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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
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68.808
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24.01.2021 5.481
 
Der Winter war gleichzeitig alles und nichts. In der weißen Helligkeit des Nebels verschwamm die Grenze zwischen Himmel und Erde wie von selbst. Die Schneeflocken fielen lautlos auf die stillen, noch schlafenden Äcker und Wiesen. Die Sonne versteckte sich hinter den Wolken und das Blau des Himmels der vorherigen Tage hatte sich in ein dunkles, schmutziges Weiß verwandelt. Die herabtaumelnden Schneeflocken verschluckten alle Geräusche. Zwischen den Fichtenwäldern, die sich auf beiden Seiten der Landstraße befanden, taute das zarte Weiß bereits, bevor es den Boden überhaupt berührt hatte.
Die Welt um sie herum war in Watte getaucht. Und selbst die anfahrenden Kraftfahrzeuge verursachten nicht den üblichen Geräuschpegel. Es war eben einer dieser typischen eiskalten Wintertage, an denen die Kinder nicht einmal mehr einen Schneemann bauen wollten, weil die weiße Pracht ihnen einfach zu kalt war.

Schneematsch verspritzend setzte sich die kleine Karawane, bestehend aus einem Polizeiauto, einem Notarzt-, Feuerwehr-, sowie Krankenwagen und einem großen dunklen Jeep, in Bewegung. Sie fuhren nicht allzu schnell, wenngleich die Notsituation es erfordert hätte. Die Straßen waren glatt wie Eis und einen weiteren Unfall wollte niemand riskieren.
Die fragilen Eiskristalle fielen auf die Fahrzeuge, als hätten sie noch nie etwas anderes getan. Sie hinterließen wunderschöne weiße Muster auf den Motorhauben, bevor sie wegtauten und zu einem nassen Nichts zerschmolzen. Alles geschah unendlich langsam. Es war, als bestände die Welt nur aus Schwarz und Weiß, zahlreichen Grauabstufungen und dem grellen Neonorange der Rettungsfahrzeuge.
Unter dem grauen Himmel erreichten sie im Zeitlupentempo die nächste Stadt. Auch hier war alles farblos und gedämpft. Kein Leben in den Straßen. Nicht einmal vereinzelte Vögel flogen über die Dächer der Siedlung. Nach unendlich vielen Wendungen und Kreuzungen, engen Nebenstraßen und großen Alleen erreichten sie das parkartig angelegte Gelände des Krankenhauses. Während die Sanitätsfahrzeuge Richtung Notaufnahme abbogen, lenkte der Fahrer des Geländewagens sein Auto auf die nächstbeste Lücke des Besucherparkplatzes. Der SUV begann zu piepen, als er die angrenzenden Büsche beinahe touchierte. Abrupt kam er zum Stehen. Der Motor erstarb.

* * *

Nachdem Marc Zenker sich über die kunstvoll geschlängelten Fußgängerwege zum Eingang begeben hatte, hielt er in der Aufnahmestation nach Adriane Ausschau. Dort wurde er von einer der Krankenschwestern aufgegriffen und in einen nüchternen, in schlichtem Weiß gehaltenen Raum geführt.
Adriane lag mit geschlossenen Augen auf der Trage. Während zwei Rettungshelfer ihren leblosen Körper auf die Matratze eines der Krankenhausbetten hievten, nahm Marc auf einem der mit blauem Schaumstoff gepolsterten Metallstühlen Platz. Hier blieb er sitzen und wartete.
Die Uhr tickte und die Zeit verstrich. Ärzte kamen und gingen, Krankenpfleger fuhren das Bettgestell in die Untersuchungsräume und wieder zurück. Nach einiger Zeit wurde sie in ein eigenes Zimmer gebracht. Sie schlief noch immer.
Marc blieb nichts anderes übrig, als unruhig auf und ab zu schreiten, nachdem er ihr Aufnahmeformular ausgefüllt hatte. Eine der Schwesternhelferinnen bot ihm an, ihn anzurufen, sobald sie aufwache. Er beschloss, weiter neben seiner Freundin auszuharren und lehnte das Angebot dankend ab.
Was wäre wohl passiert, wenn er ihren neuen fahrbaren Untersatz nicht mit diesem Adapter versehen hätte und ihr nicht gefolgt wäre? Vielleicht wäre Adriane dann erfroren oder ertrunken, er wagte es sich gar nicht auszumalen. Manchmal zahlte sich sein ausgeprägtes Bedürfnis, alles und jeden kontrollieren zu wollen, eben doch aus.
Nicht, dass sie davon gewusst hätte. Denn wäre sie ihm auf die Schliche gekommen, hätte Adriane über kurz oder lang sicherlich einen Weg gefunden, das Teil zu entfernen, und wochenlang kein Wort mehr mit ihm gewechselt.

