener unter den ganzen Lauras und Sarahs. Freut mich, dich kennen zu lernen, Adriane! Dein erstes Schuljahr nach dem Referendariat?«
Sie hatte sich gewundert, ob man ihr den Mangel an Berufserfahrung ansah und zustimmend genickt. »Ja, aber glaub mir, ich komme aus dem besten Weingebiet Bayerns, ich bin nicht nur mit allen Wassern gewaschen. Da werde ich auch mit euch Schwaben zurechtkommen!«
»Sei dir da nicht so sicher, unser Dialekt ist mitunter nur schwer zu ertragen«, hatte Lukas, dessen Familie, wie sie später erfahren hatte, aus der Nähe von München kam, gefeixt.
Das Geplänkel hatte ihr Spaß gemacht und sie hatte Lukas auf Anhieb sympathisch gefunden.
»Ich unterrichte deine Parallelklasse in Sport, zumindest die Jungs. Wenn du irgendwas brauchst oder ich dir sonst irgendwie weiterhelfen kann, und sei es auch nur mit Klatsch und Tratsch über deine neue Schule, kannst du dich gern an mich wenden.«
Das hatte sie sich gut vorstellen können. Gewiss hatte Lukas eine durchaus amüsante Art, Informationen preiszugeben.
»Ich bin mir sicher, dass du schon über das Sportcamp informiert bist. Falls wir uns bis dahin nicht mehr über den Weg laufen sollten, werde ich dir spätestens da auf die Nerven gehen«, hatte er sie geneckt.
Sie hatte an diesem Tag nicht mehr herausbekommen, was genau er damit gemeint hatte, denn in dieser Sekunde hatte der erste Gong des neuen Halbjahrs sie auseinandergebracht.


Während sie so in Gedanken verloren war, merkte sie erst gar nicht, wie Marc aufmerksam ihre Mimik studierte. Als müsste der sich nicht auf den Verkehr konzentrieren. Allerdings musste er das zum Leidwesen aller PKW-Insassen um sie herum in der Tat nicht. Der Stau existierte genauso, wie er es vor etlichen Minuten auch schon getan hatte. Sie waren nicht einen Meter vorangekommen. Müde legte sie den Kopf an Marcs Schulter, ohne seinen Blick vorher zu erwidern. Sie spürte, wie er angestrengt atmete und roch neben dem für ihren Freund typischen Davidoff Cool Water Parfüm noch etwas anderes - etwas, das die holzige Herznote des aromatischen Dufts zwar nicht vollkommen verdrängte, sie aber dennoch mit einer säuerlichen Süße, die Adriane nicht näher definieren konnte, unangenehm überlagerte.
Angst.
Noch nie zuvor hatte sie Angst einen Geruch zuordnen können, doch nun war Adriane sich absolut sicher. Sie roch seine Angst. Das irritierte sie. »Was ist los?« Wovor fürchtete er sich?
Marc antwortete nicht, sondern trat vorsichtig aufs Gaspedal, um Maximus die Lücke, die sich soeben vor ihnen gebildet hatte, aufschließen zu lassen. Dann räusperte er sich. »Ich bin mir bei dir nie wirklich sicher, woran ich bin, Adriane. Du zerstörst mich irgendwann noch ganz.«
Sie strengte sich an, ihren ganzen Charme auf Marc wirken zu lassen. Lächelnd berührte sie seine Hand, die auf der Mittelkonsole lag. »Was im Leben ist schon sicher?«, fragte sie theatralisch. Und wartete darauf, dass er damit aufhörte, auf den Anhänger vor ihnen zu stieren. Sie wollte jetzt nicht nach den Lösungen ihrer zahlreichen Probleme suchen. Stattdessen schloss Adriane die Augen und lehnte sich zurück. Diese Fahrt dauerte inzwischen selbst für sie zu lange. Sie wollte nur noch eins: Wieder aussteigen und sich die Beine vertreten. Gehen.
Exakt in diesem Moment kam wie durch ein Wunder Bewegung in die Blechkarawane. Die PKW-Masse schob sich um einige Reifenumdrehungen nach vorne, bevor einer nach dem anderen wieder stoppen musste. Etwa zehn Meter vor ihrem Mercedes hielt ein Lastwagen mit Baumstämmen von beachtlicher Länge auf der Ladefläche tuckernd an. Auch direkt neben ihnen kam ein LKW einer Großhandelskette zum Stillstand. Der Dunst der Abgase schien sich mit dem fallenden Schnee zu einem weißen Nebel zu verbinden. Einige wenige Fahrer verliehen ihrem Unmut über die verlorene Lebenszeit mit lautem Hupen Ausdruck, doch der Großteil der Reisenden war inzwischen klug genug gewesen, den Motor auszustellen. Adriane fürchtete inzwischen, der Stau würde sich nie auflösen.
