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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
19
68.808
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26.01.2021 4.549
 
Kleine Schneeflocken tanzten verträumt vor der Scheibe hin und her. Die Straße war eine spiegelglatte weiße Fläche. Die Schneedecke über den Wiesen und den Baumkronen funkelte wie tausend kleine Diamanten im Licht der Sonne. Wie auch der pudrige Schnee über der Eisschicht. Darunter das blauschwarze Eiswasser.
Kalt.
Eisig.
Wasser.
Eiswasser.
Eiskaltes Eiswasser.
Der Mercedes am Grund des Sees.
Ihr Handy.
Marc.
Ihre Geheimnisse.
Seine SMS.
Pass auf dich auf!
Plötzlich war alles wieder da. Ihre Lungenflügel drohten zu zerplatzen. Ihr Körper fröstelte und sandte gleichsam Fieberschübe aus. Schüttelfrost packte sie. Die imaginäre Kälte kroch klirrend von ihren Fingerspitzen bis zu ihren Handgelenken, an denen ihr Puls immer schwächer schlug, hoch. In ihr regte sich noch einmal die panische Angst, zu sterben, bevor sie mit Marc gesprochen hatte. Sie fühlte noch einmal die atemraubende Anstrengung bei den vergeblichen, verzweifelten Versuchen, sich auf das Eis zu stemmen. Als ihre Hirngespinste ihr erneutes Versagen vorgaukelten, wurde sie abermals von der alles ausblendenden Erschöpfung ergriffen. Und von dieser Schwärze, die sie mit aller Kraft zu sich hinabziehen wollte.
Plötzlich gab es einen Knall. Die nachfolgende Erschütterung schleuderte sie zurück in den Sitz. Nach Atem ringend wachte sie auf. Ein entsetzter Schrei entwich ihrer Kehle.
Sie fuhren gerade auf der Landstraße durch ein Waldstück, vor ihnen schlingerte ein klappriger alter PKW den Weg entlang. Die kahlen Bäume flogen links und rechts an ihnen vorbei. Panisch machte Adriane sich von der Decke frei und ihre linke Hand versuchte, sich abzuschnallen. Unter Wasser ließ sich der Gurt schlecht öffnen. Ihre Hand zitterte, als sie den Knopf drücken wollte. Der Fahrer, der nur einhändig lenkte, legte seine freie Hand auf ihre und hielt sie davon ab, den Gurt zu lösen.
»Keine Sorge, Schatz, ich musste nur eben bremsen, sonst wäre ich dem Vollidioten vor uns aufgefahren. Der muss irgendwie abgerutscht sein. So wie der fährt, landet er ohnehin im nächsten Graben«, prophezeite Marc.
Sie atmete tief durch und guckte nach vorne.
Bei der nächsten Ausfahrt, an der ein Schotterweg in den Wald führte, bog er ab. Den Wagen parkte er einige Meter weiter unter verschneiten Bäumen. Sobald die Reifen stillstanden, stieg Marc aus, knallte die Tür zu, hastete um den GLE herum, hielt einen Moment inne und öffnete vorsichtig die Beifahrertür.
Adriane fiel praktisch aus dem Fahrzeug.
Er fing sie auf.
Es war so schrecklich kalt hier draußen.

* * *

Marc sah in ihr Gesicht. Wie von Sinnen öffnete und schloss Adriane die Augen, dann sah sie sich gehetzt um. Doch hier war nichts, wovor sie Angst haben musste. Erkannte sie das nicht?
Um sie daran zu hindern, noch einmal vor Panik loszuschreien, hielt er ihr die Hand vor den Mund und nahm sie in die Arme. Er musste sie irgendwie beruhigen. »Hey, Kleine! Ich bin doch da! Alles ist gut … hörst du … du bist in Sicherheit.« Er fühlte ihren Körper vor Kälte bibbern und beschloss, dass sie unter keinen Umständen länger an der kalten Luft bleiben durfte. »Komm, setz dich wieder rein, ins Warme. Du erfrierst mir sonst noch ...«
Heftig schüttelte sie den Kopf. »Ich halte es im Wagen nicht aus!«
»Ich bin ja bei dir, komm, setz dich wenigstens auf den Rücksitz ...«
»Ich kann nicht ... Es geht nicht ... ich ...«. Ihre Hände verkrallten sich am Kragen seiner Jacke.