Nachdem Marc auf dem hölzernen Stuhl neben ihrem Bett Platz genommen hatte, lehnte er sich zurück, schloss die Augen und ließ die Ereignisse des frühen Morgens noch einmal Revue passieren.
Kurz nachdem Adriane heute Morgen das Haus verlassen hatte, war auch er aufgewacht. Zuerst hatte er sich gewundert, warum sie bereits so früh weg musste, doch als er aufgestanden war, hatte er sich an die anstehende Fortbildung erinnert, an der sie dieses Wochenende teilnehmen würde. Die Internatsleitung hatte Adriane für den heutigen Donnerstag, es war der letzte Schultag vor den Faschingsferien, freigestellt, um an einem Anti-Mobbing Seminar für Klassenleiter teilzunehmen. Es würde heute Mittag anfangen und ganze vier Tage dauern.
Es hatte ihn beunruhigt, dass Adriane erheblich früher als nötig aufzubrechen geplant hatte. Mithilfe der gecrackten Mercedes-me-App hätte Marc zwar ohnehin herausgefunden, wohin sie mit dem neuen Wagen fuhr, doch er hatte lieber eine persönliche Begründung von Adriane hören wollen. Auf seine Nachfrage hin hatte sie ihm erklärt, dass sie und ihre Mutter ihren Großeltern in Ochsenfurt noch einen Besuch abstatten wollten, bevor sie sich mit zahlreichen anderen Kollegen aus dem ganzen Freistaat über das brandaktuelle Thema Cybermobbing austauschen würde.
Marc, der die Mutter seiner Freundin, Anne-Simone Pfeiffer, soeben aus dem Krankenhaus anrief, um diese darüber zu informieren, dass Adriane aus Krankheitsgründen zuhause bleiben würde, hielt das Anti-Mobbing-Seminar für keinen schlechten Ansatz. Viel zu spät wurde diese mehr oder weniger auf die Schulen abfärbende Form des Mobbings endlich ernstgenommen und dementsprechend thematisiert.
Während er Anne-Simone erklärte, dass ihre Tochter nicht ernstlich krank war, sondern sich lediglich unwohl fühlte, kam Marc in den Sinn, dass die meisten Gemeinheiten außerhalb der Klassenzimmer hinter vorgehaltener Hand abliefen. Die Lehrer konnten zwar versuchen, ihre Schüler dafür zu sensibilisieren, doch damit war es noch längst nicht getan. Die Möglichkeiten der Pädagogen, tatsächlich einzuschreiten und etwas zu bewirken, waren beschränkt, während die Grausamkeit der Kinder untereinander keine Grenzen kannte. Das hatte Marc früh genug am eigenen Leib erfahren müssen.

Auf die Frage von Adrianes Mutter, ob denn wirklich alles in Ordnung sei, beschloss Marc, den Unfall außen vor zu lassen, um die Gefahr, in der Adriane geschwebt hatte, herunterzuspielen. Seine Freundin würde genug Stress mit der starrköpfigen Internatsleiterin bekommen. Eine überfürsorgliche Mutter war wirklich das Letzte, was Adriane jetzt brauchte, entschied Marc und beendete das kurze Telefonat.
Er betrachtete die sanften Züge ihres vollkommen entspannten Gesichts und stellte sich vor, wie sie eine strenge Miene aufsetzte und ihre Klasse ermahnte. Marc hatte noch nie nachvollziehen können, was Adriane daran reizte, tagein, tagaus das Schulhaus zu betreten, um Kindern und Jugendlichen den Stoff näherzubringen, den sie einmal bei ihrer Abiturprüfung brauchen würden. Niemals wäre es ihm gelungen, an jedem verdammten Werktag ein Schulgebäude aufzusuchen. Beim bloßen Gedanken an seine Schulzeit musste er den aufsteigenden Brechreiz unterdrücken.
Er riss sich von diesen hässlichen Geistern der Vergangenheit los und suchte Halt an Adrianes gespenstisch bleichem Gesicht. Sein Blick wanderte von ihrem dunklen Haaransatz über die gerade gezupften Augenbrauen zu ihrem zuckenden Wimpernkranz. Ihre Schminke hatte sich dank des unfreiwilligen Tauchgangs größtenteils verabschiedet.
Adriane wirkte so mädchenhaft, wie sie dort lag. Ihre hohen Wangenknochen, die fast schon zu klein geratene Nase und die breiten Lippen ließen sie jünger wirken, als sie tatsächlich war. Bestimmt wurde sie von manch älterem Kollegen noch immer für eine Oberstufenschülerin gehalten.
Marc hatte noch nie verstanden, was sie daran fand, sich die Probleme ihrer Schützlinge und zusätzliche Unmengen an Arbeit aufzubürden. Und die Zahl der ganzen zusätzlichen Ämter, die unterschiedlichen Bereiche, in denen sich die Lehrkräfte ehrenamtlich engagieren konnten, schien kein Ende nehmen zu wollen. Jedes Jahr kamen neue dazu. Und der Stress wuchs und wuchs mit jeder neuen Bildungsreform, mit jeder Neuerung im System und mit jedem Schuljahr und Adriane war immer seltener zu Hause.
Manchmal fragte er sich, ob sie nicht doch mehr Zeit im Joseph-Karl-Benedikt-von-Eichendorff-Internat verbrachte, als in ihrem Haus im Paradiesweg. Ja, sie hatte einen straffen Zeitplan und auch die zahlreichen Betreuungsschichten trugen ihren Teil dazu bei, dass Marc sie kaum noch sahen, doch nur weil sie auf der Arbeit war, hieß das noch lange nicht, dass sie ... Kopfschüttelnd schob Marc den Gedanken beiseite. Nein, Adriane würde das nicht tun. Ihr Beruf war nunmal kein Zuckerschlecken. Und das Internat, das Marc früher ebenfalls besucht hatte, war ein mitunter nervtötendes Umfeld. Für ihn wäre das kein Beruf. Ihn würden die unruhigen Kinder und die launischen Teenager um den Verstand bringen.
Da lobte er sich seine im Voraus eingeplante Anzahl an durchzuführenden Operationen. Nicht zu vergessen, die mehr oder minder starren Praxiszeiten. Und seine Mitarbeiter, die ihm fast jeden anfallenden Papierkram abnahmen und Marc den Rücken freihielten. Wenn er nachmittags die Tür abschloss, nahm er nur selten Arbeit mit nach Hause.