Nach weiteren zehn Minuten war Besserung in Sicht. Nun sah sie die Ursache für den Stau, die Unfallstelle. Ein zerschmetterter PKW lag quer über der zerstörten Leitplanke. Der rote Lack splitterte ab. Die Windschutzscheibe existierte nicht mehr. Auch die Motorhaube war in Mitleidenschaft gezogen worden. Bei genauerem Hinsehen kamen Adriane die kläglichen Reste des Fahrzeugs, das einmal ein VW Golf gewesen sein musste, seltsam bekannt vor. Das Nummernschild war zwar verbogen, doch die weiterhin erkennbaren Ortskürzel glichen denen ihres eigenen Kennzeichens.
Das konnte nicht wahr sein.
Von den Insassen keine Spur.
Trotzdem, der Verdacht, das Auto von irgendwo her zu kennen, erhärtete sich. Obwohl ihr Freund, erkennbar froh darüber, das Ende des Staus erreicht zu haben, schnell an der Unfallstelle vorbeifuhr, konnte Adriane wenige wichtige Details erkennen. Neben dem Fahrzeug mit dem offensichtlichen Totalschaden lag ein kleiner braun-weißer Stoffhund.
Sie musste sich zusammenreißen, um sich nicht zu übergeben. Sie schmeckte die bittere Galle bereits. Sie hatte ihrem Patenkind so einen Stoffhund zum allerersten Geburtstag geschenkt.
Nina.
Adrianes Herzschlag raste. Ihr Körper reagierte mit erneuten Fieberschüben auf die schockierende Erkenntnis. Das durfte nicht wahr sein. Der zerstörte Golf gehörte Lukas und seiner Frau. Wie oft hatte Sabrina sie mit dem roten Kleinwagen zum Yoga abgeholt? Im Vorbeifahren konnte sie die kläglichen Überreste eines Kindersitzes ausmachen. Sie wagte es kaum, weiter zu atmen.
Die Geister dieses Unfalls durchdrangen die geschlossenen Türen des schwarzen Mercedes, umfassten sie und begleiteten sie für den Rest der Strecke.
Adriane brachte eine Weile lang keinen Ton über die Lippen. Sie beschloss, diese schreckliche Vermutung vorerst für sich zu behalten. Auch Marc verlor kein Wort und so schwiegen sie beide für einige Kilometer.

* * *

»Das war Lukas‘ Auto.«
Adrianes Worte rissen ihn aus seiner Routine. Unsicher sah Marc zu ihr hinüber. »Welches? Das Unfallfahrzeug?«, hakte er ungläubig nach. »Um Himmels willen! Meinst du das ernst? Bist du dir sicher, dass du dich nicht geirrt hast?« Abrupt bremste er ab und wechselte auf den rechten Fahrstreifen. Dort drosselte er das Tempo weiter. Als sie mit kaum mehr als 80 Sachen unterwegs waren, sah er ihr direkt in die glasigen Augen. Adriane hatte keinen Witz gemacht. »Hoffentlich ist ihm nichts passiert!«
Seine Freundin schien einen Augenblick lang zu überlegen, ehe sie erschrocken antwortete: »Vielleicht war er selbst gar nicht drinnen, sondern seine Frau war mit den Kindern im Wagen.«

* * *

Sie hatte doch eben erst mit ihm telefoniert. Lukas war gesund und unversehrt und am Leben gewesen. Er konnte mit seinem Wagen gar nicht erst am Unfall beteiligt sein. Sie beschloss, sich an diesen letzten Fetzen Hoffnung zu klammern. Noch drang die Angst um ihren besten Freund nicht wirklich zu ihr durch. Adriane fühlte nichts, sondern erfasste das Gesehene vollkommen rational.
Prekärer Weise war es nach zu vor nicht auszuschließen, dass es in der Tat Sabrina gewesen wäre, die mit den Kindern einen Ausflug geplant hätte. Doch warum ausgerechnet an diesem Wochenende? Wieso hier? Wohin wollten sie? Wusste Lukas davon? Und wenn ja, warum hatte er ihr nicht erzählt, dass Sabrina ihnen womöglich auf die Schliche gekommen war? So kam Adriane nicht weiter. Sie beschloss, die Möglichkeiten, die ihr am unwahrscheinlichsten erschienen, auszuschließen und sich stattdessen mit einem anderen Gedanken abzulenken. Lukas hat bestimmt nicht in diesem VW gesessen, weil er zu diesem Zeitpunkt bereits in Würzburg sein musste. Die Fortbildung hatte um ein Uhr angefangen und würde noch die nächsten drei Tage andauern. Bestimmt hatte er seinen roten Golf heute Vormittag auf dem Parkplatz des Hotels Eulenspiegel abgestellt, in dem er bereits vorletzte Woche das Zimmer gebucht hatte. Es wäre nicht das erste Mal, dass Adriane und Lukas gemeinsam auf Dienstreise gewesen wären.
