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EISKALTE HOFFNUNG - Karnevalsmaske

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.01.2021
10.03.2021
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22.02.2021 3.215
 
Adriane öffnete ihre Winterjacke und beschloss, die Kantine des Krankenhauses, die sich nun etappenweise zu füllen begann, aufzusuchen. Überall waren kleine Menschengruppen. Noch standen nicht allzu viele Leute an der Schlange vor der Kasse an. Ihr war nach dem, was vorhin geschehen war, nicht mehr nach einem Koffeinschub zumute. Außerdem sah das Essen für eine Krankenhauskantine ganz annehmbar aus und so entschied sie sich für ein Glas Orangensaft, ein Lachsbrötchen und einen kleinen Salat. Ihre Finger zitterten verdächtig, als sie das Besteck neben dem Teller auf ihr Tablett legte. Bei der Kassiererin angekommen, kramte Adriane in ihrer Manteltasche nach den letzten paar Münzen. Es reichte gerade noch aus. Sie würde später zur Bank gehen müssen, um neues Bargeld abzuheben. Doch jetzt wollte sie erst einmal essen. Sie hatte das Frühstück ausfallen lassen und dementsprechend einen Bärenhunger.
Auf einem Tisch am Fenster stellte sie ihr Tablett ab, warf die Jacke über die Stuhllehne und nahm Platz. »Mal sehen, ob das Essen hier so gut schmeckt wie es aussieht«, murmelte sie und pikste ein Stück Salat auf. Sie würde gleich nach dem Essen nach Lukas und Jonas sehen. Jetzt allerdings drohte ihr Magen, sich selbst zu verdauen, wenn sie ihm nur eine Sekunde länger feste Nahrung vorenthielt.
Der kleine Spaziergang geradeeben an der frischen Luft hatte ihr gut getan, sie jedoch noch hungriger gemacht. Sie biss von ihrem Fischbrötchen ab. Trank einen Schluck Saft. Alles ganz bedächtig, nicht zu hektisch. Niemand hier sollte in der Lage sein, zu erkennen, was in ihr vorging. Bissen für Bissen beruhigten sich ihre Nerven. Sie konnte nicht glauben, was sie soeben getan hatte.
* * *
Als sie am Zimmer, in dem Sabrinas Bett stand, ankamen, traf Lukas fast der Schlag. Die Tür stand sperrangelweit offen. Eine Handvoll Krankenschwestern sowie ein Oberarzt mit seinen Assistenzärzten liefen hastig in dem ohnehin schon engen Raum umher.
Erschrocken blieb er stehen.
»Was ist hier los?«, rief Lukas und seine Stimme vibrierte.
»Ich dachte, sie hätte die Operation gut überstanden?«
Statt einer Antwort schickte der Arzt ihn weg und eilte selbst zu Sabrina ins Zimmer. Lukas verstand die Welt nicht mehr.
Er wollte endlich zur Mutter seiner Kinder und mit eigenen Augen sehen, wie es um sie stand.

* * *
Die grellbunten Farben zogen Sabrina zu sich.
Ließen sie den Schmerz vergessen.
Alles wurde rot.


Sie spürte nicht mehr, wie ihr Blutdruck sank. Sie spürte die Verletzung nicht, durch die sie zu verbluten drohte. Sie spürte nicht, wie ihr roter Lebenssaft langsam versickerte. Sie wusste nicht, dass sie kaum noch atmete und dass ihre Lunge keinen Sauerstoff mehr in ihren Kreislauf sandte. Sie wusste nicht, dass ihr gesamter Oberkörper blutbefleckt war. Wusste nicht, dass ein dutzend Pfleger und vier Ärzte an ihrem Bett standen und mit allen Mitteln versuchten, ihr Leben zu retten. Sie wusste nicht, dass ihre Tochter gestern gestorben war. Sie wusste nur, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Dass sie gerade starb. Dass sie ihren untreuen Ehemann niemals wieder zu Gesicht bekommen würde. Dass sie endlich loslassen konnte. Dass in wenigen Atemzügen alles zu Ende sein würde. Sabrinas Herz brach. Es war den Ärzten nicht mehr möglich, sie zu reanimieren.


