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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
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22.01.2021 3.841
 
Der See lag direkt an der Straße. Lediglich ein lichter Grünstreifen trennte ihn vom
Asphalt. Verschwommene schwarze Silhouetten einzelner Bäume erschufen aus dem buckligen Schleichweg eine geisterhafte Allee. Die Dämmerung der ersten Morgenstunden reichte noch längst nicht aus, um die kahlen Holzskelette deutlicher aus dem Dunkeln herausstechen zu lassen.

Die ausgeschilderte Umleitung führte durch Niemandsland, sie lag absolut abgelegen von jenen Straßen, auf denen der Verkehrsfluss schon in aller Herrgottsfrühe vom einsetzenden Berufsverkehr lahmgelegt wurde. Auf dieser Strecke jedoch war es unheimlich still. Vor allem jetzt, in der kalten Jahreszeit, da das frühmorgendliche Zwitschern der Vögel fehlte.
An diesem Wintermorgen schluckte der fallende Schnee alle Geräusche.

Und die Finsternis verschlang das helle Licht der nahenden Scheinwerfer.
Auf den ersten Blick war das Auto, mit dem sie unterwegs war, kein besonders auffälliges Modell. Ein Coupé von Mercedes, die neuste C-Klasse, weiß wie frischer Schnee. Abgesehen von den schwarzen Sportsitzen und dem Panoramadach ließen sich von außen keine besonderen Extravaganzen erkennen. Auf Deutschlands Landstraßen und Autobahnen fuhren tausende solcher Fahrzeuge tagein, tagaus von einem Ziel zum nächsten.
Ihr Ziel zu erreichen, würde etwas länger dauern, als ursprünglich geplant. Vor einer halben Stunde war der letzte Abschnitt der A7 Richtung Würzburg gesperrt worden. Anscheinend hatte es aufgrund der katastrophalen Witterung erneut einen größeren Unfall gegeben.
Um den Stau, der sich dort anbahnte, zu umgehen, hatte sie sich dazu entschlossen, die Autobahn weitläufig zu umfahren.

Und nun war sie hier.
Die bläulichen Scheinwerfer des Mercedes tasteten suchend die Umgebung ab. Durch den dichten Nebel verringerte sich die Sichtweite auf nur wenige Meter. Der Untergrund glich einer Schlittschuhbahn, so glatt war er.
Das Licht im Inneren des Gefährts war ausgeschaltet, ebenso das Radio. Mit Musik fiel es ihr schwer, beim Fahren konzentriert zu bleiben. Gewohnheitsgemäß passte sie ihren Fahrstil dem Rhythmus des Songs an, der gerade lief. Deshalb verzichtete sie auch heute früh auf die nervenaufreibende Beschallung, die auf allen Frequenzen mehr oder weniger dieselbe war.
Lediglich anhand der quäkenden, gequält munter klingenden Stimme des jeweiligen
Moderatoren ließen sich die Programme der einzelnen Sender unterscheiden. Auf die Ablenkung durch diese gekünstelte Gute-Laune-Macherei noch vor Sonnenaufgang konnte sie bestens verzichten, besonders auf dieser ihr völlig unbekannten Strecke.
Gewiss zählte der asphaltierte Trampelpfad, auf dem sie sich hier befand, zu den Dorfstraßen, die, ihrem Zustand nach zu urteilen, bereits dem ersten Weltkrieg getrotzt hatten. Bei denen einem ein ganzer Felsbrocken vom Herzen fiel, wenn man die nächste Ortschaft unversehrt erreicht hatte.