Marc drückte sie fester an sich. Ihm wurde klar, dass sie hier eine vielleicht etwas länger andauernde Pause einlegen mussten. Zumindest, bis Adriane sich beruhigt hatte. Marc traute ihr durchaus zu, sich sonst aus dem fahrenden Auto zu stürzen, sollte sie von einer erneuten Panikattacke heimgesucht werden.
Er lockerte seine Umarmung und sah auf die Uhr. Es war viertel nach Eins. Sie hatten alle Zeit der Welt. Adriane reagierte intuitiv auf sein plötzliches Loslassen, indem sie ihre Arme um seinen Nacken legte und ihn noch enger zu sich heranzog.
Marc musste lächeln und gestand sich ein, dass er insgeheim jede Sekunde des Weges mit ihr zusammen genoss. Seine Hände legten sich um ihre schmale Taille. Er spürte, wie sie erleichtert ausatmete.
Endlich, auch wenn es zu ihrem Leidwesen war, konnte er ihr zeigen, dass er derjenige war, der sie beschützen würde, was immer auch geschah. Sie war so schwach, so hilfsbedürftig, auf ihn angewiesen.
»Lass uns wieder ins Auto steigen, Schatz!«, bestimmte Marc.
Eine kraftlose Kopfbewegung, die wohl Nein bedeuten sollte, war die Antwort.
Wie schwach Adriane auch sein mochte, sie ließ sich trotzdem nicht ohne zu Mucken von ihm herumkommandieren. Irgendwie beruhigte ihn das. Nicht, dass er es lieber hatte, wenn sie ihm ein Widerwort nach dem anderen gab, wie sie es auch sonst nur zu gern tat. Allerdings konnte er durch ihr eigenwilliges Verhalten sicher gehen, dass noch dieselbe Adriane vor ihm stand, die ihm heute früh den Lippenstiftabdruck auf dem Badspiegel hinterlassen hatte.
Als er sie, einen Arm um sie gelegt, doch zur hinteren Wagentür dirigierte, merkte er, dass er selbst langsam mit den Nerven am Ende war. Auch sein schrecklicher Durst und seine ausgetrocknete Kehle kamen seiner Konzentrationsfähigkeit nicht gerade zu Gute. Marc ließ Adriane los und während sie auf die Rückbank sank, holte Marc die Decke vom Beifahrersitz. Er beugte sich gerade über seine Freundin, um den weichen Stoff über ihr auszubreiten, da hörte er ihre gedämpfte Stimme neben sich.
»Ich kann das nicht... Marc, lass mich aussteigen!« Sie zitterte, wollte sich vom Sitz hochstemmen, doch er drückte sie mit sanfter Gewalt zurück auf das schwarze Leder.
»Du holst dir noch eine Lungenentzündung, wenn du jetzt an der kalten Luft bleibst! Das musst du doch einsehen, Adriane!«
Sie schloss die Augen, gab einen tiefen Stoßseufzer von sich und nickte apathisch.
Sowohl Erleichterung über ihre Einsichtigkeit als auch Unbehagen wegen des Kratzens in Marcs staubtrockener Kehle stellte sich bei ihm ein. »Du bleibst hier drinnen, ich hol nur schnell was zum Trinken aus dem Kofferraum, hast du mich verstanden?«, vergewisserte er sich und sah sie eindringlich an.
Adriane schlug die Augen auf und ließ ein weiteres teilnahmsloses Nicken vernehmen.
Als Marc um Maximus herumstiefelte, schien seine Liebste jedoch wieder einen klaren Kopf zu bekommen, denn sie drehte sich um und beobachtete jede seiner Bewegungen misstrauisch.
»Was hast du denn jetzt mit dem Wein vor?«, fragte sie ihn beinahe vorwurfsvoll, während sie ihn über die Lehne der Rückbank hinweg musterte. Ihre Augen funkelten.
Marc antwortete nicht, sondern kramte eine der alten Weinflaschen hervor, die Adrianes beste Freundin Marina mit selbstangebautem Johannisbeernektar befüllt hatte, und öffnete den Schraubverschluss. Er trank drei, vier Schluck, ohne abzusetzen. Der Saft rann ihm bittersüß die Kehle hinab. Fast brannte der Zucker auf der Zunge, so heftig war der klebrig-süße Nachgeschmack des Beerennektars. Er wischte sich den Mund ab und hielt ihr die dunkelgrüne Glasflasche hin.