Roswitha Himbeer, ihre verehrte Chefin, verdonnerte ihre Untergebenen bestimmt zehnmal so oft wie vorgeschrieben dazu, sich in regelmäßigen Abständen zahlreichen Weiterbildungen in teilweise sehr kuriosen Themengebieten zu unterziehen. Die Direktorin des JKBE Internats war eine wahre Tyrannin, die sich einen Dreck um das Wohl des Kollegiums scherte. Solange genügend gut betuchte Eltern ihre verzogenen Sprösslinge zum neuen Schuljahr am Eichendorff-Gymnasium anmeldeten und die Kasse des Internats stimmte, war Frau Himbeer glücklich.
Für gewöhnlich bildeten Adriane und Lukas eine Fahrgemeinschaft, aber nach dem gestrigen Streit hatte Adriane beschlossen, heute früh alleine loszufahren. Nicht nur, um nach der Tagung noch gemeinsam mit ihrer Mutter bei ihren Großeltern in Ochsenfurt vorbeigucken zu können, sondern auch, um den Kopf frei zu kriegen und sich und Lukas eine Atempause zu gewähren.
Adriane war sich sicher, dass er gestern nur deswegen so gereizt gewesen war, weil Sabrina mal wieder entschieden hatte, ihrem Mann das Leben unnötig schwer zu machen. Heute Abend schon wäre Lukas und ihre Meinungsverschiedenheit vergessen gewesen und der Tag hätte so vielversprechend enden können.
Adriane hatte seit dem Losfahren auf den Moment hingefiebert, in dem Lukas und sie nach einem anstrengenden Abendessen mit den zahlreichen, mal mehr, mal weniger anregenden Kollegen und einer Flasche guten Weins nicht mehr ganz nüchtern durch den Hotelflur wanken würden. Er würde ihr die Tür aufhalten, ihr die Jacke abnehmen, die Zimmertür abschließen und sie würden ohne jegliche Hemmungen übereinander herfallen. Die kleine Auseinandersetzung vom Vortag würde ihr Verlangen nur zusätzlich anstacheln. Allein bei der Vorstellung wurde ihr abwechselnd heiß und kalt. Sie konnte nicht aufhören, darüber zu fantasieren, wie Lukas sie, sobald sie alleine waren, an sich zog, wie er sie gegen die Wand drückte und sie mit einer Leidenschaft küsste, die ihr den Atem raubte. Wie er sie Stück für Stück aus ihrer Kleidung pellte und dabei jeden Quadratzentimeter ihrer Haut zum Glühen brachte. Sie konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie ihre Lippen sich fanden und sie sich in seinen starken Armen verlor. Wie er sie hochhob und auf das frisch bezogene Hotelbett warf, wie sie sich nach ihm umdrehte, um ihn zu sich herunter zu ziehen. Sie wollte nur noch daran denken, wie sich ihre Fingernägel in seine muskulösen Schultern bohrten und seinen muskulösen Rücken mit ihren Spuren übersäten. Sie wollte ihn zeichnen, gerade deswegen, weil sie es nicht durfte. Er gehörte ihr nicht, doch er sollte sich an diese und die darauffolgenden Nächte erinnern, wenn er am Montagmorgen die Kratzspuren an seinem Rücken nach dem Duschen im Spiegel sah. Sie musste an seine blonden Haare denken, die ihm in die Stirn fielen und an seine Lippen und der Gedanke daran machte sie verrückt. Sie wollte diese Lippen berühren, jetzt sofort. Wollte mit den Fingern dieses markante Gesicht nachzeichnen und die Hände in diesen Locken vergraben. Wollte in diesen wunderschönen blaugrünen Augen versinken, während er jeder einzelnen Zelle ihres Körpers neues Leben einhauchte. Wollte seine Haut auf ihrer spüren und sich ihm vollkommen hingeben. Und dann würden sie nebeneinander liegen und einfach nur dem Herzschlag des anderen lauschen. Irgendwann würde er sie zärtlich küssen, sie in den Arm nehmen und sie würde den Kopf auf seine Brust legen und fühlen, wie dieser sich abwechselnd hob und senkte. Alles um sie herum würde unwichtig werden und nur sie beide würden in diesem Augenblick zählen.