Das war jedoch nicht der einzige Grund, warum sie äußerst vorsichtig und ein gutes Stück langsamer als gewöhnlich in der bayerischen Winterlandschaft herumgurkte. Der Mercedes war erst seit wenigen Wochen in ihrem Besitz. Sie kannte seine speziellen Fahreigenheiten bei Weitem noch nicht so gut, wie sie es sich gewünscht hätte, um mit einem sichereren Gefühl bei diesen schrecklichen Straßenverhältnissen hinter dem Steuer sitzen zu können. Ihr Lebensgefährte Marc hatte ihr den sündhaft luxuriös ausgestatteten Neuwagen zu Weihnachten geschenkt.
»Extra für dich, Adriane! Damit du in Zukunft leichter einparken kannst, gibt’s endlich einen kleineren Flitzer für meinen Schatz! Einen, der sogar selbst fahren kann!«, hatte er gesagt, als er ihr Heiligabend mit einem lausbübischen Grinsen den Schlüssel in die Hand gedrückt hatte.
Diese Bemerkung hatte ihre Freude über das Geschenk erheblich gedämpft. Er traute ihr aber auch gar nichts zu. Und stets bildete er sich ein, er könne ihre Liebe erkaufen. Auch wenn Adriane nicht umhin kam, die Nützlichkeit eines solchen Präsents anzuerkennen.

Mittlerweile hatte sie sich halbwegs mit dem Wagen angefreundet. Die Fahrt zur
viertägigen Fortbildung in Würzburg war ihre erste längere Reise mit der C-Klasse. Allein die Aussicht auf ein ganzes Wochenende ohne ihren Freund ließ ihr Herz schneller schlagen.
Der Motor surrte behände, während sie Meter für Meter auf dem tiefgefrorenen,
spiegelglatten Boden zurücklegte.
Sie fühlte sich ungewohnt frei.
Selbst wenn aus dem Radio keine Musik ertönte, schwirrte in ihrem Kopf die Melodie von „Goodbye to you“ herum.
Es galt Marc.
Sie hatten sich nicht auseinander gelebt, nein, das war es nicht. Es war seine alles und jeden kontrollieren wollende Eifersucht, die ihr die Luft zum Atmen nahm. Und er begriff es nicht.
Marcs stures Unverständnis war der Grund dafür, dass Adriane sich in ihrer Beziehung mehr und mehr gefangen fühlte. Dass sie angefangen hatte, an ihrer gemeinsamen Zukunft zu zweifeln. Er konnte ihr noch so teure Geschenke machen, sie sehnte sich nach etwas, das er ihr nie im Leben geben konnte.
Bedauernd bemerkte Adriane, wie sein Kontrollzwang ihre Liebe langsam aber sicher sterben ließ und das machte ihr weitaus mehr Angst, als sie sich eingestehen wollte. Es war, als hätte Marc sie in einen goldenen Käfig gesperrt, dessen Schlüssel er seitdem wie seinen
Augapfel hütete, indem er ihn stets um den Hals trug.
In der Hoffnung, sich so schneller von diesen beunruhigenden Gedanken distanzieren zu können, trat Adriane auf das Gaspedal. Der Mercedes gehorchte brav und schoss einen Zacken zu schnell die kurvenreiche Strecke entlang.

Marc und Adriane.
Sie waren das Traumpaar schlechthin, zumindest in den Augen anderer.
Doch niemand sah den Teil des Eisbergs, der unter der Meeresoberfläche schlummerte. Der Teil, der schon 1912 für den Untergang des größten aller Luxusschiffe verantwortlich gewesen war, fand auch heute kaum Beachtung. Einen Blick hinter die Fassade zu werfen,
wagten die wenigsten. Erst wenn die Maske fiel, kam das wahre Gesicht der Menschen zum Vorschein, philosophierte Adriane vor sich hin, während ihre Hände damit beschäftigt waren, das Fahrzeug nicht von der Straße abkommen zu lassen.