* * *

Adriane hatte keinen blassen Schimmer, was sich darin befand, nahm jedoch an, dass es sich um den Restbestand des Weines handelte, den sie für die Feiertage gekauft hatte. Sie war mehr als sauer auf Marc.
»Was zum Teufel tust du da?«, wiederholte sie ihre Frage eine Spur energischer. Wie konnte er nur so verantwortungslos sein? Sie ignorierte sein Angebot. Obwohl es ihr unklug erschien, ihn auf diese Weise zu provozieren.
Nur zu genau wusste sie, wie schnell er unter Stress die Beherrschung verlor. Er hatte sie das nur zu oft spüren lassen. Außerdem konnte sie sich haargenau vorstellen, was jetzt passieren würde, wenn er zu ihr ins Auto stieg. Er war sich doch darüber im Klaren, wie sehr sie es hasste, wenn er seinem Lieblingsgenussmittel frönte. Und trotzdem tat er es und zeigte ihr damit, wie leicht er sich über ihre Wünsche hinwegsetzen konnte, wie gleichgültig ihm ihr Bedürfnis nach Verständnis und Sicherheit war.
Sie selbst trank so gut wie nie. Seit sie nicht mehr in unmittelbarer Nähe der malerischen Weinberge wohnte, konsumierte sie das edle Nass generell nur noch in Gesellschaft, also bei Feiern und Familientreffen. Und nicht mitten im zugeschneiten Wald!
Wenn sie nun schon gezwungen war, sich im Inneren eines Kraftfahrzeuges aufzuhalten, würde sie wirklich gerne so bald wie möglich weiterfahren.
Marc hatte den Verschluss mittlerweile zugedreht und setzte sich, die zu Dreiviertel gefüllte grüne Glasflasche noch immer in der Hand haltend, neben sie. Dabei stieß diese gegen die Kopfstütze des Fahrersitzes. Das helle Klirren ließ Adrianes Alarmglocken schrillen. Für einen Atemzug hatte sie die Szene auf dem zugefrorenen See abermals vor Augen. Ihre wegrutschende Tasche und das brechende Eis und der sinkende Wagen und das hereinstürmende Wasser. Die unterschiedlichen Sinneseindrücke strömten von allen Seiten auf sie ein. Würde das immer so weitergehen? Stand sie denn immer noch unter Schock? Als könnte sie ihre lästigen Halluzinationen durch diese einfache Geste abwimmeln, schlug sie die Hände vors Gesicht.
Marc jedoch lehnte sich in ihre Richtung und hielt ihre Handgelenke fest. »Ich fürchte, wir müssen eine Pause machen, bis ich ausgenüchtert bin«, feixte er augenzwinkernd.
Seine Stimme war so leise, dass sie das Gesagte kaum verstand. Allerdings erkannte sie jetzt Marinas selbstgefertigtes Etikett auf dem Behältnis. Auch wenn sich kein Tropfen Alkohol in der Flasche befand, schien Marc nicht dazu fähig zu sein, zu verstehen, dass sie gerade nicht zu Späßen aufgelegt war. Ganz im Gegenteil, im nächsten Moment erschien ein schelmisches Grinsen auf seinen Zügen. Adriane strafte ihn mit Nichtbeachtung. Auch das ignorierte Marc geflissentlich.
»Meine Kleine...«
Sie versuchte, ihre Hände loszubekommen. Sie wollte aussteigen und weglaufen oder sich auf den Fahrersitz setzen und weiterfahren. Dieser unangenehmen Situation entkommen.
Widerwillig gab Marc sie frei und fuhr sich durch sein dunkelbraunes, gegeltes Haar.
»Du Dummkopf, was machst du nur?«, wies sie ihn kopfschüttelnd zurecht und bemühte sich, ihm ohne zu blinzeln direkt in die kalten blauen Augen zu sehen. Lange hielt Adriane dem Blickduell nicht stand. Eine neue Welle der Panik erfasste sie und drohte, sie mit sich davon zu spülen. Es gelang ihr jedoch, die aufkeimende Angst durch bewusstes Ein- und Ausatmen niederzukämpfen. Allein sich darauf fokussieren zu müssen, kostete sie in ihrer derzeitigen Verfassung unendlich viel Kraft. Ihren Kopf in den Händen vergrabend, unterbreitete sie Marc einen wagemutigen Vorschlag: »Ich kann noch fahren ...«
Er lachte nur.