Lukas würde ihr nie wehtun, das wusste sie. Bei ihm fühlte sie sich sicher, wirklich sicher. Er war derjenige, der es geschafft hatte, dass sie körperliche Nähe wieder zulassen konnte und nicht mehr vor jedem Schatten zurückschreckte. Seit ihre Affäre vor einem Jahr begonnen hatte, hatte sie wieder so etwas wie ein gesundes Selbstwertgefühl.
Und seit einem Jahr buchten sie, wenn sie mal wieder gleichzeitig eingeteilt worden waren, die Doppelzimmer nicht mehr aus rein pragmatischen Gründen, wie sie es all die Jahre davor getan hatten. Dennoch wussten weder Marc noch Sabrina von dieser Gewohnheit. Was passiert wäre, wenn ihre Partner das herausgefunden hätten, daran wollte sie gar nicht denken. Es war besser so, wie es jetzt war, da Marc ihr ja offensichtlich nachspioniert hatte.
Allerdings musste sie ihn jetzt dazu bringen, Lukas umgehend anzurufen. Sie musste es wissen. Um jeden Preis musste sie wissen, ob er und seine Familie in Sicherheit waren. Sie schob den Gedanken beiseite, dass Sabrina mit den Kindern im Wagen gesessen hatte. Was, wenn er sich, aus welchem Grund auch immer, nun auf dem Rückweg befunden hatte? Was, wenn er ... sie konnte den Gedanken nicht ertragen, Lukas zu verlieren. Alles erschien ihr trostlos ohne ihn. Sie hatte eine Riesenangst.
Nach wenigen Minuten erreichten sie eine Parkbucht und Marc fuhr tatsächlich rechts ran. Vielleicht hatten ihn seine Gedankengänge zu einem ähnlichen Ergebnis geführt.
»Ich versuche jetzt mal, Lukas anzurufen. Du bleibst bitte im Auto … es ist kalt draußen«, entschied er mehr, als sie darum zu bitten.
»Nein, Marc, ich …« Doch er hatte bereits die Tür zugeschlagen. Sich ihm zu widersetzen und trotzdem auszusteigen, hielt sie für eine schlechte Idee. Also blieb sie sitzen. Und kämpfte mit dieser schrecklichen Ungewissheit und mit ihren Tränen. Und ihrem schlechten Gewissen und den aufsteigenden Schuldgefühlen.
Im Inneren wusste sie, dass sie zumindest eine Mitschuld daran trug, wenn es Sabrina und die Kinder gewesen waren, die in dem Unfallauto gewesen waren. Sie klammerte sich an den eiskalten Hoffnungsschimmer, dass niemand der Familie Poder zu Schaden gekommen war, obwohl sie Sabrinas Impulsivität kannte. Ein schrecklicher Einfall erreichte Adrianes Bewusstsein. Was, wenn es kein Unfall war? Was, wenn Sabrina ... So sehr sie sich auch dafür verfluchte, sie konnte die Kreise, in denen ihre Gedanken gefangen waren, nicht durchbrechen. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, festzustellen, was genau passiert war. Was Adriane in diesem Moment noch logisch und eindeutig vorkam, dagegen konnte sie im nächsten Moment erhebliche Zweifel entwickeln. Es gab kein fehlendes Puzzlestück, das sie suchen musste. Wer konnte ihr wissen, ob sich Sabrina überhaupt in diesem Auto befunden hatte? Ob sie einen Verdacht gegen ihren Mann gehegt hatte? Ihm nachgefahren war, so wie Marc Adriane nachgefahren war? Bisher wusste absolut niemand von Adriane und Lukas. Selbst ihre Kollegen ahnten nichts von ihrer Beziehung. Noch nicht einmal Marina, die sich mit der Zeit nicht nur als gute Kollegin, sondern auch als echte Freundin erwiesen hatte. Adriane würde ihre Maske fallen lassen müssen. Ob Marina es jetzt schon ahnte, konnte sie nicht beurteilen.
Adriane schenkte den Menschen in ihrer Umgebung kaum Beachtung, sobald Lukas in der Nähe war. Wenn sie ihn sah, fühlte sie sich plötzlich wie sechzehn, wurde schrecklich nervös und fing an, wie ein Honigkuchenpferd vor sich hin zu grinsen. Sie flüchtete sich in ihre Fantasien und sah sich im nächsten Augenblick schon händchenhaltend mit Lukas durch die Würzburger Altstadt laufen.
Was für eine absurde Vorstellung, angesichts der momentanen Umstände das doch war...