Es war absurd: Marc und sie hatten mindestens so viele Unterschiede wie
Gemeinsamkeiten. Und trotzdem fürchtete Adriane sich vor jedem Augenblick, vor jedem
Schritt, der sie weiter auseinander führte. Vor jeder Meile, die sie trennte. Sie schien nichts dagegen tun zu können, dass der Strom seines Misstrauens die zwei Eisschollen, auf denen sie im Laufe der Zeit festgefroren waren, immer weiter auseinander driften ließ. Sie und Marc auf offener See. Sollte ihre Eisscholle jemals auftauen, würde Adriane mitsamt den bleischweren Gitterstäben, die sie umgaben, untergehen, ertrinken und erfrieren. Selbst Marc würde sie dann nicht mehr retten können.
Sie erinnerte sich kaum noch an den Klang seines Namens, so selten hatte sie ihn in letzter Zeit über die Lippen gebracht. Dabei passte er zu ihm wie die Faust aufs Auge. Marc, der Krieger. Nach dem römischen Marcitus. Und wenn diese Schlacht schon längst verloren war?
Jetzt, da ihre Gedanken erst einmal angefangen hatten, sich im Kreis zu drehen, saß sie im Kettenkarussell. Drehung für Drehung verlor sie sich mehr. Sank tiefer hinab in den Strudel der Verzweiflung und des Bereuens.
Auf einmal klingelte ein Handy.
Es war ihr Nachrichtenton.
In so einem Fall war ein selbstlenkendes Fahrzeug, das automatisch in der Spur blieb, gar nicht so unpraktisch, dachte Adriane und griff nach ihrem Smartphone, das auf dem Beifahrersitz lag. Schnell überflog sie die wenigen Worte, die oben in der Benachrichtigungszeile angezeigt wurden:

[Pass auf dich auf


Ruckartig stoppte das Karussell. Ohne eine Miene zu verziehen, schaltete sie das Telefon aus und verstaute es in ihrer Handtasche. Dann versuchte sie, sich auf den Weg zu konzentrieren und darauf Acht zu geben, nicht von der aalglatten Straße hinunter zu schlittern. Sie zwang sich, die Straßenmarkierung zu fokussieren. Es wollte ihr nicht gelingen. Der Weg verschwamm vor ihren Augen. Mit einem Mal bemerkte sie, wie etwas Nasses, Warmes ihre Wangen hinunterlief. Sie wischte die Tränen nicht weg. Auch die Erinnerungen an ihren Freund wegzuwischen, erschien ihr unmöglich.
Plötzlich tauchte unmittelbar vor der C-Klasse ein Baumstamm auf. Erschrocken fuhr Adriane aus ihren Tagträumen hoch. Sie riss das Lenkrad herum.
Versuchte zu bremsen. Vergebens.
Der Wagen schlitterte weiter auf der gefrorenen Straße. Keine zehn Meter vor ihr erblickte sie die rot-weißen Warnhinweise an der Straßenbegrenzung. An der Kurve angekommen, schaltete sie einen Gang herunter, trat mit den Zehenspitzen aufs Gaspedal und versuchte, in die entgegengesetzte Richtung zu lenken, doch der glatte Untergrund bot den Reifen keinen Halt.

Der Horrortrip begann.
Wie ein wildgewordenes Rennpferd beschleunigte die C-Klasse, die Hinterräder rotierten wie verrückt. Der Mercedes schoss nach vorne, rammte einen Leitpfosten und flog durch
blätterlose Sträucher und graue Büsche.
Aus Angst, die Äste würden ihr die Augen auskratzen, kniff Adriane diese solange
zusammen, bis sie das Gefühl hatte, das Schlimmste überstanden zu haben. Dann blickte sie geradewegs in ein Scherbenmeer. Sie selbst war unverletzt geblieben, ihren neuen Flitzer allerdings hatte es übel mitgenommen. Der PKW, noch immer in Bewegung, neigte sich nach unten und krachte die Böschung hinunter. Adriane nahm alles in Zeitlupe wahr. Unfähig, zu reagieren, unfähig, zu bremsen, unfähig, sich überhaupt zu bewegen.