»... im Gegensatz zu dir …«
Ihr Freund rutschte zu ihr hinüber. »Das glaub ich weniger.« Seine Hände schoben sich unter die Decke und wanderten ihren Rücken hinauf. »Und ich will nicht…« Er massierte ihren Nacken. »… dass du in deinem Zustand fährst.« Er gab ihr einen behutsamen Kuss auf die Stirn. »Eine kahle Eiche …« Er griff in ihre Haare. »… und du kriegst Panik …« Sein Daumen streichelte ihr Kinn. »…und verreißt das Lenkrad. « Er sah sie einen Moment lang an, dann hauchte er einen Kuss auf ihre rissigen Lippen. »Nein Danke!«, betonte er seinen Standpunkt, dann küsste er sie erneut. Länger. Intensiver. Drängender. Fordernder.
Widerstrebend erwiderte Adriane den Kuss.
Als hätte er ihre Zweifel gespürt, löste er sich in der nächsten Sekunde von ihr. »Zwei Autos an einem Tag zu verlieren, kann ich mir nun doch nicht leisten.« Während er das sagte, lachte Marc und dieses überhebliche Lachen führte das letzte Argument ad absurdum und ließ Adriane wissen, dass er sich auch fünf zerstörte Autos hätte leisten können, wenn er gewollt hätte. Was er dagegen nicht wollte, war, dass sie fuhr.
Weil dieser Sturkopf niemals die Kontrolle abgab, dachte sie verärgert. Damit war ihr Vorschlag entkräftet. Zudem stand sie bestimmt noch unter dem Einfluss der Beruhigungsmittel. Vielleicht hatte der Arzt in ihrem Freund Recht und sie war wirklich noch nicht dazu in der Lage, ein Fahrzeug sicher zu führen.
Adriane dachte nach. Weiter hier hinten zu sitzen und seinen Avancen schutzlos ausgeliefert zu sein, kam für sie jedoch auch nicht in Frage. Auf einmal hatte sie eine Idee.
»Krieg ich dein Handy kurz? Ich muss mit jemandem aus meinem Seminar telefonieren – Dauert nicht lange «
»Mein Handy?«, überlegte Marc und durchsuchte seine Jackentaschen, jedoch erfolgslos.
»Heißt das, du hast dein Handy verloren?« Von der einen auf die andere Sekunde erreichte ihre Laune den absoluten Nullpunkt. Erneut bemächtigte sich die Panik ihres alles andere als stabilen Nervenkostüms. Was, wenn sie auf dem Weg liegen blieben? Wie sollten sie jemanden erreichen? Ohne Kommunikationsmittel im verschneiten Winterland Bayerns, das war die reinste Katastrophe! Wo waren sie hier eigentlich genau gelandet?
Plötzlich überkam sie ein stilles, diffuses Angstgefühl. Sie bemühte sich, es vor Marc zu verstecken. Angst bedeutete Schwäche. Und Schwäche befeuerte den Kessel, in dem Marcs Wut wohnte. Hastig glitten ihre Blicke an der dunklen ledernen Innenausstattung des GLEs auf und ab. Mit einem Mal wurde es im Wageninneren kälter. Marc, der sich nicht auf eine längere Pause eingestellt hatte, hatte die Standheizung selbstverständlich nicht angestellt. Maximus würde sich im Nu in einen Eiskasten verwandeln. Auf einmal fiel Adriane die Handyhalterung vor dem eingebauten Radio auf. Darin steckte doch tatsächlich Marcs Smartphone. Unendlich erleichtert nahm sie es an sich und kletterte von der Rückbank.
»Also bis gleich, …« Sie brachte das Wort „Schatz“ nicht über die Lippen. »Und fahr nicht ohne mich weg!«
Nach einem äußerst flüchtigen Kuss auf die Wange schlug sie die Autotür zu und lief, während sie den betreffenden Namen in der Kontaktliste suchte, ununterbrochen weiter. Es überraschte sie, dass sie seine Nummer nicht auswendig wusste.
Der trockene Schnee brach unter ihren Stiefeln auseinander. Der Weg, den sie eingeschlagen hatte, wurde bald durch tiefe Schuhabdrücke in der hohen Schneedecke gekennzeichnet. Nach etwa 100 Metern blieb sie stehen und hielt sich ein wenig atemlos das Handy ans Ohr.
Der nervtötende Warteschleifenton bohrte sich durch ihren Gehörgang und ihr Trommelfell bis in ihr Gehirn und verursachte reale, physische Schmerzen. Weil sie es nicht länger ertragen konnte, hielt sie das Mobiltelefon eine Weile auf Abstand und schon hatte das Piepen ein Ende.
