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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
19
68.808
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22.01.2021 465
 
A long endless highway, you're silent beside me
Drivin' a nightmare I can't escape from
Loving and fighting, accusing, denying
I can't imagine a world with you gone

(Chord Overstreet)



Dein Bildnis wunderselig
Hab ich im Herzensgrund,
Das sieht so frisch und fröhlich
Mich an zu jeder Stund.
Mein Herz still in sich singet
Ein altes schönes Lied,
Das in die Luft sich schwinget
Und zu dir eilig zieht.

(Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff)




Wasser überall um sie herum. Wasser, so kalt wie der erste Eisregen, kurz bevor sich der
weiche Schnee wie eine warme Decke über die selig schlummernde Winterwelt legt.
Brutales, eiskaltes Wasser.
Ein alles verschluckendes dunkles Loch.
Absolute Stille.
Lautlos steigen winzige Luftblasen zum hellen Tageslicht hinauf. Suchen sich ihre verworrenen Wege durch die Einsamkeit der Eisschicht. Schmale, dünne Risse haben sich auf der
Seeplatte gebildet.
Ein grausam starker Sog zieht sie immer weiter nach unten in die gähnende Leere der Dunkelheit. In der Schwärze ist das Nichts. In der Schwärze wird sie zum Nichts. Schwarz wie die
Nacht, schwarz wie der Tod, so schwarz ist ihre Hoffnung auf die Chance, die Oberfläche
lebendig zu erreichen.
Sie sieht die Luftbläschen über sich gen Himmel schweben. Es überkommt sie der
sehnsüchtige Wunsch, die Lippen zu öffnen und zu atmen und zu reden und zu singen. Sie ist
fest entschlossen, den immensen Druck der Wasserbarriere zu durchbrechen, doch aus ihrem
offenen Mund kommen keine Worte. Nur weitere feine Luftbläschen, die sich flirrend zur
Oberfläche erheben. Wie ein Todesfluch dringt die schwarze Kälte in ihren Körper. Eisig
umklammert das Wasser ihre Lunge. Und ihr Herz, ihr kaltes Herz.
Die ehemals vor Frost erstarrte Stille des Sees verwandelt sich in einen ohrenbetäubenden
Orkan und beginnt urplötzlich, in den buntesten und schrillsten Tönen und Melodien zu dröhnen und zu klingen. Das Getöse wird immer stärker und stärker und zieht sie immer tiefer und
tiefer, ihrem Verderben entgegen, bis es kein Entkommen mehr gibt.
Sie ist verloren.
Laut kreischen die Stimmen des Untergrunds:
»Verloren! Verloren!«
Leise summt ihre eigene Stimme:
»Verloren.«

Nach Luft schnappend schreckte sie aus dem Albtraum hoch. Noch immer saß ihr der Schock
in allen Gliedern. Wie ferngesteuert griff sie nach ihrem auf dem Nachttisch liegenden Handy
und riskierte einen verschlafenen Blick auf die weiß aufleuchtende Uhrzeit. In der nächsten
Sekunde war sie hellwach.
Verdammt! Vor zehn Minuten hätte sie losfahren müssen!
Sie schlug die Bettdecke zurück und stellte dabei ernüchtert fest, dass sie nicht alleine war.
Um ihn nicht zu wecken, stand sie so leise wie möglich auf, schnappte sich ihre Sachen und
verließ das Schlafzimmer.

Nur kurze Zeit später zog sie die schwere Haustür des gespenstisch leeren Anwesens hinter
sich zu und lief mit hastigen Schritten über den gepflasterten Hof zur Garage.
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