Vor ihr lag der See.
Kalt, verschneit und zugefroren.
Diese Eisschicht würde nie und nimmer dem Gewicht der 1,4 Tonnen schweren Limousine standhalten. Adriane spürte die Abwärtsbewegung des Autos unter sich. Sie sah den See mit jeder Millisekunde näher kommen. Fühlte, wie die Reifen auf dem Eis auftrafen. Hörte ein platschendes Geräusch, als das, was von ihrem Fahrzeug übrig geblieben war, auf der Eisplatte aufkam.
Dort blieb der Wagen unvermittelt stehen. Vorsichtshalber nahm Adriane die Füße von den Pedalen. Ihre Hände zitterten, als sie sich den Schweiß von der Stirn wischte.
Mit einem Mal stoppte die Zeitlupe und alles spielte sich blitzschnell ab. So schnell, dass sie die Hälfte von dem, was da gerade passierte, gar nicht erfassen konnte.
Das Eis brach unter den Hinterrädern ein. Wasser strömte auf die Eisfläche. Sie war im Begriff, mitsamt dem fabrikneuen Schlitten unterzugehen. Ihr erster Gedanke war, sich aus dem sinkenden Autowrack auf die noch intakte Eisfläche zu flüchten. Instinktiv löste sie den
Gurt und beugte sich nach vorne, um ihre Tasche, die unter den Beifahrersitz gerutscht war, zu holen. Nachdem sie sich genug verrenkt hatte und deren Ledergriff beinahe zu fassen bekam, vernahm sie ein deutliches Knirschen und Knacken. Ein riesiger Sprung hatte sich im Eis gebildet. Sie warf einen Blick nach draußen.
Das Eis brach erneut. Starr vor Schreck ließ sie die Handtasche los. Die Eisfläche zerbarst in tausend Stücke und drohte, das Fahrzeug mitsamt Adriane und ihrem Hab und Gut in die Tiefe zu reißen. Die Scherben der zerstörten Fensterscheiben wurden von der eisigen Strömung hinfort gespült. Der Innenraum füllte sich mit Wasser.
Und mit Kälte.
Stück für Stück senkte sich das Gefährt nach hinten.
Dann, binnen Sekunden, befand sich das gesamte Auto unter Wasser. Die gefrorene
Oberfläche des Sees zersprang, dieses Mal in hunderttausend Bruchstücke. Kälte fuhr ihr unter die Haut. Ihre Lunge fühlte sich an, als wäre sie kurz davor, zu zerplatzen. Augenblicklich legte sich die eisige Temperatur wie eine Frostschicht um Adrianes Finger und Zehen. Sie versuchte verzweifelt, die Beifahrertür zu öffnen, konnte jedoch nicht genug
Kraft aufwenden, um sie aufzudrücken. Sie presste die Lippen zusammen. Sie konnte die unzähligen Risse in der Windschutzscheibe gerade noch so erkennen. Die Luft war nun ganz
dem Wasser gewichen.
Sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu … Sie konnte nicht schreien.
Sie konnte nichts tun. Überhaupt nichts.
Ihre Augen schmerzten. Verschwommen sah sie, wie die Helligkeit immer weiter von ihr weggetrieben wurde, der unerschütterlichen Finsternis Platz machte.
Während ihr Brustkorb brannte, erlitt ihr Herz einen Kälteschock. Der Schmerz wurde von Sekunde zu Sekunde stärker. Sie spürte noch, wie etwas, das sie im Moment nicht näherdefinieren konnte, von ihr abfiel.
Marc.
Dann schalteten sich ihre Gefühle und Gedanken vollkommen aus.