Die grellrote Farbe, die sie umgab, wurde zu einem strahlenden Weiß.
Spiegelblanke Helligkeit umfing ihren Körper.
Trug ihn in ein bodenloses Schwarz.


* * *

Lukas lief vor der Tür auf und ab. Er wartete darauf, dass jemand, irgendjemand aus dem Zimmer kam und ihm erklärte, was zur Hölle hier los war. Was war mit Sabrina passiert? Warum durfte er nicht zu ihr? Warum waren so viele Leute bei ihr? Was war in der Zeit, in der der Arzt nach ihm gesucht hatte, geschehen?
Eine gefühlte Ewigkeit später erschien der Arzt, der ihn vorhin abgeholt hatte, mit einem dicken Ordner unterm Arm, und kam abermals auf ihn zu.
»Haben Sie einen Moment?«
Lukas nickte.
Schweigend führte der Mann ihn in einen der  Nebenräume. Dort angekommen, zog er die Tür hinter sich zu und bot Lukas einen Platz auf dem einzigen Stuhl in dem kleinen Zimmer an. Er legte die Krankenakten auf den Schreibtisch und richtete sich anschließend wieder an Lukas.
»Es tut mir leid, Herr Poder. Ich muss Ihnen mitteilen, dass ihre Frau soeben aufgrund einer noch nicht geklärten Ursache eine schwere Blutung erlitten hat.«
Hatte er nicht eben noch verkündet, dass Sabrina auf dem Weg der Besserung war? Hatte sie die Operation nicht gerade erst überstanden gehabt?
»Wir konnten nichts mehr für Ihre Frau tun, Herr Poder, mein aufrichtiges Beileid! Sie ist vor wenigen Minuten verstorben.«
Lukas kam es vor, als wäre er in einem Albtraum gefangen. Das konnte doch nicht möglich sein. Sabrinas Leben musste in dem Zeitrahmen geendet haben, als der Arzt sich gerade zu ihm auf den Weg gemacht hatte.
Ihm wurde unheimlich zu Mute.
Sie musste wohl wirklich in dem Moment gestorben sein, als er ein letztes Mal ihre Stimme gehört hatte. Lukas schluckte trocken. Verzweifelt suchte er den Blick des Arztes.
»Kann ich zu ihr? Können ich und Jonas sie sehen?«
Sein Gegenüber sah Lukas unverwandt an. Die kühlen Augen des Arztes strahlten Ruhe und Verständnis aus. Beides hatte Lukas im Moment bitter nötig. Diese eigenartige Ruhe erfasste nun auch ihn und breitete sich von den Zehenspitzen bis zum Haarscheitel in Lukas‘ Körper aus.
»Natürlich, Sie müssen sich nur noch ein bisschen gedulden … Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Frau nach der Totenschau durch den zweiten Arzt, der momentan noch im Zimmer ist und alles Notwendige vornimmt, sehen. Allerdings dürfen Sie da drinnen nichts anfassen und sie nicht berühren. Wir müssen noch den Besuch der Beamten von der Kriminalpolizei abwarten, um Fehler bei der Operation oder Kunstfehler bei ihrer Behandlung ausschließen zu können. Das kann gut noch eine Stunde dauern. Solange darf im Raum nichts verändert werden. Danach können Sie und Ihr Sohn selbstverständlich zu ihr, um Abschied zu nehmen. Bleiben sie in der Nähe seines Krankenzimmers und wir werden Ihnen sobald wie möglich Bescheid geben.«
Lukas erhob sich und trat hinaus auf den Flur. Er musste wohl genickt haben, denn mit einem Mal verabschiedete der Mediziner sich und eilte weiter.
Die Fülle an Informationen, die sich über Lukas ergossen hatten, erschlug ihn regelrecht, aber er dachte nur an eines. Er musste zu seinem Sohn und ihm sagen, dass seine Mutter gestorben war. Manchmal schien sein Kind einen siebten Sinn zu haben. Es war fast schon furchterregend, was er alles mitbekam und was er sich alles merken konnte. Und was er sich aus diesen Details zusammenreimte. Ein eiskalter Schauer fuhr über seinen Rücken, als Lukas daran dachte, was ihm sein Sohn zuvor erzählt hatte. Anscheinend bewahrheiteten sich seine Prophezeiungen.