Die Klinik, er nannte sie spaßeshalber auch die Schönheitsfarm, hatte schon seinem Vater und davor seinem Großvater gehört. Inzwischen lief sie auf seine Mutter, eine angesehene plastische Rekonstruktionschirurgin, deren Großmutter eine der bekanntesten französischen Chirurginnen des frühen 20. Jahrhunderts gewesen war. Und natürlich auf ihn, Zenker Junior, den Sohn und Erben. Weder er noch seine Mutter konnten sich beklagen, denn die Farm lief ausgezeichnet. Alle wollten sie zu ihm, wollten sich von seinen magischen Händen verschönern lassen. Wer einen Termin bei Dr. Jacqueline Zenker, ehemals Champé, oder bei ihm, Dr. Marc Maximilian Zenker, haben wollte, musste sich ein gutes halbes Jahr vorher auf die Warteliste setzen lassen. Marc liebte seine Arbeit. Sie schenkte ihm Freiheit, gab ihm finanzielle Unabhängigkeit. Durch sie hatte er Ansehen erlangt.
Und er hatte genug Zeit, das zu tun, was er wollte.
Doch zu viel Zeit war nicht immer gut.
Zu viel Zeit konnte einen über Dinge nachdenken lassen, auf die man sonst nie im Leben gekommen wäre. Er konnte sich nicht erklären, was ihn bei der Idee geritten hatte, sich an seinem freien Tag in den GLE zu setzen und Adriane fast zweihundert Kilometer nachzufahren, diese dämliche Umleitung miteingerechnet. Er gab für gewöhnlich nichts auf sein Bauchgefühl, manch einer mochte es Intuition nennen. Wie auch immer, er jedenfalls hatte sich noch nie darum geschert.

Doch heute war es anders gewesen. Nachdem Marc mit diesem unguten Gefühl aufgestanden war, hatte der Morgen zuerst wie jeder seiner freien Donnerstage begonnen. Er hatte sich einen heißen Ingwertee gemacht und während dieser dabei gewesen war, abzukühlen, war Marc im Bad auf eine Nachricht von Adriane gestoßen.
Ein Lippenstiftabdruck auf dem noch angelaufenen Spiegel.
Marc war überrascht gewesen. So kitschig war sie doch sonst nicht. Darunter hatte sie mit derselben bronzenen Farbe Schönes Wochenende Schatz. Liebe dich! geschrieben.
Etwas Ähnliches hatte sie erst einmal getan und im Nachhinein hatte sich herausgestellt, dass sie am Tag zuvor aus Versehen sein Lieblingshemd in den falschen Wäschekorb gesteckt hatte. Das war noch ganz zu Anfang ihrer Beziehung gewesen.
Dennoch hatte Marc sich an dieses Ereignis erinnert gefühlt und war stutzig geworden. Diese Spiegelbotschaft, das passte ganz und gar nicht zu ihr, zu offensichtliche Liebesbekundungen waren wirklich nicht ihr Ding. Vielmehr liebte Adriane das Versteckte, Geheimnisvolle.
Vielleicht hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil ihr Beruf sie für ganze vier Tage von ihm trennte? Trotz seiner Bedenken hatte er sich kurz über die liebevolle Nachricht gefreut. Im nächsten Moment jedoch war sein Misstrauen erneut erwacht.
Adriane besaß genau einen dunklen Lippenstift und den benutze sie eigentlich nur, wenn sie abends ausgingen, weswegen er die Farbe scherzhaft Theaterzinnober getauft hatte. Die Vorstellung, dass sie einen solch auffälligen Farbton bei einem Lehrseminar auftrug, hatte Marc allerdings irritiert.
Normalerweise war seine Freundin pragmatisch veranlagt, legte nicht viel Wert darauf, stets mit der neusten Mode zu gehen oder sich jeden Tag stundenlang vor dem Spiegel aufzubrezeln. Sie hatte das auch gar nicht nötig. Auch wenn es den einen oder anderen Punkt gab, den er als fachlicher Profi an ihr verändert hätte, machte ihre Ausstrahlung diese Mäkel wieder wett.