Trotzdem vermisste sie ihn und wünschte sich, dass Marc bald zurückkam und ihr mitteilte, was er in Erfahrung gebracht hatte. Lukas und seine Familie mussten wohlauf sein, es durfte gar keine andere Möglichkeit geben.
Etwas an ihm hatte sie stets an Thomas, ihren besten, aber auch einzigen richtigen Kumpel aus der Schulzeit, erinnert. Im Gegensatz zu ihrem Kollegen war Thomas jedoch fast genauso alt wie Adriane. Mit Lukas konnte sie bedenkenlos über Gott und die Welt reden und sich gleichzeitig vor Lachen kugeln. In kürzester Zeit war er zu einem wirklich guten Freund geworden. Sie teilten so viele gemeinsame Erlebnisse.
Und genauso wie Lukas sie heute unterstützte, hatte Thomas es damals getan. Mit dem Unterschied, dass Thomas niemals Interesse an etwas anderem als ihrer Freundschaft gezeigt hatte. Ihr ehemaliger bester Freund war vielmehr ihr Beschützer gewesen, nicht einmal im Traum hätte er daran gedacht, sie zu küssen und ihre freundschaftliche Beziehung damit aufs Spiel zu setzen.
Hatten Lukas und sie zu viel riskiert?
Während Adrianes Blick an den einzelnen Schneeflocken hängen blieb, die gegen die Windschutzscheibe geweht wurden, kehrten ihre Erinnerungen zum ersten Schullandheimaufenthalt in den Alpen zurück.
Es war ihr erstes Jahr am Eichendorff-Internat, oder JKBE, wie die meisten Lindauer das Gymnasium nannten, gewesen. Gegen Schuljahresende waren sie und eine andere Lehrkraft mit den achten Klassen in die Berge gefahren.
Das war das Schöne an Schwaben, dachte sie. Sie waren nur einen Katzensprung von den Alpen entfernt. Sie hatte sich nie sonderlich fürs Ski-Fahren begeistern können, dennoch hatte sie rasch Gefallen an den ausgedehnten Spaziergängen durch die idyllische Berglandschaft gefunden.

In dieser Woche hatten die Schüler gelernt, dem Wort Wandertag eine gänzlich andere Bedeutung beizumessen, als unter Aufsicht kreuz und quer durch die heimischen Wälder und Wiesen zu streunen. Auch die Jugendlichen hatten sich in den Anblick dieses wunderschönen Panoramas verliebt. Es war gar nicht so schwer gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatte, die relativ geringe Anzahl der Schüler für einen längeren Zeitraum fast alleine zu beaufsichtigen. Allerdings hatte sie mit Lukas, der männliche Lehrkräfte zur Betreuung der Teenager dabei gewesen war, tatkräftige Unterstützung gehabt. Abends hatten sie mit ihren Schützlingen am Lagerfeuer gesessen und hatten Stockbrot und Marshmallows in den Flammen geröstet. Später hatten Lukas und sie zu zweit in der untergehenden Sonne auf dem Balkon der Berghütte gestanden und hatten vor lauter Nostalgie angefangen, über ihre eigene Schulzeit zu reden. Für den Rest der Woche hatten sie ein volles Programm gehabt. So war unter anderem der Besuch eines Heimatmuseums und eines Vogelparks geplant, außerdem hatten eine Kanufahrt auf einem der nahegelegenen Bergflüsse und eine ausgedehnte Wanderung in den Bergen auf der Tagesordnung gestanden.
Adriane dachte daran zurück, wie sich die Jugendlichen am Ende des dritten Tages mit Taschenlampe und Kompass auf Schnitzeljagd im Wald begeben hatten. Es hatte den ganzen Nachmittag gedauert, die Fährten zu legen. Das Strahlen und Funkeln in den Augen der glücklichen Gesichter, als die Schüler endlich den Schatz gefunden hatten, würde Adriane niemals vergessen. Wegen Momenten wie diesem hatte sie sich für diesen Beruf entschieden, so hart er auch manchmal sein mochte. Am Ende des Tages bekam man alles zurück.


Die fünf Tage waren wie im Flug vergangen und der Großteil der dreizehn- bis fünfzehnjährigen wollte am Ende der Woche gar nicht mehr zurück. Schweren Herzens waren sie und Lukas mit der Klasse am Freitagnachmittag in den Bus gestiegen und wieder Richtung Heimat gefahren. Unter dem Schlagwort „Die Alpenüberquerung“, hatten sie später im Lateinunterricht eine Art Eroberungsbericht über ihre Erlebnisse und die Landschaft geschrieben. Lukas, der mit geisteswissenschaftlichen Fächern wie der toten Sprache der alten Römer nicht allzu viel am Hut hatte, hatte es sich nichtsdestotrotz nicht nehmen lassen, einige der Arbeiten mit Korrektur zu lesen.