* * *

Das Signal war weg. Von einer Sekunde auf die andere hatte er sie verloren. Fassungslos starrte er auf die Stelle der digitalen Landkarte des Bordcomputers, an der vor wenigen Sekunden noch ein roter Punkt aufgeblinkt hatte.
Das Programm war doch so eingestellt worden, dass die automatische
Aufenthaltsüberwachung auf dem Display ihres neuen Wagens nicht angezeigt wurde! Er hielt es für höchst unwahrscheinlich, dass sie es trotzdem herausgefunden hatte. Darüber hinaus war es praktisch unmöglich, dass sie es eigenhändig geschafft hatte, das Geotagging auszuschalten. Denn was die moderne Technik betraf, hing seine Liebste noch immer bei den alten Römern fest. Er hatte ihr die hochmodernisierte C-Klasse nicht nur aus einer Gönnerlaune heraus geschenkt, sondern vor allem, um derjenige zu sein, der die Zügel in der
Hand hielt. Doch jetzt schien er die Kontrolle verloren zu haben. Und das sicher nicht durch ihr Zutun.
Irgendetwas musste passiert sein.
Beunruhigt zoomte er den Bereich, an dem die rote Blase plötzlich verschwunden war, näher heran. Sein Blick fiel auf das blaue Feld neben dem dünnen weißen Strich, der die Straße darstellen sollte. Sein Herz begann zu rasen.
Die Verbindung war abgerissen, weil die Stromzufuhr unterbrochen worden war.
Entsetzt trat er das Gaspedal durch.

* * *

Der Mercedes sank immer tiefer und schlug auf dem Grund des Sees auf. Durch die plötzliche Erschütterung gaben die Reste der Frontscheibe nach und lösten sich aus dem Rahmen.
Langsam trieben sie vom Gehäuse des Autowracks weg und schienen so Raum für noch mehr eiskaltes Wasser zu schaffen.
Einige Meter nur trennten Adriane von der Wärme, von der Sonne, von der Luft und von dem Sauerstoff, den ihre Lunge so gierig verlangte. Das Wrack der C-Klasse bewegte sich keinen Zentimeter, als Adriane sich panisch auf dem Sitz hin und her bewegte. Unsanft stieß sie gegen den Rückspiegel, bevor sie sich aus der Limousine befreien konnte, indem sie durch den Rahmen der Frontscheibe kletterte. Das blauschwarze Wasser umgab sie wie ein Gefängnis. Adriane machte sich weder um ihre Tasche, noch um Marcs großzügiges Geschenk Gedanken, sondern versuchte nur, möglichst schnell das Tageslicht zu erreichen.
Unzählige Luftbläschen stiegen auf und zeigten ihr den Weg nach oben. Inzwischen hatte sie jegliche Orientierung und jedes Zeitgefühl verloren. Die wenigen Sekunden unter Wasser fühlten sich wie Stunden an. Die vollkommene Stille trug jedes Geräusch davon.
Weit, weit weg.
In ihrem Kopf war nur ein Wort. Nur ein Name. Egal, ob er dort geduldet wurde oder nicht.
Und eine Melodie: „Goodbye to you.“ Diesmal war die Melodie eine andere und diesmal klang es melancholischer. Diesmal war es anders gemeint.

Wie lange konnte ein Mensch in dieser Eiseskälte überleben? Sie lechzte nach Luft, sehnte sich danach, gähnen zu können und genug Sauerstoff in ihren Blutkreislauf zu pumpen. Es war so banal. Das Natürlichste auf der Welt. Doch sie konnte es nicht.
Nach wenigen Metern, die sich wie Kilometer in die Länge gezogen hatten, erreichte Adriane die Oberfläche. Das Eis war nicht so kalt wie vermutet, dafür umso nasser und rutschiger. Sie versuchte, sich hochzustemmen, doch die mit Wasser vollgesogene Kleidung hing wie Blei an ihr und zog sie nach unten.
Nach einigen weiteren Versuchen spürte sie ihre Arme kaum noch. Das Atmen, das ihr so gefehlt hatte, fiel ihr nun unglaublich schwer. Sie bewegte sich zwischen den Elementen, befand sich auf einem schmalen Grat zwischen Wasser und Land. Prustend und hustend schnappte sie nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Sie trocknete gewiss nicht aus, dem Erfrierungstod jedoch fühlte sie sich bedrohlich nahe.