Marc blickte zu ihr hinüber.
Sie lag da wie eine weggeworfene Puppe. Eine eingefrorene Wachsfigur.
Allein die feinen Lachfältchen um ihren Mund erinnerten ihn an unbeschwertere Zeiten.
Die zarte Narbe an der Unterseite ihres Kinnes an deren Ende.
Eine frische Schorfschicht hatte sich über eine Schnittwunde an ihrer rechten Augenbraue gebildet. Daneben schimmerte die Verfärbung eines älteren, bereits abgeklungenen Hämatoms durch die mit bläulichen Adern durchsetzte Haut hindurch.
Von diesen Verletzungen einmal abgesehen, war Adriane noch immer wunderschön.
Ihre äußere Erscheinung hatte Marc schon bei ihrer ersten Begegnung beeindruckt. Er hatte allen Ernstes angefangen zu rätseln, ob sie sich wohl bei einem Kollegen von ihm unters Messer gelegt hatte. Doch als er sie näher kennenlernte, erfuhr Marc, dass Adriane noch nie einen OP-Saal von innen gesehen hatte. Außerdem hielt sie nicht viel von der Schönheitschirurgie und hätte ihre Einzigartigkeit nie gegen ein makelloses Gesicht eingetauscht. Und er würde sie auch nicht dazu überreden. Selbst nach all den Jahren konnte Marc sich immer noch nicht an ihrem Anblick sattsehen.
Er betrachtete ihr wundervolles pechschwarzes Haar. Dachte daran, wie diese weichen Wellen ihr bei jeder Bewegung über die Schultern fielen. Wie es ihr, wenn sie es offen trug, regelmäßig in die Quere kam, weil es so lang war. Und an ihre leuchtenden, mal blau-, mal goldgrün schimmernden Augen. Marc war ihr auf den allerersten Blick hoffnungslos verfallen. Damals, als noch alles …

Er bemerkte, wie seine Gedanken abzuschweifen begannen. Langsam aber sicher fing sein Magen an zu knurren. Seine Augen streiften Adrianes Gesicht. Noch immer schlief sie ihren seligen tiefen Schlummer. Kurzerhand fasste Marc den Entschluss, schnell in die Cafeteria zu verschwinden, und sich einen Kaffee zum Wachbleiben und ein Stück Kuchen für seine angeschlagenen Nerven zu gönnen.
Als er an einem Tisch neben der großen Fensterfront Platz genommen hatte und sich über das Käsekuchenstück beugte, bemerkte er bei einem flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr, dass es schon fast Mittag war. Allmählich kam Leben in die Krankenhauskantine. Doch Marc beachtete die eintreffenden Leute nicht.
Er saß direkt an der Glasfront, die einen Panoramablick auf den Krankenhauspark mit all seinen Brunnen und Statuen zuließ. Selbst im Winter bot er einen malerischen Anblick. Er ließ seine Blicke schweifen. Gewundene Wege, verschneite Bänke, die mannshohe immergrüne Hecke um den Parkplatz.

* * *

Das Uhrenticken an der Wand war laut und unbarmherzig. Abwechselnd dazu drangen dann und wann einzelne Piep-Geräusche an ihr Ohr. Die Töne stiegen in die Luft, wirbelten dort herum, waberten wankend über die Wände des Zimmers und stürzten wie ein tosender Tornado von der Decke auf sie herab, um mit einer vehementen Kontinuität an ihrem Trommelfell zu zerren. Irgendwann hielt Adriane es nicht mehr aus und schlug die Augen auf. Augenblicklich wurden die Geräusche um sie herum leiser. Sie richtete sich vorsichtig auf und sah sich um. Sie war noch immer schrecklich benebelt. Sie war ganz allein.
Und schrecklich schläfrig. Erschöpfung machte sich in ihr breit und so sank sie in die Kissen zurück. Bevor sie wegdämmerte, erreichte sie in einer hintersten Windung ihres Gehirns die seltsame Vorahnung, dass sich mit diesem Vormittag alles verändern würde. Sie fühlte sich nicht nur hundemüde, sondern gleichzeitig auch wie neugeboren.

* * *

Eine halbe Stunde später saß Marc noch immer am selben Platz wie zuvor. Mittlerweile jedoch lag die aktuelle Ausgabe der Boulevardpresse neben dem leeren Teller und der Tasse mit den Kaffeeflecken.
Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die zahlreichen dort aufgelisteten Beautytipps, wie die teilweise fragwürdigen Produktempfehlungen und Lebensweisheiten in der Welt der Tratsch- und Klatsch-Zeitschriften bezeichnet wurden, auf den Prüfstand zu stellen. Diese Arbeitsmethode nutzte er auch jetzt zum Zeitvertreib.
Zuerst hatte er vorgehabt, so rasch wie möglich zu Adriane zurückzukehren, und den zuständigen Arzt nach ihrem Befinden auszuhorchen, doch nach reichlicher Überlegung hatte er sich eines Besseren besonnen und war vorsichtshalber hier geblieben. Irgendjemand würde ihm schon Bescheid sagen, sobald sie aufwachte. Und vielleicht war Adriane gar nicht auf ihn gefasst und wollte ihn gar nicht sehen. Mit einem Mal bekam Marc Gewissensbisse. Vielleicht hätte er ihr nicht nachfahren sollen? Andererseits, hätte er das nicht getan, vielleicht wäre sie jetzt gar nicht mehr unter den Lebenden? Der Gedanke daran bedeckte seine Stirn mit kaltem Schweiß.
Um sich von dieser Teufel-an-die-Wand-Malerei abzulenken, sah er nach draußen. Vor etwa einer Viertelstunde hatte es wieder angefangen zu schneien. Wenn Marc noch länger warten würde, müsste er vor dem Losfahren erst mal den Eiskratzer in die Hand nehmen, um die dunklen Scheiben von der gefrorenen Wasserschicht zu befreien.