Nun war Jonas alles, was ihm geblieben war, alles, was er noch hatte. Der einzige Überlebende des Unfalls. Die bittere Erkenntnis erschütterte ihn wie das Donnergrollen nach dem Blitzschlag. Sie dröhnte polternd über ihn hinweg und begrub ihn unter sich, riss ihn mit sich und auf einmal sah er ihr gesamtes Leben als glückliche Familie an sich vorbeiziehen. Ab dem heutigen Tag war all das Geschichte.
Lukas stand noch immer wartend auf dem Gang, als der andere Arzt endlich das Zimmer, in dem Sabrina soeben gestorben war, verließ. Als sich ihre Blicke trafen, lief er geradewegs auf Lukas zu.
»Sie müssen der Ehemann sein, richtig?« Lukas ergriff die ihm dargebotene Hand. Er war noch zu gelähmt, zu fassungslos, um nach außen hin zu zeigen, wie sehr ihn dieser plötzliche Verlust traf.
»Dr. Hinder ist mein Name. Kommen Sie mit, ich bringe sie zu ihrer Frau.« Er machte auf dem Absatz kehrt und sie gingen zurück in das kleine Zimmer, in dem Sabrina noch immer auf dem Krankenbett lag.
Mit klopfendem Herzen stakste Lukas ihm hinterher. Im Inneren des Raums roch es steril. Doch da war noch ein Geruch. Erst konnte Lukas ihn nicht einordnen, aber als sie näher an das Bettgestell herantraten, erkannte er, was es war. Die Ausdünstung des Todes. So roch es also, das Sterben. Ein bisschen wie frisches Moos am Waldboden an einem feuchten Herbstmorgen. Zusammen mit dem typisch klinischen Desinfektionsmittelgeruch ergab das eine eigenartige Mischung. Dr. Hinder schlug das Totentuch, das ihr Gesicht vollständig bedeckte, zurück. Ihre Augen waren geschlossen. Ihr Ausdruck war so friedlich, als würde sie schlafen. Ihr langes hellblondes Haar umrahmte ihre schmalen Schultern, die sich unter dem Laken kaum von der Matratze abhoben. Lukas kämpfte gegen den Impuls an, die Hand auszustrecken und sanft mit den Fingerkuppen über ihre Haut zu streichen. Er hatte Angst davor, zu fühlen, wie kalt sie bereits geworden war. Doch das war nicht der einzige Grund. Der Arzt vorhin hatte ihm ohnehin untersagt, sie anzufassen. Also hielt er sich daran. Seine Augen wanderten von ihrem Haar zu ihren Lippen. Sie sahen rissig aus, wie ausgetrocknet. Die Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen. Sie hatte keine Angst vor dem Tod gehabt in ihren letzten Minuten. Die Erleichterung, dass ihre Qualen nun ein Ende gefunden hatten, war wie in Stein in ihr erstarrtes Antlitz gemeißelt. Er erinnerte sich an ihr Lächeln. Ihr strahlendes breites Lächeln und die feinen Lachfalten, die es unter ihre Augen gemalt hatte. Dieses Lächeln, wann hatte es das letzte Mal ihm gegolten? Lukas wusste es nicht. Er kämpfte mit den Tränen.
Plötzlich ertönte eine Stimme neben ihm: »Wenn Sie einen Moment allein sein wollen, ich warte draußen vor der Tür auf Sie.« Lukas hatte ganz vergessen, dass er nicht der Einzige im Raum war. Er hörte, wie Dr. Hinder sich entfernte. Hörte, wie die Tür behutsam ins Schloss gedrückt wurde.
Dann war es still.
Und er war allein in diesem Zimmer.
Allein mit seiner toten Frau.