Mittlerweile dämmerte der Tag nicht nur. Es war hell geworden und der Schnee funkelte wie ein Meer aus Millionen kleiner Diamanten. Nur nicht an der Stelle, an der ihr Auto eingebrochen war. Wenn sie es nicht bald aus dem Eiswasser schaffte, würde sie todsicher erfrieren. Sie konnte sich das klar und deutlich vorstellen.
Ein letztes Mal versuchte sie, Schwung zu holen. Ohne Erfolg. Bevor sie bewusstlos wurde, gelang es ihr, zumindest den Oberkörper auf die Eisschicht zu lagern, ohne abzurutschen.
Dunkelheit nahm sie gefangen.
Die Schwärze wärmte Adriane und gab ihr einen Teil der Kraft zurück, die sie gerade eben darauf verwendet hatte, sich aus dem Eisloch zu befreien. Die wärmenden Strahlen der Sonne schienen auf ihren Rücken und schafften es kaum, die triefende Jacke ansatzweise zu
trocknen.
Auf einmal wich das Schwarz einer gleißenden, wunderschönen Helligkeit. Eine noch nie zuvor dagewesene Ruhe durchströmte sie von Kopf bis Fuß.
Schlafen.
Einschlafen und nie wieder aufwachen.
Das war es, was ihr bevorstand. Ihre Augen blinzelten ein letztes Mal und ihre zuckende Hand machte einen letzten verzweifelten Versuch, sich im Eis festzukrallen. Kälte. Wärme. Eisiger Temperaturunterschied. Gleißende Hitze. Feuer. Schüttelfrost. Eine letzte Hitzewelle erfasste ihren bewusstlosen Körper, bevor ihre Hand den Halt verlor. Sie ließ los und glitt langsam von der Eisfläche.

* * *

In der Kurve des Straßenabschnitts, an dem die Verunfallte vor etwa einer halben Stunde beinahe das kahle Baumskelett gerammt hatte, parkte noch immer der schwarze SUV des Mannes, der den Notruf getätigt hatte.
Daneben blockierten zwei weitere Fahrzeuge die Durchfahrt. Neben dem BMW des Notarztes stand ein Leiterwagen der hiesigen Feuerwehr. Außerdem hielt am gegenüberliegenden Straßenrand eines der neuen blauen Polizeiautos, dessen geschäftig umherlaufender Fahrer gerade dabei war, die Warndreiecke wieder einzusammeln.
Der zweite, ungewöhnlich große sowie breite Polizeibeamte redete mit einem deutlich kleiner geratenen Mann Ende dreißig, dem Halter des dunklen Geländefahrzeugs.
Die Feuerwehr, die ihren Job schnell und professionell erledigt hatte, lenkte ihren
Leiterwagen auf den Asphalt zurück und wartete darauf, dass der Polizist den Weg frei gab.
Am weiß-roten BMW lehnte der zuständige Arzt vom Dienst. Sein Assistent war gerade dabei, mit dem Funkgerät das nächstgelegene Krankenhaus zu kontaktieren, um sich nach dem Verbleib des Krankentransportwagens zu erkundigen.
Auf der Rückbank des Notarztwagens konnte man eine Wärmedecke erkennen. Die Verunglückte zeigte bereits erste Erfrierungsanzeichen, war stark unterkühlt und schwebte noch immer in Lebensgefahr. Sie durften keine Zeit verlieren, doch den Transport mit diesem
Kleinwagen konnten sie nicht verantworten.
Der Assistent packte das Gerät wieder weg, dann trat er auf den hünenhaften
Polizeibeamten zu, der noch immer das Unfallprotokoll aufnahm.