* * *

Adriane konnte nicht wirklich behaupten, dass sie sich nun lebendiger fühlte, doch sie hatte keine Lust, auch nur eine Sekunde länger nichts tuend im Krankenbett zu liegen, und zu allem Ja und Amen zu sagen. Die Ärzte hätten sie zur Sicherheit noch mindestens 24 Stunden da behalten, aber sie entschied sich, das Krankenhaus auf eigene Verantwortung zu verlassen.
Mittlerweile waren ihre Sachen so weit getrocknet, dass sie tragbar waren. Adriane griff in die Jackentaschen ihres Daunenmantels. Ihre Finger stießen neben dem runden Metall einiger Geldmünzen auf das kühle Leder ihres Geldbeutels. Sie konnte von Glück sprechen, dass sie das Portmonee am Vortag dort verstaut hatte. So würden ihr wenigstens ein paar Probleme erspart bleiben. Gelobt sei die Schutzhülle der EC-Karte, dachte Adriane. Das bisschen Bargeld, das sie in Form von Scheinen in ihrer heißgeliebten Handtasche mitgenommen hatte, war mitsamt dem Neuwagen wie die Geiger auf der Titanic im Eiswasser untergegangen. Nun würde das Wrack des frisch fabrizierten Mercedes, genauso wie das fast schon antike, lederne Urlaubssouvenir aus Italien, für immer auf dem Grund des Sees liegen bleiben. Doch das alles schob Adriane in die hinterste Ecke ihres Kopfes.
Unschlüssig blieb sie auf dem Krankenhausflur stehen. Sie konnte doch nicht einfach ein sündhaft teures Taxi rufen und sich nach Hause kutschieren lassen? Die irrelevante Frage, ob Taxifahrer lediglich Bargeld annehmen durften, schwirrte ihr im Kopf herum. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal Taxi gefahren war. Außerdem war sie sich unsicher, ob ihr Freund erfahren hatte, was geschehen war. Hatte man ihn kontaktiert oder war er es gewesen, der den Notruf getätigt hatte? War er hier im Krankenhaus geblieben oder gleich nach dem Unfall abgehauen? Hatte er sie nun doch im Stich gelassen und sich dafür entschieden, alleine heimzufahren, damit sie nicht merkte, dass er ihr gefolgt war?
Nein, das wäre unlogisch.
Eine grundlegende weitere Frage, die eigentlich noch vor den anderen stand, war die, ob es wirklich Maximus gewesen war, den sie dort unter der Eiche stehen gesehen hatte. Der Schock, unter dem Adriane nach wie vor stand, beeinträchtige ihr Gedächtnis erheblich. Sie erinnerte sich kaum mehr an die Szenerie. Es war, als hätte sich ihr Unfall gestern oder vorgestern ereignet. Wenn es wirklich Marcs Auto gewesen war, musste sie, und das war die letzte und wichtigste Frage, um jeden Preis in Erfahrung bringen, warum er ihr nachgefahren war.
Jetzt jedoch machte es wenig Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie konnte nicht ewig hier herumstehen und warten. Schlussendlich überlegte sie nicht lange, sondern begab sich zum Haupteingang.

An der hauseigenen Telefonzelle angekommen, beförderte Adriane zwei Fünfzig-Cent Münzen aus den Tiefen ihrer Manteltasche ans Tageslicht. Nachdem ihre unruhigen Hände es endlich geschafft hatten, die Geldstücke in den dafür vorgesehenen Schlitz einzuwerfen, gab Adriane mit zittrigen Fingern die Nummer des hiesigen Personentransportunternehmens ein und orderte ein Taxi, das sie wenigstens zum Bahnhof bringen würde. Blieb zu hoffen, dass diese Typen sich auch mit EC-Karten zufrieden gaben.
Sie kam sich nackt und einsam vor, als sie ohne Tasche und ohne ihr Handy vor dem Eingang stand und wartete. Die gesamte Situation war seltsam. Wieso hatte sie nicht einfach Marc auf dem Handy oder zu Hause angerufen? Wieso tat sie nie die einfachen Dinge, sondern geriet im Gegenzug immer in Schwierigkeiten? Seine Nummer hätte sie doch noch gewusst … Adriane überlegte hin und her, dachte vor und zurück, doch Marcs Handynummer wollte ihr nicht einfallen.
»Das gibt’s doch nicht! «, fluchte sie mehr in Gedanken als tatsächlich, während sie weiter auf das Taxi wartete. Sie fragte sich, ob sie ihn wirklich angerufen hätte, wenn ihr die Nummer nicht entfallen wäre. Sie wusste es nicht.
Marc war so … Seit dem Unfall am frühen Morgen und der nicht enden wollenden Wartezeit danach war ihr einiges klarer geworden, was sie lang genug von sich weggeschoben hatte. Meistens war es ihr gelungen, sich dadurch, dass sie sich in die Arbeit stürzte, von den Tatsachen abzulenken, die geradezu offensichtlich waren. Doch hier im Krankenhaus war sie neben der atemberaubenden Stille nur der markerschütternden Lautstärke ihrer eigenen Gedanken ausgesetzt. Hier gab es keine Ablenkungen, keine Betreuungsschichtpläne, hier gab es keine Leistungsstandards, niemanden, um den sie sich kümmern musste.
Marc dachte bestimmt, es sei dieser Stress, der ihr zusetzte und sie unnahbar machte. Wie falsch er lag. Und wie schlecht er sie doch kannte.
Sie setzte sich dem Druck absichtlich aus. Um zu vergessen, um zu fliehen. Um nicht an das Unaussprechliche zu denken. Sich mit den einfachsten Dingen wie dem Korrigieren einer Arbeit zu beschäftigen, beruhigte sie. Hier wusste sie, was sie tat, hier wusste sie, dass sie nichts falsch machte. Ihre Arbeit war ihre Zuflucht. Ihre Kollegen waren das Netz, das sie auffing und ihr auf die Beine half.
Und ihr bester Freund, den sie vor fast sechs Jahren am JKBE-Internat kennengelernt hatte. Er war ihr Halt, wenn alle Seile zu reißen drohten. Bestimmt war er im Augenblick auf dem Weg zur Fortbildung. Sie sah sich nach einer Zeitanzeige um und entdeckte die große Wanduhr. Wahrscheinlich hatte er gerade mit den anderen den Tagungsraum betreten und wunderte sich, wo sie blieb. Adriane musste ihn anrufen. Ihm Bescheid geben. Doch sie hatte kein Kleingeld mehr. Das bedeutete jedoch auch, dass sie nun weder Marc noch ihre Mutter kontaktieren konnte, sondern ganz auf sich gestellt war und irgendwie nach Hause kommen musste. Mit einem unguten Bauchgefühl verließ sie den Eingangsbereich des Krankenhauses.
Da war ihr Taxi auch schon. Der Fahrer lenkte das eierschalenweiße Fahrzeug auf den ersten freien Besucherparkplatz und stieg aus. Bei näherem Hinsehen war es kein Fahrer, sondern eine Fahrerin, eine etwas stämmigere junge Frau mit schulterlangem blondem Haar, ein bisschen kleiner als Adriane selbst.
Langsam, als wären ihre Beine noch gefroren, setzte Adriane sich Richtung Taxi in Bewegung. Ihr Blick fiel auf die gegenüberliegende Glasfront, hinter der sich die Cafeteria befand. Der Zeiger der großen Parkuhr stand auf fünf vor zwölf, Mittagszeit. Darum war dort die Hölle los. Alle Patienten, die das Bett verlassen konnten, wollten ihr Mittagessen in Gesellschaft ihrer Familie einnehmen und einmal etwas anderes sehen als ihre traurigen, langweiligen Krankenhauszimmer. Dabei waren die Kammern in ihrem Teil des Flügels gar nicht so trist gewesen, wie man sich den Aufenthalt in der Klinik immer vorstellte. Stattdessen waren die Wände so bunt und geradezu zwanghaft fröhlich ausgestattet und die Räume mit allerlei Krimskrams dekoriert, dass sie vor Scheinheiligkeit nur so strotzten.