»Hallo?« Eine verwirrte Männerstimme meldete sich. »Marc? Sag mal, wo ist …«
»Hey! Ich bin‘s«, unterbrach Adriane ihren Gesprächspartner. »Ich wollte dich vorher schon anrufen, aber das ging vom Krankenhaus aus schlecht …« Sie konnte deutlich wahrnehmen, wie die Erwähnung ihres Klinikaufenthalts seinen Atem schneller gehen ließ.
»Moment, sagtest du Krankenhaus? Was zur Hölle ist passiert?«
Sie holte weit aus und erzählte ihm alles haargenau. Keine Kleinigkeit ließ sie aus. Und durchlebte ein weiteres Mal im Geiste den Horrortrip. Saß ein weiteres Mal in ihrem C-Klasse-Modell. Und erneut musste sie dessen Schlittenfahrt hilflos mitansehen. Erinnerte sich ein weiteres Mal, wie der Flitzer durch die Büsche und auf die verschneite Eisfläche flog. Und das Eis, das ein qualvolles weiteres Mal unter seinen Hinterrädern wegbrach. Wieder meinte sie, das Rotieren der Räder zu spüren. Der plötzliche Stillstand des Automobils mitten auf dem See und der nachfolgende Ruck, als ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, schienen sich das zweite, dritte, vierte Mal wie ein Film vor ihr abzuspielen. Alles kam wieder hoch, so als würde das Wrack plötzlich ein weiteres Mal unter der Wasseroberfläche treiben. Adriane versuchte, das Erlebte besser zu bewältigen, indem sie ihrem Kollegen den gesamten Ablauf des Unfalls rekonstruierte, indem sie alles genauestens beschrieb und veranschaulichte. Ihr Kopf dröhnte. Sie glaubte, das erste Mal in ihrem Leben eine ernsthafte Migräne zu bekommen.
Er hörte ihr zu und unterbrach sie an den richtigen Stellen und stellte die richtigen Fragen. Er machte die richtigen Bemerkungen genau zur richtigen Zeit. Sie verspürte eine unendliche Dankbarkeit dafür, ihn in ihrem Leben zu haben. Alles, was er tat, war genau richtig. War es so? Was hielt sie denn noch bei Marc? Die Tatsache, dass ihr Kollege verheiratet war und in ihr vielleicht nur eine kleine Ablenkung suchte? Was hielt ihn noch bei seiner Frau? Okay, dachte sie, die Kinder. Seine Tochter und sein Sohn. Die zwei waren ein unschlagbares Argument. Warum hatte sie keine Kinder? Schnell verwarf sie solche Gedanken.
Ihre Schüler und der Posten der Vertrauenslehrerin vereinnahmten sie schon genug. Er hatte dieses Amt vor drei Jahren an sie verloren und sie verteidigte ihre Position seitdem unangefochten. Außerdem war sie die Patentante seines kleinen Mädchens und das war, so schön es auch sein mochte, manchmal ziemlich anstrengend. Vor allem, wenn deren Mutter wie so oft meinte, sich querstellen zu müssen.
Was Adriane im Moment ganz sicher nicht fehlte, war der Stress, eigene Kinder aufziehen zu müssen. Es war gewiss besser so, wie es war.
Ihr bester Freund mit gewissen Vorzügen, der selbst am Telefon bemerkte, dass sie nicht ganz anwesend war, hakte nach: »Hallo? Adriane? Bist du noch dran? Wie es dir jetzt geht, hab ich gefragt.« Es klang nicht wie ein Vorwurf, enthielt keine Zweideutigkeit.
Ihr wurde warm. Sie wollte daran glauben, dass sie ihm wirklich wichtig war.
Die eisige Luft und die fragilen, wenn auch beißend kalten weißen Schneeflocken konnten ihr nichts mehr anhaben.
»Jetzt? Geht so. Also körperliche Schmerzen habe ich nicht mehr, auch Folgebeschwerden sind nicht zu befürchten, wie der Arzt meinte und ich fühl mich auch überhaupt nicht mehr so erschlagen wie vorhin in der Klinik. Ich glaube eher, dass ich bald von Alpträumen verfolgt werde.« Sie redeten noch ein bisschen über dies und jenes, dann musste er auflegen.
»Pass auf dich auf, hörst du, Adriane?«
Wenigstens traute er ihr zu, auf sich selbst aufpassen zu können. Andererseits, was wäre passiert, wenn Marc nicht da gewesen wäre?