* * *

»Eis … Wärme … Kälte … Fieber … Hitze …«
Unzusammenhängend drangen die Worte der Leute um sie herum zu ihr durch.
»… Bewusstlosigkeit … Hypothermie … Erfrierungen zweiten, wenn nicht gar … Langsam aufwärmen …«
Diese Satzfetzen, die sie am Rande ihrer Ohnmacht hörte, wollten ihren Kopf ausfüllen. Adriane verdrängte sie und hielt sich stattdessen an einem Bild fest.
Ein schwarzer SUV unter einer kahlen Eiche.
Das Auto sah aus wie Maximus, Marcs riesiger Geländewagen. Marc und Mercedes, überhaupt alles auf vier Rädern oder auch zwei, und die Farbe Schwarz, das war eine unendliche Geschichte…
Sie hatte anfangs mit diesem Monstrum wegfahren wollen, erinnerte sie sich. Mit
Maximus’ Attitüden hatte sie sich schon lange angefreundet. Doch dieser Gedanke hielt sich nicht lange, bekam keinerlei Verbindung zu anderen Teilen ihres Gehirns und war sofort wieder weg. Ungreifbar hing er in der Luft. Wie Adrianes eigener, an der Scheibe beschlagender Atem.
Schon im nächsten Moment war ein neues Bild vor ihrem inneren Auge. Sie sah ihren wunderschönen nigelnagelneuen Schlitten vor sich, wie er mit ausgebrochener Windschutzscheibe auf dem Grund des Sees lag. Mitsamt ihrer Tasche, ihrem Handy und ihren Unterlagen. Adrianes Kopf spulte ihre Gedankenschleife einige Sekunden zurück.
Handy.
Mobiltelefon.
Smartphone.
Jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.

[Pass.] Warum sie noch lebte.
[Auf.] Weshalb ihr warm war.
[Dich.] Wem dieser SUV gehörte.
[Auf.] Wer sie gerettet hatte.
[Marc.] Weswegen war er hier?

Pass auf dich auf. Das war keine Liebeserklärung, es war eine Warnung.

[Ich pass auf dich auf]

Er musste ihr nachgefahren sein! Doch statt Dankbarkeit für seine Sorge um sie zu empfinden, erwachte tiefes Misstrauen in ihr. Sie spürte seinen geradezu zwanghaften Kontrollwahn, genauso, wie sie hier im Auto die angenehm trockene Wärme, die sie immer müder werden ließ, wahrnahm. Oder waren es die… Wieder fielen Adriane die Augen zu.

Die aufschlagende Tür hörte sie nicht mehr und die unsanfte Berührung an ihrer Schulter spürte sie nicht mehr.
Gleißende Helligkeit und glühende Hitze umfingen sie erneut.
Trugen sie fort, der Sonne entgegen.