* * *

Da war Adriane! Am Eingang des Speisesaals. Zuerst hatte Marc seinen Augen nicht getraut. Hatte es nicht für möglich gehalten, dass die Ärzte sie schon entlassen hatten. Doch keinen Wimpernschlag später war er sich sicher gewesen. Er hatte sie gesehen. Einen Atemzug hatte er versucht, Blickkontakt herzustellen und sie so festzuhalten, doch sie hatte ihn nicht erkannt. Ihre Augen waren zwischen den Tischen des Saals hin und her geglitten, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Adriane hatte sich ohne erkennbaren Grund urplötzlich abgewandt und war in die entgegengesetzte Richtung aufgebrochen. Hatte allem Anschein nach das Krankenhaus verlassen und den Weg zum Parkplatz eingeschlagen.
Erst jetzt bemerkte er das Taxi, das direkt neben seinem Geländewagen vorgefahren war. Und er sah die junge Frau, die soeben ausgestiegen war und Adriane ansprach. Einen Moment lang amüsierte ihn das Bild. Die kleine, rundliche Blondine neben seiner Adriane. In der nächsten Sekunde war er jedoch auch schon aufgesprungen, hatte sich den Mantel übergeworfen und lief nach draußen. Die winterliche Außentemperatur war nur ein kleiner Schock, verglichen mit ihrem unerwarteten Anblick.
Er rannte aus dem Gebäude, betrat den Weg zu den Parkplätzen und war unendlich erleichtert, als er sah, dass die zwei noch nicht abgefahren waren. Adriane saß noch nicht einmal im Auto. Stattdessen führte sie eine lebhafte Diskussion mit der Fahrerin und bemerkte ihn gar nicht. Er unterdrückte ein Grinsen. Es war so typisch für sie, sich irgendwo festzuquatschen.
Wie es aussah, hatten die beiden sich geeinigt, denn Adriane wandte sich ab und ging zur Hintertür der fahlgelben Limousine. Als sie ihn sah, blieb sie wie erstarrt stehen.

* * *

Auf einmal stand er da. Sie bemerkte zuerst nur seinen Schatten, dann, wie sie zu zittern begann und ihr Puls in die Höhe schnellte. Sie konnte es nicht so ganz glauben und musterte den dort stehenden Mann von oben bis unten argwöhnisch. Sein dunkelbraunes Haar war, wie das ihres Freundes, sorgfältig nach hinten gegelt. Er trug Marcs schwarzen Wintermantel und dieselben neuen grauen Anzugschuhe, die sie erst gestern für ihn imprägniert hatte.
Er war es wirklich. Seit wann beobachtete er sie schon? In ihrem Magen stieg ein Übelkeitsgefühl auf. Wieso fühlte sie sich unter seinen Argusaugen so hundeelend? Adrenalingepanschtes Blut rauschte durch ihre Adern. Ihr wurde heiß und sie fühlte, wie ihre Wangen zu glühen begannen. Auf der Stelle erwischte es Adriane wie ein Fieberschub.
Ihre Blicke trafen sich und sie erschauderte. Kalte, eisblaue Augen starrten sie an. Sie konnte nicht sprechen und spürte doch das Beben in ihrem Kehlkopf. Die Worte, die Adriane auf der Zunge lagen, blieben hinter ihren geschlossenen Lippen gefangen. Das Blut in ihren Adern kam zum Stillstand, bis es gefror. Sie konnte einfach nichts sagen.. Konnte nichts tun. Konnte nur mit weit geöffneten Augen zurückstarren.
Sie war das Reh auf der Landstraße und sein funkelnder Blick war das Scheinwerferlicht, das sie in Schockstarre versetzte.
Sprachlos. Regungslos. Ohnmächtig.