Sie war hin und her gerissen, als sie zum Auto zurücklief. War das mit ihrem Kollegen mehr als nur der Nervenkitzel des Entdecktwerdens? Was bedeutete er ihr? Wenn die Wahl zwischen ihm und Marc zur Debatte stände, könnte Adriane sich so einfach für einen der beiden entscheiden? Allerdings war ihr Geliebter verheiratet und so blieb ihr die Qual der Wahl erspart, also verdrängte sie all diese Fragen und stapfte missmutig über die harte Schneedecke, die seit Wochen auf dem Waldboden zu liegen schien.
Kurz, bevor sie ins Blickfeld des GLEs geriet, steckte Adriane das Handy ein, strich mit den Händen etwas Schnee von den Sträuchern und schaufelte sich die nasskalte, weiße Pracht mit beiden Händen ins Gesicht. Ihre Stirn glühte und ihre Schläfen pochten. Seit dem Telefonat hatte sie das Gefühl, nicht nur innerlich zu explodieren.
Nach der Kurve erkannte sie, wie Marc ausstieg. Sie zückte das Handy und wollte es ihm geben, doch er beachtete es nicht.
Seinen Gesichtsausdruck konnte Adriane nicht näher deuten. Er starrte sie einfach nur an.
»Sag mir doch einfach, was du willst!«, schmiss sie ihm die Wut, die in ihrem Inneren schon die ganze Zeit vor sich hin gebrodelt hatte, vor die Füße. Etwas an seiner Haltung reizte sie bis aufs Blut und das Telefonat mit ihrem schrecklich verständnisvollen Liebhaber hatte dieses Gefühl nur noch weiter angeheizt. »Was willst du von mir?«
Schweigend trat er auf sie zu.
Adriane wich ihm nicht aus. Seine Wärme schlug ihr wie ein Buschfeuer entgegen und fast hätte sie sich daran verbrannt.
Als er sie erreicht hatte, fasste er sie an den Schultern und sah ihr tief in die Augen. »Dich«, sagte er nur und hielt sie weiter fest, ohne den Blick von ihr abzuwenden. »Nur dich! Ist das denn zu viel verlangt?«
War das ein Ausdruck von Trauer, der sich da in seiner Miene spiegelte? Ihr stockte der Atem. Was hatte sie ihm denn getan?
»Natürlich nicht«, flüsterte sie. »Es tut mir leid.« Mit diesen Worten entzog Adriane sich ihm und kehrte zu ihrem Sitzplatz zurück. In der Schublade unter dem Airbag kramte sie so lange, bis sie eine Packung Taschentücher gefunden hatte. Sie rieb sich die Augen. Durch die Scheiben hindurch beobachtete sie, wie Marc im Schneetreiben auf und ab lief.
Ihr fiel ein, dass sie sein Smartphone noch in der Hosentasche hatte. Hastig nestelte sie es heraus und löschte ihr Anrufprotokoll von gerade eben. Nachdem der verdächtige Name verschwunden war, stieg sie aus und hielt ihm sein Mobiltelefon hin. Marc beäugte sie skeptisch, als er ihr das Handy abnahm. Dennoch steckte er es, ohne vorher die Anrufliste zu checken, in die Manteltasche.
»Danke, dass du es mir geliehen hast.« Sie versuchte ein Lächeln, doch sie war sich sicher, dass es misslang. Plötzlich ging ein Ruck durch Marcs Körper. Er lief an ihr vorbei zur anderen Seite des Wagens und riss die Fahrertür auf.
»Komm, wir fahren!«, rief er ihr aus dem Auto zu. Eilig stieg sie ein.

* * *

Marc dachte sich schon seinen Teil. Misstrauisch, wie die Erfahrungen ihn gemacht hatten, nahm er an, dass Adriane ihm das Handy aus voller Absicht vorenthalten hatte. Irgendetwas verheimlichte sie ihm. Schon wieder. Mal wieder.
Er konnte nicht so ganz einordnen, wie er sich fühlte. Es gab keine Unterscheidung der negativen Gefühle in seinem Inneren. Er war wütend, zornig und enttäuscht zugleich. Und traurig.