Eine Ewigkeit war das jetzt schon her.
In ihrem Kopf spielte sich eine Schallplatte ab, seit sie an dem Unfallort vorbei gefahren waren. Lukas konnte einfach nicht in den Unfall verwickelt sein. Adriane wollte den Teufel nicht an die Wand malen. Sie brauchte ihn. Im wahrsten Sinne des Wortes waren sie Freunde mit bestimmten Vorzügen geworden. Ob es echte Liebe war, sei dahingestellt, redete sie sich ein. Jedenfalls, und da war Adriane sich sicher, brauchte sie ihren besten Freund. Als Gegenpol zu Marc. So oft schon hatte ihr unberechenbarer Partner ihr körperlich wehgetan und sie damit auch emotional verletzt. Bei Lukas dagegen heilten ihre Wunden und sie blühte auf wie eine Wüstenrose, auf die man in der staubtrockenen Sahara wenige Tropfen Wasser tröpfelte.

Die Sorge um Lukas umklammerte sie mit eiskaltem Griff.
Sie fröstelte und schimpfte, weil sie sich wieder verrenken müsste, um an die Decke auf dem Rücksitz zu kommen. Nervös tastete sie sich an der Schublade unter dem Airbag entlang, um den Druckknopf zum Öffnen zu finden. Sie kramte einige Taschentücher hervor und machte sich daran, die schwarzen Spuren auf ihrem ganzen Gesicht zu vernichten. Ihre Haut brannte und ihre Augen tränten. Die Umgebung vor ihr wurde unscharf. Deshalb bemerkte sie zuerst auch nicht, dass Marc vor der Beifahrertür stand, diese öffnete und sie ohne jeglichen Widerstand ihrerseits vom Sitz hochzog.
Er nahm ihr die Packung Taschentücher ab, holte eines heraus und tupfte ihr vorsichtig die Tränen und die Schminkreste aus dem Gesicht. Das schmutzige Papiertuch steckte er in seine Jackentasche, dann hakte er sie unter und gemeinsam gingen sie einige Meter bis zur grünen Holzbank.
Adrianes Knie waren weicher als der taufrische Schnee. Sie musste aufpassen, um nicht zu stolpern und zu fallen. Ihre Gedanken kreisten nur um ihn.
Lukas. Lukas. Lukas. Hämmerte es in ihrem Kopf.
Im selben Rhythmus schlug ihr Herz. Poch. Poch. Poch.
Es wurde immer schneller. Sie spürte, wie Marc, der das Tuch inzwischen im Mülleimer versenkt hatte, sie beobachtete.
Er setzte sich neben sie. »Ich habe gerade versucht, Lukas anzurufen.«
Ihre Hand griff nach seiner.
»Zuerst ist er nicht drangegangen, …«
Adrianes Finger verkrampften sich. Die Spitzen ihrer sorgsam manikürten Nägel kratzte sich in die oberste Schicht seiner Haut.
»… doch beim dritten Versuch hat er endlich abgenommen.«
Was dachte Marc sich nur dabei, sie so hinzuhalten? »Bedeutet, er lebt!« Adriane war unendlich erleichtert. Nun sackte sie vollkommen in sich zusammen. Sie spürte, wie sich Marcs Arm um sie legte, um sie davon abzuhalten, im nächsten Moment von der Bank zu fallen.
»Ja, bei ihm ist alles in Ordnung. Zumindest ist er unverletzt und, wie ich hören konnte, gestresst, aber quicklebendig.«
Adriane atmete auf. Dann aber merkte sie, dass Marc noch nicht zu Ende gesprochen hatte.
»Die Rettungssanitäter haben ihn vor einer halben Stunde angerufen. Wahrscheinlich fährt er gleich los.« Er kratzte sich am Kinn. »Natürlich war er total irritiert, warum seine Frau auf dieser Strecke unterwegs gewesen ist, doch nach und nach hat er erzählt, dass er sich gut vorstellen könnte, dass Sabrina mit den Kindern zum Ferienbeginn zu deren Großeltern gefahren ist. Aber gewusst hat er davon nichts. Er hat es nur vermutet. Sie ist wohl nicht der Typ Frau, bei dem der Mann noch ein Mitspracherecht hat.« Marc bedachte sie mit der Andeutung eines schiefen Lächelns.
Adriane seufzte. Manchmal fehlte ihrem Freund jegliches Taktgefühl.