* * *

Einander wie zwei Tiger im Käfig belauernd verweilten sie kurz. Wie so oft wünschte Marc sich, dieser Augenblick würde ewig andauern. Ihre Augen, ihre katzenartigen, goldgrünen Augen, waren der Grund, weshalb er sich in sie verliebt hatte. Ihre feurigen, leuchtenden Augen waren die Funken, die dieses Gefühl des Frisch-Verliebt-Seins bis heute mit jedem ihrer Blickwechsel wieder aufflammen ließen.
Sie konnte mit Blicken töten. Andere konnten sich an ihren Augen verbrennen. Oder zu Eis gefrieren. In dieser totalen Kälte. Unwillkürlich fröstelte es ihn, dennoch ging Marc einen Schritt schneller, um eher bei ihr zu sein.
Die Kälte war aus seinen Händen gewichen. Genau wie aus ihren Augen.
Die Blondine saß bereits am Steuer und wartete darauf, dass ihre Kundin einstieg. Adriane allerdings machte keine Anstalten, sich ins Auto zu setzen, sondern blieb, wo sie war. Kam ihm nach einigem Zögern sogar einige Schritte entgegen.
Marc gab seine Selbstbeherrschung Meter für Meter auf. Am liebsten wäre er gerannt. Diese Frau schaffte es, dass er butterweiche Knie bekam. Sie lächelte und schien ihm kein bisschen böse zu sein, obwohl er ihr hinterherspioniert hatte und ihr ohne ihr Wissen einfach nachgefahren war. Das musste diese verdammte Eifersucht gewesen sein. Diese schreckliche Angst, sie zu verlieren. Er musste das endlich in den Griff kriegen.
Er hatte Adriane erreicht, schloss sie in die Arme und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, in dem sich winzige zarte Schneeflocken verfangen hatten. Sie bildeten einen faszinierenden Kontrast zu ihrer nachtschwarzen Mähne. Schwarz wie Ebenholz, weiß wie Schnee. Ihre allem Anschein nach immer noch unterkühlten, geisterbleichen Hände krallten sich an seinem Mantel fest, als wollte sie ihn nie mehr loslassen.
»Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du da bist!« Ihre Stimme zitterte. »Weißt du, was mein letzter Gedanke war?«, fragte sie ihn bebend. »Das letzte, woran ich mich erinnern kann, das letzte, was ich gedacht habe, als das Eis … auf dem See … eingebrochen ist?«.
»Dass du …?« Beruhigend tätschelte er ihren Rücken.
»Dass ich, ahnst du es?«    
»Dass du dir mehr Zeit für uns nehmen musst. Für mich.«
Marc hatte das scherzhaft gesagt. Umso überraschter war er, als Adriane, während sie mit der linken Hand seine Wange berührte, lächelnd flüsterte: »Du wirst es nicht glauben, aber in dem Moment, in dem ich geglaubt habe, jetzt ist es aus und vorbei, jetzt ertrinkst du, da hab ich tatsächlich genau das gedacht.« Sie legte den Kopf an seine Brust und er vergaß für kurze, aber wertvolle Sekunden jeden Streit, den sie je wegen ihrer Arbeit gehabt hatten und weil immer alles dringender und wichtiger gewesen war als er.
Das Taxi war bereits abgefahren, als sie gemeinsam zu seinem Mercedes auf dem angrenzenden Parkplatz schlenderten. Marc hielt ihr die Tür auf. Sie stieg ein und er kramte eine Wolldecke aus dem Kofferraum, für den Fall, dass ihr kalt wurde oder sie doch noch ein bisschen schlafen wollte. »Leg dich lieber auf die Rückbank, falls du so müde bist, dass du gleich vom Beifahrersitz kippst und mich beim Fahren behinderst«, schlug Marc ihr vor, doch sie lehnte milde lächelnd ab und blieb neben ihm sitzen.
Nachdem er den Motor gestartet hatte und in Richtung Heimat losgefahren war, stellte er amüsiert fest, dass sie wohl wirklich eingeschlafen sein musste, denn ihr Kopf war zur Seite gefallen und ihre Augenlider waren geschlossen.