Schwerer als alles andere wog seine Trauer darüber, dass er die große Liebe seines Lebens allmählich verlor. Es geschah nicht von jetzt auf gleich, sondern war ein langsamer, schleichender Prozess. Eigentlich hatte er sich davon überzeugen wollen, dass er Adriane noch wichtig war. Dass sie ihn noch liebte und ihren süßen, aber leeren Worten auch Taten folgten. Doch langsam wuchsen seine Zweifel daran ins Unermessliche.
Marc ertrug es nicht, so lange zu leiden, in keinerlei Hinsicht. Wenn er sterben würde und entscheiden könnte, wie - er würde sich nicht für einen schleichenden, sanften Tod entscheiden, oder ein Hinscheiden, währenddessen er ewig leiden müsste, sondern vielmehr das schnelle, überraschende Ableben in Kauf nehmen. Selbst unter Umständen, die schmerzhafter waren, als Marc sich auszumalen vermochte. Während er so über das Ende des Lebens sinnierte, stieg Adriane wieder ins Auto.
Zu seiner Überraschung setzte seine Freundin sich jedoch nicht neben ihn, sondern auf den Platz hinter dem Fahrersitz. Ihr wunderschönes, wenngleich verletzlich und verwirrt wirkendes Gesicht konnte er nun nur noch im Rückspiegel betrachten. Allerdings genügte das, um vermuten zu können, was Adriane durch ihr hübsches Köpfchen ging.
Ihr sorgfältig geplantes Schachspiel mit den Figuren aus Milchglas war wie das Eis des Sees unter ihren Fingern zerbrochen und jetzt bemühte sie sich, die Scherben unter möglichst wenig Aufsehen zu beseitigen. Sie war nicht mehr die Drahtzieherin, die die Kontrolle über ihre Marionetten innehatte, sondern besaß lediglich Figuren mit zerschnittenen Schnüren, durch die niemand mehr über die Möglichkeit verfügte, die Puppen manipulieren zu können. Und das war offensichtlich das, was seine Freundin verwirrte.
Das Haar schien sie absichtlich so gelegt zu haben, dass es ihre Miene fast vollständig verdeckte. Als wollte sie nicht gesehen werden, unsichtbar werden, mit der Umgebung zu einem grauen dunstigen Schleier, der von den Augen anderer verschwamm, verschmelzen.
Marc ließ den Motor an. Mit einem Stottern erstarb das Ruckeln des Antriebs wieder. Maximus entwickelte allmählich eine Aversion gegen die kalten Außentemperaturen. Marc stöhnte genervt auf, ließ den GLE erneut an und wartete einen Augenblick, bevor er rückwärts aus dem Schotterweg auf die befestigte Straße fuhr.
Adriane schien sichtlich froh darüber, wieder unterwegs zu sein, denn nach kurzer Zeit begann sie wieder, mit ihm zu reden. Er erinnerte sich noch an die Frage, die sie gestellt hatte, kurz bevor sie Halt gemacht hatten. Und da stellte Adriane sie auch schon erneut.
»Warum ich dir gefolgt bin?« Das war nicht ihr Ernst. »Warum wohl …« Jetzt, da sie sich gerade wieder vertragen hatten, hatte es keinen Sinn, den nächsten Streit vom Zaun zu brechen. »Ich bin mit einem schlechten Gefühl aufgewacht. Ich konnte nicht zulassen, dass dir etwas passiert! Ich liebe dich, verdammt! Ich will dich nicht verlieren, kapierst du das denn nicht, Adriane?« Sie musste ihn doch verstehen. »Ich will und ich kann nicht ohne dich leben, mein Schatz.« Sie sah ihn vorwurfsvoll an. »Ich will dich wirklich nicht kontrollieren.« Er pausierte kurz, um sie zu Wort kommen zu lassen.
Doch auch sie schwieg.
Also redete er nach einer Weile weiter. »Und ich will mit dir sprechen, jeden Tag, über alles und jeden, Adriane. Merkst du nicht auch, wie wir uns verlieren?«
Sie schwieg weiter.
»Sag doch wenigstens etwas.« Er vermochte sich nicht zu erklären, was in ihr vorging, sondern redete sich um Kopf und Kragen. Ihm war zum Heulen zumute, doch er ignorierte seine Gefühle und gab stattdessen Gas. Maximus schoss an den anderen Autos vorbei. Fast ehrfürchtig wichen sie zur Seite, um ihm Platz zu machen.