»Und jetzt sind sie auf dem Weg ins nächste Hospital.«
Das nächste Krankenhaus von diesem Abschnitt der A7 war das gut fünfzehn Kilometer entfernt Klinikum Crailsheim.
»Hoffentlich geht es Sabrina und den Kinder den Umständen entsprechend gut!«, erwiderte Adriane, während sie bedauernd das Gegenteil befürchtete. Um aus dem Autowrack, das sie eben gesehen hatte, lebend herauszukommen, hätte jeder der Insassen mehr als nur einen Schutzengel gebraucht.
Aber er war in Sicherheit! Lukas. Bei jedem Gedanken an ihn pochte ihr Herz schneller. Ein törichter Gedanke schlug seine Widerhaken in die Decke ihres Schädels: Was mochte geschehen, wenn seine Frau den Unfall nicht überleben sollte? Dieser Einfall war nicht mehr als eine flüchtige Eingebung, doch Adriane hasste sich dafür. Sie könnte Marc verlassen und ihre Heimlichtuerei hätte endlich ein Ende. Es schockierte sie. Wie konnte sie nur so egoistisch sein?
Doch der Gedanke blieb. Es gelang ihr nicht, ihn zu verscheuchen.
»Die Hoffnung stirbt zuletzt«, pflichtete Marc ihr bei. »Lukas war recht knapp angebunden. Er war kurz davor, loszufahren, ins Krankenhaus nehme ich an. Er hat sich vorher aber noch erkundigt, wie es dir geht. Und meinte, du verpasst sowieso nicht so viel. Lauter Pädagogen-Rollenspiele. Stuhlkreise und so… Die spielt ihr doch so gerne.«
Gutes Ablenkungsmanöver, Lukas, gratulierte sie ihrem Geliebten still und verdrehte die Augen. Seit seiner Kindheit hatte Marc ein äußerst verqueres Verhältnis zu Schulen und Lehrern und dass er nun mit einer Pädagogin sein Leben teilte, hatte daran nichts geändert. Noch immer konnte er es nicht lassen, seine zahlreichen Pauker-Witze bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Besten zu geben.
»Aber dafür bist du bei mir.« Marc sah sie an. Mit seinen dunklen, blauen Augen.
Adriane legte den Kopf in den Nacken, lehnte sich zurück und rückte etwas näher an Marc heran. Sie suchte Trost bei ihm, oder, da sie den nie bei ihm finden würde, zumindest ein bisschen Geborgenheit.
»Wir müssen bald weiterfahren, sonst kommen wir heute gar nicht mehr daheim an, sondern müssen in irgendeinem Hotelzimmer übernachten«, meinte er und es klang wie eine Prophezeiung. Der Gedanke eines spontanen Tapetenwechsels reizte sie in der Tat. Ohne lange überlegen zu müssen, fand sie Gefallen an dieser Idee. Dadurch könnte alles einen ganz anderen Verlauf nehmen.
»Warum nicht«, flüsterte sie. Adriane hatte keinen Schimmer mehr, was sie wirklich wollte. Jedenfalls nicht auf lange Sicht. Im Moment wollte sie einfach nur so dasitzen und Marcs Wärme spüren, seinen Arm um ihre Schulter, den frischen Ozeanduft seines Parfüms in ihrer Nase, seinen Atem auf der Haut. Sein Blick auf ihrem Gesicht. Also blieb sie sitzen. Für einen kostbaren Moment war sie zur Ruhe gekommen. Ein Gefühl der Geborgenheit durchströmte sie und ließ selbst die Unfälle für einen wertvollen kurzen Augenblick verblassen. Hier an der Raststelle fanden sie ein kleines Plätzchen Frieden.

* * *

Marc schaltete das Navigationssystem ein und wollte tatsächlich nach einer nahegelegenen Übernachtungsgelegenheit suchen, doch noch während seine Finger die einzelnen Buchstaben eingaben, fiel ihm ein, dass er in der Eile heute früh lediglich seine zweite Geldbörse mitgenommen hatte, in der sich weder viel Geld noch EC-Karten oder Personalausweis befanden. Außerdem hatten sie nicht einmal Kleidung zum Wechseln dabei. Und da morgen Freitag war, musste er in aller Früh in die Praxis. Es dämmerte bereits. Aus dieser Idee, so verführerisch sie auch klingen mochte, würde also nichts werden.