Seine Gedanken kehrten zurück zu Sabrina. Woran was sie so plötzlich gestorben? Traurig betrachtete er ihre reglose Miene. Egal, was sie zusammen durchgemacht hatten, nichts war so schlimm gewesen wie das hier. Hier neben ihr zu stehen und zu wissen, dass sie nicht mehr aufwachen würde.
Insgeheim hoffte er immer noch, dass sie im nächsten Moment die Augen aufschlug, sich aufsetzte und ihn anlächelte. Dass sie ihm lauthals lachend in die Seite boxte und ihn feixend darüber aufklärte, dass das alles nichts als ein schlechter Scherz gewesen sei. Doch nichts davon würde passieren.
Sabrina war tot.
Eine eisige Aura umgab ihren Leichnam. So eiskalt. Kälter, als es die lebende Sabrina je hätte sein können. Die letzten Jahre waren sie nicht glücklich gewesen. Er fragte sich oft, wie das gekommen war. Wann es angefangen hatte. Warum er sich von seiner Frau entfernt hatte, wie sie einander entglitten waren.
Tief im Innersten wusste er den Grund, da war er sich sicher. Sein Unterbewusstsein merkte sich Dinge, die er am liebsten vergessen hätte. Und ließ des Nachts in seinen Träumen die Bestien jener Gedanken, die er tagsüber so sorgsam verdrängte, auf ihn los. Wie oft schon waren sie in seinen Träumen gestorben? Er hatte aufgehört zu zählen. Sie waren gemeinsam verbrannt, ertrunken, waren vom höchsten Wolkenkratzer der Frankfurter Skyline gestürzt, doch immer zusammen. In seinen Albträumen hatte ihr Leben stets ein gemeinsames Ende gefunden. Dabei hatten sie nicht einmal mehr ein gemeinsames Leben gelebt.
Sabrina war seit der Geburt ihrer Tochter nicht mehr dieselbe gewesen. Aus den nichtigsten Gründen war sie schrecklich eifersüchtig geworden. Auf ihn und auf Adriane und auf den Rest der Welt. Seine Frau war launisch geworden. Hatte ihn und Jonas, die Männer im Haus, wie sie sie früher scherzhaft genannt hatte, wegen belanglosen Dingen angezickt. Und um Nina vor Adrianes angeblich schlechtem Einfluss zu schützen, hatte sie die wöchentlichen Besuche seiner besten Freundin eines Tages verboten. Er hatte sich mehr und mehr von Sabrina kontrolliert gefühlt.
Eines Tages hatte sie sogar von Lukas verlangt, er solle damit aufhören, seine Kollegin außerhalb der Schule zu treffen. Diesem Wunsch war er jedoch nicht nachgekommen. Sabrina hatte mit ihrem Verhalten das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollte, erzielt. Lukas hatte sich in die Affäre mit seiner besten Freundin geflüchtet, die ihm all das geben zu können schien, was er daheim so schmerzlich vermisste. Bestätigung, Abenteuer, Leidenschaft und Feuer einerseits, aber auch gegenseitiges Vertrauen, Verständnis, Freiheit, Ungezwungenheit. Und die Liste ließ sich endlos fortführen.
Sie war sein Stück heile Welt geworden. Seine Flucht aus der unbarmherzigen Realität. Das schlechte Gewissen, das er so lange erfolgreich unterdrückt hatte, meldete sich zu Wort. Natürlich war es nicht richtig gewesen, Sabrina zu betrügen. Auch wenn es sich noch so richtig angefühlt hatte, er hätte seine Frau nie hintergehen dürfen. Er hätte mit offenen Karten spielen und sich von ihr trennen müssen, anstatt den einen Menschen, dem er Treue bis in den Tod geschworen hatte, zu belügen. Bis in den Tod. Lukas atmete schwer. Jetzt war seine Frau tot. Jetzt war es zu spät. Er konnte keine Beichte mehr vor ihr ablegen und sie nicht mehr um Vergebung bitten. Er kam sich so falsch vor, so schuldig. Sein Hals wurde rau. Es gab nichts, was er in diesem Augenblick, in dem er an ihrem Totenbett stand und auf ihren leblosen Körper herabsah, mehr bereute. Er war nicht ehrlich gewesen und hatte sein Versprechen nicht gehalten. Und nun war es zu spät. Nun war Sabrina tot. Sein Herz begann zu stechen, während er ihr Bild in sich aufsog. Er hatte diese Frau einmal geliebt. Sie war einmal alles für ihn gewesen. Er hatte um ihre Hand angehalten. Sie hatten sich gegenseitig ewige Liebe geschworen. Er hielt es nicht mehr aus, hier neben ihr zu stehen, ohne sie berühren zu dürfen.