Er liebte dieses Mädchen. Ja, jetzt gerade kam sie ihm vor wie ein kleines dickköpfiges Mädchen, das sich aus Trotz weigerte, mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren. War Adriane trotz ihrer jugendlichen Erscheinung, die zweifelsfrei ihrem nahezu makellosen Äußeren geschuldet war, mit ihren zweiunddreißig Jahren nicht doch ein bisschen zu alt dafür? »Schau mich wenigstens an!«
Ein verhaltenes Räuspern ertönte. »Wie denn, wenn du vor mir sitzt und nicht in den Rückspiegel guckst, Marc?«
Ihr gemeinsames Lachen befreite sie beide.
Sie hatte ihm den Wind aus den Segeln genommen und auch sie selbst schien sich beruhigt zu haben. »Ich weiß nicht …«, begann sie » ... es kommt mir immer so vor, als wolltest du irgendetwas über mich herausfinden. Dabei weißt du doch alles.«
Er ertappte sie dabei, wie sie sich die Realität zurechtlog, dass sich die Balken bogen. »Wirklich alles?«, stellte er die unausweichliche Gegenfrage. »Ich glaube kaum.«

* * *

Adriane ahnte, wohin diese Fragerei führen würde. Sie konnte seine Zweifel nicht ertragen, obwohl sie berechtigt waren, also hüllte sie sich wieder in den Schleier ihres Schweigens.

* * *

Marc vermutete inzwischen nicht nur, dass etwas im Busch war, er wusste es. So sicher, wie er seine Adresse oder seine Telefonnummer wusste, so sicher wusste er auch, dass Adriane zu lügen angefangen hätte, wenn sie mit ihm geredet hätte, anstatt vor sich hin zu schweigen, wie sie es weiterhin beharrlich tat.
Er gähnte und dachte, so müde wie er war, baute er bestimmt auch bald einen Unfall. Adriane machte ihn kaputt, laugte ihn aus, trank langsam seine Lebenskraft, bis nichts mehr davon übrig war. Sie war ein Ebenbild der Vampire in den Büchern und Filmen. Das Schlimmste jedoch war für ihn, dass sie, soweit er das aus seiner etwas konservativen Sicht zu beurteilen imstande war, über keinerlei Gewissen verfügte oder überhaupt irgendeine Art Moralvorstellungen an den Tag legte.
Sein Vater hätte sie sofort durchschaut, wenn er noch gelebt hätte, als er sie das erste Mal mit nach Hause gebracht hatte. Von ihm hatte Marc gelernt, misstrauisch zu sein. Und dass Liebe Härte brauchte. Nicht jeder Mensch war von Grund auf anständig. Das hatte sein Vater ihn gelehrt und dabei war er nicht zimperlich gewesen. Selbst jetzt noch dachte Marc an den imaginären Rat seines Vaters. Doch es half ihm nicht weiter.
Er hasste Adriane und liebte sie doch so sehr, dass jede Faser seines Herzens wehtat, wenn er sich ihre goldenen Augen ins Gedächtnis rief. Zu gern nur hätte er vernünftig reagiert und seinem Gehirn die Kontrolle überlassen, doch es funktionierte nicht. Das Herz war stärker als der Verstand und es war stärker als seine Wut. Er wollte sie anschreien, hätte nur zu gern nach ihr geschlagen. Nach ihr getreten, bis man ihn weggezerrt hätte. Doch in derselben Sekunde konnte er das nicht. Er wollte sie nicht verletzen, wie er es die unzähligen Male davor getan hatte. Er könnte nicht ertragen, wenn sie sich von ihm abwenden und ihn in seinem armseligen, beschaulichen, leeren Leben zurücklassen würde.
Es erschien ihm unerklärlich, wie man einen Menschen derart abgrundtief hassen und gleichermaßen abgöttisch lieben konnte. Er verwünschte sie und auch sich selbst. Die ganze Welt. Dennoch, er ließ sich nicht von seinen Launen hinreißen, nicht äußerlich. Und deswegen würde er nicht am nächsten Rasthof anhalten, sie nicht an die frische Luft setzten und nicht ohne sie weiter zu fahren. Dazu liebte er sie erstens viel zu sehr. Und zweitens war er viel zu pflichtbewusst, um sich zu solch einer folgeschweren Spontanreaktion hinreißen zu lassen. Wie sein Vater es ihm beigebracht hatte. Der eiskalte Chirurg, der seine väterliche Liebe niemals gezeigt hatte. Der Schmerz, den die Erinnerung an diesen emotional unerreichbaren Perfektionisten bei ihm hervorrief, ließ Marc unvermittelt zusammenzucken.
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