* * *

So nah hatte sie sich Marc in den letzten Monaten selten gefühlt. Seltsam, dass ausgerechnet ein Unfall sie näher zusammenrücken ließ. Vielleicht war es doch noch nicht zu spät, dachte sie hoffnungsvoll und gab sich und ihm noch eine Chance. Davor jedoch musste sie unbedingt klären, warum er ihr gefolgt war. Langsam öffnete sie die Augen und unterzog ihn einer gründlichen Musterung. Er musste ihren Blick gespürt haben, denn sofort schaute er zu ihr hinüber.
»Na, ausgeschlafen?«
»Nein, eigentlich nicht, ich wollte dich nur was fragen.«
Er beugte sich zu ihr rüber, bis sein Mund ihr Ohr streifte, dann flüsterte er: »Was immer du wissen willst, ich werde Rede und Antwort stehen.«
»Hey, konzentrier dich auf den Verkehr!«, unterbrach sie Marc, als er sie küssen wollte. »Ich hatte heute schon einen Unfall und einen Zweiten kann ich echt nicht gebrauchen.«

* * *

Gespielt beleidigt rückte er ein Stück von ihr ab.
»Falls es dir nicht aufgefallen ist, wir stehen vor einer roten Ampel. So, was wolltest du mich fragen?« In diesem Moment schalteten die Lichter auf Grün um, doch Marc wurde erst durch das lautstarke Hupen seines Hintermanns darauf aufmerksam. »Ist ja schon gut, wer wird denn wegen zwei Sekunden gleich am Rad drehen!« Mit diesen Worten trat er das Gaspedal durch.
Ruckartig schoss Maximus nach vorne und drückte sowohl ihn als auch seine Beifahrerin tiefer in den Sitz. Sie lenkte ihn schon wieder ab. Wie sollte er sich auf den Verkehr konzentrieren, wenn diese Frau mit diesen katzengrünen Augen neben ihm saß und er die Gelegenheit hatte, ihrem Blick solange standzuhalten, wie er es schaffte. In diesen Momenten war sie so, wie er sie kannte und wie er sie liebte.
Keine Geheimnisse oder Ausreden oder Ausflüchte trennten sie voneinander, hinter keiner aufgesetzten Maske versteckte sie sich. Endlich kam es ihm so vor, als löge Adriane nicht das Blaue vom Himmel herunter, sondern als gäbe sie ehrlich zu, dass sie ihn brauchte.
Das war das Schönste.
Tief in seinem Inneren schmolz etwas und wurde fast rührselig. Warum konnte es nicht immer so sein? Adrianes misstrauische Fragen brachten ihn aus dem Konzept.
Vorbei war es mit der Harmonie.

* * *

»Weshalb bist du mir gefolgt? Über hundert Kilometer!« Aufgebracht fuhr sie sich durch die Haare. »Ich versteh das nicht! Nur weil das meine erste längere Fahrt mit dem Wagen war? Nie traust du mir zu, irgendetwas alleine zu machen! Oder vertraust du mir etwa gar nicht mehr? Wobei bitteschön wolltest du mich erwischen?«
Marc öffnete den Mund, um zu antworten, doch kein Laut kam hervor.
Da wurde Adriane klar, dass er hinter ihr kleines Geheimnis gekommen sein musste. Aber wie? Sie hatte nichts getan, was sie hätte entlarven können. Wenn Marc es ohnehin wusste, wieso hatte er sie nicht schon früher zur Rede gestellt? Vielleicht war er sich seines Verdachts noch gar nicht sicher, sondern hatte lediglich eine Ahnung. Andererseits könnte auch Marcs Angst vor ihrer Antwort der Grund für sein Stillschweigen gewesen sein.
Bei einer direkten Konfrontation hätte sie nun natürlich einerseits die Möglichkeit, alle Vorwürfe vehement abzustreiten und zu hoffen, seine Zweifel so ein für alle Mal zu zerstreuen. Oder aber sie könnte Marc reumütig um Vergebung zu bitten, vielleicht wäre Ehrlichkeit die bessere Option. Einen Herzschlag lang war sie tatsächlich versucht, ihrem Gespräch einen anderen Verlauf zu geben, überlegte es sich jedoch im letzten Moment anders. Tief im Inneren wusste Adriane, dass ihr Freund ihr so etwas nie verzeihen würde, dafür war sein Stolz zu groß. Wenn Marc das überhaupt als Begründung für seine wahnwitzige Nachstellungsaktion anführte.

Ihre Blicke trafen sich. Er jedoch schwieg und sah sie an, als würde er das Bild eines Picassos oder eines Rodins betrachten. Oder sich an einer schönen Landschaft mit sanften, grünen Weiden in den Tälern erfreuen. An dunklen, von plätschernden Flüssen und Bächen durchzogenen Mischwäldern. Hohen, blauen Bergen unter einem kühlen, violetten Sonnenuntergang. Da war nichts Verlangendes, nichts Forderndes. Es verletzte sie. Kein Feuer in seinen dunklen, blauen Augen aus Polareis.
Sie sah aus dem Fenster auf den weißen Schnee, der sich ein Wettrennen mit Marcs Ausstrahlung zu liefern schien, und täuschte Erschöpfung vor. Tatsächlich fühlte sie sich, als würde sie gleich vom Schlaf übermannt werden. Sie wickelte sich in die karierte Decke und verbarg ihr Gesicht unter ein paar dicken Haarsträhnen, damit er ihre Tränen nicht sehen konnte. Marc verachtete nichts so sehr wie Schwäche und Menschen, die diese offen zeigten.
Sie wollte seine Antwort auf ihre Frage nicht mehr hören. Sie wollte nicht, dass er sie weinen sah. Sie wollte sich nicht rechtfertigen, keine Entschuldigungen suchen müssen. Eigentlich war sie tatsächlich müde.

***

Auf Spotify findet ihr übrigens auch die Eiskalte - Hoffnung Playlist mit all den Liedern aus den Kapitelüberschriften.
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