»In guten wie in schlechten Zeiten«, flüsterte Lukas, während er vorsichtig nach ihrer Hand griff. Wie erwartet war sie eiskalt. Und diese Eiseskälte griff mit gespenstischen Fingern nach ihm. Lukas fröstelte. Es war, als bestrafte sie ihn auf diese Weise für seinen Verrat. Rasch zog er seine Hand zurück. In dem Moment, in dem er sie losließ, erkannte er die dunkelrote Blutspur auf ihren Lippen. Wie ein verschmierter Lippenstift schimmerte das Blut an ihrem Mund. Lukas wich zurück. Ihm wurde schlecht. Den Würgereiz unterdrückend lief er zur Tür hinaus. Als diese hinter ihm zufiel, wurde es ihm klar.
Ihre Liebe war schon lange tot, ihre gemeinsame Zukunft nicht erst in diesem Raum gestorben. Mit dem Zuknallen dieser Tür gehörten Sabrina und sein altes Leben endgültig der Vergangenheit an.
In einem der vielen Erker des Krankenhausganges ließ er sich in eines der grasgrünen Stoffsofas fallen, die hier überall herumstanden. Die Übelkeit verging langsam wieder. Der Schmerz über den weiteren Verlust jedoch blieb. Lukas hielt den wild aufbrausenden Wogen seiner Emotionen stand, denn er spürte, dass das Ertragen des Ohnmachtsgefühls die einzige Möglichkeit war, um das Geschehene zu realisieren. Das Bewusstsein darüber, dem Tod seiner zwei Familienmitglieder nichts mehr entgegensetzen zu können, ließ ihm schwindelig werden. Wie viel Schmerz konnte er noch ertragen? Lukas war sich sicher, dass er das erträgliche Maß bald erreicht hatte und er sah nur eine Option, um zu verhindern, dass er vollends den Verstand verlor. Er musste mit einem vertrauten Gesicht über die schrecklichen Vorfälle reden. Und er gestand sich ein, dass Adriane dieser Mensch war, den er jetzt unbedingt sehen musste. Schon allein deswegen, um in ihre Augen blicken zu können und darin zu erkennen, dass nicht alles an der Lüge, mit der er seine Frau betrogen hatte, schlecht gewesen war. Er überlegte, wo Adriane sein könnte. Während er auf gut Glück das Treppenhaus ansteuerte, rannte er beinahe eine ihm entgegenkommende Krankenschwester über den Haufen. Er entschuldigte sich umgehend. Sobald Lukas sicher war, dass diese ihn nicht mehr hören konnte, fluchte er lautstark.
Er hasste sich selbst für die Gefühle, die er für Adriane empfand. Noch mehr verdammte er die Ungewissheit darüber, ob sie diese erwiderte. Die Frau, die für ihn viel mehr als eine bloße Arbeitskollegin geworden war, hatte sich doch nicht einfach aus dem Staub gemacht? Wollte sie sich nicht einen Espresso holen? Lukas kam zu dem Ergebnis, dass er Adriane garantiert in der Nähe eines Kaffeeautomaten finden würde, also begab er sich Richtung Kiosk.