* * *

»Verdammt, wir verlieren sie! Tun Sie doch was, Mann! Behalten Sie ihre Vitalzeichen im Auge und holen sie ihr noch mehr Decken, sie friert uns noch unter den Fingern weg!«, fuhr Marc Zenker den untätig herumstehenden diensthabenden Arzt an.
Er konnte – hauptsächlich, da er selbst Medizin studiert hatte – nicht taten- und vor allem nicht hilflos dabei zusehen, wie der eingetroffene Notarzt seine Freundin erfrieren ließ.
Adrianes Atem ging nur noch flach. Ihre Körpertemperatur war noch längst nicht
hochgefahren, geschweige denn stabil, und dieser Trottel von Medizinmann verhielt sich, als hätte er Kaffeepause. Hatte er denn seinen hippokratischen Eid geleistet oder nicht? Marc wagte es ernsthaft zu bezweifeln. Es war zum aus der Haut fahren!
»Ich bin ja hier! Immer mit der Ruhe! Regen Sie sich ab! Der Krankenwagen kommt ja schon. Andreas, los, Beeilung und bring noch eine Wärmedecke und die
Ersatzüberwachungsgeräte mit«, kam der apathisch an der warmen Motorhaube klebende Arzt langsam in die Gänge.
Ebenso träge folgte besagter Andreas, bei dem es sich wohl um einen frisch ausgebildeten Rettungssanitäter handelte, den Anweisungen seines Chefs.
Um angesichts des soeben dargebotenen Paradebeispiels an Inkompetenz nicht vollkommen auszurasten, machte Marc auf dem Absatz kehrt und stapfte zu seinem monströsen Gefährt, das den passenden Spitznamen Maximus trug, zurück. Seinem verstorbenen Vater Maximilian zu Ehren war der GLE mit diesem Namen betitelt worden.
Marc ließ, damit die Sitzheizung warm lief, den Motor an und tippte wie verrückt auf dem Handy herum. Nach ein paar Minuten schaltete er das Radio an und wippte im Takt des nächstbesten Rocksongs mit. Im nächsten Moment schaltete Marc auf eine andere Frequenz, hörte Nachrichten und sprang danach weiter auf der Senderliste.
Er musste sich ablenken.
Er durfte nicht aussteigen.
Und noch weniger durfte er diesen Vollidioten von Notarzt anschreien, er solle sich gefälligst mal Mühe geben, falls er das überhaupt konnte... Hatte er seinen Doktortitel etwa im Lotto gewonnen? Und warum war der verfluchte Krankenwagen noch nicht da? Brachten diese Idioten denn überhaupt nichts auf die Reihe?

Marc, der selbst praktizierender Arzt – wenn auch inzwischen eine international
renommierte Größe auf dem Gebiet der plastischen Schönheitschirurgie – war, hätte die Erstversorgung einer hypothermen Patientin tausendmal besser auf die Reihe gekriegt als diese Schlaftablette.
Einen solchen Ausraster einem Kollegen gegenüber, mochte dieser noch so unfähig sein, wollte Marc um jeden Preis vermeiden. Vor allem jetzt, da Adriane immer noch nicht über den Berg war.
Er versuchte, sich an ihre Augen zu erinnern, kurz bevor sie bewusstlos geworden war. Sie schien versucht zu haben, etwas mit ihrem Blick zu fixieren.

Nun stieg Marc doch aus und begab sich erneut zum Notarztwagen.
Adriane lag noch immer in warme Decken gewickelt auf der Rückbank. Sie hatte in den Seitenspiegel… nein… in den Rückspiegel geschaut und… ja, sie musste Maximus gesehen haben. Jetzt wusste sie wenigstens, dass er da war.
Marc wollte einen Blick durch die geschlossene Scheibe werfen, doch es spiegelte zu sehr.
Im schwarzen Schatten seines Spiegelbildes konnte er außer dem metallischen Glanz der Wärmefolie nichts erkennen, also drehte er sich wieder um. Nach wenigen Schritten sah er den Polizisten auf sich zukommen.

* * *

Der Schatten war weg. Das Sonnenlicht breitete sich erneut auf ihrem Gesicht aus.


Sommer – Sonne – Sonnenschein.
Lass es wieder Sommer sein!
Nicht mehr Winter – Eis & Schnee.
Kälte tut im Herzen weh.



Die Worte formten eine Melodie und schwirrten in ihrem Kopf herum.
Wie ein altes Lied aus Kindertagen.
Am liebsten wäre sie jetzt aufgestanden, hätte die Unfallstelle verlassen und wäre
weitergegangen. Hätte einfach mit dem normalen Alltag weitergemacht. Wenn Adriane Eines hasste, war es, zur Untätigkeit verdammt zu sein.
Aber ihr blieb nichts anderes übrig. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wo sie war oder was sie hier gewollt hatte. Woraus bestand ihr normaler Alltag?
Mühsam schlug sie die Augen auf. Alles drehte sich. Wenn ihr nur nicht so schlecht wäre.
Im nächsten Moment fielen ihr die Lider wieder zu und sie verlor erneut das Bewusstsein.
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