Er entschied, dass eine kurze Verschnaufpause ausreichen müsste und ließ den Motor wieder an. Ein Blick auf sein Handy verriet ihm, dass es bereits kurz nach vier war. Vielleicht schafften sie es vor Einbruch der Dunkelheit von der A7 herunterzukommen. Und über die A 96 war es nur ein Katzensprung bis nach Hause. Diese Strecke würden sie heute auch noch hinter sich bringen. Mit den paar Scheinen, die sich in seinem Portmonee befanden, gelang es ihm gerade noch so, den GLE an der Tankstelle am hinteren Ende der Raststätte halbvoll zu tanken.
Als sie auf die Autobahn fuhren, war Adriane neben ihm kurz davor, wieder wegzudämmern. Hin und wieder zuckte sie, dann aber legte sie den Kopf auf die andere Seite und schlief friedlich weiter. Marc beschleunigte, betätigte den Blinker und wechselte auf die Überholspur. Er stellte den Tempomat auf hundertachtzig und der Asphalt unter Maximus rauschte nur so hinweg. Es hatte wieder angefangen zu schneien.

* * *

Sie blieben bis Memmingen auf der A7. Immer wieder stellte Adriane sich den zerschmetterten Wagen vor. Und wieder dachte ein Teil von ihr darüber nach, was wäre, wenn Sabrina den Unfall nicht überlebt hätte. Und sie hasste sich für diese abartigen Hirngespinste. Sie betete, dass Lukas ihre niederträchtigen Gedanken nicht erkannte, wenn sie sich gegenüberstanden. Adriane musste sobald wie möglich zu ihm.
»Alea iacta est«, wisperte Adriane lautlos. Sie war gespannt, wie die Würfel ihres Schicksals nun fallen würden.

* * *

Während er im Kreisverkehr abbog, bewegte Adriane neben ihm im Traum die Lippen. Zuerst hatte er befürchtet, sie würde gleich nochmal zu schreien anfangen. Doch dieser Traum, in dem sie sich da befand, schien kein Albtraum zu sein. Nach zahlreichen Kilometern auf der A 96 erreichten sie ihre Heimatstadt.
»Aufwachen Schatz, wir sind gleich da.«
Blinzelnd öffnete sie die Augen und rieb sich die verklumpten Überreste ihrer Mascara aus dem Gesicht. Müde und erschöpft sah sie aus. »Was, wir sind schon zuhause?« Sie guckte verwundert erst aus dem Fenster der Beifahrertür, danach schaute sie ihn unvermittelt an.
Marc nickte »Nicht ganz, aber kurz davor.«
Sie lächelte, lehnte den Kopf gegen seine Schulter und antwortete: »Mir egal, wo wir sind, von mir aus können wir auch im Wagen schlafen!« Und schon fielen ihr die Lider ein weiteres Mal zu.
Als sie endlich in die Nr. 16 im Paradiesweg erreichten, schienen am Himmel bereits die Sterne. Marc betätigte den elektronischen Toröffner, das Eisengitter vor der Hofeinfahrt schwang auf und Maximus‘ Reifen bewegten sich über das penibel verlegte Pflaster der Auffahrt. Etwa zwanzig Meter weiter hielt Marc direkt vor dem Hauseingang an und stieg aus. Vorsichtig öffnete er die Beifahrertür, nahm die schlafende Adriane wie ein kleines Kind auf den Arm und trug sie die im Mondlicht schimmernden Stufen hinauf zur elfenbeinfarbenen Eingangstür des im französischen Stil gehaltenen Anwesens.
Auch wenn sie nur eine Hand breit kleiner war als er mit seinen knappen Eins-fünfundsiebzig, war sie ein wahres Fliegengewicht. Oben angekommen, setzte er sie auf der ebenfalls hell lackierten Holzbank ab.
Während er in der Jacke nach dem Autoschlüssel kramte, an dem auch der silberne Haustürschlüssel mit der kunstvoll verzierten Raute befestigt war, wurde sie wach und richtete sich langsam auf der Bank auf. Nach zwei vergeblichen Versuchen traf er endlich das Schloss und drehte den Schlüsselbart darin um. Mit einem Klacken sprang die schwere Pforte auf. Im Haus selbst war es vollkommen dunkel. Marc nahm Adriane wieder auf und trug sie in das Gebäude. Im Eingangsbereich stand noch das große sandfarbene Sofa, über das er heute früh beinahe gestolpert wäre. Heute eigentlich hätten die Möbelpacker es nach oben in das neu eingerichtete Wohnzimmer seiner Mutter tragen sollen. Im Augenblick war er jedoch dankbar dafür, dass es noch im Gang stand. Erschöpft setzte er Adriane dort ab. Es gelang ihm gerade noch, die Haustür abzuschließen, bevor er schwankend vor Müdigkeit neben ihr auf die Sitzfläche sank.
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