Auf dem Weg dorthin suchte er an den Wänden nach einer Uhr und erinnerte sich augenrollend daran, dass er selbst eine Armbanduhr trug. Halb eins. Lukas beschloss, im Speisesaal nach ihr zu suchen. Weshalb war sie aus Jonas‘ Krankenzimmer gelaufen? War sie so aufgebracht darüber gewesen, dass Jonas ihr nicht vertraut hatte? Es spielte keine Rolle. Das alles spielte keine Rolle mehr, Lukas musste sie finden, sonst würde er verrückt werden. Er fühlte sich einsam und verlassen. Wie durch ein Wunder würde sie es als Einzige schaffen, ihn zu trösten, das war so sicher wie der Tod. Er war ihr unendlich dankbar dafür, dass sie hier aufgekreuzt war, ihm fehlten die Worte, um ihr klarzumachen, wie sehr er sie brauchte. Doch er musste Worte für das, was ihm durch den Kopf ging, finden. Musste mit Adriane reden, musste ihr sagen, was ihm soeben, als er am Totenbett seiner Frau gestanden hatte, in seinem ganzen, sowohl grausamen als auch bizarren Ausmaß klar geworden war. Dass sie nicht nur eine Affäre für ihn war. Dass er sie liebte. Auch, wenn Adriane ihn für verrückt erklären würde. Das, was zwischen ihnen lief, war so viel mehr als nur eine Bettgeschichte und das musste sie wissen. Er schämte sich dafür, dass erst der Tod seiner Frau ihm das vor Augen geführt hatte. Er war ein schlechter, egoistischer, selbstsüchtiger Mensch und er hasste sich dafür, dass er das dachte, doch er konnte es nicht leugnen.
Eilig lief Lukas die Gänge hinab, spurtete die Treppe herunter. Sein Puls jagte in luftige Höhen, als er die Glastür zur Mensa öffnete. Und tatsächlich. Da saß sie. An einem Tisch neben der Fensterfront, ein Glas mit orangener Flüssigkeit und einen Salatteller mit einem Brötchen auf einem Tablett vor sich stehend.
Als er den Raum betrat, blickte sie geradewegs in seine Richtung und hob keine Sekunde später die Hand, um sicherzugehen, dass er sie entdeckte. Allein die Tatsache, dass er sie gefunden hatte, zauberte ihm ein kleines Lächeln ins Gesicht.
Anstatt sich weiter ihrem Salat zu widmen, blieb seine beste Freundin aufrecht sitzen und verfolgte ihn mit ihren Blicken. Diese wunderschönen, im heutigen Winterhimmel bläulich-grün schimmernden Augen observierten ihn. Misstrauisch, nervös. Sie wirkte beunruhigt.

* * *

Lukas kam auf sie zu und setzte sich auf den leeren Stuhl ihr gegenüber.
Adriane zwang sich zu einem Lächeln.
»Hey, na, wie geht es deinem Sohn?«, erkundigte sie sich höflich. Er sollte nicht sehen, wie sehr sie sich über Jonas und dessen Verhalten aufgeregt hatte. Und erst recht nicht, wie blank ihre Nerven mittlerweile lagen.
Während Lukas zu reden begann, nahm sie mit spitzen Fingern das vor ihr stehende Glas und trank langsam einen Schluck Orangensaft. Sie fühlte seine Augen, fühlte, wie er jede ihrer Bewegungen taxierte. Wie er versuchte, jede ihrer Regungen zu deuten, wie er sich bemühte, ihr Verhalten zu verstehen. Doch sie ließ Lukas nicht hinter ihre Maske blicken. Unvermittelt entschied sie sich, seinen Redefluss, dem sie ohnehin nur mit einem Ohr zugehört hatte, zu unterbrechen. Geistesabwesend schwenkte sie ihr Getränk, das sie lediglich mit Daumen und Ringfinger festhielt, auf und ab. »Ich glaube, Jonas hat auf einmal irgendetwas gegen mich«, stellte sie fest, als sie ihr Glas absetzte. Wenn das nur ihre geringste Sorge gewesen wäre. Nachdem sie aus Jonas‘ Zimmer gegangen war, hatte sie mit dem Großteil ihres letzten Kleingeldes von der Telefonzelle vor der Klinik aus Marc angerufen. Dieses Telefonat hatte ihr vor Augen geführt, wie schwer es ihr fallen würde, ihn zu verlassen, falls sie je gezwungen sein würde, eine derartige Entscheidung zu treffen
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